|
Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
| TA-DATENBANK-NACHRICHTEN | |
| Nr. 1, 6. Jahrgang - April 1997 |
TA-RELEVANTE BÜCHER UND TAGUNGSBERICHTE
Helmut F. Spinner: Die Wissensordnung. Ein
Leitkonzept für die dritte Grundordnung des Informationszeitalters.
Opladen: Leske + Budrich, 1994
Rezension von Peter Fuchs, Brandenburgische Fachhochschule für Sozialwesen, Potsdam
Es ist für jemanden, der systemtheoretisch instruierter Soziologe ist, außerordentlich schwer, ein Buch zu besprechen, das entschieden mit dem Anspruch gesellschaftsweiter Gültigkeit seiner Thesen auftritt, aber zugleich nur sehr dünnen Gebrauch macht von dem, was als Gesellschaftstheorie gegenwärtig verfügbar ist. Die Unterscheidungen des Rezensenten stehen in diesem Fall (und nicht nur geringfügig) quer zu denen des Autors. Damit wird das Gebot der Fairness verletzt. Denn das, was der Rezensent durch seine Brille sieht, ist nicht das, was der Autor meinte, gemeint zu haben. Eine bloße Würdigung seiner komplexen Arbeit, eine bloße Betrachtung der textimmanenten Unterscheidungen wäre, wenigstens kommt mir das so vor, dem Temperament, der forcierten Diktion, der moralischen Position Helmut F. Spinners nicht angemessen. Durch den ganzen Text ist zu bemerken, daß Vorsicht, daß Zurückhaltung gegenüber anderen Möglichkeiten der Bearbeitung seiner Probleme nicht sein Teil ist. Das ist erfrischend, das ist herausfordernd, das ist wenigstens eine Haltung, die nicht unentwegt ein optionales Dementi der eigenen Auffassungen mitführt. So will ich mich dazu bekennen, daß ich mich - so dezidiert, wie Spinner über die Vorkommnisse dieser Welt urteilt - dezidiert nicht darauf versteifen werde, Systemtheorie aus dem Spiel zu lassen. Der Autor hat das ja zur Genüge schon getan.
Es geht um Wissensordnungen. Der Begriff der Ordnung wird weitgehend vorausgesetzt. Ordnung "ordnet" heißt es (S.24). Eine solche Tautologie unterscheidet nichts, sie muß also, wie Systemtheoretiker sagen würden, entfaltet werden. Die Entfaltung leistet der Text bis an sein Ende. Die Technik ist die der Amplifikation, also einer Differenzierung von Differenzen, die - ganz im klassischen Sinne - Evidenz auf Umwegen (und nicht im Sinne der brevitas, der schlagenden Kürze) zu erreichen trachtet. Vorgeführt wird, was und wie die Ordnung ordnet. Bezeichnend dafür ist die Vielzahl der Tabellen und Listen. Sie sind für Spinner offenbar das Ordnungsmedium par excellence.
Der andere Begriff im zentralen Begriff der Wissensordnung ist das Wissen. Auch hier wird hochmodern gestartet, zwischen den schlagenden Felswänden der Tautologie und der Paradoxie. Der Wissensbegriff muß alles umfassen, damit nichts an Wissen ausgeklammert bleibe. Das Ergebnis wäre, wie Spinner deutlich sieht, der Satz: Wissen ist Wissen, also eine komplette Nichtanschlußfähigkeit. Der Begriff darf aber nicht in diesem Sinne ´leer´ sein (S.24f.), er muß allgemein und spezifisch zugleich sein, also paradox. Alles Wissen muß erfaßt werden, unabhängig von jeder Spezifik, das aber spezifisch. Die Lösung ist: die im Wissen enthaltene Information, also ein Informationsgehalt des Wissens. "Information" referiert Spinner, "ist Selektion aus der Alternativenmenge eines Möglichkeitsraums." (S.26) Es gäbe zweifelsfrei einfachere, funktionalere Bestimmungen des Informationsbegriffes, die von Bateson beispielsweise, die sagt, daß Information ein Unterschied ist, der einen Unterschied macht, woraus folgt, daß nicht jeder Unterschied eine Information ist, sondern nur der, der aufgegriffen, verarbeitet wird, also in irgendeinem Beobachter Differenzen erzeugt. Aber wenn man so verführe, ließe sich schwerlich der Typ von Allgemeinheit aufrechterhalten, den Spinner schätzt und für seine Argumentation behauptet: "Dieser globale, hinreichend verallgemeinerte und trotzdem nicht bis zur Entleerung übergeneralisierte Informationsbegriff dient im folgenden ´als Mädchen für alles´, zur wertfreien Erfassung von ´Wissen aller Arten, in jeder Menge und Güte´ im Gestaltungsfeld der verschiedensten Wissensordnungen." (S.26) Wir wollen nicht darüber richten, ob mit einem solchen Begriff überhaupt noch irgendetwas gesehen werden kann, sondern nur festhalten, daß mithin Information identisch ist mit Wissen. Es verwundert dann nicht mehr, wenn von informativem Wissen die Rede ist. (S.28)
Jedenfalls hat dieses informative Wissen Eigenschaften, und dies ist einer der Punkte, an denen es dem wissenschaftlichen Beobachter (aber mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur ihm) schwindlig wird: Es ist nämlich in gewissem Sinne "unstofflich" (immateriell). Es hat keine physischen Qualitäten, ist aber gerade "wegen seiner physischen Eigenschaften weitgehend entbunden von Ort und Zeit... hat fast gottähnliche Eigenschaften geistiger Allgegenwart, endloser Existenz, potentieller Ubiquität..." (ebenda) Und es ist gekennzeichnet durch Höherqualifizierbarkeit. Vor allem dieser Gesichtspunkt überrascht, denn ihm soll epistemologisch die Wahrheitsfähigkeit von Wissen entsprechen, eine "eingebaute Wahrheitsneigung" Wissen ist nicht irgendein Wissen, ist nicht doxa, sondern "wahrheitsfähige Information". (S.29) Woraus dann folgt, muß man schließen, es gibt auch nicht wahrheitsfähige Information, also wahrheitsunfähiges Wissen. Das liegt dann an "mißbräuchlichen Wissensbenutzern", woraus wiederum folgt, daß es die Wahrheit gibt, also mindestens im Blick auf die Welt in irgendeiner Form parallelisierbare Beobachter, die korrekter beobachten als andere, dann eben idiosynkratische Beobachter. Wie auch immer, Helmut F. Spinner nimmt offenbar eine Beobachtungsposition ein, von der aus er Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden und Wahrheit bezeichnen kann. Es überrascht dann ein wenig, wenn gleichwohl behauptet wird, hier werde ein nichtemphatischer Wissensbegriff (S.34) eingesetzt.
Von dieser Wahrheit/Unwahrheit unterscheidenden Position aus können Theorieunternehmungen "auf breiter Front, von der Kybernetik bis zur Gehirnforschung und Gesellschaftstheorie" seltsamer Denkfehler überführt werden. (S.41f.) Sie unterwerfen sich der Mode des Denkens in ausdifferenzierten Systemen, letztlich der Bizarrerie des Systemdenkens. Die Systemtheorie erfährt von Spinner, daß sie so tut, als sei "Differenzierung an sich etwas Gutes, Richtiges und Wichtiges, egal welches Problem ansteht..." (Ebenda) Was sie aber tatsächlich tut (und insofern hat der Autor noch einen Blick auf das Unbewußte der Systemtheorie), sie "überdeterminiert" die Wissensordnung und "nivelliert" das Wissensfeld. Sie wagt es, die Produktion von Wissen als eine bestimmte gesellschaftliche Operation aufzufassen, zu behaupten, diese Produktion sei eine unter anderen der Gesellschaft. Sie spezifiziert, worüber sie redet, statt, wie es richtiger nach Spinner wäre, festzuhalten, daß sich das Wissen systemischer Ordnung entzieht. Denn weder der Systembegriff noch der Lebensweltbegriff in der Variation von Habermas seien geeignet, der Wissensordnung jene Unordnung zu lassen, die sie nach Spinner braucht. (S.42) Es sei "befremdlich", daß die Systemtheorie den Menschen "draußen stehen lasse", denn - und wieder: in Wahrheit - sei er der "kognitive Akteur", "Wissenserzeuger", "Wissensverbreiter" mit einem Maß an Freiheit, das seine Determination verhindere.
Dies ist, man muß es am Rande festhalten und offen und ehrlich aussprechen, nur zu verstehen, wenn man davon ausgeht, daß der Autor von seiner wahrheitsfähigen Warte aus darauf verzichtet hat, die Arbeiten, die er zitiert, zu lesen. Die Systemtheorie redet nur äußerst vorsichtig vom Kompaktkonzept des Menschen, sie spricht über psychische und soziale Systeme und behauptet nichts weiter, als daß sie unterschieden seien. Aber auch wenn irgendjemand noch meint, daß sich darüber streiten lasse, so würde doch schon ein flüchtiger Blick auf die allgemeine Soziologie zeigen, daß sie nicht von der kuriosen Vorstellung ausgeht, die Gesellschaft setze sich aus Menschen zusammen. Sie spricht statt dessen von Handlungen, die aufeinander bezogen sind, und die soziologie-interne Differenz zwischen Systemtheorie und anderen Theorien besteht doch nur darin, daß jene es vorzieht, von Kommunikationen als Einheit des Sozialen zu sprechen, und diese darauf setzt, Handlungen die Priorität zu erteilen.
Aber sei´s drum! Niemand ist gezwungen, Systemtheorie zu betreiben oder sich den Theoremen allgemeiner Soziologie anzuschließen. Man kann statt dessen (und auch dies ist nicht verboten) davon unabhängig das "Insgesamt der wissensverbundenen Grundverhältnisse des Menschen" identifizieren und die entscheidenden Ordnungsdimensionen zur Sprache bringen. Als da sind: Haben, Wollen, Handeln, Können. Damit ist klar, daß der Autor über eine gültige Anthropologie verfügt, die es zuläßt, aus der Quaternität der Grundbestimmungen Tabellen zu entwickeln. (S.45) Und wir sagten schon, daß das tabellarische Denken für Spinner offensichtlich das Ordnungsmedium schlechthin ist. Man könnte hinzufügen, sofern man leichte Neigungen zur Bosheit hätte, er ist Scholastiker, dem noch niemand im Sinne Ockhams entgegengehalten hat: Non sunt multiplicanda entia praeter necessitatem! Es geht offenbar nicht um die Konsistenz der begrifflichen Optionen, sondern um dezisionistische Amplifikation. Die bedauerlichste Folge ist für den Rezensenten ein unglaublicher Eleganzverlust - Der Flug Spinners findet nicht über den Wolken statt, er geht durch die Wolken.
Der Rezensent kann nur vermelden, daß er versucht hat, mitzufliegen, aber in den Wolken, von denen der Autor aus die ganze Welt sieht, nichts gesehen hat. Das liegt, fraglos, an ihm, dem die Verfügung über Wahrheit und Unwahrheit nicht gegeben ist, vor allem aber nicht eine Moral, von der aus sich die Probleme der modernen Weltgesellschaft aus den Angeln heben lassen. Es ist aber auch möglich, daß sein Gedächtnis durch Reihen von Listen und Tabellen einfach überfordert ist, denen die Gedächtnisstütze der Empirie fehlt.
Schließlich: Tabellarische Amplifikation und Theoriebildung schließen sich aus. Man hätte besser keinen Theoretiker fragen sollen, wenn man wissen will, was Spinner wirklich beobachtet hat.
Kontakt
Prof. Dr. Peter Fuchs
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
Fachhochschule-Neubrandenburg
Brodaer Straße 17-19
D-17009 Neubrandenburg
Rezension von Ulrich Riehm, ITAS
Die Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (AfTA; http://www. afta-bw.de) führt zur Zeit ein Projekt "Regionale Erneuerung durch Multimedia?" durch, dessen Ziel es ist, herauszuarbeiten, welchen Beitrag Multimedia zur Erneuerung von regionalen Wirtschaftsstrukturen leisten kann. Im Rahmen dieses Projektes, in dem insbesondere regionale Fallstudien und der Vergleich baden-württembergischer Regionen mit internationalen Referenzregionen vorgesehen sind, wurde ein Gutachten zum Thema Multimedia und regionalpolitische Steuerung bei Helmut Willke in Auftrag gegeben, das nun als Arbeitsbericht Nr. 68 der AfTA veröffentlicht wurde. Helmut Willke, Professor für Soziologie an der Universität Bielefeld (http:// www.uni-bielefeld.de/soz/), ist durch eine Reihe von Veröffentlichungen hervorgetreten, in denen er bisherige Steuerungsmodelle entwickelter, demokratischer Industriegesellschaften (z.B. Markt und Hierarchie) als unzureichend für die gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen und Transformationsprozesse kennzeichnet.
Im ersten Kapitel seines Gutachtens für die AfTA greift er diese Überlegungen erneut auf und setzt sie in Beziehung zu den neuen Technologien, insbesondere Multimedia. Die in den letzten zwanzig Jahren erfolgte Restauration formaler, repräsentativer, von den etablierten Parteien dominierten, demokratischen Herrschaftsformen gerate, so Willke, in den Strudel der Globalisierung, der Informatisierung und Digitalisierung, der rasanten technologischen Entwicklungen. Die damit verbundene dramatische Steigerung der Komplexität und Dynamik individueller, sozialer und gesellschaftlicher Kommunikation führe zu kaum mehr beherrschbaren kombinatorischen Folgen. "Die Demokratie als Steuerungsform gerät zwischen die Mühlsteine einer 'postmodernen' Individualisierung einerseits ... und einer technologiegetriebenen Globalisierung andererseits" (S. 2). Das bedeute nun nicht, daß jegliche Steuerung obsolet geworden sei, sondern, daß aufgrund der "Entzauberung" staatlicher Steuerung die anderen gesellschaftlichen Funktionssysteme (Wirtschaft, Wissenschaft, Recht etc.) und ihre Institutionen verstärkt diese Aufgabe übernehmen müßten und übernähmen. Dem politischen Subsystem, dem Staat, bliebe dabei die Aufgabe der Integration der Entscheidungen der anderen gesellschaftlichen Teilsysteme ("Supervisionsstaat"). Denn der durch die Verlagerung von Steuerung auf die Ebene der einzelnen Funktionsbereiche und Institutionen erreichte Gewinn an Steuerungskompetenz gehe einher mit der Gefahr des Auseinanderfallens des gesellschaftlichen Zusammenhangs, der gesellschaftlichen Desintegration.
Hier setzt auch die Idee der "Kontextsteuerung" an, die er kontrastiert mit dem "pluralistischen Durchwursteln" und einer "hierarchischen Steuerung" (oder zentralen Planung), beides Formen der Steuerung, die an den Komplexitätsanforderungen heutiger Problemlagen scheitern. Die Kontextsteuerung versucht, eine Verstärkung der Selbststeuerung der gesellschaftlichen Subsysteme zu verbinden mit gesellschaftlich anerkannten ("verbindlichen") "Kontextvorgaben", oder, wie andere vielleicht dazu sagen würden, Visionen und Leitbildern. Willke ist dabei durchaus bewußt, daß das zentrale Problem dieses "Steuerungsmodells" darin besteht, wie man die erforderliche Verbindlichkeit für diese Kontextvorgaben erreichen könne, und zwar in einer Situation, in der "die Politik ihre Sonderrolle als Instanz der Formulierung und Durchsetzung des gesellschaftlichen Konsenses eingebüßt hat" (S. 9).
