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DISKUSSIONSFORUM

Erfahrungen mit der Technikbewertung am Institut für Agrartechnik Bornim

Rezension zu W. Baron: Technikfolgenabschätzung

Rezension zu M. Schmutzer: Ingenium und Individuum

Rezension zu Klepper/Michaelis/Mahlau: Industrial Metabolism


Erfahrungen mit der Technikbewertung am Institut für Agrartechnik Bornim (ATB)

von Christian Maul und Ingo Ackermann,

Die Abteilung

Aufgabe der Abteilung Technikbewertung ist die Analyse und Bewertung von Agrartechnik und Landnutzungssystemen in technischer, ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht. Folgende Themen wurden und werden bearbeitet: Technikausstattung in den neuen Bundesländern, ortsdifferenzierte Bewirtschaftungsverfahren, nachwachsende Rohstoffe, Landschaftspflege, Verfahren des Pflanzenbaus und der Nutztierhaltung, Emissionen aus Tierhaltungsverfahren und methodische Fragen (Umweltbilanzen, Bewertungsfragen). Bewertung wird abteilungsübergreifend und auf einer sehr anwendungsbezogenen Ebene durchgeführt.

1. Was kann Technikbewertung leisten ?

Technikbewertung soll Entscheidungsträger in die Lage versetzen, eine fundierte Entscheidung für oder gegen eine spezifische technische Problemlösung zu treffen. Hierbei wird aber Technik nicht als ein autonomer Prozeß betrachtet. Sicherlich folgt die Lösung eines technischen Problems naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten, denen eine gewisse Autonomie nicht abzusprechen ist, daß aber ein technisches Problem überhaupt in einer bestimmten Form entsteht, spiegelt Werte und Präferenzen einer Gesellschaft wider (ADORNO 1953). Diese Wertediskussion innerhalb einer Gemeinschaft kann und darf die Technikbewertung nicht ersetzen wollen. Weil künftige wissenschaftliche Fortschritte nicht vorwegzunehmen sind, weil die künftigen Wertpräferenzen der Benutzer nicht bekannt sind, weil wir kein Vorauswissen über künftige Auswirkungen von Technik haben, liegt die Vernunft nicht bei der instrumentellen Rationalität der Technik und ihrer Fortschreibung sondern bei dem kritischen Gedanken (VDI 1991, MARCUSE 1941). Was Technikbewertung aber leisten sollte, ist die Beschreibung der Konsequenzen technischer Entwicklungspfade und die Eintrittswahrscheinlichkeiten definierter Szenarien des Ereignisraums. Technikbewertung bedient sich hierzu aller Wissenschaftsdisziplinen als Hilfswissenschaft.

2. Anspruch an eine wissenschaftlich fundierte Technikbewertung

Eine wissenschaftlich fundierte Technikbewertung zeichnet sich auf der Makroebene durch eine standardisierte, systematische Vorgehensweise aus. Dies ist in Abbildung 1 dargestellt.

Über die einzelnen Phasen herrscht weitgehend Übereinstimmung (KORNWACHS und MEYER 1994, DIERKES 1991). Auf den Phasenablauf und die Unterteilung in Konzeptionsphase, Systemdefinition, Potentialabschätzung, Szenarienbildung, Folgenabschätzung und Bewertung soll in Abschnitt 4 weiter eingegangen werden. Auf der Mikroebene sind im wesentlichen vier Schwierigkeiten zu überwinden:

_ Synthese der Erkenntnisse verschiedener Wissenschaftsdisziplinen

_ Erhaltung der Qualität von Informationen bzw. Daten

_ Darstellung aller bewertenden Verfahrenselemente für Daten in den verschiedenen Phasen des Technikbewertungsprozesses

_ politisch formulierte Zielwerte.

Technikbewertung im Agrarbereich hat im Prinzip eine eingegrenzte Aufgabe, dennoch spiegelt sie ein grundsätzliches Problem wider. Sie muß darauf abzielen, die Folgen vorauszuschätzen, die sich aus maschinen-, informations- und verfahrenstechnischen Veränderungen ergeben und sich vorzugsweise in nichttechnischen Sachverhalten niederschlagen. Diese Synthese findet meist durch monetäre Größen statt. Hierbei muß manchmal auch etwas bewertet werden wie z.B. Artenvielfalt, für die es keine oder nur qualitative Beurteilungskriterien und nur sehr rudimentäre Bewertungsansätze gibt (PIRSCHER 1994). Die "Roten Listen" sind ein Beispiel für einen qualitativen Bewertungsmaßstab in der Ökologie. Die Übersetzung solcher Daten in Größen mit anderer Skalierung und Dimension ist mit einer Vergröberung des Sachzusammenhangs und größerer Ungenauigkeit erkauft. Auch andere Beurteilungskriterien sind quantitativ nicht meßbar. In diesen Fällen kann eine hilfsweise Beurteilung z.B. durch Expertisen erfolgen. Die Arbeitsqualität von agrartechnischen Verfahren in der Landschaftspflege ist ein solches Beispiel. Im Rahmen eines Projekts wurden zunächst plausible Beurteilungskriterien von einer Expertenrunde ausgewählt, gewichtet und in einem Bonitursystem gegliedert. Kriterien waren unter anderem Schnittqualität, Ablage und Verteilung des Mähguts, radschlupfbedingte Grasnarbenschäden, Häufigkeiten bestimmter Insekten und Pflanzen als Zeigerarten. Die Expertenrunde bestand aus Vertretern der Bereiche Landwirtschaft, Naturschutz und Technik. Die Bewertung erfolgte nach Interessenlage sehr unterschiedlich, wobei die Landwirtschaftsexperten die ökonomischen Kriterien besonders stark werteten, während diese Merkmale bei den Naturschutzvertretern überhaupt keine Beachtung fanden. In diesem Beispiel findet sich dreierlei wieder, das Problem der Quantifizierbarkeit, der unterschiedliche Zugriff zu Problemen durch Vertreter unterschiedlicher Disziplinen und die implizite subjektive Wichtung von Kriterien. Eine Verwendung politisch formulierter Zielwerte widerspricht dem Kriterium der Objektivität. Die Bewertung relevanter Parameter sollte auf der Basis wissenschaftlich begründeter Schwellenwerte erfolgen. Beispiele wären die LD50-Werte aus der Toxikologie oder die Schwellenwerte für den maximal tolerierbaren Bodenabtrag pro Flächen- und Zeiteinheit durch Erosion. Dennoch kann in bestimmten Fällen auf politisch formulierte Zielwerte nicht verzichtet werden. Dies ist der Fall, wenn keine empirisch ermittelten Schwellenwerte oder Dosis-/Wirkungsbeziehungen vorliegen und die Folgen so gravierend eingeschätzt werden, daß ein Handeln dringend geboten scheint (Vorsichtsprinzip). Ein Beispiel für diese Kategorie von Zielgrößen bildet die 25%-ige CO2-Reduzierung, die die Bundesregierung auf Basis der Emissionen des Jahres 1990 in Deutschland im Nachgang an die Berliner Klimakonferenz für das Jahr 2005 anstrebt. Auch schon auf dieser Ebene sind bewertende Elemente in einer Technikbewertung als solche deutlich zu machen.

3. Vor- und Nachteile bestehender Technikbewertungs-Instrumente

Die Technikbewertung verfügt als interdisziplinäres Fach über eine große "Werkzeugpalette". Es sind allerdings keine eigenen sondern die der Hilfswissenschaften. Sie sind ausschnittsweise in der Abbildung 1 aufgeführt. Trotz der Zuordnung zu einzelnen Wissenschaften sind die Instrumente wie im Fall der Bilanzierungen zum Teil fachübergreifend. In den meisten Fällen gibt es aber eine ausgewiesene Methodik und die Anwendung ist lediglich eine Frage des "know how".

Auf der Seite der Technik existiert ein umfangreiches Richtlinien- und Normen- und Gesetzeswerk. In bezug auf die sozialen Auswirkungen von Technologien gehören die Methoden der empirischen Sozialforschung, seitens der Ökonomie Instrumente zur Kalkulation der Kosten und der Wirtschaftlichkeit, simultane Planungsmethoden, dynamische Modelle und die Methoden des Operations Research zu den Arbeitsmitteln; von der Seite der Ökologie Bilanzierungen, Umweltmodelle und Bioindikatoren. Diese Methoden dienen allesamt dazu bestimmte Kriterien oder Fragestellungen, die in der Abbildung 1 nur auf einem sehr abstrakten Niveau genannt sind, zu quantifizieren. Die Instrumente selber sind zum Teil sehr aufwendig und so komplex, daß Ergebnisse sich nicht in einer Zahl oder Tabelle widerspiegeln. Insbesondere ist die Abschätzung der Umweltwirkungen mit Hilfe von Bilanzen zwar erhellend aber aufwendig. Hier muß das Untersuchungsproblem dem Aufwand angemessen sein. Darüber hinaus muß ein solches Vorgehen an die Kapazitäten der Technikbewertungsinstitution angepaßt sein.

Im Gegensatz zu den Analysemethoden der empirischen Sozialforschung oder der Ökonometrie gibt es bisher keine eindeutig festgelegte Handlungsanweisung für die Erstellung einer Ökobilanz oder einer Produktlinienanalyse. Ansätze werden zur Zeit in der ISO TC 207 erarbeitet. Aber im Grunde setzen immer noch erstellte Studien die methodischen Maßstäbe für die Bilanzierung und nicht Richtlinien.

4. Modellskizze für eine ökonomische Technikbewertung

Die Bewertung konkurrierender Produktlinien/technologischer Verfahren folgt einem Ablauf, der mindestens die folgenden Abschnitte (siehe Abbildung 1) umfaßt:

1. Konzeptionsphase

2. Systemdefinition - Systemanalyse

3. Potentialabschätzung - Definition von
Handlungsalternativen

4. Szenarien bilden - Methodenauswahl

5. Folgenabschätzung

6. Bewertung

Nachdem in der Konzeptionsphase eine Zieldefinition des Bewertungsvorgangs und eine Grobstrukturierung der Aufgaben stattgefunden hat, folgt die Systemdefinition bzw. Systemanalyse. Zweck ist es, eine Beschreibung des Problems bereitzustellen. Diese soll vollständig, konsistent, lesbar, kontrollierbar für interessierte Parteien sein und darüber hinaus an der Realität getestet werden können. Ziel der Systemanalyse ist es, ein Modell des Systemverhaltens zu erzeugen (BOOCH 1995). Nach unseren Erfahrungen ist dabei kleineren Modellen der Vorzug zu geben. Der Prototyp soll zunächst mit einem kleinen Set an Entscheidungsvariablen auskommen und wird Schritt für Schritt erweitert bis er die notwendige Vollständigkeit besitzt und in seinem Verhalten die Realität ausreichend abbildet. Anhand des Modells können die Handlungsalternativen untersucht werden. Anfangs spielt die Realisierbarkeit noch eine untergeordnete Rolle. Durch K.o.-Kriterien (Verletzung rechtlicher oder gesellschaftlicher Normen, überhöhter Aufwand für die Maßnahme) wird die Menge möglicher Handlungsalternativen eingeschränkt, auch solche, die offensichtlich gravierende unerwünschte Nebenwirkungen haben, werden nicht berücksichtigt. Absicht ist es, eine handhabbare Menge an Entscheidungsmöglichkeiten und damit eine beurteilbare Menge an Szenarien zu schaffen. Für die Analyse dieser Szenarien erfolgt zu diesem Zeitpunkt auch die Auswahl der Methoden. Da jede Methode zwar nicht inhaltlich aber von der Struktur zu bestimmten Ergebnissen führt, wird damit ebenfalls ein grober Rahmen dessen festgelegt, was beurteilt werden kann. Erst an diesem Punkt setzt die Technikfolgenabschätzung ein, die zu fragen hat: In welchen technischen und sozialen Bereichen sind die wesentlichen Änderungen zu erwarten, wie sehen diese aus, wird es gesellschaftliche Konflikte geben und wie ist die Akzeptanz.

Im Bewertungsvorgang ist anschließend die Frage zu stellen: Wie ist über die Summe der Beurteilungskriterien der eine oder andere Handlungspfad bzw. das Szenario einzuschätzen? Dieser Vorgang als ganzes ist nicht als ein linearer Ablauf zu denken, sondern als ein iterativer Prozeß, in dem Rücksprünge möglich und notwendig sind, wenn sich ergibt, daß vorherige Phasen kein ausreichendes Arbeitsergebnis für die folgenden geliefert haben. Trotzdem kann mit Hilfe einer solchen Strukturierung Technikbewertung vereinfacht und ökonomischer gestaltet werden.

