DISKUSSIONSFORUM

"Die Erde bemuttern"

Ansätze einer feministischen Umweltforschung

Rezension von Bettina-Johanna Krings, ITAS

Das vorliegende Buch:”Gender & Environment”. Ökologie und die Gestaltungsmacht von Frauen ist in der Reihe Forschungstexte des Institutes für Sozial-Ökologische Forschung (ISOE) in Frankfurt erschienen. Die Ansätze feministischer Theorie und Praxis bilden eine von mehreren Kritikperspektiven, um die Gegenwartssituation als ”Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse” zu deuten, wie sie in der Forschungsprogrammatik des Instituts begründet wurde.

Das Buch stellt den aktuellen Diskussions- und Forschungsstand der feministischen Naturwissenschaftskritik und Umweltforschung dar und gibt einen Überblick über Arbeiten und Studien, die vom ISOE durchgeführt wurden. Ebenso werden die Ergebnisse des ersten Workshops zu ”Gender & Environment” vom Dezember 1993 zusammengefaßt und dokumentiert. Abschließend werden offene Themen und Fragestellungen formuliert, die die weitere Arbeit der umweltfeministischen Perspektive am Institut für sozial-ökologische Forschung bestimmen sollen.

Auch die feministische Umweltforschung kommt nicht umhin, sich dem Dilemma zwischen universell-abstrakter Gesellschaftsanalyse auf der einen Seite und konkret-situationsbezogener Umweltplanung auf der anderen Seite zu stellen. Hinzu kommt, daß innerhalb der feministischen Forschung beträchtliche Differenzen im Hinblick sowohl auf die Bewertung gesellschaftlicher Strukturen als auch die Handlungsstrategien von Frauen existieren. Internationale feministische und frauenpolitische Kongresse und Diskussionen wiesen noch vor wenigen Jahren auf nahezu unüberwindliche ideologische Gräben zwischen den Frauen westlich, östlich und südlich geprägter Lebensformen hin. Die Erkenntnis, daß es in der Frauenpolitik nicht um die Überwindung kultureller und sozialer Unterschiede geht, sondern um ein gemeinsames Leitkonzept, hat sich nicht zuletzt im Rahmen der Umweltdiskussion durchgesetzt. Im Rahmen der UN-Konferenzen haben sich die Frauen als 'pressure group' etabliert, um umwelt- und entwicklungspolitische Perspektiven mitzugestalten.

Im Rahmen der 'sustainability'-Debatte kommen ernsthafte Versuche einer gesellschaftlichen Neu- und Umgestaltung nicht umhin, die frauenpolitischen Konzepte in ein ganzheitliches Konzept zu integrieren. Denn einerseits sind Frauen überall in ihrem Alltagshandeln intensiver mit den Umweltproblemen befaßt und andererseits werden Themen in der 'sustainability'-Debatte entwikkelt, die innerhalb der Frauenforschung schon längst thematisiert sind. Dies wird in dem vorliegenden Band sehr deutlich.

Gesellschaftliche Bedeutung von feministischer Umweltforschung

In den letzten zehn Jahren hat die feministische Umweltforschung an Bedeutung gewonnen. Besonders im Rahmen von politischen Umwelt- und Verbraucherinitiativen werden ihre Ansätze diskutiert und aufgegriffen. Nach Ansicht der Autorinnen bezieht sich ein großer Teil feministischer Umweltforschung auf die Erkenntnistheorie feministischer Kritik an Naturwissenschaft und Technik, da nach wie vor die Wissenschaftler die Geschlechtsspezifität ihrer Erkenntnisformen und Theoriepositionen nicht reflektieren. Dualismen wie 'rational - emotional', 'objektiv - subjektiv', 'öffentlich - privat' stellen unvereinbare Kategorien dar, mit deren Hilfe die konventionellen Stereotypen des Weiblichen (und somit auch des Männlichen) manifestiert und aufrechterhalten werden. Auf diese Art und Weise werden die Frauen in der Gestaltung ihres individuellen Lebens als geschlechtliche Lebewesen eingeschränkt. Diese Annahme wird immer wieder bestätigt, da sich Frauen aufgrund der veränderten historischen weiblichen Lebenszusammenhänge, als ”Grenzgängerinnen” (Becker-Schmidt 1985, in: Schultz/Weller 1995:21) empfinden, die zwischen Familie und Beruf pendeln und sich an diesen beiden unterschiedlichen Sphären doppelt orientieren müssen. Die Privatsphäre, die im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung den Frauen zugeordnet wurde, erlebt weiterhin eine Herabsetzung und Diskriminierung gegenüber dem öffentlichen Bereich. Der öffentliche Raum wiederum wird von den Frauen als ein Raum des ”männlich Symbolischen” (Sheila Benhabib 1995) gewertet, der den Frauen ausschließlich das Recht einräumt, ”den Männern ähnlicher”(ebd.) zu werden.