Willke geht dann auf die "ureigene Aufgabe der Politik" ein, die Herstellung und Gewährleistung von Kollektivgütern, insbesondere der großen Infrastruktursysteme. Er verfolgt dabei die These, daß die "widerstandslose" Aufgabe des angestammten Infrastrukturmonopols der europäischen Regierungen Mitte der achtziger Jahre mit den neuen Eigenschaften der Infrastruktursysteme "zweiter Generation" zu tun haben, die sich den "einfachen Alternativen von Regulierung und Deregulierung, Verstaatlichung oder Privatisierung, Monopol oder Wettbewerb nicht mehr fügen" (S. 11). Willke kennzeichnet (am Beispiel der Telekommunikation und Multimedia) die Infrastruktursysteme der zweiten Generation (der Generationenbegriff bleibt allerdings unklar, teilweise spricht er auch von Infrastruktursystemen zweiter Ordnung) durch drei Merkmale: a) ihre Basierung auf "intelligenter" Technologie; b) ihre außerordentliche Kostspieligkeit in Entwicklung und Einrichtung, nicht in einem absoluten Sinne, sondern im Verhältnis zu den erwartbaren (nationalen) Märkten und im Verhältnis zum erwartbaren Zeitfenster, in dem die jeweilige Technologie noch zum Stand der Technik gehört; c) ihre Einbettung in die transnationale und globale Vernetzung. Dabei erscheint mir sein Hinweis richtig und wichtig, daß aus Sicht der einzelnen Akteure, bei diesen neuen großen technischen Systemen, Steuerungsanspruch und Steuerungsfähigkeit zunehmend auseinanderfallen. Auch dies ist ein Indiz dafür, daß die klassischen marktförmigen oder hierarchischen Steuerungsformen nicht mehr ausreichen. Offen bleibt, ob die neuen Infrastruktursysteme noch als legitime öffentliche Güter anzusehen seien, oder ob eine Herstellung durch den Markt eine erfolgversprechende Alternative sein könnte. Willke tendiert dabei dazu, die Infrastruktursysteme unter die "kollateralen" Güter zu subsummieren, die sowohl Merkmale privater wie öffentlicher Güter tragen, die insbesondere aber dadurch gekennzeichnet sind, daß der "private" Markt zu schwach ist, sie ohne staatliche "Garantien" zu produzieren. Nur in der Kooperation privater und staatlicher Akteure lassen sie sich verwirklichen.
Interessant ist Willkes Charakterisierung des spezifischen Steuerungsproblems bei Multimedia. Einerseits ist die Steuerung von Multimedia deshalb besonders schwierig, weil Multimedia im Schnittpunkt unterschiedlicher Politikarenen liegt (Medienpolitik, Telekommunikationspolitik, Rundfunkpolitik etc.), deren Probleme für sich schon mit herkömmlichen politischen Steuerungsinstrumenten kaum zu bewältigen seien (S. 7). Andererseits tritt die Paradoxie auf, daß nicht klar ist, was das Problem von Multimedia eigentlich sei. Man wisse weder, so Willke (S. 4), ob mit Multimedia ein Problem oder eine Problemlösung gegeben sei. Politische Steuerung wird wenig Erfolg haben, "wenn sie ein Problem formuliert, das niemand als sein eigenes ansieht, und sie kann keinen Erfolg haben, wenn sie mit Multimedia eine Lösung für ein Problem in Aussicht stellt, die niemand hat" (Hervorhebung UR). Wer denkt dabei nicht an den Stuttgarter Pilotversuch zum interaktiven Fernsehen (vgl. hierzu die Artikel im Schwerpunkt dieses Heftes), den Willke übrigens, erstaunlicher- oder bezeichnenderweise in seinem Gutachten an keiner Stelle auch nur erwähnt.
Gegenüber diesem ersten Teil des Gutachtens, das überzeugend die übergreifende Steuerungsproblematik moderner Gesellschaften am Beispiel Multimedia und multimedialer Infrastrukturen darstellt, fallen die beiden folgenden Teile, wo es konkreter und materialreicher werden sollte und müßte, deutlich ab. Wahrscheinlich ist aber das Institut des "Gutachtens" für eine solche Konkretisierungsaufgabe latent überfordert.
In Kapitel zwei geht es um die Besonderheiten der Steuerungsproblematik des Multimedia-Bereichs. Spätestens hier wäre eine Differenzierung und Konkretisierung des typischerweise in der öffentlichen Diskussion völlig "überladenen" Multimediabegriffs notwendig gewesen. Zwar wird immer wieder und mit Recht auf die Bedeutung infrastruktureller Aufgaben hingewiesen, aber die spezifische und ungeklärte Beziehung zwischen der Etablierung einer neuen multimediageeigneten Infrastruktur und multimedialen Anwendungen (in äußerst heterogenen Anwendungsbereichen) bleibt weitgehend undiskutiert. Schichtenmodelle scheinen mir hier zu einfach.
Das dritte Kapitel nimmt sich des Themas regionale Kooperationsregimes an und identifiziert zwei zentrale Aufgaben: Infrastrukturentwicklung und Wissensmanagement. Auch dies bedürfte weiterer Konkretisierung jenseits manchmal etwas hohl klingender Rhetorik vom "Rohstoff Wissen" ("Der Komplex Information, Wissen, Expertise und eingebetteter Intelligenz ist der Rohstoff des nächsten Milleniums", S. 40). Überzogen scheint mir auch eine Aussage wie, "daß im Multimedia-Bereich Tausende von Stellen angeboten werden, die nicht besetzt werden können, weil es dafür keine 'fertig' ausgebildeten Professionellen gibt" (S. 50).
In seinen Schlußfolgerungen betont Willke nochmals die eingeschränkten Möglichkeiten der regionalen Steuerung von Multimedia, die er positiv als Kontextsteuerung (Beeinflussung der relevanten Kontextbedingungen) und Moderierung der Selbststeuerung der beteiligten Akteure benennt. Doch selbst auf diesen eingeschränkten Feldern sind schnelle Erfolge nicht zu erwarten.
Rezension von Bernd Wingert, ITAS
Der vorliegende Band ist eine Zwischenbilanz zur Diskussion über Leitbilder in der Technikentwicklung, eine Debatte, die von Meinolf Dierkes und seinen Mitarbeitern ursprünglich ausgelöst und im Informatiksektor mit einer ersten Tagung am Deutschen Museum in München 1993 (bei der Hellige schon als Mitorganisator auftrat) aufgegriffen und in zwei weiteren Tagungen 1995 und 1996 fortgeführt wurde. Den lesenswerten einführenden Beitrag von Hellige zum aktuellen Stand der Diskussion, zu einigen wichtigen Unterscheidungen und zur künftigen produktiven Funktion von Leitbild-Analysen nicht gezählt, vereinigt der Band 8 Beiträge aus dieser Debatte, teilweise schon auf der Tagung in München präsentiert, aber in jedem Falle aktualisiert und fokussiert, wie der Herausgeber betont.
Die behandelten Gebiete, für die Leitbilder untersucht und geprüft werden, sind vielfältig; die theoretischen Kontexte und je eigenen Akzente sind reichhaltig, also ist der Band auf jeden Fall lesenswert und vermutlich zu dieser Thematik nicht der letzte. Auf diese Idee könnte man aber kommen, wenn man die Bildbotschaft des Titelbildes studiert: abgebildet "Der falsche Türke", ein Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert, der einen Türken als Schach spielenden Automaten zeigt, der in Wirklichkeit jedoch von einem Menschen im Kasten gespielt wurde (s. Anm. 1). Hätte sich nach der von Hellige vorgelegten kritischen Bestandsaufnahme nun das Leitbild-Assessment als falscher Türke, will sagen, als Windei herausgestellt? Keineswegs. Es werden zwar erhebliche Differenzierungen und andere Akzentuierungen am Konzept vorgenommen; auch der eigentlich springende Punkt am Leitbild-Assessment, nämlich über die als leitend erkannten Bilder in eine konstruktive Wende der Leitbildgestaltung bei aktuellen (!) Entwicklungen einzutreten, kann eindeutig nicht gehalten werden:
"Die in der anfänglichen Euphorie erhobenen Ansprüche der Technikgeneseforschung, über ein Assessment von Leitbildern ließen sich Technikfolgen bereits im Entstehungsprozeß erkennen und korrigieren, so daß man auf komplexe TA-Analysen und womöglich sogar auf staatliche Interventionen verzichten könne, haben sich nicht nur als überzogen, sondern als theoretisch und methodisch fragwürdig herausgestellt" (S. 29). Deshalb wird die künftig produktive Funktion eher in begleitenden Analysen von Leitbildern, deren Unstimmigkeiten, deren Verhältnis zur "dynamischen Problemstruktur von Technik", auch deren mögliche Übersetzbarkeit in konkrete Gestaltungsrichtlinien liegen.
Aber als Konzept möchte selbst Hellige "Leitbilder" nicht über Bord werfen: "Mir erscheint der heuristische Wert eines phänomenologischen Technikleitbild-Begriffes für die historische Rekonstruktion wie für die Deskription aktueller Geneseprozesse deshalb nach wie vor so hoch, daß man nicht einfach auf ihn verzichten sollte. Denn man stößt immer wieder auf prototypische Lösungsmuster oder Bündel von Zielvorstellungen, bei denen die genannten Ausweichbegriffe [wie Metaphern, Modelle, Paradigmen] nicht ausreichen, da sie nur Teilaspekte abdecken oder Diskursformen unabhängig von dem speziellen Gegenstand beschreiben." So Hellige (S. 17) nach intensiver Beschäftigung mit dem Leitbildkonzept und sicher reiflicher Überlegung und trotz der Vielfalt konkurrierender und ungeklärter Konzepte, die "sowohl im Zeithorizont, im Realitätsgehalt und in der Wirkungsmacht" variieren (S. 16).
Angesichts der Reichhaltigkeit der präsentierten Analysen gibt es unterschiedliche Ebenen und Weisen, die 8 Beiträge und die Einführung zu lesen, inhaltlich und diskursiv, was der Herausgeber gleichfalls vorschlägt. Inhaltlich meint, die Beiträge als Materialgeschichte des Computers und der Informationstechnik zu lesen. Dann erfährt man im Beitrag von Bernd Hamacher einige interessante Dinge über Referenzmodelle in der CIM-Entwicklung, darüber, welche Modelle von Technikgestaltung verfolgt wurden, wo diese ihre Grenzen fanden (gerade bei CIM, aber deshalb noch nicht endgültig gescheitert) und wo in solchen Modellen Leitbilder gewissermaßen versteckt sind.
Man lernt bei Jeanette Hofmann, wie zwei recht konträre Leitbilder der "Texttechnologie" sogar innerhalb einer Organisation (der großen freilich, die wir alle kennen) koexistieren konnten, nämlich die auf rationelle Bearbeitung des "Schriftgutes" abstellenden "Textautomaten" einerseits, und die das "kreative Schreiben" (ursprünglich Programmieren) unterstützenden "Texteditoren" andererseits, die mit ihrer den Autor idealisierenden und romantisierenden Sicht wohl bei vielen Autoren und Autorinnen auf dem Schreibtisch nun angekommen sein dürften (wir kommen darauf zurück).
Inhaltlich geht es bei Peter Eulenhöfer um die Entwicklung von Programmiersprachen und den Nachweis, wie sich erst im Zuge einer systematischeren Beschäftigung bei der ALGOL-Entwicklung eine Theorie der Programmiersprachen abzuzeichnen begann. Oder es geht Ralf Klischewski den diversen Etappen und Leitbildern nach, die sich bei der innerbetrieblichen und der überbetrieblichen Vernetzung rekonstruieren lassen, wobei er die These verfolgt, daß am Anfang zunächst ein systemisches Konzept "mächtiger Akteure" steht, das durchgearbeitet wird, bis sich Grenzen und Widersprüche in der Realisierung zeigen, so daß akteursorientierte Leitbilder aufkommen und verfolgt werden. Soweit ein erster inhaltlicher Durchgang.
Die zweite Weise, die Bestandsaufnahme zu lesen, liegt darin, die einzelnen Artikel als Beiträge zum Leitbild-Diskurs zu verstehen und darauf zu achten, wie - um ein naheliegendes Bild zu verwenden - gewissermaßen am Denkmal weitergearbeitet wird. Ob daran weitermodelliert, also die Grundkonstruktion schon belassen wird, aber doch entscheidende Kontextierungen vorgenommen werden, wie im Beitrag von Ingo Schulz-Schaeffer, der den Kontroversen und Überschneidungen nachgeht, die sich in der Software-Entwicklung zwischen einem ingenieurwissenschaftlichen und einem designwissenschaftlichen Ansatz aufzeigen lassen. Dabei ist ihm wichtig, "Leitbild" als Konzept (im Anschluß u.a. an Andreas Knie) in weitere, globalere wie spezifischere Orientierungsmuster einzubetten, nämlich einerseits in globalere Konstruktionsmethodiken, die sich als sich langsam sedierende und bewährende Formen von Wissen einer Profession ansehen lassen; und andererseits in spezifischere Konstruktionsstile, die er als "lokale Formen der Lösungssuche" bezeichnet, was sich in firmentypischen Konstruktionsmethoden etwa äußern kann.
Im Vergleich dazu verfährt August Tepper sehr viel kritischer und konfrontativer mit dem Leitbild-Konzept, dazu ermutigt auf der Grundlage eines (mit Paetau und Mambrey) durchgeführten eigenen Projektes u.a. zur Geschichte des PC. Das wäre dann doch eher als Graben am Fundament einzustufen und läuft auf eine gründliche konzeptionelle Revision hinaus, nämlich Leitbild nicht als Bild aufzufassen, das leitet (wie es, seiner Meinung nach, Dierkes u.a. zu figurativ und kognitivistisch verstehen), sondern als eine kommunikative Erscheinung, die etwa entlang den Luhmannschen "generalisierten Kommunikationsmedien" konzeptualisiert werden könnte. Ein Leitbild wäre dann ähnlich wie "Reputation" im wissenschaftlichen Bereich ein Medium, in dem sich in kommunikativ verkürzender und effizienter Weise Macht- und Geltungsansprüche verhandeln ließen.
Als Beitrag zum Leitbild-Diskurs ist die Analyse von Hellige selbst, nämlich zur Entwicklung von Time-Sharing-Systemen, wieder anders angesetzt. Er analysiert eine breite Entwicklung, in deren Verlauf zunächst sehr technisch ausgerichtete Ideen entstehen, die dann immer weiter ausgebaut werden, dann zu Leitbildern ausformuliert werden (z.B. von Licklider) oder sogar zu Visionen (John McCarthy), die noch heute auf ihre Realisierung warten. Das ist sowohl als Technikgeschichte als auch als Soziogenese (und Pathogenese?) von Leitbildern spannend zu lesen. "Leitbilder" wären in dieser Auffassung nur eine der Figurationen, deren Entstehung durch bestimmte technische und soziale Strukturen begünstigt wird, Figuren, die auch untereinander in Konkurrenz treten können wie am MIT, wo die "Programmierer" eher pragmatische, die KI-Vertreter (Minski, McCarthy) eher hochfliegende Visionen verfolgten, wobei jedoch diese "hausinterne" Kontroverse beiden Seiten im Sinne einer, wie Seeger es nannte, "emergenten Rationalität" nützte, "... denn sie trieb die Pragmatiker über allzu konventionelle Entwürfe hinaus und bewahrte die KI-Vertreter vor einem zu starken Abdriften in die Irrealität" (S. 223).