5. Entwicklungsbedarf

Die Technikbewertung selbst muß sich bewerten lassen dürfen, das heißt, sie muß sich die Frage nach der Adäquatheit ihres Vorgehens stellen lassen. Zum einen sollte die Komplexität des Problems hinreichend berücksichtigt werden, zum anderen sollte von gleichgelagerten Situationen die Übertragung von Erkenntnissen möglich sein. Probleme bereiten dabei insbesondere zwei Bereiche, die Ökonomie und die Ökologie. Für die Bearbeitung ökologischer Fragestellungen sollte der Bearbeiter eines Projekts auf einen Baukasten verschiedener Bewertungsbausteine zurückgreifen können. Besonders über die Bilanzierung von Umweltwirkungen von Substanzen bestehen noch keine ausreichenden Übereinkünfte (SCHMITZ 1995), sowohl was die übergeordneten Wirkungskriterien, die Wirkungsäquivalente von Substanzen als auch die Systemgrenzen betrifft. Ansätze solcher Standardisierungen werden zur Zeit mit der ISO TC 207 geschaffen. Technikbewertung braucht solche Schnittstellen, damit Untersuchungen vergleichbar, übertragbar und als Basis für andere genutzt werden können.

Im Bereich der Ökonomie gibt es das Problem der direkten Schadens- und Nutzenbestimmung bei Gütern, für die kein Marktwert existiert und bei global bzw. überregional wirksamen Substanzen (z. B. Treibhausgase, Säurebildner).

Zuguterletzt benötigt die Technikbewertung auch eine breite Auseinandersetzung über Werte innerhalb der Gesellschaft und damit eine bestimmte Kultur der Auseinandersetzung. Dies betrifft einerseits das Engagement, andererseits aber auch die Fähigkeit wahrzunehmen, was andere Gruppierungen wollen. Die Auseinandersetzungen um die Verschrottung der Ölplattform "Brent Spar" zeigen dies. Wenn es keine Meinungen oder absoluten Konsens zu solchen Problemen gibt, dann braucht Technik nicht bewertet sondern nur optimiert zu werden. Im anderen Fall kann Technikbewertung Folgen aufzeigen und die Frage stellen: Wollt ihr das so? Daraus ergibt sich auch, daß Technikbewertung in der wissenschaftlichen Publikation verstärkt angehalten ist, verständlich, anschaulich, plausibel und exakt zu sein.

Literatur

Adorno, Th. W. (1953): Über Technik und Humanismus. Vortrag zum Dies academicus der Hochschule Karlsruhe am 10.11.1953. In: Leck, H.; Ropohl, G. (Hrsg.), Ethik und Technik.Stuttgart: Reclam , 1993.

Booch, G. (1994): Objektorientierte Analyse und Design. Bonn, Paris: Addison-Wesley, Reading, Mass.

Dierkes, M. (1991): Was ist und wozu betreibt man Technologiefolgenabschätzung?. Bullinger, H.-J. (Hrsg.): Handbuch des Informationsmanagements im Unternehmen, 1494-1523. München: C. H. Beck.

Jung, M. (1994): Die monetäre Bewertung einer umweltgerechten Nutzung von Agrarland schaffen. Vortrag auf der 35. Jahrestagung der GeWiSoLa 5. - 7.10.1994 in Hohenheim.

Kornwachs, K.; Meyer, R. (1994): Aus der Werkstatt... Methoden der Technikbewertung. Studieneinheit 7, Funkkolleg.

Marcuse, H. (1941): Some Implications of Modern Technology. Die Gesellschaft, 11 (1941) 414 ff., Zitiert nach einer Übersetzung, Raubdruck o. O., o. J.

Pirscher, F. (1994): Möglichkeiten und Grenzen der monetären Bewertung von Artenvielfalt. Vortrag auf der 35. Jahrestagung der GeWiSoLa 5.-7.10.1994 in Hohenheim.

Schmitz, S. (1995): Ökobilanz Verpackungen, Sachbilanz, Wirkungsbilanz, Bewertung und Szenarien am Beispiel von Milch- und Bierverpackungen. 39. Seminar 16. - 17.2.1995 im Rahmen der Utech Berlin.

VDI (1991): Technikbewertung - Begriffe und Grundlagen. Erläuterungen und Hinweise zur VDI-Richtlinie 3780. VDI-Report Nr. 15, VDI Düsseldorf.

Kontakt

Dr. Christian Maul
Dr. Ingo Ackermann
Institut für Agrartechnik Bornim (ATB)
Max-Eyth-Allee 100
D-14469 Potsdam

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"Auf der Grundlage demokratietheoretischer Überlegungen ..."?

Rezension des Buches

WALDEMAR M. BARON: Technikfolgenabschätzung. Ansätze zur Institutionalisierung und Chancen der Partizipation. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995. DM 54,--.
ISBN 3-531-12712-8

von Fritz Gloede, ITAS

"Eine der verflochtenen Politik angemessene normative Theorie der politischen Verantwortlichkeit und der demokratischen Partizipation, an der die öffentliche Diskussion sich orientieren könnte, ist heute nirgendwo in Sicht."

F. Scharpf (zit. nach Baron 1995, S. 247)

1. "Demokratietheorie" ohne Theorie?

Kein Standpunkt wird in der vorliegenden sozialwissenschaftlichen Arbeit über Technikfolgenabschätzung so häufig eingenommen wie "die" Demokratietheorie. Sie wird in zahllosen Formulierungsvarianten ("aus demokratietheoretischer Sicht", "auf der Grundlage demokratietheoretischer Überlegungen") zur Berufungsinstanz für Forderungen und Bewertungen des Autors. Sucht man jedoch nach wenigstens einem Kapitel, das seine zentrale Referenz entwickelt, wird man enttäuscht. Unter der Überschrift "Theoretischer Kontext" im Unterabschnitt 1.2 wird man jedenfalls nicht fündig. Erst im Schlußkapitel wird versucht, eine "demokratietheoretisch abgeleitete Partizipation" zu begründen (Abschnitt 9.2). Doch auch der Unterabschnitt 9.2.2 bietet unter der Überschrift "Demokratietheorie und politische Steuerung" (auf knapp 3 Seiten) eher einen Kritikversuch an Luhmanns soziologischer Systemtheorie als eine Auseinandersetzung mit dem Stand demokratietheoretischer Forschung. Vielmehr bleibt es im ganzen bei einer Berufung des Autors auf das Konzept einer "assoziativen Demokratie", als deren Verwirklichungsform "das korporatistische Organisationsmodell einer staatlich kontrollierten verbandlichen Techniksteuerung" erscheint (232). Diese durch die gesamte Arbeit hindurchgewobene Annahme wird jedoch buchstäblich auf der letzten Seite dementiert. Nicht nur durch das vorangestellte Diktum von Scharpf; auch einer der geistigen Väter der vorliegenden Arbeit beklagt, daß "die Demokratietheorie für korporatistische Arrangements noch keine adäquaten Kriterien vorgelegt hat" (Voelzkow, zit. nach Baron, S. 247).

Für diesen Umstand gibt es aus Sicht eines eher 'konventionellen' Demokratieverständnisses gute Gründe - und wie frühere Arbeiten Voelzkows u.a. zu parastaatlichen Prozessen technischer Regelsetzung und Normung zeigen, sind sich die Kronzeugen Barons dessen bewußt. Verwaltungspraktiker sprachen vor nicht langer Zeit von "Grauzonen, in denen Kooperation in Kollaboration umschlägt" (Bohne 1982, S. 275) und Verwaltungsjuristen bewerteten informale Arrangements zwischen staatlichen und privaten Akteuren als "rechtsstaatlich und demokratietheoretisch (!) nicht besonders schön" (Berkemann 1986, S. 134). An den Tatbeständen hat sich bis heute wohl wenig geändert (vgl. TAB Arbeitsbericht Nr. 27, S. 13 ff.). Aus staatsrechtlicher Perspektive stoßen "Typen 'nicht-etatistischer Gesellschaftssteuerung' im Lichte des Demokratieprinzips" (Denninger 1990, S. 124 ff.) auf erhebliche Bedenken. Wie es scheint, wird jedoch in manchen sozialwissenschaftlichen Analysen aus der Not eine Tugend bzw. aus der Faktizität begrenzter rechtsstaatlicher-demokratischer Macht ein normativer Appell und daher der "Demokratietheorie" eine Bringschuld zugeschrieben. Wie immer man diesen Auffassungswandel bewerten mag - noch liegt die geforderte Demokratietheorie offenbar nicht vor, und auch der Autor der vorliegenden Arbeit vermochte die Lücke nicht zu füllen. Damit könnte die Rezension eigentlich schließen, wäre da nicht - ja, wäre da nicht das 'eigentliche' Thema der Arbeit.

2. Techniksteuerung ohne Steuerung?

Das Thema der Arbeit scheint evident und ihre Ziele weitgespannt: begriffliche Klärungen zur Technikfolgen-Abschätzung und zu verwandten Konzepten (Kap. 2), ein historischer Rückblick auf die Entstehung und Institutionalisierung des TA-Konzepts in den USA (Kap. 3), ein internationaler Vergleich der Institutionalisierungsformen parlamentarischer wie außerparlamentarischer TA in den Ländern Europas (Kap. 4) bzw. auf der transnationalen Ebene (Kap. 6), sowie eine Darstellung der Institutionalisierungsdebatte in Deutschland (Kap. 5) und ein Vergleich unterschiedlicher deutscher Institutionalisierungsformen (Regierung, Parlament, Baden-Württemberg, VDI, chem. Industrie) (Kap. 7). Der rote Faden durch all diese Kapitel besteht in der Erörterung der jeweils postulierten Beteiligungskonzeptionen, die schließlich in zwei Schlußkapiteln gebündelt wird. Eines behandelt eine Reihe unterschiedlicher "Partizipationsinstrumente" (von Planungszellen über Projektbeiräte bis zu Mediationsverfahren) und bewertet diese vor dem Hintergrund konkurrierender Zweckbestimmungen von TA (Kap. 8). Das bereits erwähnte letzte Kapitel schlägt sich entschlossen auf die Seite eines "demokratischen" TA-Konzepts und sieht demzufolge "Möglichkeiten und Chancen" von Partizipation, nicht aber Grenzen oder gar Risiken (Kap. 9).

Trotz aller Fülle der diachron wie synchron ausgebreiteten Informationen zu TA-Konzepten und -Institutionalisierungsformen geht es dem Autor als Soziologen erklärtermaßen um die Technikentwicklung in der Gesellschaft. Zentrale Schwächen bei deren politischer (nicht unbedingt: staatlicher) "Steuerung" sieht er weniger in Informationsdefiziten (z.B. 251), sondern vielmehr in einer unzureichenden Legitimation technikpolitischer Entscheidungen einerseits (z.B. 19), in einer fragwürdigen Steuerungsleistung solcher Entscheidungen andererseits (z.B. 228 f.). Beide Engpässe seien gleichermaßen durch ein "Netzwerk" kooperierender staatlicher und gesellschaftlicher Akteure zu überwinden, welche verbandlich organisierte und konfliktfähige Interessen repräsentieren. Solchen korporatistischen Verhandlungssystemen seien "erheblich bessere Chancen der Zukunftsbewältigung einzuräumen" (234) - eine Prognose, die der Autor trotz erheblicher Zweifel am prognostischen Potential von TA immerhin wagt. Womöglich wähnt er sich hier auf der sicheren Seite, weil sich ihm die Verlagerung staatlicher Entscheidungen in gesellschaftliche Verhandlungsprozesse gegenüber traditionell-hoheitlichen Entscheidungsstrukturen "unabhängig von demokratietheoretischen Überlegungen als zunehmend wirksamer" erweist (231). Um welche "Wirkungen" es sich dabei handelt, bleibt unerwähnt.

