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Forschungszentrum Karlsruhe
Technik und Umwelt
Institut für Technikfolgenabschätzung und
Systemanalyse (ITAS)
TA-DATENBANK-NACHRICHTEN
Nr. 1, 6. Jahrgang - April 1997

SCHWERPUNKTTHEMA

"Theorie und Praxis der Informationsgesellschaft"

Stichworte zum Schwerpunktthema dieses Heftes

von Ulrich Riehm, ITAS (riehm@itas.fzk.de)

Mit einer Ergänzung zum Pilotversuch in Orlando (Orlando III) vom 16.5.1997 nach Abschluß der gedruckten Ausgabe.

Wo anfangen und wo aufhören beim Thema "Informationsgesellschaft", das so weitläufig ist wie die Gesellschaft insgesamt? Eine Strategie ist nachzufassen und nachzufragen, bei Ereignissen und Themen, die noch vor kurzer Zeit die Diskussion geprägt haben, nun aber drohen, mehr Vorurteile als Urteile hinterlassend, zu schnell verdrängt zu werden. Eine andere Strategie ist, den Blick von den Programmen, Manifesten und Visionen auf die Ebene der konkreten Anwendungen zu richten. Eine dritte Strategie ist, die Kontroverse, wo sie offensichtlich oder auch nur latent vorhanden ist, zu dokumentieren und produktiv zu fördern (ein Anliegen, dem sich die TA-Datenbank-Nachrichten sowieso verpflichtet fühlen). Dies haben wir mit diesem Schwerpunktthema versucht, wobei notwendigerweise Heterogenes zusammengekommen ist, Mosaiksteine, die kein geschlossenes Bild ergeben.

Orlando I

Als 1993/1994 der Multimedia-Boom in der öffentlichen Debatte richtig losging (vgl. Beck und Vowe 1995), lag dies nicht zuletzt an dem großen Pilotversuch von Time Warner zum interaktiven Fernsehen in Orlando, Florida. Dort sollte im sogenannten "Full Service Network" für 4.000 Testnutzer das gesamte Spektrum der interaktiven Dienste über Fernsehen und Fernbedienung entwickelt, angeboten und erpobt werden: individueller Abruf von Filmen aus einem Filmarchiv ("Video-on-demand"), Informationsdienste (Wetter, Nachrichten, Sport, etc.), Transaktionsdienste (z.B. Teleshopping und Telebanking), Kommunikationsdienste (E-Mail, aber auch Bildtelefonie). Mit Time Warner hatte sich hier eines der ganz großen Medienunternehmen der Welt engagiert, das nicht nur in der Lage ist, beträchtliche Summen für einen solchen Versuch auszugeben - begründete Schätzungen sprechen von mehr als 100 Millionen Dollar -, sondern das auch die Fähigkeit besitzt, daraus "Kapital" zu schlagen, das zunächst nicht in Dollar zu bemessen ist. Durch umfassende Medienaktivitäten schaffte es Time Warner, daß der Pilotversuch in Orlando quasi zum Synonym für das interaktive, digitale Fernsehen überhaupt wurde. Nicht zuletzt konnte man hier schon sehen, was "Multimedia" sein könnte, bevor es überhaupt existierte: auf einem Demonstrationsvideo, das 1994 zirkulierte und Material für unzählige Fernsehsendungen abgab (s. Anm. 1) . Der Pilotversuch begann schließlich, nach mehrmaligen Verzögerungen, Ende 1994 praktisch zu werden - in ganzen fünf Haushalten. Nachdem die erste Häme in der Presse darüber abgeklungen war, wurde über ein frühzeitiges Ende und eine strategische Umorientierung bei Time Warner spekuliert (s. Anm. 2) .

Orlando II

Seitdem sind zwei Jahre ins Land gegangen, in denen - wenigstens in Deutschland - der Versuch in Orlando aus dem Auge verloren wurde und die alten Einschätzungen von 1995 weiter gehegt werden. Es ist schwierig, manchmal sogar leichtfertig und gefährlich, sich aus der Distanz und unter Zuhilfenahme der Tages- und Fachpresse - ohne direkten Augenschein - eine einigermaßen solide Einschätzung zu erarbeiten. Unter diesem Vorbehalt stellt sich die Situation beim Full Service Network in Orlando Anfang 1997 nach unseren Recherchen wie folgt dar (s. Anm. 3) :