Schließlich sei - auf dieser Diskursebene - noch der Beitrag von Ulrich Klotz angeführt, der in diesem Band sicher seinen berechtigten Platz hat, aber auch ohne das Leitbild-Konzept auskommen könnte. Denn es geht ihm (so auch die Einordnung, die Hellige selber vornimmt) um eher noch grundlegendere Orientierungen als sie im Leitbild-Konzept festgehalten sind, um paradigmatische Strömungen, in seiner Analyse um tayloristische und "verrichtungsorientierte", auf genaue Planung, auf Einteilung, Einweisung und Ausführung abstellende Modelle der Arbeitsorganisation im Bürobereich einerseits und um eher dem Prinzip des autonomen Handelns und der Selbstorganisation folgende Gestaltungsprinzipien andererseits. Deren informatischen Kern erkennt er in Ansätzen des "objektorientierten Programmierens". Diese scheinen ihm mehr als nur Programmieransatz zu sein:
"Objektorientierung ist weniger eine spezielle Programmierweise als vielmehr eine Methode der Komplexitätsreduktion, die in direktem Gegensatz zum vorherrschenden Prinzip der Funktionsteilung steht. Während funktionsorientierte Ansätze Komplexität durch Aufsplitterung in detaillierte Handlungsanweisungen zu beherrschen suchen, ist ein zentrales Merkmal der Objektorientierung, daß die einzelnen Objekte weitgehend autonom, auf selbstverantwortliche Weise ihre Aufgaben erledigen. Die Kommunikation zwischen den Objekten [sc. den einzelnen Arbeitenden als Individuen oder als Gruppen] enthält Aufforderungen was zu tun ist, nicht aber Handlungsanleitungen, wie etwas zu tun ist" (S. 61, Hervorh. i.O.).
Eine "anständige" Rezension könnte nun nach diesem zweifachen Durchgang die einzelnen Beiträge inhaltlich noch etwas näher charakterisieren, die jeweilige These herausarbeiten und vielleicht die eine oder andere kritische Anmerkung machen. Wir haben einen Teil der Beiträge der inhaltlichen Leserichtung, die andere Hälfte der diskursiven zugeschlagen. Selbstverständlich werden wir so dem jeweiligen Artikel nicht gerecht; jeder hätte noch Ergänzung verdient. Aber erstens gibt Hellige selbst eine gute Charakterisierung in seiner Einführung, und zweitens erscheint es mir im vorliegenden Kontext wichtiger, die Frage 'Leitbild-Assessment oder Folgenabschätzung' noch einmal aufzugreifen. Daß hier eher ein komplementäres denn ein konkurrierendes Verhältnis als sinnvoll erscheint, war u.a. Ergebnis einer Vortragsreihe, die von ITAS durchgeführt wurde (s. Anm. 2).
Aber daß das Ergebnis der Bestandsaufnahme gerade in diesem einleitend schon kommentierten Punkt der "konstruktiven Wende" des Leitbild-Assessments so ernüchternd ausfällt, scheint nun doch der Hervorhebung wert, denn es ginge ja auch, Leitbildbegriff hin oder her, um die Auslotung von Chancen, in aktuellen Technikdebatten am Leitbild-Diskurs mitzumischen.
Nicht nur Hellige ist in diesem Punkt sehr dezidiert, auch andere Beiträge kommen - in diesem Punkt - zu einem ernüchternden Ergebnis. So äußert sich Jeanette Hofmann zur Bildbarkeit von Leitbildern eher zurückhaltend, ja sie votiert ausdrücklich "wider die Verdinglichung von Technikentwürfen". "Die wechselseitige Verwobenheit von Artefakten und deren sinnbildlicher Bedeutung legt den Schluß nahe, daß die Erfolgschancen einer gezielten Entwicklung und Implementierung von Leit- oder Technikbildern für konkrete Technikfelder nicht sonderlich aussichtsreich sind" (S. 181).
Auch Ingo Schulz-Schaeffer kann zwar in bezug auf das Leitbild "Software-Engineering" etliche der postulierten Leitbild-Wirkungen belegen, aber sieht sie nicht in der "Bildhaftigkeit" begründet, sondern in der "rhetorischen Prägnanz einer Metapher". Dies ist in seinem entgegengesetzten Fall der "designwissenschaftlichen Ansätze" nicht so deutlich, ja es ist, was das praktische Vorgehen in Software-Projekten angeht (unter Rückgriff auf Ergebnisse von Weltz und Ortmann 1992) sogar von einer Doppelbödigkeit auszugehen: Vom Ansatz und vom Plan her wird so getan, als ob das gegebene Projekt eben planvoll und erfolgreich in Angriff genommen werden könne, im praktischen Vollzug kommen aber ungeplante Schleifen hinzu, und dies sei ein "nützlicher Widerspruch":
"Die Kombination dieser Orientierungsmuster bietet die Möglichkeit, die Vorteile eines geplanten Vorgehens zu nutzen, ohne anschließend an den Bedingungen tatsächlicher Unplanbarkeit zu scheitern" (S. 133). Läge, so gefragt, vielleicht die eigentliche Funktion von Leitbilddiskussionen darin, Illusionen von Steuerbarkeit zu erzeugen? Wie es immer ein Ziel von Kommunikation ist (sein muß), an die Möglichkeit weiter gelingender (aber unwahrscheinlicher) Kommunikation zu glauben?
Und die Autoren glauben an sich als Verleger? Der Band ist ohne Zweifel auch herstellungsmäßig, vom Satz und vom Layout her, von den Autoren gemacht worden, getreu dem im "elektronischen Publizieren" Mitte der achtziger Jahre so heftig propagierten Leitbild vom "Autor als Verleger" (s. Anm. 3).
Da Anmerkungen zur formalen und technischen Machart in Rezensionen ebenfalls ihren Platz haben, muß zumindest zu einigen formalen Mängeln etwas gesagt werden. So scheint in einigen Beiträgen (besonders häufig im abschließenden von Hellige selbst) die Texteinzugsmarkierung immer mal wieder verloren gegangen zu sein. Gelegentlich finden sich am Ende der Zeile solitäre Bindestriche, die ihres Verbindungswortes verlustig gingen. Zwischendurch (z.B. wenn Abbildungen in den Text eingebettet werden mußten) gibt es große weiße Löcher (z.B. im Beitrag von Klischewski). Bei Punkteaufzählungen (z.B. auf S. 206) scheint der Texteditor (oder der Autor oder der Verlag) vergessen zu haben, daß wir uns im Modus Blocksatz befinden (wir kennen das Problem). Generell sind die Vorder- und Rückseiten nicht zeilengenau gedruckt, so daß die zu lesende Zeile von einem grauen Rand eingebettet ist, der von der durchscheinenden Rückseite herrührt. ...
Anmerkungen
Rezension von Jürgen Kopfmüller, ITAS
In der nun schon seit einigen Jahren geführten Diskussion über Definition und Konzepte einer zukunftsfähigen Entwicklung ("Sustainable Development") spielt die Frage, welches Gewicht ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten beigemessen werden soll und wie diese im einzelnen operationalisiert werden können, eine wesentliche Rolle, ist aber zugleich auch heftig umstritten.
Um entsprechende Bewertungen vornehmen zu können, müssen jeweils geeignete Indikatoren sowie Referenz- und Zielwerte gefunden werden. Darüber, wie diese aussehen könnten oder müßten, gehen die Vorstellungen noch weit auseinander. Während im ökologischen Bereich mittlerweile ein Kriterien- und Indikatorenraster - wenn auch nur auf einer sehr grundsätzlichen Ebene - in bezug auf die Nutzungsraten erneuerbarer und nicht-erneuerbarer Ressourcen sowie auf die Belastung der Ökosysteme - einigermaßen im Konsens erarbeitet werden konnte, trifft dies für die Operationalisierung von "Wirtschafts- und Sozialverträglichkeit" nicht in entsprechendem Maße zu. Zwar werden in der Diskussion immer häufiger Begriffe wie "ökologische Umgestaltung der Industriegesellschaft", "ökologische Modernisierung", "ökosoziale Marktwirtschaft" oder "Nachhaltiges Wirtschaften" verwendet. Was dies jedoch konkret für die künftige Gestaltung der Wirtschaftspolitik oder auch für die Frage nach thematischen und methodischen Schwerpunkten in der Wirtschaftswissenschaft bedeutet und wie die hier zu kreierenden Leitbilder angesichts bisheriger und sich abzeichnender Entwicklungstrends aussehen und umsetzbar sein könnten, ist Gegenstand höchst kontroverser Debatten.
Die Tatsache, daß die Befürworter struktureller Umgestaltungen bislang wenig konkrete Vorstellungen präsentieren konnten, begünstigt letztlich das Beharrungsvermögen des Bestehenden und Vertrauten. Der bisher dominierenden Praxis folgend wird somit das Kriterium der "Wirtschaftsverträglichkeit" meist weitgehend mit dem der "Finanzierbarkeit" oder auch dem der "Wachstumsverträglichkeit" gleichgesetzt. Mit einer derart reduzierten Sicht der Ökonomie dürfte allerdings eine hinreichende Ursachenforschung der nicht zuletzt auch durch bestimmte ökonomische Mechanismen und Paradigmen verursachten Nicht-Zukunftsfähigkeit menschlicher Aktivitäten kaum möglich sein. Da Wirtschaftsverträglichkeit im Lichte der Zukunftsfähigkeitsdebatte in jedem Fall mehr bedeuten muß als das Sicherstellen der "Finanzierbarkeit" von Handlungsstrategien und das bloße Rezyklieren der seit Jahrzehnten praktizierten wirtschaftspolitischen und -wissenschaftlichen Ansätze, ist hier noch erheblicher Forschungs- und Handlungsbedarf vorhanden.
Mit dem vorliegenden Buch wollen die drei Autoren, die Mitarbeiter des Wuppertal-Instituts sind, einen Beitrag sowohl zur Konkretisierung dieses Bedarfs wie auch zur Beantwortung einiger Fragen leisten, indem sie versuchen, Voraussetzungen und Elemente einer in diesem Sinne zukunftsfähigen Ökonomie und ihrer Einbettung in die ökologische und die soziale "Säule" näher zu konkretisieren. Sie wollen Grundzüge einer "ökologischen Wirtschaftspolitik" skizzieren, mit der es möglich ist, dem von ihnen in der Einleitung des Buches so bezeichneten Dilemma der Wahl zwischen Scylla (einer möglichen ökologischen - und damit wohl auch wirtschaftlichen und sozialen - Katastrophe) und Charybdis (einem deswegen drohenden ökologischen Diktat unter Einengung individueller Freiheiten) zu entkommen.
Verdienstvoll ist dieses Vorhaben schon aus einem anderen Grund: Wirtschaftspolitik hat sich in den meisten Gesellschaften über Jahrzehnte hinweg zu einem, wenn nicht dem zentralen Politikbereich entwickelt, der in vielfältiger Weise auch die anderen Politikfelder beeinflußt. Er stellt damit einen zentralen Ansatzpunkt für Strategien einer zukunftsfähigen Entwicklung dar, was allerdings bislang kaum in entsprechenden Untersuchungen oder Politikansätzen Niederschlag gefunden hat.
Im ersten Teil des Buches skizzieren die Autoren zunächst ihr Verständnis von "Zukunftsfähigkeit", das eindeutig die ökologische Komponente in den Vordergrund stellt. Ausgehend von einer Beschreibung der unterschiedlichen sozioökonomischen Ursachen für die zu beobachtende globale Umweltkrise - externe Effekte, fehlende Eigentumsrechte und Informationsmangel als Ausdrucksformen von Marktversagen, Fehlorientierungen des technischen Fortschritts, nicht-angepaßte Lebensstile, exponentielles Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum - präsentieren sie als umweltpolitischen Lösungsansatz das Leitbild der Dematerialisierung. Mit diesem durch das Wuppertal-Institut bekannt gemachten Ansatz wird versucht, eine Antwort auf die in der Tat erkennbaren Probleme der traditionellen Umweltpolitik zu geben. Begründet wird er vor allem mit der Argumentation für eine handlungsorientierte Reduktion der Komplexität natürlicher Prozesse, für Ursachen- statt Symptombekämpfung und für das Vorsorge- bzw. Vorsichtsprinzip.
Auf die Ebene politischer Handlungsorientierung wird dieses Leitbild dann mit der ebenfalls aus anderen Arbeiten des Instituts schon bekannten "Faktor-10"-Formel gebracht: Angesichts der bestehenden Knappheit des "Umweltraums" (definiert als Gesamtheit der zur Verfügung stehenden Ressourcen und den ökosystemaren Tragekapazitäten) und der Verteilung seiner bisherigen Nutzung müssen die Industriestaaten ihre Stoffströme und Emissionen bis zur Mitte des nächsten Jahrhunderts um rund 90 % reduzieren, wofür erhebliche technische und auch soziale Innovationen erforderlich sein werden. Konzeptionelle Basis und Meßlatte hierfür ist MIPS, d.h. die zur Erstellung einer Dienstleistungseinheit benötigte Menge an Materialinput.
Über dieses ökologische Leitbild hinaus nennen die Autoren vier aus ihrer Sicht gesellschaftliche Grundwerte quasi als zusätzliche normative Ausgangspunkte einer ökologischen Wirtschaftspolitik: Entscheidungsfreiheit, Pluralismus, Demokratie und Gerechtigkeit (zwischen den Generationen wie auch innerhalb einer Generation). Gleichzeitig weisen sie auf die in diesem Zusammenhang möglichen Konfliktpotentiale hin. Zum einen können als Folge umweltpolitischer Maßnahmen durchaus ungerechtere, weniger demokratische und Freiheiten einschränkende Verhältnisse entstehen. Zum anderen wird eine effektive und die genannten Grundwerte berücksichtigende Umweltpolitik - je nach der Stringenz ihrer Anforderungen und der Form ihrer Umsetzung - nach den bisherigen Erfahrungen durch eine Reihe von Faktoren behindert: Beispielsweise durch Widerstände von den verschiedenen Akteuren aufgrund für sie unwägbarer Risiken, durch ungleiche Verteilung von Macht - und damit der Möglichkeit der Interessendurchsetzung - zwischen den Akteuren sowie durch die Schwierigkeit oder gar Unmöglichkeit, die Entwicklung der komplexen ökologischen und sozialen Systeme vorherzusehen und damit zu steuern. Damit beschreiben die Autoren das klassische und für die Umweltpolitik hier keineswegs neu erfundene Dilemma zwischen aus Problemen deduzierbaren Handlungsnotwendigkeiten und vorhandenen Steuerungsdefiziten.
Wie könnte nun ein Konzept aussehen, das im politisch-gesellschaftlichen Prozeß bestehen kann und das gleichzeitig der Komplexität ökologischer und sozioökonomischer Systeme gerecht wird, das also den Spagat zwischen erforderlicher Akzeptanz und ausreichender Wirksamkeit schafft? Geleitet von dieser Frage untersuchen die Autoren im zweiten Teil des Buches schon praktizierte und diskutierte wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Ansätze auf ihre Relevanz für die Umsetzung einer ökologischen Wirtschaftspolitik. Dabei richten sie ihren Blick zunächst auf die in der wirtschaftswissenschaftlichen und -politischen Debatte seit Jahrzehnten dominierende Neoklassik und ihre Standardwerkzeuge. Sie referieren die Kritik an den idealtypischen Steuer- und Verhandlungslösungen zur Internalisierung externer Effekte, an modifizierten Verwendungen der Kosten-Nutzen-Analyse bei Umweltproblemen und am Haftungsrecht. Wesentliche Ansatzpunkte dieser Kritik sind die angesichts mangelnder Daten und inhärenter Bewertungsprobleme unrealistische Vorstellung einer "allwissenden" staatlichen Planungs- bzw. Steuerbehörde sowie die Unmöglichkeit idealtypischer Verhandlungen zwischen involvierten Akteuren aufgrund fehlender Eigentumsrechte an der Natur und prinzipiell schwieriger Identifizierung von Verursachern und Geschädigten.