Folgen wir dem Autor und lassen den "demokratietheoretischen" Anspruch einstweilen beiseite. Dies fällt umso leichter, als er mit Voelzkow die realitätsbezogen wie begrifflich nicht nachvollziehbare These teilt, daß "die technische Regelsetzung (...) als Anwendungsfall prozeduraler Steuerungsversuche mit implizit demokratietheoretischen (!) Ansprüchen" anzusehen sei (232). Ungeachtet dessen kommt sein Konzept gesellschaftlicher "Techniksteuerung" in Schwierigkeiten - festgemacht an der Frage, wer nun eigentlich wen oder was "steuert". Da der steuerungsunfähige Staat nur noch als partikularer Akteur in Verhandlungen mit (möglichst allen) gesellschaftlichen Interessengruppen eintritt und Entscheidungen hier "weitgehend im Konsens zu erfolgen" haben (231), verliert die Steuerungsmetaphorik sowohl handlungs- wie systemtheoretisch den Boden unter den Füßen; Steuerungssubjekt und -objekt werden ununterscheidbar. Gleiches gilt mutatis mutandis für jede Form von Herrschaft - das allumfassende gesellschaftliche Netzwerk der Technikgestaltung also als die endlich gefundene Aufhebung aller Steuerungs- und Herrschaftsverhältnisse? Demgegenüber, so sei bescheiden angemerkt, hat "Demokratie" immerhin den Vorteil, daß Entscheidungen nicht den Konsens jeweils aller Gesellschaftsmitglieder voraussetzen (vgl. etwa: Sartori 1992).

Dies scheint allerdings auch der Autor zu wissen. Mit Verweis auf Scharpfs Analyse der Politikverflechtungsfalle rügt er gerade den aus horizontal und vertikal verflochtenen Entscheidungsstrukturen resultierenden "Konsenszwang" und die Gefahr der "Handlungsunfähigkeit des Staates" (230). Sobald jedoch nichtstaatliche Akteure über den Geschicken der Welt zusammensitzen und so den Staat "entlasten", gelten die Vorbehalte gegenüber pluraler Vielfalt von Belangen und komplexen Interessenberücksichtigungen nicht mehr. Hier sollen über die bereits organisations-, konflikt- und artikulationsfähigen Interessen hinaus weitere bisher nicht-konfliktfähige Interessen mobilisiert werden (235 ff.). Entgegen einer Harmonisierung von "Konflikten schon im Vorfeld" (245) käme es ggf. sogar darauf an, Kontroversen zunächst zu stimulieren (195), ehe sie dann in den Hafen des Konsenses einlaufen dürfen.

Wie nach diesen Postulaten Verhandlungen dennoch "entscheidungsorientiert und zeitnah zu gestalten sind" (244) - diese interessante Frage bleibt dann "hinsichtlich ihrer Umsetzung klärungsbedürftig und bedarf der weiteren Ausarbeitung" (247).

Mit Verlaub: solche Appelle an Forschungsbedarf und politische Experimentierfreude werden häufig dann geäußert, wenn es um begriffliche Aporien und praktisch aussichtslose Perspektiven geht. Dies hätte der Autor vom gern zitierten Naschold lernen können. Aber auch seine eigenen historischen Darstellungen der TA-Diskussion hätten ihn zu einer realistischeren Einschätzung bringen müssen (vgl. etwa: 124 ff.). Die Befürchtung des BDI gegenüber einer öffentlichen Politisierung technikbezogener Entscheidungen hatte ihm bereits deutlich gemacht, daß "die Einflußnahme der Industrie auf politische Willensbildung und Entscheidungsfindung einer Institutionalisierung (von TA) nicht bedarf" (125). Daß der im VCI-Papier zur TA gewünschte gesellschaftliche Dialog mit dem Ziel eines Konsenses über wünschenswerte technische Entwicklungen keine Partizipation an Entscheidungen beinhaltet, dürfte ebenfalls keine zufällige Thematisierungslücke darstellen (187). Zur Einschätzung solcher oder ähnlicher Dialogerwartungen wäre dem Autor ein Blick in die Wirklichkeit zu empfehlen gewesen - etwa auf die Versuche zum "energiepolitischen Konsens" oder auf die Anläufe zu chemiepolitischen "Diskursen". Derartiges bleibt in der vorliegenden Arbeit jedoch - schon hier sei es verraten - ebenso ausgespart wie die Erarbeitung der theoretischen Referenz.

3. Unterscheidungen ohne Unterschied?

Nach alledem wird sich der Leser verwundert fragen, warum noch immer kaum vom Thema der Arbeit die Rede war. Ganz einfach: die eben in ihren Aporien und problematischen Aspekten umrissene Konzeption gesellschaftlicher Verhandlungssysteme und "Netzwerke" zur Technikentwicklung ist weitgehend mit dem TA-Verständnis des Autors identisch! Er nennt diese Konzeption dann einfach "eine prozedurale partizipative Technikfolgenabschätzung" (z.B. 252). Einem solchen Kurzschluß sind die Autoren, bei denen Baron viele Anleihen vorgenommen hat, nicht erlegen. In ihrem programmatischen Aufsatz "Von staatlicher Technikfolgenabschätzung zu gesellschaftlicher Techniksteuerung" (Eichener/Heinze/Voelzkow, 1991) nehmen sie die "kleine Lösung" einer Institutionalisierung von TA beim Bundestag nur zum Anlaß, um hinter diesem Akt vermutete Probleme der Technikregulierung im Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft zu thematisieren. Wenn sie Techniksteuerung als gesamtgesellschaftliche Praxis postulieren, unterscheiden sie durchaus noch zwischen TA als wissenschaftlicher Beratung und ihrer Nutzung für (politische) Entscheidungen (a.a.O., S. 7). Bei Baron hingegen hat sich diese Differenz weitgehend verflüchtigt. So ist es kein Zufall, daß er bei der Diskussion geeigneter "Partizipationsinstrumente" die Mediationsverfahren zu strittigen umweltrelevanten Großvorhaben als "das zur Zeit ambitionierteste Instrument einer partizipativen Technikfolgenabschätzung" bewertet (218) - in aller Mehrdeutigkeit. Denn was eigentlich Instrument für was ist - dies erscheint aus seiner Perspektive beliebig. Einesteils sollen ja, wie die Kapitelüberschrift verrät, Mediationsverfahren wie andere Konzepte "Partizipationsinstrumente der TA" (191) sein - andererseits aber habe Technikfolgenabschätzung "als Instrument der partizipativen Aushandlung von Interessen (...) seine Leistungsfähigkeit noch unter Beweis zu stellen" (198). Drittens schließlich ist Technikfolgenabschätzung jenes Aushandlungsforum kontroverser Interessen (252).

4. Parlamentarische TA - demokratietheore
tisch problematisch?

Was immer - der Autor grenzt seine vielschichtige Bedeutungszuschreibung auf das schärfste ab gegen ein nur historisch zu verstehendes Konzept von TA als "wissenschaftlicher Politikberatung" (194 f.), welches im Falle des amerikanischen OTA ausschließlich beim Parlament institutionalisiert wurde. Ausgerechnet diesen Umstand, notabene, befindet der Autor "demokratietheoretisch problematisch" (21)! Das Anforderungsprofil von TA als wissenschaftlicher Politikberatung empfindet er als "eher diffus und in sich z.T. widersprüchlich" (20). Weiteren "demokratietheoretischen" Vorbehalten begegnet die gesellschaftlich begrenzte Partizipation an der OTA-Institutionalisierung, obwohl doch im TAAC als Gremium außerparlamentarischer Beteiligung "zehn Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Verwaltung und Wirtschaft" saßen, die jene vom Autor geschätzten organisierten und konfliktfähigen Interessen repräsentierten. Überdies waren bei einzelnen Projekten zahlreiche Repräsentanten betroffener Interessen in Beiräten beteiligt (78). Der Haupteinwand Barons richtet sich letztlich gegen die Ausschließlichkeit, mit der das OTA auf die Bedürfnisse bzw. Themen des Kongresses zugeschnitten war. Als generelles Credo formuliert er, "daß Technikfolgenabschätzung nicht ausschließlich dem Staat oder dem Parlament überlassen werden darf" (223). Ja, mehr noch: sein korporatistisches Organisationsmodell ist "gekennzeichnet durch die Delegation von Technikfolgenabschätzung an privatrechtliche Verbände" (232). Dieser Auffassung scheint der amerikanische Kongreß ja mittlerweile gefolgt zu sein. Ein Argument der beschlußfassenden Mehrheit dafür war gerade, daß "wissenschaftliche Politikberatung" besser und billiger von privat finanzierten Instituten zu haben sei. Unabhängiger Beratungsbedarf des Parlaments, der bei der Gründung des OTA einmal Pate gestanden hatte (vgl. 68 ff.), wird so ganz praktisch negiert.

5. Konzeptdiskussion ohne Konzept?

Trotz aller Umdeutung von Technikfolgenabschätzung in einen gesellschaftlichen bzw. politischen Prozeß vielpoliger Verhandlungen über die Technikentwicklung - so ganz möchte der Autor doch nicht ohne eine kognitive Beratung der zu treffenden Entscheidungen auskommen. Mehrfach erwartet er sogar einen "hohen Grad an kognitiver Sicherheit des Ergebnisses", "wozu es eines Beitrages der Wissenschaft bedarf" (z.B. 17 f.). Auf welche Weise aber kann und soll dieser Beitrag "der" Wissenschaft erbracht werden? An dem in unserem Hause vertretenen "strategischen Rahmenkonzept" einer problemorientierten, interdisziplinären und auf Handlungsalternativen abstellenden Analyse, deren "Wertsensibilität" immer wieder betont wurde, macht Baron eine "Überfrachtung mit z.T. konfligierenden Ansprüchen bei einem hohen Praxisbezug", "terminologische Unschärfen" und "pragmatische Differenzen" aus (41), aber worin diese Mängel bestehen, teilt uns der Autor leider nicht mit. Noch weniger werden die behaupteten Mängel exemplarisch an konkreten TA-Studien oder mittels einer Analyse empirischer Auswirkungen und Funktionen der betrachteten TA-Institutionalisierung belegt. Es bleibt bei pauschalen Vermutungen - etwa zur Akzeptanzbeschaffungsfunktion oder zur "technokratischen" Entscheidungslegitimation. Dabei scheinen dem Autor offenbar Zitate hinreichend, die einer früher - durchaus mit Berechtigung - geführten Diskussion entstammen, die er aber in keiner Weise angemessen nachvollzieht bzw. anhand der von ihm dargestellten Institutionalisierungen überprüft.

Kennzeichnend für die recht unverbundene Umgangsweise mit Theorie und Empirie ist etwa die "Typologie debattierter Institutionalisierungsmodelle" von TA, die in keiner Weise auf zuvor dargestellte empirische Institutionalisierungsformen bezugnimmt. Vielmehr werden der Literatur drei "Grundformen" von TA entnommen (instrumentelles, elitistisches und demokratisches Konzept), die auf eine Habermas'sche Unterscheidung der Vermittlung von Wissenschaft und Politik rekurrieren sollen (219). Tatsächlich jedoch beansprucht die zitierte Unterscheidung eher, die institutionellen Relationen zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit zu typisieren, während Habermas mehr auf die Beziehung zwischen kognitiven und normativen Geltungsansprüchen in Diskursen abhebt. Ohne Zusammenhänge zwischen beiden Dimensionen leugnen zu wollen, muß zunächst doch deren Differenz festgehalten werden. Relationierungen zwischen Institutionen oder Akteuren sagen per se noch nichts über den Modus ihrer Kommunikation aus. Wenn allerdings eine solche Konnotation vorgenommen wird, dann liegt der Autor sicher falsch damit, den "instrumentellen Typus" von TA mit dem "technokratischen Ansatz Schelkys" (219) zu identifizieren und den "elitistischen Typus" als "dezisionistisches Beratungsmodell" (220) zu bezeichnen. Vielmehr beansprucht das instrumentelle Modell eine Führungsrolle für die Politik, die bei Vorgabe von Zwecken wissenschaftliche TA instrumentalisiert, während das elitistische Modell der Wissenschaft die Leitfunktion bei der Entscheidung über kontroverse Fragen der Technikentwicklung zuschreibt, also insoweit technokratische Züge trägt. Dies wird vom Autor selbst registriert, wenn er von der Furcht berichtet, das elitistische Modell gefährde den "Primat der Politik" (221). Andererseits zerrinnt ihm die Differenz zum instrumentellen Modell, wenn er für beide (!) Typen eine "dominierende Rolle der Wissenschaft" unterstellt (220), weil er eine verwissenschaftlichte Zweckrationalisierung im Sinne Webers nicht von Technokratie zu unterscheiden vermag.

