SCHWERPUNKTTHEMA:
Nachhaltige Entwicklung II - nationale Pläne und Strategien
Dieser Schwerpunkt umfaßt die folgenden Beiträge:
Umsetzung des EU-Programms für eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung
"Indicators of Sustainable Development for the United Kingdom"
Nachhaltige Entwicklung und neue Werkstoffe- Das Beispiel Brasilien
FTU/VITO-Studie zu einer dauerhaft-umweltgerechten Forschungs- und Technologiepolitik
Nachhaltige Entwicklung II - Nationale Pläne und Strategien (Einführung)
Die Diskussion über das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung und die Bemühungen, es politisch zu implementieren, werden immer nachhaltiger. Deshalb widmen wir erneut den Schwerpunkt diesem Thema.
Nachdem viele Länder in Europa und weltweit ihre Pläne und Strategien zu einer nachhaltigen Entwicklung vorgelegt haben, hat jetzt auch die deutsche Umweltministerin ein programmatisches Diskussionspapier vorgelegt. Während sich die Bundesregierung in diesem Diskussionspapier bescheinigt, schon wesentliche Schritte auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung zurückgelegt zu haben, kommt eine vom Umweltbundesamt geförderte Studie des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Berlin, zu einer wesentlich anderen Einschätzung. Auch eine von der Europäischen Kommission durchgeführte Evaluation der Fortschritte ihrer Politik zu einer nachhaltigen Entwicklung kommt für die EU-weite Politik zu einer relativ kritischen Bewertung.
Neue Schritte gehen Großbritannien und die USA, indem sie versuchen, Nachhaltigkeitsziele oder -indikatoren nicht nur für eine ökologisch nachhaltige, sondern auch für eine sozial- und wirtschaftsverträgliche nachhaltige Entwicklung zu formulieren. Das britische Umweltministerium hat ein vorläufiges System von Nachhaltigkeitsindikatoren vorgestellt, das solche Indikatoren auch für die Bereiche der Wirtschaft, des Verkehrs, des Tourismus und des internationalen Handels vorschlägt. Der Council on Sustainable Development des U.S. Präsidenten Clinton entwickelt in seinem Bericht "National Goals towards Sustainable Development" nicht nur für den Umweltsektor, sondern für alle gesellschaftlichen Sektoren Nachhaltigkeitsziele und schlägt erste Indikatoren vor, die Fortschritte in Richtung nachhaltiger Entwicklung in den verschiedenen Sektoren anzeigen können.
Die brasilianische Studie "Sustainable Development and the Advanced Materials: The Brazilian Case" beleuchtet aus der Sicht eines Schwellenlandes Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung. Die Studie deutet an, daß die von den Industrieländern verfolgten Nachhaltigkeitsstrategien, die auf technische Effizienzsteigerungen gepaart mit inkrementellen änderungen von Lebensstilen bauen, für eine global nachhaltige Entwicklung möglicherweise abträglich sind, da die Entwicklungschancen der Schwellen- und Entwicklungsländer mit ihrer hohen Abhängigkeit vom Export primärer Produkte, insbesondere nicht-erneuerbarer Rohstoffe, beeinträchtigt werden.
Weitere Beiträge des Schwerpunkts beschäftigen sich mit dem schweizerischen Ansatz zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung und mit einer belgischen Studie zu den Erfordernissen einer Forschungspolitik für eine nachhaltige und umweltgerechte Entwicklung. In der Schweiz kommt dem eigens 1993 ins Leben gerufene "Interdepartementellen Ausschuß Rio" die Aufgabe zu, die Beschlüsse der Rio-Konferenz von 1992 für die Schweiz umzusetzen und einen Aktionsplan für die nachhaltige Entwicklung in der Schweiz auszuarbeiten. Zielsetzung der belgischen Studie ist vor allem, dem "Nationalen Rat für Nachhaltige Entwicklung" Empfehlungen zur künftigen Schwerpunktsetzung und Organisation der Forschung in Belgien zu geben.
(Reinhard Coenen, ITAS)
von Reinhard Coenen, ITAS
Unter dem Titel "Schritte zu einer nachhaltigen umweltgerechten Entwicklung: Umweltziele und Handlungsschwerpunkte in Deutschland" hat jetzt auch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit ein programmatisches Papier vorgelegt, das die Grundlage für eine Diskussion aller gesellschaftlichen Gruppen über die nächsten notwendigen Schritte auf dem Wege zu einer nachhaltigen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland bilden soll.
Bundesministerin Dr. Angelika Merkel mißt in ihrer Vorbemerkung einem konstruktiven Dialog mit den gesellschaftlichen Gruppen eine große Bedeutung zu. Er müsse dazu führen, daß die Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen und bewältigt wird. Sie hofft, daß durch einen solchen Dialog Gegensätze in der Gesellschaft überwunden werden können und verhindert wird, daß die Ziele und Handlungsfelder der Umweltpolitik durch Ideologie, Irrationalität oder Angst bestimmt werden.
Abschnitt A des Berichts enthält Aussagen zu den mehr grundlegenden Positionen. Es wird zunächst hervorgehoben, daß das Einschlagen eines Weges in eine nachhaltige Entwicklung nicht allein Aufgabe des Staates ist, sondern aller gesellschaftlichen Gruppen. Die Bundesregierung sehe es deshalb als ihre Aufgabe, den Dialog mit den gesellschaftlichen Gruppen über deren notwendige Beiträge zur nachhaltigen Entwicklung zu führen. Weiterhin wird hervorgehoben, daß eine nachhaltige Entwicklung kontinuierlich auch in Zeiten schwieriger wirtschaftlicher und sozialer Gegebenheiten vorangebracht werden müsse. Allerdings werde der Pfad für eine unserem Land angemessene Entwicklung nur zu finden sein, wenn nach ihr auf der Grundlage der gesellschaftlichen Gegebenheiten und unter Berücksichtigung der Probleme am Standort Deutschland gesucht wird; eine Formulierung, die viele Deutungen offen läßt.
Zur Problematik der Bildung von Umweltzielen wird ausgeführt, daß das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung in seiner Abstraktheit keine Hinweise darauf gebe, welcher Umweltzustand konkret anzustreben sei; an anderer Stelle des Berichts wird allerdings auf die vielzitierten Managementregeln für eine nachhaltige Bewirtschaftung des natürlichen Kapitalstocks hingewiesen, die nach Ansicht des Autors dieses Beitrags in dieser Hinsicht durchaus gewisse Hinweise geben. Des weiteren heißt es im Bericht, daß jede Gesellschaft die aus ihrer Sicht entscheidenden Maßstäbe für Nachhaltigkeit bestimmen und die kritischen Schwellen festlegen müsse, ab denen Nachhaltigkeit erreicht oder verfehlt wird. Angesichts der globalen Ursachen und Auswirkungen vieler Umweltprobleme erscheint eine solche Aussage allerdings höchst problematisch, denkt man z.B. an das Problem des anthropogen verursachten Klimawandels.
Weiterhin wird festgestellt, daß die in Deutschland und auch in anderen Staaten durchgeführte intensive Diskussion über Umweltziele das Bedürfnis deutlich mache, die Ziele klarer zu definieren. Dabei wird im Bericht unterschieden zwischen Umweltqualitätszielen (Welcher Zustand wird für die Zukunft angestrebt?) und Umwelthandlungsziele (Welche konkreten Schritte werden für die Bewältigung der als vorrangig angesehenen Probleme bzw. zur Erfüllung der Umweltqualitätsziele für notwendig gehalten?).
Einer Quantifizierung von solchen Zielen steht das Papier eher skeptisch gegenüber. Umweltziele, so heißt es im Bericht, müssen hinreichend flexibel sein, um neuen Erkenntnissen Rechnung tragen zu können, und sie müssen der Korrektur und Ergänzung zugänglich sein. Ein starres, umfassendes Zielsystem mit punktgenauer Fixierung scheine daher eher problematisch zu sein. Im Prinzip ist dem zuzustimmen, aber auch Zielsysteme mit quantifizierten Zielen und vorgegebenem Zeitrahmen können flexibel gestaltet werden und sind für Revisionen offen, wie das Beispiel des Niederländischen National Environmental Policy Plan zeigt. Quantifizierungen und Zeitvorgaben haben vor allem zwei Vorteile: zum einen können die Umweltpolitik und ihre Maßnahmen besser in bezug auf ihren Zielerfüllungsgrad bewertet werden. Zum anderen besitzen die betroffenen Akteure eine klarere Grundlage für ihre Entscheidungen. Der Bericht des Bundesumweltministeriums enthält dagegen überwiegend nur qualitativ formulierte Umweltqualitäts- und Handlungsziele.
Im Teil B des Berichts "Umweltziele und Handlungsschwerpunkte in Deutschland" wird zunächst festgestellt, daß in Deutschland in den letzten Jahrzehnten durch die Leistungen von Bund, Ländern, Gemeinden und Wirtschaft, getragen von einem hohen Umweltbewußtsein der Bürger, bereits eine beachtliche Wegstrecke in Richtung auf eine nachhaltige umweltgerechte Entwicklung zurückgelegt worden sei, der Stand des Umweltschutzes sei im internationalen Vergleich unbestritten hoch.
Im folgenden werden dann in diesem Abschnitt für Handlungsfelder oder Umweltproblembereiche, bei denen nach Ansicht der Bundesumweltministerin noch am deutlichsten Abweichungen vom nachhaltigen Entwicklungspfad festzustellen sind und deshalb mittelfristig der größte Handlungsbedarf besteht, Umweltqualitäts- und Handlungsziele sowie Handlungsansätze formuliert und diskutiert. Als solche prioritären Handlungsfelder werden folgende Bereiche angesehen:
I Schutz des Klimas und der Ozonschicht
II Schutz des Naturhaushalts
III Schonung der Ressourcen
IV Schutz der menschlichen Gesundheit
V Verwirklichung einer umweltschonenden Mobilität
VI Verankerung einer Umweltethik.
Die Handlungsfelder sind allerdings so breit formuliert, und es werden im Bericht so viele Handlungsziele innerhalb der jeweiligen Handlungsfelder genannt, die vornehmlich qualitativer Art sind, daß es dem Leser des Berichts schwerfällt, neue Prioritäten oder Veränderungen von Prioritäten in der Umweltpolitik herauszulesen, die sich möglicherweise aus der stärkeren Orientierung am Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ergeben haben. Es bleibt zu hoffen, daß der von Umweltministerin Merkel auf Basis dieses Berichts initiierte Dialog mit den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen zu einer wesentlich deutlicheren Akzentuierung und Konkretisierung des deutschen Wegs zu einer nachhaltigen Entwicklung führt.
Bibliographische Angaben
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.): Schritte zu einer nachhaltigen, umweltgerechten Entwicklung: Umweltziele und Handlungsschwerpunkte in Deutschland - Grundlage für eine Diskussion. Bonn, Stand Juni 1996.
Im Auftrag des Umweltbundesamtes hat das Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Berlin, die Studie "Nachhaltige Entwicklung - Leitbild für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft" durchgeführt. In der Studie wird erstmals untersucht
_ welche Maßnahmen in Deutschland bisher ergriffen wurden oder geplant sind, um die internationalen und nationalen Vereinbarungen, Verpflichtungen und Beschlüsse zur nachhaltigen Entwicklung umzusetzen,
_ welche Defizite und zukünftigen Handlungserfordernisse zur Verwirklichung des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung für die Bundesrepublik Deutschland im Rahmen globaler Entwicklungen und internationaler Verpflichtungen bestehen.
Im Mittelpunkt stehen dabei die Kernbereiche Klima, Verkehr,
Wirtschaft, Wald, Landwirtschaft, Stadtentwicklung, internationaler
Handel, Entwicklungspolitik und globale Finanzierungserfordernisse.
Die Untersuchung ausgewählter Handlungsfelder zeigt, daß das Nachhaltigkeitsprinzip noch kein praktisches Leitziel der Politik ist, vergleichbar etwa mit traditionellen Zielen wie wirtschaftliches Wachstum, Preisstabilität und soziale Sicherheit, die nach wie vor eindeutig im Vordergrund stehen und diverse rechtliche und institutionelle Verankerungen erfahren haben. Vielmehr werden sowohl bereits realisierte als auch geplante neue Gesetzesvorhaben seit der Rio-Konferenz von der Bundesregierung bzw. den einzelnen Bundesministerien eher neu interpretiert und in den Kontext nachhaltiger Entwicklung gestellt. Eine umfassende und systematische Überprüfung und Korrektur der einzelnen Politikressorts fand jedoch unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit bisher nicht statt. Insbesondere fehlt es nach wie vor an verbindlichen politischen Prioritäten, Handlungszielen und Zeitperspektiven zur Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung und eines abgestimmten Handlungs- und Maßnahmenkatalogs in den einzelnen Handlungsfeldern.