Aus den anfänglich fünf sind tatsächlich 4.000 Versuchsteilnehmer geworden. Technisch zeichnet sich FSN durch eine hochentwickelte, integrierte Netzwerktechnologie aus, die "real video on demand" erlaubt. Veranschaulicht wird "real video on demand" immer damit, daß es die Funktionalität eines Videorekorders bietet. Der aus dem Video-Server abgerufene Film kann angehalten, zurück- und vorgespult werden. Und diese Technik funktioniert. Allerdings ist die Auswahl auf 100 Filme begrenzt. Video-on-demand ist nur ein Dienst in einem ganzen Spektrum von Diensten, das noch weiter ausgebaut wird. So wurden in jüngster Zeit ein Tele-Banking-Dienst und ein Informationsdienst aus dem Bereich Gesundheit und Bildung ("Smart Living") etabliert. Teilweise wird behauptet, daß Video-on-demand und Videospiele zwischen mehreren Teilnehmern die eigentlich erfolgreichen Dienste seien, während die anderen Informations-, Kommunikations- und Transaktionsdienste nicht die erwartete Nutzung zeigen. Eine genauere Beurteilung dieses Sachverhalts fällt schwer, da Time Warner in bezug auf die Offenlegung der Versuchsergebnisse, insbesondere von Nutzungsdaten, sehr restriktiv agiert. Natürlich ist die Sache auch zwei Jahre nach dem Start noch kein ökonomischer Erfolg. Das wäre auch zu viel verlangt. Aber immerhin erscheinen die ökonomischen Rahmenbedingungen heute in einem viel helleren Licht. Die Kosten der Set-top-box liegen 1997 bei einem Zehntel der Kosten von 1994 (400 statt 4.000 Dollar). Dieser Reduktionsfaktor trifft auch auf andere Komponenten (wie den sogenannten "video-stream") des gesamten Systems zu.

Der "Erfolg" von Orlando ist eine der zentralen Begründungen für Time Warners Anfang des Jahres angekündigte Digitalisierungsoffensive, genannt "Pegasus". Das Kabelnetz von Time Warner, das 12 Millionen Haushalte erreicht, soll mit einem Investitionsvolumen von 5 Milliarden Dollar für interaktive und digitale Dienste aufgerüstet werden. Eine Million Set-top-boxen (oder nach neuer Terminologie "home communication terminals") wurden bestellt und sollen 1997 in die Haushalte gelangen. Ende des Jahrzehnts soll dann mit "real video on demand" die volle Funktionalität von FSN im gesamten Kabelnetz verfügbar sein.

Diese Prognose muß und sollte man heute nicht als bare Münze nehmen. Der technische und ökonomische Erfolg ist keineswegs gesichert. Die Fernsehkabelgesellschaften stehen aber offensichtlich unter einem zweifachen Druck: Auf der einen Seite bieten die neuen digitalen direkt-strahlenden Fernsehsatellitensysteme eine weitere Vervielfachung des Programmangebots inklusive "near video on demand". Die Kabelgesellschaften können mit ihrer derzeitigen Technologie da nicht mithalten. Auf der anderen Seite setzt der Boom des Internet das Interaktivitäts-Postulat auch für die Fernsehanbieter auf die Tagesordnung. Meldungen darüber, daß gerade in der jüngeren Generation die vor dem Fernseher verbrachten Zeiten zugunsten der Nutzungszeiten bei Online-Diensten zurückgehen, können als ein Indiz dafür gewertet werden. Die Strategie "interaktives Fernsehen im Kabel" ist eine mögliche Reaktion auf diese neuen Konkurrenzverhältnisse; ob sie aufgeht, bleibt unklar (s. Anm. 4) . Es ist auch keine Strategie, die sich kurz- oder mittelfristig umsetzen lassen wird. Aber der grundsätzliche Mißerfolg des interaktiven Fernsehens wurde - nach der großen Euphorie Anfang der 90er - Mitte der 90er vielleicht zu früh postuliert.

Orlando III

Nach Fertigstellung dieses Artikels und nach Redaktionsschluß der gedruckten Ausgabe der TA-Datenbank-Nachrichten wurde Anfang Mai bekannt, daß Time Warner seinern Pilotversuch in Orlando beendigt hat. Es folgen hier der Aktualität halber, aber nicht weiter kommentiert, einige Kurzfassungen entsprechender Presseartikel, wie sie einigen elektronischen Informationsdiensten entommen werden konnten:

Title: Time Warner To End Network
Source: New York Times (C2)
Issue: Interactive TV
Description: Time Warner has announced it will shut down the Full Service Network, an interactive TV system introduced in Orlando, Florida two years ago. Time Warner will concentrate on a less costly video-on-demand system instead. FSN provided movie-on-demand, home shopping, video games, and other services to ~4,000 homes. Companies appear to be focusing on the Internet, instead of cable systems, for interactive networks.

