DISKUSSIONSFORUM

Entschleunigung durch "demokratische Behutsamkeit"?

Zur Kritik der "Politischen Ökonomie der Gentechnik" von Dolata

Rezension von Fritz Gloede, ITAS

1. Phänomenologisches

Beginnend mit der Arbeit an seiner Dissertation zur "weltmarktorientierten Modernisierung" (Dolata 1992) hat sich Ulrich Dolata mit den politischen und ökonomischen Formierungen der Gentechnik in Deutschland befaßt und dazu eine Reihe kritischer Publikationen vorgelegt, die auch bei Promotoren der "Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts" Beachtung gefunden haben. Das in diesem Jahr erschienene Buch mit dem anspruchsvollen Titel "Politische Ökonomie der Gentechnik" (Dolata 1996) kann als vorläufiges Resümee seiner material- und kenntnisreichen Nachforschungen zum wissenschaftlich-technischen Potential der neuen Biotechnologie (Kapitel I), zu ihren internationalen Entwicklungsmustern (Kapitel II), zu den einschlägigen Aneignungsstrategien deutscher Unternehmen (Kapitel III) sowie zur politischen und rechtlichen Regulierung der Gentechnik in Deutschland (Kapitel IV) angesehen werden.

In einem bilanzierenden Schlußkapitel werden die vorgelegten Befunde auf die generalisierende Frage zugespitzt, ob die Regulierungsdefizite eines weltmarktorientierten Technologiewettlaufs ("riskante Beschleunigung") durch einen alternativen Entwicklungstyp "demokratisch legitimierter Behutsamkeit" zu vermeiden wären (vgl. auch: TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 1/1996, S. 54 ff.). Dolata selbst bezeichnet seinen recht knapp gefaßten Gegenentwurf (vgl. auch: Dolata 1992, S. 362-370) als "reformorientiertes Minimalprogramm", dessen Berechtigung zwar einleuchten solle, dessen Realisierung jedoch "Veränderungen der politischen Kräftekonstellationen im Lande" voraussetze (1996, S. 204). Abgesehen von der Frage, wie demgegenüber ein "Maximalprogramm" aussähe, erschließt sich der Sinn des Attributs "reformorientiert" durch die Behauptung des Autors, die Durchsetzung des Minimalprogramms gefährde keineswegs zwangsläufig den Standort Deutschland oder untergrabe die Wettbewerbsfähigkeit der betroffenen Unternehmen. Die angesprochenen Unternehmen sehen das bekanntlich anders, und Dolata weiß dies. Warum sonst sollte die "Mobilisierung von sozialen Gegenkräften gegen die vorherrschenden Formen der Technikentwicklung und durchsetzung" erforderlich sein?

Wie kommt es zu dem offensichtlichen Paradoxon? Sperren sich die Träger der technisch-ökonomischen Entwicklungsdynamik gegen wissenschaftlich verbürgte gesellschaftliche Vernunft? Oder werden in klassisch-idealistischer Weise abstrakt kaum strittige Normen (Bedarfsorientierung, Risikominimierung, Optionenvermehrung, Demokratisierung) gegen eine "schlechte Wirklichkeit" ausgespielt?

2. Rätselhaftes

Schauen wir näher hin. Je mehr wir im vorliegenden, über weite Strecken deskriptiv gehaltenen Buch über die politisch-ökonomische "Formierung des neuen Technologiefeldes" erfahren, desto unabweisbarer stoßen wir auf offene Fragen. Dabei will ich gerne einräumen, daß nicht zuletzt Dolatas Arbeiten es ermöglichen, sie überhaupt zu stellen.