Zum Handlungsfeld Klima stellt die Studie fest, daß eine klar formulierte Zielhierarchie in der Energie- und Klimapolitik fehlt, mit welchen Instrumentarien und Maßnahmen dem Nachhaltigkeitsprinzip im Energiebereich Geltung zu verschaffen ist. Eine wirkungsvolle Klimapolitik, die den Leitzielen der nachhaltigen Entwicklung verpflichtet ist, müßte eine rationale Rangfolge von Energiestrategien definieren und die Umsetzung durch Anreiz- und Förderpolitiken konsequent vorantreiben.
Im Handlungsfeld Verkehr sei nach wie vor ein starkes Wachstum zu beobachten, der Bereich sei noch sehr weit von einer nachhaltigen Entwicklung entfernt. Der Einstieg in eine nachhaltige Entwicklung erfordere hier eine grundlegende Trendwende hin zu sinkenden Verkehrsleistungen und zu Verlagerungen auf umweltfreundlichere Verkehrsträger im großen Maßstab.
Im Handlungsfeld Wirtschaft habe die Bundesrepublik Deutschland im internationalen Vergleich einen relativ hohen Umweltschutzstandard erreicht. Trotzdem sei festzustellen, daß die Umweltpolitik in diesem Bereich, der in erster Linie nachsorgende Umweltschutztechniken verwendet hat, auf prinzipielle Grenzen stößt. Dies zeige sich etwa im Abfallbereich, trifft aber insbesondere auch auf die Lösung globaler Umweltprobleme zu. Die Umsetzung des Nachhaltigkeitsprinzips erfordere hier einen ökologischen Umbau der Wirtschaft.
Für das Handlungsfeld Wald stellt die Studie fest, daß in Deutschland der Waldbestand durch schädigende Umwelteinflüsse in vielen Regionen destabilisiert und gefährdet ist. Angesichts dieser Entwicklung sei die Forstwirtschaft weit von einer nachhaltigen Wirtschaftsweise entfernt. Es fehle an durchgreifenden Maßnahmen, die relevante Emittentengruppen, insbesondere den Verkehrsbereich und die Landwirtschaft, gleichermaßen einbeziehen und zu einer Stabilisierung der Waldökosysteme führen könnten.
Für die Umsetzung des Leitbilds einer nachhaltigeren Entwicklung im Handlungsfeld Landwirtschaft fordert die Studie eine grundlegende Umstrukturierung der Agrarwirtschaft. Dabei gehe es insbesondere um den Abbau der Chemisierung bei der Bodenbearbeitung und Tierzucht, die Vermeidung von Monokulturen und eine kleinräumige Tierhaltung und Pflanzenzucht. Von einer solchen Landbewirtschaftung sei die bundesdeutsche Agrarpolitik noch weit entfernt.
Zum Handlungsfeld Stadtentwicklung bemerkt die Studie, daß dies in Deutschland bereits weitgehend den in der Agenda 21 enthaltenen Standards entspreche. Trotz des erreichten Standes und der vielfältigen Maßnahmen zur ökologischen Stadtentwicklung und zum kommunalen Umweltschutz sei aber deutlich, daß die Städte weit von einer nachhaltigen Entwicklung entfernt sind. Dies zeige sich vor allem am wachsenden städtischen Verkehr mit seinen gravierenden Umweltwirkungen und an der dispersen, flächenverbrauchenden Suburbanisierung, deren Tendenz ungebrochen ist.
Zum internationalen Handel stellt die Studie fest, daß die OECD, die Europäische Union und das GATT 1994 bisher den Konfliktfeldern zwischen Handelspolitik und Umweltzielen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu wenig Beachtung geschenkt haben. Vor allem die Übereinkommen zum GATT 1994 und zur Errichtung der WTO enthielten bisher außer einer vagen Absichtserklärung in der WTO-Präambel keine konkreten Festlegungen für einen nachhaltigen Handel. Angesichts des handelspolitischen Gewichts sei Deutschland hier besonders gefordert, Aktivitäten in internationalen Gremien zur Berücksichtigung von Umweltbelangen im internationalen Handel zu unterstützen.
In der Entwicklungspolitik habe die Bundesrepublik Deutschland in allen umweltbezogenen Bereichen erhebliche Anstrengungen unternommen, die Hilfen seien angesichts der gigantischen Probleme und Bedürfnisse in den Entwicklungsländern aber keinesfalls hinreichend. Vor dem Hintergrund des Leitziels nachhaltige Entwicklung seien sowohl die ökonomischen als auch die ökologischen Unterstützungsmaßnahmen und ihre Wirkungen sogar als gering einzuschätzen. Die in der AGENDA 21 geforderte Integration von Umwelt- und Entwicklungspolitik in die politische Entscheidungsfindung auf allen Ebenen und in die Ressorts sei nur ansatzweise erfolgt. Die Bundesregierung habe auf der Rio-Konferenz erklärt, daß sie das Ziel, 0,7 % des Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe bereitzustellen, derzeit wegen der großen Verpflichtungen in den neuen Bundesländern und gegenüber den ehemaligen kommunistischen Ländern in Ost- und Mitteleuropa nicht erfüllen könne. Es sei jedoch notwendig, daß die Bundesrepublik Deutschland alle Anstrengungen unternehme, dieses 0,7-Prozent-Ziel alsbald wieder anzusteuern.
(Quelle: Auszug aus der Presseinformation des IZT zur Buchvorstellung)
Bibliographische Angaben
Rolf Kreibich (Hrsg.), Nachhaltige Entwicklung. Leitbild für die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, 1996 (Reihe Zukunftsstudien, Bd. 17). ISBN 3-407-85317-3
von Reinhard Coenen, ITAS
Die EG-Kommission hat im Januar dieses Jahres einen "Bericht über die Umsetzung des Programms der Europäischen Gemeinschaft für Umweltpolitik und Maßnahmen im Hinblick auf eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung" vorgelegt. Das fünfte Umweltaktionsprogramm der EU "Für eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung" war im Jahre 1992 gestartet worden und wird in diesem Bericht in bezug auf seine Umsetzung analysiert. Insgesamt kommt der Bericht zu einer relativ kritischen Bewertung.
Als grundlegendes Konzept des Programms war "das Streben nach einer uneingeschränkten Integration von Umweltpolitik und allen anderen relevanten Politikbereichen durch eine aktive Beteiligung aller wichtigen gesellschaftlichen Akteure durch eine breitere Palette von weitreichenderen Instrumenten zur Kontrolle und Veränderung des Verhaltens, einschließlich des verstärkten Einsatzes marktorientierter Instrumente" formuliert worden.
Im jetzigen Bewertungsbericht heißt es, daß die allgemeinen Konzepte und Zielsetzungen des Programms auch weiterhin Gültigkeit haben, was fehle, "sind die Änderungen im Verhalten und der Wille, den Quantensprung hin zu wirklich nachhaltiger Entwicklung zu machen - oder in den Worten des Programms ausgedrückt, aus der "Aufwärmphase" heraus zu kommen und die Operation unter Volldampf laufen zu lassen".
Es sei "nicht leicht", die Tragweite der Fortschritte zu beurteilen. Nach rein quantitativen Gesichtspunkten seien bis Ende 1995 in Bereichen, in denen die EU die Hauptrolle spielt, etwa 70 % aller Verpflichtungen erfüllt worden. Schwieriger sei es zu bewerten, in welchem Umfang die Mitgliedsstaaten und andere Akteure ihre Zielsetzungen erreicht haben; zudem müsse berücksichtigt werden, daß nicht alle Zielsetzungen und Maßnahmen im Fünften Programm in operationaler Hinsicht gut definiert worden wären und daß Maßnahmen auf unterschiedlichsten Ebenen vorgesehen seien. Noch schwieriger sei dagegen die Bewertung der Wirksamkeit der Maßnahmen zu einem solch frühen Zeitpunkt dieses langwierigen Prozesses. Nach qualitativen Gesichtspunkten zeigen die Schlußfolgerungen des Berichts vielfältige Fortschritte in äußerst unterschiedlichen Bereichen, doch es wird auch darauf hingewiesen, daß noch viel Arbeit nötig ist, um ausgehend von dieser Erfahrung zu einer dauerhaften und umweltgerechten Entwicklung zu gelangen.
Die wesentlichen Defizite sieht der Bericht darin, daß es nicht gelungen sei, die Umweltpolitik in die verschiedenen gesellschaftlichen Politikbereiche zu integrieren. Am besten sei es noch für den Bereich der Industrie gelungen, am wenigsten in den Bereichen Landwirtschaft und Tourismus. Im Verkehrsbereich steige zwar das Umweltbewußtsein, Fortschritte technischer Art würden aber durch das Steigen der Kraftfahrzeugzahlen zunichte gemacht. Im Energiebereich fehle es an Anreizen für ein nachhaltigeres Konzept. In den beiden Bereichen Verkehr und Energie gebe es bei einzelnen Themen erhebliche Fortschritte, aber die notwendigen strukturellen Veränderungen seien nicht angegangen worden.
Die angestrebte Erweiterung der Palette der Instrumente habe sich
als schwieriger erwiesen als angenommen. Dies gelte insbesondere
für die Erweiterung durch marktorientierte Instrumente. In
einigen Mitgliedsländern seien in dieser Hinsicht zwar einige
erfolgreiche Maßnahmen zu verzeichnen, geplante EU-weite
Maßnahmen seien aber gescheitert (so z.B. die EU-weite CO2/Energiesteuer).
Als schwierigste Aufgabe habe sich die angestrebte Veränderung
der Verhaltensmuster erwiesen, sieht man von einigen positiven
Entwicklungen auf lokaler Ebene ab. Für die Einleitung einer
nachhaltigen Entwicklung sei mehr erforderlich als die Schaffung
und Anwendung neuer Instrumente, notwendig sei eine Veränderung
von Lebensstilen. Das langfristige Ziel müsse sein, jedermann
von der Notwendigkeit einer nachhaltigen Produktion und nachhaltiger
Verbrauchsmuster zu überzeugen. Hierfür sei ein verbessertes
Umweltbewußtsein erforderlich. Voraussetzungen hierfür
wären zum Beispiel im Bildungswesen zu schaffen.
Die Zusammenfassung im Bericht über die Fortschritte hin zu einer nachhaltigen Entwicklung schließt mit folgender Forderung: "Die allerwichtigste Aufgabe ist es, die Mittel zu finden, mit denen so viel Druck ausgeübt werden kann, daß tatsächliche Fortschritte erzielt werden und das Bewußtsein für die Dringlichkeit der Sache entwickelt wird. Dies wird nur möglich sein, wenn dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung als die einzige Möglichkeit künftiger Wirtschaftsentwicklung angesehen und von jedem Bürger uneingeschränkt akzeptiert wird."
Bibliographische Angaben
KOM(95) 624 endg. vom 10.01.1996: Bericht der Kommission über die Umsetzung des Programms der Europäischen Gemeinschaft für Umweltpolitik und Maßnahmen im Hinblick auf eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung. "Für eine dauerhafte und umweltgerechte Entwicklung", 187 S., ISSN 0256-2383, ISBN 92-77-97125-8.
Anfragen bitte richten an:
Vertretung der Europäischen Kommission
Informationsservice
Bertha-von-Suttner-Platz 2-4
D-53113 Bonn
Fax: 0228/630343
von Reinhard Coenen, ITAS
Das britische Umweltministerium hat im März 1996 einen Bericht über ein System von Nachhaltigkeitsindikatoren für Großbritannien vorgelegt. Es kam damit einer Forderung nach, die in der UK's Sustainable Development Strategy von 1994 (siehe TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 1, 1996 S. 15ff.) aufgestellt worden war. Das Indikatorensystem wurde von einer interministeriellen Arbeitsgruppe erarbeitet. Im Vorwort führt der Umweltminister Großbritanniens, Right Hon. John Gummer, aus, daß ein solcher Satz von Indikatoren notwendig ist, um die Politik und die Maßnahmen, die zur Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung ergriffen wurden, zu bewerten und gegebenenfalls revidieren bzw. verbessern zu können.
Indikatoren werden im Bericht zunächst ganz einfach definiert als "quantified information which help to explain how things are changing over time". Bei der Entwicklung von Indikatoren sei ein wichtiger Leitgedanke, die Zahl der Indikatoren zu begrenzen, um die Haupttrends aufzeigen zu können und nicht mit zuviel Information und Daten überschüttet zu werden. Es wird darauf verwiesen, daß man im ökonomischen Bereich mit einer sehr begrenzten Zahl von Indikatoren (z.B. Bruttoinlandsprodukt, Beschäftigungsrate, Inflationsrate, Zahlungsbilanz und öffentliche Kreditaufnahme) gute Erfahrungen gemacht habe. Sie lieferten zwar keine Informationen darüber, was in einzelnen Sektoren der Wirtschaft oder Regionen geschehe, zur Beurteilung der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung seien sie aber sehr nützlich.