Title: Time Warner to Drop Interactive TV Project and To Start Cloning Badgers
Source: Washington Post (http://www.washingtonpost.com/) (G1)
Author: Mike Mills
Issue: Corporate Retrenchment/Interactive TV
Description: Time Warner is pulling the plug on its interactive TV pilot in Orlando. Analysts believe the test run proved too costly for the company. Consumers were charged $3.50 per month for the computer set top box, which cost Time Warner a couple thousand dollars. Analysts also estimate that Time Warner spent about $700 million to serve 4,000 homes. Cable and phone companies have scaled back their plans to install the high speed cable to the home necessary for such systems.

Quelle: Communications-related Headlines for 5/2/97 der Benton Foundation

Time Warner beendet Projekt zum interaktiven Fernsehen

Time Warner hat ein Experiment zum interaktiven Fernsehen, das in Orlando, Florida, durchgefuehrt wurde, beendet. In dem Feld- versuch konnten Verbraucher ueber ihre Fernsehgeraete einkaufen, Kinofilme abrufen und Bankgeschaefte abwickeln. Time Warner wies darauf hin, dass es bei dem Experiment nur um den Nachweis der technischen Machbarkeit ginge und nicht darum zu pruefen, ob interaktives Fernsehen markttauglich sei. An dem Experiment waren 4000 Familien beteiligt, die fuer das Angebot monatlich 3,95 US-Dollar zahlten. Ein Industriebeobachter schaetzte die Kosten des Experiments fuer Time Warner auf 700 Millionen US- Dollar.

(Washington Post, 2. Mai 1997) Quelle: Edupage bzw. Stern Infomat Computer 20/97

Pilotversuch Stuttgart

Vor diesem Hintergrund ist Aufstieg und Fall des Stuttgarter Multimedia-Pilotversuchs zu sehen. Uns schien es richtig, beim Thema "Theorie und Praxis der Informationsgesellschaft" auf diesen im Oktober 1996 als gescheitert erklärten Pilotversuch, der viele Ähnlichkeiten mit dem Versuch in Orlando hat und davon ohne Zweifel inspiriert war, einzugehen. Obwohl leider die Bereitschaft zur kritischen Reflexion des abgelaufenen Prozesses nicht sehr groß ist, sind drei Beiträge, zwei aus der Politik und einer aus der Wissenschaft, zusammengekommen.

Rekapitulieren wir nochmals kurz das Faktengerüst. 1994 wurde vom damaligen Wirtschaftsminister des Landes Baden-Württemberg, Dieter Spöri, in Kooperation mit der Telekom der "Multimedia-Großversuch" in Suttgart initiiert. Spöri ging es um den Nachweis, daß die heimische Industrie in der Lage ist, sowohl die anspruchsvolle Technik als auch die Anwendungen und Inhalte zu entwickeln. Stuttgart sollte eine "Art internationale Visitenkarte" für das interaktive Fernsehen darstellen, und damit den Boden für den Export baden-württembergischer Multimedia-Technologie in die Welt bereiten. Multimedia sollte "realitätsnah" getestet werden. Der Pilotversuch sollte mit 4.000 Teilnehmern im März 1995 beginnen. Beteiligt waren als Auftraggeber und Finanziers die Telekom und das Land Baden-Württemberg (Wirtschaftsministerium) und ein Industriekonsortium aus Alcatel SEL, HP und Bosch. IBM war bereits frühzeitig wieder ausgestiegen. Die von Anfang an vorgesehene Begleitforschung sollte von der Akademie für Technikfolgenabschätzung Baden-Württemberg konzipiert und koordiniert werden. Insgesamt sollten 100 Millionen DM ausgegeben werden, davon 20 Millionen aus Landesmitteln, weitere Millionen aus EU-Mitteln (was sich dann aber nicht realisieren ließ), 20 Millionen von der Telekom. Tatsächlich kam es erst im September 1995 zwischen der Telekom und der Landesregierung zu einem Vertragsabschluß, der den Start des Pilots für Anfang 1996 mit 2.500 Haushalten vorsah. Im September 1995 kam es auch zu erster öffentlicher Kritik von seiten der CDU und der Grünen im Landtag, die eine "nüchterne Bestandsaufnahme" bzw. eine "Neukonzeption oder Abbruch" forderten. Im Dezember 1995 wurde das Industriekonsortium von der Telekom vertraglich mit der Entwicklung und Lieferung der Technik beauftragt. Anfang März 1996 hieß es dann, daß der Pilot "endgültig" im Mai 1996 mit 100 Teilnehmern starten solle. Ende des Jahres sollten es 2.500 sein. Die Ende März 1996 erfolgte Landtagswahl führte zum Bruch der bisherigen Koalition aus CDU und SPD und einem neuen Wirtschaftsminister von der FDP (Döring). Anfang Oktober verlautete aus dem Wirtschaftsministerium, daß man am 15.10.1996 mit 50 Haushalten beginnen wolle und Mitte 1997 2.500 einbezogen sein sollten. Gleichzeitig wurde in der Presse über einen Abbruch spekuliert. Am 15.10.1996 übergab das Industriekonsortium die Technik mit 100 Set-top-boxen. Die Telekom führte in den folgenden Tagen ihre Funktionstests durch, die am 23.10.1996 mit negativem Ergebnis abgebrochen wurden. Am 30.10.1996 erklärte der Telekom Vorstand Hultsch, nach Rücksprache und im Einvernehmen mit der Landesregierung, den Pilotversuch für gescheitert.

