Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands
WIK-Projekt - "Multimedia-Teleschool"
Sozialwissenschaften und Klimawirkungsforschung
Sicherungsinfrastruktur für Telekooperation
Polyprojekt Risiko und Sicherheit technischer Systeme
Gentechnik in der Bundesrepublik
Biotechnologien in Mecklenburg-Vorpommern u. Brandenburg
TAB-Studie - Abfallvermeidung und Hausmüllentsorgung
Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands
Das niedersächsische Institut für Wirtschaftsforschung (NIW), Hannover, hat zusammen mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Berlin, dem Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung (ISI), Karlsruhe und dem Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim, im Dezember 1995 einen Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands für das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) erstellt, der im Dezember 1995 vorgelegt wurde.
Bundesminister Dr. Jürgen Rüttgers hat dazu in einer Pressemitteilung des BMBF vom 10.01.1996 u.a. folgendes erklärt:
"Wir sind nach wie vor ein starkes Technologieland. Unsere Stärken liegen im Bereich höherwertiger Technologien, vor allem in der Chemie und im Maschinen- und Fahrzeugbau, wo zwischen 3,5 und 8,5 % des Umsatzes für Forschung und Entwicklung (FuE) aufgebracht werden müssen. Wir sind weniger stark im Bereich der Spitzentechnik, etwa bei Mikrölektronikprodukten und Gentechnik, wo für FuE mehr als 8,5 % des Umsatzes eingesetzt werden müssen. Wir sind auf den Weltmärkten mit ausgereiften Technologieprodukten präsent, aber wir setzen zu wenig auf die Spitzentechnik, mit der die Produkte von morgen gemacht werden.
_Prinzipiell können wir in etlichen Bereichen noch einige Zeit so weitermachen. Aber wir leben zunehmend von der Substanz. Und wir werden in unseren alten Domänen immer stärker herausgefordert von neuen Konkurrenten - vor allem Südkorea, Taiwan, Singapur und Israel -, die auf den dabei entstehenden Mengen- und Preiswettbewerb viel besser eingestellt sind als wir."
In dem Bericht werden die Ergebnisse dieser Studie "in Stichworten" wie folgt dargestellt.
"Das aktuelle Bild
- Deutschlands technologische Leistungsfähigkeit hat beachtliche Substanz: Sie ist gekennzeichnet durch ein sehr breites Güterangebot mit besonderen Stärken in Maschinenbau, Fertigungstechnik, Elektrotechnik und Chemie, eine tiefgestaffelte Produktion mit hohem Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen sowie einem hohen Stand von Ausbildung und Know-how. Gemeinsame Anstrengungen von Wirtschaft und Staat in Forschung und Entwicklung (2,34 vH des Bruttoinlandsproduktes) haben zu einem vorderen Rang unter den Industrieländern geführt. Der Anteil der FuE-Ausgaben am Bruttoinlandsprodukt wie auch der Anteil der FuE-Aufwendungen an der Wertschöpfung der Unternehmen, sind jedoch seit Beginn der 90er Jahre rückläufig.
- Das Güterangebot der westdeutschen Industrie ist sehr stark auf den forschungsintensiven Sektor konzentriert (45_ vH der Industrieproduktion, 43 vH der Industriebeschäftigung, 49 vH der Industriegüterausfuhr, 38 vH der Industriegütereinfuhr). Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung forschungsintensiver Sektoren für Produktion und Beschäftigung ist für die deutsche Volkswirtschaft größer als in den USA und vergleichbar der in Japan.
- Die Industrie hat in geschickter Ausnutzung der internationalen Arbeitsteilung in der Forschung die traditionellen Stärken in den Bereichen höherwertige Investitionsgüter (Maschinen, Automobile, Elektrotechnik) und der Chemie gestützt. In diesen Branchen hat sie sich durch vergleichsweise hohe eigene FuE-Aktivitäten und durch Integration von Schlüsseltechnologien Wettbewerbsvorteile geschaffen und erhalten. Von diesen Bereichen geht erhebliche Breitenwirkung für die industrielle Produktion aus. Führungsvorteile binden auch eine Reihe von weniger forschungsintensiven Industrien an den Standort Deutschland.
- Diese Arbeitsteilung implizierte auch Verzicht u.a. auf neuen wissenschaftsbasierenden Feldern: Extrem aufwendige Spitzentechnologien, z.B. Halbleiterbauelemente, Computer oder Nachrichtentechnik werden in Deutschland zwar intensiv eingesetzt, in hohem Maße jedoch aus dem Ausland bezogen.
- Die aktuell starke Position auf den Technologiegütermärkten wird insbesondere durch die technologische Vorreiterposition Deutschlands in Europa stabilisiert. In den bilateralen Handelsbeziehungen mit den USA und Japan zeigt Deutschland hingegen Schwächen in der technologischen Wettbewerbsfähigkeit.
- Weltweit nimmt die Internationalisierung in Forschung und Entwicklung zu. In Deutschland haben differenzierte, anspruchsvolle Märkte, das anerkannte Ausbildungssystem und zunehmend beachtete Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung dazu geführt, daß viele ausländische Unternehmen (vor allem aus den USA) hier Industrieforschung betreiben. Gut 15 vH der deutschen FuE-Kapazitäten gehören zu Unternehmen mit ausländischem Mehrheitsbesitz.
- Aber auch Deutschlands Industrieforschung wird immer stärker "internationalisiert". Denn umgekehrt nutzen mehr und mehr deutsche Unternehmen die FuE-Potentiale, Marktchancen und Produktionsbedingungen im Ausland. Insbesondere in den USA halten Töchter deutscher Industrieunternehmen etwa ein Sechstel aller FuE-Kapazitäten ausländischer Unternehmen. Das allein entspricht 9 vH der inländischen FuE-Ausgaben; die langfristige Wachstumsrate beläuft sich auf 16 vH pro Jahr.
Der eingeschlagene Weg
- Im Bereich von Forschung und Technologie zeichnen sich bei multinationalen Unternehmen grundlegend neue Strategien ab. Zunehmend werden von der Auslandsforschung nicht nur die angestammten Felder, sondern auch "sensible" und strategische Bereiche (z.B. in der Mikrölektronik und in der Biotechnologie) bearbeitet. Häufig sind es die spezifischen Markt- und Produktionsbedingungen, aber auch das Forschungsumfeld, die diese FuE-Standortentscheidungen prägen. Insgesamt ist davon auszugehen, daß das FuE-Engagement deutscher Unternehmen im Ausland schneller steigen wird als umgekehrt. Deutschland hat in vielen Technologiefeldern noch gute Chancen, aber andere Standorte (z.B. Japan) haben an Attraktivität gewonnen.
- In den letzten Jahren fallen Schatten auf das bislang positive Bild von der deutschen technologischen Leistungsfähigkeit. Die hohe Substanz wächst und erneuert sich nicht mehr so schnell, wie noch in den 80er Jahren und im Vergleich mit anderen Ländern. Bereits seit Ende der 80er Jahre hat die Industrieforschung nachgelassen - also der Sektor, auf den es ankommt, der bis dato die treibende Kraft des Aufholprozesses war und dessen Anteil an den FuE-Ausgaben im internationalen Vergleich überdurchschnittlich hoch ist. Deshalb wiegt die nachlassende Dynamik in den 90er Jahren doppelt schwer.
- Strukturprobleme zeigen sich zunächst nicht an den Markterfolgen, sondern bei den Investitionen (in Bildung, Wissenschaft und Forschung, Sachanlagen). Deutschlands derzeit starke Position ist weitgehend den Investitionen in der Vergangenheit zu verdanken. Die Langfristwirkungen der langjährigen Zurückhaltung bei FuE stehen noch aus - in einigen Ansätzen sind sie bereits an der Beteiligung an internationalen Patenten abzulesen. Dies sind Warnzeichen.
- Die Spitze bröckelt in den traditionellen Bereichen der Höherwertigen Technologien ab; gleichzeitig entsteht noch zu wenig Neues in anderen zukünftigen Wachstumsfeldern (Informationstechnik, Biotechnologie). Andererseits: In Bereichen, die nicht so sehr Schlüsselcharakter haben, sondern das Ergebnis einer kontinuierlichen Umsetzung und Kombination von Wissen sind, hält Deutschland immer noch eine herausragende Stellung (z.B. bei Umweltschutztechnologien mit ihren guten Wachstumsaussichten). Das gilt sowohl in technologischer Sicht (Patente) als auch für die Marktstellung (mit einem Welthandelsanteil von 18_ vH).
- Insbesondere den kleineren und mittleren Unternehmen fehlt es weniger an Innovationsmöglichkeiten und am Zugang zu neuen Technologien und Wissen, sondern oft an den günstigen Bedingungen, sie zu nutzen (motivationshemmende Markt-, Kosten- und Rentabilitätsrisiken, Gesetzes- und Verwaltungsvorschriften).
Wie geht es weiter?
- Der Strukturwandel begünstigt seit langem den Dienstleistungssektor. Die Beiträge verschieben sich innerhalb der Wertschöpfungsketten von der Hardwareproduktion auf Software und Dienstleistung. Hochwertige Dienstleistungen verstärken einerseits Impulse aus dem innovativen Bereich der Industrie. Andererseits sind sie auf hochwertige technische Lösungen angewiesen. Insofern kommt der Anwendung neuer Technologien in diesen Bereichen heutzutage eine ähnlich hohe Bedeutung zu wie in der klassischen Produktion. Neueste Technologien werden insbesondere in forschungsreichen Ländern intensiv und gezielt genutzt.
- Die ostdeutsche Industrie ist bislang nicht ausreichend in den weltweiten Technologiewettbewerb integriert. Immerhin ist - mit vielfältiger staatlicher Unterstützung - der Abbau von industriellen FuE-Kapazitäten zum Stillstand gekommen. Auch Industrieinvestitionen werden subventioniert. Dort, wo investiert wird, entstehen modernste Anlagen. Dies sollte auch den Innovationsprozeß in Ostdeutschland beflügeln.
