Ergebnisse von TA-Projekten - Neue TA-Projekte


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ERGEBNISSE VON TA-PROJEKTEN - NEUE TA-PROJEKTE

Kriterien zur Ermittlung der Technikfolgenabschätzungsrelevanz von Technologieentwicklungsvorhaben

von Peter Ackermann und Gerold Fierment

Die Technologiekonzeption des Landes Brandenburg enthält die Aufgabe, durch Technikfolgenabschätzung (TA) rechtzeitig sowohl langfristige Negativwirkungen als auch positive Verbundwirkungen von Technik- und Technologieentwicklungen zu erkennen. Zur Unterstützung der Durchführung konkreter Technikfolgenabschätzungen wurde folgerichtig als eine Maßnahme zur Umsetzung der Landestechnologiekonzeption deren Förderung festgelegt. Die Federführung hat das Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung. Die beabsichtigte proaktive Förderung von TA macht Kriterien zur Ermittlung der TA-Relevanz von Technologieentwicklungs-Projekten notwendig.

Die Technologiepolitik des Landes Brandenburg sieht in der Technikfolgenabschätzung (TA) eine wesentliche Komponente gesellschaftlicher Technikgestaltung. Demzufolge orientiert sich die Landestechnologiekonzeption "Brandenburg auf dem Weg in die Zukunft" darauf, relevante technologische Entwicklungen von Beginn an durch TA hinsichtlich ihrer ökologischen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen zu begleiten und gegenseitige Abhängigkeiten zu ermitteln (innovative TA (1)):

"Das Landestechnologieprogramm wird die Technikfolgenabschätzung berücksichtigen. Es geht dabei darum, langfristige Negativwirkungen, vor allem aber auch positive Verbundwirkungen der Technologien rechtzeitig zu identifizieren und die Fehlallokationen der Ressouren oder gar die Förderung umweltfeindlicher Technologien zu vermeiden. Dabei soll sich die Technikfolgenabschätzung zunehmend als Teil der Technikgeneseforschung begreifen, die die Chancen neuer Technologien in ihrer gegenseitigen Verflechtung als Marktpotentiale und Lösungshilfen begreifen läßt. ... Es wird eine wichtige Aufgabe der zukünftigen Technologiepolitik sein, die Technikgeneseforschung einzubeziehen und rechtzeitig eine Risikoabwägung der unterschiedlichen Chancen der Technologientwicklung vorzunehmen und für den politischen Entscheidungsprozeß relevante Alternativen vorzulegen." (2)

Unter der Zielsetzung, den Technologietransfer im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung zu gestalten, ist die Technikfolgenabschätzung ein wichtiges Element zur gesellschaftlichen Technikgestaltung und deren Projektförderung in der Landestechnologiekonzeption festgeschrieben. Die Federführung liegt beim Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Raumordnung.

Der TA-Prozeß ist durch folgende Strukturen und beteiligte Akteure gekennzeichnet: Zwischen den TA-Nutzern (Öffentlichkeit, politisch-administrative Ebene), die den Themenfindungsprozeß auslösen und die Ergebnisse für Entscheidungsfindungen verwerten, und den TA-Analytikern (Wissenschaft) bilden die TA-Produzenten das vermittelnde Bindeglied. Sie strukturieren aus einem allgemeinen Problem ein klares Thema und führen am Ende die einzelnen Analysen zu einer bewertbaren Gesamtschau zusammen.

Im hier diskutierten Fall proaktiver TA-Förderung resultiert als neue Problemsituation, daß die politisch-administrative Ebene (ein TA-Nutzer) proaktiv bei der Themengenerierung wirksam werden soll. Dabei könnte die Situation entstehen, daß die Öffentlichkeit als TA-Nutzer den Vorwurf erhebt, TA werde nur als "Akzeptanzvehikel" für Technologieentwicklungen aus Förderprogrammen benutzt. Zur Objektivierung der TA-Relevanz von geförderten Technologieentwicklungen ist deshalb ein geeigneter Kriterienrahmen zu entwickeln. Das muß im Diskurs mit den wesentlichsten Repräsentanten der Öffentlichkeit erfolgen.

Eine erste Analyse der durch Kriterien abzudeckenden TA-Themenfelder und die Eignung ausgewählter Kriterien für die Feststellung der TA-Relevanz von Technologieprojekten war deshalb Gegenstand einer Untersuchung, die von der ÖkoConsens gGmbH im Auftrag des Umweltministeriums des Landes Brandenburg durchgeführt wurde. Um die Standpunkte maßgeblicher künftiger TA-Nutzer zu einem Entwurf eines TA-Relevanzkriterien-Katalogs zu erfassen, wurden Stellungnahmen von Vertretern der administrativen und der politischen Ebene sowie verschiedener Bereiche der Öffentlichkeit erbeten und ausgewertet.

Bei der Auswahl von TA-Relevanzkriterien (Entscheidung über die Problemgenerierung) war zu verlangen:

Für die Ableitung der Relevanzkriterien wurde das Leitbild der nachhaltigen, umweltgerechten Entwicklung gewählt, das auch der Landestechnologiekonzeption in Brandenburg zugrundeliegt und für dessen Operationalisierung in der Bundesrepublik und anderen Staaten bereits Beispiele bestehen. Aufgenommen wurden (im Sinne des induktiven Zugangs) auch Kriterien, die Autoren als Bestimmungsgründe für in den letzten Jahren erarbeiteten TA zu verschiedenen Technikgebieten publiziert haben (Abb.1).


induktiv deduktiv
Vorteil: Konkretheit

Nachteil: nähert sich dem vollständigen Kriteriensatz in (unendlich) vielen Schritten

Vorteil: Ableitbarkeit eines
vollständigen Kriteriensatzes

Nachteil: Abstraktheit

Voraussetzung: klar konturierte
Leitbilder

Interaktives Vorgehen auf beiden Wegen
induktiv deduktiv
Auswertung von TA-Studien
(i. allg. sind die Gründe für TA und ihre
Transporteure schwer zu erkennen)

Ansatz für einen Kriterienkatalog

Befragung von TA-Nutzern

Leitbilddefinition

Ableitung von Zielen


Die Analyse der in TA-Publikationen (vor allem Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg) genannten Beweggründe für TA zeigt: Als ausschlaggebend werden die voraussichtliche Bedeutung der Technikfolgen für die Gesamtgesellschaft oder Teile derselben und der damit zu assoziierende voraussichtliche Handlungsbedarf (z. B. hinsichtlich Strukturwandel mit Folgen für Wirtschaftskraft und Lebensqualität) benannt. Je nach Gegenstand und betrachteten Phasen im Lebenszyklus einer (technischen bzw. technologischen) Entwicklung, deren Folgen untersucht und bewertet werden, stellen sich Handlungsbedarf und Einflußmöglichkeiten der Gesellschaft (Politik, Administration, Wissenschaft, Wirtschaft, Öffentlichkeit) unterschiedlich dar. Demzufolge sind auch die Kriterien für die Ermittlung der TA-Relevanz unterschiedlichen inhaltlichen Ansprüchen hinsichtlich der einzubeziehenden Aspekte und der Kriterienschärfe unterworfen (Kontextabhängigkeit). Diese objektiv differenzierten Ansprüche erfordern Kompromißlösungen.

Hinsichtlich Genauigkeit der auszuwählenden Kriterien war zu berücksichtigen, daß für die Definition/Strukturierung von TA qualitative Methoden dominieren (vgl. z.B. VDI-Richtlinie 3780 (3). Da das TA-Relevanz-Kriterienraster noch vor diesem Schritt im TA-Prozeß wirksam werden soll, können die Relevanzkriterien nur qualitativen Charakter haben.

Aus diesen Überlegungen heraus wurde der Entwurf eines Rasters qualitativer Relevanzkriterien formuliert und zur Diskussion gestellt. Enthalten sind:

Bei der Themenbearbeitung wurde von Anfang an großer Wert auf einen breit angelegten Diskurs über Inhalt und Praktikabilität von TA-Relevanzkriterien gelegt. Beteiligt wurden deshalb:

Ohne auf Details der Stellungnahmen hier eingehen zu können, lassen sich als übergreifende Gesichtspunkte abheben:

Die weitere Arbeit an dem Kriterienraster für die Ermittlung der TA-Relevanz wird in einem nächsten Schritt prioritär auf die Präzisierung der ökologischen Kriterien gerichtet. Dabei werden in dem vorliegenden Entwurf für die nächsten Diskussionsrunden die in Tabelle 1 aufgelisteten Kriterienbereiche berücksichtigt.