Im Umweltbereich gebe es bereits eine Fülle von Informationen und Daten, es bestehe aber die Gefahr der Unübersichtlichkeit. Deshalb komme es darauf an, wie im ökonomischen Bereich einen begrenzten Satz von aussagekräftigen Indikatoren zu entwickeln, die ein Gesamtbild über die Entwicklung der Umweltbedingungen vermitteln. Die Herausforderung sei es - so im Bericht - "to strike a balance - the number of indicators should be as small as possible so that main messages are clear but at the same time the issues must not be oversimplified".
Idealerweise sollte ein Indikator dem Bericht zufolge den folgenden Kriterien genügen:
"It should
_ be representative;
_ be scientifically valid;
_ be simple and easy to interpret;
_ show trends over time;
_ give early warning about irreversible trends where possible;
_ be sensitive to the changes in the environment or the economy it is meant to indicate;
_ be based on readily available data or be available at reasonable cost;
_ be based on data adequately documented and of known quality;
_ be capable of being updated at regular intervals;
_ have a target level or guideline against which to compare it."
Neuartig am britischen Ansatz ist es, daß Nachhaltigkeitsindikatoren
auch für sozioökonomische Bereiche definiert werden,
z.B. für den Wirtschaftsbereich, für den Verkehrsbereich,
für Freizeit und Tourismus und den internationalen Handel.
Begründet wird dies u.a. damit, daß so die Verknüpfung
von Umweltauswirkungen und sozioökonomischen Aktivitäten
möglich würde und damit in einigen Fällen auch
Information zur Frühwarnung vor potentiellen Umweltproblemen,
die sich aus menschlichen Aktivitäten ergeben könnten,
bereitgestellt werden könnte. Die für den sozioökonomischen
Bereich vorgeschlagenen Indikatoren lassen sich überwiegend
aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung entnehmen. Daneben
werden für diesen Bereich noch die Umweltschutzausgaben,
die Kindersterblichkeit und die Lebenserwartung als Indikatoren
vorgeschlagen. Für den Transportsektor werden die Indikatoren
Verhältnis von Autopersonenverkehr und Gesamtpersonenverkehr,
die Zahl der Kurzreisen, die Entwicklung der realen Transportkosten
und Frachtverkehrsaufkommen vorgeschlagen, für den Bereich
Freizeit und Tourismus die Zahl der Ferienreisen und der Flugreisen
und für den Bereich Internationaler Handel die Importe und
Exporte Großbritanniens.
Für den Bereich "Umwelt und natürliche Ressourcen"
werden Indikatoren für insgesamt 17 Unterbereiche vorgeschlagen,
wobei sich die Zahl von vorgeschlagenen Indikatoren für diesen
Bereich auf rund 100 beläuft, während für den sozioökonomischen
Bereich nur insgesamt 17 formuliert werden. Abgesehen von dieser
augenfälligen Unausgewogenheit stellt sich angesichts der
hohen Zahl von Indikatoren für den Umwelt- und Ressourcenbereich
auch die Frage, ob man damit dem eigenen Anspruch der Entwicklung
einer begrenzten und übersichtlichen Zahl von Indikatoren
gerecht geworden ist.
Im Kapitel 4, dem bei weitem längsten Kapitel des Berichts, auf das hier nicht eingegangen wird, werden dann zu allen Indikatoren Entwicklungstrends für Großbritannien dargestellt.
Die Diskussion der Frage der Bewertung und Interpretation der Indikatoren im Bericht gleicht einem Seiltanz, macht gleichzeitig aber auch deutlich, daß bei der Interpretation von Indikatoren Vorsicht angebracht ist. Ein wichtiges Kriterium für einen guten Indikator sei - so heißt es im Bericht zunächst -, daß ein Zielwert oder ein Niveau definiert sei, mit dem man den aktuellen Wert des Indikators vergleichen könne. Der Bericht verzichtet aber auf die Definition solcher Zielwerte, u.a. wird dies mit wissenschaftlichen Unsicherheiten begründet. Wenn es solche Werte gebe, z.B. für Emissionen, so seien sie meist relativ willkürlich. Selbst dann, wenn solche Zielwerte wissenschaftlich gut untermauert wären, könne sich der Wissensstand verändern und Revisionen der Zielwerte notwendig machen. Deshalb komme es bei der Entwicklung von Indikatoren mehr auf die Erfassung von Trends als auf absolute Niveaus an.
Darüber hinaus sei es bei einigen Indikatoren schwierig zu beurteilen, ob die Entwicklung eines Indikators, d.h. eine Erhöhung oder Verringerung des Indikatorwertes, einen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit darstelle oder nicht. So könne z.B. eine Erhöhung des Indikators Umweltschutzausgaben einerseits eine Erhöhung des öffentlichen und privaten Umweltschutzengagements widerspiegeln, möglicherweise aber auch eine Verschlechterung der Umweltqualität, die zu höheren Ausgaben zur Sanierung oder Wiederherstellung besserer Umweltbedingungen zwinge. Bei einer Vielzahl von Indikatoren sei aber zumindest die gewünschte Richtung unbestritten. Es wird dann noch angeführt, daß es Fälle geben könnte, bei denen die Entwicklung eines Indikators in eine weniger nachhaltige Richtung zeitweilig bewußt in Kauf genommen würde, um letztlich eine Erhöhung der Nachhaltigkeit insgesamt zu erreichen, so z.B. im Falle einer Ankurbelung des Wirtschaftswachstums, die es langfristig erlaubt, mehr für den Umweltschutz zu tun. Schließlich wird darauf hingewiesen, daß sich gewisse Umweltveränderungen durch Indikatoren nicht erfassen lassen, da sie nicht quantifizierbar sind, z.B. ästhetische Veränderungen der Natur.
Resümee
Im Bericht wird deutlich darauf verwiesen, daß es sich um einen vorläufigen Satz von Indikatoren handelt, und es wird zu einer Kommentierung und Diskussion aufgerufen. Hervorzuheben ist sicher, daß hier zumindest der Versuch unternommen wurde, auch Nachhaltigkeitsindikatoren für den sozio-ökonomischen Bereich zu formulieren, wobei man allerdings Indikatoren z.B. für den sozialen Bereich und das Bildungswesen vermißt. Bezüglich der Formulierung quantitativer Zielindikatoren bzw. quantitativer Umweltziele ist das britische Umweltministerium ähnlich zurückhaltend wie andere Länder, u.a. auch Deutschland.
Bibliographische Angaben
Department of the Environment (ed.): Indicators of Sustainable Development for the United Kingdom. London: HMSO 1996. 196 S. ISBN 0 11 753174 X
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von Bettina-Johanna Krings, ITAS
Die vorliegende Beitrag basiert auf der Buchveröffentlichung: 'Sustainable Development and the Advanced Materials: The Brazilian Case'. Diese umfangreiche Veröffentlichung enthält Ergebnisse von mehreren Workshops und Studien, die vom Centro de Tecnologia Mineral (CETEM), Brasilien und dem International Development Research Center (IDRC), Canada, seit 1992 durchgeführt wurden. Die Studie betrachtet das Problem der Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung aus der Sicht eines Schwellenlandes.
Das CETEM ist ein vom Ministerium für Wissenschaft und Technologie unabhängiges Institut mit Sitz in Rio de Janeiro. Das Institut wird einerseits aus staatlichen Forschungsprogrammen, andererseits, vor allem in den letzten fünf Jahren, über Projekte der Weltbank finanziert. Die Forschungsschwerpunkte des Institutes liegen im naturwissenschaftlichen Bereich, vor allem in der chemischen Verarbeitung von Mineralien, da Brasilien über große Mineralvorkommen verfügt und zu den bedeutendsten Exporteuren von Kupfer, Zink, Aluminium etc. gehört. Im Rahmen internationaler Projekte konzentriert sich das Land derzeit hauptsächlich auf die Entwicklung neuer Materialien.
In der Diskussion um Sustainable Development bzw. von Modellen zukünftiger ökologischer, ökonomischer und sozialer Entwicklungen sei es interessant zu untersuchen, wo Brasilien, als ein sog. Schwellenland, die inhaltlichen Akzente setzen sollte. Im Unterschied zum Großteil seiner lateinamerikanischen Nachbarländer verfügt Brasilien über z.T. hochtechnologisierte Industriestandorte mit weitverzweigten Sektoren, die wiederum in krassem Gegensatz zu strukturschwachen und unterentwickelten Nachbarregionen stehen.
Der Bericht stützt sich zunächst auf die Deklarationen und Papiere, die im Rahmen der internationalen Diskussion um Sustainability verfaßt wurden (Stockholm Declaration 1972, Brundtland Bericht 1987, Agenda 21 der Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992) und entwickelt zwei Szenarien, die anschließend vorgestellt werden. In einem zweiten Schritt wird die Forschungs- und Entwicklungspolitik Brasiliens erörtert bzw. analysiert, welche politischen Strategien zur Erfüllung eines neuen Konzeptes in Richtung Nachhaltigkeit in Erwägung zu ziehen wären. Abschließend wird in einem dritten Schritt dieses Konzept am Beispiel 'Neuer Werkstoffe' exemplifiziert.
(1) Das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung für Brasilien
Im ersten Kapitel der Studie werden besonders diejenigen Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung diskutiert, die seit der Stockholm Declaration 1972 auf den internationalen Foren thematisiert und zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern jeweils höchst kontrovers verhandelt werden.
Sowohl in der Diskussion des Brundtland-Berichtes als auch der Agenda 21 der UNCED-Konferenz 1992 in Rio de Janeiro weisen die Autorinnen und Autoren immer wieder darauf hin, daß das Konzept der 'nachhaltigen Entwicklung' besonders im Hinblick auf eine neue globale politische und ökonomische Ordnung von Bedeutung ist, mit der positive Effekte auf die ökologische Entwicklung verbunden werden. Die Grundlagen eines neuen Konzeptes werden zunächst aus der Kritik der bestehenden ökonomischen Dynamik abgeleitet, deren destruktive Wirkung auf die ökologischen, sozialen und kulturellen Lebensbereiche konstatiert wird. Die Muster des traditionellen ökonomischen Wachstums haben, nach Ansicht der Autoren, zu den verschiedenen Formen ökologischer Zerstörung geführt (z.B. Zerstörung der Ozonschicht und der Wälder, Verschmutzung der Gewässer etc.).
Gleichzeitig wird immer wieder darauf hingewiesen, daß auch die Armut in unterentwickelten Regionen große ökologische Schäden verursachen kann. Im Vordergrund der Überlegungen zum Konzept einer 'nachhaltigen Entwicklung' steht aus diesem Grund die Bedeutung der Sozialverträglichkeit für die Entwicklung Brasiliens.
In der Konzentration auf technologische Möglichkeiten als Antwort auf die Umweltprobleme sehen die Autoren keinen Ansatz für eine langfristige nachhaltige Entwicklung, wie er oft von führenden Industrienationen vorgeschlagen und praktiziert wird. Die Autoren befürchten eher, daß sich die Spanne zwischen Nord und Süd weiter vergrößert. Aus diesen Gründen müßten politische und soziale Lösungsstrategien im Vordergrund stehen.
Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen werden in der Studie zwei Szenarien entworfen, die zwei mögliche Entwicklungslinien bis zum Jahre 2015 aufzeigen sollen. Die Autoren weisen hierbei darauf hin, daß es sich um zwei konstruierte Entwicklungen mit sehr unterschiedlichen Annahmen handelt.
(2) Die Szenarien
Szenario 1 zeichnet das Bild der Fortführung des status quo nach ('business as usual'). Der technische Fortschritt und der Wettbewerb der Industrienationen prägen die globale Entwicklung. Der gleichzeitige Druck der nationalen und internationalen Umweltverbände auf die Produktions- und Konsumstile führt dazu, daß zentrale Ursachen ökologischer Schädigungen angegangen werden: der Energieverbrauch wird reduziert, die Nutzung wiederverwendeter Materialien führt ebenso zu einer kontinuierlichen Reduktion von Rohstoffverbräuchen wie die technologische Substitution von knappen Mineralien.
Die Kontrolle über neue Formen der Arbeitsorganisation, größere Flexibilitäten im Produktionsprozeß sowie die intensive Nutzung von Spitzentechnologien ist hauptsächlich den hochindustrialisierten westlichen Nationen vorbehalten. Sie kontrollieren jedoch nicht nur den Produktionsprozeß, sondern auch die Nutzung endlicher Ressourcen. Der internationale Handel konzentriert sich noch stärker auf den Handel zwischen den Industrieländern.
SCENARIO 1 SCENARIO 2
Social dimension: Social dimension:
Social aspects are not stressed; Involving more equality in the
growing inequalities of income distribution of income, property and
among individuals and nations. access to goods.
Economic dimension: Economic dimension:
Emphasis on international Macro-social factors overcome
competitiveness imposed by the micro-economic profitability, as
technical standards of production decision criteria, mainly for
in the developed wor ld. improving well-bei ng and valorizing
work.