- Auch in Japan und in den USA - mit denen Deutschland im Technologiewettbewerb lange Zeit mit an der Spitze stand - lassen die FuE-Aktivitäten nach. Gleichzeitig verteilt sich das weltweit stagnierende Innovationspotential auf neue Konkurrenten, vor allem aus Asien. Korea, Taiwan und Singapur sind technologisch bereits in Sichtweite der Spitzengruppe.
- Mit der schnellen weltweiten Verbreitung technischen Wissens schwinden traditionelle Vorteile im Technologiewettbewerb. Zudem: Je mehr sich die Güter dem Ende ihres Produktlebenszyklus nähern, desto schärfer greift der preisliche Wettbewerb aufgrund von Kostengefälle und Mengenproduktivität.
- Deutschland hat nach wie vor ein hohes Niveau bei FuE und vor den meisten Ländern einen Vorsprung. Dieser hat sich jedoch verringert. Wenn nichts geschieht, könnte dies bedeuten, daß die gesamtwirtschaftlichen Wachstumsspielräume künftig enger werden. Die im derzeitigen Zyklus schwache Investitionstätigkeit deutet dies an.
- In einer sich rapide verändernden Welt kommt es darauf an, das Wissenspotential aufbauend auf den am Standort Deutschland vorhandenen Stärken noch besser zu nutzen. Zu beachten ist aber auch, daß der Anschluß an neue Technologien wie etwa der Biotechnologie, nicht verlorengeht. Voraussetzungen hierfür sind: Ein besseres Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft in dynamischen Kooperationsnetzwerken; die Bereitstellung von mehr Innovationskapital, Unternehmensgründungen in technologie- und wissensbasierten Bereichen und eine konsequente Verbesserung der Entfaltungsmöglichkeiten für neue Technologieanwendungen."
(Quelle: Projektbericht)
Kontakt
Dr. Harald Legler
Niedersächsisches Institut
für Wirtschaftsforschung
Schiffgraben 33
D-30175 Hannover
Tel.: 0511/341392
Fax: 0511/3180400
Bibliographische Angaben
Niedersächsisches Institut für Wirtschaftsforschung et al. (Hrsg.): Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands. Bericht an das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie. Mannheim, Dezember 1995, 74 Seiten.
Der Bericht kann über das Pressereferat des BMBF angefordert werden:
Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und
Technologie (BMBF)
- Pressereferat -
Heinemannstr. 2
D-53175 Bonn
Tel.: 0228/57-2040, -3037
Fax: 0228/57-2548
Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) führt im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie seit 1993 bei etwa 3.000 repräsentativ ausgewählten Unternehmen jährliche Innovationsumfragen durch. Sie liefern umfangreiche Daten und Einsichten über die "Innovationsszene" in Deutschland. Im Mittelpunkt der Auswertungen dieses Jahres steht das Innovationsverhalten kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU).
50.500 innovierende Unternehmen
Nach der Analyse der Daten haben im Zeitraum von 1990 bis 1993 etwa 49 % der Unternehmen im produzierenden Gewerbe in Deutschland mit mindestens fünf Beschäftigten Produkt- und/oder Prozeßinnovationen durchgeführt. Etwa 26.500 (26 %) von insgesamt 50.500 derartiger Unternehmen haben 1993 eigene Forschung und Entwicklung (FuE) betrieben. Über alle Wirtschaftszweige betrachtet entfällt im Durchschnitt ein Viertel der FuE-Aufwendungen der deutschen Wirtschaft auf Prozeßinnovationen.
Innovationen sichern Umsatz
Innovative Produkte waren im Rezessionsjahr 1993 in weit geringerem Maße von Umsatzrückgängen betroffen als konventionelle Produkte. Etwa 25 % der Umsätze westdeutscher Unternehmen wurden 1993 mit Produkten getätigt, die in den vorangegangenen zwei Jahren neu eingeführt oder erheblich verbessert wurden.
Finanzierungsprobleme behindern Innovationen bei KMU
Bei der Durchführung von Innovationsprojekten sehen sich KMU eingeschränkten Möglichkeiten der Selbstfinanzierung, des Zugangs zu Beteiligungskapital und der Beschaffung von Fremdkapital gegenüber. Bei KMU, bei denen aufgrund der Einstufung der Kreditwürdigkeit im Jahr 1993 Finanzierungsbeschränkungen vermutet werden können, sinkt die Wahrscheinlichkeit, daß sie innovieren, um 10 % und die Wahrscheinlichkeit, daß sie FuE-Aktivitäten durchführen, um 11 %. Aufgrund fehlender Sicherheiten werden Innovationsprojekte von KMU häufig abgelehnt, ohne daß eine explizite Üeberprüfung des Projekts hinsichtlich der technischen und wirtschaftlichen Erfolgsaussichten seitens des potentiellen Kapitalgebers stattfindet.
Hürden erschweren Innovationen
Kleine und mittlere Unternehmen erweisen sich hinsichtlich der Innovationsaktivitäten als äußerst heterogen. Neben nicht innovativen Unternehmen und Unternehmen mit vorwiegend imitativen Innovationen stehen KMU in einer technologischen Vorreiterrolle. Auffallend ist dabei, daß die Entwicklung von Marktneuheiten nicht immer eigene FuE-Aktivitäten voraussetzt, sondern häufig neue Produkte aus der Konstruktion und anschließender Versuchsproduktion und Prototypenentwicklung gewonnen werden. Die Aufnahme von Innovationsaktivitäten ist oftmals mit hohen Hürden verbunden, die z.B. durch Lernkosten, Investitionen und psychologische Hemmnisse entstehen. Die Technologiepolitik kann durch gezielte Einstiegsprojektförderung den Unternehmen den Schritt zur Aufnahme von Innovationsaktivitäten erleichtern.
Erfolgreiche Kooperation von KMU mit Forschungseinrichtungen
Wichtigste Technologiequellen sind für 40 % der kleinen und mittleren Unternehmen der Erfahrungsaustausch mit anderen Unternehmen, für 35 % der Erwerb von Ausrüstungsgütern und die Einstellung qualifizierten Personals sowie für 15 % die Vergabe externer Forschungsaufträge. Gut 8 % der innovativen KMU kooperierten 1992 mit Hochschulen (demgegenüber 5 % mit sonstigen öffentlichen Forschungseinrichtungen). Kleine und mittlere Unternehmen, die mit Hochschulen kooperiert haben, weisen einen etwa 5 % höheren Anteil neuer Produkte am Umsatz aus. Es ist von einem zusätzlichen Potential für Hochschulkooperationen zwischen 5 % und 20 % des KMU-Segments auszugehen. Die Technologiepolitik sollte daher Kontaktflächen zwischen Forschungseinrichtungen und Unternehmen ausbauen sowie den Akteuren bei existierenden Kooperationen den Rücken stärken.
Querschnittstechnologien prägen die Innovationsdynamik der Wirtschaft
Alle Wirtschaftszweige führen eigenständige Forschung und Entwicklung in den Technikfeldern neue Werkstoffe, Software, Künstliche Intelligenz, flexible integrierte Fertigungstechniken, Umwelttechnik und Ressourcenschonende Technologien durch. Diesen Technikfeldern kommt als Querschnittstechnologien eine hohe Bedeutung für die Innovationsdynamik zu. Die FuE-Aktivitäten in der Mikrölektronik und Halbleitertechnik, Lasertechnik und Optölektronik konzentrieren sich dagegen stark auf die Wirtschaftszweige Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrttechnik sowie Meß-, Regel- und Medizintechnik. Rund 30 % innovativer Unternehmen ohne eigene FuE wollen Forschungsergebnisse aus den genannten Technikbereichen in den kommenden drei Jahren nutzen. Dies zeigt, wie groß die Nachfrage nach FuE-Ergebnissen auch bei Unternehmen ist, die keine eigene FuE durchführen.
(Quelle: BMBF Forschungs-Info Nr. 37/95, 6. Dez. 1995)
Weitere Informationen
Dr. Georg Licht
Zentrum für Europäische
Wirtschaftsforschung (ZEW)
Kaiserring 14-16
D-68161 Mannheim
Tel.: 0621/1235-177
Fax: 0621/1235-224
Bibliographische Angaben
Dietmar Harhoff/Georg Licht et al.: Innovationsaktivitäten kleiner und mittlerer Unternehmen. 1996, 113 S., brosch., 36,-- DM. (Schriftenreihe des ZEW, Bd. 8) ISBN 3-7890-4198-X
Ergebnisse einer von der EU geförderten Pilotstudie zum Einsatz von Telekommunikation in der betrieblichen Weiterbildung
von Cornelia Fries, WIK
Aufgrund steigenden Kostendrucks und begrenzter Trainerkapazitäten in der betrieblichen Weiterbildung setzen bereits viele Unternehmen computergestützte Lernprogramme zur Schulung ihrer Mitarbeiter ein. Vielversprechend erscheinen in Zukunft auch netzbasierte Lösungen, die es erlauben, das isolierte Lernen am Arbeitsplatz mit der Fernbetreuung durch Tutoren und dem Lernen in Gruppen zu verbinden. Bislang liegen jedoch noch keine ausreichenden Erfahrungen darüber vor, ob und unter welchen Bedingungen dies zu Kosteneinsparungen oder Effizienzsteigerungen führt. Das Interesse der Firmen an telematikgestütztem Fernlernen hält sich deshalb noch in Grenzen. Darüber hinaus wird die Diffusion und Akzeptanz multimedialer telematikgestützter Trainingskonzepte davon abhängen, ob sie spezifische Vorteile auch für die Mitarbeiter aufweisen und davon, ob es gelingt, die Teletraining-Maßnahmen an die Bedürfnisse und Anforderungen der Lernenden anzupassen. Neben Implementations- und Kostenaspekten stand daher die Frage nach der Nutzer-Akzeptanz von Teletraining im Mittelpunkt einer vom Wissenschaftlichen Institut für Kommunikationsdienste (WIK) durchgeführten Evaluationsstudie.