Trauen wir dem Autor, so steht bereits am Beginn der Geschichte eine ungewollte Freisetzung - nämlich der "Ausbruch" der neuen Biotechnologie "aus den Abgeschiedenheiten der akademischen Grundlagenforschung" (1996, S. 11). Dolata behandelt wohl nicht zufällig wissenschaftlich-technische Entwicklungen als exogene Variable; in einer problematischen Tradition der Ökonomie finden sie erst Interesse, wenn sie aus dem Stadium einer erklärenden und entdeckenden ins Stadium einer erfindenden und konstruierenden Wissenschaft übergehen (a.a.O., S. 17). Demgegenüber wäre daran zu erinnern, daß die moderne Molekularbiologie ihre Karriere einer gezielten forschungspolitischen Beeinflussung des Wissenschaftsprogramms der Biologie vor allem durch die Rockefeller Foundation in den 30er und 40er Jahren verdankt (vgl. etwa Yoxen 1982, Urban 1986) - und dies wiederum vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise von 1929 und daran sich anschließende Hoffnungen auf einen neuen Schub wissenschaftlich-technischer Innovation (vgl. etwa Gottweis 1995). Eine der damaligen Schlüsselpersonen, Warren Weaver, war alles andere als ein Freund abgeschiedener akademischer Grundlagenforschung. Auch anderen Promotoren der neuen Biotechnologie stand schon damals der "praktische Nutzen" ihres Programms vor Augen: die wissenschaftliche Beeinflussung biologischer Prozesse zwecks technologischer Ausbeutung im Rahmen einer industriell organisierten Aktivität (Velander, zit. nach Bud 1993, S. 96).

Die ersten praktischen Erfolge rekombinierender Molekularbiologie seit Beginn der 70er Jahre lösten Dolata zufolge euphorische Anwendungsvisionen und optimistische Marktprognosen aus (1996, S. 19 ff.). Wenn auch erneut zu vermerken wäre, daß solche euphorischen bzw. erschreckenden Visionen bereits viele Jahre früher kursierten (vgl. Wess 1989), so stellt sich doch in diesem Zusammenhang die erste Frage. Gerade Dolata ist nicht müde geworden, die Überzogenheit vieler solcher Prognosen nachzuweisen. Ob sich die Gentechnik tatsächlich zur erwarteten und beschworenen "Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts" entwickeln wird, scheint ihm mit guten Gründen durchaus noch offen (1996, S. 36 ff.). Umso mehr läge es allerdings nahe, sich Gedanken über die Ursachen und den Stellenwert jener euphorischen (und in gewissen Abständen erneuerten) Prognosen zu machen. Handelt es sich schlicht um wishful thinking? Wenn ja, welchen Interessen entspringt dieses Denken? Oder kommt es womöglich gar nicht auf die Realisierung solcher Prognosen an? Dann läge die Deutung näher, statt Hoffnungen prägte Angst den internationalen Wettlauf um die hypothetischen Chancen - die "Angst, im Zweifelsfall den Anschluß an die internationale Entwicklung zu verpassen" (1996, S. 66).

So könnten dann aus haltlosen Prognosen rückgekoppelte selffulfilling prophecies werden, gerade wenn man an die forschungspolitische Popularität von Delphi-Studien denkt.

Jedenfalls dürften es die wissenschaftlich-technischen Potentiale der Molekularbiologie (um deren ökonomische Verwertung es geht) gerade wegen ihres bisher nur partiell eingelösten Versprechens einer Technologisierung von Lebensprozessen kaum sein, die das von Dolata beobachtete globale Wettrennen um diese "Querschnittstechnologie" verständlich werden lassen. Vor diesem Hintergrund hat der Autor früher sogar einmal Zuflucht zu psychologischen Erklärungen zu nehmen versucht und von "Wettlaufpsychosen" (1992, S. 350) gesprochen. Die zentrale Bedeutung dieses "Rätsels" ergibt sich allein daraus, daß alle weiteren Analysen des unternehmerischen und internationalen Innovationsmanagements wie auch der politischen Aufgeregtheiten um den Standort Deutschland die zukunftsentscheidende Bedeutung der Gentechnik als Prämisse erkennen lassen.

Damit wären wir beim zweiten Rätsel angelangt. Bestandteil der politischen "Aneignung" und "Formierung" gentechnischer Innovation ist neben dem Aufbau einer entsprechenden Forschungs- und Transfer-Infrastruktur bekanntlich die staatliche Regulierung bzw. Deregulierung der Gentechnik. Dolata hat sich auch zu diesem Thema bereits mehrfach zu Wort gemeldet und gegen die herrschende Meinung zwei Einschätzungen vertreten:

- die gesetzlichen Regelungen der Gentechnik in Deutschland seit 1990 seien im internationalen Vergleich weder besonders restriktiv (und in ihrer Wirkung bis 1992 kaum zu beurteilen);

- die mit Überregulierung und bürokratischen Hemmnissen in Zusammenhang gebrachte Abwanderung von Forschung und Industrie aus Deutschland habe im wesentlichen ganz andere Gründe (und sei zudem nicht derart gravierend, wie immer behauptet) (1996, S. 168 ff.; vgl. auch S. 113 ff.).