Ecological dimension: Ecological dimension:
Emphasis on preservation and Creative use of each ecosystem's
recuperation of the physical potential; rational use/conservation
environment through technology. of energy and natural resources;
Environmental cost pe netrate the reductio n of the volume of discards
decision criteria. and pollution.
Political-institutional dimension: Political-institutional dimension:
"Global commitment" is imposed by "The global commitment" is achieved
the proposals, rules, and by a new agreement, among
institutional models of the policy-makers and domestic and
developed world. international agen ts.
Cultural dimension:
Cultural dimension: The search for sustainable solutions
The consumption standards in the is mainly oriented by the increasing
developed world are maintained and importance of local conditions, looki
used as reference for the rest of ng for better standards of life all
the world , in spite of the over the world.
modifications in way of life caused
by environmental factors.
_Ubersicht 1: Die unterschiedlichen Dimensionen der Szenarien
Im Szenario 1 vergrößert sich daher die Kluft zwischen den Ländern der nördlichen und den Ländern der südlichen Hemisphäre in bedrohlicher Form, d.h. die politischen und sozioökonomischen Ungleichheiten nehmen weiter zu, da die Nachfrage nach Produkten, die die Entwicklungsländer anbieten (z.B. nicht erneuerbare Rohstoffe), sinkt.
Der Lebensstandard und das Konsumniveau der Industrienationen setzt sich als ein globales Modell durch, wobei deren ökologische und kulturelle Wertmaßstäbe den Ländern der 3. und 4. Welt aufgezwungen werden, um sie aus Umweltgründen an der wirtschaftlichen Verwertung ihrer natürlichen Ressourcen zu hindern. Dies führt dazu, daß die Entwicklungsländer die von ihnen angestrebten Konsumstandards der Industrieländer nicht erreichen können, während die Industrieländer, abgesehen von inkrementellen Änderungen, ihren Standard und ihre Produktions- und Konsumstile bewahren. Der Staat spielt in diesem Szenario eine eher sekundäre Rolle. Größeres politisches Gewicht erhalten vor allem die multinationalen Unternehmen, die die internationalen Märkte und den internationalen Kapitaltransfer dominieren; in geringem Maße wächst das Gewicht der internationalen Umweltorganisationen, die in diesem Gefüge letztlich die Interessen der dominierenden Industrienationen stützen.
Aufgrund der vielfältigen Ungleichverteilungen steigt die Armut in weiten Teilen der Welt an. Diese Situation kann einerseits zu enormen sozialen Konflikten führen, andererseits werden Migrationsbewegungen in die reichen Länder dieser Erde in Gang gesetzt.
Szenario 2 stellt einen scharfen Bruch zur bisherigen internationalen politischen und ökonomischen Entwicklung dar. Neben das Wettbewerbsprinzip treten Kriterien wie soziale Gerechtigkeit und die Ausgewogenheit auf internationaler Ebene. Die ökonomische Entwicklung wird durch eine Produktion geprägt, die auf die Befriedigung der Bedürfnisse eines möglichst großen Teils der Bevölkerung gerichtet ist und nicht so sehr auf die anspruchsvollen Bedürfnisse jener, die bereits jetzt einen hohen Lebensstandard haben. Die Logik des Marktes köxistiert mit der Logik seiner sozialen Kontrolle und mit der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse.
In diesem Szenario wird die Beziehung zwischen den Ländern des Nordens und den Ländern des Südens entpolarisiert in der Form, daß die Länder der 3. Welt einen größeren und leichteren Zugang zu dem technologischen Know-How der Industrienationen erhalten sollen. Gleichzeitig gibt es einen neuen Ansatz in der Kooperation besonders im Hinblick auf die Nutzung von natürlichen Ressourcen sowie den Schutz der verschiedenen Ökosysteme. Im Szenario 2 soll das Strukturprinzip 'Wettbewerb' durch die sozialen Werte 'Gleichheit' sowie 'soziale Mitbestimmung' und 'Menschenrechte' ergänzt werden.
Die Gegenüberstellung beider Szenarien, deren Elemente in der Übersicht 1 vergleichend dargestellt sind, soll in der Studie verdeutlichen, daß das Konzept der Nachhaltigkeit neben der ökologischen und wissenschaftlich-technischen Dimension vor allem eine politische und soziale Dimension hat. Diese Dimension soll die Beziehung zwischen dem Norden und dem Süden neu gestalten und gerade angesichts der großen sozialen und ökologischen Probleme den Entwicklungsländern mehr Raum für Mitbestimmung und Mitgestaltung bereitstellen. Die Autoren machen deutlich, daß das Hauptproblem Brasiliens in der anhaltenden Massenarmut besteht und daß darin die Ursachen der Umweltzerstörung und der Ressourcenplünderung liegen, deren kurzfristiger Nutzen in keinem Verhältnis zu den langfristigen Kosten steht.
Obgleich Brasilien über enorme natürliche Reichtümer verfügt, wächst die Armut in den Ballungsgebieten und in den strukturschwachen Regionen stetig an. Diese Situation führt einerseits zu enormen sozialen Konflikten, andererseits zur systematischen Zerstörung weiter Waldgebiete.
Abhilfe gegen diese Formen der Zerstörung sehen die Autoren in politischen Konzepten und weniger in restriktiven Umweltbestimmungen. Diese Konzepte sollten in erster Linie die internationale Kooperationsfähigkeit fördern sowie den sozio-kulturellen Rahmenbedingungen Brasiliens mehr Gewicht einräumen.
(3) Die Szenarien und die Entwicklung im Werkstoffsektor
Die Studie analysiert dann, welche Auswirkungen die beiden Szenarien auf die Entwicklung im Werkstoffsektor haben könnten. Der Übergang vom "business as usual" Szenario 1 zum Szenario 2 würde auch erhebliche Veränderungen in den Produktionsprozessen der Nutzung von Materialien und den technologischen Ausrichtungen des werkstofftechnischen Fortschritts mit sich bringen, so die Studie; zu einem letztlich geringeren Einsatz von Materialien würden aber beide Szenarien führen. Die Übersicht 2 gibt einen Überblick über die Auswirkungen der Szenarien auf die Entwicklung im Werkstoffsektor.
SCENARIO 1 SCENARIO 2
Social dimension: Social dimension:
Emphasis on materials intended for Emphasis on materials intended for
increasingly selective and meeting social needs and generating
sophisticated consumer markets, and accompanied by training local labor.
highly specia lized jobs.
Economic dimension: Economic dimension:
Emphasis on materials intended for Emphasis on strategies for materials
increasing competitiveness in the that produce a positive effect on
external market. earnings and employment.
Ecological dimension: Ecological dimension:
Emphasis on substituting materials Emphasis on materials based on
that are scarce in the developed renewable and/or abundant resources,
countries. according to the availability of
local natu ral resources.
Political-institutional dimension: Political-institutional dimension:
Technological control by the International technological
developed countries. cooperation in the materials field.
Cultural dimension:
Cultural dimension: - Materials based on the endogenous
Materials based on consumer natural and mineral reality;
standards imposed by the - Materials based on endogenous S&T
globalization process. and business experience/capability;
- Materials intended for the local
consumption standards.
Spatial Dimension:
Spatial Dimension: - Materials that can be processed
Spatial concentration of activities locally;
on materials. - Regional coordination in the
materials;
- Balance in the territorial
distribution
of activities in materials (at
interna-
tional and local levels).
%Uuml;bersicht 2:Die Szenarien und ihre Auswirkungen auf den Materialsektor
In weiteren Kapiteln der Studie wird dann die Bedeutung der Materialien für wichtige Sektoren der brasilianischen Gesellschaft untersucht: Energie, Verkehr, Informationsbereich und Mikrölektronik.
(4) Die Forschungs- und Technologiepolitik Brasiliens
In der Forschungs- und Technologiepolitik sieht die Studie ein wesentliches Instrument, Brasilien auf den Weg zu einer sozial und ökologisch nachhaltigen Entwicklung zu bringen.
Brasilien zählt mit den Vereinigten Staaten, Südafrika, Australien und Kanada zu den Ländern mit den größten Mineralvorkommen. Obgleich ein Großteil der Entwicklungsländer zu den Hauptexporteuren mineralischer Rohstoffe gehört, befinden sich aufgrund der historischen Entwicklung der internationalen und regionalen Arbeitsteilung die Hauptzentren der Fertigungs- und Produktionstechnologie in Europa, Japan und den USA, gefolgt von den sog. asiatischen Tigern wie beispielsweise Taiwan, Südkorea, Thailand. Neben externen Faktoren nennen die Autoren ebenfalls interne Faktoren wie z.B. politische Unabhängigkeit, Aufbau einer Infrastruktur sowie eine staatliche Forschungs- und Entwicklungspolitik, die die Entwicklung einer eigenen inländischen Fertigungs- und Produktionstechnologie verhindern oder auch fördern können.
Mehrere Studien belegen, daß neben der bisher sehr schwach und unzureichend strukturierten Forschungs- und Technologiepolitik der brasilianischen Regierung auch im privaten Sektor wenig in die technologische Entwicklung investiert wird.
Diese Studien zeigen, daß beispielweise im Jahre 1988 nur insgesamt 15% des industriellen Sektors Brasiliens international konkurrenzfähig waren und nur weitere 12% ansatzweise über die entsprechende Ausstattung und das Know-how verfügten, um mit dem internationalen Standard konkurrieren zu können. Gleichzeitig haben sich nur sehr wenige Sektoren und Unternehmen in Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten engagiert, um neue Produkte, eine kontinuierliche Verbesserung der Produktionsprozesse sowie das Produktionswachstum fördern zu können. Im Jahre 1985 engagierten sich lediglich insgesamt 866 Firmen in der Technologieförderung. Diese Firmen sind im Elektronik-, Automobil-, pharmazeutischen und chemischen Sektor anzusiedeln.
Die Autoren kritisieren, daß zwar der Großteil ausländischer Unternehmer und Investoren an den extrem günstigen Arbeits- und Produktionsbedingungen Brasiliens interessiert ist und davon auch profitiert, ohne jedoch in den brasilianischen Produktionsstätten in nennenswertem Umfang Forschung und Entwicklung zu betreiben. In den letzten Jahrzehnten versäumte Brasilien, in die technologische Entwicklung zu investieren und sich den internationalen Standards anzupassen nicht zuletzt deswegen, weil die Politik der jeweiligen Regierungen sich mehrheitlich auf die Aquisition ausländischer Investoren konzentrierte. Anstatt eine breite Forschungs- und Entwicklungspolitik aufzubauen, bemühten sich die Regierungen um politisch kurzfristige Lösungen wie beispielsweise Technologietransfer oder Kapitalinvestitionen in den industriellen Sektor. Heute stellt sich, als Folge dieser Entwicklung, ein weiteres Problem: Aufgrund der schlecht organisierten Forschungs- und Entwicklungspolitik sowie des begrenzten technologischen Standards bietet Brasilien zunehmend weniger Anknüpfungspunkte für die Investition ausländischer Spitzentechnologien.
Aus diesen Gründen plädieren die Autoren - und dies ist eines der Hauptanliegen der Studie - vehement für die Entwicklung einer effizienten staatlichen Forschungs- und Entwicklungspolitik. Diese Forschungspolitik sollte ihr Gewicht auf die Förderung der eigenen Werkstoffentwicklung sowie in die Entwicklung neuer Fertigungstechnologien legen. Die Forschung in den genannten Bereichen sollte direkt mit den Bedürfnissen und der technologischen Nachfrage in den entsprechenden industriellen Sektoren verbunden werden. Auf diese Art und Weise könnte gleichermaßen nach sozialen und ökologischen Lösungen gesucht werden.
Die staatliche Forschungspolitik sollte in der Förderung von Grundlagen- sowie angewandter Forschung bestehen, d.h. Universitäten und öffentliche Forschungsinstitutionen sollten gleichermaßen gefördert werden, sofern sie zu spezifischen Problembereichen arbeiten. Die Autoren betonen in diesem Kontext immer wieder, daß die Politik der technologischen Innovation und die industrielle Wettbewerbsfähigkeit besonders in der Werkstofforschung in Einklang gebracht werden sollten, da zukunfsträchtige Sektoren wie Mikrölektronik, Biotechnologien, Kernkraft etc. durch diese neuen Technologien modernisiert werden können.
Die politische Kontrolle der Forschungs- und Entwicklungspolitik sollte selektiv, gezielt, systematisch und vor allem langfristig gestaltet werden. Zu diesem Zweck müssen die Ziele einer staatlichen Forschungs- und Entwicklungspolitik definiert und in eine flexible Infrastruktur integriert werden. Grundlagenforschung sollte, nach dem Vorbild Japans, gänzlich die wissenschaftlichen Bedürfnisse im industriellen Sektor abdecken.
Resümee
Die Studie stellt in eindrücklicher Weise das Spannungsverhältnis von nachhaltiger Entwicklung und nachholender Entwicklung dar.