Die Forschungsgruppe Technikfolgenabschätzung des WIK führte 1992 bis Ende 1994 die Begleitforschung für das von der Europäischen Union mit 4 Mio. ECU geförderte Projekt "Multimedia Teleschool" (MTS) durch, in dem erstmals eine marktnahe und umfassende Anwendungserprobung von telematikgestütztem, grenzüberschreitendem Fernunterricht in der betrieblichen Weiterbildung realisiert wurde. Das Konzept der "Multimedia Teleschool" basiert auf der Idee der "virtuellen Schule". Grundlage der Kurse war das individuelle Selbststudium mit Büchern, Audiocassetten oder CBT-Programmen, das durch Lernaktivitäten in einem Computer-Conferencing System ergänzt wurde. Die dritte Komponente der Schulungen bestand aus über Satellit ausgestrahlten Lehrsendungen, an denen die Kursteilnehmer selbst aktiv teilnahmen. Als Rückkanal standen Telefon, Fax und E-mail sowie Bildtelefon oder eine Videokonferenzschaltung über ISDN zur Verfügung.
Insgesamt wurden ca. 1.000 Mitarbeiter europäischer Firmen in unterschiedlichen Fachgebieten (z.B. Fremdsprachen, Umweltrisiken) geschult. Während der Phase der Datenerhebung, die sich über die gesamte Projektlaufzeit erstreckte, führte das WIK schriftliche Befragungen aller Teilnehmer sowie Leitfaden-Interviews und Gruppendiskussionen durch. Außerdem wurden fortlaufend Daten über die Lernaktivitäten (Bearbeitung von Studienbriefen, Conferencing-Aktivitäten und Teilnahme an den interaktiven Fernsehsendungen) erfaßt. Die Repräsentativität der Ergebnisse ist insofern eingeschränkt, als es sich bei den Teilnehmern vorwiegend um Mitarbeiter von Telekommunikationsunternehmen handelte.
Evaluations-Ergebnisse
Wie sich zeigte, verfügen selbst große Firmen gegenwärtig oft noch nicht über die notwendige technische Plattform, um telematikgestütztes Fernlernen am Arbeitsplatz ohne zusätzliche technische Anschaffungen zu implementieren. Die begrenzte Investitionsbereitschaft der Unternehmen führte in manchen Fällen dazu, daß die erforderlichen Endgeräte und Netzzugänge nicht direkt am Arbeitsplatz, sondern in lokalen Lernzentren zur Verfügung gestellt wurden. Dies sollte sich später als hinderlich für eine erfolgreiche Kursteilnahme erweisen.
Ferner zeigte sich, daß die Implementation von Teletraining
Maßnahmen dezentral organisiert und unterstützt werden
muß, was der derzeitigen Organisationsstruktur des Fortbildungsbereichs
in vielen Unternehmen widerspricht. Die Rekrutierung der Teilnehmer,
die Vernetzung der Lerner-PCs am Arbeitsplatz und vor allem die
technische Schulung und Betreuung während der Anfangsphase
erfordern eine enge Kooperation zwischen externem Schulungsanbieter
und dem jeweiligen Personal der örtlichen Niederlassungen.
Die Schulungsteilnehmer zeigten großes Interesse an den
neuen Lerntechnologien und waren bereit, trotz vorhandener Computererfahrung,
zusätzliche Zeit und Energie in das Erlernen der Bedienungsabläufe
zu investieren. Sie forderten jedoch, daß zukünftig
bereits vor Beginn der Kurse eine ausreichende Schulung und die
Möglichkeit zum praktischen Üben der telematikgestützten
Kommunikation angeboten werden, um einen verspäteten Start
der Lernaktivitäten zu vermeiden und die Konzentration auf
die Lerninhalte von Beginn an zu ermöglichen. Eine intensive
technische und organisatorische Unterstützung erscheint vor
allem während der Startphase angezeigt, da die rasche Bewältigung
von anfänglichen technischen oder koordinatorischen Problemen
über die Motivation der Teilnehmer zur weiteren Teilnahme
entscheidet.
Verlagerung der Lernzeit in die private Freizeit
Kosteneinsparungen werden bei Teletraining-Maßnahmen hauptsächlich durch die Verlagerung der Lernzeit in die private Freizeit der Mitarbeiter erzielt. Die im Rahmen einer Kostenanalyse von uns durchgeführten Beispielrechnungen für verschiedene Trainingsszenarien zeigen, daß sich die finanziellen Aufwendungen für Präsenzschulungen und Teletraining nicht gravierend unterscheiden, wenn die Teilnehmer ausschließlich während der Arbeitszeit lernen. Einsparungen im Bereich der Transport- und Unterbringungskosten werden im Teletraining durch die Technik- und Kommunikationskosten wieder aufgewogen, wobei einmalige Anschaffungskosten noch nicht berücksichtigt sind. Der Vorteil von Teletraining besteht daher in der Möglichkeit zur flexiblen Verlagerung der Lernzeit in Phasen mit geringerer Arbeitsbelastung oder in die Freizeit der Mitarbeiter.
Tatsächlich gingen die Anwenderfirmen im MTS-Projekt meist davon aus, daß die Mitarbeiter ihre Lernaktivitäten in den täglichen Arbeitsablauf einbinden, ohne ihre beruflichen Aufgaben zu vernachlässigen. Aufgrund von Zeitdruck und Störungen am Arbeitsplatz empfanden es viele Teilnehmer jedoch als schwierig, sich während der Arbeitszeit auf komplexere Lernaufgaben zu konzentrieren. Die Mehrheit entschied sich deshalb dafür, den Kurs hauptsächlich in ihrer Freizeit, d.h. am Abend oder am Wochenende, zu absolvieren. Die parallelen Arbeits- und Lernaktivitäten führten bei den meisten Teilnehmern zu Zeit- und Koordinationsproblemen, die nur durch größtmögliche Flexibilität bewältigt werden können.
Teilnehmer profitieren von Flexibilität und individueller Betreuung
Die Akzeptanz des Lernens in der Freizeit war bei den MTS-Lernern überraschend hoch, was hauptsächlich auf die Vorteile des flexiblen Lernens zurückzuführen war. Für die Möglichkeit der individuellen Steuerung des Lernprozesses, etwa den Zeitpunkt und Dauer der Lernaktivitäten selbst zu bestimmen, waren die meisten Teilnehmer bereit, auch ihre private Freizeit zu investieren.
Flexibles Lernen erfordert jedoch die Bereitstellung der eingesetzten Lerntechnologien direkt am Arbeitsplatz. Der Zugang sollte auch außerhalb der offiziellen Bürozeiten, z.B. am Wochenende, möglich sein. Bereits der für die Nutzung eines PCs im Nachbarbüro erforderliche Koordinationsaufwand schränkte die Flexibilität der Lernenden ein und führte zu einer deutlich geringeren Teilnahme an Computer-Conferencing Aktivitäten.
Denkbar wäre in Zukunft auch die Nutzung von bereits im Haushalt der Lerner vorhandenen Technologien, vor allem angesichts der zunehmenden Verbreitung von PCs und Nutzung von Online-Diensten in Privathaushalten. Wie in den Diskussionen mit den Schulungsteilnehmern deutlich wurde, wäre die Bereitstellung eines PCs mit Netzanschluß oder die Übernahme von Kommunikationsgebühren für die Zeit der Kursteilnahme ein großer Anreiz für die Teilnahme an einem Teletraining-Kurs. Darüber hinaus wäre die teilweise Freistellung für Lernaktivitäten bzw. eine Reduktion der Arbeitsbelastung wünschenswert, da dadurch extreme Zeitbelastungen, etwa aufgrund zusätzlicher familiärer Verpflichtungen, vermieden werden können.
Neben flexiblem und selbstgesteuertem Lernen stellte die individuelle Betreuung durch Ferntutoren für die meisten Teilnehmer den entscheidenden Vorteil von Teletraining dar. Die Möglichkeit, über E-mail praktisch jederzeit direkt mit dem Tutor kommunizieren zu können, wurde von den Lernern nicht nur als sehr effizient, sondern auch als sehr motivierend empfunden und daher intensiv genutzt. Außerdem ermöglichte es die Anpassung der Lernaktivitäten an persönliche Voraussetzungen und Interessen, die bei den international zusammengesetzten Teilnehmergruppen der "Multimedia Teleschool" zum Teil stark differierten. Die Teilnehmer entwickelten meist sehr individuelle, an ihren persönlichen Interessen ausgerichtete Lernstrategien. Dies aus pädagogischen Gründen zulassen zu können, ist ein großer Vorteil des telematikgestützten Fernlernens.
Interaktion zwischen den Lernern
Die vergleichsweise geringe Beteiligung an privater E-mail Kommunikation und Gruppenlernaktivitäten im Konferenzsystem machte deutlich, daß die Bereitstellung einer technischen Infrastruktur noch keine ausreichende Voraussetzung für soziale Interaktion und erfolgreiches Gruppenlernen ist, sondern durch einen angemessenen Zeitrahmen, attraktive und geeignete Inhalte sowie sorgfältige Koordination durch einen Tutor ergänzt werden muß.
Als stärkstes Nutzungshemmnis erwies sich der notwendige, relative hohe Zeitaufwand für die textbasierte und zeitversetzte Kommunikation im elektronischen Konferenzsystem, die außerdem von vielen als anonym und unpersönlich empfunden wurde. Vor allem die Sprachkursteilnehmer vermißten die Spontanität der direkten Kommunikation. Eine Gruppe von hochmotivierten Lernern nutzte jedoch die Interaktionsmöglichkeiten im Konferenzsystem häufig und regelmäßig und entwickelte bald geeignete Formen der elektronischen Kommunikation, wie z.B. die Verabredung zu spontanen Online-Treffen im System. Die Mehrheit neigte dagegen zu passivem Verhalten und konnte nur durch die gezielte Ansprache und Aufforderung durch die Tutoren zu einer aktiveren Mitarbeit motiviert werden, die für effektives Gruppenlernen unverzichtbar ist.
Auch hinsichtlich der aktiven Beteiligung an den interaktiven TV-Sendungen zeigte sich, daß die Lernenden zur Mitwirkung aufgefordert und motiviert werden müssen. Vertraute und klar strukturierte Kommunikationsszenarien führten zu einer höheren Beteiligung, wurden aber als weniger interessant empfunden als komplexere Formate, wie z.B. Rollenspiele über Videokonferenzverbindungen. Letztere erforderten allerdings die Unterstützung und Anleitung durch einen Tutor sowie die Anwesenheit eines Moderators am Empfangsort, der die Lernergruppe in der Nutzung der technischen Geräte (Kameras, Mikrofone) unterstützte.