Gerade wenn man diese beiden Einschätzungen teilt, stellt sich die Frage, warum die Allianz aus Industrie, Wissenschaft und Politik (S. 170 ff.) mit nicht unbeträchtlichem Aufwand die gegenteilige Auffassung nicht nur bis zum heutigen Tage vertreten, sondern ihr auch nachhaltig Geltung verschafft hat. Zwei Antworten bieten sich an. Die eine Antwort läuft darauf hinaus, daß es bei der Regulierungspolitik der vergangenen Jahre vornehmlich um den Versuch gegangen ist, für die noch immer umstrittene Technologielinie gesellschaftliche Akzeptanz zu erreichen und ihre "Stigmatisierung" (Winnacker) durch eine Spezialgesetzgebung zu beseitigen, deren Prämisse jedenfalls prinzipiell besondere Risiken sind.

Die andere Antwort geht hingegen davon aus, daß die geschilderte Deregulierung tatsächlich "einen Beitrag zur Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des Industrie- und Forschungsstandorts Deutschland" (1996, S. 181) geleistet habe. Das erstaunlichste ist, daß sich diese Antwort bei Dolata findet. Also handelt es sich auch hier nicht um Psychosen und Wahnvorstellungen, sondern um "Anforderungen der Ökonomie", auf die die Politik sich unter Hintanstellung von Vorsorgeaufgaben eingelassen hat (S. 182)?

Im Anschluß an neuere techniksoziologische Arbeiten geht Dolata bei seiner generalisierenden Bilanz davon aus, daß Technikentwicklung als sozial gestalteter, hochselektiver, aber langfristiger Suchprozeß zu begreifen ist, der sich über historisch kontingente Konfigurationen von Akteuren vermittelt, aber durch objektiv wirkende gesellschaftliche Macht- und Regulierungszusammenhänge limitiert ist (1996, S. 184 ff.). Hinsichtlich der Gentechnik-Entwicklung kommt er jedoch zu dem Schluß, daß das Milieu internationaler Technologiewettläufe zu einer "Beschleunigung und Verfestigung dieser problembehafteten Technologie" führt (S. 202), zu einem "abgekoppelten Selbstläufer der internationalen Konkurrenz" (S. 197). Was nun, so könnte man fragen - Gestaltung oder Selbstlauf? Dolata negiert diese Alternative, indem er die Deutung nahelegt, es handele sich gleichsam um einen gestalteten Selbstlauf. So klagt er die staatliche Politik vorwurfsvoll an, sie habe ihre durchaus vorhandenen Gestaltungsmöglichkeiten nur "sehr eingeschränkt und selektiv genutzt" (S. 191), bzw. sich mit Einflußnahmen auf die konkrete Ausgestaltung und Durchsetzung der Technik sehr zurückgehalten (S. 197). Daß die Nutzung von Möglichkeiten nur selektiv erfolgen kann, dürfte nachgerade trivial sein - und bekanntlich stellen non-decisions eben auch Entscheidungen dar.

Ein Teil der Ungereimtheiten erklärt sich sicher daraus, daß Dolata weniger an Entscheidung und politischen Einfluß per se denkt, sondern vielmehr an solche Interventionen, die seinen Vorstellungen von demokratischer Behutsamkeit entsprächen. Daher stellt sich die neue Biotechnologie nun in der Tat als "kein beliebig gestaltbares oder gar reversibles Projekt mehr" dar (S. 195). Aber dies wäre nicht der wesentliche Einwand. Die systematische Frage ist auch auf dieser Ebene der Generalisierung, ob die Gentechnik-Entwicklung sich eher als durchaus "gestalteter" Prozeß vollzogen hat, dessen Manko es aus kritischer Sicht wäre, "unter weitgehendem Ausschluß gesellschaftlicher Beteiligungs- und Kontrollmöglichkeiten" und im wenig zugänglichen "Bereich privatwirtschaftlich eingeengter Rationalitätskonzepte" (Hack) abgelaufen zu sein (S. 196 f.)?