In der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Konzept der 'nachhaltigen Entwicklung' weisen die Autoren zum einen auf die externen Entwicklungshemmnisse hin (Auslandsverschuldung, Abhängigkeitsstrukturen aufgrund langer historischer Prozesse, Entwicklungsauflagen seitens internationaler Kreditinstitute etc.), denen die Entwicklungsländer ausgesetzt sind. Dabei wird die Verursacherproblematik betont und es werden Ausgleichssysteme (Kapital- oder Technologietransfer) von den Industrienationen eingefordert. Zum anderen wird hervorgehoben, daß im Rahmen der Diskussion um 'nachhaltige Entwicklung' für die Länder der 3. Welt die ökologische Problematik zweit- oder drittrangig ist, da hier die sozio-ökonomischen Probleme im Vordergrund stehen. Die z.T. restriktiven Auflagen 'zum Schutz der Umwelt' oder ökologische Produktionsauflagen werden als weitere Wettbewerbsnachteile empfunden, die die internationale Position der westlichen Industrienationen stärken. Aus diesen Gründen wird der technologische Fortschritt als zentrales Prinzip eines Konzeptes der Nachhaltigkeit stark kritisiert, da sich darüber die Strukturprinzipien 'internationaler Wettbewerb' und 'Wirtschaftswachstum' weiterhin manifestieren.
In der praktischen Umsetzung akzeptieren die Autoren , daß vom internationalen System zwar eine Einschränkung der nationalen Souveränität, strukturelle Fehlentwicklungen etc. herrühren, daß jedoch von außen auch wichtige Innovationsschübe, Kooperationsmöglichkeiten und wirtschaftliche Chancen für die nachholende Entwicklung und die nationale Emanzipation kommen. Darüberhinaus wird gerade im technologischen Fortschritt eine der zentralen Entwicklungsmöglichkeiten für Brasilien gesehen. Aufgrund der Bodenschätze, der ausbaufähigen wissenschaftlich-industriellen Basis und des technologischen Know-Hows soll insbesondere der metallurgische Sektor modernisiert und international wettbewerbsfähig gemacht werden. Über die Entwicklung 'Neuer Werkstoffe' sollen Antworten auf die sozialen Probleme genauso wie auf die ökologischen Probleme gegeben werden. Über Produktivitätssteigerung und Spezialisierung soll die Innovationsfähigkeit der brasilianischen Wirtschaft und Gesellschaft verbessert und über den internationalen Technologietransfer der Aufbau einer eigenen technischen Intelligenz erreicht werden.
Die Autoren fordern deshalb eine effiziente Forschungs- und Technologiepolitik und treten für eine neue 'moraliz_c_ao' in Politik und Verwaltung ein. Diese Forderung beinhaltet öffentliche Transparenz, Kontrolle und politisches Durchsetzungsvermögen, um bestimmte Ziele langfristig durchsetzen zu können. Gleichzeitig sollen die Sektoren Industrie, Wissenschaft und Staat konstruktiv miteinander verknüpft werden.
Die Studie weist auf der einen Seite auf den ambivalenten und komplexen Charakter der Krise Brasiliens hin, der negative und positive Tendenzen in sich vereinigt. Auf der anderen Seite wird deutlich, daß das Konzept der 'nachhaltigen Entwicklung' wie es in den westlichen Industrienationen verfolgt wird, eher abträglich für die Entwicklungsländer ist und von ihnen die Lösung ihrer Umweltprobleme fordert, ohne die sozio-ökonomischen und die kulturellen Rahmenbedingungen der Entwicklungsländer zu berücksichtigen.
Bibliographische Angaben
Roberto C. Villas Bôas (ed.): Sustainable Development and the Advanced Materials: The Brazilian Case. Rio de Janeiro: CETEM / CNPq, 1995, 290 S. ISBN 85-7227-074-4
Kontakt
Roberto C. Villas Bôas, Director
Secretaria da Ciência e Technologia - PR
CETEM/CNPq
Rua 4, Quadra D
Cidade Universitária Ilha do Fundao
21941-590 Rio de Janeiro - RJ
Brasil
Tel.: ++ 021/2602837
Tel.: ++ 021/2607222/296
Fax: ++ 021/2602837
Internet: villasboas@cetem.gov.br
von Bettina-Johanna Krings, ITAS
Im Anschluß an die international erhobenen Forderungen nach neuen, nachhaltligen Entwicklungsmodellen rief Präsident Clinton im Juni 1993 einen Beirat ins Leben, der zukünftige Entwicklungsmodelle und Leitbilder für die USA aufzeigen sollte.
Anfang des Jahres '96 legte der 'President's Council on Sustainable Development' (PCSD) einen Bericht vor, in dem die nationalen Ziele und Leitbilder einer 'nachhaltigen USA' vorgestellt und gleichzeitig Empfehlungen für deren Umsetzung in die Praxis gegeben werden. Der PCSD setzt sich aus 25 hochrangigen Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Umweltverbänden zusammen. Vorrangiges Ziel des PCSD ist es, einen grundlegenden Bewußtseinsprozeß in Gang zu setzen, der die Lebenschancen zukünftiger Generationen in die heutige gesellschaftliche Gestaltung miteinbeziehen soll.
Auf der Basis eines ökologisch formulierten Konsenses soll ein breites gesellschaftliches Netzwerk geschaffen werden, das die weitgestreuten Interessen aller gesellschaftlicher Sektoren vereinigen soll. Aus diesen Gründen sind die im Bericht formulierten Empfehlungen an Vertreter und Vertreterinnen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft gerichtet. Diese werden aufgefordert, innerhalb der gesellschaftlichen Sektoren verstärkt Kooperationsfähigkeit zu entwickeln, um sich mit neuen Ideen den globalen Herausforderungen zu stellen.
Der PCSD entwickelt in seinem Bericht konkrete Ziele für die 'nachhaltigen Vereinigten Staaten', die sich nicht nur auf den Umweltbereich beschränken, sondern alle gesellschaftlichen Politikfelder bzw. Bereiche umfassen.
(1) 'Sustainability' als neue Herausforderung für die U.S.-amerikanische Gesellschaft
Das Ende des Kalten Krieges hat, nach Ansicht des PCSD, das internationale soziale Gefüge stark verändert. Aufgrund enormer Tendenzen in Richtung globaler Produktions- und Organisationsstrukturen sinke die Steuerungsfähigkeit nationaler Regierungen. Handel, Investitions- und Informationsströme seien zunehmend international verwoben und gerieten mehr und mehr außerhalb nationaler Kontrolle. Innerhalb der nationalen Grenzen finde eine Deregulierung von der nationalen zur föderalen und sogar lokalen Ebene statt. Ebenso veränderten sich Beziehungsstrukturen zwischen dem politischen und dem privaten Sektor.
Die Informationstechnologie erhöhe die Möglichkeit,
Informationen in kürzester Zeit zu streuen bzw. zu erhalten,
so daß große Interessensnetzwerke aufgebaut und politische
Entscheidungen in kurzer Zeit getroffen werden könnten. Es
entstehe eine Vielzahl neuer internationaler Interessengruppen,
a 'society outside of government', die neue politische Organsisationsstrukturen
erforderlich gemacht haben. Die Schaffung neuer politischer
Strukturen betrachtet der Ausschuß als ein erstes wesentliches
Mittel für die Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft,
um auf die veränderten Organisationsstrukturen steuernd und
kreativ reagieren zu können.
Einen weiteren bedeutsamen gesellschaftlichen Wandel beinhalteten
technologische Innovationen, da sie den gesamten Lebensstil der
U.S.-Bevölkerung beeinflussen und prägen. Durch die
Bedeutung technologischer Innovationen seien Wissenschaft und
Forschung zur wichtigsten und dynamischsten Ressource im Rahmen
ökonomischer Entwicklung geworden.
Besonders im Umweltbereich seien die USA verstärkt angesprochen, da sie zu den Nationen mit den weltweit höchsten Ressourcenverbräuchen und Emissionsausstößen zähle. Auch hier hätten globale Entwicklungen wie stetiges Bevölkerungswachstum, weltweiter Verlust der Wälder, Verlust des Artenreichtums sowohl der Fauna als auch der Flora, Änderung des Weltklimas u.a. zu enormen Veränderungen geführt, auf die reagiert werden müsse. Als zentrale Handlungsstrategie wird in diesem Zusammenhang die Umwelttechnik vorgeschlagen. Durch die Förderung der Umwelttechnik sollen der Verbrauch von Ressourcen gemindert und Abfallstoffe und Emissionen verringert werden (vgl. The US National Environmental Technology Strategy; TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 1, März 1996, S. 18 ff).
Obgleich die USA momentan ihre wirtschaftliche Vormachtstellung mit anderen Industrienationen teile, sei sie bemüht, ein nachhaltiges Entwicklungsmodell zu entwickeln, das Vorbildcharakter haben soll. Dieses Modell sollte ein Gerüst sein, das ökonomische, ökologische und soziale Ziele im Diskussionsprozeß und in verschiedenen Politikbereichen vereinigt, um die steigenden menschlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Es soll ökonomischen Wohlstand, ökologische Verbesserungen und soziale Gleichheit für eine steigende Anzahl der Weltbevölkerung ermöglichen.
Die Empfehlungen im Bericht sollen einen Bewußtseinswandel in allen gesellschaftlichen Bereichen fördern, neue Verwaltungsstrukturen aufbauen und die individuelle Verantwortung erhöhen, die jeder Einzelne im gesellschaftlichen Prozeß hat. Zu diesem Zweck wird besonderes Gewicht auf die enge Verbindung zwischen den Individuen und den Institutionen gelegt. Denn nur so könne ein Bewußtseinswandel konstruktiv umgesetzt werden.
(2) Nationale Ziele für eine nachhaltige Entwicklung
In Kapitel 1 des Berichts des PCSD werden für 10 gesellschaftliche Bereiche nationale Nachhaltigkeitsziele formuliert und Indikatoren vorgeschlagen, anhand derer der Fortschritt in bezug auf die Erreichung der Ziele gemessen werden kann.
(a) Gesundheit und Umwelt
- Als Ziel für diesen Bereich wird formuliert, daß gewährleistet werden muß, daß jede Person sich an sauberer Luft, sauberem Wasser und einer gesunden Umwelt zuhause, am Arbeitsplatz und in der Freizeit erfreuen kann. Zentraler Indikator ist hier die Zahl der Bürger, die ungesunden Umweltbedingungen ausgesetzt sind.
(b) Ökonomischer Wohlstand
- Das Ziel ist hier eine nachhaltige Wirtschaft, die in einem ausreichenden Maße wächst, um neue sinnvolle Arbeitsplätze zu schaffen, die Armut zu verringern und eine hohe Lebensqualität für alle zu gewährleisten in einem globalen Wettbewerb. Die traditionellen Indikatoren wie Bruttosozial- oder Bruttoinlandsprodukt und Arbeitslosenrate gäben keinen Aufschluß, so der PCSD, über die Höhe der negativen Umweltauswirkungen, über den Umfang von Armut oder den Konsum im Rahmen der U.S.-amerikanischen Volkswirtschaft. Es sind deshalb weitere Indikatoren notwendig, die diese Aspekte berücksichtigen, damit sie verstärkt in den Vordergrund der politischen Maßnahmen rücken, z.B. der Ressourcenverbrauch und die externen Kosten des Wirtschaftens.
(c) Soziale Gerechtigkeit
- Das Ziel ist hier, daß jedem Bürger Gerechtigkeit
wiederfährt und er die Möglichkeit hat, ökonomische
und soziale Sicherheit zu erreichen und in einer gesunden Umwelt
zu leben.
Gerechtigkeit ist nach Ansicht des Ausschusses ein so wichtiges
Ziel, daß es in jeden Themenbereich des Berichtes einfließen
muß. Die Entscheidung über die Bemessungsgrundlage
für Gerechtigkeit ist jedoch in einer komplexen Gesellschaft
sehr schwierig. Indikatoren für Gerechtigkeit sollten die
Unterschiede zwischen arm und reich, Differenzen im Zugang zu
Gesundheits- und Bildungssystemen oder die unterschiedlichen sozialen
Betroffenheiten durch Umweltschäden widerspiegeln.
(d) Bewahrung der Natur
- Ziel soll es hier sein, die natürlichen Ressourcen (Land, Luft, Wasser und Biodiversität) in einer Art zu nutzen, zu schützen oder wiederherzustellen, die langfristig ökonomischen, sozialen und ökologischen Nutzen für die heutige und zukünftige Generationen gewährleistet. Es sei außerordentlich schwierig, so der PCSD, "intakte Natur" zu definieren, da sie sehr komplex ist. Darüber hinaus lägen die Umweltbelastungen und ihre Auswirkungen oft räumlich und zeitlich auseinander. Neben Indikatoren, die auf lokaler und regionaler Ebene den Zustand der Natur widerspiegeln, hält der PCSD auch Indikatoren für notwendig, die aufzeigen, in welchem Umfang die Nation zum Schutz der Natur weltweit beiträgt.