Dieser "offizielle" Grund für den Abbruch - Mängel in der Technik - reicht als Erklärung keineswegs aus (s. Anm. 5) . Bedauerlich, wenn auch nicht untypisch für gescheiterte Pilotversuche dieser Art ist, daß von den Beteiligten nicht der Versuch unternommen wird, diesen Prozeß produktiv aufzuarbeiten. Das scheint insbesondere im politischen Handlungsrahmen nicht vorgesehen zu sein, wenn man sieht, mit welcher Geschwindigkeit multimediale "Nachfolgeprojekte" in die Welt gesetzt wurden. Es ist eigentlich ja keine Schande, wenn ein ambitionierter Pilotversuch scheitert. Nur durch die Risikobehaftetheit legitimiert sich die Durchführung eines Pilotversuchs, in dem man herausfinden will, ob es denn funktioniert, und wenn ja, wie genau. Nur durch das Risiko des Scheiterns legitimiert sich auch eine öffentliche Förderung, denn pure Technikentwicklung "von der Stange" würde man nicht zu den förderungswürdigen Aufgaben rechnen. Die Anstrengungen sind allerdings allesamt vertan, wenn die Lehren des Scheiterns nicht aufgearbeitet werden. Immerhin gibt es einige Ansätze für eine weitergehende Diskussion (s. Anm. 6) :

Eine Streitfrage bezieht sich darauf, ob der grundsätzliche Ansatz des Pilotversuchs, seine Orientierung an den Privathaushalten und dem Fernsehen, falsch gewesen sei (so z.B. Oettinger in diesem Heft oder auch die Grünen im baden-württembergischen Landtag). Ein zweiter Streitpunkt geht um die Notwendigkeit eines Pilotversuches überhaupt. Dagegen wird eingewandt, daß man für Fragen der "Nutzerakzeptanz" billiger und besser auf die etablierten Methoden der Marktforschung setzen bzw. sich auf die Erfahrungen in Amerika stützen könne (so etwa Kuhn und Schweizer im Landtag). Zum dritten wird die einseitige technische Orientierung und eine Vernachlässigung der Anwendungen und Inhalte moniert (etwa Fuchs in diesem Heft sowie Kuhn im Landtag). Schließlich wurde in der Debatte im Landtag, insbesondere aber auch in Kreisen der beteiligten Industrieunternehmen sowie aus der Wissenschaft, Kompetenzwirrwar, Koordinationsmängel und eine ungenügende inhaltliche Konzeptionalisierung des Versuchs kritisiert.