Im Vergleich wurden die interaktiven Fernsehsendungen von den Kursteilnehmern positiver beurteilt als das Lernen im Computer-Conferencing System, obwohl sie weniger Interaktionsmöglichkeiten boten und die Flexibilität eingeschränkt war. Die Lerner beurteilten den pädagogischen Effekt der TV-Sendungen als sehr hoch, was mit der hohen Produktionsqualität und der Mitwirkung der Tutoren zusammenhing. Vor allem hatten die Sendungen jedoch, aufgrund der sichtbaren Präsenz anderer Teilnehmer, einen stärker motivierenden Effekt.
Teletraining-Urteil der Teilnehmer
Die Teilnehmer beurteilten die "Multimedia Teleschool" Kurse überwiegend positiv, bevorzugten jedoch bei der vergleichenden Bewertung der Kurselemente die traditionellen Lernmedien, d.h. Bücher oder Studienbriefe. Dies lag unter anderem daran, daß die bei der Nutzung von Telekommunikation im Unterricht ermöglichte - aber auch geforderte - Eigenaktivität viele Lerner (noch) überfordert. Entsprechende Kommunikations- und Lernstrategien müssen von den Teilnehmern, die aufgrund ihrer bisherigen Lerngewohnheiten eher zu einem passiven Rezeptionsverhalten neigen, erst noch erworben werden. Der erzielte Lernerfolg wurde vor allem von jenen Teilnehmern als positiv beurteilt, die nicht mit Zeitproblemen konfrontiert waren bzw. diese durch eine erfolgreiche Koordination des flexiblen Lernens vermeiden konnten. Für zukünftige Teletraining-Kurse, an denen durchaus Interesse bestand, wurde von den Lernern neben einer größeren Bedienerfreundlichkeit der Konferenzsoftware, vor allem ein adäquaterer Zeitrahmen sowie die Einbindung von Technologien, die Ton- und Bewegtbildkommunikation ermöglichen (Voicemail, Videokonferenzen) und/oder gelegentlichem Präsenzunterricht gefordert.
Fazit
Zusammenfassend zeigen unsere Untersuchungen, daß Teletraining eine völlig neue Lernkultur erfordert und daher eine große Herausforderung nicht nur für die Lernenden, sondern auch für die Schulungsanbieter und Anwenderunternehmen darstellt. Teletraining ist kein Ersatz, sondern eine Alternative zu Präsenzunterricht und kann diesen auch miteinbinden oder ergänzen.
Von den Teilnehmern erfordert telematikgestütztes Lernen ausreichende Selbstlernkompetenz und aktives Lernverhalten. Außerdem müssen geeignete Inhalte und Lernmaterialien entwickelt werden, die den Lernenden größere Freiräume für individuelle Lernstrategien bieten. Das Lehrpersonal muß im Umgang mit neuen multimedialen Lerntechnologien geschult und mit der neuen Rolle als Moderator oder "Coach", der die individuellen Lernaktivitäten steuert und unterstützt, vertraut gemacht werden. Die Unternehmen sind zunächst gefordert, das flexible Lernen durch geeignete Lernumgebungen zu unterstützen. Eine besondere Herausforderung besteht darin, für unterschiedliche Trainingsbedarfe das jeweils geeignete Kursdesign und flexible Curricula zu entwickeln. In der Möglichkeit des Training-on-demand, d.h. der zeitlichen und inhaltlichen Anpassung der Lernaktivitäten an spezifische Bedürfnisse - von Unternehmen und Lernenden - besteht der große Vorteil von Teletraining.
Literatur
F. Sippel (ed.): Implementation and Management of Teletraining, WIK-Diskussionsbeitrag Nr. 123, Februar 1994, Bad Honnef.
C. Fries: Learner Needs and Demands in Multimedia Teletraining, WIK-Diskussionsbeitrag Nr. 155, Dezember 1995, Bad Honnef.
L. Reif / F. Sippel (eds.): European Teletraining at Work, WIK-Diskussionsbeitrag Nr. 152, September 1995, Bad Honnef.
Kontakt
Cornelia Fries
Wissenschaftliches Institut für
Kommunikationsdienste GmbH
Postfach 2000, D-53588 Bad Honnef
Tel.: 02224/9225-55, Fax: 02224/9225-69
e-mail: C.Fries@wik.org
von Günther Frederichs, ITAS
ITAS wurde 1994 vom BMBF mit der Durchführung der Studie "Sozioökonomische Ursachen und Folgen von Klimaveränderungen in norddeutschen Küstengebieten - Analysen von Forschungs- und Handlungsbedarf" beauftragt. Der Hintergrund war, daß das BMBF zusammen mit den norddeutschen Küstenländern im "Verbundvorhaben Klimaänderung und Küste" einen Forschungsleitplan erstellt hatte, der die Arbeiten im neuen Förderbereich "Klimawirkungsforschung" speziell für die Küste koordinieren soll (vergleiche auch die TA-Datenbank-Nachrichten vom Oktober 1994, S. 5-10). Für ITAS stellte sich damit die Aufgabe, die Möglichkeit sozialwissenschaftlicher Forschung im Rahmen eines eher naturwissenschaftlich orientierten Forschungsleitplans zu untersuchen. Der Projektbericht liegt jetzt vor.
1. Zum Problemhintergrund
Eine der aktuelleren Entwicklungen in der Umweltdiskussion ist das wachsende Interesse an sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Bei genauerem Hinsehen handelt es sich nicht nur um eine Zunahme, sondern auch um einen Wandel des Interesses. Denn lange Zeit wurden die Sozialwissenschaften gegenüber den Naturwissenschaften, die als der eigentliche Kern der Umweltforschung gelten, eher in einer subsidiären Rolle gesehen. Zunehmend wird aber bewußt, z.B. angesichts der Diskussion über den Naturbegriff, über Schutzziele und "Sustainable Development", daß mit der Umweltproblematik ein großer gesellschaftlicher Reflexions- und Verständigungsbedarf entstanden ist. Das ruft in einer ganz anderen Rolle die Sozialwissenschaften auf den Plan: Nicht mehr den Naturwissenschaften in ihrem prognostischen Anspruch nachzueifern, sondern Interpretationswissen und Konsenspotentiale zur Verfügung zu stellen.
Wesentliche Impulse dieser Entwicklung gehen seit Mitte der achtziger, verstärkt seit den beginnenden neunziger Jahren von den internationalen Klimaverhandlungen aus. Speziell geriet die Wissenschaft in den Mittelpunkt der Diskussion, die in der Klimadebatte der eigentliche Stichwortgeber ist. In Gestalt des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) wuchs ihr die Rolle des unmittelbaren politischen Ratgebers zu, der sozusagen in Echtzeit wissenschaftliche Antworten auf Fragen geben muß, die in den politischen Verhandlungen aufgeworfen werden. Mit einem noch nie dagewesenen Grad an Öffentlichkeit wurde der Mangel an Konsens in der Scientific Community offenbar, wenn diese über akute Sachverhalte Auskunft geben soll. Das betrifft nicht nur die Sozialwissenschaften, sondern eben auch die Naturwissenschaften. Die Aufgabe des IPCC läuft zu einem erheblichen Teil darauf hinaus, mit einem enormen Verhandlungsaufwand (im großen und ganzen nicht ohne Erfolg) ein "Konsenswissen" zu erarbeiten, an dem sich Politik und Öffentlichkeit einigermaßen konfliktfrei orientieren können.
Die IPCC-Erfahrungen sind für die Frage, welche Orientierungshilfen von der Wissenschaft angesichts einer höchst unsicheren Zukunft unseres Klimas zu erwarten sind, unmittelbar relevant. Auch bei regionalen Forschungsvorhaben muß mit der Pluralität von Wissenschaft gerechnet werden. Der Appell an Interdisziplinarität ist hilflos, wenn er die strukturellen Gegebenheiten nicht berücksichtigt. Eine gewisse Bestätigung hierfür findet sich bereits im ersten Schritt des Projekts, wo Psychologie, Soziologie, Politologie und Ökonomie im Hinblick auf originäre Beiträge zur Klimadiskussion untersucht worden sind. Disziplinübergreifende Ansätze gibt es kaum, vielmehr sind die Unterschiede zwischen den Disziplinen sowohl in den Inhalten als auch in den Methoden erheblich.
2. Aufbau des Berichts und Ergebnisse der Untersuchung
Der Bericht beginnt nach einem einführenden Kapitel mit einer Darstellung der Klimadebatte in Naturwissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Es wird gezeigt, daß die Problematik einerseits schon Ende des vorigen Jahrhunderts beispielsweise von Arrhenius gesehen und seitdem von anderen Wissenschaftlern immer wieder aufgegriffen wurde, daß andererseits aber ihre Bewertung bis heute erheblichen Schwankungen unterliegt. Es wird die Rolle der heutigen Simulationsmodelle beschrieben, wobei es im wesentlichen vier Forschergruppen in den USA, in England und in Deutschland sind, die die komplexen globalen Zirkulationsmodelle entwickeln. Eine Klimawirkungsforschung entstand vorwiegend, so eine These dieser Darstellung, im Milieu der großen internationalen Forschungsprogramme, wobei die sozialwissenschaftliche Dimension erst Ende der achtziger Jahre im Rahmen der Global Change Forschung institutionell Berücksichtigung fand. Die Entwicklung als öffentliches Thema ist nicht unerheblich durch das persönliche Engagement einzelner Klimaforscher mit Unterstützung der Medien beeinflußt worden.