Trennung und Abspaltung als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklung werden von den Frauen als Verlust bewußt wahrgenommen, da das Weibliche als geschlechtliche Kategorie ebenfalls in diesen Ausdifferenzierungsprozeß miteingeschlossen ist. Frauen werden weltweit verleugnet, diskriminiert und ausgebeutet. Die Formen der Verletzung sind vielfältig und richten sich gegen alle Formen weiblichen Seins: als kreative Kraft und Produzentin, als Mutter und Geschlechtspartnerin.

Westliche Gesellschaften werden oft als eine Lebensform charakterisiert, die die individuelle Handlungsfähigkeit als die Freiheit einer Person widerspiegelt, zwischen verschiedenen Lebensweisen zu wählen. Für Frauen sollte, nach Ansicht der Autorinnen, ebenfalls gelten, daß ihre 'Handlungsfähigkeit' nicht nur die Integration in den gesellschaftlichen Produktionsprozeß einschließt, sondern auch die Möglichkeit, den sexuellen Ausdruck als wichtigen und kreativen Aspekt menschlichen Lebens wählen und integrieren zu können. Dieser Aspekt schließt jedoch an die soziale Wertschätzung und Bejahung im Rahmen heutiger Gesellschaften nicht an. Nach wie vor sind weibliche Optionen und Tätigkeitsfelder mit Opfern und vielfältigem Verlust verbunden und werden von einem Großteil der Frauen auch als solche wahrgenommen.

Besonders in der Diskussion zur Problematik Frauen - Umwelt - Entwicklung haben Frauen und Feministinnen angefangen, selbst aktiv in die Diskussion einzugreifen und ihre Interessen und Vorstellungen einzubringen bzw. einzufordern. Beispielsweise wurde während der Vorbereitung und Durchführung der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio eine Frauen-Agenda 21 erarbeitet, die den Zusammenhang zwischen Umwelt und Entwicklung sowie Natur- und Frauenunterdrückung konsequent als zwei Seiten derselben Medaille betrachtet und eine neue Moral des Produzierens, Konsumierens und Handelns fordert. In diesem Kontext wird betont und gefordert, daß die Handlungsstrategien von Frauen den unterschiedlichen Bedingungen und Lebensmustern angepaßt werden müssen.

An der aktuellen Diskussion zu ”sustainable development” nehmen auch Frauen aus Deutschland teil, die den Begriff des ”vorsorgenden Wirtschaftens” (Busch-Lüty et al. 1994, in: Schultz/Weller 1995:28) geprägt haben. Kernelemente dieses Konzeptes stellen die drei Handlungsprinzipien: 'Vorsorge, Kooperation und Orientierung am Lebensnotwendigen' dar. Diese Kriterien beziehen sich auf den versorgungswirtschaftlichen Bereich, da dieser noch überwiegend in die Zuständigkeit von Frauen falle. Grundsätzlich können, so die These, Konzepte und Modelle einer 'zukunftsfähigen Entwicklung' nicht nachhaltig sein, wenn sie den Bereich der Versorgung und damit den Erfahrungshintergrund von Frauen nicht berücksichtigen.

Die Autorinnen betonen diesen Aspekt immer wieder, da gerade im umweltpolitischen Bereich Politikstrategien darauf abzielen, gesellschaftliche Probleme auf den versorgungswirtschaftlichen Bereich - also auf Frauenräume - abzuwälzen. Gleichzeitig werden die Frauen bei der Planung und Organisation von Politikstrategien weiterhin konsequent nicht berücksichtigt, wie eine Studie zum Thema 'Müll' im Raum Frankfurt gezeigt hat (vgl.: Schultz/ Weiland 1991:”Frauen und Müll - Frauen als Handelnde in der kommunalen Abfallwirtschaft”).