Oder aber, und auch dies legen Passagen bei Dolata nahe, muß man bei "Selbstlauf" eher an die Zwänge globaler technisch-ökonomischer Konkurrenz denken, die die unternehmerischen Akteure "zur Eile drängen" (S. 199) - bei Strafe von Konkurs und vermehrter Arbeitslosigkeit?

Nicht zuletzt von Antworten auf diese Fragen dürfte es schließlich abhängen, ob "Alternativen zum so charakterisierten Typ weltmarktorientierter Technikentwicklung denk-, mach- und durchsetzbar" sind (S. 202).

3. Politische Ökonomie der Gentechnik oder politische Ökonomie kapitalistischer Industriegesellschaften?

"Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht."
Georg Christoph Lichtenberg (1742-99)

Die bisherige, zugegeben selektive, Sichtung von Dilemmata und Paradoxien der Dolataschen Darstellung einer "gesellschaftlichen Erzeugung von Sachzwängen" (Hack) hat grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von strukturellen Zwängen, Handlungsstrategien organisierter Akteure und sekundären Rationalisierungen sowohl vermeintlicher Zwänge als auch maßgeblicher Handlungsmotive aufgeworfen. Eine systematisch entwickelte Antwort läßt sich in der vorliegenden Arbeit nicht finden. Dolatas Gentechnik-Monographie leidet diesbezüglich darunter, daß sie sich auf ihr Thema zu konzentrieren versucht und den weiteren sozio-ökonomischen Rahmen (vgl. Dolata 1992) in ihrer 1-seitigen "methodologischen Vorbemerkung zur Technikentwicklung als machtasymmetrischem Prozeß" (1996, S. 184) kaum anzudeuten vermag. Doch liegt es wirklich an der pragmatisch begründbaren Fokussierung auf eine einzige Techniklinie, wenn sich der Eindruck paradoxer Gedankenführungen aufdrängt? Ich fürchte, nein. Vielmehr liegt seiner Konzeption ein grundsätzlicheres Dilemma zugrunde, das sich auch in anderen techniksoziologischen Arbeiten antreffen läßt. Dolata kann und will sich nicht zwischen einer eher handlungstheoretischen und einer eher struktur- oder systemtheoretischen Analyseperspektive entscheiden.

Eine handlungstheoretische Rekonstruktion der Gentechnik-Entwicklung als Abfolge von Entscheidungen, die aus kritischer Perspektive anders hätten ausfallen sollen, müßte durchgängig auf die partikularen Interessen der durch Machtasymmetrien begünstigten Akteure abstellen. Dabei hätte die Analyse der tangierten Interessengegensätze (Entscheider-Betroffene) eine bedeutsame Rolle gespielt. Dann jedoch wäre die vom Autor vorgenommene Berufung auf ein gemeinsames Gutes, die den abstrakten Appellen an "Gestaltung" oder "Risikominimierung" zugrundeliegt, recht zweifelhaft und mindestens erheblich begründungsbedürftig gewesen.

Eine struktur- oder systemtheoretische Rekonstruktion hätte dagegen eher auf Funktionen technologischer "Umbrüche" für Wirtschaft und Gesellschaft fokussiert und dabei weniger auf artikulierte Wahrnehmungen und Interessen von Akteuren gesetzt, als vielmehr auf systemische Bestandsbedingungen und Zwänge, die sich auch hinter ihrem Rücken geltend machen. In diesem Fall wäre freilich nicht eine "politische Ökonomie der Gentechnik", sondern - im Sinne des Autors - eine politische Ökonomie kapitalistischer Industriegesellschaften nötig gewesen. Andererseits aber wäre die suggestive Rede von der "Gestaltbarkeit" sozialer Technikentwicklung erheblich unter Druck geraten. *)