Im dritten Kapitel schließt sich der ausführliche Überblick über die schon genannten vier sozialwissenschaftlichen Disziplinen an. Er bildet einen Grundstock für das weitere Vorgehen. Allerdings, wie schon angedeutet, war dieser Untersuchungsschritt für die Frage eines sozialwissenschaftlichen Beitrags zur interdisziplinären Klimawirkungsforschung nicht unmittelbar ergiebig: Die Klimathematik ist in ihrer Spezifik von den Disziplinen noch kaum wahrgenommen worden. Sie wird eher für die Anwendung schon vorhandener Ansätze und Methoden herangezogen, wie sie vor allem in der generellen Umweltforschung der jeweiligen Disziplin vorliegen. Immerhin können sich dabei interessante Perspektiven ergeben, so z.B. bei der Anwendung von Risikoansätzen. Der Gleichklang relativen Desinteresses an dem Thema wird allerdings von der Ökonomie durchbrochen: Sie dominiert eindeutig, sowohl, was die Zahl der Arbeiten zu dem Thema anbelangt, als auch in bezug auf ihre Präsenz im politisch-administrativen Diskurs. Nach Meinung von Klimaexperten, die im Rahmen des Projekts interviewt worden sind, ist das aber nicht unbedingt von Vorteil, weil sich damit einseitige Problemauffassungen und Lösungsmuster etablieren.
Angesichts dieses Mangels an Vorgaben von Seiten der disziplinären Forschung wurde in der ITAS-Untersuchung ein problemorientierter Ansatz gewählt, der die epistemologische Unsicherheit der Klimaprognosen und ihrer Folgen in den Mittelpunkt stellt. In fünf Themenschwerpunkten werden die wichtigsten Stationen der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser Problematik nachgezeichnet (Kapitel 4 und Hauptteil des Berichts). Im ersten Schwerpunkt über die internationale Forschung zur gesellschaftlichen Verletzlichkeit gegenüber einem Klimawandel ("Sensibilitätsforschung") wird gezeigt, wie sich dieser Forschungsbetrieb angesichts unüberwindbarer Prognoseprobleme bei gleichzeitigem Entscheidungszwang in seinem Wissenschaftsverständnis ändert, ohne bereits eine endgültige Form gefunden zu haben. Das kann im zweiten Themenschwerpunkt über die "Rolle der Wissenschaft" in den größeren Zusammenhang einer Wissenschaftsentwicklung gestellt werden, die seit dem Zweiten Weltkrieg anhält und erst heute beginnt, als "problemorientierte Forschung" Gestalt anzunehmen, und die sich deutlich gegenüber der Grundlagenforschung und der Angewandten Forschung abgrenzen läßt.
Wichtige Vorformen "problemorientierter Forschung" sind das Technology Assessment, die Risikoforschung und, in ihrer historischen Bedeutung besonders hervorzuheben, die Anstrengungen um eine wissenschaftliche Fundierung der Umweltforschung. Als das Charakteristikum dieser Forschung scheint sich herauszuschälen, daß die Unsicherheit von Erkenntnis und Prognose nicht mehr als ein peinliches Versagen der Wissenschaft angesehen wird, sondern in zunehmendem Maße als eine positive Herausforderung. Problemorientierte Forschung öffnet sich der Pluralität wissenschaftlicher Ansätze, muß aber dafür ihre gesellschaftliche Rolle als Stichwortgeber für politische Entscheidungen und ihre Orientierungsfunktion für die Gesellschaft neu definieren. Der methodologische Ansatz ist das wissenschaftlich angeleitete "Management von Unsicherheit", mit dem insbesondere die Probleme der Prognose und der Interdisziplinarität in Angriff genommen werden. Die eigentliche sozialwissenschaftliche Aufgabenstellung betrifft die Möglichkeit gemeinschaftlichen, von Konsens getragenem Handelns angesichts ungewisser Bedrohung.
Mit dem Begriff der "problemorientierten Forschung" war die Perspektive für das weitere Vorgehen gefunden. Das Literaturstudium, der Überblick über die vier Wissenschaftsdisziplinen und die schon erwähnten Interviews mit Klimaexperten ergaben die entscheidenden Hinweise: die Schlüsselbegriffe des sozialwissenschaftlichen Angebots sind die "gesellschaftliche Wahrnehmung und Meinungsbildung" zum Klimageschehen (Themenschwerpunkt 3), die Rolle gesellschaftlicher Konflikte und Konfliktstrukturen (Themenschwerpunkt 4) und die Debatte um klimapolitische Handlungsstrategien (Themenschwerpunkt 5).
Der Themenschwerpunkt 3 erschließt die ganze Fülle sozialwissenschaftlicher Forschungstraditionen: Umfrageforschung, öffentliche Kommunikation, Entstehung und Entwicklung öffentlicher Themen, Medienforschung. Dabei liegt das Gewicht weniger auf der "Wahrnehmung" im psychologischen Sinn, weil "Klima" nicht so sehr ein Wahrnehmungsgegenstand des Individuums ist, sondern eine Frage der gesellschaftlichen Kommunikation. Speziell geht es auch um die besonderen Fragestellungen, die sich aus der Verschränkung von Wissenschaft und Politik ergeben, z.B. bezüglich des wissenschaftlichen Einflusses auf das Problemverständnis und auf die Politikformulierung, bezüglich des Kampfes um die Frage, was auf die politische Agenda kommt, und bezüglich der Entstehung neuer institutioneller Formen in der Auseinandersetzung zwischen Wissen und Macht.
Wie schon die Frage der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Klimaproblematik unvermeidlich auf den Begriff der Auseinandersetzung und des Konflikts führt, so ist die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Konflikten und Konfliktstrukturen auch generell ein unverzichtbarer Beitrag zur Klimawirkungsforschung. Was sich in der Gesellschaft zur Klimaproblematik artikuliert, ist vielfach in Konflikten und den ihnen zugrundeliegenden Interessenstrukturen verankert. Der doppelte Aspekt der Verschärfung bestehender und der Entstehung neuer Konflikte im Zusammenhang mit der Klimaproblematik ist heute schon auf der internationalen Ebene evident, und es ist anhand bestehender Konfliktlinien auf nationaler und regionaler Ebene absehbar, daß und welche Konflikte aus Anlaß einer sich verschärfenden Klimadebatte entstehen können. Ein tragendes Moment des gegenwärtigen internationalen und auch künftig zu erwartenden nationalen und regionalen Konfliktgeschehens um die Klimafrage ist die Auseinandersetzung über Verursachung und Betroffenheit eines anthropogenen Klimawandels sowie über die Verteilung der politischen und ökonomischen Belastungen.
Die Frage der klimapolitischen Handlungsstrategien schließlich steht in enger Beziehung zu den anderen Themenschwerpunkten. Sie sind Ziel und Ergebnis der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, wie sie auch umgekehrt aufgrund ihrer Auswirkungen wiederum den Ausgangspunkt für erneute Konflikte bilden. Das wird anhand der relevanten Fragestellungen deutlich: der Frage nach der grundsätzlichen Zielrichtung des Strategienansatzes, der Frage der Verteilung der Verantwortlichkeiten und Belastungen, der Schuld und der Wiedergutmachung, der Frage nach Beginn und Ablauf der Maßnahmen sowie der Suche nach politischen Instrumenten.
Das Ziel einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung wird nun im 5. Kapitel durch die Anwendung der vorangegangenen Überlegungen auf den Forschungsleitplan "Klimaänderung und Küste" anhand von drei konzeptionellen Weichenstellungen in Angriff genommen:
(1) Die Unsicherheit der wissenschaftlichen Erkenntnis als gemeinsames Schlüsselproblem von Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften.
(2) Die Nutzbarmachung dieses Problems als Schnittstelle für den Austausch zwischen den Wissenschaftsdisziplinen.
(3) Das "Management von Unsicherheit" als das gemeinsame methodologische Problem einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung.
Damit können erstens eine Reihe von Defiziten des Forschungsleitplans benannt werden, die bei einer Fortschreibung zu berücksichtigen sind. Zweitens ergeben sich sozialwissenschaftliche Forschungsprioritäten, wobei eine Unterscheidung nach Maßgabe des strategischen Umgangs mit der Prognoseproblematik vorgenommen wird: Untersuchungen schon heute relevanter Strukturen und Prozeße (säkulare Trends); Dauerbeobachtung von Prozessen, deren Verlauf nicht prognostizierbar ist (Frühwarnung); Entwicklung von Methoden und Instrumenten eines möglichst rationalen Umgangs mit Unsicherheit (Management von Unsicherheit). In einem Anhang des Berichts werden die überlegungen der Untersuchung am Beispiel des Entwurfs einer Fallstudie zu den Entwicklungsstrategien der Insel Sylt illustriert.
Bibliographische Angaben
G. Bechmann, S. Beck, G. Frederichs, J. Kopfmüller, J.-B. Krings, G. Sardemann: "Sozialwissenschaftliche Konzepte einer interdisziplinären Klimawirkungsforschung". Forschungszentrum Karlsruhe, FZKA 5715, Februar 1996.
Bestellhinweis
Der Bezug des Projektberichts ist für wissenschaftliche Einrichtungen kostenlos und kann über die Redaktion bezogen werden. Private Interessenten können den Bericht gegen Rechnung unter folgender Adresse anfordern:
Forschungszentrum Karlsruhe
- HBK -
Postfach 3640
D-76021 Karlsruhe
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 25811
Fax: +49 (0) 721 / 608 - 25802
von Volker Hammer, provet
Die Projektgruppe verfassungsverträgliche Technikgestaltung (provet) untersuchte Voraussetzungen und Folgen der Schlüsselverwaltung für digitale Signaturen. Mit Erscheinen des Schlußberichts wurde das Forschungsprojekt im Auftrag der Volkswagen-Stiftung abgeschlossen.
Sicherungsinfrastrukturen als Voraussetzung sicherer Telekooperation
Öffentliche Schlüsselverfahren sind für vielfältige Sicherungszwecke geeignet. Sie können beispielsweise zur Verbesserung der Zugangs- und Zugriffskontrolle oder zur Sicherung von archivierten Daten oder Backups eingesetzt werden. Sie unterstützen die Vertraulichkeit von Nutzdaten der Telekommunikation und verbessern die Authentisierung der Telekommunikationspartner. Sie können auch für den elektronischen Rechtsverkehr eingesetzt werden, um ein mediengerechtes Substitutionsmittel für die eigenhändige Unterschrift zu schaffen. Große Chancen durch den Einsatz öffentlicher Schlüsselverfahren werden vor allem für die offene Telekooperation gesehen.