Tab. 1: Ökologische Kriterienbereiche zur Technikfolgenabschätzungsrelevanz

  1. Art und Umfang des Energie- und/oder Ressourcenverbrauchs (auch im Hinblick auf ökonomische Vorteile durch Verbrauchsminderung).
  2. Grad der Beachtung ökologischer Anforderungen bei Konstruktion, Materialauswahl und Verfahrensgestaltung (Ausbeute, Material- und Transportintensität, Standardisierungsgrad, Robustheit/Zuverlässigkeit/Langlebigkeit, Demontage- und Recycelfreundlichkeit, Wiederverwendungs-/Wiederverwertungsanteil von Bauteilen/Stoffen).
  3. Von der Technologie/dem Vorhaben ausgehende direkte und indirekte Wirkungen auf Natur und Umwelt.
  4. Wirkungen auf die menschliche Gesundheit.


Die vorgeschlagene Orientierung auf ökologische Risiken und Chancen bei der Technikfolgenabschätzung wird durch den Sachverhalt getragen, daß das Leitbild "sustainable development" sehr wesentlich aus Überlegungen und Praxis der Umwelt- und Ressourcenvorsorge gespeist wurde. Auch sind die Überlegungen zu Zielen und Kriterien sowie Indikatoren in diesem Bereich des Leitbilds am weitesten in der Operationalisierung fortgeschritten. Gleichzeitig darf jedoch die ganzheitliche Sichtweise nicht vernachlässigt werden, wie sie in der VDI-Richtlinie Technikbewertung/Begriffe und Grundlagen (VDI 3780) hinsichtlich der Werte im technischen Handeln (Funktionsfähigkeit, Wirtschaftlichkeit, Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit, Umweltqualität, Persönlichkeitsentfaltung und Gesellschaftsqualität) zum Ausdruck kommt.

Nach Abschluß der noch 1996 am Kriterienraster notwendigen Arbeiten wird sich eine erste Fallstudie anschließen, die die Praktikabilität der TA-Relevanzkriterien und möglicher Verfahrensschritte evaluieren und dazu beitragen soll, TA-relevante Vorhaben zu bestimmen, um die begrenzt verfügbaren Mittel für Technikfolgenforschung mit hohem Effekt einzusetzen.

Literatur

(1) Vgl. G. Ropohl, Ethik und Technikbewertung, Frankfurt a.M. 1996.
(2) Brandenburg auf dem Weg in die Zukunft. Technologiekonzeption des Landes Brandenburg. Potsdam 1994.
(3) Technikbewertung. Begriffe und Grandlagen. VDI-Richtlinie 3780, Düsseldorf 1991.

Kontakt

Dr. Peter Ackermann, Dr. Gerold Fierment
ÖkoConsens gGmbH und Brandenburgisches
Umweltforschungszentrum e.V.
Brenckenhoffstraße 14
D-16816 Neuruppin
Tel.: + 49 (0) 3391/841910
Fax: + 49 (0) 3391/841915


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Bewertung von Medizintechnologien in Deutschland - gegenwärtige Entwicklung und Perspektiven für die Zukunft

von Matthias Perleth

Einleitung

Nachdem die Technologiefolgenbewertung in der Medizin (health technology assessment, im folgenden HTA) in Deutschland jahrzehntelang neben der vergleichsweise großzügigen Förderung von Forschung und Technologie eine Randexistenz geführt hat, scheint die aktuelle Diskussion im Gesundheitswesen den Anschluß an internationale Entwicklungen nun zu forcieren. In seinem neuesten Gutachten mahnt der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen verstärkte Aktivitäten im Bereich technology assessment in der Medizin an (Sachverständigenrat 1996).

Den entscheidenden Impetus empfängt diese Entwicklung dabei weniger aus der Sorge um die Konsequenzen des rein technisch Machbaren für die Menschen als vielmehr aus der sich zunehmend aufdrängenden scheinbaren Alternative: Rationierung oder Rationalisierung. Oder anders ausgedrückt, die Evaluation medizinischer Technologien entwickelt sich zu einem Instrument der Gesundheitspolitik, wenn es in Zukunft darum geht, den Leistungskatalog zu "präzisieren" (und nicht bloß zu budgetieren).

Unter Technologiebewertung in der Medizin wird die Evaluation medizinischer Verfahren mit dem Ziel verstanden, gesundheitspolitische Entscheidungen wissenschaftlich zu begründen. Dabei werden außer der Bewertung der Effektivität und Wirksamkeit von Technologien auch technische Aspekte, Kosten, soziale, ethische, rechtliche und kulturelle Implikationen berücksichtigt (Banta et al. 1993). In der Literatur des "neuen" Technology Assessment wird zunehmend die Notwendigkeit gesehen, nicht nur Verfahren zum Zeitpunkt der Einführung in die medizinische Versorgung zu bewerten, sondern auch bereits etablierte Verfahren einer Überprüfung zu unterziehen (Fuchs et al. 1990). Schließlich rükken zunehmend auch die Bedingungen der adäquaten Indikationsstellung und Anwendung von Medizintechnologien in den Blickpunkt. Damit könnte dieser Ansatz von HTA in Deutschland zu der allseits geforderten "Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen" beitragen. (1)

In diesem Beitrag soll die gegenwärtige Entwicklung in Deutschland dargestellt und ein Blick auf die in Zukunft mögliche Transformation von Entscheidungsstrukturen geworfen werden.

Hintergrund

Seit den 70er Jahren sind, aus verschiedenen Quellen gespeist, Bedenken gegenüber der Leistungsfähigkeit der westlichen Gesundheitssysteme laut geworden. Hierzu zählen:

Die Situation in Deutschland

Zu den in Deutschland gegenwärtig vorherrschenden Defiziten in der Bewertung von Medizintechnologien läßt sich vor allem das Fehlen eines systematischen und koordinierten Vorgehens zählen, das Entscheidungsträgern zuverlässige Informationen zu neuen und etablierten medizinischen Technologien liefern sollte. Dies sollte eigentlich im Interesse von Krankenkassen, ärztlichen Standesorganisationen und den Ländern liegen. Damit hängt ein Mangel an Wissenschaftlern zusammen, die sich auf HTA spezialisiert haben. Ein weiteres gravierendes Problem ist darin zu sehen, daß es nur in sehr wenigen Bereichen eine ausreichende Datenbasis gibt, um die Diffusion und Anwendung von Technologien zu analysieren.

Die Arbeitsgruppen in Deutschland, die sich mit HTA befassen, lassen sich grob in zwei Richtungen einteilen. Zum einen liegt der inhaltliche Schwerpunkt auf Technologien in der Entwicklungsphase und auf Technologien im high tech-Bereich. Zum anderen läßt sich eine ausgeprägt ethisch-philosophische Tradition bei der Evaluation entstehender Technologien ermitteln. Hinsichtlich der bearbeiteten Themen dominiert dabei die Gentechnologie mit ihren verschiedenen (potentiellen) Anwendungen. Diese Themen werden zum großen Teil unter sozialer, gesellschaftspolitischer und rechtlicher Perspektive bearbeitet, wobei etwa Aspekte der demokratisch-partizipatorischen Regulierung heikler Technologien, mögliche Gefahren durch diese Technologien und - gerade bei der Gentechnologie - diagnostisch-therapeutische Implikationen eine Rolle spielen. Studien, die existierende und sich in breiter Anwendung befindliche Verfahren und Technologien mittels Informationssynthese evaluieren, sind in Deutschland absolute Einzelfälle. Auf Bundesebene hat sich das Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) als parlamentarisches Beratungsgremium etabliert. Die Arbeit des TAB konzentriert sich auf Technologien in der Entwicklungsphase, für die Regelungsbedarf besteht (z. B. Gentechnologie), was aber hinsichtlich der medizinisch-professionellen Praxis derzeit wenig relevant ist, da bestenfalls ein Einfluß auf die Rahmengesetzgebung zu verzeichnen ist.