Nun mögen derlei Spitzfindigkeiten belanglos sein, wo doch des Autors Herz für das demokratische Modell und damit für eine pragmatische Vermittlung deskriptiver und normativer Behauptungen schlägt. Das Etikett "demokratisch" ist freilich in der zitierten Literatur eher auf die Funktion öffentlich ausgetragener, gesellschaftlicher Diskurse bezogen. Deren Bedeutung für politische Entscheidungen wird jedoch nicht spezifiziert. Man mag hier mit Lenk durchaus an eine "demokratische Letztkontrolle" denken (222) - die unmittelbare "Verlagerung staatlicher Entscheidungen in gesellschaftliche Verhandlungsprozesse" jedenfalls ist wieder gänzlich das Anliegen des Autors, bei dem das Vermittlungsproblem kognitiver, normativer und pragmatischer Geltungsansprüche nicht einmal mehr auftaucht.

Der bereits im vorhergehenden Kapitel vorgenommenen Beurteilung von "Partizipationsinstrumenten" lag im Sinne vorauseilender Überzeugung bereits der hier nachgelieferte TA-Typus zugrunde. Unbeschadet des recht heterogenen praktischen Kontextes dieser "Instrumente" (administrative Planung, wissenschaftliche Politikberatung, Parlamentsarbeit, soziale Protestbewegungen, öffentliche Debatten) und der hierauf bezogenen ursprünglichen Zwecke werden die "Instrumente" nun im Licht normativer Postulate bewertet (197 f.). Merkwürdig allerdings, daß Bürgerinitiativen ebenfalls zu diesen "Instrumenten" gerechnet werden. Und noch merkwürdiger mutet es im Rahmen korporatistischer Postulate an, wenn ausgerechnet Bürgerinitiativen "die Dominanz von Partikularinteressen" zur Last gelegt wird (203). Sollte diese Inkonsistenz etwa darin begründet sein, daß solche Bürgerinitiativen "potentiell auch die Gefahr der Innovations- und Technikfeindlichkeit" enthalten? (ebd.) Gilt also die Begeisterung für eine Delegation der Technikpolitik an private Organisationen und Verbände nur eingeschränkt?

Eine Befassung mit Empirie und konkreter Wirkungsweise der beurteilten "Instrumente" unterbleibt hier jedoch ebenso wie schon bei der Darstellung bereits institutionalisierter TA-Einrichtungen und -Konzepte in Deutschland und Europa. Trotz der vielversprechenden Rubrik "Postulate der Partizipation und deren Umsetzung" (7.1.3 bis 7.5.3) bleibt es im wesentlichen bei Darstellung (und natürlich Kritik) des "Selbstverständnisses" der jeweils behandelten Institution; gewissermaßen als Konfrontation von Postulaten.

6. Unsystematisches zur Systemtheorie

Der Autor beschränkt sich nun keineswegs auf normative Mängel einer auf wissenschaftliche Politikberatung orientierten TA-Konzeption. Da er in ihr ein "theoriegeleitetes Konzept" (17) sieht, rückt er auch jener Theorie selbst zuleibe, aus der es vermeintlich abgeleitet wurde, und zwar "konsequent". Es handelt sich um die "Systemtheorie" (225). Wieder ist ihm alles eins - von den systemanalytischen Wurzeln der frühen TA-Debatte über die "Systemimmanenz" von Problemstellungen bis zur soziologischen Systemtheorie Luhmanns. Man kann ja nachvollziehen, daß ein auf Ver-Handlung eingeschworener Autor mit den Problemstellungen soziologischer System- und Strukturtheorien wenig anzufangen weiß. Der schwerste Vorwurf ist wohl, daß Luhmanns Theorie dem "normativen Anspruch" des Autors nicht gerecht wird (226) - und keine "Ableitung" demokratietheoretisch befriedigender Technikfolgenabschätzung zu geben vermag. Allerdings dürften sich auch nur wenige Handlungstheorien auf derlei normativen Setzungen verstehen. Schon richtig falsch ist dann die unspezifizierte Behauptung, "systemtheoretische und strukturfunktionalistische Ansätze basieren auf der Determiniertheit der technischen Entwicklung" (226).

Noch irreführender jedoch ist der Zusammenhang, den der Autor zwischen technischen oder organisationspraktischen Systemanalysen als methodischen oder heuristischen Verfahren (derer sich auch die TA bedienen kann) und einer gegenstandsbezogenen Systemtheorie (z.B. der Gesellschaft) suggeriert. Das mag daran liegen, daß sich der Autor in seiner Arbeit zwar theoretisch, aber nicht praktisch mit Theorie befaßt hat.

Als Krönung kann schließlich die Behauptung gelten, daß Technikfolgenabschätzung "aus systemtheoretischer Perspektive" (jedenfalls nicht die von Luhmann) "systematisch (!) Wechselwirkungen mit gesellschaftlichen Prozessen" ausblende und "Technologie (...) mehr idealisierend nebulös und mystisch verklärt denn empirisch dingfest" mache (225). Während letzteres wohl der "Demokratietheorie" des Autors anzulasten wäre, soll an dieser Stelle nur auf folgendes hingewiesen werden:

- zunächst war es gerade das heuristische Erbe der Systemanalyse, das die frühen TA-Konzepte mit dem Anspruch belastete, möglichst umfassend und vieldimensional Zusammenhänge zwischen Technik, Umwelt und Gesellschaft zu untersuchen;

- pragmatisch gesehen, ist es eine zwar oft und gern von techniksoziologischer Seite wiederholte, aber durchaus paradoxe und falsche Behauptung, daß das klassische TA-Konzept gleichbedeutend mit Technikdeterminismus sei, wo dessen Hauptzweck gerade darin bestand, "technikgestaltende" politische Handlungsoptionen zu entwickeln;

- überdies wäre der Autor gut beraten gewesen, solche Annahmen anhand empirischer TA-Prozesse exemplarisch zu prüfen, statt unverstandene Pauschalaussagen zu reproduzieren.

7. "Systemimmanenz" und Systemimmanenz

Doch es gibt noch eine weitere Pointe seiner "System"-Kritik. Wo Baron gegen die vermeintlich "konsequent systemtheoretisch abgeleitete TA" zu Felde ziehen will, bedient er sich zweier Zitate, die ihr Unbehagen über eine nicht fundamental genug gefaßte Problematisierung der Technikentwicklung in TA-Projekten zum Ausdruck bringen (225). Ein solches Unbehagen mag verständlich sein, geht allerdings an den praktisch restringierten Aufgabenstellungen von TA vorbei. Was aber ist von einem Autor zu halten, der sich zunächst fundamental-technikkritische Perspektiven zu eigen macht, wenige Seiten später jedoch den real-existierenden, korporatistisch geprägten Entscheidungsprozessen zur Technikentwicklung in Deutschland "bereits heute" einen "relativ hohen Grad an demokratischer Offenheit" bescheinigt (231)?

Überdies vermeldet der Autor Anzeichen für eine "Umkehr" hinsichtlich bisher vernachlässigter Partizipation an technikpolitischen und -wirtschaftlichen Entscheidungen, ohne wenigstens die von ihm selbst zitierte Naschold-Diagnose ernst zu nehmen, daß Partizipation und Öffentlichkeit in diesem Zusammenhang ein "hochexplosives" und bewußt latent gehaltenes Problem sei (196).

Um zu verstehen, was Naschold damit gemeint haben könnte, hätte Baron sich allerdings einer Wirklichkeit zuwenden müssen, in der etwa formelle Öffentlichkeitsbeteiligung an umwelt- und technikrechtlichen Genehmigungsverfahren sukzessive zwecks Verfahrensbeschleunigung abgebaut wird. Auch von Technologiewettläufen in globaler Konkurrenz und entsprechenden Standortsicherungsprogrammen, die Innovationstempo und Zukunftszugewandtheit statt professioneller Bedenken und politischer Verunsicherung fordern, hat er, so scheint es, noch nichts vernommen.

Angesichts solcher Disparitäten jedenfalls sind zahlreiche weitere Ungenauigkeiten und Widersprüche in der Rezeption der TA-Diskussion nachgerade unbedeutend.

8. Das Fazit: wissenschaftlich und praktisch

Mit Arbeiten wie der hier besprochenen dürfte niemandem gedient sein - weder der Konzeptdiskussion zu TA noch ihrer Praxis, und schon gar nicht der Soziologie als Fachdisziplin. Die Arbeit bleibt weitgehend postulativ und rekurriert dabei auf eine "Demokratietheorie", die es nach eigenem Bekunden nicht gibt. Sie kritisiert TA als "strategisches Rahmenkonzept" einer wissenschaftlichen Politikberatung und deren vermeintliche Hintergrundtheorie, ohne sich angemessen mit den Problemen wissenschaftlicher Politik- bzw. Entscheidungsberatung auseinanderzusetzen. Trotz der Beschäftigung mit empirischen Institutionalisierungsformen von TA bleibt der Kontakt mit der Wirklichkeit flüchtig und theoretisch folgenlos, von den aktuellen und strukturellen Rahmenbedingungen institutionalisierter TA-Praxis ganz zu schweigen.

Vielleicht aber sind die aktuellen Rahmenbedingungen implizit doch berücksichtigt worden? Die Arbeit endet nämlich mit dem Versprechen, partizipative TA des geforderten Zuschnitts könne "die Aufgeschlossenheit gegenüber der Technik in der Bevölkerung" fördern (255). Ist dies nicht nur ein anderes Wort für die zuvor so gescholtene "Technikakzeptanz" - nunmehr gemünzt auf das Zukunftsbündnis organisierter Interessen? Es wäre dies nicht der erste Erneuerungsversuch, der die institutionalisierte TA als Tiger anspringt - und sich als Bettvorleger der Verhältnisse wiederfindet.

Literatur

Berkemann, J.: Diskussionsbeitrag zum Forum "Umweltschutz im Interessenkonflikt - der öffentliche Dienst zwischen konträren Erwartungen". In: Umweltschutz und Verwaltung 1986, S. 120-167.

Bohne, E.: Absprachen zwischen Industrie und Regierung in der Umweltpolitik. In: Jahrbuch für Rechtssoziologie und Rechtstheorie, Bd. 8, Opladen, 1982, S. 266-281.

Denninger, E.: Verfassungsrechtliche Anforderungen an die Normsetzung im Umwelt- und Technikrecht. Baden-Baden, 1990.

Eichener, V., Heinze, R., Voelzkow, H.: Von staatlicher Technikfolgenabschätzung zu gesellschaftlicher Techniksteuerung. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitschrift "Das Parlament". Bonn 1991, Heft 43/91, S. 3-14.

Sartori, G.: Demokratietheorie. Darmstadt, 1992.

TAB-Arbeitsbericht Nr. 27 (Petermann, Th., Bechmann, G., Jörissen, J.): TA-Projekt "Möglichkeiten und Probleme bei der Verfolgung und Sicherung nationaler und EG-weiter Umweltschutzziele im Rahmen der Europäischen Normung". Bericht zum Stand der Arbeiten. Bonn 1994.

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MANFRED E. A. SCHMUTZER: Ingenium und Individuum. Eine sozialwissenschaftliche Theorie von Wissenschaft und Technik. Wien, New York: Springer-Verlag, 1995. 472 S., DM 69,-. ISBN 3-211-82588-3.

Rezension von Thomas Saretzki

Die Prognoseproblematik gehört zu den methodisch-theoretischen Desideraten der Technikfolgenabschätzung, die im wissenschaftlichen Raum immer wieder Anlaß für Versuche zu ihrer Überwindung bieten. Das gilt insbesondere für die Vorhersage der sozialen Folgen neuer Technologien. Sieht man einmal von den unausweichlichen normativen Implikationen ab, dann scheint die Frage nach der "Sozialverträglichkeit" als empirisches Problem angesichts der notorischen Prognoseunsicherheit der Sozialwissenschaften allenfalls im Nachhinein, aber nicht antizipatorisch beantwortbar zu sein. Um zu einer Reduktion dieser Unsicherheit zu kommen, bräuchte man nach einem konventionellen, an den Naturwissenschaften orientierten Wissenschaftsverständnis zunächst einmal ein theoretisches Konzept, das theoretisch begründete und empirisch gehaltvolle Aussagen über die Wechselbeziehungen von Technik und Gesellschaft erlaubt. Ein solches integrierendes Konzept steht aber gegenwärtig nicht zur Verfügung.