Die technischen und sozialen Voraussetzungen für die effiziente Anwendung von öffentlichen Schlüsselverfahren müssen durch die Organisation der Schlüsselverwaltung erbracht werden: benötigt werden Sicherungsinfrastrukturen. Sicherungsinfrastrukturen müssen die Leistungen bereitstellen, durch die die Teilnehmer der Telekooperation ihre Chipkarten, Namen für die Telekooperation, Schlüsselpaare und Zertifikate erhalten, sie sperren lassen können oder Daten über ihre Telekooperationspartner erhalten können. Diese Aufgaben einer Sicherungsinfrastruktur müssen von Instanzen wahrgenommen werden, denen die Telekooperationsteilnehmer vertrauen können. Sicherungsinfrastrukturen im Sinne einer Infrastruktur gibt es gegenwärtig noch nicht. Erste "Vertrauensinstanzen" werden allerdings zur Zeit eingerichtet, Sicherungsinfrastrukturen entstehen langsam in Forschungsprojekten und Felderprobungen.
Ziele des Forschungsprojekts
Die künftige Sicherungsinfrastruktur für offene Telekooperation wird die Handlungsformen, die Handlungsmöglichkeiten und die sozialen Beziehungen für Betroffene, in Organisationen und in der Gesellschaft verändern. Von einer neuen Infrastruktur werden weitreichende und langfristige Folgen ausgehen. Sie werden zu einem großen Teil in der Entstehungsphase der Sicherungsinfrastruktur bestimmt, weil spätere Korrekturen an Technik und Organisation nur schwer möglich sein werden und somit Sachzwänge entstehen können. Welche sozialen und politischen Implikationen diese neue gesellschaftliche Infrastruktur haben wird, ist deshalb sehr stark davon abhängig, wie sie in den kommenden Jahren technisch, organisatorisch und rechtlich ausgestaltet wird.
In dem von der Volkswagen Stiftung geförderten und von provet durchgeführten Forschungsprojekt "Soziale und politische Implikationen einer künftigen Sicherungsinfrastruktur" sollte daher soziales Gestaltungswissen für Sicherungsinfrastrukturen gewonnen werden. In der gegenwärtigen frühen Phase der Entstehung einer Sicherungsinfrastruktur bestehen sehr gute Aussichten, mit vorlaufender Technikgestaltung Hinweise sowohl für Technikentwickler zu geben, die in künftigen Produkten berücksichtigt werden können, als auch Leitlinien für den Gesetz- und Verordnungsgeber zu entwickeln, die der rechtlichen und organisatorischen Rahmensetzung zugrunde gelegt werden können. Fehlentwicklungen, wie eine neue Abhängigkeit der Gesellschaft von Sicherungsinfrastrukturen oder ihre Unverträglichkeit mit der Rechtsordnung, könnten durch Technikgestaltung von vornherein vermieden werden. Durch geeignete Gestaltungsentscheidungen könnten die Verletzlichkeit der Gesellschaft möglicherweise sogar reduziert, die Realisierungsbedingungen von Grundrechten verbessert und die Anwendergerechtheit der Technik und der Nutzungskonzepte angestrebt werden. Dies würde zur Akzeptabilität von Sicherungsinfrastrukturen beitragen und "Sachzwänge" oder Kosten für nachträgliche Änderungen vermeiden.
Forschungsergebnisse
Als Ausgangspunkt der Arbeiten wurde ein Szenario der künftigen
Sicherungsinfrastruktur-"Landschaft" entwickelt. Auf
der Grundlage dieses Szenarios wurde der Infrastrukturbegriff
erarbeitet und der Gestaltungsbedarf für Sicherungsinfrastrukturen,
ausgehend von normativen Kriterien, identifiziert. Um Ansatzpunkte
für die Gestaltung von Sicherungsinfrastrukturen zu erhalten,
wurden außerdem die gestaltbaren Merkmale von Sicherungsinfrastrukturen
herausgearbeitet. Gestaltungsansätze wurden für Schwerpunkte
vertieft.
Künftig werden viele Informationstechnik-Anwendungen der
Telekooperation Sicherungsfunktionen verwenden. Auf informationstechnische
Systeme übertragene soziale Funktionen könnten daher
auch von der Sicherungsinfrastruktur abhängig werden. Für
das Kriterium der Verletzlichkeit wurden deshalb für Gesellschaft,
Organisation und Individuum exemplarische Gestaltungsoptionen
entwickelt, die unterschiedliche Schadenspotentiale durch die
Anwendung von Sicherungsinfrastrukturen nach sich ziehen.
Rechtliche Folgen und Gestaltungsmöglichkeiten wurden für drei Bereiche untersucht. Zum ersten wurden die Einordnung von Sicherungsinfrastrukturen in die Rechtsordnung (z.B. öffentliche oder private Aufgabe) und relevante Regelungsbereiche (z.B. Verbraucher- und Datenschutz) aufgearbeitet. Zum zweiten wurde für die Kryptokontroverse, der Konflikt zwischen dem Schutz persönlicher Daten vor unbefugtem Zugriff mit Verschlüsselungsverfahren und den Interessen der inneren Sicherheit, abhören zu können, die Rechtslage dargestellt. Schließlich wurde eine rechtspolitische Gestaltungsstrategie für Sicherungsinfrastrukturen entwikkelt.
Für das Feld der psycho-sozialen Wirkungen konnte in einem ersten Ansatz der Begriff der "Sicherheitskultur" für digitale Signaturen und die damit zusammenhängenden Fragen der Sicherungsinfrastruktur konkretisiert werden. Aufgrund der geringen Praxiserfahrungen sind hier allerdings noch vielfältige Fragen zu untersuchen, um ein intersubjektives Verständnis und eine ausreichend ähnliche Nutzungsform von Sicherungsmechanismen durch die Beteiligten an Telekooperationsbeziehungen zu unterstützen.
Die Gestaltung von Technik, Organisation und Recht von Sicherungsinfrastruktur kann jedoch nur einen Teil der möglichen langfristigen Folgen beeinflussen. Veränderungen, wie auf dem Arbeitsmarkt oder für Arbeitsinhalte, in der zwischenmenschlichen (Tele-)kommunikation, eine mögliche Differenzierung zwischen Wissenden und Unwissenden oder Armen und Reichen, die aus der verstärkten Telekooperation entstehenden Risiken für das Recht auf informationelle Selbstbestimmung oder wachsende internationale Abhängigkeiten, können zwar von Sicherungsinfrastrukturen verstärkt werden. Sie sind aber alleine durch deren Gestaltung kaum zu beeinflussen. Vielmehr entsteht der Bedarf, in viel größerem Rahmen nach politischen Lösungen zu suchen, um die Anwendung von Sicherungsinfrastrukturen sozialverträglich zu gestalten.
Gegenwärtig werden in interministerieller Abstimmung in Bonn erste Entwürfe für rechtliche Rahmenbedingungen von Sicherungsinfrastrukturen entwickelt. Die im Projekt gewonnenen Ergebnisse werden in diese politische Diskussion eingebracht.
Literatur
Hammer, V. (Hrsg., 1995): Sicherungsinfrastrukturen - Gestaltungsvorschläge für Technik, Organisation und Recht. Berlin, Heidelberg 1995 (=Schlußbericht; s. auch unten).
Bizer, J. (1995): Rechtsprobleme der Vertraulichkeit elektronischer Kommunikation, in: Horster, P. (Hrsg.), Trust Center - Grundlagen, rechtliche Aspekte, Standardisierung, Realisierung. Braunschweig, 1995, 213 ff.
Hammer, V. (1995): Digitale Signaturen mit integrierter Zertifikatkette, in: Brüggemann, H.H./Gerhardt-Häckl, W. (Hrsg.), Verläßliche IT-Systeme. Braunschweig, 1995, 265 ff.
Roßnagel, A. (1995): Datenschutz in Sicherungsinfrastrukturen offener Telekooperation, DuD, 10/1995, 582 ff.
Roßnagel, A. (1995): Institutionell-organisatorische Gestaltung informationstechnischer Sicherungsinfrastrukturen, DuD 5/1995, 112 ff.
Bibliographische Angaben
V. Hammer (Hrsg.): Sicherungsinfrastrukturen. Gestaltungsvorschläge für Technik, Organisation und Recht. Berlin: Springer Verlag, 1995. 298 S., Brosch. DM 68,--. ISBN 3-540-60081-7
Kontakt
Volker Hammer
provet
Kasinostraße 5
D-64293 Darmstadt
Tel.: 06151/997636
Fax: 06151/282068
An der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) wurde jüngst ein interdisziplinäres Forschungsprojekt "Risiko und Sicherheit technischer Systeme" abgeschlossen. Das Projekt hatte zum Ziel, fachübergreifende und praktisch anwendbare Methoden für die Risikoanalyse, die Risikobewertung und das Risikomanagement technischer Systeme im Rahmen einer regionalen Sicherheitsplanung zu entwickeln.
Eine Anzahl von Teilprojekten befaßte sich mit der Risikoanalysetechnik in den Bereichen Chemie, Deponien, Transport gefährlicher Güter, Kernenergie, Biotechnologie (geschlossene Systeme) sowie mit der Durchführung einer regionalen Risikoanalyse. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe widmete sich der Bedeutung der Wahrscheinlichkeit beim Umgang mit technischen Risiken. Ein Teilprojekt erstellte eine Anleitung zur Datenhandhabung in Zuverlässigkeitsanalysen.
Im Bereich der Risikobewertung wurden die Bewertungsmethoden und -ansätze aus ingenieurwissenschaftlicher, soziologischer, ökonomischer, philosophischer, juristischer und naturwissenschaftlicher Sicht behandelt. Ein soziologisches Projekt zeigte auf, wie Akademiker die Rolle von Experten in Entscheidungsprozessen sehen. Eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe untersuchte die für die Risikobewertung zentrale Frage, welche negativen Auswirkungen überhaupt als "Schaden" erfaßt und der Bewertung zugrunde gelegt werden sollen. Ein Teilprojekt befaßte sich aus arbeitspsychologischer Sicht mit der Sicherheitskultur in verschiedenen Betrieben.