Im ambulanten Sektor können potentiell, im stationären Sektor nur für den Bereich der Großgeräte Kriterien der Technologiebewertung bei der Gestaltung des Leistungsspektrums eine Rolle spielen. Die Indikationsstellung und Anwendung von Technologien unterliegt, wenn überhaupt, der Domäne der Qualitätssicherung und ist bislang eher struktur- und prozeßbezogen. Diese Diskussion kulminiert derzeit in der Entwicklung von Leitlinien ärztlichen Handelns, die primär von den ärztlichen wissenschaftlichen Fachgesellschaften betrieben wird.

Zukünftige Perspektiven

Sieht man von gelegentlichen Empfehlungen, etwa den des Sachverständigenrates für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen, ab, gab es bisher keine Ansätze, HTA in Deutschland systematisch zu fördern. In der jüngsten Zeit wurden lediglich zwei Bestandsaufnahmen vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie bzw. dem Bundesministerium für Gesundheit initiiert, deren Tragweite aber derzeit noch nicht absehbar ist.

Für die Bestandsaufnahme ökonomischer Evaluationen von Gesundheitsdienstleistungen in Deutschland 1980 - 1994, die von GSF/Neuherberg und BASYS/Augsburg durchgeführt wurde, liegt bereits ein Endbericht vor, der insgesamt ein vernichtendes Bild zeichnet (John et al. 1996). Die wichtigsten Ergebnisse zeigen, daß von den 114 identifizierten Studien nur 74 die Kriterien einer ökonomischen Evaluation erfüllen und davon etwa ein Drittel Arzneimittel behandeln, 15% beziehen sich auf Geräte, 8% auf Prozeduren und 24% auf Versorgungsstrukturen. Knapp zwei Drittel der Studien evaluieren Therapien, der Rest verteilt sich auf Diagnostik und Prävention. Die ökonomische Evaluation neuer Technologien ist bisher kaum berücksichtigt. Mithin fällt Deutschland im internationalen Vergleich weit hinter die Aktivitäten anderer westlicher Länder zurück. Die Autoren kommen zu dem Schluß, daß "sich die Förderung der ökonomischen Evaluationsforschung die Überwindung durchaus gravierender personeller, materieller und struktureller Schwächen der Forschungslandschaft zum Ziel setzen muß, wenn sie langfristig wirkungsvoll sein will."

Vielleicht noch gravierender erscheint die Situation im Bereich HTA in Deutschland. Das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Projekt "Bestandsaufnahme, Bewertung und Vorbereitung der Implementation einer Datensammlung 'Evaluation medizinischer Verfahren und Technologien' in Deutschland" (Röseler et al. 1996) hat folgende Ziele:

Die Koordination liegt beim Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG) in Kooperation mit der Abteilung Epidemiologie und Sozialmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover sowie der Abteilung Sozialmedizin der Universität Lübeck und dem Teilbereich Diagnoseevaluierung des Klinikums Wuppertal.

Besucht wurden eine Reihe bedeutender Einrichtungen im Bereich HTA in Europa, USA und Kanada. Erste Ergebnisse der Bestandsaufnahme zeigen, daß die Ziele der jeweiligen HTA-Institution, ihre Organisation, Vorgehensweise und Disseminationsstrategien je nach Status dieser Institutionen im Gesundheitswesen und Organisation des Gesundheitssystems stark variieren. Institutionen, die auf Initiative von Regierungen tätig (und von diesen auch finanziert) werden, scheinen tendenziell Themen von größerer öffentlicher, bzw. sozioökonomischer Relevanz zu bearbeiten. Während sich methodisch in vielen Bereichen eine gewisse Annäherung abzeichnet, gibt es bisher keine einheitlich angewandten Kriterien zur Prioritätensetzung bei der Auswahl von zu bewertenden Verfahren; in Europa gibt es mit dem EUR-ASSESS-Projekt einen ersten systematischen Ansatz.

Um tatsächlich eine Wirkung von HTA-Aktivitäten erzielen zu können, muß nicht nur die Dissemination ihrer Ergebnisse, sondern auch deren Implementation sichergestellt werden. Die Methoden des Qualitätsmanagements müssen um die Erkenntnisse aus HTA-Studien ergänzt werden. Somit besteht die Herausforderung, Methoden aus so unterschiedlichen Feldern wie Politikberatung und Prozeßmanagement zu integrieren. Ob hierfür die gegenwärtigen Strukturen in Deutschland ausreichen oder ob neue Steuerungsinstrumente geschaffen werden müssen, kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Es zeigt sich aber, daß sich HTA in denjenigen Ländern am schnellsten entwickelt hat, die eine nationale Forschungsförderung dieses Bereiches betreiben.

Anmerkung

(1) So etwa der Titel des Jahresgutachtens des Sachverständigenrates der Konzertierten Aktion im Gesundheitswesen 1989.

Literatur

Banta, H.D.; Luce, B. (Hrsg.):
Health care technology and ist assessment. An international perspective.
Oxford-New York-Tokyo: Oxford University Press 1993.

Fuchs, V.R.; Garber, A.M.:
The new technology assessment.
N Engl J Med. 1990;323:673-7.

John, J.; Hofmann, U.; Nagl, H.; Schneider, M.:
Ökonomische Evaluation von Gesundheitsdienstleistungen in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. Materialien zur Gesundheitsforschung, Band 30.
Bremerhaven: Verlag für neue Wissenschaft GmbH 1996.

Röseler, S.; Duda, L.; Bitzer, E.; Busse, R.; Dörning, H.; Köbberling, N.;
Kohlmann, T.; Perleth, M.; Raspe, H.H.; Reese, N.; Richter, K.; Schäfer, T.; Schwartz, F.W.:

Bestandsaufnahme, Bewertung und Vorbereitung der Implementation einer Datensammlung "Evaluation medizinischer Verfahren und Technologien" in Deutschland.
Gesundheitswesen 1996:58:29.

Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen:
Gesundheitswesen in Deutschland: Kostenfaktor und Zukunftsbranche.
Nomos: Baden-Baden 1996.

Kontakt

Dr. med. Matthias Perleth
Abteilung Epidemiologie und Sozialmedizin
Medizinische Hochschule Hannover
OE 5410
D-30623 Hannover
Tel.: + 49 (0) 511/532-4451
Fax: + 49 (0) 511/532-5347
E-mail: Perleth@epi.mh-hannover.de


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Projekt: "Dialogische Technikfolgenabschätzung im Bereich der Bio- und Gentechnologie" begonnen

von Ursula Ammon

Technikfolgenabschätzung (TA) als Instrument der Abschätzung und Konsensfindung über Chancen und Risiken wird noch nicht als integriertes Instrument einer zukunftsorientierten Innovationspolitik angesehen. Die Bedeutung dialogischer Verfahren wird dabei zudem noch unterschätzt. Die Schwierigkeiten mit kommunikativen Prozessen sind besonders im Bereich der neuen Bio- und Gentechnologie sichtbar.

Der Dialog über die Gentechnologie ist in Deutschland immer noch schwierig. In der öffentlichen Diskussion werden entweder die Chancen oder die Risiken hervorgehoben. Dabei hat die Gentechnologie keinesfalls generell, sondern allenfalls in spezifischen Anwendungsbereichen ein reales Akzeptanzproblem. Der Dialog der Entwickler und Hersteller von Gentechnik mit den Anwendern und Kritikern kommt in Deutschland erst langsam in Gang. Generalisierende Ansätze und Vorgehen sind dabei allerdings wenig erfolgversprechend. Die Suche nach neuen Kommunikationsformen und Gestaltungswegen ist notwendig.

Das Projekt verfolgt vor diesem Hintergrund zwei Zielsetzungen: Im ersten Schritt geht es darum, Experimente mit Dialog- und Diskursverfahren zur Gentechnik im Hinblick auf Erfahrungen und Bewertungen durch unterschiedliche Beteiligte, ihre Nutzen und Risiken für die Beteiligten, ihre Chancen aber auch Grenzen für die Innovationspolitik auszuwerten. Dies erfolgte zusammen mit aktiv Mitwirkenden an solchen Verfahren und Projekten im Rahmen eines Workshops am 26.11.1996 in der Sozialforschungsstelle in Dortmund. Dazu wird eine Dokumentation erstellt.