Genau diesem Mangel soll der kultur-anthropologisch fundierte Ansatz abhelfen, den Manfred Schmutzer hier im Anschluß an die "grid/group analysis" von Mary Douglas, Michael Thompson u.a. entwickelt hat. Mit Hilfe dieses Ansatzes, so die jüngst in einem (Folge-)Aufsatz im Jahrbuch Technik und Gesellschaft 8 noch einmal pointiert ausgesprochene Hoffnung des Autors, ließen sich Genese und Akzeptanz von Technologien bestimmen und prognostizieren: "Damit würde Technikfolgenabschätzung endlich das leisten können, was sich Ingenieure davon versprechen und die Gesellschaft mit ihnen".

Entwickelt wird dieser Ansatz in einer umfangreicheren Arbeit, die nach dem Bekunden des Autors "das Ergebnis einer etwa zwanzigjährigen Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Wissenschaft, Technik, Gesellschaft, Kultur und Politik" darstellt (V). Manfred Schmutzer ist nach einem Studium der Ingenieur- und der Sozialwissenschaften in Österreich und Großbritannien gegenwärtig als Universitätsdozent am Institut für Technik und Gesellschaft an der TU Wien tätig und vor diesem Hintergrund mit verschiedenen "Kulturschocks" und Grenzüberschreitungen gut vertraut. Er möchte mit diesem Buch einerseits die Kluft zwischen Ingenieur- und Sozialwissenschaften überbrükken. Andererseits soll sein Ansatz zu einer Weiterentwicklung von TA-Verfahren beitragen, indem er Grundlagen für ein neues sozialwissenschaftliches Verständnis von "angemessenen" Technologien bereitstellt.

Ausgangs- und Bezugspunkt für die Darstellung dieser "sozialwissenschaftlichen Theorie von Wissenschaft und Technik" bildet ein Fallbeispiel, das die zunehmende Durchdringung, ja Substitution von Wissenschaft durch Technik verdeutlichen soll: die "Computerisierung der Universität". Die Arbeit selbst ist in vier Teile gegliedert.

Im ersten Teil wird die Problemstellung exponiert, die mit dem Fallbeispiel "Computerisierung der Universität" verbunden ist. Der Autor zeichnet dazu zunächst die Entwicklungsgeschichte der Universität einerseits, die des Computers andererseits nach, und fragt dabei auch nach den Ursachen ihres Entstehens. Die Universität, so seine Rekonstruktion, sei im Mittelalter im Kontext von internationalen Migrationsbewegungen als "Vergesellschaftung von Fremden" entstanden. Sie habe seither vor allem die Funktion, gegenseitig "Fremde" zu neuen Formen von Konsens zu führen, um so "Aufgaben einer kognitiven, schiedsrichterlichen Wahrheitsinstanz zu übernehmen" (48). Der Computer entsteht in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts. Er entwickle sich rasch von einem bloßen "Zusammenrechner" für bestimmte militärische und industrielle Probleme zu einer umfassend verwendbaren "Ordnungsmaschine", die Koordination, Kooperation und Kontrolle auf der Basis abstrakter formalisierter Algorithmen ermöglicht. In einem weiteren Abschnitt wird näher beschrieben, wie sich die "Technisierung der Universität durch den Einsatz von Computern" im einzelnen gegenwärtig vollzieht oder doch aller Voraussicht nach in Kürze vollziehen wird. Über organisatorische Veränderungen hinaus bliebe auch die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnisse von der Computerisierung nicht unberührt. Experiment und Beobachtung, die klassischen naturwissenschaftlichen Methoden zur Untersuchung von klärungsbedürftigen Phänomenen, würden immer häufiger durch Simulation und Kalkulation ersetzt. Computer fänden nicht nur als Steuerungs-, sondern auch als "Wahrheitsmedium" Eingang an der Universität. "Sie verändern Forschung und Lehre, d.h. die gesamte Struktur der Universität in räumlicher, zeitlicher und organisatorischer Hinsicht, und fixieren letztlich diesen neuen Zustand" (56).

Was hat es zu bedeuten, so die übergreifende Fragestellung des Autors, wenn "die Institution Universität" - eine "soziale Technik", die "Bedingungen für Konsens zu erzeugen hat, somit Kooperation und Problemlösungen möglich macht" - nun durch "Gerätetechnik, d.h. Computer und andere Informationstechnologien, ergänzt, verändert, möglicherweise ersetzt" wird (49)? Nach der Bedeutung von etwas zu fragen, heißt für den Autor - wie seine Antworten verdeutlichen - zunächst einmal soviel wie nach seiner Funktion zu fragen, genauer: nach dem Stellenwert im gesellschaftlichen "Funktionszusammenhang" (406). In diesem - nach eigenem Bekunden stark an Norbert Elias orientierten - Verständnis von Gesellschaft erscheinen Technisierungsprozesse wie die Computerisierung "als Antwort auf einen neu entstandenen gesellschaftlichen Bedarf" (56).

Da die "Computerrevolution" nicht nur einen, sondern tendenziell alle Wissensbereiche und Disziplinen betreffe und dabei zugleich grundlegende paradigmatische Umbrüche impliziere, könne sie nicht - wie das Modell Thomas Kuhns unterstelle - allein aus den internen Widersprüchen von wissenschaftlichen Entwicklungen erklärt werden. Ein ausschließlich wissenschaftsintern ansetzendes Erklärungsmodell wie das Kuhnsche Paradigmenkonzept laufe auf einen unhaltbaren "wissenschaftlichen Ethnozentrismus" hinaus (85). Kuhn ignoriere "das soziale Umfeld zur Gänze" und verweise "nur gelegentlich auf die Bedeutung von Instrumenten". Letzteres gelte auch für das systemtheoretische Konzept einer "Selbstorganisation der Wissenschaft" von Krohn und Küppers. Diese ignorierten "den Geräteaspekt gänzlich". Deshalb sei auch ihr Ansatz als "Erklärung für die erstaunlichen Veränderungen, die durch den Einsatz der Computer im Wissenschaftssystem zu registrieren sind," nicht zu verwenden (91). Die "Wechselbeziehungen zwischen Wissenschaft und sozialem Umfeld" und die "Rolle von Technologie im Prozeß der Erzeugung und Weitergabe von Wissen" (92) müßten deshalb im Detail neu betrachtet werden.

Diese beiden Themen erörtert der Autor im zweiten und dritten Teil der Arbeit. Die postulierten funktionalen Bezugspunkte von Wissenschaft und Technik bringt er dabei in den Überschriften auf die Formeln "Konsens herstellen" und "Kooperation meistern".

Im Teil II richtet sich sein Interesse auf die gesellschaftlichen Bedingungen, "die eine Wissenschaft notwendig und andererseits Beweise unwiderlegbar machen" (96). Sein Ansatz, so der Autor, "dreht die Frage nach den externen Einflüssen auf Wissenschaft in ihr Gegenteil um. Sowohl Genese als auch Form und Ausprägung von Wissenschaft sind Ergebnis sozialer Gegebenheiten". Wenn Wissenschaft die Antwort ist, so die Pointe dieser "Umdrehung", was war dann die Frage? Welches Problem soll mit einem Unternehmen wie "Wissenschaft" gelöst werden? Im Fall der Natur- und Ingenieurwissenschaften wird hier meist auf Probleme der Naturbeherrschung verwiesen. Schmutzer versucht hingegen, über das dominante Verständnis von Wissenschaft und Technik als Auseinandersetzung mit Natur hinauszukommen. Er möchte ja eine "sozialwissenschaftliche" Theorie von Wissenschaft und Technik entwickeln. Seine Funktionsbestimmung fällt abstrakter und weniger natur- als vielmehr gesellschaftsbezogen aus. Den Referenzpunkt bilden dabei gesellschaftliche Ordnungs- und Integrationsprobleme: Die Aufgabe, die Wissenschaften zu lösen haben, sieht er in der "Bereitstellung von Konsensmitteln" (96). Der gesellschaftliche Beitrag theoretischer Wissenschaften bestünde darin, "Ordnungssysteme bereitzustellen, deren Anwendung im alltäglichen Bereich durch Experten zu ermöglichen sowie 'außer-ordentliche' Phänomene einzuordnen". Diese Aufgaben zu erfüllen, sei "für gesellschaftliche Kooperation konstitutiv: Ohne Wissenschaft keine Gesellschaft" (155).

Aus diesem breiten, auf kognitive Ordnungsleistungen als funktionale Bedingung von Konsens und Kooperation abstellenden Verständnis von "Wissenschaft" ergibt sich auch ein anderer Blick auf die Geschichte dieses Unternehmens. In kritischer Abgrenzung zur "Finalisierungsthese" der "Starnberg-Bielefeld-Gruppe" geht Schmutzer davon aus, daß die "Entstehung von Wissenschaft nicht als ein historisch einmaliges Phänomen evolutionärer Ausdifferenzierung" zu betrachten sei, sondern als "kulturspezifische Antwort auf zeitbedingte, im Prinzip wiederholbare gesellschaftliche Gegebenheiten". Wissenschaft stelle sich als "eine soziale Innovation dar, die, so wie andere Erfindungen auch, in Abhängigkeit von sozialen Voraussetzungen in variabler Form durchaus öfter gemacht werden kann" (96). In einem diachronen Vergleich von antiker, mittelalterlicher und neuzeitlicher Wissenschaft identifiziert Schmutzer dabei einerseits historisch variable wissenschaftliche Inhalte und Beweisverfahren, andererseits bestimmte, in ihren Strukturen analoge gesellschaftliche Voraussetzungen, die historisch wiederholt zum Entstehen oder Wiederentdecken von "Wissenschaft" geführt hätten: hohe Mobilität, Individualisierung und Entfremdung von tradierten Orientierungssystemen und Verhaltensweisen.

Ferner versucht Schmutzer zu zeigen, daß technische und wissenschaftliche Entwicklungen in allen Epochen durchaus relativ unabhängig voneinander verlaufen sind. Was die Frage nach den Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Technik angeht, so hat sich der Hauptstrom der Wissenschafts- und Technikforschung eher auf die Tendenz zur "Verwissenschaftlichung der Technik" konzentriert. Demgegenüber übt Schmutzer deutliche Kritik an hierarchischen Überleitungsmodellen (von Wissenschaft zur Technik) und an neueren Konzepten von "wissenschaftsbasierten Industrien". Diese Ansätze verstünden Wissenschaft weiterhin traditionell und d.h. primär als "Instrument der Verbesserung der materiellen Lebensbedingungen" (122). Die verbreitete Annahme einer einseitigen Abhängigkeit der Technik von Wissenschaft erscheint ihm hingegen fragwürdig (128), die These der Abhängigkeit moderner Produktion von wissenschaftlichen Forschungen unbewiesen (28). Schmutzer interessiert sich vielmehr für die umgekehrte Tendenz einer "Technisierung der Wissenschaft" und die Abhängigkeiten, die sich hieraus für Wissenschaft und Gesellschaft ergeben.

Geräte, so eine seiner zentralen Thesen, erfüllen ähnliche soziale Funktionen wie Sprache: sie ermöglichen Konsens, indem sie einen gemeinsamen Bezugspunkt als Voraussetzung für Kooperation schaffen. Das gilt vor allem in Situationen, in denen die beteiligten Personen sich als vereinzelte "Fremde" begegnen, in denen sie aufgrund unterschiedlicher Herkunft nicht über eine gemeinsame Sprache verfügen oder die traditionell eingelebte Übereinstimmung in Sprach- und Lebensform verloren gegangen ist. Seine These von der Technik als funktionalem Äquivalent und zunehmend auch als Substitut für sprachlich vermittelte Verständigung erläutert Schmutzer für den Bereich der Wissenschaft u.a. an der wachsenden Bedeutung von Apparaturen und Meßinstrumenten für Experimente, an der Uhr und anderen Formen der Quantifizierung als sozialen Techniken der Konsenserzeugung sowie an Kunstsprachen und ihrer Benutzung in symbolischen Maschinen. Mit diesen neuen Techniken der Wahrheitsfindung verändere sich auch der Wahrheitsbegriff selbst. Die "Etablierung einer akzeptablen sozialen Ordnung" als Bedingung für soziale Kooperation werde "heute nicht mehr über Sprache und Theorie, sondern über technische Geräte erzeugt. Deren Erfindung und Verehrung besorgen Wissenschaftler als Techniker" (197).