Ein diskursives Mitwirkungsmodell für die Mitsprache der betroffenen Bevölkerung bei Risikoentscheidungen wurde anhand eines konkreten Fallbeispiels erprobt und wissenschaftlich ausgewertet. Weitere Teilprojekte befaßten sich mit dem Einbezug von Störfallrisiken in die Raumplanung, mit den Möglichkeiten eines computergesteuerten Risikomanagements und insbesondere mit der Notfallplanung.
Die wesentlichen Ergebnisse werden in Form eines Schlußberichts der Öffentlichkeit vorgestellt.
Der Band gibt eine zusammenfassende Übersicht über alle Resultate des Polyprojekts. Nach einem Überblick über Entstehung, Zielsetzung und Ablauf des Projekts werden die Ergebnisse der einzelnen Teilprojekte und der interdisziplinären Arbeitsbereiche präsentiert. Eine Würdigung der Projektarbeit aus der Sicht der Projektleitung schließt den Band ab.
Zudem sind zahlreiche Teilberichte zu verschiedenen Aspekten des Themas erhältlich. Sie sind in zwei Publikationsreihen erschienen:
In der Reihe Dokumente sind die wissenschaftlichen Arbeiten dargestellt, in der Reihe Leitfäden sind praxisbezogene Handlungsanleitungen zusammengefaßt.
(Quelle: Verlagsprospekt)
Eine umfassende Literaturliste ist erhältlich bei:
vdf Hochschulverlag
ETH Zürich
ETH Zentrum
CH-8092 Zürich
Bibliographische Angaben
Wolfgang Kröger, Hansjörg Seiler, Adrian Georghe (Hrsg.): Technik, Risiko und Sicherheit. Abschlußbericht des Polyprojektes "Risiko und Sicherheit technischer Systeme" der ETHZ 1991 - 1994. 1995, ca. 80 Seiten, ca. Fr. 45,--. ISBN 3-7281-2296-3
von Ulrich Dolata, IIT
Mit zunehmender Anwendungsnähe und Praxisreife ist die neue Biotechnologie (Gentechnik/Zellfusion) nicht bloß in das Zentrum öffentlicher Dispute über Für und Wider, Sinn und Zweck, Chancen und Risiken gerückt, sondern zugleich weltweit zu einem wirtschaftlich interessanten und staatlich geförderten Innovationsfeld geworden. Wissenschaftlich aufgearbeitet wurde die politisch-ökonomische Formierung des neuen Technologiefeldes für die Bundesrepublik bislang allerdings kaum. Das unten annoncierte Buch möchte einen Beitrag zur Behebung dieses Defizits leisten: In ihm werden auf einer breiten empirischen Basis fünfzehn Jahre Biotechnologieentwicklung - Akteure und Akzentsetzungen, Defizite und Alternativen einer weltmarktorientierten Modernisierung - einer kritischen Bilanz unterzogen.
Allen Kontroversen und Widerständen zum Trotz hat sich die neue Biotechnologie in den vergangenen fünfzehn Jahren auch in der Bundesrepublik ökonomisch und politisch etablieren können - und zwar ganz wesentlich über drei diese Periode prägende Akzentsetzungen: (1) den Aufbau (groß-)industrieller Forschungs- und Produktionskapazitäten im In- und Ausland; (2) den Ausbau der öffentlichen biotechnologischen Forschungsinfrastruktur sowie (3) die rechtliche Absicherung und politische Legitimierung der umstrittenen Technologie.
(1) Auf der industriellen Seite haben - nach anfänglichem Zögern - vor allem die chemisch-pharmazeutischen Großunternehmen wie Bayer, Höchst, BASF, Schering, Böhringer Ingelheim und Böhringer Mannheim seit der ersten Hälfte der achtziger Jahre ihre entsprechenden Aktivitäten im In- und Ausland beträchtlich ausgeweitet. Sie verfügen mittlerweile über dichtgeknüpfte Netze aus internationalen Forschungs- und Produktionsstätten, Kooperationen und Beteiligungen auf diesem Gebiet, verfolgen eine ganze Reihe biotechnologischer Forschungs- und Entwicklungsprojekte und sind z.T. bereits mit ersten gentechnisch hergestellten Pharmaprodukten auf dem Markt. Obgleich sie keineswegs zu den frühen Pionieren in der Entwicklungsgeschichte der neuen Biotechnologie zählen, haben sich die deutschen Großunternehmen über ihre internationalen Forschungsstrategien, Investitions- und Produktionsentscheidungen im vergangenen Jahrzehnt zu zentralen Instanzen der Auswahl, Gestaltung und Verbreitung der Technik entwickelt.
(2) Ins Zentrum der Forschungspolitik war bereits Anfang der achtziger Jahre der massive Ausbau einer international konkurrenz- und industriell anschlußfähigen öffentlichen biotechnologischen Forschungsinfrastruktur gerückt - getragen von dem Ziel, der industriellen Forschung und Produktion ein leistungsfähiges öffentliches Pendant zur Seite zu stellen und zugleich die Transfers zwischen dem akademischen Forschungssystem und der Industrieforschung zu verbessern. Mittlerweile existiert mit der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF), den Genzentren und weiteren Schwerpunktprojekten als nationalen Kernen, ergänzt um ca. 450 biotechnologisch arbeitende Hochschulinstitute, etwa 30 Max-Planck-Institute und mehrere Großforschungseinrichtungen in der Tat ein auch im internationalen Vergleich sehr qualifiziertes öffentliches Forschungsnetz, dessen Beziehungen zum industriellen Forschungssystem sich in der vergangenen Dekade v.a. über Kooperationen, Verbundprojekte und zahllose informelle Kontakte erkennbar intensiviert haben.
(3) Flankiert und abgesichert wurde die biotechnologische Forschung und Produktion seit Anfang der neunziger Jahre durch eine konsequente, nahezu ausschließlich mit Wettbewerbs- und Standortargumenten unterlegte Politik der Deregulierung und Akzeptanzbeschaffung. Mit dem novellierten Gentechnikgesetz von 1993 und der Neufassung der Gentechniksicherheits-Verordnung von 1995 wurden nicht nur die Rahmenbedingungen für die biotechnologische Forschung und Produktion sukzessive liberalisiert: Die Genehmigungsverfahren wurden verkürzt und für den Großteil gentechnischer Arbeiten überhaupt abgeschafft, die Sicherheitsbestimmungen wurden nachhaltig gelockert und gesellschaftliche Beteiligungsmöglichkeiten stark zurückgedrängt. Unter dem Eindruck die Gesetzgebung begleitender massiver Öffentlichkeitskampagnen verlagerte sich schließlich auch der Schwerpunkt der gesellschaftlichen Debatte um die Gentechnik: Von der (nach wie vor notwendigen) Kommunikation über Risiken, Sicherheitsfragen und Bedarf auf Probleme der Wettbewerbsfähigkeit, Standortsicherung und Kommerzialisierung.
Obgleich sich die neue Biotechnologie auch heute noch in einer frühen Such- und Formierungsphase mit großen Unwägbarkeiten und kleinen Märkten befindet - lediglich im Pharmasektor existiert mittlerweile ein Weltmarkt für rekombinante Produkte von immerhin etwa 12 bis 13 Mrd. US-$ (1995); in anderen hochgehandelten Anwendungsbereichen gibt es dagegen nach wie vor lediglich vereinzelte und aufwendig produzierte Angebote, für die nicht selten noch Bedarf und Nachfrage gesucht werden -, ist sie nach den politisch-ökonomischen Akzentsetzungen der vergangenen fünfzehn Jahre auch in der Bundesrepublik kein beliebig gestaltbares oder gar reversibles Projekt mehr: In den entscheidungsrelevanten Zentren der Gesellschaft haben ökonomische Leitbilder und Regulative -Kommerzialisierung, Weltmarktkonkurrenz, Wettbewerbsfähigkeit, Standortsicherung - mittlerweile weit über den privatwirtschaftlichen Bereich hinaus handlungsorientierende Bedeutung erlangt.
Weltmarktorientierte Modernisierung: Diese strategische Leitlinie beherrscht längst nicht mehr lediglich das alltägliche Geschäft der Unternehmen, sondern setzt sich als wettbewerbsfördernde und standortsichernde Biotechnologiepolitik nahezu bruchlos auf der staatlichen Ebene fort und hat auch die kooperativ eingebundenen und transferorientiert ausgerichteten Teile des öffentlichen Forschungssystems erfaßt. Die wissenschaftliche Entwicklung, politische Absicherung und ökonomische Verwertung der neuen Biotechnologie werden zunehmend zusammengehalten und getragen vom alles andere dominierenden Bestreben, im weltweiten Wettlauf um diese Technologie innovativer, effizienter, schneller und erfolgreicher als die jeweils anderen zu sein.
Die Alternative eines behutsamen, diskursiven und wo nötig entschleunigten Umgangs mit dieser noch jungen Technologie, über deren potentielle Risiken und Folgeprobleme nach wie vor überwältigendes Unwissen herrscht, droht unter diesen Bedingungen weltmarktorientierter Beschleunigung ein weiteres Mal auf der Strecke zu bleiben. Dabei müßte sie keineswegs zwangsläufig den Standort gefährden und die Wettbewerbsfähigkeit untergraben: Hohe Sicherheitsstandards und ein insgesamt behutsamerer Umgang mit der neuen Technologie könnten sich längerfristig zu Gütesiegeln für hier entwikkelte und hergestellte Produkte und Verfahren entwickeln; der zeitweilige oder generelle Verzicht auf als zu gefährlich oder sozial unerwünscht eingestufte Entwicklungen ließe angesichts der beachtlichen Potentiale der neuen Biotechnologie genug Möglichkeiten für industriell verwertbare Entwicklungen offen; und die (staatliche) Förderung alternativer technischer Entwicklungspfade könnte Grundsteine für neue, ökologisch verträgliche und sozial akzeptierte technische Anwendungen mit entsprechenden Marktpotentialen legen.