In Anlehnung an Willke (vgl. die Besprechung seines Gutachtens "Die Entwicklung im Multimedia-Bereich als Herausforderung regionalpolitischer Steuerung" in diesem Heft) würde man die in Stuttgart versuchte Etablierung einer multimedialen Infrastruktur mit Anwendungen im Bereich des interaktiven Fernsehens als ein typisches Beispiel für eine Technologieentwicklung ansehen, für die Industrie wie Staat allein zu schwach und somit auf Kooperation angewiesen sind. Willke nennt diese Art von zu erbringenden Gütern "kollaterale". Die damit notwendige Verschränkung zweier Bereiche erfordere ein neues Steuerungsregime, das Willke "Kontextsteuerung" nennt, wobei er dem Staat im wesentlichen zwei Aufgaben zuweist: die Beeinflussung der relevanten Kontextbedingungen und die Moderierung der Selbststeuerung der beteiligten Kreise. Auf den ersten Blick scheint dies genau im Stuttgarter Pilotversuch passiert zu sein. Durch öffentliche Förderung hat der Staat Kontextbedingungen geschaffen, die es der Industrie ermöglichten, in eine risikobehaftete Technologieentwicklung einzusteigen. In der Rolle des "Moderators" der Interessierten und Beteiligten - von den Hardwareproduzenten über die Inhalteanbieter bis zur Wissenschaft - hat sich das Wirtschaftsministerium gesehen.

Wurde nun durch das Scheitern des Stuttgarter Pilotversuchs das Willkesche Steuerungsmodell bestätigt oder wurde es widerlegt? Spricht man sich für eine Bestätigung aus, würde man argumentieren, das Vorgehen sei im Prinzip richtig gewesen, nur mangelte es vielleicht an der Umsetzung. Schnelle Erfolge ohne Rückschläge seien aber sowieso nicht zu erwarten und würden auch nicht versprochen. Hält man das Modell für widerlegt, dann käme z.B. das Argument zum Tragen, daß diese Form der kooperativen und kontextuellen Steuerung die Kommunikationskosten unnötig erhöhe, was letztlich zum Scheitern des Pilotversuchs beigetragen habe. Der Pilotversuch in Orlando, der unter der eindeutigen Führerschaft von Time Warner stand und steht, auch was die Investitionen angeht, wäre vielleicht ein Beleg für die Widerlegung des Willkeschen Steuerungsmodells (s. Anm. 7) .

InfoCity NRW

In dem immer noch anhaltenden Wettrennen um die Führerschaft bei Multimedia hat das Staffelholz mittlerweile die Vebacom (bzw. das aus Vebacom und RWE Telliance gebildete neue Unternehmen "o.tel.o") mit ihrem Pilotversuch "InfoCity NRW" übernommen. Wiederum wird es als "größtes Multimedia-Pilotprojekt Deutschlands", wenn nicht sogar Europas tituliert. Infocity NRW bietet ein breitbandiges interaktives Netz, an das am 10.3.1997, von insgesamt im Vebacom-Netz erreichbaren 10.000 Privathaushalten, die ersten 40 angeschlossen wurden. Auf die Frage, was die Kunden dort erwarten können, antwortete der Projektleiter der Verbacom, Gerlach, das wisse er auch noch nicht (s. Anm. 8) . Die Vebacom versteht sich in diesem Versuch als reiner Netzanbieter. Die Anwendungen und Inhalte müssen von anderen Unternehmen entwickelt werden. Die Vebacom scheint einerseits bereit, einen dreistelligen Millionenbetrag in diesen Versuch zu investieren, fordert aber gleichzeitig andererseits von Beginn an "Marktpreise" von ihren Kunden, z.B. eine monatliche Grundgebühr von 9,95 DM. Ein PC in der 4.000 DM-Klasse (inklusive Ethernet- und MPEG-Karte sowie Kabelmodem) wird beim Kunden vorausgesetzt, eine Nutzung übers Fernsehen mit Set-top-box ist für später vorgesehen. Die Strategie scheint überraschend risikobereit, fast radikal: Wir schaffen die technische Infrastruktur, den Rest muß der Markt entscheiden, und wenn wir scheitern, wissen wir wenigstens warum (s. Anm. 9) . Hier wird zum im Prinzip gleichen Ziel - breitbandige, interaktive multimediale Anwendungen im Privathaushalt - ein deutlich anderer Weg eingeschlagen als in Orlando und in Stuttgart. Doch verlassen wir an dieser Stelle die interaktiven Zukunftsentwürfe und wenden uns den Dingen (und weiteren Beiträgen dieses Schwerpunktes) zu, wo heute schon die Musik spielt, multimedial und interaktiv: im Internet!