(e) Verantwortungsethik
- Hier geht es darum, eine weitverbreitete Verantwortungsethik zu schaffen, die dazu beiträgt, daß der Einzelne, Institutionen und Unternehmen die volle Verantwortung für die ökonomischen, ökologischen und sozialen Folgen ihrer Aktionen tragen. Die Forderung nach Schaffung einer Verantwortungsethik bezieht sich hier auf den bewußten und schonenden Gebrauch der Umwelt. Indikatoren sollen hier Größen sein, die den effizienten und verantwortungsbewußten Ressourcenverbrauch (Recycling, Abfallvermeidung, Reduktion von Energieverbrauch, erneuerbare Ressourcen etc.) widerspiegeln.
(f) Nachhaltige Städte und Gemeinden
- Hier sollen die Bürger ermutigt werden, zusammenzuarbeiten, um gesunde Kommunen zu schaffen, in denen ihr natürliches und historisches Erbe geschützt wird, ausreichend Arbeitsplätze vorhanden sind, Sicherheit gewähleistet ist, Ausbildungsmöglichkeiten für lebenslanges Lernen, umweltverträgliche Infrastrukturen und ein funktionierendes Gesundheitswesen verfügbar sind, so daß alle Bürger die Möglichkeit haben, ihre Lebensqualität zu verbessern. Als Indikatoren werden hier u.a. vorgeschlagen: lokale Beschäftigungsraten, Kriminalitätsraten, Parkflächen, Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, Obdachlosenrate und die Kindersterblichkeit.
(g) Ziviles Engagement und Partizipation
- Grundlage von demokratischen Gesellschaften ist die aktive Beteiligung von Individuen und Institutionen an sozialen Prozessen. Bürgern, Unternehmen und Gemeinden müssen umfassende Mitwirkungsmöglichkeiten bei Entscheidungen umweltpolitischer oder ökonomischer Art eingeräumt werden, von denen sie tangiert werden. Auch hier ist die Entwicklung von Indikatoren notwendig, die die politische Beteiligung und die Effektivität von politischen Instrumenten bewerten und fördern können, während individuelle Initiative und Kreativität beibehalten werden.
(h) Bevölkerung
- Als Ziel wird hier eine Stabilisierung des Wachstums der U.S.-amerikanischen Bevölkerung formuliert. Als Indikatoren demographischer Entwicklung sollten nicht nur traditionelle Größen wie Bevölkerungszahl etc. verwendet werden, sondern Faktoren wie beispielsweise der soziale und ökonomische Status von Frauen u.a.. Als weitere Indikatoren werden u.a. die Zahl der unbeabsichtigten Schwangerschaften, der Schwangerschaften von Jugendlichen und die Zahl von illegalen Einwanderern vorgeschlagen.
(i) Internationale Verantwortung
- Aufgrund der traditionellen globalen Vormachtstellung hatten die internationalen Aktivitäten der USA bisher einen außerordentlichen Einfluß auf die Umwelt, die Wirtschaft und die Kulturen anderer Länder. Deshalb müsse es hier, so der PCSD, Ziel sein, daß die USA bei der Entwicklung und Implementation globaler Nachhaltigkeitspolitiken die Führungsrolle übernimmt. Fortschritt in dieser Hinsicht könnte durch Indikatoren wie der Umfang der generellen Entwicklungshilfe und der umweltschutzbezogenen Entwicklungshilfe, der Umfang des Exports von umweltverträglichen Technologien und die Höhe der Ausgaben für Global Change Forschung gemessen werden.
(j) Bildung
- Ziel ist hier der gleichberechtigte Zugang aller Bevölkerungsschichten zu den Bildungsinstitutionen. Darüber hinaus sollte das Konzept der 'nachhaltigen Entwicklung' als Bildungsinhalt in das formale und nicht-formale Erziehungssystem integriert werden.
Im folgenden Kapitel analysiert der PCSD dann für diese Zielbereiche die gegenwärtige Situation und entwickelt Empfehlungen für Massnahmen zur Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung in diesen Bereichen. Beispielhaft soll das hier für den Bereich "Bildung und Information" dargestellt werden.
(3)Die Implementation von 'Nachhaltigkeit' in das Bildungs- und Informationssystem der USA
Das Bildungs- und Informationssystem ist für den PCSD der zentrale gesellschaftliche Bereich, in dem das Umweltbewußtsein der Bürger erhöht und gestaltet werden kann.
Generell sollte das Bildungs- und Informationssystem in Hinblick auf die Kriterien von 'Nachhaltigkeit' reformiert werden. Gleichzeitig sollten Foren geschaffen werden, die vermehrt Fort- und Weiterbildung für Erwachsene anbieten. Die Bildungsinhalte sollten verstärkt die internationalen Globalisierungstendenzen und ihre gesellschaftlichen Herausforderungen berücksichtigen. Neue Berufsbilder, neue Fähigkeiten sollten genauso entwickelt werden wie ziviles Engagement in einer 'nachhaltigen' Gesellschaft.
Der Zugang zu Bildungsinstitutionen und gesellschaftlich relevanten Informationen sollte für alle sozialen Schichten verbessert werden. Auf diese Weise könnten einerseits soziale Probleme gelöst werden. Andererseits könnten Bürger, Politiker und Wirtschaftsvertreter auf anstehende Probleme schneller und effizienter reagieren, wenn ihnen das entsprechende Informations- und Datenmaterial zur Verfügung steht.
Auch aufgrund der neuen ökologischen und ökonomischen
Problemlagen seien die gesellschaftlichen Akteure vermehrt auf
gut aufbereitetes Datenmaterial und neue Forschungsergebnisse
angewiesen. Die qualitativ und zeitlich effektive Datenaufbereitung
stelle aus diesen Gründen eine wesentliche Voraussetzung
für gute politische und ökonomische Entscheidungen dar.
Die Zusammenarbeit und Koordination von Wirtschaft, Forschung
und Politik sollte verbessert werden, so daß 'Nachhaltigkeit'
auf allen räumlichen Ebenen (national, regional, lokal) umgesetzt
werden kann.
Vor diesem Hintergrund formuliert der PCSD u.a. folgende Empfehlungen:
(1) Verbesserung der Verbreitung, Aufbereitung und Organisation von Daten, damit diese den gesellschaftlichen Entscheidungsträgern für ihre ökonomischen, umweltpolitischen und sozialen Zielsetzungen und Entscheidungen zur Verfügung stehen. Gleichzeitig sollte über eine verbesserte Organisation von Daten die Tendenz zu deren mehrfacher Aufarbeitung vermieden werden.
(2) Die Regierung sollte die internationale Forschungszusammenarbeit bezüglich einer 'nachhaltigen Entwicklung' fördern.
(3) Gezieltere Grundlagenforschung in Hinblick auf gesellschaftliche Probleme sollte gefördert werden. Gerade die Umweltforschung sollte verstärkt in folgenden Themengebieten arbeiten: Verhältnis von Mensch und Umwelt, Kriterien für menschliches Wohlergehen, dringende globale Probleme wie Klimawirkungsforschung und Verlust von Artenreichtum.
(4) Das Umweltbewußtsein der Bevölkerung soll über bessere Informationsverbreitung in den Gemeinden und Kommunen gefördert werden. Gerade hier sollen positive Anreize in Richtung umweltbewußtes Verhalten gegeben werden.
(5) In Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen, den regionalen und lokalen Regierungen und dem privaten Sektor sollte die Bundesregierung die Entwicklung nationaler Indikatoren für 'Nachhaltigkeit' vorantreiben. Diese Indikatoren sollten ökologische Zielsetzungen mit den nationalen ökonomischen und sozialen Interessen verbinden.
Auch die Bundesstaaten und lokalen Regierungen sollten eigene regional- oder lokalbezogene Nachhaltigkeitsindikatoren entwickeln.
(6) Das formale und informale Bildungswesen sollte in dem Sinne verändert werden, daß Kriterien von 'Nachhaltigkeit' verstärkt als Bildungsinhalt in das Bildungssystem implementiert werden. Es sollte damit gewährleistet werden, daß Absolventen aller Bildungseinrichtungen ein Basisverständnis über die Zusammenhänge zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Fragen erwerben. Hierbei sind nicht nur Schulen, Universitäten und Bildungsinstitutionen angesprochen, sondern ebenfalls Museen, Bibliotheken, Bildungsvereine etc..
Resümee
Es ist sicher ein Verdienst des PCSD, den Versuch unternommen zu haben, Nachhaltigkeitsziele und -indikatoren für alle gesellschaftlichen Bereiche zu entwickeln und Maßnahmen zur Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung in diesen Bereichen vorzuschlagen. Er versteht das Konzept einer nachhaltigen Entwicklung als ein gesamtgesellschaftliches Konzept und betont die Gleichwertigkeit der Elemente Wirtschafts-, Sozial- und Umweltverträglichkeit im Rahmen dieses Konzepts. Als zentrale und einzelne Politikfelder übergreifende Voraussetzungen für die Einleitung einer nachhaltigen Entwicklung sieht er im wesentlichen
- die Förderung dieser Umwelt- bzw. Nachhaltigkeits-Ethik bei allen gesellschaftlichen Akteuren,
- die Förderung eines Bewußtseins in der Bevölkerung,
das Umweltfragen mit ökonomischen und sozialen Fragen verknüpft
und
- die verstärkte Zusammenarbeit aller gesellschaftlichen Akteure auf den verschiedenen Ebenen.
Bezüglich der ökologischen Nachhaltigkeit wird vornehmlich eine technische Effizienzsteigerung bei der Nutzung und beim Schutz der natürlichen Ressourcen sowie die weltweite Diffusion umweltverträglicher Technik in den Vordergrund gestellt, Fragen möglicherweise notwendiger änderungen von Produktions- und Konsummustern werden weniger thematisiert.
Die vorgeschlagenen Indikatoren in den verschiedenen Bereichen sieht der PCSD selbst als vorläufig an und sie bedürfen sicher der Ergänzung; sie bieten aber auch für andere Länder wertvollen Diskussionsstoff für deren Bemühungen um die Entwicklung von Nachhaltigkeitsindikatoren, insbesondere deswegen, weil der Ansatz des PCSD der weltweit bisher umfassendste ist. Die Problematik der Formulierung von Zielwerten für solche Nachhaltigkeitsindikatoren wird allerdings kaum angesprochen.
Bei den vom PCSD entwickelten Empfehlungen handelt es sich bisher mehr um Postulate als um konkrete Maßnahmenvorschläge.
Bibliographische Angaben
President's Council on Sustainable Development: Council Report, Washington 1996.
Abrufbar im Internet unter:
http://www1.whitehouse.gov/WH/EOP/pcsd/index.html
von Bettina-Johanna Krings, ITAS
Nach der UNEP-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 hat der Schweizer Bundesrat mit einem Beschluß vom 1. März 1993 den Interdepartementalen Ausschuß Rio (IDARio) als neue Verwaltungsstruktur ins Leben gerufen. Der IDARio vereinigt die Direktoren von 17 verschiedenen Bundesämtern, wie beispielsweise das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft, das Bundesamt für Außenwirtschaft, das Bundesamt für Raumplanung u.a.. Darüber hinaus arbeiten auch verwaltungsexterne Gruppen aus Wirtschaft, Wissenschaft und der internationalen Entwicklungszusammenarbeit in dem Ausschuß mit, indem sie über eine Kontaktgruppe in den Diskussionsprozeß des IDARio miteinbezogen werden.
Aufgabe des IDARio ist die Umsetzung der Rio-Beschlüsse, d.h. die Erarbeitung einer ersten Konkretisierung des Konzeptes einer 'nachhaltigen Entwicklung' für die Schweiz. Diese Erarbeitung soll als Diskussionsgrundlage in den verschiedenen politischen Ressorts und ämtern, in der Wirtschaft und auch in den Nichtregierungsorganisationen dienen. Auf diese Art und Weise soll ein gesellschaftlicher Diskussionsprozeß in Gang gesetzt werden, in den auch die Schweizer Kantone einbezogen werden sollen. In sieben Arbeitsgruppen werden sektorspezifische Themen wie: Wälder, Biologische Vielfalt, Schutz des Klimasystems, Technologietransfer und -kooperation, kohärente Gesetzgebung und Subventionen, Handel und Umwelt behandelt.
Der IDARio hat bisher zwei Berichte vorgelegt, im April 1995
den Bericht "Elemente für ein Konzept der nachhaltigen
Entwicklung", der sich mit der Konkretisierung und Operationalisierung
des Konzepts für die Schweiz beschäftigt und im Februar
1996 den Bericht "Nachhaltige Entwicklung für die Schweiz",
der bezogen auf verschiedene Kapitel der in Rio beschlossenen
Agenda 21 Aktionen und Ziele der Schweiz in verschiedenen Handlungsfeldern
darstellt.
Nach Kenntnisnahme dieses Berichts hat der Bundesrat den IDARio
beauftragt, bis zum Frühjahr 1997 einen Aktionsplan für
die nachhaltige Entwicklung in der Schweiz auszuarbeiten.