Auch den diskutierten ökologischen Erweiterungen dieser neoklassischen Umweltökonomie über die Festlegung von Belastungsgrenzen ("critical loads") von Ökosystemen oder über den Begriff des Naturkapitals (Gesamtbestand an Ressourcen und Tragekapazitäten der Ökosphäre), verbunden mit der Forderung nach dessen langfristiger Erhaltung, wird nur begrenzte Anwendbarkeit attestiert. Sie stoßen an Grenzen, die ihnen die Komplexität ökologischer Prozesse setzt und sie begünstigen eine Tendenz zu reaktiver Politik. Darüber hinaus ist die mit der Verwendung des Kapital-Begriffs quasi unterstellte Reproduzierbarkeit von Natur ebenso unrealistisch wie die Aufaddierbarkeit höchst unterschiedlicher ökologischer Komponenten zu einem "Gesamtkapital".
Dieser Gruppe von Ansätzen, die durch Informations- und Steuerungsoptimismus geprägter sind,stehen die sogenannten "laissez-faire"-Ansätze gegenüber, die es, in der Tradition von Adam Smith stehend, der "unsichtbaren Hand" des Marktes und dem möglichst freien Spiel seiner Kräfte (vor allem über den Preismechanismus) zuschreiben, eine für die Volkswirtschaft wohlfahrtsoptimale Koordination der Entscheidungen der einzelnen Akteure zu leisten. Anhand einer Skizzierung der "Chicago-School" und der österreichischen Schule der Nationalökonomie zeigen die Autoren die begrenzte, weil von zum Teil unrealistischen Annahmen ausgehende, Verwendbarkeit auch dieser Ansätze für Umweltprobleme auf: Beispielsweise sagen Preise in der Regel gerade nicht "von selbst" die ökologische und nicht immer die ökonomische "Wahrheit". Desweiteren wird der hier zugrundeliegende Technik- und Fortschrittsoptimismus als der Problemlage nicht ausreichend gerecht werdend kritisiert.
Schließlich werden die wesentlichen derzeit in den Wirtschaftswissenschaften diskutierten neueren Ansätze dargestellt, die zwar zumeist als Gegenentwurf zur traditionellen neoklassischen Vorgehensweise entwickelt wurden, nach Ansicht der Autoren jedoch eher als notwendige Ergänzung hierzu verstanden werden sollten: Die evolutorische Ökonomik betont die evolutorische Funktionsweise der Systeme Natur, Wirtschaft und Kultur sowie deren wechselseitige Beeinflussung und Abhängigkeit. Einschränkend ist hier festzuhalten, daß die traditionelle evolutorische Sichtweise, daß menschliches Handeln durch biologische, soziale und ökonomische Evolutionsprozesse determiniert ist, mit der täglichen Beobachtbarkeit rationalen und zweckgebunden geplanten Verhaltens der Individuen kollidiert. Demgegenüber schreibt die neue Institutionenökonomik die "Pfadabhängigkeit" gesellschaftlicher Entwicklung und menschlichen Verhaltens der Existenz formeller (z. B. Gesetze) und informeller Institutionen (z. B. Gewohnheiten), zu. Sie versucht, die Triebkräfte sozioökonomischen Wandels und die sozialen Muster menschlichen Verhaltens zu beleuchten, um strukturelle Erklärungen für umweltschädigendes Verhalten zu finden. Die ökologische Ökonomie wiederum will die Wirtschaftswissenschaft vor allem auf ihre ökologischen Grundlagen konzentrieren. Unter weitgehender Vernachlässigung sozioökonomischer Aspekte wird hier die Bedeutung des Niveaus wirtschaftlicher Aktivität und seiner ökologischen Begrenztheit hervorgehoben.
Aus diesen Überlegungen folgern die Autoren zweierlei: Zum einen existiert kein umweltpolitischer Ansatz und kein Instrumentarium, das für sich alleine ausreichende Wirksamkeit erzielen könnte. Alle Ansätze weisen Vorzüge, aber auch deutliche Nachteile auf. Diese Erkenntnis ist zwar keineswegs neu, verdient jedoch zumindest angesichts der sie noch häufig ignorierenden wirtschaftswissenschaftlichen Debatte wiederholte Erwähnung. Zum anderen stößt die ökonomische Analyse spätestens bei der Erarbeitung politischer Handlungsempfehlungen an Grenzen. Die Autoren blicken daher in einem - allerdings sehr kurzen und selektiven - Ausflug über den wirtschaftswissenschaftlichen Tellerrand hinaus auch auf andere sozialwissenschaftliche Disziplinen. Sie greifen dabei drei sehr unterschiedliche Ansätze heraus: aus der Psychologie die "Logik des Mißlingens" von Dietrich Dörner, die sich mit dem Entscheidungs- und Lernverhalten von Individuen befaßt; aus der Soziologie zum einen die Theorie autopoietischer sozialer Systeme (Hauptvertreter Niklas Luhmann), die besagt, daß Gesellschaften systembedingt nur begrenzt in der Lage sind, auf ökologische Gefährdungen zu reagieren, und zum anderen den Risikogesellschaft-Ansatz von Ulrich Beck, der infolge zunehmender Sensibilisierung durch das Eintreten von Umweltkatastrophen auf eine wachsende Mobilisierung und Politisierung der Bevölkerung setzt.
Die Autoren machen mit diesem "Ausflug" deutlich, daß die Ausdehnung des Blicks auf die Sozio-Ökonomie zweifelsohne unerläßlich ist, um die Realisierungsbedingungen und -möglichkeiten einer reformerischen Umweltpolitik adäquat analysieren und umsetzen zu können. Sie verkennen allerdings ebensowenig, daß der hier unternommene Versuch, Methoden und Ansätze auf einem realistischeren Menschen- und Gesellschaftsbild zu fundieren als dies in der (neoklassischen) Ökonomie der Fall ist, ebenfalls an Grenzen stößt. Diese werden beispielsweise in der Fülle und Komplexität der Informationen und Erkenntnisse gesehen, die dadurch kaum noch faßbar, strukturierbar und in zielführende Bahnen lenkbar sind. Probleme werden auch gesehen, die einzelnen an bestimmten Komponenten (gesellschaftliche Subsysteme, Funktionsbereiche, Institutionen oder Akteure) ansetzenden Theorien zweckdienlich zusammenzuführen.
Ausgehend von den Überlegungen der ersten beiden Teile versuchen die Autoren dann im dritten und letzten Teil, Lösungsansätze einer ökologischen Wirtschaftspolitik aufzuzeigen, die sich in dem Spannungsfeld zwischen (Um)Steuerungserfordernissen und grenzen bewegt. Sie gehen hierfür von zwei strategischen Grundprinzipien aus: der schon erwähnten Dematerialisierung und der Errichtung von (ökologischen) "Leitplanken" für die sozioökonomische Entwicklung, innerhalb derer eine Gesellschaft langfristig umweltverträglich agieren kann. Im Zusammenhang mit dem Dematerialisierungsleitbild weisen die Autoren der gesellschaftlichen Akzeptanz und der Kompatibilität mit bestehenden informellen Institutionen zentrale Bedeutung zu. Sie nennen einige Elemente, die sie in diesem Sinne für erforderlich und geeignet halten. Diese reichen von der Überzeugungsarbeit in Richtung einer Überwindung persistenter, dem Leitbild entgegenstehender Institutionen, über die Verbesserung von Informationsgrundlagen zur Materialintensität von Produkten, die Installierung der Dematerialisierung als ein neues, mit dem Gewinnstreben kompatibles Unternehmensleitbild bis hin zu neuen Wohlstandsmodellen, die davon ausgehen, daß technische Ansätze zur Lösung der Umweltprobleme nicht ausreichen werden. Mit Blick auf die erforderlichen Wertewandelprozesse zur Realisierung einer Umgestaltung der Konsumgesellschaft weisen die Autoren der Politik nur eine begrenzte Rolle zu. Vielmehr gehe es darum, Wege zu finden, auf denen ein gesellschaftlicher Wohlstand realisierbar ist, der die Sicherung natürlicher und sozioökonomischer Entwicklungsbedingungen ermöglicht, der jedoch von den Akteuren nicht mit "Verzicht", "Askese" oder "Enthaltsamkeit" assoziiert wird. Das Leitbild der Dematerialisierung halten sie für das Bestgeeignete, um diesen Wertewandel bei Verbrauchern, Produzenten und Politikern anzustoßen.
Nach Auffassung der Autoren muß dieses Leitbild durch "ökologische Leitplanken" ergänzt werden, die eine Zielorientierung für die Schaffung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen bieten sollen, mit denen ein - prinzipiell nicht "planbarer" - ökologischer Strukturwandel induziert werden soll. Über die "Faktor-10"-Formel sollen Regeln innerhalb eines Ordnungsrahmens vorgegeben werden, an denen sich die Akteure orientieren können, um wirtschaftliches und umweltfreundliches Verhalten zu verknüpfen.
Bei ihrer Betrachtung von Maßnahmen und Instrumenten einer strukturwandel-orientierten ökologischen Wirtschaftspolitik richten die Autoren ihren Blick neben den bekannten Anreizmechanismen über Steuern, Subventionen oder Zertifikate vor allem auf den weiten Bereich derzeit diskutierter und mitunter praktizierter Ansätze zur Unterstützung freiwilliger Verhaltensänderungen und Vereinbarungen: etwa über eine verbesserte Informationsbasis für die Akteure zu leitbild-adäquatem Verhalten; über die Durchführung Öko-Audits auf Unternehmensebene; über die Erziehung und die verschiedenen Formen der Weiterbildung; über eine umfassendere Verantwortung der Hersteller für ihre Produkte oder auch über Kooperations- und Verhandlungsmechanismen zwischen verschiedenen Akteuren. Die immer wieder gestellte Frage nach dem "besten" Instrument wird auch hier - sinnvollerweise - mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit eines problem- oder sektorspezifischen Instrumenten-Mix beantwortet.
Entscheidend für eine zielführende Realisierung einer ökologischen Wirtschaftspolitik in Richtung unternehmerischer Innovationen und verändertem Verbraucherverhalten ist für die Autoren schließlich das Vorhandensein von Bedingungen, die prinzipiell Handlungsfreiräume für die Akteure fördern: Dies umfaßt ökonomische Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten für Unternehmen (z.B. Förderung der Innovationsfähigkeit, Stabilisierung der Erwartungen, ausreichender Wettbewerb) und Konsumenten (vor allem über bessere Informationen zu Produkten), politisch-demokratische Freiräume (etwa mehr Mitbestimmung bei betrieblichen Entscheidungsprozessen oder gesellschaftliche Diskurse) sowie soziale Freiräume (vor allem durch eine Neugestaltung der sozialen Sicherungssysteme über Grundeinkommen oder eine Neubewertung von Erwerbs- und Nicht-Erwerbs-Arbeit).
Mit diesen eher grundsätzlichen Andeutungen in bezug auf notwendige Rahmenbedingungen wird ein Buch abgeschlossen, dessen Verdienst zweifellos vor allem darin besteht, einem relativ breiten Publikum in weitgehend allgemeinverständlicher Sprache das Beziehungsgeflecht zwischen Ökonomie und Ökologie und insbesondere zwischen Wirtschafts- und Umweltpolitik näher zu bringen und dies mit Vorschlägen zu ihrer problemadäquaten Verknüpfung zu verbinden. Es werden Indikatoren, Ziele, Maßnahmen und Rahmenbedingungen einer Politik zur Einleitung einer zukunftsfähigen Entwicklung angesprochen. Mit ihren Vorschlägen zu einer "ökologischen Wirtschaftspolitik" haben die Autoren versucht, einen Markstein in relativem Neuland innerhalb der Debatte um die erforderlichen politischen Handlungsstrategien einer solchen Entwicklung zu setzen.
An dieser Stelle sind allerdings auch einige kritische Anmerkungen notwendig. Sie beziehen sich vor allem auf zwei Punkte. Zum einen kommt, gemessen an den in Titel und Vorwort des Buches zumindest geweckten Hoffnungen, Grundlagen für ein umsetzbares Konzept einer ökologischen Wirtschaftspolitik vorzustellen, die Beschreibung oder Diskussion konkreter Lösungsansätze und Umsetzungsbeispiele vergleichsweise zu kurz. Es zeigt sich an vielen Stellen, daß der alleinige Hinweis auf die Koordinierungsfähigkeiten der Marktwirtschaft oder die mehrfach betonte Hoffnung auf die Innovationskraft des "dynamischen Unternehmers" zu kurz greifen und zu einfach gestrickt sind, um nicht zuletzt angesichts der auch in dem Buch mehrfach betonten realen Komplexitäten adäquate Strategien entwickeln zu können. Über die - ohne Zweifel sinnvolle - Forderung einer engen Verzahnung und Integration von Umwelt- und Wirtschaftspolitik hinaus sagen die Autoren beispielsweise wenig dazu, wie dies in der gegenwärtigen Praxis föderaler Politikstrukturen und weitgehend auf Einzelfragen ausgerichteter Kompetenzen und Zuständigkeiten realisiert werden könnte.
Zum anderen sind keineswegs alle Vorschläge der Autoren zur Entwicklung oder zum Abbau umweltpolitischer Regelungen gänzlich unumstritten. Dies trifft zunächst für die Kernthese des Buches zu: die prinzipielle Reduzierung der "ökologischen Wirtschaftspolitik" auf den Dematerialisierungsansatz. Es lassen sich relativ leicht zahlreiche Beispiele dafür finden, daß der ausschließliche Blick auf die Materialintensität bei tagespolitischen Entscheidungen über bestimmte Handlungsalternativen nicht immer zu eindeutigen oder "richtungssicheren" Ergebnissen führen muß. So würde der MIPS-Indikator etwa eine klare Präferenz für ein ölbefeuertes Blockheizkraftwerk ausweisen mit einem stündlichen Ölverbrauch von einer Tonne im Vergleich zu einem holzbefeuertem Kraftwerk mit einem Verbrauch von vier Tonnen Holz und einer deutlich größeren Feuerungsanlage. Im Hinblick auf das CO2-Problem würde jedoch die Präferenz genau umgekehrt lauten. Darüber hinaus könnte ein solcher Indikator z.B. nicht zwischen Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft und Raubbauholz unterscheiden (zur ausführlicheren Kritik dieses Ansatzes vgl. U. Jeske/J. Kopfmüller, D. Wintzer: Rezension des Buchs von Friedrich Schmidt-Bleek "Wieviel Umwelt braucht der Mensch? MIPS - Das Maß für ökologisches Wirtschaften", in: TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 1/2 1995, S. 11-16).