Im zweiten Schritt werden, insbesondere mit Blick auf Nordrhein-Westfalen, konkrete Bedarfe für TA sowie dialogfähige Konfliktfelder und Problembereiche eruiert, und die Übertragbarkeit und Anwendbarkeit von Dialogverfahren für NRW geprüft werden. Ergebnis des Projektes sollen Empfehlungen und Vorschläge zu geeigneten Verfahren und dialogfähigen Themen für den Gentechnik-Dialog in NRW sein.

Das Projekt wird von der Sozialforschungsstelle Dortmund in Kooperation mit Prof. Simonis, FernUniversität Hagen durchgeführt. Es wird begleitet vom Arbeitskreis "Technikfolgenabschätzung und -bewertung" des Landes NRW (AKTAB) und gefördert vom Ministerium für Wissenschaft und Forschung.

Ansprechpartner

Ursula Ammon
Landesinstitut Sozialforschungsstelle
Dortmund
Evinger Platz 17
D-44339 Dortmund
Tel.: + 49 (0) 2 31/85 96-0
Fax: + 49 (0) 2 31/85 96-100
E-mail: sfs.eving .@.t-online.de

Prof. Georg Simonis
FernUniversität Hagen
Fleyer Str. 204
D-58084 Hagen
Tel.: + 49 (0) 23 31/9 87-27 53
Fax: + 49 (0) 23 31/9 87-27 09


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Innovation, environment and employment: "Le travail au vert"

by Gérard Valenduc, Patricia Vendramin

Under the title " Le travail au vert, innovation, environnement et emploi ", the Work and Technology Research Unit of the Fondation Travail-Université (FTU) has taken up the challenge to analyse together the stakes of technological innovation, environment and employment. Each of these terms is an answer to current concerns. Taken two by two they refer to fundamental issues that put their mark on public policies and business strategies. As a trio they can offer several leads for the future. The project report was published in autumn this year. The project was realized within the framework of the Unit's programme EMERIT - Expériences de Médiation et d'Evaluation dans la Recherche et l'Innovation Technologique (Experiences in Mediation and Evaluation in Research, Innovation and Technology).

In a first chapter, the report considers what kind of technological innovations are likely to give structural responses to the environmental challenges, and what kind of changes can be induced in the field of employment. After that, it analyses the different employment issues linked to environmental activities and markets, looking for short-term and long-term trends. It then proposes an overview of the main policy tools that may be used in order to cope with the global environmental challenges and to stimulate structural changes in industry and economy. All these tools are related to employment aspects. Finally as conclusion the book sketches some key features of the relationships between technology, sustainability and employment.

1. Technology and environment

Environmental technology appears to be mainly problem-driven. An overview of what can be labelled "environmental technology" shows plenty of techniques, projects and small implementations of any kind, which are often designed as short-term operational solutions. In order to structure this wide spectrum, the environmental technologies are analysed with regard to their purpose. Six types of technologies are distinguished, related to six categories of purposes:

According to a recent study of the Office of Technology Assessment of the German Parliament (TAB), a distinction is introduced between add-on technology and integrated technology. This distinction appears as a transversal characteristic across these six categories. The book also puts forward the different roles allocated to each kind of technology.

2. Environment and employment

The total amount of private and public expenditures for the environment in the European Union is growing, but the question is: to what extent will market growth result in job creation? A first answer is that any growth in the market of environmental equipment and services will develop the environmental industry. As this industry is at an early stage of its development, market growth creates new jobs. Nevertheless other compensation or displacement effects may occur. A deeper analysis is proposed, based on a distinction between three levels of employment effects:

The book proposes some estimates made principally in France and Germany. It analyses the negative employment effects on "sensitive industries" and the balance between positive and negative impacts.

It also analyses another assumption related to qualitative growth that seems to be more important in the long term for the level and the quality of employment. In a perspective of sustainable development, prevention becomes a prevalent strategy. Waste and pollution processing should then decrease in the long term. These activities are labour intensive for low skilled workers but prevention activities and integrated technology are less labour intensive and they require higher professional profiles.

3. Overview of policy tools and their impact on employment

The way towards sustainable development, with ecological and social purposes, is not only a matter of technology. Different types of policy instruments can be implemented in order to cope with environmental challenges. Three of these instruments are analysed in this study:

An overview of these policy tools leads to the conclusion that there are no specific instruments particularly dedicated to foster both innovation and employment but rather a set of instruments that have to be applied in a global and coherent strategy.

4. Some conclusions and future prospects

All the elements that were discussed so far show that the relations between technological innovation, environment and employment are not only a question of adjusting or correcting existing economic mechanisms. In fact, they show that a new growth model and new patterns for the organisation of society are needed. In such new models, innovation can play an important role. In the conclusions of this book four points are developed.

4.1 A problem of diffusion for the environmental technologies

The objectives of technological innovation fostering environment are ambitious. On the one hand the purpose is to develop technical solutions in order to encounter concrete problems; on the other hand, it consists in creating new products and processes which can foster sustainability. Both additive technologies and integrated technologies can fullfil these purposes.

However, the environment is a field where there is an important gap between a technological potential that already exists - techniques and applications that are already ready for use in laboratories -, and the diffusion of integrated technologies into the economy. The book puts forward and analyses two components that can explain this lack of diffusion: an image problem and the need of interdependence between the various policy tools.

4.2 The need for sectoral dynamics in the environmental industries

The development of a "green or environmental sector" is now a reality. But it is rather difficult to point out exactly what are environmental industries and services. It is not only a problem of statistics for researchers. It is a constraint for industrial and employment policies.

Having an environmental sector that can be seen as an "actor" is a key factor to induce sectoral dynamics and to develop a set of favourable factors such as: a better knowledge of the markets, information and support for the enterprises, co-operation between enterprises, better access to exportations, and so on.

As regards employment policies, sectoral dynamics are also profitable. It favours a more open labour market and initiatives from public agencies in vocational training. It turns into reality a potential of job creation at a larger scale than at the level of individual initiatives from enterprises. It is also a reference for collective bargaining.

However, sectoral dynamics have to take into account the duality of the environmental labour market, for one part in the profit sector, and for the other part in social economy.

4.3 Some hopes for employment but no miracle solution

If all the scenarios show that all the policy tools in favour of the environment can have a positive impact on employment, for different reasons, this optimism has to be tinged with carefulness.

4.4 Towards qualitative growth

An analytic approach only of the relations between growth, productivity, ecology, technology and employment is not sufficient to understand a more fundamental trend in socio-economic development. The book therefore ends with a broader perspective compatible with a long term approach. The perspective is the one of sustainable development and qualitative growth.

The concept of qualitative growth leads to a revision of the growth theories. A classical approach of growth focuses on the increase of labour and capital productivity. The principle of qualitative growth puts the emphasis on natural resources productivity.

Nowadays the scientific and technical capacities that could allow a significant increase of the natural resource productivity is very high but not used in an efficient way. A growing natural resource productivity can become the future driving force of growth. In such a scenario, the pressure on labour productivity can decrease and have a positive impact on the level of employment. As the high pressure on labour productivity is a major source of unemployment, any decrease of this pressure can be a positive shift for employment.

However, with regard to employment, the implications of qualitative growth are more complex.

Qualitative growth modifies also the job characteristics. An economy based more on services, recycling and reusing, product quality, and on prevention requires higher qualifications and gives an important place to research activities, design, training, management of quality of life.

Even if the actual growth model is failing, qualitative growth and sustainable development can not be achieved from one day to the next. So, all the policy tools that have been considered are important in order to support a transition between problems in the short term and aims in the long term.

Bibliographic data

Valenduc, G., Vendramin, P.: Le Travail au Vert: Environnement, Innovation et Emploi, Collection EMERIT, Editions Vie Ouvrière, FTU, EVO Bruxelles, 1996. ISBN 2-87003-322-2

Contact

Gérard Valenduc
Fondation Travail - Université ASBL
Work & Technology Research Unit
Rue de l'Arsenal, 5
B-5000 Namur
Belgium
Tel.: + 32-81/725122
Fax: + 32-81/725128
E-mail: 101233.1465@compuserve.com


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Umweltschutz und Beschäftigung in Deutschland

von Reinhard Coenen, ITAS

Was eine DIW-Studie aus dem Jahre 1993 für das Jahr 2000 prognostizierte, nämlich einen Anstieg der durch Umweltschutz induzierten Beschäftigung auf über 1 Million Arbeitsplätze, ist nach einer neueren Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) bereits 1994 fast erreicht.