(1) Die Interpretation des Konzeps der 'nachhaltigen Entwicklung' durch den IDARio
Nach Auffassung des IDARio ist das Ziel einer 'nachhaltigen Entwicklung' weit komplexer und ambitiöser als die Zielsetzungen des seit den 70er Jahren postulierten 'qualitativen Wachstums', da qualitatives Wachstum notwendig, jedoch nicht hinreichend für eine 'nachhaltige Entwicklung' sei. In Anlehnung an die Definition von 'Sustainability' der Brundtland-Kommision in ihrem Bericht 'Our Common Future' von 1987 formuliert der IDARio Nachhaltigkeit folgendermaßen:
"Nachhaltig ist eine Entwicklung, wenn sie die Bedürfnisse aller Länder und Bevölkerungsgruppen der heutigen Generation erfüllt, ohne daß dadurch die Fähigkeit künftiger Generationen beeinträchtigt wird, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und wenn sie die Vielfalt der Natur (Tiere und Pflanzen) gewährleistet." (IDARio 1995, S. 11)
Diese Definition unterscheidet sich von der Definition der Brundlandt Kommission, indem sie nicht nur die Interessen zukünftiger Generationen, sondern aller Kulturen der derzeitigen Weltbevölkerung sowie die Vielfalt der Natur miteinbezieht. Gemäß IDARio soll eine Entwicklungspolitik konzipiert werden, die die globale Umwelt nachhaltig nutzt und schützt.
Aus diesen Gründen sollte in den Entwicklungsländern das Gewicht auf der Bekämpfung der Armut, der Kontrolle des Bevölkerungswachstums, der Verbesserung der Gesundheitsvorsorge, dem besseren Zugang zu Ausbildungssystemen besonders für Frauen sowie auf der nachhaltigen Nutzung von Wäldern und der Wildfauna liegen.
Die Industrienationen sollten in erster Linie neue Entwicklungsmodelle entwerfen, die vorrangig ihre Konsummuster ändern und über die technologischen Verbesserungen die Effizienz ihrer Produktion steigern könnten. Die Verantwortung der Industrienationen für einen großen Teil der globalen Umweltgefährdung ist, nach IDARio, nicht von der Hand zu weisen. Aus eben diesem Grund müssen diese Länder ihre Umweltbeeinträchtigungen auf ein Niveau reduzieren, das mit einer nachhaltigen Bewirtschaftung der weltweit begrenzten Ressourcen vereinbar ist.
Für die verschiedenen Nationen werden in den beiden Berichten zwei zentrale Anliegen formuliert:
(a) die änderung der Produktions- und Konsummuster im Norden und
(b) die Kontrolle des Bevölkerungswachstums im Süden.
Für die Schweiz wird als primäre Stoßrichtung die Reduktion der Energie- und Stoffflüsse vorgeschlagen. Diese Vorgabe verlangt einerseits weiteren technologischen Fortschritt, andererseits werden auch die gängigen Konsum- und Verbrauchsmuster angesprochen und hinterfragt.
Der IDARio betont mehrfach, daß für die Schweiz das
Konzept der 'nachhaltigen Entwicklung' zunächst die drei
zentralen Elemente: Umweltverträglichkeit, Sozialverträglichkeit
und Wirtschaftsverträglichkeit beinhaltet. Für die Industrienationen
stehe zwar gegenwärtig der Aspekt 'Umweltverträglichkeit'
im Vordergrund der Bemühungen. Bei der Umwandlung in eine
ökologisch verträgliche Produktionsform bestehe aber
die Gefahr wirtschaftlicher und - damit eng verbunden - sozialer
Brüche und Instabilitäten. Diese Brüche sollten
auf jeden Fall vermieden werden, denn in der Folge könnte
die Funktionsfähigkeit des Wirtschafts- und somit des gesamten
Gesellschaftssystems empfindlich beeinträchtigt werden.
Aus diesen Gründen wird die Bedeutung des sog. 'magischen
Dreiecks' in den Vordergrund gehoben, d.h. die Integration des
Umweltschutzes, der wirtschaftlichen Effizienz und der sozialen
Solidarität in den gesellschaftlichen Prozeß. Alle
drei Ziele sollen in einem Gleichgewicht zueinander stehen, denn,
nach IDARio, kann keines der Ziele erreicht werden, wenn die anderen
zwei vernachlässigt werden. Verbesserungen in Hinblick auf
eine nachhaltige Entwicklung sollen sich in möglichst allen
gesellschaftlichen Sektoren niederschlagen (z.B. über sog.
No-regret-Maßnahmen).
(2) Inhaltliche Vorgaben von Handlungsstrategien für zukünftige Entwicklungen
In der Schweizer Bundesverfassung ist die Vorstellung von 'Nachhaltigkeit' noch nicht explizit verankert, jedoch sind die Prinzipien von 'Nachhaltigkeit' im Natur- und Heimatschutzgesetz (1966), im Umweltschutzgesetz (1983) und im Raumplanungsgesetz (1979) inhaltlich abgedeckt und bieten entsprechende Handlungsspielräume. Explizit formuliert ist die Idee von 'Nachhaltigkeit' im Energiegesetz vom 13. April 1994 mit folgendem Wortlaut: _Dieses Gesetz soll zu einer ausreichenden, breitgefächerten, sicheren, wirtschaftlichen, umweltverträglichen und langfristig nachhaltigen Energieversorgung beitragen_ (Art. 1, Abs. 1 der Verfassung, vgl. IDARio 1995, S.33).
Für die Schweiz existieren zwar quantifizierte Zielsetzungen (z.B. im Rahmen der Klimarahmenkonvention für CO2); diese sind jedoch nicht rechtlich verbindlich. Ebenso gibt es keine langfristigen Reduktionsziele für andere Emissionen oder für den Verbrauch endlicher Ressourcen. Die Schweiz hat, gemeinsam mit den USA, während der Verhandlungen der Rio-Konferenz darauf verzichtet, Zusicherungen für etwaige zukünftige Reduktionsziele zu machen. Auch bezüglich der internationalen Kooperationsbereitschaft haben sich die USA und die Schweiz sehr defensiv in Hinblick auf neue Entwicklungsmodelle verhalten. So sah sich die Schweiz nicht in der Lage, 0,7% ihres BSP für die Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen, was in Rio sowohl von den Entwicklungsländern als auch einem Großteil der Industrienationen eingefordert wurde. Als mittelfristiges Ziel hat der Schweizer Bundesrat 0,4% des BSP bis ins Jahr 2000 festgelegt. Gegenwärtig beläuft sich der Anteil auf ca. 0,3% des BSP.
Der IDARio weist darauf hin, daß besonders in ökonomischen Phasen der Rezession die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Stimulierung des Wirtschaftswachstums höher bewertet werden als langfristige Umweltaspekte. Deshalb, so der Ausschuß, kommt es in der konkreten Umsetzung von Handlungsstrategien immer zu Interessensabwägungen, die bei der Planung von Programmen berücksichtigt werden müssen. Dieses Primat gilt ebenfalls bei der Wahl der Instrumente. Die inhaltlichen Vorgaben gesellschaftlicher Maßnahmen zur Umsetzung des Nachhaltigkeitskonzeptes sucht der Ausschuß in Maßnahmen, die sowohl eine Suffizienz- als auch eine Effizienzrevolution einleiten können. Das heißt, daß Maßnahmen gesucht werden sollen, die mittels innovativer neuer Technologien und eines breit abgestützten Wertewandels zu mehr Umweltverträglichkeit führen.
Diese Maßnahmen sollen aus einem facettenreichen Netzwerk wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Programme bestehen und innovative Anstöße für die lokalen, regionalen, nationalen und globalen Ebenen bewirken. Nur so können, laut IDARio, gesamtgesellschaftliche Prozesse in Gang gesetzt werden. Jede Form der Operationalisierung von Maßnahmen sollte aus diesen Gründen einerseits die unterschiedlichen räumlichen Ebenen berücksichtigen; andererseits sollten Ansätze 'von oben' (gesetzlich verankerte Normen, marktwirtschaftliche Anreize etc.) und Ansätze 'von unten' (Lokalinitiativen, innovative Unternehmen, Umweltverbände etc.) mit jeder dieser Ebenen verbunden werden.
(3) Gesellschaftliche Instrumente für die Umsetzung von Handlungsstrategien
Prinzipiell sind für eine nachhaltige Entwicklung, nach Angabe des IDARio, drei Voraussetzungen grundlegend:
(a) Existenz einer ökologischen Stabilität, d.h. mit
staatlichen Ge- und Verboten, Auflagen etc. sollen umweltschädigende
Verfahren und Produkte begrenzt werden;
(b) wirtschaftliche und soziale Stabilität, d.h. folgende Faktoren müssen innerhalb der Gesellschaft gewährleistet sein: Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit, hoher Beschäftigungsgrad, Sicherstellung der sozialen Netze, Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern und zwischen den Generationen;
(c) Einführung mehrdimensionaler Instrumente in allen gesellschaftlichen Sektoren wie: ökologische Steuerreform, die die Arbeit steuerlich entlastet, gemeinsame Durchführung von Umwelt bzw. Klimaschutzmaßnahmen mit anderen Ländern, insbesondere des Südens (Joint Implementation), hohe Kohärenz der schweizerischen Politik (in verschiedenen Politikfeldern), multilaterale Finanzierungsinstrumente (z.B. 'Multilateral Fund' des Montreal Protokolls etc.), No-regret-Maßnahmen (z.B. Maßnahmen, die die Umweltbelastung reduzieren und gleichzeitig die Wirtschaftlichkeit oder die internationale Wettbewerbsfähigkeit steigern).
Im Bericht des IDARio vom Februar 1996 werden dann in Anlehnung
an die in der Agenda 21 formulierten Politikfelder bereits ergriffene
Maßnahmen zu mehr Nachhaltigkeit und mögliche weitere
Instrumente und Maßnahmen dargestellt. Diese umfassen u.a.
die Politikfelder Energie, Klima, Schutz der Ozonschicht, Luftreinhaltung,
Boden, Landwirtschaft, Waldwirtschaft, Chemikalien, Internationale
Solidarität, auf die hier nicht im einzelnen eingegangen
werden kann.
Beispielhaft sollen aber nachfolgend die Handlungsstrategien der
Schweiz im Bereich 'Energie' dargestellt werden:
Für die Schweiz haben sich aus den Vorschlägen der Agenda 21 keine neuen Impulse für den Energiesektor ergeben, da spätestens seit den 70er Jahren die Versorgungsfrage sowie der bewußte Umgang mit der Energie als ökologisch und ökonomisch wichtiges Ziel gesehen wird. Die Ziele einer sicheren, wirtschaftlichen Energieversorgung sowie eines sparsamen Energieverbrauchs wurden in einer eidgenössischen Volksabstimmung am 23. September 1990 bekräftigt und in der Verfassung verankert. Genauso wurde ein zehnjähriges Moratorium in bezug auf den Bau von Kernkraftwerken durch Volksabstimmung angenommen. Darüberhinaus hat sich die Schweiz im Rahmen der internationalen Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen verpflichtet, die anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen zu begrenzen.
Mit diesen rechtlichen und vertraglichen Abkommen wurde das energiepolitische Handlungsfeld der Schweiz abgesteckt, und es wurden folgende Maßnahmen getroffen:
- 1991 entstand das Aktionsprogramm &qout;Energie 2000" mit folgenden Zielen: der Verbrauch fossiler Energieträger soll bis zum Jahr 2000 auf dem Niveau von 1990 stabilisiert und später gesenkt werden, die Zunahme des Gesamtenergieverbrauchs soll bis 2000 verlangsamt, die Beiträge erneuerbarer Energien erhöht werden, Mediationsverfahren sollen bis zum Jahr 2000 verstärkt im Sektor Energie eingeführt werden.
- Zur Realisierung der Ziele empfiehlt IDARio zusätzlich neue Tarifstrukturen bei den Strom- bzw. Energiepreisen, die die Umweltkosten reflektieren sollen, ferner eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Kantonen, den Gemeinden und der Privatwirtschaft, eine effektivere Informationspolitik sowie eine wirksame Erfolgskontrolle.
- die Energienutzungsverordnung von 1992 führte zu verschiedenen Maßnahmen wie z.B. Verbrauchszielwerte für Geräte, Anforderung an die Warmwasseraufbereitung etc..
- Im internationalen Kontext will die Schweiz ihre Wirtschafts- und Verwaltungsinstrumente besser aufeinander abstimmen, z.B. existieren Absichtserklärungen der Automobilindustrie und der Verkehrsminister bezüglich besserer Zusammenarbeit im Rahmen der CEMT (Conférence Européenne de Ministres des Transports).
Im Energiesektor soll über den technischen Fortschritt das Verhältnis zwischen nachgefragter Nutzenergie und dem Aufwand an Primärenergie stetig verbessert werden. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, daß Effizienzsteigerung und Verbrauchsreduktion im Energiesektor konsequent ausgeschöpft wurden.