Desweiteren ist zumindest fraglich (und auch von den Autoren erwartungsgemäß nicht bewiesen), daß eine derartig stringente "Leitplanke" des Reduktionsfaktors 10, im Sinne einer breiten gesellschaftlichen Akzeptanz und angesichts der - auch von den Autoren eingeräumten - wissenschaftlichen Unsicherheiten, die adäquate Strategie ist. Es ist weder im Detail überprüft, ob eine Reduktion der Stoffverbräuche um 90 % in den nächsten 50 Jahren in den Industriestaaten dort bzw. global gesehen ohne erhebliche gesellschaftliche Verwerfungen möglich ist, noch, von welcher Art und Intensität solche Verwerfungen im einzelnen sein könnten. Die bis heute beobachtbare Praxis zeigt, daß die Vorstellung der Autoren, mit einer Freiräume vergrößernden Umweltpolitik könnten auch Gestaltungsspielräume etwa in der Beschäftigungs- oder Sozialpolitik eröffnet werden, häufig daran scheitert, daß die Akteure ihre Entscheidungen selten mit dem Ziel der Verknüpfung oder Abwägung der drei "Säulen" treffen. Darüber hinaus sind auch viele Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge wenig bekannt. So sind etwa zumindest die mittel- und langfristigen Beschäftigungseffekte bestimmter umweltpolitischer Initiativen in der Wissenschaft erheblich umstritten. Darüber und über hierfür diskutable neue Denkansätze wäre eigentlich zunächst ein breiter gesellschaftlicher Diskussionsprozeß notwendig, der bislang noch kaum stattgefunden hat.
In den Vorschlägen der Autoren zur Realisierung dieser Dematerialisierung wird insbesondere auf die Bedeutung von Information, Wissen und Überzeugungsarbeit hingewiesen, allerdings meist im allgemeinen verbleibend. Im Zusammenhang mit den geforderten "neuen Wohlstandsmodellen" bleibt es etwa bei Formulierungen wie "Suche nach dem adäquaten gesellschaftlichen Rhythmus", der zwischen Beschleunigung und Entschleunigung bestimmter Aktivitäten oder zwischen ökologischer Angepaßtheit und Vermeidung von langweiligem Leben gefunden werden müsse. Konkretere Beispiele wären hier - sofern überhaupt möglich - hilfreich gewesen, der Vorstellungskraft der Leser auf die Sprünge zu helfen.
Im Zusammenhang mit dem Dematerialisierungsaspekt ist schließlich zu bemängeln, daß die Autoren den globalen Aspekt dabei gänzlich aus den Augen verloren haben. Eine im Sinne der Dematerialisierung erfolgreiche Politik in den Industriestaaten - d.h. eine drastische Verringerung der Stoffverbräuche - würde in zahlreichen, vorwiegend von den Erträgen aus Rohstoffexporten lebenden, Entwicklungs- und Schwellenländern zu teilweise existentiell bedrohlichen Einkommensausfällen führen. Ohne entsprechende, von den Industriestaaten zu tragende, Ausgleichsmaßnahmen würde dies zu erheblichen Problemen in diesen Ländern führen, mit der Folge vielfältig möglicher Rückwirkungen auf die Industriestaaten (Wanderungsbewegungen, Zusammenbrüche von Märkten usw.).
Angesichts der an vielen Stellen deutlich werdenden Schwerpunktsetzung des Buches auf Umweltaspekte behandeln die Autoren eigentlich eher das Thema "Umweltpolitik in der Marktwirtschaft" als "ökologische Wirtschaftspolitik". Um diesem Titel auch im eingangs angedeuteten analytischen Sinne angemessen Rechnung zu tragen, müßte jedoch der Blick wesentlich intensiver auf Funktion und Verwendung der real existierenden wirtschaftspolitischen Parameter und Paradigmen gerichtet werden. Einerseits werden zentrale wirtschaftspolitische Felder wie die Finanz-, Arbeitsmarkt-, Wettbewerbs- oder Handelspolitik kaum oder wenig differenziert thematisiert (beispielweise wird ein möglichst ungehinderter Wettbewerb gefordert, ohne die längst bekannten, durchaus auch potentiell ökologisch problematischen, Verdrängungs- und Konzentrationseffekte auf den Märkten ins Kalkül zu ziehen). Möglichkeiten, Notwendigkeiten, Effekte und Probleme einer Strukturpolitik werden ebenfalls nicht angesprochen. Dies mag dem Credo der Autoren entspringen, staatliche Aktivitäten möglichst gering zu halten, gerade die aktuellen Beispiele des Kohle- oder Stahlsektors zeigen jedoch, wie sehr wirtschaftliche, ökologische und soziale Komponenten miteinander verwoben sind und wie begrenzt ihre Koordinierung alleine dem Marktmechanismus überlassen bleiben kann. In diesem Zusammenhang ist generell festzustellen, daß bei den Autoren kein konsistentes Verständnis der Funktion und Eingriffstiefe von Politik erkennbar ist. Dem häufig propagierten Paradigma einer möglichst zurückhaltenden Politik steht z.B. entgegen, daß die Innovationsfähigkeit von Unternehmen oder der Wettbewerb auf Märkten gefördert werden sollen, wofür sehr gezielt aktive Politik erforderlich ist.
Andererseits werden bislang dominierende ökonomische Paradigmen zu wenig oder nur implizit thematisiert und hinterfragt. Dies gilt etwa für den Freihandel in seiner gerade auch ökologischen Relevanz, die Globalisierung von Produktion, Konsum und Dienstleistungen im allgemeinen oder auch das Wachstumsparadigma. Das in den 1960er Jahren geschaffene sogenannte Stabilitätsgesetz, das mit seinem "magischen Zielviereck" (angemessenes Wirtschaftswachstum, Preisniveaustabilität, Vollbeschäftigung und Aussenhandelsgleichgewicht) zugleich einen wesentlichen Eckpfeiler der Wirtschaftspolitik, für viele aber auch einen Ausgangspunkt für manche der heutigen Probleme darstellt, findet keine Erwähnung. Ein weiteres Beispiel für das zwar notwendige, aber noch ungenügend operationalisierte Ansetzen an Institutionen: Zwar besteht mittlerweile weitgehender Konsens darüber, daß die jahrzehntelange Praxis, das Bruttosozialprodukt (BSP) als entscheidenden Indikator für gesellschaftlichen Wohlstand und Entwicklung zu verwenden und daran Politik zu orientieren, unzureichend ist. Umstritten ist jedoch, wie eine Erweiterung des BSP um andere ökonomische sowie um ökologische und soziale Kriterien zu gestalten und zu institutionalisieren wäre. Die bisher hierzu vorliegenden Arbeiten lassen tendenziell erst in weiterer Ferne liegende Ergebnisse erwarten.
In der Frage geeigneter Instrumente zur Umsetzung von Maßnahmen in Richtung einer zukuftsfähigen Entwicklung plädieren die Autoren zwar für einen ökologischen "Instrumentenmix", der sich allerdings auf preispolitische bzw. marktwirtschaftliche Instrumente veränderter Anreizstrukturen (Steuern, Subventionen oder Zertifikate) sowie die Unterstützung freiwilliger Maßnahmen beschränkt. Die nach den bisherigen Erfahrungen und Experteneinschätzungen relativ preisunelastischen Bereiche Verkehr oder Energieverbrauch sind typische Indizien dafür, daß selbst für den Fall, die ökologisch "wahren Preise" wären ermittelbar, ein problem- und sektorangepaßter Instrumentenmix auch die Palette ordnungsrechtlicher Regulierungskomponenten enthalten muß.
Weitgehend unbehandelt bleibt leider auch die naheliegende Frage, in welcher Form oder zu welchen Fragestellungen die verschiedenen skizzierten traditionellen und neueren wirtschaftswissenschaftlichen Ansätze zusammengeführt werden könnten bzw. welche Rolle einer dergestalt modifizierten Ökonomik innerhalb politischer oder gesellschaftlicher Entscheidungsprozesse zukommen könnte. Hierzu wären vertiefte Überlegungen notwendig.
Insgesamt festzuhalten bleibt also: Die von den Autoren vorgelegten Vorschläge für eine "ökologische Wirtschaftspolitik" sind in jedem Fall eingehender in Hinblick auf ihre Voraussetzungen, Folgen und ihre Angemessenheit zu diskutieren. Dies dürfte auch im Interesse der Autoren liegen. Dergestalt verstanden als Anstoß zu Diskussion und weiterer Forschung und im Sinne der zweifelsfrei notwendigen Erweiterung eines bislang eingeschränkten Blickwinkels kommt dem vorliegenden Buch maßgebliche Bedeutung in der Debatte um eine praktikable Operationalisierung von "Sustainable Development" zu.
Beiträge des ZEW, Mannheim, zur Nachhaltigkeitsdebatte
aus wirtschaftswissenschaftlicher Sicht
Rezension von Sigrid Klein-Vielhauer, ITAS
Autoren des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim, haben Anfang 1997 ein Buch veröffentlicht, das die vollständigen Fassungen von zwei Gutachten enthält, die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft im Zeitraum von September 1995 bis April 1996 erstellt wurden. In weiteren Veröffentlichungen der ZEW-Autoren sind auch kürzere Fassungen dieser beiden Gutachten zu finden (siehe die Angaben am Ende dieser Rezension).
Die beiden Gutachten im Überblick
Das erste Gutachten (Klaus Rennings, Henrike Koschel, Karl Ludwig Brockmann, Isabel Kühn, "Ordnungspolitische Grundregeln einer Politik für eine nachhaltige zukunftsverträgliche Entwicklung: Ziele, Institutionen und Instrumente"; Teil I der Buchveröffentlichung) stellt eines von insgesamt fünf vom Bundeswirtschaftsministerium parallel vergebenen Gutachten dar. Deren Aufgabe war es auszuloten, inwiefern das primär auf Umweltfragen bezogene Thema Nachhaltigkeit verstärkt im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Fragestellungen und speziell mit solchen zur Wirtschaftsordnung bzw. zur Marktwirtschaft gesehen werden könnte. In dem Gutachten des ZEW geht es um die Frage, welche Beiträge die - Theorie der - Ordnungspolitik zur Unterstützung des Nachhaltigkeitsziels leisten kann, vorausgesetzt, Nachhaltigkeit wird als ein übergeordnetes Ziel gesamtgesellschaftlich anerkannt. Die Studie arbeitet somit verschiedene ordnungspolitische Anforderungen an die Ökologie heraus. Dabei ist Ordnungspolitik als spezieller Zweig der Wirtschaftswissenschaften bzw. der Wirtschaftspolitik im Unterschied zur Prozeß- oder zur Allokationspolitik als einer speziellen Prozeßpolitik zu verstehen. Während sich die Ordnungspolitik mit grundlegenden Fragen des Wirtschaftssystems und speziell der sozialen Marktwirtschaft befaßt, geht es bei der Allokationspolitik um Fragen des effizienten Ressourceneinsatzes bzw. der Bedingungen von Produktions- und Konsumentscheidungen. Die Begriffe ordnungspolitisch oder Ordnungspolitiker verweisen darauf, daß hier die marktwirtschaftliche Ordnung im Zentrum der Betrachtungen steht. Ordnungspolitik darf insofern keinesfalls verwechselt werden mit dem Begriff des Ordnungsrechts, das sich auf staatliche Ver- und Gebote bezieht. Leider wird im Schrifttum statt ordnungsrechtlich oder ordnungsrechtpolitisch fälschlich auch der Begriff ordnungspolitisch verwandt.
Das zweite Gutachten (Klaus Rennings, Karl Ludwig Brockmann, Heidi Bergmann, "Ordnungspolitische Bewertung freiwilliger Selbstverpflichtungen der Wirtschaft im Umweltschutz"; Teil II der Buchveröffentlichung) bot als Folgeauftrag die Gelegenheit, das u.a. im ersten Gutachten entwickelte Prüfschema zur Bewertung umweltpolitischer Maßnahmen auf die freiwilligen Selbstverpflichtungen als ein in der aktuellen Umweltpolitik weit verbreitetes Instrument anzuwenden. In den drei umweltpolitischen Bereichen Klimaschutz, Förderung der Kreislaufwirtschaft und Förderung integrierter Umwelttechnik werden insgesamt fünf Fälle freiwilliger Selbstverpflichtungen näher untersucht und als Grundlage generalisierender Schlußfolgerungen verwendet.
Da bereits in den TA-Datenbank-Nachrichten vom Oktober 1996 über das zweite Gutachten zum Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtungen berichtet wurde, soll im weiteren hierauf nur in knapper Form eingegangen werden.
Ordnungspolitisch orientierte Beiträge der Wirtschaftswissenschaften zur Nachhaltigkeitsdebatte
Das auf allgemeine ordnungspolitische Grundfragen ausgerichtete Gutachten stellt eingangs fest, daß die neuere Umweltökonomie, die sog. ökologische Ökonomie, sich weitgehend dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung verschrieben hat, bei dem Ziele, Kriterien sowie Indikatoren und deren Ableitung eine große Rolle spielen. Die ökologische Ökonomie steht damit im Gegensatz zur traditionellen Umweltökonomie, die sich vornehmlich um Allokationsfragen im Hinblick auf das generelle Wohlfahrtsoptimum in der Volkswirtschaft ohne explizite Diskussion eigenständiger umweltbezogener Ziele kümmert. Das Gutachten geht von der Prämisse aus, daß die Theorie der Ordnungspolitik in der Tradition von Walter Eucken und Alfred Müller-Armack (Freiburger Schule) fähig und verpflichtet ist, zu Fragen wie der Ableitung ökologischer Ziele ihren Beitrag zu leisten.
Die Möglichkeiten ordnungspolitisch geprägter Beiträge zur Nachhaltigkeitsdebatte sehen die Gutachter auf vier bis fünf Ebenen:
Hinsichtlich der Zielableitung und -legitimierung wird sowohl vor einer verengten Operationalisierung des umweltbezogenen Nachhaltigkeitsziels als auch vor einer Vernachlässigung der Ziele der Ökonomie- und Sozialverträglichkeit im Gesamtansatz gewarnt. Derart Ökologie-, Ökonomie- und Sozialverträglichkeit integrierende Modelle werden als "neue Wohlstandsmodelle" bezeichnet, sie sind nur begrenzt objektivierbar und müssen daher Gegenstand gesellschaftlicher bzw. politischer Diskussionen sein. Der Ableitung von Zielgrößen einer nachhaltigen Entwicklung aus dem Umweltraumkonzept werden mehr Chancen zugeordnet als der Suche nach neuen Wohlfahrtsmaßen im Rahmen der Umweltökonomischen Gesamtrechnung. Möglichst differenzierte, schutzzielbezogene Kennziffern (=Umweltqualitätsindikatoren) sollten entwickelt werden. Neben dem dabei zu beachtenden Grundsatz der Erforderlichkeit sollte die Formulierung von Nachhaltigkeitszielen auch dem Postulat der Maximierung von - ökonomischen - Freiheitsgraden gerecht werden. Die aus diesen Grundsätzen abgeleiteten Ziele werden als ordnungspolitisch legitimierbar angesehen, denn es wird zugestanden, daß der Markt aus sich selbst heraus die Erhaltung der ökologischen Tragfähigkeit nicht garantieren kann. Der Vorwurf eines hiermit verbundenen Einstiegs in die Ökodiktatur wird zurückgewiesen.
Die institutionelle Umsetzung ist prinzipiell als durch das ambivalente Verhältnis von Äquivalenz- und Subsidiaritätsprinzip geprägt zu sehen. Während das Äquivalenzprinzip Institutionen mit einer Reichweite entsprechend der Reichweite der Problemlage fordert, sollte nach dem Subsidiaritätsprinzip die jeweils niedrigste betroffene institutionelle Ebene zur Umsetzung einer Politik der Nachhaltigkeit in Aktion treten. Statt neuer wird die Stärkung bereits bestehender Räte empfohlen, genannt werden der Sachverständigenrat für Umweltfragen, der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage und die Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt". Auf Aspekte der institutionellen Neugestaltung der globalen Umweltpolitik wird insbesondere unter Verweis auf prinzipiell in Frage kommende UN-Organisationen und die Welthandelsorganisation (World Trade Organization, WTO) eingegangen.