Allerdings ist dieses Ergebnis nicht auf einen starken realen Anstieg der Umweltschutzbeschäftigung zurückzuführen, sondern vielmehr auf eine bessere Erfassung der Beschäftigung in den neuen Bundesländern, die in der DIW-Studie von 1993 wegen der damals noch sehr unsicheren Datenbasis äußerst vorsichtig eingeschätzt wurde. Für die alten Bundesländer, für die ein Vergleich zwischen 1990 und 1994 möglich ist, nahm die Beschäftigung für diesen Zeitraum nämlich nur um ca. 30 000 Arbeitsplätze zu. Ein Beschäftigungswunder hat deshalb der Umweltschutz nicht bewirkt. Doch wird in der Studie darauf hingewiesen, daß die umweltschutzinduzierten Beschäftigungseffekte mit 2,7 % Anteil am gesamten Erwerbstätigenvolumen inzwischen eine Größenordnung erreicht haben, die dem Straßenfahrzeugbau, einer Schlüsselindustrie der deutschen Wirtschaft, entspricht. Allerdings hinkt dieser Vergleich in gewisser Hinsicht, da hier nicht Umweltschutzindustrie und Straßenfahrzeugbauindustrie verglichen werden; die zum Vergleich herangezogene Zahl für die umweltschutzinduzierte Beschäftigung von 956 000 Arbeitsplätzen im Jahre 1994 enthält nämlich u.a. eine beträchtliche Zahl von Arbeitsplätzen in der öffentlichen Verwaltung. Konsequenterweise müßte man deshalb bei einem Vergleich z.B. die Beschäftigung im öffentlichen Bereich, die durch Straßenbau etc. induziert wird, ebenfalls berücksichtigen.

Andererseits muß die neue Abschätzung der Umweltschutzbeschäftigung als konservativ eingeschätzt werden, da z.B. die durch die Einführung integrierter Umwelttechnik ausgelöste Beschäftigung nur zu einem geringen Teil erfaßt sein dürfte und auch kaum voll erfaßbar ist. Ebenso wird in der Studie darauf hingewiesen, daß z.B. die Effekte der Einführung energiesparender Techniken und des Einsatzes erneuerbarer Energieträger, die z.B. in anderen einschlägigen Studien als Umweltschutzmaßnahmen ausgewiesen werden, nicht erfaßt sind.

In der Studie wird auch zurecht angemerkt, daß es sich bei den ausgewiesenen Beschäftigungszahlen um einen Bruttoeffekt handelt, bei dem nicht berücksichtigt ist, daß durch die Umweltpolitik auch Arbeitsplätze durch Preis-, Kosten- und Wettbewerbseffekte verdrängt worden sein könnten. Die Gegenrechnung negativer Beschäftigungseffekte stößt generell auf erhebliche methodische Probleme.

Es ist ein Verdienst der Studie, daß sie in aller Deutlichkeit darauf hinweist, daß die Beschäftigungswirkungen des Umweltschutzes sehr schwierig zu erfassen sind und in die Abschätzungen viele Annahmen und unsichere Daten eingehen und diese deshalb mit sehr vielen Unsicherheiten verbunden sind. Bei der öffentlichen Diskussion solcher Zahlen zu den Beschäftigungswirkungen des Umweltschutzes wird dies zumeist vergessen.

Als Hauptgewinner der Umweltpolitik in wirtschaftlicher Hinsicht sieht die Studie den Dienstleistungssektor, denn von den 956 000 Arbeitsplätzen entfallen 508 000 auf Beschäftigte mit unmittelbaren Umweltschutzaufgaben und auch bei den 448 000 Arbeitsplätzen, die durch die Nachfrage nach Umweltschutzgütern und Hilfs- und Betriebsstoffen induziert werden, sind Beschäftigungseffekte durch produktionsbezogene Dienstleistungen enthalten. Andererseits muß man auch darauf hinweisen, daß verschiedene Dienstleistungstätigkeiten in Umweltschutzdienstleistungen umdefiniert wurden, z.B. die Pflege von Park- und Gartenanlagen.

Insgesamt gesehen muß man nach den zuvor skizzierten Unsicherheiten und Datenproblemen die Ergebnisse solcher Abschätzungen mit Vorsicht interpretieren. Ein großer Teil der errechneten Beschäftigungseffekte ist bisher mit dem Einsatz additiver und nachsorgender Technik und Dienstleistungen verbunden. Viele Arbeitsplätze ergeben sich auch aus der vielfach beklagten Überbürokratisierung und Überregulierung des deutschen Umweltverwaltungsrechts. Es soll hier nicht gegen die zweifellos vorhandenen positiven Beschäftigungseffekte argumentiert werden. Die Höhe der Umweltschutzbeschäftigung ist aber ein kritisch zu hinterfragender Indikator für eine erfolgreiche Umweltpolitik; er könnte auch Ineffizienzen einer Umweltpolitik widerspiegeln, die stark auf Nachsorge ausgerichtet ist. Verschiedene Studien verweisen darauf, daß integrierter Umweltschutz einem nachsorge- und end-of-pipe-orientierten umwelttechnischen Ansatz ökonomisch und ökologisch überlegen ist. Für den Arbeitsmarkt insgesamt betrachtet wird es künftig darauf ankommen, mit Produktionsgütern und -prozessen sowie Produkten, die modernste, sprich integrierte Umwelttechnik, integrieren, auf allen Märkten national und international Marktanteile und damit Beschäftigung zu sichern und auszubauen. Ökologische Effizienz dürfte als Wettbewerbsfaktor auf dem internationalen Markt zukünftig eine ebenso große Bedeutung gewinnen wie die Preisgünstigkeit und die Funktionalität angebotener Güter.

Bibliographische Hinweise

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (Hrsg.), Umweltpolitik - Aktualisierte Berechnung der umweltschutzinduzierten Beschäftigung in Deutschland. Eine Information des Bundesumweltministeriums, September 1996.

Rolf Sprenger für die Projektgemeinschaft DIW, ifo, IWH, RWI: Umweltschutz und Beschäftigung in Deutschland. In: ifo-Schnelldienst 28/96.


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TA-Programm Schweiz: Chancen und Risiken der Bio- und Gentechnologie in der Lebensmittelproduktion

von Lucienne Rey und Adrian Ruegsegger

Die Auseinandersetzung mit der Biotechnologie bildete einen Schwerpunkt in der ersten Phase des TA-Programms Schweiz, die von 1992 bis 1995 dauerte. Der abschließende Synthesebericht zu dem mehrstufig aufgebauten Projekt mit dem Titel "Biotechnologie und Lebensmittel", das insgesamt neun Einzelstudien umfaßte, wurde jetzt vorgelegt.

Ihren Anfang nahm die Studienserie "Biotechnologie und Lebensmittel", die von der Beratungsfirma Locher, Brauchbar und Partner durchgeführt wurde, bei einer technologischen Vorausschau: Die Projektverantwortlichen ermittelten in den vier Anwendungsgebieten Gesundheit, Lebensmittel, Rohstoffe und Bioelektronik/Neuroinformatik die internationalen Trends und ihre Bedeutung für die Schweiz. Methodisch beruhte die Vorausschau auf Literaturanalysen und Expertengesprächen. Die Resultate dieser Analyse wurden abschließend in einem Workshop mit Fachleuten ausgewertet. Die Diskussionen ergaben, daß eine Vertiefung der Fragestellung im Bereich der Lebensmittel und hier insbesondere im Hinblick auf die Milchverarbeitung angebracht wäre.

Im Herbst 1994 wurde daraufhin eine Folgestudie im Gebiet der Milchproduktion in Angriff genommen. In einer ersten Etappe wurden 46 Anwendungsbeispiele der Biotechnologie in der Milchproduktion identifiziert, welche im folgenden in einer Delphi-Studie von Experten hinsichtlich ihrer Umsetzungsmöglichkeiten und ihres Konfliktpotentials in der Schweiz bewertet wurden.

Weniger auf Expertinnen und Experten denn auf Konsumierende ausgerichtet war eine Serie von drei etwas später einsetzenden Studien, die sich mit den Zielen und Werten der Akteure, mit der Wahrnehmung und Akzeptanz von Bio- und Gentechnologie bei Lebensmitteln sowie mit dem gesellschaftlichen Wertewandel auseinandersetzten.