Aus diesen Gründen halten die Autorinnen eine (Weiter-)Entwicklung von neuen Theorieansätzen und Umsetzungsperspektiven für das Konzept einer ”Alltagsökologie” für notwendig, die die Differenzen in der Sozialstruktur im Hinblick auf geschlechts- und lebensstilspezifische Lebenswelten beschreibt und integriert. So können die naturwissenschaftlich-technisch geprägten Formen der Alltagserfahrung sowie die sozio-kulturellen Praktiken unterschieden werden, die den Erfahrungsbereich sowohl von Frauen als auch von Männern prägen.

Mit dem Begriff der ”Gestaltungsmacht von Frauen” (Schultz/Weller 1995:18) hoffen die Autorinnen neue Leitbilder und Zugangsweisen für Frauen zu entwickeln.
Anhand verschiedener Themen der Umweltdebatte wie Chemie, Stoffströme, Reproduktionstechnologien etc. werden die o.g. Unterscheidungen herausgearbeitet. Beispielhaft wird im folgenden der Reproduktionsbegriff und sein Stellenwert in der feministischen Umweltforschung dargestellt.

Zum Reproduktionsbegriff in der feministischen Diskussion

Allein der Begriff 'Reproduktionstechnologien' weist zwingend auf die Strukturen der bewußten Sprache, in der unbewußt ein weibliches Prinzip aus der symbolischen Ordnung ausgeschlossen wird. Hierbei geht es sowohl um die Fähigkeit zu Gebären als auch um die Bedeutung der Mutter als menschlichen Ursprung.

Der 'moderne' Reproduktionsbegriff hat heutzutage in seiner philosophischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bestimmung nichts oder nur wenig mit den generativen Fähigkeiten von Menschen oder Tieren zu tun. Der Reproduktionsbegriff steht nun für eine rationale und technische Selbstschöpfung, als ”engineering” eines rationalisierten und kontrollierten Naturprozesses.

Immer wieder betonen die Autorinnen, daß die feministische Analyse nicht die Ablehnung des kreativen Potentials, das in der Entwicklung der Reproduktionstechnologien liegen kann, im Blickfeld hat. Das zentrale Anliegen besteht in der Akzentuierung der wahren Entwicklung menschlichen Lebens, in deren Prozeß die Frauen eine zentrale und wichtige Funktion innehaben. Entscheidend ist nun, wie beide Formen, der menschliche Schöpfungsprozeß und die biologische Reproduktion, sozial gedeutet werden und welchen Geltungsanspruch sie in der gesellschaftlichen Entwicklung beanspruchen können.

Werden beide Formen der Reproduktion sozial gewürdigt und beachtet, so können diese sich im Rahmen des sich ständig neu realisierenden Naturverhältnisses von Mensch (Frau und Mann) und Natur integrieren. Die soziale Anerkennung des natürlichen Schöpfungsprozesses könnte bedeuten, daß die regenerativen Kräfte der Natur (und ihre Erhaltung) als Faktor der Wertentstehung in den Wirtschaftsprozeß einbezogen werden könnten. Das hieße auch, daß die menschliche Arbeitskraft als Teil von Naturkraft gedeutet werden kann, was einen großen Teil der Frauen in den gesellschaftlichen Prozeß zurückführen könnte (Schultz/Weller 1995:72).
Wird der Begriff der Reproduktion jedoch in abstrakter Weise auf das ”Ganze” des Lebensprozesses oder nur auf die ökonomische Reproduktion der Gesellschaft durch Arbeit und Technik bezogen, macht er die Bedeutung der natürlichen Schöpfungskraft unsichtbar. Sie wird aus ihrer physikalischen und psychologischen Verankerung herausgelöst. Die regenerative Kraft der Natur bleibt in einer solchen Vorstellung unberücksichtigt und im sozialen Kontext bedeutungslos.

In beiden Interpretationsmustern wird die zentrale Bedeutung des Reproduktionsprozesses nicht geleugnet. Die Frage bleibt jedoch bestehen, in welcher Form sich die unterschiedlichen Bewertungen und Wahrnehmungen in der Gesellschaft durchsetzen und welche Geltungsansprüche (von Männern, Frauen und Natur) erhoben werden.