Zur Bewertung umweltpolitischer Instrumente aus ordnungspolitischer Sicht
Diesbezüglich ist auf drei nicht leicht voneinander trennbare Elemente des Gutachtens zu verweisen, das Prüfraster, die Instrumentenkategorisierung und die eigentliche Bewertung der Instrumente bzw. Instrumententypen.
Das Prüfraster besteht im wesentlichen aus den folgenden Kriterien bzw. Kriteriengruppen:
Besonderer Wert wird auf die Abschätzung der - zu erwartenden - Auswirkungen eines realen und nicht eines idealtypischen Instruments gelegt. Weiterhin sind ins Kalkül mit einzubeziehen: die jeweilige Problemlage, z.B. Art des umweltpolitischen Bereichs und Grad der in ihm bereits erreichten staatlichen Regelungstiefe), der Reaktionsbedarf (Gefahrenabwehr und/oder Risikovorsorge), die Art des vorliegenden Marktversagens (externe Kosten, Inflexibilität, Informationsmängel) und der Grad der Informiertheit über mögliche Umweltschäden.
Die Kategorisierung der Instrumente erfolgt in Anlehnung an eine Veröffentlichung der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" von 1994 (Die Industriegesellschaft gestalten - Perspektiven für einen nachhaltigen Umgang mit Stoff- und Materialströmen). Die erste Kategorie umfaßt die ordnungsrechtlichen Instrumente. Sie werden unterteilt in Unterlassungsauflagen (Verbote) und Verwendungsauflagen (Gebote). Zur zweiten Kategorie der ökonomischen Instrumente werden Umweltabgaben, Umweltzertifikate und Umweltsubventionen einerseits ("mit staatlichem Bewirtschaftungskonzept") und Privatisierungsmodelle sowie Umwelthaftungsrecht (Gefährdungs- und Verschuldenshaftung) andererseits ("ohne staatliches Bewirtschaftungskonzept") gezählt. Mit ihnen soll grundsätzlich dem Verursacherprinzip Genüge getan werden.
Es kann befremden, daß die Subventionen hier mit zu den ökonomischen Instrumenten gerechnet werden. Rein theoretisch können sie zwar auch als positives Pendant zu den Emissionsabgaben angesehen werden, faktisch jedoch stellen sie vor allem finanzielle Leistungen und Vergünstigungen für die Verursacher von Umweltschäden dar. Die Zuordnung in den Tabellen 5 und 6 des Gutachtens ist eindeutig. Im Text selbst (z.B. S. 83, S. 111) werden hierzu Vorbehalte angemeldet. M.E. ist es zu bedauern, daß die Subventionen nicht einer eigenen Kategorie zugeordnet und eindeutig von den ökonomischen Instrumenten unterschieden werden.
Die dritte Kategorie der umweltpolitischen Instrumente umfaßt informatorische, organisatorische und freiwillige Instrumente. Ihre Zusammensetzung ist nur verständlich, wenn sie als Restsammelposten gekennzeichnet wird, der jene Instrumente umfaßt, die nicht dem ordnungsrechtlichen oder dem ökonomischen Typ entsprechen.
Das Ergebnis der Bewertung der Instrumente durch die ZEW-Autoren läßt eine gewisse Bevorzugung der Umweltabgaben und -zertifikate aus ordnungspolitischer Sicht erkennen. Auf die mit ihnen verbundene Notwendigkeit staatlicher Bewirtschaftungskonzepte, d.h. von Entscheidungen über zulässige Umweltnutzungen und deren Verteilung, wird von den Autoren des Gutachtens selbst verwiesen. Die prinzipiell begrenzte Eignung der ordnungsrechtlichen Instrumente wird dargestellt. Das Instrument Haftungsrecht ist je nach Ausgestaltung als eigenständiges oder auch nur als das Ordnungsrecht ergänzendes Instrument einsetzbar. Informatorische und organisatorische Instrumente werden als generell ordnungspolitisch vorteilhafte Instrumente bezeichnet. Die mit dem umweltpolitischen Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtungen verknüpften Zweifel beziehen sich auf mangelnde ökonomische Effizienz und erhebliche Umsetzungsschwierigkeiten (Kontrollprobleme). Als "selbständig einsetzbare" Instrumente werden die ordnungsrechtlichen Auflagen, Umweltabgaben und -zertifikate sowie freiwillige Selbstverpflichtungen bewertet. Der Status von eher flankierenden Instrumenten wird den Subventionen, den Instrumenten der Innensteuerung (organisatorische Instrumente) sowie den informatorischen Instrumenten zugeordnet.
Zur Bewertung des Instruments freiwilliger Selbstverpflichtungen im Rahmen des zweiten ZEW-Gutachtens
Das zweite Gutachten versteht sich als eine primär anwendungsbezogene Arbeit, indem das im ersten Gutachten entwickelte ordnungspolitische Prüfraster für umweltpolitische Instrumente auf fünf konkrete Fälle bzw. Fallbereiche freiwilliger Selbstverpflichtungen untersucht wird:
Die Fallbeispiele zeigen, daß es in konkreten Bereichen häufig eine Serie von zeitlich aufeinanderfolgenden freiwilligen Selbstverpflichtungen der Industrie gibt, die häufig noch durch den Einsatz anderer umweltpolitischer Instrumente und durch sich ohnehin abzeichnende technische Entwicklungen ergänzt werden. Der Anteil der freiwilligen Selbstverpflichtungen oder sogar einer einzelnen Selbstverpflichtung an den Zielerreichungsgraden kann nicht ohne weiteres isoliert werden. Die technischen und umweltpolitischen Ausgangsverhältnisse bei den einzelnen Bereichen, zu denen die Selbstverpflichtungen formuliert wurden, können sehr unterschiedlich sein.
Verschiedene wichtige methodisch-konzeptionelle Gemeinsamkeiten lassen sich aber aus den Fallbeispielen ableiten. Freiwillige Selbstverpflichtungen beruhen auf politischen Verhandlungen zwischen Staat und Wirtschaftsverbänden. Sie können zwar zu Recht als Verkörperungen der Kooperations-, Konsensbildungs- und Tauschprinzipien bezeichnet werden. Ihre Hauptcharakteristik ist aber der dominante Einfluß der Wirtschaftsverbände und ihre wesentliche Eigenschaft dürfte mit dem Begriff des korporatistischen Ansatzes zutreffend beschrieben sein. Wegen des geringen staatlichen Einflusses beim Einsatz des Instruments der freiwilligen Selbstverpflichtungen wird dieses auch als "weiches" Instrument bezeichnet.
Die freiwilligen Selbstverpflichtungen können einen hohen Durchsetzungs- und Kontrollaufwand bei den Mitgliedsunternehmen verursachen. Wenn dieser Aufwand nicht betrieben wird, bleibt dieses Instrument relativ wirkungslos. Oder das Instrument erreicht seinen angestrebten Zweck, indem es sich auf zu anspruchslose Ziele stützt. Dies gilt insbesondere für die Vorgabe spezifischer Emissionsminderungs- oder Energieverbrauchs-Ziele, die leicht durch den Anstieg der absoluten Werte in ihrer Wirkung kompensiert werden können. Dieses Instrument verleitet geradezu dazu, inhaltlich zu anspruchslose Ziele zu formulieren ("Zielverwässerung"). Die Autoren des Gutachtens weisen deshalb darauf hin, daß der Staat stets die Möglichkeit haben muß, statt der Selbstverpflichtungen verschärfte oder neu konzipierte ordnungsrechtliche oder ökonomische Maßnahmen als sog. "harte" Maßnahmen einzuführen. Der Staat muß "mit der Keule drohen können".
Einen anderen Ausweg, dem Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtungen zu mehr Wirksamkeit zu verhelfen, haben die ZEW-Autoren ebenfalls angedeutet. Demnach könnten freiwillige Selbstverpflichtungen dann relativ wirksamer sein, wenn in einem verbindlichen "nationalen Umweltplan" die absoluten Zielvorgaben für die Nutzung des Umweltraums (gemeint ist das sog. Problem der Skalierung) aufgestellt sind.
Die Autoren des Gutachtens sehen den marktwirtschaftlichen Charakter des Instruments freiwilliger Selbstverpflichtungen als gegeben an, wenn sie gleichzeitig mit marktwirtschaftlichen Instrumenten, wie z.B. den Gebühren im dualen System, kombiniert werden. Meines Erachtens wäre es methodisch und argumentativ besser zu sagen, daß in einem solchen Falle das Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtung mit einem ökonomischen Instrument kombiniert ist, es dadurch aber nicht selbst zu einem ökonomischen Instrument wird. Ähnlich kann die freiwillige Selbstverpflichtung auch durch ein informatorisches Instrument ergänzt werden, ohne daß es sich auf diese Weise selbst zu einem informatorischen Instrument wandelt.
Bibliographische Angaben
Klaus Rennings, Karl Ludwig Brockmann, Henrike Koschel, Heidi Bergmann, Isabel Kühn: Nachhaltigkeit, Ordnungspolitik und freiwillige Selbstverpflichtung - Ordnungspolitische Grundregeln für eine Politik der Nachhaltigkeit und das Instrument der freiwilligen Selbstverpflichtung im Umweltschutz. Heidelberg: Physica-Verlag, 1997. XII und 292 S., DM 98,--. ISBN 3-7908-0975-6
Weitere Veröffentlichungen auf der Basis der in diesem Buch enthaltenen Langfassungen sind enthalten in:
Rennings, K.: Ordnungsregeln für eine Politik der Nachhaltigkeit. In: Zeitschrift für angewandte Umweltforschung, 9(1996) 1, S. 19 - 23 (insgesamt zur "Umweltdiskussion" in diesem Heft S. 9 - 30: 'Ordnungspolitische Grundfragen einer Nachhaltigkeitspolitik' mit weiteren Beiträgen).
Rennings, K., Brockmann, K.L., Koschel, H., Kühn, I. (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung, Mannheim): Ein Ordnungsrahmen für eine Politik der Nachhaltigkeit: Ziele, Institutionen und Instrumente. In: L. Gerken (Hrsg.), Ordnungspolitische Grundfragen einer Politik der Nachhaltigkeit. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, 1996, 1. Auflage, S. 229 - 280.
Rennings, K., Brockmann, K.L., Bergmann, H.: Selbstverpflichtungen im Umweltschutz: kein marktwirtschaftliches Instrument. Gaia, 5(1996) no. 3-4, S. 152-165.
Rennings, K., Brockmann, K.L., Bergmann, H.: ZEW-Studie zu Selbstverpflichtungen im Umweltschutz - kein marktwirtschaftliches Instrument. TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3, 5. Jg, Oktober 1996, S. 45-47 (zuerst veröffentlicht in: Ökologisches Wirtschaften Nr. 5/96, September 1996).
Rezension von Torsten Fleischer, ITAS
Die sozialen Kosten der Energieversorgung und des Verkehrs und ihre Internalisierung sind seit längerer Zeit bestimmende Elemente der energie- und verkehrspolitischen Diskussion. Sie waren auch Gegenstand eines im Mai 1995 in Ladenburg durchgeführten Workshops des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim. Die dort gehaltenen Vorträge liegen nun in Buchform vor.
In mehr als dreißig Beiträgen werden neuere Ergebnisse aus diesem Forschungsbereich vorgestellt, wobei der Eindruck einer gewissen Zufälligkeit der Auswahl nicht ganz vermieden werden konnte. Auch ist die Struktur des Bandes wohl eher pragmatisch gewählt, nicht immer leuchtet dem Rezensenten die Zuordnung einzelner Aufsätze zum jeweiligen Abschnitt ein. Schmerzlich vermißt hat er eine kritische Reflexion des bisher Erreichten. Auch wenn die Herausgeber in der Einleitung konstatieren, daß methodische Fortschritte zu verzeichnen seien, so treten sie den Beweis dafür nicht an. Tatsächlich räumen sie dann auch ein, daß zentrale mit dem Konzept verbundene Probleme (Identifikation von Risiken, Behandlung von Unsicherheiten und nicht quantifzierbaren Risiken, Umgang mit Nichtlinearitäten) weiter einer Lösung harren.
Russell Lee (Oak Ridge National Laboratory) vergleicht in seinem Beitrag mehrere große Studien zu den externen Kosten der Elektrizitätsversorgung und zeigt die Gründe für die erheblichen Spannbreiten der Ergebnisse. Diese liegen in den verschiedenen Annahmen zu den Referenztechnologien, zu deren Emissionen und ihren Auswirkungen, vor allem aber in den unterschiedlichen Abschätzungen von Schäden durch nukleare Unfälle und der differierenden Bewertung von Folgen des Klimawandels. Dabei kommen "ältere" Studien zu wesentlich höheren Werten für die sozialen Kosten als "jüngere". Richard L. Ottinger (Pace University School of Law) zeigt auf, wo nach seiner Auffassung die Gründe dafür liegen.
Vier eher methodisch orientierte Beiträge sind dem Themenkomplex "Economic and Ecological Approaches to Sustainable Development" gewidmet. Hierunter sind Arbeiten zur Verbindung zwischen externen Kosten und Nachhaltigkeitsindikatoren (K. Rennings, ZEW) und zu den sozialen Kosten des Klimawandels (O. Hohmeyer, ZEW) genauso zu finden wie solche zu neuen methodischen Ansätzen für umweltbezogene Indikatoren.
Breiten Raum nimmt die Vorstellung aktueller Arbeiten zur Quantifizierung der externen Kosten im Energie- und Verkehrsbereich ein. Im Energiebereich werden neben dem mit drei Beiträgen breit dargestellten "ExternE"-Projekt der EU eine Schweizer Untersuchung sowie eine vom Staat New York in Auftrag gegebene Untersuchung präsentiert.
Im Bereich Verkehr stellen Peter Bickel und Rainer Friedrich (IER Stuttgart) ihre Studie zu den externen Kosten des Verkehrs mit dem Bezugsjahr 1990 für Westdeutschland vor. David Maddison (University College London) präsentierte Auszüge aus der Arbeit "The True Cost of Road Transport in the United Kingdom", den Kosten der Autonutzung in den USA ist der Beitrag von Mark A. Delucchi (University of California Davis) gewidmet.
Ein weiterer Schwerpunkt des Buches ist die Berücksichtigung der sozialen Kosten bei der Entscheidungsfindung in Energieunternehmen. Stichworte sind hier Least-Cost Planning sowie Integrated Resource Planning. Wenig überraschen kann, daß mit Ausnahme des Aufsatzes von Stefan Thomas (Wuppertal-Institut), in dem Least-Cost Planning am Beispiel der Stadtwerke Hannover dargestellt wird, die Beiträge in diesem Themengebiet ausschließlich von nordamerikanischen Autoren stammen und die dort breit geführte (und hierzulande nicht recht Fuß fassende) Diskussion zu diesem Problemkreis widerspiegeln.
Der letzte Abschnitt des Buches "Berücksichtigung sozialer Kosten bei politischen Entscheidungen" zeigt die Probleme bei der praktischen Umsetzung der Untersuchungen zu den externen Kosten auf. Im politischen Raum wird der Internalisierung externer Kosten gerne das Wort geredet, deren Umsetzung (auch über "second best"-Lösungen) wird jedoch bei weitem nicht so aktiv verfolgt. In mehreren Beiträgen werden die Gründe dafür analysiert und dargelegt. Der eher theoretische Charakter der meisten Aufsätze deutet darauf hin, daß die Hemmnisse bei der Internalisierung wohl erkannt sind und einige Bedenken ausgeräumt werden können, akzeptable praktische Internalisierungsstrategien aber bislang fehlen.
Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, die gesamte wissenschaftliche Diskussion um Möglichkeiten und Grenzen der Internalisierung externer Kosten und die Operationalisierung des Konzeptes aufzuarbeiten. Der Rezensent will jedoch nicht verhehlen, daß bei ihm erhebliche Zweifel darüber bestehen, daß es gelingen wird, die methodischen Schwierigkeiten und Unsicherheiten bei der Identifikation, Bewertung und Monetarisierung externer Effekte befriedigend bewältigen zu können. Um so problematischer wird es sein, durch die Quantifizierung und Internalisierung der externen Kosten eine gemeinsame Basis dafür finden zu können, Maßnahmen (bspw. umwelt-, energie- oder verkehrspolitischer Natur) zu vergleichen und zu bewerten. Mehrere Beiträge in vorliegendem Buch haben diese Zweifel noch verstärkt.
Ein weiteres Problem in der Diskussion um die Studien über die Internalisierung externer Kosten ist, daß häufig nicht unterschieden wird zwischen dem nach Meinung des Rezensenten eher akademischen Charakter der Arbeiten (was nicht immer identisch ist mit ihrem Anspruch) und der Wahrnehmung und Umsetzung ihrer Ergebnisse. Dies gilt nicht nur für die Rezipienten dieser Studien, sondern häufig auch für deren Autoren. Beide meinen, trotz der - nicht immer erkannten und eingeräumten - methodischen Probleme und der gegenstandsbedingten Begrenzungen der Aussagekraft ihrer Ergebnisse aus diesen zu präferierende Lösungen und sogar politische Handlungsempfehlungen ableiten zu können. Hiervon sind auch manche Beiträge in diesem Buch nicht frei.
Fazit: Für denjenigen, der mit der Diskussion um die Internalisierung externer Kosten vertraut und sich der Probleme dieses Konzeptes bewußt ist, bietet dieses Buch zahlreiche Anregungen und ist eine wertvolle Ergänzung seiner Literatursammlung. Neueinsteiger in das Forschungsgebiet wird es mit weit mehr Fragen zurücklassen, als es beantworten kann - aber auch das wäre ja nicht das Schlechteste.
The management of radioactive waste, and particularly long-lived radioactive waste, is one of the key issues which have dominated debates on nuclear energy over the past decade. While radioactive waste constitutes only a small fraction of all toxic wastes in OECD countries, it has kindled more public concern than any other type of waste.
Over the next several decades, the field of radioactive waste management will increasingly evolve from the conceptual to the operational, with the development of long-lived radioactive waste storage and disposal programmes and with the decommissioning of ageing nuclear power facilities. The evolution will bring new challenges in communicating with the public, which is useful to examine already today.
In this context, the OECD Nuclear Energy Agency (OECD/NEA) organised an International Seminar on Future Information Challenges and Public Participation in the Field of Radioactive Waste Management, which took place in Rauma, Finland, from 13 to 15 June 1995. Approximately 50 representatives of 15 industrialised countries participated in the seminar, in particular executives of national radioactive waste management agencies and information managers of such bodies and other institutions involved in radioactive waste management, including nuclear regulatory bodies, nuclear electricity companies and nuclear fuel cycle facilities who reported on current "communication practices" in their countries. Specialists in sociological topics as related to radioactive waste management also took part in the meeting. The objectives of the seminar were to:
The common themes that have emerged from the Seminar were, in particular:
The proceedings include the main papers submitted and a summary
of the findings.
(compiled from the proceedings)
The report can be ordered from:
OECD Publications
2 rue André-Pascal
F-75775 Paris Cedex 16
Tel.: + 33-1-45248200
Fax: + 33-1-49104276
Internet: Compte.PUBSINQ@oecd.org
or one of the main sales outlets of OECD Publications, i.e. for Germany:
OECD Publications and Information Centre
August-Bebel-Allee 6
D-53175 Bonn
Tel.: + 49 (0) 228/959120
Fax: + 49 (0) 228/9591217
Schriftenreihe Forum Humane Technikgestaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung
Das Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung hat in den Jahren 1995 und 1996 in seiner Schriftenreihe "Forum Humane Technikgestaltung" vier Hefte herausgegeben, die sicher einige unserer Leser interessieren. Zwei der Hefte beschäftigen sich mit der Forschungs- und Technologiepolitik im europäischen Kontext. Das von Werner Fricke herausgegebene Heft 17 "Europäische Forschungs- und Technologiepolitik 1996" enthält Beiträge einer Fachtagung zu diesem Thema, die am 30. September 1996 von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Brüssel veranstaltet wurde. In Heft 13 "Die europäische Technologiegemeinschaft als gesellschaftpolitisches Projekt", das auch in englischer Sprache vorliegt, geht der Gesprächskreis Humane Technikgestaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung der Frage nach: "Welche Rolle spielt die Europäische Union für die Entwicklung eines zukunftsfähigen Modells der europäischen Industriegesellschaften am Übergang zum 21. Jahrhundert? Kann es eine übergreifende gesellschaftspolitische Strategie für die Technologiepolitik der Union und ihrer Mitgliedsstaaten geben, vor allem bei der Gestaltung der Informationsgesellschaft? Welche Gestaltungspotentiale bietet europäische Politik heute, welche Defizite bestehen, und welche neuen Instrumentarien brauchen wir? Zu diesen Fragen europäischer Forschungs- und Technologiepolitik will der Gesprächskreis in diesem Papier Stellung beziehen." (S. 6/7)
Heft 14 mit dem Titel "Betrieblicher Wandel und Autonomie von Ingenieuren", herausgegeben von Else Fricke, enthält Beiträge verschiedener Autoren zu Herausforderungen und neuen Rollen von Ingenieuren im Rahmen gegenwärtiger betrieblicher Restrukturierungsprozesse.
Mit der "Zukunft der Industriegesellschaft" beschäftigt sich das Buchumfang erreichende Heft 16, das Beiträge des Vierten Internationalen Ingenieurkongresses der Friedrich-Ebert-Stiftung und des VDI im Mai 1996 enthält. Namhafte Wissenschaftler, Industrievertreter und Politiker äußern sich hier zu diesem Thema. Das Heft ist in sechs Themenblöcke mit insgesamt 25 Beiträgen eingeteilt:
Trotz oder gerade wegen der Vielfalt interessanter Beiträge
möchten wir dieses Heft, wie die Schriftenreihe überhaupt,
unseren Lesern empfehlen.
(R. Coenen)
Bibliographische Angaben
W. Fricke (Hrsg.), Die Europäische Technologiegemeinschaft als gesellschaftspolitisches Projekt. Ein Diskussionsbeitrag des Gesprächskreises Humane Technikgestaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung zur technologiepolitischen Neuorientierung der Europäischen Union. Forum Humane Technikgestaltung Heft 13, Bonn 1995.
E. Fricke (Hrsg.), Betrieblicher Wandel und Autonomie von Ingenieuren. Forum Humane Technikgestaltung Heft 14, Bonn 1995.
European Technology Policy as a Socio-Political Project. Proposals for a Reorientation of Technology Policy in the European Union. Presented by the Roundtable on the Humanization of Technology of the Friedrich Ebert Foundation. Forum for the Humanization of Technology Number 15, Bonn 1995.
W. Fricke, V. Oetzel (Hrsg.), Zukunft der Industriegesellschaft. Beiträge zum Vierten Internationalen Ingenieurkongreß der Friedrich-Ebert-Stiftung, gemeinsam mit dem VDI - Verein Deutscher Ingenieure am 7. und 8. Mai 1996 in Köln. Forum Humane Technikgestaltung Heft 16, Bonn 1996.
W. Fricke (Hrsg.), Europäische Forschungs- und Technologiepolitik 1996. Beiträge zur Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung am 30. September 1996 in Brüssel. Forum Humane Technikgestaltung Heft 17, Bonn 1996.
Bestellhinweis
Die Publikationen des Forums Humane Technikgestaltung erscheinen unregelmäßig; sie können kostenlos bezogen werden vom
Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung
Abteilung Technik und Gesellschaft
Godesberger Allee 149
D-53170 Bonn
Tel.: + 49 (0) 228/883-217
Fax: + 49 (0) 228/883-625
Franz Büllingen (Hrsg.): Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung in der Telekommunikation. Chancen, Herausforderungen, neue Entwicklungen.
Jörg Tauss, Johannes Kollbeck, Jan Mönikes (Hrsg.): Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft. Herausforderungen und Perspektiven für Wirtschaft, Wissenschaft, Recht und Politik.
Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Verkehr Schleswig-Holstein: Dokumentation Multimediakongreß 1996 - Schleswig-Holstein auf dem Weg in die Informationsgesellschaft.
European Commission: The Information Society and the Citizen: A status report on the availability and use of information and communication systems.
Helga Eblinghaus, Armin Stickler, Mitherausgeber: Informationsbüro Nicaragua e.V.: Nachhaltigkeit und Macht. Zur Kritik an Sustainable Development.
Technology gaps and sustainable regional development: an exploratory study - IPTS report: EUR 17278
Klaus Burmeister, Wert Canzler, Martin Kalinowski (Hrsg.): Zukunftsfähige Gesellschaft. Demokratische Entscheidungen für eine dauerhaft tragfähige Entwicklung.
Christine Rösch: Vergleich stofflicher und energetischer Wege zur Verwertung von Bio- und Grünabfällen unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Baden-Württemberg.
European Commission (ed.): Ethical Implications of Biotechnology (Report by the Group of advisors to the Commission, 1996)
Barbara Skorupinski: Gentechnik für die Schädlingsbekämpfung. Eine ethische Bewertung der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft.
STI REVIEW No. 19: Special Issue on Biotechnology.
Volker M. Brennecke: Normsetzung durch private Verbände. Zur Verschränkung von staatlicher Steuerung und gesellschaftlicher Selbstregulierung im Umweltschutz.
Günther Tichy (Hrsg.): Technikfolgenabschätzung in Österreich. Entscheidungshilfe in einer komplexen Welt. Beispiele aus der Praxis.
Im Oktober 1996 fand in Königswinter der zweite Workshop zu "Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung in der Telekommunikation" statt, an dem etwa 50 Personen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik teilnahmen, die sich alle mehr oder weniger der "TA-Gemeinde" zugehörig fühlten, teilweise mit dieser seit vielen Jahren verbunden sind. Kein Wunder, daß in dieser durch das WIK gestalteten produktiven Atmosphäre eine lebendige Diskussion über die Perspektiven von TA in der Telekommunikation entstehen konnte, wenn auch die Themen sich immer wieder wiederholen (abschätzen oder gestalten, mit TA zu früh oder zu spät sein etc. - Büllingen geht in seinem einleitenden Beitrag darauf ein). Das WIK hat nun einen Band veröffentlicht, der die Beiträge dieser Tagung, wenn auch nicht die Diskussion, wiedergibt, der hier kurz angezeigt werden soll.
Jürgen Reese gibt eine "Skizze über den Strukturwandel der Wissensübermittlung", wobei er insbesondere auf Entwicklungen im Bibliotheksbereich eingeht. Dieter Klumpp zieht eine skeptische, kritische Bilanz der TA-Anstrengungen der letzten Jahre unter dem Titel "Interdisziplinäre Zukunftsgestaltung oder multimediale Zeitgeistdiskussion". Peter Seeger sieht in der Informationsgesellschaft "Neue Herausforderungen für eine gestaltungsorientierte Technikforschung". Ulrich Schmid plädiert für die "Kultivierung" der neuen Medien unter dem Titel "Kontinuität des Irrtums?". Michael Schenk (mit Deziderie Sonje und Hermann Dahm) berichtet über ein empirisches Projekt zur Erfassung des Nutzens moderner Kommunikationstechnik. Werner Dostal geht auf die "Informatisierung der Arbeitswelt" ein. Manfred Wind greift das Thema "modernisierte Verwaltungen als Nutzer der IuK-Techniken" auf. Karl Kollmann nimmt sich dem aktuellen Thema "Cyber Cash" an.
Weitere Beiträge sind von Gaßner (Multimedia), Fuchs/Wolf
(Feldversuch interaktive Videodienste Stuttgart), Burmeister (NRW
Medienpolitik), Blind (Delphi-Studie), Werle (Internet), Kumbruck
(Simulationsstudie Rechtspflege), Mühlbauer (Telemedizin).
(UR)
Jörg Tauss, einer der profilierten Onliner und Internet-Aktivist
unter den Bonner Parlamentariern, außerdem zur Zeit stellvertretendes,
wenn auch sehr aktives Mitglied in der Enquete-Kommission "Zukunft
der Medien" für die SPD-Fraktion, hat mit seinen parlamentarischen
Mitarbeitern Kollbeck und Mönikes ein Mammut-Werk von fast
1000 Seiten vorgelegt, in dem kaum ein Thema ausgelassen wurde,
das Deutschland auf seinem "Weg in die Informationsgesellschaft"
begleiten wird. 43 Autoren und eine Autorin haben 42 Beiträge
geliefert, die 10 Rubriken zugeordnet sind - ein wahres und lohnendes
Lesebuch.
(UR)
MINISTERIUM FÜR WIRTSCHAFT, TECHNOLOGIE UND VERKEHR
SCHLESWIG-HOLSTEIN (Hrsg.):
"Dokumentation Multimediakongreß 1996 - Schleswig-Holstein auf dem Weg in die Informationsgesellschaft". Kiel, 1996.
"Die Gesellschaft wird immer stärker von Informations- und Kommunikationstechniken beeinflußt. Während im Industriezeitalter die Menschen zu den Produktionsstätten kommen mußten, wird heute die Arbeit über Datenautobahnen zum Menschen transportiert. Für ein Flächenland wie Schleswig-Holstein bieten sich hier neue Chancen, die es auszuloten gilt", sagte Wirtschaftsminister Peer Steinbrück heute (22. November 1996) in Kiel. Deshalb wurde im Juni dieses Jahres mit einem Kongreß in Kiel die Diskussion zu diesem Thema angeschoben.
Die Ergebnisse des Kongresses fließen derzeit in ein Informations- und Kommunikations-Konzept des Landes ein, das Handlungsfelder in wichtigen Bereichen aufzeigen soll, wie zum Beispiel Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft.
Damit interessierte, die am Kongreß nicht teilnehmen konnten, die Möglichkeit haben sich umfassend zu informieren, erscheint die Dokumentation des Kongresses jetzt als Broschüre. Das Heft "Dokumentation Multimediakongreß 1996 - Schleswig-Holstein auf dem Weg in die Informationsgesellschaft" kann per Postkarte angefordert werden beim
Ministerium für Wirtschaft, Technologie und Verkehr
Pressestelle
Düsternbrooker Weg 94
D-23105 Kiel
The European Commission's Information Society Project Office (ISPO) has published a report, entitled "The Information Society and the Citizen", which gives a picture of the availability and use of information and communication systems in Europe.
The report summarizes the state of development of the Information Society in Europe, including the involvement of citizens in its development and use and the contributions of the European Union. The Information Society in Europe is then compared with the state of development in other countries.
The new opportunities and benefits which are being opened up for European citizens by the development of the Information Society are explored. New opportunities are outlined in a variety of situations, including at work, for travel and transport, in the home, at school and university, at the doctor's and in hospital, and in the local community.