WWW.Internet.Politik

Keine Institution aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kann es sich zur Zeit leisten, nicht im Internet mit einem WWW-Angebot vertreten zu sein. Auch ITAS bemüht sich redlich, diesem schwierigen Geschäft nachzukommen (http://www.itas.fzk.de) . So finden sich dort nicht nur die Artikel dieses Schwerpunktes, teilweise sogar in hypertextuell aufbereiteter Form, sondern alle Artikel der TA-Datenbank-Nachrichten seit Mai 1995 (http://www.itas.fzk.de/deu/tadn/tadn.htm) . Wie sich die "Informationsgesellschaft" praktisch im WWW widerspiegelt, erschien uns deshalb als eine spannende Frage, der sich Ute Hoffmann und Kai Seidler vom Projekt "Kulturraum Internet" am WZB angenommen haben (Artikel in diesem Heft). Daß in ihrem kleinen Test-Sample von WWW-Servern nicht alles Gold ist, was blinkt, war fast zu erwarten. Daß Deutschland aber im internationalen Vergleich mit seiner Orientierung auf die "Informationsgesellschaft" vielleicht sogar zu den "Nachzüglern" zählt, ist dann doch ein interessantes Nebenergebnis dieses WWW-Testes.

Doch nicht nur die WWW-Server sprießen aus dem Internet-Humus, sondern auch die politischen Manifeste. Genannt seien die "Hamburger Erklärung" des Kongresses "Informationsgesellschaft * Medien * Demokratie" vom Januar 1996, die Resolution der Baden-Badener Tagung über Perspektiven der Medienerziehung (vgl. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, 17.1.1997, S. 35f), die auf der Wartburg in Eisenach im Januar 1997 verabschiedete "Online Magna Charta" sowie die "Münchner Erklärung" des Kongresses "Internet und Politik" vom Februar dieses Jahres. Rainer Rilling berichtet über diesen jüngsten Kongreß und bemängelt darin u.a. die offensichtlich gewordenen weißen Flecken der sozial- und politikwissenschaftlichen Forschung zum Internet. Denn der Kongreß wurde von mehr oder weniger begründeten Meinungsäußerungen zur Transformation der Politik durch das Internet geprägt und weniger von der Präsentation von Forschungsergebnissen.

Das Stadium der Erklärungen und Manifeste bereits verlassen hat die Multimediagesetzgebung in Bund und Land. Hier liegen konkrete Entwürfe auf dem Tisch und die Verabschiedung ist noch dieses Jahr geplant. Martin Recke gibt in seinem Artikel in diesem Heft eine Übersicht und konstatiert eine "allgemeine Unzufriedenheit" in den verschiedensten Lagern mit diesen politischen Initiativen. Im Kern bleibe ungelöst, was die Digitalisierung auf die Tagesordnung gesetzt habe: die Schaffung eines einheitlichen Kommunikationsrechts, das die herkömmliche und überkommene Bereichstrennung in Telekommunikation, Rundfunk und Online-Dienste überwinde (s. Anm. 10) . Mitwirken wollte in diesem "Spiel" die Enquete-Kommission des Bundestages "Zukunft der Medien" mit ihrem im November 1996 vorgelegten ersten Zwischenbericht zum Rundfunkbegriff und Regulierungsbedarf bei den Neuen Medien. Gerhard Vowe (in seinem Artikel in diesem Heft) meint in seiner Auseinandersetzung mit diesem Bericht, daß sie mit der Reproduktion und Verschärfung althergebrachter Positionen der beteiligten politischen Parteien deutlich zu kurz gesprungen sei.

Die (oft zu) breite Palette der politischen Themen im Kontext der Debatte um die "Informationsgesellschaft" hat das STOA für das Europäische Parlament in einer Reihe von Studien aufgearbeitet, über die Michael Rader (in seinem Artikel in diesem Heft) berichtet. Ein Schwerpunkt dieser Studie lag bei Fragen nach den Beschäftigungswirkungen der neuen Multimedia-Technologie, ein Thema, das auf der politischen Agenda ganz oben angesiedelt ist. Ein speziell hierzu vorgesehener Artikel, der nicht mehr rechtzeitig zum Redaktionsschluß fertig geworden ist, wird deshalb in der nächsten Nummer der TA-Datenbank-Nachrichten erscheinen.