Mit dem Verhältnis zwischen Konsumierenden, Produzierenden und Verwaltung befaßten sich abschließend zwei Studien, die zum einen Vorschläge für die Zulassung und Kontrolle der Biotechnologie bei Lebensmitteln erarbeiteten, und zum anderen Möglichkeiten aufzeigten, wie die Öffentlichkeit an der Erarbeitung von Reglementierungen im Bereich bio- und gentechnisch produzierter Lebensmittel beteiligt werden könnte. Gleichzeitig wurde zudem in einer weiteren Studie die wirtschaftliche Bedeutung der Gentechnik für die Schweizer Wirtschaft analysiert.

Die o.g. "technologische Vorausschau" gab schließlich den Anstoß zu einer weiteren wirtschaftswissenschaftlichen Untersuchung, die parallel zu den Studien im Bereich Biotechnologie und Lebensmittel durchgeführt wurde: Sie analysierte die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für sämtliche Anwendungsbereiche der Biotechnologie.
Die Darstellung auf der nächsten Seite gibt den Aufbau der Gesamtstudie "Biotechnologie und Lebensmittel" wieder.

Übersicht der TA-Studien zu "Biotechnologie und Lebensmittel"
(Die Übersicht ist nur in der gedruckten Version erhältlich)

Die Ergebnisse sämtlicher Einzelstudien sind im Synthesebericht "Neue Biotechnologie - Perspektiven für die Schweiz" zusammengefaßt, welcher die Grundlage für den vorliegenden Artikel bildet.

Im Alltag hat die Gentechnik bereits stillschweigend Einzug gehalten: Vier der insgesamt sechzehn in der Schweiz zugelassenen, gentechnisch hergestellten medizinischen Wirkstoffe gehören zu den zehn Medikamenten mit den weltweit größten Umsätzen. Gentechnisch gewonnene Stoffe finden sich auch im Haushalt - so etwa in den meisten Enzymen von Waschmitteln.

In naher Zukunft wird die Gentechnik neben der Medizin vor allem die Lebensmittelherstellung stark beeinflussen. In der Schweiz bestehen für alle möglichen gentechnischen Anwendungen bei Lebensmitteln technische Alternativen. Mit der zunehmenden Öffnung des Marktes für ausländische Produkte werden indes im Schweizer Gütersortiment mehr gentechnisch hergestellte Waren auftauchen. Zudem wird der Druck auf die Bauern und milchverarbeitenden Betriebe zunehmen, Verfahren der neuen Biotechnologie zu verwenden. Ein vermehrter Einsatz der Biotechnologie könnte den KonsumentInnen durchaus zugute kommen: Zum einen sind Preissenkungen zu erwarten. Zum anderen wird die Marktsegmentierung in biotechnologisch hergestellte Produkte einerseits und in naturnah produzierte Güter andererseits vorangetrieben. Dies erhöht die Produktevielfalt für die KonsumentInnen und gestattet zudem den biologischen Landwirtschaftsbetrieben, sich im Markt besser zu positionieren.

Die Schweizer KonsumentInnen beurteilen die Gentechnik nicht einheitlich. Je nach Anwendung erhält sie viel (Medikamente) oder wenig (transgene Tiere) Unterstützung. Studien aus dem Ausland belegen, daß vermehrtes Wissen über Gentechnik nicht zwangsläufig zu besserer Akzeptanz führt; bei größerem Wissen erfolgt die Bewertung jedoch differenzierter. In der Regel wird die Gentechnik vor allem in jenen Bereichen positiv eingeschätzt, wo ein tatsächlicher Nutzen (z.B. für die Gesundheit und die Umwelt) unmittelbar ersichtlich und die Wahlfreiheit der KonsumentInnen sichergestellt ist. Die AutorInnen heben denn auch die Wichtigkeit der Deklaration gentechnisch veränderter Lebensmittel hervor - eine Voraussetzung für die freie und bewußte Wahl eines Produktes.
Angesichts des beträchtlichen Entwicklungspotentials der Gentechnik ist ihr eine große wirtschaftliche Bedeutung nicht abzusprechen. Der Standort Schweiz weist indes beträchtliche Mängel auf. So genügen die Anstrengungen der Hochschulen nicht, um den Technologietransfer zu unterstützen und Firmenneugründungen zu fördern. Zudem verringerte der während langer Zeit ausgetrocknete Arbeitsmarkt die Risikobereitschaft, kleine Biotechnologiefirmen zu gründen. Im Vergleich etwa zu den USA verzeichnet die Schweiz eine schwache Dynamik bei der Entstehung neuer Biotechnologiefirmen. Es dürften nicht zuletzt diese innovativen kleinen Firmen sein, die zahlreiche multinationale Konzerne dazu bewegen, die Bio- und Gentechnologie nach Amerika zu verlagern. Günstig für den Standort Schweiz wirkt sich dagegen das international hohe Niveau der Wissenschaft in Ausbildung und Forschung aus. Die Chancen für Verbesserungen des Standortes Schweiz stehen gut: Unter dem Diktat vermehrter Wirtschaftlichkeit dürften Hochschulen zukünftig ihre Bemühungen um Technologietransfer verstärken, und die durch gesetzliche Revisionen angestrebte Verbesserung der Regulierungssituation dürfte ebenfalls dazu beitragen, daß der Standort Schweiz ein berechenbares Umfeld für wirtschaftliche Tätigkeiten bietet.

Der Synthesebericht schließt mit Handlungsempfehlungen für eine sozialverträgliche Entwicklung der Biotechnologie. Um diese zu verwirklichen, müssen drei Kernbedingungen erfüllt werden:

Literatur

Hans-Peter Wessels, Mathis Brauchbar:
Technologische Vorausschau in der Biotechnologie. TA 4/1994.

Hans-Peter Wessels, Andrea Fischli, Patrick Mathys, Mathis Brauchbar:
Einfluß der Biotechnologie in der Milchproduktion und -verarbeitung.
Technologische Vorausschau. TA 7/1995.

Hans-Peter Wessels, Patrick Mathys, Mathis Brauchbar:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht a: Lebensmittel und Biotechnik - Akteure, Einstellungen und Werte in der Schweiz. TA 16/1996.

Mathis Brauchbar, Reto Locher, Hans-Peter Wessels:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht b: Wahrnehmung und Akzeptanz von Bio- und Gentechnologie bei Lebensmitteln. TA 10/1995.

Olivier Binet, Dominik Büchel, Mathis Brauchbar:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht c: Wirtschaftliche Auswirkungen der modernen Biotechnologie in der Milchproduktion und -verarbeitung.
TA 11/1996.

Hans-Peter Wessels, Benno Vogel, Petra Hieber, Mathis Brauchbar:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht d: Neue Lebensmittelbiotechnologie - Wertewandel und der Begriff der Naturbelassenheit. TA 19/1996.

Dominik Büchel:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht e:
Neue Biotechnologie bei Lebensmitteln - Bedürfnisse der Konsumentinnen und Konsumenten bei der Zulassung und Kontrolle.
TA 13/1996.

Mathis Brauchbar und Stefan Stöcklin:
Biotechnologie und Lebensmittel. Teilbericht f: Kommunikation über Bio- und Gentechnik bei Lebensmitteln in der Schweiz. TA 15/1996.

Olivier Binet:
Biotechnologie-Standort Schweiz - eine politisch-ökonomische Analyse der Rahmenbedingungen.
TA 14/1996.

Mathis Brauchbar et al.:
Biotechnologie und Lebensmittel. Synthese: Neue Biotechnologie - Perspektiven für die Schweiz. Fakten und Optionen. TA 17/1996.

Sämtliche Berichte sind zu beziehen über

TA-Programm Schweiz
Inselgasse 1
CH-3003 Bern
Tel.: 0041/313229963
Fax: 0041/313228070


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Hessische Interdisziplinäre Technikforschung: Hightech im Haushalt - Leitbilder und Sprache der Werbung für Haushaltstechnik

von M. Rader, ITAS

Das Projekt "Leitbilder und Sprache der Werbung für Haushaltstechnik als Indikatoren der Technikbewertung" knüpft an ein ähnliches Projekt an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität zu Frankfurt a.M. zu ISDN an. Während es sich bei ISDN um eine hochkomplexe Technik handelt, bezeichnet die vom Frankfurter Sprachwissenschaftler Horst Dieter Schlosser angeführte Projektgruppe die Haushaltstechnik als "weniger problematisch, längst alltäglich geworden(..)", anhand derer die im ISDN Projekt gemachten Erfahrungen überprüft werden sollten.