Dolata streift zwar immer wieder auch den strukturtheoretischen Zugang, macht ihn jedoch nicht konsequent zur Grundlage seiner Argumentation (1996, S. 189 ff.; vgl. 1992, S. 216 ff.). Die von ihm als Hintergrundorientierung präferierte Regulationstheorie gesellschaftlicher Restrukturierungsprozesse, die die von mir behauptete Kluft zwischen handlungs- und systemtheoretischen Perspektiven aufzuheben verspräche, liegt bisher nicht in ausgearbeiteter Form vor (Hirsch 1993, S. 198). Ob dies jemals der Fall sein wird, darf nicht nur angesichts der eminenten Komplexität ihrer Gegenstandskonzeptualisierung bezweifelt werden. Jedenfalls aber widmet dieses Konzept ökonomischen Strukturen und darauf bezogenen Akkumulationsproblemen doch erheblich größere Aufmerksamkeit als Dolatas Arbeit, die ihren theoretischen Referenzen leider kaum mehr abgewinnt als eine allgemeine Heuristik (vgl. 1992, S. 240). So ist etwa ganz allgemein von "Triebkräften" die Rede, doch ihre nähere politisch-ökonomische Bestimmung fehlt. Solche Leerstellen machen es dann möglich, das frühere BMFT (als fraglos relevanten Akteur der Gentechnikentwicklung in Deutschland) ebenfalls als "Triebkraft" (1996, S. 186) zu bezeichnen.

Im Hinblick auf die zentrale Frage, welche Momente und Faktoren den gesellschaftlichen "Gestaltungsspielraum" bei der Technikentwicklung eigentlich konstituieren wie limitieren, führt die theoretische Unentschiedenheit schließlich zu einer doppelt tautologischen Überlegung. Die Möglichkeitsräume der Technikentwicklung, so Dolata, seien einerseits durch die "historischen wissenschaftlich-technischen Möglichkeiten" begrenzt und andererseits durch ein "Geflecht politischer, ökonomischer und sozialer Beziehungen" (1992, S. 236), denen die "Umbrüche" nicht entkommen könnten. Dolata will sich einerseits nicht auf "Objektivität" festlegen, die durch gesellschaftliches Handeln nicht zu verflüssigen wäre. Andererseits aber möchte er auch nicht einer grenzenlosen Verfügbarkeit von "Objektivität" das Wort reden. Beim Versuch jedoch, zwischen der Skylla des Objektivismus und der Charybdis des Subjektivismus hindurchzusegeln, verweist Technik bei ihm auf Technik und Gesellschaft auf Gesellschaft, ohne daß die Kontigenzen näher bestimmbar erscheinen. Zudem läßt die zitierte Tautologie, daß technische Möglichkeiten durch technische Möglichkeiten begrenzt seien, erkennen, daß Dolata ein sozialwissenschaftlicher Technikbegriff fehlt, der "Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis und technologischer Umsetzungen" auch in der "Tücke des Objekts" zu erblicken vermag. Die zweite Tautologie, daß die Möglichkeiten sozialer Gestaltung durch die Grenzen sozialer Gestaltbarkeit ("Geflechte sozialer Beziehungen") begrenzt seien, wirft handlungstheoretisch immerhin die Frage auf, warum angesichts wahrgenommener Gestaltungsspielräume gegenüber "der Technik" nicht auch diese sozialen Verhältnisse gestaltbar sein sollten. Wo dies in überschaubaren Zeiträumen nicht möglich erscheint, liegt eben der Ansatzpunkt strukturtheoretischer Perspektiven, die insoweit berechtigt von der "Objektivität" der Verhältnisse bzw. von der Sinnhaftigkeit entsprechender theoretischer Konstrukte ausgehen kann.

Wo bleibt dann aber die Kritik?

4. Kritik als Appendix einer politischen Ökonomie?

Es steht zu vermuten, daß es neben allen wissenschaftlichen Skrupeln gegenüber den Gefahren einer objektivistischen Sichtweise der Bedarf an Kritik ist, der zum Versuch bewegt, handlungs- und strukturtheoretische Konzepte zu amalgamieren. Doch führt dieser Weg wirklich zum gewünschten Erfolg? Oder wird, wie ich an anderer Stelle bereits vermutete (TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 3, 1994, S. 39), am Ende nicht beides verfehlt - die Theorie und die Begründung der Kritik?