Um diese ordnungsstiftenden Funktionen ausüben zu können, müssen Wissenschaftler allerdings selbst eine Sozialisation erfahren haben, welche die historische Entwicklung von Wissenschaft und Technik in ihren grundlegenden Strukturen nachvollzieht. Universitäten, so der Autor in einem weiteren Abschnitt über die Vermittlung von Wissenschaft in der Lehre, "vermitteln und generieren analog zu Schulen Homomorphien zwischen Kenntnisstrukturen, Persönlichkeitsstrukturen und Organisationsstrukturen." Sie müßten als Institution verstanden werden, "die Eliten zur Interpretation und Ordnung chaotischer Zustände und zur Legitimation notwendiger Entscheidungen ausbilden" (228). Angehende Wissenschaftler müßten - wie ihre Vorgänger in anderen Epochen - zunächst einen Prozeß der "Ent-gemeinschaftung" und Entfremdung durch Herauslösung aus überkommenen Lebensformen erfahren, um dann in einer anschließenden zweiten Phase der Resozialisation die kognitiven und motivationalen Voraussetzungen für eine Kooperation zwischen individualisierten und universalistisch orientierten Persönlichkeiten zu erwerben. Dieser zweite nun als "Vergesellschaftung" bezeichnete Prozeß könne "liberal" oder durch Disziplinierung erfolgen. In der letztgenannten Form spielten "Disziplinartechnologien", wie sie von Foucault analysiert wurden, eine besondere Rolle für den Erwerb von Kooperationsfähigkeit (207). Mit "Instruktionsinstrumenten" ließen sich zunächst die Sozialisationsagenten, letztlich aber die Sozialisationsinstitutionen selbst gleichsam "exteriorisieren" (244): "Der unparteiische Schiedsrichter wird durch Geräte ersetzt, wenn sich Menschen zu fremd geworden sind" (247). Allgemeiner: Technik werde zum Sozialersatz. Das aber hieße im Umkehrschluß, daß Geräte (wie bei Hans Linde) als vergegenständlichte soziale Institution verstanden werden müßten: Technologien seien "Ersatz und Neuformulierung sozialer Institutionen" (248). Letzteres erlaube es auch, sie über Marktstrukturen zu verteilen. Technisierung standardisiere so die Produktion der erzeugten Persönlichkeitstypen und ihrer Interaktionsformen (29).

In Teil III werden diese Thesen noch einmal in einer anderen, systematischer auf den Kooperationsaspekt orientierten Perspektive entwickelt. In einem ersten Kapitel geht es Schmutzer um die Voraussetzungen der Genese des Individuums in ihrer historischen Dimension. Subjektivierung ist für den Autor kein auf die Moderne beschränkter Prozeß. Vielmehr illustriert er die wechselseitige Bedingung von Individualisierung und Technisierung an verschiedenen Beispielen aus der Antike, dem Mittelalter und der Neuzeit. Aus diesem wechselseitigen Bedingungsverhältnis ist auch der Titel des Buches zu verstehen: "Der Ingenieur ist und erzeugt das Individuum" (309).

In einem weiteren - für den eigenen Ansatz zentralen - Kapitel werden die Bedingungen und Formen sozialer Kooperation in den Mittelpunkt gestellt. Der Autor greift zunächst die Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft auf und erläutert diese mit Bezug auf soziologische Klassiker wie Tönnies, Weber und Durkheim. Wie Hans Linde gezeigt habe, ginge etwa die Webersche Analyse sozialer Beziehungen fälschlicherweise von "sachbezugsfreien Sozialverhältnissen" aus (318) und vernachlässige die soziale Relevanz von Artefakten. Entschieden ablehnend äußert sich der Autor dann zum Konzept einer "Technisierung der Lebenswelt" bei Jürgen Habermas. Im Gegensatz zu Habermas sieht Schmutzer "keinen wachsenden Rationalitätsdruck vom 'System' auf die Lebenswelt, sondern nur die 'condition humaine', die zur Kooperation auch unter Bedingungen sozialer Zerrüttung nötigt und neue Konsensmechanismen zum Vorschein bringt" (322). Des weiteren betrachte Habermas Sprache "wenig diskriminierend, als 'Muttersprache' und somit relativ homogen" (326). Da Sprache aber ein Artefakt sei und es folglich viele Sprachen gäbe, sieht Schmutzer darin ein Defizit, daß ihn auf Basil Bernstein und dessen Sprachtypen zurückgehen läßt. Von hier aus führt die Frage nach dem Zusammenhang von sprachlichen und sozialen Klassifikationssystemen zu Bernsteins ehemaliger Mitarbeiterin Mary Douglas und ihrer "grid/group"-Analyse mit ihren zwei fundamentalen Dimensionen der inneren Gruppenstruktur (egalitär vs. hierarchisch) und Gruppenzugehörigkeit (offen vs. geschlossen).

In der Weiterentwicklung dieses kultur-anthropologischen Ansatzes zur "Cultural Theory" bei Michael Thompson, der strukturelle Entsprechungen zur organisationssoziologischen Unterscheidung von Transaktionsmustern wie Markt, Bürokratie und Clan bei Ouchi aufweise, sieht Schmutzer eine brauchbare Grundlage für seinen eigenen integrierenden Ansatz. Am Ende dieser Kompilation verschiedener Ansätze enthält das Vier-Felder-Schema in der Formulierung des Autors neben den Mustern Ouchis noch den Idealtyp einer organisatorisch unverbundenen Glaubensgemeinschaft oder "Schule", deren Mitglieder nicht durch nachvollziehbare Transaktionen verbunden sind ("Nullmatrix") (345). Wie bei Thompson gibt es darüber hinaus auch bei Schmutzer noch einen weiteren organisatorisch ungebundenen Persönlichkeitstyp, den "Eremiten" oder Fremden, der nicht gezwungenermaßen, sondern freiwillig auf Zugehörigkeit zu Transaktionsstrukturen verzichtet.

Mit der Reformulierung dieser Muster in einer formalen Transaktionsmatrix meint der Autor den Nachweis erbracht zu haben, "daß es sich bei dieser Typologie nicht um eine beliebige Auflistung handelt, sondern um ein genuines Kategoriensystem, in dem alle möglichen Fälle von Interaktionen idealtypisch vertreten sind. Mit Hilfe eines solchen Kategoriensystems wird es möglich, auf ad-hoc-Untersuchungen zu verzichten und trotzdem ein Universum erschöpfend zu beschreiben" (339). Sein formales Modell erlaube die Zusammenführung der genannten theoretischen Ansätze in ein idealtypisches "kohärentes Erklärungsschema" (351). Dieses könne Prozesse sozialen Wandels wie "Auslagerungen", Brüche, Übergänge von einer Sozialstruktur zu einer anderen oder "metamorphosische Veränderungen" deutlich machen. Es entstehe so eine dem Verhältnis von Theorie und Experiment in den Naturwissenschaften ähnliche Situation (355).

In einem weiteren Kapitel wird das Verhältnis von "Sachen und Sprachen" unter Bezugnahme auf die genannten Autoren noch einmal beleuchtet, wobei die genannten Thesen über Artefakte als Sozialisationsmaschinen (370) und Technik als "Sozialersatz" (382) eine weitere theoretische Verortung erfahren. Soziologische Analyseansätze zu Prozessen der "Technisierung" wie die von Rammert und Hörning werden kritisiert, weil sie einerseits nicht versuchten, "die Intentionen, die als Handlungsweisen in Technologien schlummern" näher zu untersuchen. Andererseits fehle ihnen "eine integrierte Sicht der Bedürfnisgenese und eine Erklärung, warum, wann und bei wem ihre Befriedigung durch technische Geräte und nicht durch andere Mittel zustande kommt" (395f.). Beides verlange eine Einbeziehung der jeweils dahinterstehenden konkurrierenden Ordnungsmodelle und der strukturellen Homomorphien zwischen Persönlichkeitstypen, Sprachtypen und Organisationsmustern. Soziale Akzeptanz oder Ablehnung von Technologien werden von Schmutzer als Ausdruck der Übereinstimmung oder Unvereinbarkeit mit den jeweils präferierten Kooperationsmustern interpretiert, die hinter den Technologien stünden. Technikfolgenforschung hätte sich folglich "vordringlich mit den in Technologien realisierten Vorstellungen von Interaktion zu beschäftigen" (402).

Im abschließenden Teil IV "Brücken schlagen" geht es um eine Aporie und die Möglichkeiten ihrer Überwindung. Mit der "Aporie" ist ein Kooperations- oder Interaktionsdilemma gemeint, das sich aus zwei widersprüchlichen Anforderungen ergibt. Auf der einen Seite steht die - im Gefolge von Mary Douglas übernommene - Annahme, daß die Ordnungsvorstellungen, die hinter den vier Transaktionsmustern ausgemacht wurden, einen sich wechselseitig ausschließenden Charakter hätten: "es kann nicht gleichzeitig mehrere verschiedene Ordnungen geben" (396). Auf der anderen Seite hält Schmutzer - im Gefolge von Norbert Elias - an der These fest, "daß Menschen aufeinander angewiesen sind und in einem 'Funktionszusammenhang' ... zueinander stehen" (406). Damit eröffnet sich folgende "Aporie": "Wie soll es möglich sein, daß sich gegenseitig ausschließende soziale Entitäten aufeinander angewiesen und kooperationsfähig sind?" (410) Oder: "Wie läßt sich diese Ordnung gefährdende Konfrontation mit fremden Ordnungen meistern?" (432). In seiner Antwort rekurriert Schmutzer auf einen fünften Persönlichkeitstyp, den er in Thompsons "Cultural Theory" mit dem Typ des "Eremiten" vorgebildet sieht (433). Dessen soziale Bedeutung liege in seinem "Vermittlertum" (434). Inkompatible Ordnungen, so die in personalisierender Metaphorik mit Rekursen auf den Götterboten Hermes skizzierte Lösung der Aporie, bedürfen der Vermittlung durch "Grenzgänger" und "messenger" zwischen den Ordnungen. Solche Grenzgänger erscheinen aus der Sicht jeder der vier genannten Ordnungsmuster indessen unvermeidlich als "Fremde". Diese Konstellation gleicht damit strukturell der sozialen Situation, die am Anfang der Entwicklungsgeschichte von Universität und Wissenschaft stand. Folglich sind auch die Optionen zur Bewältigung dieser Konstellation analog zu sehen: Es bestehe "die prinzipielle Wahlfreiheit zwischen technischen und sozialen Innovationen" (410). Die Vermittlungsfunktionen des grenzüberschreitenden "Fremden" können nach der genannten Externalisierungs- und Substitutionsthese von "Technik als Sozialersatz" auch von "Geräten" oder "Dingen" übernommen werden. Dabei gilt: "Das Ding und der Fremde verhalten sich zueinander wie zwei Seiten einer Medaille: umso größer die Entfremdung, umso größer der Bedarf an Gerät." (405) Diese "zentrale These" seiner Arbeit eröffnet für Schmutzer auch eine Perspektive, feministische Kritiken an geschlechtsspezifischer Wissenschaft und Technik und kritische Beiträge zum Zusammenhang von Technologie und Demokratie (mit ihrer Tendenz zur Produktion von "Sündenbocktechnologien") in seinen eigenen Ansatz zu integrieren bzw. deren Aussagen in diesem Rahmen zu reinterpretieren.

Grundsätzlich werde die Frage der "Sozialverträglichkeit" - und damit die Legitimation der jeweils präferierten Lösungsansätze - theoretisch erklär- und prognostizierbar, wenn man sie als Ausdruck der dahinterstehenden konfligierenden sozialen Ordnungsmuster versteht. Sie werde praktisch in dem Maße besser lösbar, wie die Ingenieure in ihrer Ausbildung durch Integration von vermittelndem Grenzgängertum stärker dafür sensibilisiert werden, daß sie als Konstrukteure nicht nur Technologien, sondern soziotechnische Systeme mit ordnungsstiftender Funktion entwerfen. Daher bliebe es "die hervorragendste und sozial bedeutendste Aufgabe der Alma Mater", so die abschließende hochschulpolitische Forderung Schmutzers, "Grenzgänger als 'messenger' einer anderen Welt in ihrer Entwicklung zu fördern" (434).