Besonderes Augenmerk galt der Überprüfung des Konzepts der "Leitbildkoalition", das sich im ISDN-Projekt als plausibel herausgebildet hatte: nicht ein einfaches Leitbild ist maßgeblich, sondern ein Zusammenspiel verschiedener Leitbilder, die unterschiedliche Akteure wie Konstrukteure, Unternehmer und Nutzer leiten.

Aufgrund der beschränkten Ressourcen des Projekts konnte lediglich die kommerzielle Werbung der Nachkriegszeit analysiert werden, doch stellte sich auch für die Alltagstechnik die Brauchbarkeit des Konzepts der Leitbildkoalition heraus. Insbesondere die Veränderungen in den werblichen Argumentationen lassen Rückschlüsse auf die ansonsten eher im Verborgenen liegenden objektiven Bedingungen haushaltstechnischer Entwicklungen zu. Dieser Eindruck wird durch Erfahrungen im ISDN-Projekt untermauert, nach denen es eine weitgehende Übereinstimmung zwischen den fachlichen "seriösen Plädoyers für die Einführung von ISDN" und den Argumenten der kommerziellen Werbung gibt. Die Projektgruppe hat jetzt ihren Abschlußbericht vorgelegt.

Der erste Teil des Bandes, der von einer Projektgruppe im Rahmen der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Technikforschung (IATF) der Universität Frankfurt verfaßt wurde, besteht aus einem historischen Rückblick auf die Geschichte und Verbreitung von Haushaltstechnik, dem Versuch einer Prognose längerfristiger Entwicklungen in diesem Bereich, sowie einer Darlegung der theoretischen Grundlagen der Studie.

Der zweite, umfangreichste Abschnitt zu den Analysen und Interpretationen wird mit einem Aufsatz zu den Möglichkeiten und Grenzen der angewandten Methode eingeleitet. Die Analysen beleuchten verschiedene Aspekte der Haushaltstechnik, wie Komfort, den technologischen Fortschritt, Ästhetik und Design, Ökonomie und Ökologie, und geschlechterspezifische Akzente in der Werbung. Abgeschlossen wird dieser Teil mit einer Analyse des Wandels in der Werbung über die Zeit.

Das Buch schließt mit einer zusammenfassenden Betrachtung des Verhältnisses zwischen Werbung für die Haushaltstechnik und der Technikbewertung. Im Falle der Haushaltstechnik erweist sich die "Leitbildkoalition" über die Zeit als erstaunlich stabil und auch aufnahmefähig für neue Themen wie "Umweltschutz".

Insgesamt stellt Projektleiter Schlosser eine generell unkritische Einstellung gegenüber der Haushaltstechnik fest. Dies führt er darauf zurück, daß sie hauptsächlich von Frauen genutzt werde und deshalb "gar nicht schädlich oder gar 'böse' sein" könne. Nach dem immer noch weithin gültigen Rollenverständnis der Frau zeichne sich diese durch ein besonderes Harmoniebestreben aus und sei um den Schutz der ihr Anvertrauten bemüht, was nur schlecht mit leichtfertig durch Technik herbeigeführte Risiken und Schäden zu vereinbaren sei. Schlosser vermutet, daß die Benutzer der Haushaltstechnik u.a. deshalb ihre Probleme, wie etwa Schrotthalden aus Altgeräten, ausblenden würden oder auf eine Lösung durch "die Technik" vertrauen würden.

Der Band ist auf jeden Fall ein interessanter und nicht ganz orthodoxer Beitrag zur Einschätzung des Technikeinsatzes im Alltag. Er zeigt, daß auch solche Disziplinen Beiträge zur Technikfolgenabschätzung und -Bewertung leisten können, von denen man es nicht unbedingt erwarten würde.

Bibliographische Angaben

Horst Dieter Schlosser, Marco Möller, Laurin Paschek, Gabriela Reff: Hightech im Haushalt - Leitbilder und Sprache der Werbung für Haushaltstechnik. Frankfurt a.M.: Hessische Interdisziplinäre Technikforschung, 1996. Monografien, Bd. 1. ISBN 3-00-000802-0.

Gegen Vorauserstattung der Versandkosten von DM 5,-- (in Briefmarken) schriftlich zu bestellen bei

Professor Dr. Horst Dieter Schlosser
Institut für Deutsche Sprache und Literatur II
Johann Wolfgang Goethe-Universität
Senckenberganlage 27 (161)
D-60054 Frankfurt a.M


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Die Europäische Union und die Forschung - POST-Bericht zur Wechselwirkung zwischen EU-Rahmenprogrammen und nationalen Forschungsprioritäten

Das TA-Büro des britischen Parlaments, das Parliamentary Office of Science and Technology (POST), legte im Oktober den Bericht "The European Union and Research" vor, der sich mit der Wechselbeziehung zwischen den Rahmenprogrammen für Forschung und Entwicklung der Europäischen Union und nationalen Programmen auseinandersetzt. Damit will das POST das britische Parlament auf die anlaufende Diskussion über das fünfte Rahmenprogramm vorbereiten.

Der Bericht umreißt die Geschichte europäischer Forschungsprogramme, die sich bis in die fünfziger Jahre zurückverfolgen lassen. Das erste eigentliche Rahmenprogramm wurde 1984 begonnen. Die historische Rückblende zeigt, daß hinter sämtlichen Anstrengungen europäischer Institutionen zur Forschung auch andere Ziele als das Interesse an den Ergebnissen standen, die meistens zur Stärkung der europäischen "Kohäsion" beitragen sollten. Offensichtlich reicht für die Mitgliedsstaaten allein das Motiv der Zusammenarbeit in der Forschung nicht aus, vor allem wenn es darum gehen soll, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Bereits für das erste Rahmenprogramm wurden deshalb Kriterien für die Forschungszusammenarbeit aufgestellt, die den Namen des damaligen Bundesforschungsministers Riesenhuber (im Bericht hartnäckig als ,Reisenhuber" bezeichnet) trugen. Diese Kriterien waren u.a. die Größe des Vorhabens, zusätzlicher Nutzen der internationalen Kooperation (die "Synergieeffekte"), Beitrag zur europäischen Kohäsion sowie die Komplementarität zur nationalen Forschung. Diese Kriterien wurden mit der Zeit spezifiziert und erweitert, etwa um solche Ziele zu berücksichtigen wie Umweltschutz und Lebensqualität.

Insgesamt wurden die jeweiligen Rahmenprogramme finanziell besser ausgestattet als ihre Vorgänger und auch thematisch erweitert. Das vierte, zur Zeit gültige Rahmenprogramm wurde bereits auf die Vorgaben des Maastrichter Vertrags von 1992 ausgerichtet. Neue Themenbereiche des Programms sind in diesem Fall die sozio-ökonomische Forschung und der Transport.

Aus der historischen Rückschau geht auch hervor, daß die spezifischen Programme erstaunlich stabil sind - einmal beschlossen, wurden sie im Einzelfall nur selten aus dem Gesamtprogramm gestrichen. Der POST-Bericht wirft die Frage auf, ob dies immer so sein müsse.

Die Analyse der Wirksamkeit der Rahmenprogramme ergibt, daß es keinen positiven Zusammenhang zwischen deren Wachstum und dem wirtschaftlichen Erfolg und der Wettbewerbsfähigkeit der EU gibt. Im Gegenteil würden einige Indikatoren auf eine relative Verschlechterung hinweisen. Allerdings seien die Rahmenprogramme klein im Vergleich zu nationalen Programmen oder gar den Forschungsausgaben der Großunternehmen.

Bisherige Evaluationen der Rahmenprogramme durch diverse europäische Institutionen sind denn auch widersprüchlich hinsichtlich ihrer Ergebnisse, was nach POST auf die Notwendigkeit eines objektiven, gut entwikkelten Bewertungssystems hinweist.