In der feministischen Literatur existieren unterschiedliche Annahmen und Theorien über den langen historischen Prozeß der Verdrängung des Weiblichen aus den gesellschaftlichen Gestaltungsprozessen, seinen Motiven und Intentionen. Jedoch kann der im 18. Jahrhundert entstandene Reproduktionsbegriff als neuerlicher Höhepunkt gelten, in dem der Prozeß der generativen Erneuerung des Menschen und der Gesellschaften symbolisch umgedeutet wurde. An die Stelle von natürlichen Prozessen rückte der Prozeß der Erneuerung von (technischen und ökonomischen) Produktivkräften. Die Biowissenschaften übernahmen ihn nun im 20. Jahrhundert und führten ihn auf die symbolische Ebene der Selbstherstellung (Autopoiesis) und der Selbstverdoppelung (Selbstreplikation). Beide Begriffe spiegeln wiederum die Annahme wider, daß die Systeme autonom, also ohne mütterliche Zelle existieren können (vgl. Schultz/Weller 1995:74).

Ausschlaggebend für die feministische Analyse ist die Frage, welche Beziehung die gesellschaftlichen Deutungsmuster zu den dargestellten Entwicklungen herstellen und vor allem, welche gesellschaftlichen Konsequenzen sich daraus ergeben. Werden die Biotechnologien im Rahmen (männlicher) bevölkerungs- oder frauenpolitischer Geltungsansprüchen verwandt oder aber kann der Reproduktionsbegriff mit dem Wissen und der Partizipation von Frauen neu bestimmt und gestaltet werden?

Umweltforschung und Gestaltungsmacht von Frauen

Der feministischen Forschung liegt die Vorstellung einer krisenhaften gesellschaftlichen Naturbeziehung zugrunde. Die dichotomische Unterscheidung von Umwelt und Körper, von ”äußerer” und ”innerer” Natur, von instrumenteller und kontemplativer Erkenntnis, Verstand und Gefühl, Erhalt und Fortschritt, von Technik und Natur sind überlagert und verknüpft mit der Differenz zwischen Mann und Frau (vgl. Schultz/Weller 1995:176). Diese Differenz beinhaltet einerseits ein enormes kreatives Schöpfungspotential, was die Entwicklung der Menschheitsgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte bezeugt. Andererseits hat sie zu sozialer Ungleichheit zwischen Nord und Süd, weiblicher Diskriminierung und extremer Umweltzerstörung geführt.

Nicht nur im Rahmen feministischer Umweltforschung besteht Einigkeit darüber, daß die aktuellen Umweltprobleme weder politisch noch wissenschaftlich adäquat behandelt werden, indem man sie in Themenkomplexe aufsplittet, um sie einzeldisziplinär zu bearbeiten. Umweltprobleme müssen in die Wechselwirkung von Politik und Wissenschaft, von Natur und Gesellschaft eingebunden werden.

Technische und wissenschaftliche Lösungen und Lösungsstrategien müssen in einen historischen Kontext gestellt werden anstatt sie zur gesellschaftlichen Norm zu erheben. Darüber hinaus wird in der feministischen Forschung immer wieder betont, daß die Trennung von Natur und Kultur in der gesellschaftlichen Praxis beständig aufgehoben wird. Der Mensch wird ununterbrochen durch Geburt, Krankheit und Tod in seinen Naturzustand zurückgebunden, lediglich die Deutungsmuster der gesellschaftlich gestalteten Natur unterliegen dem sozialen Wandel. Erhält die Natur in ihrer generativen Kraft keine soziale Würdigung, bzw. wird die Natur im Rahmen gesellschaftlicher Deutungsmuster vom menschlichen Sein abgespalten, können auch keine inneren Bezüge zu politischen Handlungsstrategien hergestellt werden.

Inwieweit können Frauen oder die feministische Forschung dazu beitragen, einen Typus von Wissen bereitzustellen, der Ansatzpunkte und Methoden für eine lösungsorientierte Bearbeitung der Umweltprobleme liefert?