Theorien in Büchern und Bücher in der Produktion

Theorien finden gewöhnlich in Büchern statt. Die Auseinandersetzung mit einigen Theorien zur "Informations-" oder gar "Wissensgesellschaft" steht deshalb am Beginn in der Rubrik Buchbesprechungen (konkret: TA-relevante Bücher und Tagungsberichte). Auf welch unterentwickeltem Niveau die "Informationsgesellschaft" sich (noch) befindet, zeigt sich vielleicht auch daran, daß - aus welchen Gründen auch immer - es nicht gelungen ist, Buchautoren, die zum gleichen Thema veröffentlichen, zu einer gegenseitigen Kenntnisnahme mit nachfolgender Rezension zu bewegen. Wenn die Interaktion aber auf den Mausklick beschränkt bleibt und nicht den kommunikativen Austausch zwischen handelnden Menschen meint, wird der Austausch der Begriffe von der "Informationsgesellschaft" zur "Wissensgesellschaft" auch keinen Fortschritt bringen.

Der Fortschritt ist übrigens, und dies sei als letztes Stichwort aufgerufen, man weiß es schon, eine Schnecke, trotz heftigem Revolutionsgeschrei. Theo Pirker hat bereits in den 60er Jahren darauf hingewiesen, welch widersprüchliches Gesicht die Büroautomation hat. In den 80er Jahren gab es dann, vor allem in den USA, eine Diskussion um das "productivity paradox of information technology". (s. Anm. 11) . Wirklich zu interessieren scheint sich dafür bei uns kaum einer. Doch wenn auch gegen Ende dieses Jahrzehnts bei einem Softwareprodukt zur Textverarbeitung, das gemeinhin als "Standard" gilt, und das wir (s. Anm. 12) . leichtsinnig einem imaginären Trend folgend in den letzten Wochen für die Erstellung eines Buchmanuskripts einsetzten, der Widerspruch zwischen versprochener Funktionalität und tatsächlich erreichter größer scheint als je zuvor, dann Gute Nacht "Informationsgesellschaft".

Anmerkungen

  1. Auch in Teilen der Wissenschaft gab es zu diesem Zeitpunkt Schwierigkeiten, die Differenz zwischen Ankündigung und Realität, zwischen simulierter Videodarstellung und tatsächlichem Projektstand wahrzunehmen.

  2. Vgl. Zur Vorgeschichte und einer ersten Einschätzung mit Stand April 1995 Riehm und Wingert (1995, S. 84-86), sowie TAB-Brief Nr. 9, Februar 1995 (http://www.tab-beim-bundestag.de/deut/briefe/9multim.htm)

  3. An Quellen wurden u.a. herangezogen Schwartz 1995, Yokell 1996 sowie Business Wire 19.2.1997, Marketing Week 21.12.1997, The Financial Post 7.2.1997, The Times 27.1.1997 u.a.

  4. Über die erwähnten Konkurrenzbeziehungen hinaus gibt es weitere Problemlagen, die das Konzept ITV in Frage stellen. So die Frage, ob nicht grundsätzlich ein Ansatz, der durch die Einführung von interaktiven Funktionen eine Art "Rationalisierung" des Fernsehens bzw. eine Rationalisierung der Lebensverhältnisse daheim mittels des Fernsehens anstrebt, zum Scheitern verurteilt ist. Vgl. hierzu etwa Schwartz (1995). Unklar bleibt auch die Finanzierungsfrage, das sogenannte "business modell".

  5. Im übrigen wird dagegen auch vorgebracht, daß die Telekom ihr Interesse am Pilotversuch verloren habe, und nur auf einen Grund gewartet habe, um ohne Gesichtsverlust auszusteigen.

  6. Vgl. hierzu insbesondere das Protokoll der Landtagssitzung vom 13.11.1996, 12. Sitzung der 12. Wahlperiode, zu einer von der FDP beantragten Aktuellen Debatte "Multimedia Baden-Württemberg - Neue Chancen nach dem Scheitern der Datenautobahn" S. 545-562.

  7. Zum Problem der gesellschaftlichen Steuerung bzw. Gestaltung der Informationsgesellschaft führten wir übrigens im Winter 1996/97 eine Vortragsreihe durch mit dem Titel "Informationsgesellschaft oder von der Schwierigkeit, langfristigen Wandel politisch zu gestalten". Informationen zur Vortragsreihe finden sich auf dem ITAS-WWW-Server unter http://www.itas.fzk.de/deu/archivd/aktuell2.htm.