Während die aktuellen Trends in der internationalen Wissenschafts- und Technikforschung im Zeichen der Postmoderne eher auf Dekonstruktion "Großer Erzählungen", "dichte" Beschreibungen und differenzierte Fallstudien hinauslaufen, hält Manfred Schmutzer an dem Anspruch einer generalisierbaren Theoriebildung mit explanativen und prognostischen Ansprüchen fest. Schon dieses Zutrauen zum großen integrierenden Entwurf über verschiedene Epochen und unterschiedliche Disziplinen hinweg dürfte in einem solchen eher defensiven und stark fragmentierten Diskussionsumfeld eigentlich genügen, den Band nachdrücklich zur Lektüre zu empfehlen. Die Arbeit bietet aber mehr: Schmutzer macht ernst mit dem Versuch, Wissenschaft und Technik aus der sozialen Lage ihrer Produzenten und Rezipienten zu erklären. Und verdeutlicht durch die Art seiner Thesen zugleich, wieweit man damit mit den Mitteln der "Cultural Theory" kommen kann. Der Versuch, Wissenschaft und Technik als gesellschaftliche Phänomene zu begreifen, führt im Rahmen dieses Ansatzes letztlich immer wieder zur Annahme einiger grundlegender Isomorphien zwischen Wissenstypen, "Persönlichkeitstypen" und Organisationsmustern, die in allen gesellschaftlichen Formationen und Kontexten aufzufinden seien. Solche universalistisch angelegten theoretischen Konzeptionen haben für die wissenschaftliche Diskussion zweifellos wichtige Funktionen: Gerade die bisweilen eigenwilligen Rekonstruktionen und die Neigung zur manchmal provozierenden formelhaften Zuspitzung nötigen im Fall dieser Arbeit nachdrücklich zur differenzierten eigenen Positionsbestimmung - nicht zuletzt da, wo man den Thesen in der vorgetragenen Form nicht ohne weiteres zu folgen bereit ist. Dabei räumt der Autor selbst ein, daß er die Leser angesichts einer beeindruckenden Fülle verarbeiteter Literatur und wechselnder Perspektivierungen zweifellos auf einen bisweilen dornigen Pfad geschickt hat.

Legt man den weitreichenden Anspruch zugrunde, der im Untertitel der Arbeit formuliert ist, dann drängen sich angesichts eines solchen Maßstabs allerdings eine ganze Reihe von kritischen Nachfragen auf. In dem verfügbaren Rahmen kann dabei auf gesellschaftstheoretische Implikationen und normative Fragen ebensowenig eingegangen werden wie auf hermeneutische Probleme bei der Interpretation insbesondere solcher Autoren, von denen Schmutzer sich kritisch abgrenzt. Im Sinne einer "immanenten" Kritik wären allerdings wenigstens zwei grundlegende Punkte anzusprechen. Der erste Punkt bezieht sich auf die Generalisierbarkeit und Spezifität der vorgetragenen "Theorie". Wenn es zutrifft, wie die konstruktivistischen Ansätze immer wieder behaupten, daß verallgemeinernde Theorien bei näherer Betrachtung meist doch einen recht spezifischen empirischen "Index" haben und keiner umfassenden, sondern einer durchaus selektiven Perspektive folgen, dann stellt sich auch in diesem Fall die Frage, ob die vorgeschlagene übergreifende "sozialwissenschaftliche Theorie von Wissenschaft und Technik" nicht stärker durch ihren empirischen Bezugspunkt - das Fallbeispiel "Computerisierung der Universität" - geprägt ist als man angesichts der generalisierten Thesen meinen könnte. Was hier über die primär sozialen Funktionen von Technisierungsprozessen (etwa im Hinblick auf "Sozialersatz" und "Disziplinierung") gesagt wird, mag über das Beispiel des Einsatzes von Computern hinaus auch für andere Informations- und Kommunikationstechnologien Plausibilität beanspruchen können. Gilt es aber in gleicher Weise für Technologien, bei denen stoffliche und energetische Aspekte eine sehr viel größere Relevanz haben, etwa für Chemie-, Energie-, Umwelt- und Biotechnologien - nicht zu reden von komplexeren technologischen Systemen im Bereich des Transport- oder Militärwesens? Oder müßten Stellenwert und Reichweite der entwickelten Thesen nicht erst einmal über technologiespezifische Vergleiche näher geprüft werden, bevor sie als generalisierte Aussagen über Genese und Funktionen von Technisierung schlechthin kandidieren können? Technisierungsprozesse könnten durchaus unterschiedliche Entstehungsbedingungen und Funktionen haben - je nach dem, um welche Art und welchen Typ von Technologie es sich handelt: Does Technology matter?

Analoge Fragen stellen sich für den zweiten Gegenstand der vorgestellten Theorie: "Wissenschaft". Sicher fällt den meisten Studierten zuerst die Universität ein, wenn von "Wissenschaft" die Rede ist. Die Produktion wissenschaftlichen Wissens findet inzwischen aber zunehmend auch an vielen anderen gesellschaftlichen Orten statt, etwa an außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder in Forschungsabteilungen von Unternehmen. Gilt das, was hier über die Technisierung von "Wissenschaft" gesagt wird, nun in gleicher Weise auch für alle anderen Kontexte, in denen Wissenschaft betrieben wird? Wie steht es dabei mit der postulierten Homomorphie von Organisations-, Persönlichkeits- und Wissensstrukturen? Wie mit der anvisierten Auflösung konfligierender Ordnungsmuster durch das "Vermittlertum" von Grenzgängern?

Schließlich erhebt sich auch die Frage der analytischen Perspektive: die bisher in vielen Beiträgen der Wissenschafts- und Technikforschung dominierende Sichtweise einer zunehmenden "Verwissenschaftlichung der Technik" mag einseitig sein. Allein, wird sich eine umfassende "sozialwissenschaftliche Theorie von Wissenschaft und Technik" entwickeln lassen, wenn man im Gegenzug nun vor allem die entgegengesetzte Perspektive einer "Technisierung der Wissenschaft" in den Vordergrund rückt, die ja die Gegenstände als solche nicht weniger einseitig erhellen kann als ihr Gegenlicht?

Der zweite Punkt kritischer Nachfrage betrifft das Erklärungs- und Prognosepotential des vorgestellten Ansatzes. Schmutzer betont zwar einerseits vor allem die theoretisch integrierende, vereinheitlichende Funktion des vorgestellten typologisierenden Kategoriensystems. Wie die bekannten Vertreter der "Cultural Theory" selbst verbindet er sein reformuliertes Modell aber andererseits zugleich mit explanativen und prognostischen Ansprüchen. Läßt man das Problem des möglichen Nutzens der vorgestellten mathematischen Formalisierung für mögliche Anwendungen einmal beiseite, dann stellt sich in empirischer Hinsicht die Frage, auf welcher Ebene nun von diesem Modell welche Art von Erklärungen und Vorhersagen für die Sozialverträglichkeit von Technologien zu erwarten ist. Schmutzer illustriert das prognostische Potential dieses Ansatzes wiederholt mit erwartbaren Unverträglichkeiten zwischen den unterschiedenen Ordnungsmustern "Markt", "Bürokratie", "Clan" und "Schule". Solche Aussagen liegen aber nicht nur auf der sehr allgemeinen Abstraktionsebene der vier Ordnungsmuster als solchen. Die Vorhersage von möglichen Inkompatibilitäten setzt außerdem schon auf dieser allgemeinen Ebene verschiedene Zusatzannahmen voraus, zu denen als erstes die These gehört, daß die typologisch unterschiedenen Ordnungen tatsächlich einen wechselseitig ausschließenden Charakter haben. Das ist allerdings weder theoretisch noch empirisch zwingend.

Denkt man die Annahme einer wechselseitigen Inkompatibilität der genannten Ordnungsmuster auf der Ebene der (re-)agierenden Subjekte zu Ende, so impliziert dies ja streng genommen einen "monokratisch" orientierten Persönlichkeitstyp, der in allen Lebensbereichen einen und nur einen Ordnungsmodus präferiert. Man muß nicht gleich zu den Modellen des "multiple self" überlaufen, um zu sehen, daß ein solch rigide eindimensional orientiertes "Sozialisationsprodukt" in modernen Industriegesellschaften empirisch kaum mehr als Normalfall vorausgesetzt werden kann. In dem Maße, wie Menschen sich in unterschiedlichen Organisationskulturen bewegen und wie sie solche unterschiedlichen Ordnungsmuster für verschiedene gesellschaftliche Teilbereiche als sinn- und zweckhaft anerkennen, wird die Annahme eines durchgängig "präferierten Lösungansatzes" empirisch fraglich. Theoretisch finden sich im übrigen bei soziologischen Konzepten funktionaler Differenzierung und pluralistischen Politiktheorien vielfältige Evidenzen und Argumente dafür, daß es zu einem solchen vermittlungsbedürftigen Neben- und Miteinander unterschiedlicher Ordnungsmuster in modernen Gesellschaften weder funktional noch normativ überzeugende Alternativen gibt. In seinen Erläuterungen räumt Schmutzer selbst ein, die Ordnungsmuster "Markt" und "Bürokratie" seien nicht nur wechselseitig voneinander abhängig, sondern als Formen des übergeordneten Kulturtyps "Gesellschaft" auch "symbiotisch" auf Formen des anderen Kulturtyps "Gemeinschaft" angewiesen (433). Bei seiner Auflösung des "Interaktionsdilemmas" geht er seinerseits davon aus, daß die zuvor im Anschluß an die "Cultural Theory" theoretisch konstruierte "Aporie" unvereinbarer Ordnungsmuster praktisch durch Vermittlung im Sinne eines "Weder-noch" (433) aufzulösen sei. In dem Maße, wie dieser Weg erfolgreich ist und eine Vermittlung konfligierender Ordnungsmuster auf der Ebene praktischen Handelns möglich wird, verliert der Ansatz indessen auf der Ebene theoriegeleiteter Vorhersagen über Akzeptanz und Ablehnung zugleich an prädiktivem Potential. Wird die Sozialverträglichkeit von Technologien als erkärungsbedürftiges empirisches Phänomen zunehmend zu einem Vermittlungsproblem, dann greifen Prognosen, die allein oder doch in erster Linie auf der Basis "dahinter" stehender inkompatibler Ordnungsmuster formuliert werden, offensichtlich zu kurz. Mit seiner Auflösung des Interaktionsdilemmas durch Vermittlung verweist Schmutzer selbst auf die Relevanz von "intervenierenden" Variablen. Diese lassen sich im Rahmen seines Ansatzes allerdings nicht mehr so berücksichtigen, daß darauf empirisch gehaltvolle Prognosen zu gründen wären.

Wenn der Rekurs auf grundlegende Ordnungsmuster Akzeptanz oder Ablehnung einer Technologie erklären können soll, dann setzt dies neben den genannten Unvereinbarkeitsunterstellungen zum zweiten entsprechende abstrahierende Zuschreibungen bei den (re-)agierenden Subjekten voraus. Erst dann, wenn Technologien bzgl. ihrer Genese, Struktur oder Funktion so etwas wie "Ordnungsrelevanz" zugeschrieben wird, können sie ja überhaupt auf der Grundlage von Präferenzen über grundlegende Organisationsmuster bewertet werden. Solche Zuschreibungen sind aber keineswegs schon mit den Technologien als solchen eindeutig vorgegeben. Sie unterliegen vielmehr selbst einem komplexen, kontextabhängigen und oft auch kontroversen Deutungsprozeß. Ob eine Technologie überhaupt im Sinne gesellschaftlicher Organisationsmuster "ordnungsrelevant" ist oder nicht, ob sie dieses oder jenes Ordnungsmuster stärken oder schwächen wird, ob sie also eindeutig als "Markt-", "Hierarchie-" oder "Clan"-Technologie anzusehen ist, darüber müssen sich alle Beteiligten zunächst einmal klar werden, bevor sie aufgrund ihrer organisationskulturellen Präferenzen zu entschiedenen Urteilen im Sinne von Akzeptanz oder Ablehnung kommen können. Diese kognitiven Klärungsprozesse dürften indessen nicht bei allen Technologien so eindeutig verlaufen wie etwa bei der Kernenergie: Statt eindeutiger Zuschreibung im Sinne eines klar erkennbaren "dahinter" stehenden Organisationsmusters wird sich am Ende eines solchen Prozesses kontroverser Deutungen (insbesondere bei vielfältig verwendbaren "Querschnittstechnologien") oft eher Indifferenz, Ambivalenz oder Kontextabhängigkeit einstellen. Mit der Abhängigkeit vom Verlauf kontroverser und kontextabhängiger Interpretationsprozesse nimmt aber zugleich auch das Prognosepotential eines Ansatzes ab, der eindeutig erkennbare, durchgängig präferierte Ordnungsmodelle als erklärende Faktoren für "Sozialverträglichkeit" in den Vordergrund stellt.