Betrachtet man die internationale feministische Diskussion, so zeigt sich, daß es so viele weibliche Lösungsvorschläge gibt wie es Kulturen und Gesellschaften gibt. Handlungsstrategien müssen immer in den jeweiligen kulturellen Rahmen eingebunden werden. Für die westlichen Gesellschaften zielt der Begriff der 'Gestaltung' auf eine Frauenpolitik, welche 'gestaltend' in die 'offizielle' Politik genauso wie in die 'Politik des Alltags' eingreift (Schultz / Weller 1995:192). Diese Perspektive ist mit dem Ziel verbunden, die Gestaltungsmacht von Frauen im Rahmen gesellschaftlicher Entwicklung zu vergrößern. Geht es um Gestaltung oder konkrete Handlungsstrategien, dann wird eine Reflexion auf die unterschiedlichen Handlungsmöglichkeiten der verschiedenen sozialen Akteure notwendig. Ein Beispiel aus dem Mobilitätssektor zeigt, daß in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1990 16 % aller Männer und 44,5 % aller Frauen keinen Führerschein besaßen. Darüber hinaus verfügen Frauen in wesentlich geringerem Maße über die Nutzung des ”Familienautos” als Männer (vgl. Frankfurter Rundschau, 01. 06.1996, S. 12). Daraus folgt einerseits, daß Frauen in größerem Maße auf die Organisation des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) angewiesen sind, welche wiederum am Mobilitätsmodell des männlichen Pendlers ausgerichtet ist, der einer Vollzeiterwerbstätigkeit außer Haus nachgeht und von Reproduktionsarbeit weitgehend freigestellt ist. Andererseits sind auch die klassischen Marktprofile der Automobilhersteller in erster Linie auf den männlichen Käufer zugeschnitten. Wird nun der Alltag von Frauen als Bezugsrahmen genommen, so zeigt sich schnell, daß dieser Alltag als der komplexere, umfassendere und alle Lebensbereiche integrierende Alltag verstanden werden muß. In der Verkehrsplanung bleiben die Bedürfnisse dieser Bevölkerungsgruppe weitgehend unberücksichtigt (vgl. Frankfurter Rundschau, a.a.O.).

'Feministische' Verkehrsplanung orientiert sich an den Mobilitätsbedürfnissen des Alltags und den Verkehrsproblemen der Mehrheit der Bevölkerung. Damit versucht sie, die Prinzipien der formalen Rationalität bisheriger Verkehrspolitik, nämlich 'Zeit' und 'Raum' als ökonomische Ressource, zu überwinden. Bisher galten die Beschleunigung, die Raumüberwindung und ein quantitatives Mobilitätsverständnis als politische Strategien zur Bewältigung von Verkehrsproblemen. Diese Strategie blendete viele Mobilitätsprobleme des nichtmotorisierten Teils der Bevölkerung aus. Neue Strategien versuchen eine Überwindung dieser Probleme durch eine Integration eines veränderten Zeitmodus sowie einer Orientierung an materieller Ortsbezogenheit.

Das Beispiel zeigt, daß die Konkretisierung der geplanten Politikstrategien im Hinblick auf die Akteure entwickelt werden muß. Politische Handlungsstrategien stärken oder schwächen immer die Gestaltungsmacht unterschiedlichster gesellschaftlicher Akteure und Gruppen. Die frauenpolitische Perspektive verfolgt eine Stärkung der ”Gestaltungsmacht” von Frauen. Irmgard Schultz begreift diese Gestaltungsmacht zunächst in der Tradition der Aufklärung als Gestaltungsmacht gegen Entmündigung. Die neuen Formen der Entmündigung durch naturwissenschaftlich-technischen Fortschritt oder politisch-verwaltungs-technische Gestaltung verlangen nach Integration der sich unversöhnlich gegenüberstehenden Dualismen.

Ein Dilemma der Frauenforschung besteht in dem Versuch, weibliche Identität auf Begriffe festzulegen. Dieser Versuch endet meistens in ethisch-politischen Versionen innerhalb und außerhalb frauenpolitischer Diskussionen. Dennoch bleibt der Versuch einer Resymbolisierung und Neubewertung des weiblichen ”Geschlechts” in die Gesellschaft unverzichtbar, wenn die Defizite und Verluste des männlich geprägten Naturverständnisses überwunden werden sollen. In welcher Form diese Neubewertung des Weiblichen in die Gesellschaft gestaltend einwirkt, ist ein offener Prozeß und seine emanzipationstheoretischen Fragestellungen müssen im Laufe dieses Prozesses entwickelt werden.

Literatur

Benhabib, Seyla et al.: ”Der Streit um Differenz”. Feminismus und Postmoderne in der Gegenwart. Frankfurt/ M. 1993.

Schultz, Irmgard/Weller, Ines (Hrsg.): ”Gender & Environment”. Ökologie und die Gestaltungsmacht der Frauen. Forschungstexte des Instituts für sozial-ökologische Forschung. Frankfurt/ M.: IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1995. 220 S., DM 35,80. ISBN 3-88939-089-7

Wichterich, Christa: ”Die Erde bemuttern”. Frauen und Ökologie nach dem Erdgipfel in Rio. Köln 1992.

[An dieser Stelle sei auch auf die Ankündigung des Kongresses Frauen Wissenschaft Natur vom 25. - 26. November 1996 in diesem Heft hingewiesen. ]


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