The report concludes that for the Information Society to develop fully in Europe, a number of challenges need to be met. There needs to be access for everyone to the new technologies and services, while new European information services need to be developed to make use of these new technologies. Finally, the greater access to information and services must not be at the expense of citizens' privacy, and secure systems to allow transfer of money on-line must be developed.
Copies of the report may be obtained, free of charge and in all eleven Community languages, from:
European Commission
Information Society Project Office
200 rue de la Loi (BU24 2/78)
B-1049 Brussels
Tel. + 32-2-2968800/2968900
Fax: + 32-2-2994170/2994180
E-mail: ispo@ispo.cec.be
URL: http://www.ispo.cec.be/
HELGA EBLINGHAUS, ARMIN STICKLER, Mitherausgeber: Informationsbüro Nicaragua e.V.:
Nachhaltigkeit und Macht. Zur Kritik an Sustainable Development. Mit einer Dokumentation der Debatte um die Studie "Zukunftsfähiges Deutschland". Frankfurt: IKO - Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1996. 240 S., DM 29,80. ISBN 3-88939-196-6.
Nachhaltige Entwicklung ist in aller Munde. Von der Weltbank bis zu den führenden Unternehmen, von Parteien und Verbänden bis zur Internationalismus- und Umweltbewegung ist Sustainable Development der "große Renner".
Das vorliegende Buch bietet neben einer Einführung in Entstehung, Ausformulierung und Rezeption des Konzepts eine fundierte Kritik an den Grundannahmen des herrschenden Diskurses über Umwelt und Entwicklung. Der Zusammenhang zwischen dem Erfolg des Konzepts im politischen Sprachgebrauch und der systematischen Ausblendung weltkapitalistischer Realität wird anschaulich herausgearbeitet. Nachhaltige Entwicklung erscheint als eine Strategie moderner Herrschaftssicherung, die an den "neuen Problemlagen" nichts ändert oder sie gar verschärft.
Der Diskurs über nachhaltige Entwicklung eignet sich in besonderer Weise, kritische Potentiale in herrschende Politik einzubinden. Er wirft unmittelbar die Frage nach zukünftigen sozial-ökologischen Politikformen auf. Der vom Informationsbüro Nicaragua e.V. mitherausgegebene Band greift in diese Debatte ein und fragt nach den Perspektiven sozialer Bewegungen jenseits von Lobbying und Expertenbildung.
Ein ausführlicher Anhang dokumentiert die in der Solidaritätsbewegung geführte Debatte um die Wuppertal Studie "Zukunftsfähiges Deutschland".
(Klappentext)
Eine ausführliche Rezension erscheint im nächsten Heft der TA-Datenbank-Nachrichten.
Technology gaps and sustainable regional development: an exploratory study - IPTS report: EUR 17278
The Institute for Prospective Technological Studies (IPTS), part of the European Commission's Joint Research Centre, has published a report on "Technology gaps and sustainable regional development".
The report outlines the results of an exploratory study which analysed the situation of the agri-food sector in four different regions - Andalucia, Ireland, South Brandenburg and Central Macedonia. The aim was to illustrate the extent and diversity of the technology gaps evident between Europe's regions and the possible paths to sustainable regional development in different regions.
In each region, the study examines the main technological trends in the agri-food sector, taking the industry standard as a basis, to see whether this can be applied at the regional level. This work leads to a number of technology gaps being identified between the more advanced countries and the less favoured regions.
The researchers then identified criteria for the measurement of
sustainable development in the context of innovation support projects
at the regional level, and applied these to a number of case studies.
The result of the study is a set of conclusions for each region
which will give policy-makers a better picture of ways in which
they can participate in the design of regional initiatives so
as to increase the contribution of projects to sustainable regional
development.
(Source: CORDIS focus)
Copies of the report available in English only, may be obtained (free of charge) from:
European Commission
Joint Research Centre
Public Relations and Publications Department
I-21020 Ispra (VA)
Fax: + 39-332-785818
E-mail: prp@jrc.it
KLAUS BURMEISTER, WERT CANZLER, MARTIN KALINOWSKI (Hrsg.):
Zukunftsfähige Gesellschaft. Demokratische Entscheidungen für eine dauerhaft tragfähige Entwicklung. Bonn: Verlag Stiftung Mitarbeit 1996. (Beiträge zur Demokratieentwicklung von unten; Bd. 9). 252 S., DM 12,--. ISBN 3-928053-47-7
Wie muß eine Gesellschaft organisiert sein, um den globalen Zukunftsherausforderungen gerecht werden zu können? Diese Frage stand im Mittelpunkt einer interdisziplinären Fachtagung, zu der das NETZWERK ZUKUNFT im März 1995 ausgewählte Expertinnen und Experten aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik nach Berlin einlud.
Der Band "Zukunftsfähige Gesellschaft - demokratische Entscheidungen für eine dauerhaft tragfähige Gesellschaft" basiert auf den Beiträgen, die im Zusammenhang mit der Konferenz entstanden sind. Aus der Perspektive des Konzeptes "Sustainable Development" werden in einer bisher einmaligen Dichte Anforderungen und Konsequenzen einer langfristig angelegten und zukunftsfähigen Politikgestaltung diskutiert.
In den 15 Originalbeiträgen des Bandes geht es gleichermaßen um eine Zwischenbilanz der Diskussion von Begriffen und Konzepten nachhaltiger Entwicklung wie um die Frage der Leistungsfähigkeit demokratischer Steuerungspotentiale und anwendbare Modelle zu ihrer Erweiterung.
(Verlagsprospekt)
Bestellhinweis
Stiftung MITARBEIT
Bornheimer Str. 37
D-53111 Bonn
Fax: + 49(0)228/6042422
CHRISTINE RÖSCH: Vergleich stofflicher und energetischer Wege zur Verwertung von Bio- und Grünabfällen unter besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Baden-Württemberg. Forschungszentrum Karlsruhe, Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS), Reihe Wissenschaftliche Berichte FZKA 5857, 269 S. ISSN 0947-8620.
Organikhaltige Abfälle dürfen in Deutschland nach 2005 nicht mehr deponiert werden. Viele Kommunen müssen deshalb eine Entscheidung über die zukünftige Art der Behandlung organischer Abfälle treffen, die mit teilweise sehr hohen Investitionen verbunden ist. Die vorliegende Dissertation liefert vor dem Hintergrund eines systemanalytischen Vergleichs von sechs verschiedenen stofflichen und energetischen Wegen zur Behandlung und Verwertung von Bio- und Grünabfällen wertvolle Entscheidungshilfen hinsichtlich des Umgangs mit organischen Abfällen.
Im ersten Teil der Arbeit wird das Aufkommen an Bio- und Grünabfällen sowie an land- und forstwirtschaftlichen Reststoffen beispielhaft für die Stadt- und Landkreise Baden-Württembergs abgeschätzt und die Zusammensetzung der Abfall- und Reststoffe charakterisiert. Die hierbei erzielten Ergebnisse sind auf andere Regionen ähnlichen Zuschnitts übertragbar. Der zweite Teil enthält einen Vergleich der technisch-ökonomischen und umweltrelevanten Kenngrößen der einzelnen Verfahren zur Erfassung und Behandlung unterschiedlicher organischer Abfälle und Reststoffe.
Die Gegenüberstellung zeigt, daß die einzelnen Verfahren deutliche Unterschiede in bezug auf das verwertbare Abfallspektrum sowie die Behandlungskosten aufweisen und sowohl Umweltvorteile als auch Umweltnachteile besitzen. Zur besseren Beurteilung der umweltbezogenen Aussagen der Behandlungswege werden verschiedene Bewertungshilfen für zehn wichtige Umweltmerkmale ausgearbeitet. Hierzu gehören u.a. die Geruchs- und Keimbelastung bei der Erfassung und Behandlung der Abfälle, der verfahrensspezifische Beitrag zur Verringerung der CO2-Emissionen und die Veränderungen bei den Schadstoff- und Nährstoffgehalten in Böden.
Die in der Arbeit abgeleiteten Präferenzen zur Behandlung von Bio- und Grünabfällen sind vielschichtig, da sich die Behandlungsempfehlungen auf unterschiedliche Abfallfraktionen beziehen. Für Grünabfälle mit hohen TS-Gehalten stellt sich die energetische Nutzung in Biobrennstoffanlagen als das aus Umwelt- und Kostengründen zu bevorzugende Behandlungsverfahren dar.
Die Dissertation ist kostenlos erhältlich bei
Forschungszentrum Karlsruhe
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Dr. Christine Rösch
Postfach 36 40
D-76021 Karlsruhe
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 22704
The European Commission established an independent advisory group on the ethical implications of biotechnology in 1991. The group's second mandate was completed in 1996, and the Commission has published a booklet giving information on its activities and opinions adopted.
The group consists of nine members, and may also consult outside experts. Generally, it gives opinions on issues at the request of the Commission, although it may also adopt opinions on its own initiative. The opinions adopted by the group since 1991 are on:
The booklet is available in English. French and Italian the book
of opinions is available in one trilingual edition (English, French
and German).
(Source: CORDIS focus)
Copies of the booklet outlining the activities of the group as well as the book containing the texts of all the opinions adopted, may be obtained from:
European Commission
General Secretariat
Mrs. Isabelle Arnal
Unit c/1
200 rue de la Loi (BREY 7/328)
B-1049 Brussels
Tel.: + 32-2-2962119
Fax: + 32-2-2994565
Gentechnische Methoden in der Landwirtschaft gehören zu den besonders kontrovers diskutierten Anwendungen dieser neuen Technik. Mit ihrer Anwendung verbinden sich Hoffnungen, z.B. auf eine umweltverträglichere Landwirtschaft durch den verminderten Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. Befürchtungen richten sich auf mögliche Gefahren für die menschliche Gesundheit und unerwünschte ökologische Folgen der Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen.
Der Schwerpunkt der gentechnischen Forschung für die Schädlingsbekämpfung liegt bei Mikroorganismen und Pflanzen, die Toxine der Bakterienart Bacillus thuringiensis produzieren. An diesem Beispiel erläutert die Autorin Forschungsziele und ihre Begründungen, zeigt mögliche Folgen von Freisetzungen und Kommerzialisierung auf und diskutiert landwirtschaftliche Alternativen, um dann zu einer ethischen Bewertung zu kommen.
Über die konkreten Handlungsempfehlungen hinaus, die als
Ergebnis formuliert werden, ist diese interdisziplinäre Studie
paradigmatisch für die Verknüpfung fachwissenschaftlicher
und normativer Fragen in der angewandten Ethik.
(Verlagsankündigung)
This Special Issue of the STI Review comes at a time when few doubts remain: biotechnology is a knowledge-driven revolution that will change the future of human life on the planet. The ongoing revolution in public health, the forthcoming changes in crop plants, and the large and increasing potential to remedy and prevent environmental damage - all made possible by modern biotechnology - are far-ranging.
These changes raise questions for society, and especially for policy makers. These changes are indispensable for it is only through the new knowledge and its intelligent application that we can resolve the global challenges of the coming decades and hope to fulfill the ambitions and aspirations of a greatly expanded human population.
This Special Issue illustrates the ongoing changes and the main policy issues. It provides up-to-date insight into the three main fields of application - health, agriculture (plant and animal) and environment; summarises the state-of-the-art in the relevant biotechnologies; and discusses intellectual property rights (in genome research), public attitudes (towards transgenic animals), and education and training (for bioremediation).
The STI Review is published twice yearly on the responsibility of the Secretary-General of the OECD.
Ordering information
OECD Publication
2, rue André-Pascal
75775 Paris Cedex 16
Tel.: + 33-1-45248200
Fax: + 33-1-49104276
for Germany:
OECD Bonn Centre
August-Bebel-Allee 6
D-53175 Bonn
Tel.: + 49 (0) 228-959120
Fax: + 49 (0) 228-9591217
Über die Verfahren umwelttechnischer Grenzwertfindung in privaten Normungsverbänden ist heute trotz ihrer Bedeutung immer noch wenig bekannt. Ausgestattet mit hoher Binnenkenntnis, gibt die vorliegende Monographie einen detailreichen Einblick in die Praxis.
An Fallbeispielen der Konkretisierung des "Standes der Technik" in der Kommission Reinhaltung der Luft im VDI und DIN, einer der größten privaten Normungsorganisationen im Umweltschutz, analysiert die Arbeit die internen Einigungsprozesse in den Arbeitsausschüssen. Sie arbeitet theoretisch stringent die Voraussetzungen und Erfolgskriterien für keineswegs selbstverständliche Konfliktlösungen zwischen staatlichen und industriellen Interessen in der umwelttechnischen Normung heraus. Im Ergebnis führt der Nachweis jeweils konkurrierender staatlicher und verbandlicher Entscheidungsverfahren zu einer neuen Interpretation der kooperativen Normsetzung.
Zielgruppe der interdisziplinär angelegten Monographie sind
sowohl diejenigen, die erstmals einen fundierten Einblick in die
"Innenwelt" eines Normungsverbandes haben möchten,
als auch diejenigen, die an der Analyse und Fortentwicklung umweltpolitischer
Steuerung zwischen Staat und Gesellschaft interessiert sind.
(Verlagsankündigung)
GUNTHER TICHY (Hrsg.):Technikfolgenabschätzung in Österreich. Entscheidungshilfe in einer komplexen Welt. Beispiele aus der Praxis. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, 1997. 378 S. ISBN 3-7001-2621-2
Als "Buchneuerscheinung zu den Auswirkungen neuer Technologien" ist jetzt endlich der lange angekündigte Band des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien, erschienen. Das Buch gibt im ersten Teil einen Überblick über die Institutionalisierung der Technikfolgenabschätzung in Österreich vor dem Hintergrund der Entwicklungen und Erfahrungen in anderen europäischen Ländern und den USA. Kritisch anzumerken ist allerdings, daß diesem Teil eine Aktualisierung der Darstellung der parlamentarischen TA-Einrichtungen gut getan hätte.
Die Teile II-IV stellen die wichtigsten Arbeiten der "wissenschaftlichen Technikfolgen-Abschätzung" in der Forschungsstelle für Technikbewertung (FTB) und ihrem Nachfolger, dem Institut für Technikfolgenabschätzung vor. Ausgewählt wurden Projekte aus den Bereichen Telekommunikation, Umwelt sowie Medizin- und Sozialtechnologie.
Eine ausführlichere Würdigung des Bandes erscheint in
der nächsten Ausgabe der TA-Datenbank-Nachrichten. Wir wollten
unseren eiligen Lesern jedoch mit diesem kurzen Hinweis schon
die Möglichkeit geben, sich diesen Band zu beschaffen. Der
Band möchte "zeigen, was TA grundsätzlich leisten
kann" - diesem Anspruch wird er unseres Erachtens in der
Gesamtsicht der ausgewählten Fallstudien, der Aufarbeitung
der historischen Entwicklung der TA-Landschaft in Europa, und
nicht zuletzt der kritischen Erörterung der Aufgaben, Nutzen
und Kosten der TA durch Prof. Gunther Tichy, dem Herausgeber des
Bandes und gegenwärtigen Leiter des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung,
durchaus gerecht.
(I.v.B.)
Der Band kann bezogen werden über
Verlag der Österreichischen Akademie
der Wissenschaften
Postgasse 7/4
A-1011 Wien
Tel.: + 43-1-51581 401 bis 406
Fax: + 43-1-51581 400
E-mail: verlag@oeaw.ac.at
WWW: http://www.oeaw.ac.at/~ita/ebene3/d2-5c.htm