Resümee
Kennzeichnend für den Schweizer Ansatz zu einer nachhaltigen Entwicklung ist die Betonung der internationalen Kooperation und die Herausstellung der Gleichgewichtigkeit der Komponenten Sozial-, Wirtschafts- und Umweltverträglichkeit im Konzept einer nachhaltigen Entwicklung, um soziale Brüche und wirtschaftliche Diskontinuitäten zu vermeiden.
Betrachtet man die bisher ergriffenen Maßnahmen, so bewegen sich diese im Bereich des in den meisten Industrienationen üblichen, die Bekenntnisse zur Notwendigkeit neuer Produktions- und Konsummuster spiegeln sich in der bisherigen Umsetzung des Konzepts kaum wider. Man darf gespannt sein darauf, was der für 1997 angekündigte nationale Aktionsplan an Neuem bringt.
Bibliographische Angaben
Interdepartementaler Ausschuß Rio (IDARio): Elemente für ein Konzept der nachhaltigen Entwicklung. Diskussionsgrundlage für die Operationalisierung. Bern, April 1995.
Interdepartementaler Ausschuß Rio (IDARio): Nachhaltige Entwicklung in der Schweiz (2). Bericht. Bern, Februar 1996.
Bezugsquelle
Dokumentationsdienst
Bundesamt für Umwelt, Wald
und Landwirtschaft
CH-3003 Bern.
von Sigrid Klein-Vielhauer, ITAS
Die - in französischer Sprache - vorliegende Veröffentlichung von zwei belgischen Forschungseinrichtungen - der Fondation Travail-Université, Namur, und der Vlaamse Instelling voor Technologisch Onderzök, Mol, - stellt den Abschlußbericht zu dem Forschungsprojekt "Implikationen des Konzepts der dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung für die wissenschaftliche Forschung" dar. Die von den "Services Fédéraux des Affaires Scientifiques, Techniques et Culturelles (SSTC)" koordinierten und finanzierten Forschungsarbeiten haben vor allem zum Ziel, dem "Conseil National du Développement Durable (CNDD)" Empfehlungen zu Schwerpunkten und Organisation der wissenschaftlichen Forschung in Belgien zu unterbreiten. Untersuchungsgegenstand sind insbesondere die Natur-, Human- und Sozialwissenschaften, mit internationalem und eher lokalem Bezug, die Grundlagen- und die angewandte Forschung sowie die Beziehungen zwischen Forschung und technologischer Innovation. Nicht einbezogen sind vor allem technische und industrielle Entwicklungen, Prototypen, Demonstrationsprojekte und die unternehmenseigene Forschung, die in Belgien drei Viertel der inländischen FuE-Ausgaben repräsentiert.
Durchgeführt wurden Literaturstudien - auf die Erfassung und Strukturierung aller wesentlichen Aspekte des vorgegebenen Themas ausgerichtet -, die Analyse konkreter Maßnahmen, Interviews mit "Schlüsselpersonen", ein zur Vorbereitung der Schlußfolgerungen veranstalteter Workshop - unter Beteiligung der für die Umsetzung des Konzepts der dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung verantwortlichen Hauptakteure - und eine schriftliche Befragung der Mitglieder des CNDD über Erwartungen, Notwendigkeiten, Kapazitäten und Wünschenswertes im Bereich "Forschung und Nachhaltigkeit".
Die in drei Abschnitte unterteilten Schlußfolgerungen bestehen zunächst aus Feststellungen allgemeiner Art. Denen zufolge ist die Wissenschaft nicht das wichtigste Instrument im Hinblick auf die Bemühungen der Gesellschaft, eine dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung voranzubringen, sie kann nur eines von mehreren zielgerichteten Instrumenten sein. Die Implementationslücke (d.h. die Diskrepanz zwischen den Konzepten und ihrer Anwendung) ist in der Diskussion über die dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung ein vorherrschendes Thema. Gefordert wird, der Rolle des wissenschaftlichen Know-how besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Wissenschaft kann einerseits an der Erarbeitung des Kozepts einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung mitarbeiten, andererseits wird ihr vor allem eine instrumentelle Bedeutung zugesprochen. Über den Charakter dieser instrumentellen Bedeutung besteht aber Uneinigkeit - die Wissenschaft kann nützlich sein, einen notwendigen Hebel oder auch eine unabdingbare Voraussetzung für die dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung darstellen.
Aus analytischen Gründen ist prinzipiell zwischen der Forschung über und der Forschung für eine dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung zu unterscheiden. Bezüglich des erstgenannten Punktes geht der Bericht u.a. auf die Ableitung einschlägiger Indikatoren für verschiedene räumliche und sektorale Abgrenzungen ein. Die Forschung hierzu ist in Belgien gut entwickelt und sollte noch intensiviert werden. Zur Forschung im Dienste einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung ist vor allem festzustellen, daß diese im Rahmen bereits vorhandener Forschungsrichtungen, Methoden und Ansätzen durchgeführt wird; die Klima- und die Umweltforschung haben einen enormen Aufschwung genommen; aufgrund des bisweilen festzustellenden Phänomens der Umetikettierung von Forschungsthemen wird empfohlen, auf die Authentizität der jeweils behandelten Problematik und der Forschungsziele hinreichend zu achten.
Wichtiges inhaltsbezogenes Kennzeichen der Forschung für eine dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung ist die Berücksichtigung sowohl intergenerationeller als auch weltweiter Problemdimensionen. Diese Forschung sollte stets vor dem Hintergrund eines "größeren" Gesamtzusammenhangs erfolgen. Formales Kennzeichen dieser Forschungsrichtung ist die Multidisziplinarität und die gesellschaftlich-kommunikative Dimension, wobei es sowohl um die Kommunikation zwischen den Wissenschaftlern als auch um die zwischen Wissenschaftlern bzw. Wissenschaftspolitikern einerseits und der Öffentlichkeit, also den gesellschaftlichen und politischen Handlungsträgern andererseits geht.
Die Empfehlungen am Schluß der Studie sind in vier Hauptpunkte gegliedert. Aufgrund der in Belgien stark regionalisierten Kompetenzen im Bereich Wissenschaft und Technik sind die Empfehlungen nicht nur an Bundesministerien, sondern auch an regionale oder kommunale Einrichtungen gerichtet.
Zunächst wird empfohlen, in Belgien ein günstiges institutionelles Umfeld herzustellen, indem internationale Verträge, wie z.B. verschiedene Konventionen in der Nachfolge der Rio-Konferenz, ohne weiteren Zeitverzug unterschrieben werden, so daß Belgien seinen Beobachterstatus in eine aktivere Rolle belgischer Wissenschaftler in internationalen Kommissionen, Programmen und Agendas umwandeln kann. Ebenso wird es als notwendig erachtet, den Wissenschaftlern der Entwicklungsländer die Möglichkeiten und Mittel für die Durchführung wissenschaftlicher Forschung zur Verfügung zu stellen. Der belgische Rat CSD strebt mit seinen Maßnahmen eine Korrektur der weltweiten Ungleichverteilung wissenschaftlicher Kapazitäten an. Weiterhin soll die belgische Forschung verstärkt in die internationalen Programme integriert und jedes Ministerium (auf Bundes- und regionaler Ebene) mit einer Kontaktstelle für dauerhaft-umweltgerechte Entwicklung ausgestattet werden. Aufgabe dieser Kontaktstellen, die sich auch zu einer ständigen Arbeitsgruppe zusammenfinden sollen, wäre es, die Ideen der Agenda 21 in die Fachpolitikbereiche hinein zu verbreiten.
Die zweite Gruppe von Empfehlungen bezieht sich auf die zu unterstützende
Forderung nach einem interdisziplinären Ansatz. Bisher weist
Belgien ein weitgehendes Defizit an Kommunikation zwischen den
Disziplinen und deren gemeinsamen Methoden auf. Im wesentlichen
wird ein Rahmenkonzept für multidisziplinäre Forschung
befürwortet, das von der Konzeption von Forschungsprogrammen
bis hin zur Verbreitung von Forschungsergebnissen angewandt wird.
Auch die Ausbildung junger Forscher sollte bereits Aspekte der
Interdisziplinarität berücksichtigen.
Die mittel- und langfristige Neuausrichtung der Forschung entlang
neuer Entwicklungslinien ist Gegenstand der relativ umfassenden
dritten Gruppe von Empfehlungen. Es wird darauf hingewiesen, daß
die Schwierigkeiten und Grenzen bei der Aufstellung von Forschungsprioritäten
zu beachten sind. Hierbei soll trotz einer notwendigen Neuorientierung
der Themenauswahl und des Mitteleinsatzes der wissenschaftliche
Pluralismus erhalten bleiben. Außerdem werden zwei vorrangige
Themenkomplexe identifiziert, die im Zeitablauf unterschiedlich
ausgestaltet sein können: allgemeine Schwerpunkte, die aufgrund
des wissenschaftlichen Kenntnisstandes und der Dringlichkeit auf
der politischen Tagesordnung zu ermitteln sind, und spezifisch-belgische
Schwerpunkte, die von denen anderer Länder oder internationaler
Organisationen abweichen können. Auf die Notwendigkeit, Methoden
zur Schwerpunktsetzung unter Berücksichtigung der Erwartungen
der Gesellschaft zu entwickeln, wird verwiesen.
Unter einer Überschrift, die die Bedeutung, die Anliegen der Gesellschaft zu berücksichtigen, noch einmal hervorhebt, wird u.a. eine Liste von Themenschwerpunkten aufgeführt, deren begrenzte Aussagekraft nach Meinung der Autoren der Studie jedoch zu beachten ist. Diese Liste verweist auf die gesellschaftlichen und ökonomischen Aspekte der dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung, die auch in ähnlichen Studien aus den Niederlanden, Baden-Württemberg und Österreich eine wichtige Rolle spielen. Dies sollte aber nicht bedeuten, daß die mit den Naturwissenschaften verbundenen Aspekte zu vernachlässigen seien.
Speziell an die Adresse des belgischen CNDD werden Empfehlungen zu den Methoden der Prioritätenfestlegung ausgesprochen. Dieser Rat sollte unter entsprechender Beteiligung gesellschaftlicher Gruppen eine Studie über - hier nicht näher gekennzeichnete - Szenarien für ein "Sustainable Belgium" nach dem Vorbild ausländischer Initiativen und Veröffentlichungen wie "Sustainable Netherlands" und "Zukunftsfähiges Deutschland" erstellen. Weiterhin werden vorbereitende Schritte vor der Formulierung von Forschungsprogrammen empfohlen.
Die vielfältigen Empfehlungen für die Umsetzung von Prioritäten heben die Entwicklung integrierter Programme hervor. Als besonders bemerkenswert sei auf die Passage verwiesen, in der die Pflichten der Wissenschaftler einerseits und der Gesellschaft andererseits und die Notwendigkeit des in zwei Richtungen verlaufenden Dialogs zwischen diesen beiden Gruppen angesprochen werden.
Diese Forderung wird unter der Überschrift der vierten Gruppe von Empfehlungen "Die Funktion der Gesellschaft stärken" noch einmal explizit aufgenommen. Unter anderem wird auf die in Belgien mögliche hervorragende Rolle des "Conseil National du Développement Durable" hingewiesen. Alle wichtigen belgischen Akteure seien in ihm vertreten. Dieser scheine aber ein Imageproblem zu haben. Selbst im Wissenschaftsbereich sei er kaum bekannt.
Dieser letzte Abschnitt der Studie enthält auch die Feststellung, daß nicht alle Fragen der Gesellschaft an die Wissenschaft Forschungsfragen seien. Sie umfassen gleichzeitig Forderungen nach einer allgemeinverständlichen Darstellung und Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse, Forderungen nach wissenschaftlichen Expertisen zu speziellen Fragen und Erwartungen an die Forschung im eigentlichen Sinne.
Bibliographische Angaben
VITO/FTU: "Développement durable et recherche scientifique". Rapport final. Hrsg. v. Services Fédéraux des Affaires Scientifiques, Techniques et Culturelles (SSTC), Brüssel, März 1996. 137 S.
Kontakte
SSTC - Services Fédéraux des Affaires Scientifiques, Techniques
et Culturelles
Rue de la Science, 8
B-1000 Bruxelles
Fax: + 32-2/2305912
FTU Fondation Travail-Université
Unité de recherche "Travail & Technologies"
Rue de l'Arsenal, 5
B-5000 Namur
Gérard Valenduc (Koordinator)
Fax: + 32-81/725128
VITO - Vlaamse Instelling voor Technologisch Onderzoek
Boeretang, 200
B-2400 Mol
Jan Van Rensbergen (Koordinator)
Fax: + 32-14/315021
CNDD - Conseil National du Développement Durable
Rue de la Loi, 56
B-1000 Bruxelles
Der Bericht ist über die ersten beiden Adressen erhältlich.