Bibliographische Angaben
Ulrich Dolata: Politische Ökonomie der Gentechnik. Konzernstrategien, Forschungsprogramme, Technologiewettläufe. Berlin: edition sigma, 1996. 228 S., DM 34,80.ISBN 3-89404-407-1
Kontakt
Dr. Ulrich Dolata
Institut für Interdisziplinäre
Technikforschung (IIT)
Donaustraße 102/104
D-28199 Bremen
Tel./Fax: 0421/591607
[Eine ausführliche Rezension des Buches ist für die nächste Ausgabe der TA-Datenbank-Nachrichten vorgesehen (siehe auch die Buchankündigungen).]
Das Rationalisierungs-Kuratorium der Deutschen Wirtschaft (RKW) gab Mitte des Jahres 1993 das Projekt "Marktpotentiale und Unternehmensanforderungen für mittelständische Unternehmen in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg im Zuge der Anwendung von Biotechnologien" beim Institut für Regionale Innovationsforschung (IRI, Berlin), in Auftrag, um zukünftige Markt- und Beschäftigungschancen für kleine und mittlere Biotechnologie-Unternehmen in beiden Bundesländern zu identifizieren und die Grundlagen für die weitere Entwicklung dieser Potentiale zu analysieren. Damit sollen der öffentlichen Hand, Verbänden, Gewerkschaften sowie kleinen und mittleren Unternehmen Beratungs- und Entscheidungshilfen für die Förderung der Anwendung der Biotechnologie anhand qualifizierter Unterlagen zur Verfügung gestellt werden. Im Juni 1995 wurde das Projekt mit der Fertigstellung des Endberichts und seiner Kurzfassung abgeschlossen.
Bereits konkret auf den Märkten tätige Biotechnologieunternehmen stehen im Mittelpunkt der Studie. Absicht dieser Studie war es vor allem, ausgehend von der Unternehmensperspektive und unter Berücksichtigung regionaler Entwicklungsbedingungen beider Bundesländer diejenigen Faktoren und Prozesse genauer zu charakterisieren, die beim Aufbau und der Erschließung von Marktpotentialen eine entscheidende Rolle spielen.
Die Bearbeitung des Projekts erfolgte in zwei größeren Hauptphasen. In der ersten wurden Anwendungsfelder mit besonderer Relevanz für das jeweilige Bundesland herausgearbeitet. Dazu erfolgte eine Potentialerhebung (schriftliche und telefonische Befragung von Forschungseinrichtungen und Unternehmen), eine Abschätzung des Entwicklungsstandes biotechnologischer Anwendungsfelder sowie eine erste Analyse regionaler Problemlagen mit erkennbarem Bezug zur Biotechnologie.
In der zweiten Phase wurden Fallstudien über "Kernunternehmen" und deren Umfelder auf ausgewählten biotechnologischen Anwendungsfeldern erarbeitet, in den Kontext des entsprechenden Anwendungsfeldes eingeordnet, anwendungsbezogene Schlußfolgerungen abgeleitet und Szenarien entwickelt. Aus dem Vergleich der sechs Fallstudien und der biotechnologischen Anwendungsfelder untereinander wurden weitergehende Schlußfolgerungen hinsichtlich der Marktchancen und Beschäftigungswirkungen kleiner und mittlerer Biotechnologie-Unternehmen sowie der Möglichkeit, diese zu fördern, abgeleitet.
Von den insgesamt 295 Einrichtungen, die in den beiden Bundesländern
angesprochen wurden (110 in Brandenburg, 185 in Mecklenburg-Vorpommern),
waren 134 Unternehmen biotechnologie-relevant. In der zweiten
Projektphase wurden 82 vertiefende Interviews im Rahmen der Fallstudien
durchgeführt, davon 12 in Kernunternehmen.
Fallstudien wurden zu folgenden Anwendungsbereichen durchgeführt:
- "Biologische Bodensanierung"
(Mecklenburg-Vorpommern und
Brandenburg)
- "Biologische Abwasserbehandlung"
(Mecklenburg-Vorpommern)
- "Biologische Abfall- und Reststoffbehandlung" (Brandenburg)
- "Medizinische Analytik und Diagnostik"
(Mecklenburg-Vorpommern und
Brandenburg)
Bestandteil des Projekts war die Erarbeitung von Szenarien für die Entwicklung von Marktpotentialen auf den Anwendungsfeldern unter den Annahmen
a) restriktive Entwicklungsbedingungen
b) linear allmählich positive Entwicklungsbedingungen und
c) dynamisch positive Entwicklungsbedingungen.
Mit diesen Szenarien sollen im realitätsnahen Zeitraum von bis zu 10 Jahren die entsprechenden Akteure für die sich dynamisch entwickelten Umfelder sensibilisiert werden.
Die Ergebnisse der Studie stellen zum einen den in den Anwendungsfeldern der Biotechnologie tätigen Unternehmen zahlreiche Materialien zur Verfügung, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen und ihre Geschäftsfelder strategisch auf den Märkten zu positionieren. Andererseits bietet sie den Landesregierungen, den Wirtschaftsverbänden, den Gewerkschaften und den wissenschaftlichen Einrichtungen sowie den Technologietransfereinrichtungen eine komprimierte Darstellung der Handlungsbedingungen der Akteure in den regional relevanten Handlungsfeldern der Biotechnologie. Kleinen und mittleren Unternehmen sollen Beratungs- und Entscheidungshilfen für die Förderung der Anwendung der Biotechnologie anhand qualifizierter Unterlagen zur Verfügung gestellt werden.
Neben dem Abschlußbericht und der Kurzfassung sind im Rahmen des Projekts mehrere Zwischen- und Teilberichte, u.a. zu den Fallstudien, den rechtlichen Rahmenbedingungen veröffentlicht worden.
(Quelle: aus der Kurzfassung)
Bibliographische Angaben
Rationalisierungskuratorium der Deutschen Wirtschaft e.V. (Hrsg.): Biotechnologien in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Kurzfassung. (Untersuchung des Instituts für Regionale Innovationsforschung (IRI)). Eschborn, 1995.
Kontakt
Michael Gassner
Rationalisierungs-Kuratorium der
Deutschen Wirtschaft e.V.
Düsseldorfer Straße 40
D-65760 Eschborn
Tel.: 06196/495-276
Fax: 06196/495-303
Ohne eine Reduzierung von Stoffströmen, Stoffumsätzen und Ressourcenverbrauch ist eine nachhaltige Verringerung der Abfallmengen nicht zu erreichen. Abfall- und Rückstandsvermeidung durch Maßnahmen "an der Quelle" zielen auf eine Verringerung des Ressourcenverbrauchs und des Schadstoffeintrags in den Abfall. Eine Konkretisierung dieser Ziele und deren Instrumentierung hat, ebenso wie jegliche Prioritätensetzung in der Abfallpolitik und bei Vermeidungsstrategien, die Zusammenhänge zwischen Produktion, Konsum und Entsorgung zu berücksichtigen.
Derzeit gilt das Hauptinteresse einer Mengenreduzierung durch Verwertung und durch eine möglichst weitgehende Kreislaufführung von Sekundärrohstoffen. Angesichts der Anstrengungen zur Verwertung besteht die Gefahr, daß die Vermeidung von Rückständen und Abfällen auch weiterhin ein Schattendasein fristet. Eine Abfallpolitik, die dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung entsprechen will, muß sich - über die Möglichkeiten, die die Verwertung bietet, weit hinaus - mit der Frage nach den Möglichkeiten der Senkung des Stoff- und Naturverbrauchs auseinandersetzen. Anworten auf diese Frage können nicht nur in technologischen Innovationen und einer ökologischen Modernisierung gesucht werden. Vielmehr stehen Strukturveränderungen zur Debatte, die dem Leitbild einer abfallarmen Wirtschafts- und Lebensweise folgen. Das vorliegende Buch enthält die Ergebnisse der Studie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) zu dieser Thematik.
Die Studie gibt einen Überblick über Instrumente und Maßnahmen zur Umsetzung der Abfallvermeidung sowie über die Effektivität bisheriger und geplanter bzw. diskutierter Instrumente. Anhand verschiedener Strategien wird gezeigt, wie die Vermeidung als prioritäres Ziel der abfallwirtschaftlichen Zielehierarchie gestärkt werden könnte. Dabei stehen folgende Fragen im Mittelpunkt:
- Welche Instrumente bieten sich für die Umsetzung von Strategien zur Abfallvermeidung besonders an?
- Wie könnten bestehende Instrumente gebündelt werden, wie wären sie eventuell weiterzuentwickeln, um zusammen mit bisher noch nicht eingesetzten Instrumenten den Stoffdurchsatz zu verringern bzw. nicht weiter zu erhöhen und den Schadstoffgehalt zu reduzieren?
- Wie könnte der gesetzliche Rahmen eines Stoffrechts aussehen, das flexible marktwirtschaftliche Lösungen zuläßt und weitgehend ohne starre Regelungen für Einzelstoffe auskommt?
Weiterhin liefert die Studie einen Beitrag, um die Diskussion über die Bewertungsproblematik anzuregen und weiterzuführen. Die bisher angewendeten Kriterien sind sehr allgemein formuliert, wenig operationalisiert und meist nicht klar differenziert. Sie können daher nicht unmittelbar als Entscheidungsgrundlage dienen. Folgende Fragen werden vertieft behandelt:
- Welche Bewertungsansätze von Stoffen und Produkten aufgrund ihrer ökotoxikologischen Folgen werden zur Zeit diskutiert? Welche Alternativen sind vorstellbar?
- Welche Kriterien werden zur Produkt- und Produktgruppenbewertung herangezogen?
- Welche Möglichkeiten gibt es, Kriterien für einen ökologisch, sozial und ökonomisch verträglichen Konsum mit dem Ziel der Abfallvermeidung zu gewinnen, und wie kann dabei Alltagswissen mit einbezogen werden?
(Quelle: Verlagsprospekt)
Bibliographische Angaben
Anneliese Looß und Christiane Katz: Abfallvermeidung. Strategien, Instrumente und Bewertungskriterien. Berlin u.a.: Erich Schmidt Verlag, 1995. (Reihe Abfallwirtschaft in Forschung und Praxis; Bd. 81) DM 68,--, 216 S. ISBN 3-503-038957