Wenn es denn richtig ist, was Dolata über den Charakter der globalen Weltmarktkonkurrenz und der in sie eingebetteten Technologiewettläufe berichtet, wie sollte dann eine - wenn auch demokratisch legitimierte - Entschleunigung und Behutsamkeit verträglich mit dieser politisch-Ökonomischen Grundlage sein (1996, S. 202 ff.)? Dolata weiß sicher, daß mittlerweile eine breite Debatte darüber begonnen hat, inwieweit nationalstaatliche Demokratie überhaupt noch mit jenen Globalisierungstendenzen vereinbar und aussichtsreich erscheint (vgl. Deppe 1995 m.w.N.). Daß die Programmpunkte seiner Alternative mit den bestehenden Systemstrukturen grundsätzlich kompatibel seien, bleibt letztlich unausgeführtes Postulat. Andere Autoren argumentieren erheblich breiter, thematisieren andererseits aber auch explizit das Dilemma eines "radikalen Reformismus" ohne strukturelle Alternativen (Hirsch 1994, S. 20). Dolata ist in diesem Zusammenhang der Vorwurf nicht zu ersparen, daß seine noch 1992 geäußerten Fragen und Zweifel in der neuen Arbeit gänzlich getilgt sind. Zu Recht hatte er damals nach der virtuellen Reichweite (demokratischer) politischer Entscheidungen gegenüber gesellschaftlichen Prozessen wie nach dem Verhältnis von öffentlicher Willensbildung, Entscheidung und Entscheidungsfolgen gefragt (1992, S. 368). Der seinerzeit von ihm reklamierte Forschungsbedarf angesichts zahlreicher ungeklärter Fragen besteht nach wie vor.

Von elementarer Bedeutung dürfte es hier jedoch sein, mit welchen theoretischen Brillen in welche Richtungen geschaut wird. Die abstrakte Moralisierung sozialer Folgen einer "riskanten Beschleunigung" scheint mir als Leitschnur wenig geeignet. Vielmehr könnte es nach wie vor theoretisch fruchtbarer sein, in strukturellen Widersprüchen der beobachtbaren gesellschaftlichen Entwicklung die Bedingungen der Möglichkeit gesellschaftlicher Veränderung aufzusuchen.

*) Ich kann an dieser Stelle die eigentlich erforderliche Auseinandersetzung mit dem in vielen Farben bzw. Systemreferenzen schillernden Begriff der "Gestaltung" nicht führen. Sicher scheint mir jedenfalls, daß er in der meist anzutreffenden Abstraktheit weitgehend metaphorischen Charakter hat und eher verdeckt, welche Handlungs- und Beeinflussungsspielräume welchen Akteuren im Hinblick auf welche Ziele und "Objekte der Begierde" eigentlich offenstehen. Daran anschließend erst ließe sich präzisieren, welche virtuelle Bedeutung einer antizipierenden Technikfolgen-Abschätzung im Zeitalter des globalen "technology race" überhaupt noch zukommen kann (vgl. 1996, S. 200 ff.).

Literatur

Bud, Robert: The uses of life: a history of biotechnology. Cambridge University Press 1993.

Deppe, Frank: Politik am Ende des 20. Jahrhunderts. Hamburg 1995.

Dolata, Ulrich: Weltmarktorientierte Modernisierung. Frankfurt/New York 1992.

Dolata, Ulrich: Politische Ökonomie der Gentechnik. Konzernstrategien, Forschungsprogramme, Technologiewettläufe. Berlin 1996.

Gottweis, Herbert: Genetic Engineering, Democracy and the Politics of Identity. In: Social Text 13(1995) Nr. 1, S. 127-152.

Hirsch, Joachim: Internationale Regulation. In: Das Argument 198(1993), S. 195-222.

Hirsch, Joachim: Vom fordistischen Sicherheitsstaat zum nationalen Wettbewerbsstaat. In: Das Argument 203 (1994), S. 7-21.

Urban, Dieter: Technikentwicklung. Zur Soziologie technischen Wissens. Stuttgart 1986.

Wess, Ludger (Hrsg.): Die Träume der Genetik. Hamburg 1989.

Yoxen, Edward: Giving life a new meaning: the rise of the molecular biology establishment. In: N. Elias/H. Martins/R. Whitley (eds.), Scientific Establishments and Hierarchies. Dordrecht/Boston/London 1982, S. 123-143.


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