  8. Vgl. das Interview mit Gerlach in der taz vom 6.3.1997, S. 12.

  9. Gerlach: Es ist aber richtig, daß wir erst die Technik aufbauen und dann herauszufinden versuchen, wo die Nachfrage sein könnte. Wenn wir wüßten, was die Leute wollen, würden wir kein Pilotprojekt machen, sondern eine GmbH gründen und anfangen Geld zu verdienen. taz: Und wenn niemand ihr Netz braucht? Gerlach: Dann ist das eine ganz wichtige Erkenntnis für alle beteiligten Partner. taz: Und dafür hätte es sich auch gelohnt, einen dreistelligen Millionenbetrag zu investieren? Gerlach: Ja, es hätte doch noch viel mehr gekostet, ein flächendeckendes Hochgeschwindigkeitsnetz und entsprechende Inhalte aufzubauen. Wenn jetzt herauskommt, daß diese Multimedia-Angebote niemand will, dann sind wir doch froh, daß wir dieses Geld nicht in die Hand genommen haben (taz, 6.3.1997, S. 12).

  10. So auch Jörg Tauss jüngst in der Frankfurter Rundschau vom 6.3.1997, S. 11.

  11. Vgl. Brynjolfsson (1993), Dordick und Wang (1993), Weitsendorf und Prisse (1992).

  12. Mit "wir" ist hier gemeint Knud Böhle, Ulrich Riehm und Bernd Wingert, die ergänzt um Michael Rader diesen Schwerpunkt für die TA-Datenbank-Nachrichten vorbereitet haben. Bei dem angesprochenen Buch handelt es sich um den fünften Band der ITAS-Reihe im Campus Verlag, der den Titel trägt: "Vom allmählichen Verfertigen Elektronischer Bücher. Ein Erfahrungsbericht" und das, nachdem wir letztlich den Kampf mit Word zwar mit Blessuren, aber dann doch siegreich bestanden haben, im Mai erscheinen soll (Hinweise auf der PEB-Projektseite).

Literatur

Beck, K.; Vowe, G.:
Multimedia aus der Sicht der Medien. Argumentationsmuster und Sichtweisen in der medialen Konstruktion.
Rundfunk und Fernsehen 43(1995)4, S. 549-563.

Brynjolfsson, E.:
The productivity paradox of information technology. Communications of the ACM 36(1993)12, S. 67-77.

Dordick, H. S.; Wang, G.:
The information society. A retrospective view. Newbury Park, London, New Delhi: Sage 1993.

Pirker, T.:
Büro und Maschine. Zur Geschichte und Soziologie der Mechanisierung der Büroarbeit, der Maschinisierung des Büros und der Büroautomation. Basel und Tübingen: Kyklos und J.C.B. Mohr (Siebeck) 1962 (Veröffentlichungen der List Gesellschaft e.V., Band 23).

Riehm, U.:
TA-Projekt: "Multimedia". Multimedia - alte Mythen und neue Chancen. TAB-Brief (1995)9, S. 5-10 (http://www.tab-beim-bundestag.de/deut/briefe/9multim.htm).

Riehm, U.; Wingert, B.:
Multimedia - Mythen, Chancen und Herausforderungen. Mannheim: Bollmann 1995 (mit einem Begleitvideo). (Infos zum Buch).

Schwartz, E. I.:
"People are supposed to pay for this stuff?" Wired 3(1995)7. . (http://www.hotwired.com/wired/3.07/features/cable.html)

Weitsendorf, Th.; Prisse, S.:
Informationstechnologie und Unternehmenserfolg - Ein Panel im deutschen Sprachraum.
In: Zimmermann, H. H.; Luckhardt, H.-D.; Schulz, A. (Hrsg.): Mensch und Maschine - Informationelle Schnittstellen der Kommmunikation. Proceedings des 3. Internationalen Symposiums für Informationswissenschaft (ISI '92), Saarbrücken, 5.-7.11.1992.
Konstanz: Universitätsverlag 1992, S. 363-367 (Schriften zur Informationswissenschaft Band 7).

Willke, H.:
Die Entwicklung im Multimedia-Bereich als Herausforderung regionalpolitischer Steuerung.
Stuttgart: Akademie für Technikfolgenabschätzung 1996 (Arbeitsbericht Nr. 68).

Yokell, L.:
Convergence strategies. Although any-to-any digital networking is still a pipe dream, there are any number of ways to start filling the pipe. Byte Heft 9, 1996. (http://www.byte.com/art/9609/sec10/art1.htm)


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Stand: 26.08.2011 - Kommentare und Bemerkungen an: Ulrich Riehm