Die vielleicht interessantesten Ergebnisse der Studie betreffen die Wechselbeziehung zwischen nationalen Forschungsprogrammen und den Rahmenprogrammen. In Großbritannien gilt, wie möglicherweise in anderer EU-Mitgliedsstaaten, das Prinzip der "Attribution", wonach die EU-Finanzierung eines Forschungsbereichs dem nationalen Programm quasi angelastet wird, d.h. die nationalen Programme werden letzten Endes durch das EU-Interesse an ihrem Gegenstand geschwächt. Dies kann u.a. dazu führen, daß national zuständige Gremien EU-Programme zu verhindern suchen, weil sie dadurch Einfluß auf die Richtung der Forschung auf ihrem Gebiet verlieren könnten. Zudem behindere das dadurch hervorgerufene "Ressortdenken" die Förderung von interdisziplinärer Forschung, die bei der Komplexität der Probleme vermutlich in vielen Fällen effektiver wäre als die fachdisziplin-orientierte.

Der Bericht arbeitet zum Schluß die wichtigsten Fragestellungen für die Debatte über das fünfte Rahmenprogramm heraus, u.a. die Frage, ob die Rahmenprogramme wie bisher wachsen sollten oder ob die damit verfolgten Ziele, insbesondere die rein europäische Zusammenarbeit, angesichts der weltwirtschaftlichen Situation überhaupt angemessen sind. Ferner betont der Bericht die Notwendigkeit der Bestimmung von Kriterien für die Entscheidung, ob eine bestimmte Forschung auf europäischer oder eher auf nationaler Ebene stattfinden sollte, von Methoden zur Prioritätensetzung und für die Evaluation der Wirksamkeit von Programmen. Schließlich soll die künftige Rolle der gemeinsamen Forschungsstelle (JRC) kritisch integriert werden.
(M. Rader, ITAS)

Bibliographische Angaben

Parliamentary Office of Science and Technology (ed.): The European Union and Research - EU Framework Programmes and National Priorities, October 1996. ISBN 1 897941 26 9. (73 S., £ 15).

Parliamentary Office of Science and Technology (ed.): Research and the European Union. POST Report Summary 83, October 1996, (4 S.).

Der Bericht ist zu beziehen über

The Parliamentary Bookshop
12 Bridge Street
London SW1A 2JX
UK
Tel.: +44 (0) 71/219-3890
Fax: + 44 (0) 71/219-3866

Kopien der 4-seitigen Zusammenfassung sind beim ITAS erhältlich: Frau G. Rastätter,
Fax: +49 (0) 721 / 608 - 24806.


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Die Europäische Wissenschafts- und Technologie-Versammlung ESTA legt ihre Stellungnahme zum Fünften Rahmenprogramm vor

von Torsten Fleischer, ITAS

Die Europäische Wissenschafts- und Technologie-Versammlung (European Science and Technology Agency, ESTA) wurde am 15. März 1994 gegründet. Sie soll eine direkte, ständige Verbindung zwischen der EU-Kommission, der Wissenschaftsgemeinde und der Industrieforschung sichern und die Europäische Kommission bei der Umsetzung europäischer FTE-Politik unterstützen. ESTA setzt sich aus 100 Vertretern aus der europäischen Forschung und Industrie zusammen, die entweder von der Kommission direkt oder - in einigen Fällen - auf Vorschlag ausgewählter europäischer Wissenschafts- und Industrieforschungsorganisationen in das Gremium berufen werden.

Ihre Hauptaufgabe ist die Beratung der EU-Kommission, dabei kann sie sowohl auf deren Anfrage als auch selbst tätig werden. Daneben soll ESTA auch an der Evaluation von Forschungsprogrammen beteiligt werden und die Verfahren und Entscheidungsmechanismen bei der Projektauswahl untersuchen. Im Rahmen dieser Tätigkeiten hat ESTA - auf Wunsch der EU-Kommission - im Juli 1996 einen Bericht zur "Wettbewerbsposition der europäischen Wissenschaft, Technologie und Industrie" veröffentlicht, in dem sie zu dem anstehenden Fünften FTE-Rahmenprogramm Stellung nimmt.

In diesem Bericht vertritt ESTA die Ansicht, daß die EU im Vergleich zur USA und Japan zwar über eine starke wissenschaftliche Basis verfügt, sich jedoch bei deren Umsetzung sowohl im Fertigungs- als auch im Anwendungsbereich im Rückstand befindet. Ihrer Meinung nach sollte die EU ihr Hauptaugenmerk auf diese Schwäche richten.

ESTA schlägt vor, daß die EU eine Aktion "Blick in die technologische Zukunft" startet. Mit dieser Idee will man auf europäischer Ebene Aktivitäten fortsetzen, wie diese in ähnlicher Weise von einigen Mitgliedstaaten, darunter Großbritannien ("Progress through Partnership") und Frankreich ("The 100 Technologies that are critical to the French (and European) Industry"), sowie in den USA ("National Critical Technologies Report") und Japan ("White Paper on Science and Technology") in den letzten Jahren durchgeführt wurden. Die Ergebnisse dieser Studien sowie weiterer Arbeiten (darunter auch der deutschen Delphi-Studie) werden im ESTA-Bericht dargestellt, analysiert und verglichen. Daneben wird umfangreiches statistisches Material zu FTE- und anderen Wettbewerbsindikatoren und zu Marktanteilen in verschiedenen Technologiefeldern in aufbereiteter Form vorgestellt.

Die von der ESTA vorgeschlagene Aktion soll zu einem auf wissenschaftlichen und technologischen Indikatoren basierenden Bericht aus gesamteuropäischer Perspektive führen, der einen bedeutenden Beitrag zur Formulierung des Fünften Rahmenprogramms darstellen könnte.

Darüber hinaus empfiehlt ESTA, daß Europa im Hinblick auf das Fünfte Rahmenprogramm seine wissenschaftliche Basis - insbesondere deren Qualität und Leistungsfähigkeit - beibehält und Schlüsseltechnologien im Verhältnis zu den USA und Japan fördert. Bei der Ausarbeitung der Politik sollte größeres Gewicht auf den Transfer und die Verbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse sowie auf die Mobilität von Forschern gelegt werden.

Was die zur Zeit im Rahmen des Vierten Rahmenprogramms laufenden spezifischen FTE-Programme anbetrifft, schlägt ESTA vor, diese in das Fünfte Rahmenprogramm zu übernehmen. Die zweite und dritte Aktivität (Zusammenarbeit mit Drittländern bzw. Verbreitung und Nutzung der Ergebnisse) sollten jedoch sorgfältig überprüft und mit den Aktivitäten der USA und Japans auf diesem Gebiet verglichen werden.

ESTA weist darauf hin, daß eine bessere Koordination von nationalen und europäischen Technologiepolitiken und eine innereuropäische Verständigung über die zukünftige Bedeutung ausgewählter Technologien nötig seien, wobei die Hauptverantwortlichkeit jedoch auf nationaler Ebene verbleiben und europäische FTE-Programme die nationalen Programme in den für die europäische Wettbewerbsfähigkeit besonders wichtigen Bereichen ergänzen sollten. ESTA empfiehlt darüber hinaus, daß die EU die Bedürfnisse der KMU im Rahmen der FTE-Programme sorgfältig analysiert, insbesondere soweit sie die Ausbildung und Mobilität von Forschern betreffen.

Zum Abschluß befürwortet ESTA im Rahmen der Erarbeitung des Fünften Rahmenprogramms eine eingehende Auseinandersetzung mit verschiedenen sozialen und ökonomischen Fragen, von denen viele bereits im Grünbuch der Kommission zur Innovation angesprochen wurden. Dazu sollen insbesondere auch transdisziplinäre Untersuchungen zu sozialen und kulturellen Bedingungen und Folgen für Europa und zu einem besseren Verständnis von sozialer und kultureller Integration und Disintegration in Zeiten umfangreicher technologischer und wirtschaftlicher Wandlungsprozesse durchgeführt werden.

Bibliographische Angaben

ESTA (ed.): The Competitive Position of European Science, Technology and Industry. An ESTA opinion related to the 5th Framework Programme. ESTA/96-201/FINAL (May 1996) 70 pp.

Der ausschließlich in englischer Sprache verfügbare Bericht ist erhältlich von

ESTA-Sekretariat
8 Square de Meeus
B-1040 Brussels
Tel.: +32-2-2957056/2994856
Fax: +32-2-2962536


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