Eine differenziertere Auseinandersetzung mit anderen Versuchen zur Anwendung der "grid/group-analysis" - und der methodologischen und theoretischen Kritik an solchen Ansätzen - wäre hier im Hinblick auf eine nähere Klärung von Möglichkeiten und Grenzen dieses Konzepts vielleicht hilfreich gewesen. Damit soll keineswegs gesagt werden, daß die ordnungsstiftenden oder -gefährdenden Implikationen von Technologien nicht - wie von Schmutzer gefordert - größere Beachtung in der Technikforschung erfahren sollten. Ganz im Gegenteil: diese - oft in einer Maskerade technischer Details versteckte - Frage explizit auf die Tagesordnung gebracht zu haben, darin könnte man eher ein Verdienst der "Cultural Theory" und damit auch der Arbeit Schmutzers sehen. Bestritten wird nur, daß eine so erweiterte Untersuchung der Sozialverträglichkeit von Technologien mit Hilfe dieses kulturtheoretisch orientierten Ansatzes die Prognosekapazität gewinnen wird, die der Autor (oder doch der Ingenieur in ihm) sich davon erhofft.

Kontakt

Thomas Saretzki
Universität Hamburg
Institut für Politische Wissenschaft
Allende-Platz 1, D-20146 Hamburg
Tel.: 040/4123-2960/344784
Fax: 040/4123-4506

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G. KLEPPER, P. MICHAELIS, G. MAHLAU: Industrial Metabolism:. A Case Study of the Economics of Cadmium Control. Kieler Studien; 268: Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel. Tübingen: Mohr, 1995.

Rezension von Udo Jeske, ITAS

Die Studie enthält zwei Teile: den Cadmium-Stoffstrom in der BRD (56 Seiten) sowie eine technologie- und grenzwertorientierte Zusammenstellung der bisherigen Bemühungen zur Cadmium-Rückhaltung aus den Umweltkompartimenten (35 Seiten). Eine Diskussion der Kosten scheitert an Abgrenzungsproblemen, mangelnder Datenverfügbarkeit und erfolgt überwiegend in der Zusammenfassung (18 Seiten). Die "Economiccs of Cadmium Control" sind nach Ansicht der AutorInnen nicht darstellbar.

Zur Erklärung ihres Verständnisses von Industrial Metabolism zitieren die AutorInnen Stigliani und Jaffe. Danach ist darunter ein Systemansatz zur Verringerung der Emissionen giftiger Stoffe zu verstehen, bei dem alle Quellen der Chemikalie, alle Wege durch die industrielle Wirtschaft und alle Umwandlungsschritte berücksichtigt werden, die zu Emissionen führen, die von der Umwelt aufgenommen und verarbeitet werden.

Die AutorInnen stellen eine Reihe von Fragen an den Anfang ihrer Studie:

- Wie groß ist der quantitative Cadmium-Stoffstrom in der Wirtschaft?

- Welche Wechselwirkungen gibt es mit dem bereits vorhandenen Cadmiumstock?

- Welche Wirtschaftsbereiche tragen zur Anhäufung von Cadmium in Wirtschaft und Umwelt bei?

- Welche Sektoren belasten die verschiedenen Umweltkompartimente mit Cadmium?

- Wie haben sich diese Cadmiumemissionen zeitlich entwickelt und wie sieht ihr möglicher künftiger Weg aus?

- Welches Potential zur Verringerung von Cadmium im Wirtschaftssektor ist vorhanden?

- Welches technologische Potential gibt es, um Cadmiumverunreinigungen in Medien zu verhindern, die Gesundheitsgefahren direkt oder über die Nahrungskette hervorrufen?

- Wie hoch sind die wirtschaftlichen Kosten, um solche Reduktionen bei Cadmiumemissionen an die Umwelt zu erreichen?

Mit den ersten fünf Fragen wird der Cadmium-Stoffstrom ins Auge gefaßt, die zwei folgenden sprechen das technologische Potential zur Cadmiumreduzierung an und nur mit der letzten und in diesem Zusammenhang einzigen Frage wird auf die Kosten zur Verringerung der Umweltbelastung durch Cadmium gezielt, also auf die Economics of Cadmium Control.

Die herangezogene Literatur stammt überwiegend vom Ende der achtziger Jahre mit Daten teilweise aus der Mitte der achtziger Jahre und ist damit etwas veraltet.

Stoffstrom Cadmium

Die in den Fragen zum Ausdruck kommende Schwerpunktlegung auf die Stoffstrom- und Technologieaspekte findet sich in der Darstellung des Buches wieder. Behandelt werden Cadmium-Emissionen aus Energierzeugung und Heizung (Cadmiumgehalt fossiler Brennstoffe), der Eisen- und Stahlindustrie (insbesondere Schrottschmelze mit Cadmiumverunreinigungen durch Anstriche etc.), der Nicht-Eisen-Metallindustrie (Zinkproduktion), der Glas-, Keramik- und Kunststoffindustrie (Farbpigmente, Stabilisatoren), der Müllverbrennung sowie aus Kunstdünger und Klärschlamm und Einleitungen in Gewässer.

Die verfügbaren Zahlen ergeben eine Reduzierung des Cadmiumeintrags in die Umwelt durch Emissionen über den Luftpfad für den industriellen Sektor einschl. Verbrennung von 25-60 t Cd /Jahr Anfang der achtziger Jahre um ca 50 % auf 13-24 t Cd /Jahr Anfang der neunziger Jahre. Hingegen wird angenommen, daß der Cadmium-Eintrag durch Phoshat-Dünger mit 30 t /Jahr gleichgeblieben ist. Die Mengen aus beiden Sektoren sind vergleichbar groß.

Dabei darf nicht vergessen werden, daß sich das meiste Cadmium in den industriellen Produkten befindet, abgenutzt wird und ins Wasser bzw. überwiegend auf die Deponie gelangt. Die Jahresproduktion von Cadmium beträgt für das Inland ca 1350 t. Über den Verbleib der Hauptmenge gibt die Studie keinen Aufschluß.
Umgelegt auf die landwirtschaftliche Fläche werden durch Dünger ca 2.5 g Cd pro ha und Jahr. aufgebracht Der Cadmiumeintrag über den Dünger muß mit dem Cadmiumeintrag über den in der Landwirtschaft genutzten Kärschlamm verglichen werden. Über den Klärschlamm dürfen (bei voller Ausschöpfung der Klärschlammverordnung von 1992) ca. 16 g Cd pro ha und Jahr in den Boden gebracht werden.

Die ermittelten Zahlen werden in der Studie nicht zur Diskussion von erweiterten Reduktionsszenarien genutzt.

Die AutorInnen vertreten einerseits die Meinung, daß die End-of-pipe Techniken im industriellen Sektor ausgereizt seien und weitere Verbesserungen nur noch durch Cleaner Technologies bzw. Cleaner Products erreicht werden können, andererseits finden sich an vielen Stellen des Buches Aussagen, wonach es sich nicht lohnen würde, auf Cleaner Technologies zu setzen, weil der Einzelbeitrag der betrachteten Sektoren zu klein sei.

Kosten der Cadmiumzurückhaltung
und -vermeidung

Wirtschaftliche Gesichtspunkte werden erst in der Zusammenfassung diskutiert und erst dort, am Ende des Buches, findet sich ein deutlicher Hinweis darauf, was die AutorInnen zu untersuchen, versucht haben könnten, nämlich festzustellen, ob sich aus den verfügbaren veröffentlichten Daten und einer Stoffstromanalyse eine Vermeidungskostenfunktion für Cadmium ermitteln läßt. Würden solche Kosten bekannt sein, so ließe sich dann z.B. die Wirkung von Cadmium-Besteuerungen diskutieren, und entsprechende Maßnahmen könnten vorgeschlagen werden.

Die Autoren thematisieren nicht, daß diese neuen Maßnahmen bei einem bereits sehr hohen Stand der Cadmium-Rückhaltetechnologie anzusetzen hätten, und hier beißt sich die Katze in den Schwanz:

Je besser die Cadmium-Vermeidungstechnik sein soll, desto verfahrensspezifischer muß sie sein. So wird die erhebliche Verminderung der Cadmiumemissionen durch die Verfahrensumstellung bei der Zinkherstellung vom thermischen (50-60 g CD/t Zn) auf den elektrolytischen (0,2 g CD/t Zn) Raffinationsprozeß zwar beschrieben, verfahrensspezifische bzw. branchenspezifische Kostenanalysen wurden in der Studie dazu aber nicht durchgeführt. Wird versucht, vom Verfahren zu abstrahieren oder nur Teilaspekte wie z.B. die Rauchgasreinigung in thermischen Prozessen und auch die nur ganz pauschal zu behandeln, um eine allgemeine Kostenfunktion zu ermitteln, so muß es nicht verwundern, daß dies nicht gelingt. Die AutorInnen stellen im Grunde wenig überraschend fest, daß die gewünschte Kostenfunktion sich auch nicht mit der Stofftstromanalyse erstellen läßt und "daß es praktisch unmöglich ist, Vermeidungskosten für Cadmium-Emissionen zu definieren und abzuschätzen." (S. 111). Es ist aus der Studie andererseits nicht erkennbar, daß ein anderer Versuch unternommen worden wäre. Die angeführten Argumente, warum das nicht möglich sei, können nicht überzeugen. Der Gang der Argumentation ist etwa so:

Cadmium wird häufig mit anderen Schadstoffen zusammen emittiert (z.B. mit Dioxinen), die mit der gleichen Technik (z.B. Staubfilter in thermischen Prozessen) zurückgehalten werden. Da daß Rückhaltevermögen einer solchen Reinigungstechnik gewöhnlich nicht gleichmäßig auf alle Schadstoffe wirkt, kann keine Kostenzurechnung durchgeführt werden usw.

Es könnte zielführender sein, der Frage nachzugehen, ob und wie sich eine Anlage verfahrenstechnisch ändern würde, wenn ein bestimmter Stoff nicht oder nicht in der behandelten Konzentration vorhanden wäre. Sodann müßte eine Bewertung der emittierten Stoffe in Sinne einer Rangordnung vorgenommen werden, etwa danach, bis zu welcher Menge bzw. Konzentration, z.B. Feinstaub, emittiert werden könnte, wenn der oder die anderen Schadstoffe den Staub nicht befrachten würden. Daraus würden sich erheblich differenziertere Kostenaussagen ermitteln lassen. Allerdings setzt dies genaue verfahrenstechnische Kenntnisse voraus, so daß es nicht ausreichend ist, nur auf Literatur zurückzugreifen. Solche Analysen dürften wohl nur in einem interdisziplinären Projekt unter Einbindung der Industrie durchgeführt werden können.

In der Zusammenfassung machen die AutorInnen einen problematischen Versuch, nachdem sie die Unmöglichkeit der Kostenermittlung gerade erst festgestellt hatten, doch noch Zahlen zu nennen und geben komplett auf Cadmium umgelegte Rauchgasreinigungskosten von 2000 bis 5000 DM pro kg Cd an, die sie dann als "unwirtschaftlich" charakterisieren.

Zwar wird die billigere Möglichkeit erwähnt, 1 kg Cadmium aus Phosphat-Dünger für 10 - 20DM /t Dünger bei einem Düngerpreis um 1500 DM/t zu entfernen. Vergessen wurde aber zunächst, die Zahlen zum Vergleich nochmals anzuführen, so daß der Hinweis untergeht und auch angesichts des Klärschlammproblems nicht wie eine "Policy-Empfehlung" verstanden werden kann.

Die vorliegende Studie hat unter dem Titel mehr versprochen als gehalten werden konnte.

Hingewiesen sei an dieser Stelle deshalb noch auf eine insbesondere für den Kunststoffsektor aktualisierte Arbeit von Bätcher und Böhm für die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags "Schutz des Menschen und der Umwelt": "Zusammenfassende Zusammenstellung des Kenntnisstandes zu Cadmiumstoffströmen in der Bundesrepublik", in: Umweltverträgliches Stoffstrommangement, Band 3, Bewertung; Economica-Verlag, Bonn 1995.


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