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Forschungszentrum Karlsruhe
Technik und Umwelt
Institut für Technikfolgenabschätzung und
Systemanalyse (ITAS)
TA-DATENBANK-NACHRICHTEN
Nr. 1, 7. Jahrgang - März 1998

TA-INSTITUTIONEN UND -PROGRAMME

Informatik und Gesellschaft im Bremer Informatikstudium

von Jürgen Friedrich, Universität Bremen

In einer Zeitschrift, die den Begriff Technologiefolgenabschätzung in ihrem Titel führt, hieße es "Eulen nach Athen tragen", wenn man erläutern wollte, warum Informatik und Gesellschaft notwendig ist. Aber vielleicht ist es interessant zu untersuchen, warum die Disziplin selbst sich so schwer tut, ein Selbstverständnis zu entwickeln, das neben dem technischen auch den sozialen Charakter der Informatik akzeptiert und die gesellschaftliche Verantwortung der Informatiker/innen nicht zur Freizeitangelegenheit des Einzelnen erklärt. Dann versteht man vielleicht auch besser die Gründe dafür, warum es immer noch nicht gelungen ist, Informatik und Gesellschaft in allen Informatik-Studiengängen in Deutschland zu etablieren.

1 Lehren aus der Geschichte der Ingenieurwissenschaften in Deutschland
Oder: Warum die Informatik sich nicht nur mit Technik beschäftigen darf

Man kann wohl - ohne allzu stark zu verkürzen - sagen, daß sich die Informatik in Deutschland historisch aus zwei Disziplinen herleitet, derjenigen, die sich mit dem materiellen Substrat, dem Bau der universellen Maschine beschäftigt, und derjenigen, die der amorphen Maschine ihre konkreten Strukturen einprägt. Die erste ist die Elektrotechnik (Elektronik), die sich ganz in der Tradition der klassischen Ingenieurwissenschaften versteht; die zweite ist die Systemtechnik (Algorithmik), die ihre Wurzeln sehr oft in der Mathematik hat. Die Geschichte der Elektrotechnik in Deutschland ist nicht nur die Geschichte großer Erfindungen, sondern auch - wie bei fast allen übrigen Ingenieurwissenschaften - die Geschichte politischer Blindheit. Das Postulat der Wertfreiheit der Wissenschaften scheint bemerkenswerterweise bei den Ingenieurwissenschaften auf noch fruchtbareren Boden gefallen zu sein, als in den "reinen" Naturwissenschaften. Die zweite Wurzel der Informatik, die Mathematik, ist von ihrem Selbstverständnis als "Kalkülwissenschaft" her noch viel weiter von aller Wertung entfernt, wahrscheinlich weiter als jede andere Wissenschaft.

Die Realität der Informations- und Kommunikationstechnik spricht demgegenüber eine ganz andere Sprache: Information und Kommunikation bezeichnen zunächst genuin menschliche Sachverhalte und auch in ihrem technischen Gewand dienen sie - in zunehmendem Maße - der Vermittlung und dem Austausch zwischen Menschen. Nicht umsonst sprechen wir heute vom "Computer als Medium". So wie der Einsatz des Computers selbst schon in bestimmter Weise soziale Beziehungen prägt, so ist erst recht sein funktionaler Entstehungszusammenhang sozialer Natur. Kein Entwickler wird heute noch erfolgreich Programmieren können, ohne den zukünftigen Benutzer intensiv in den Prozeß einzubeziehen; die Systementwicklung selbst ist bei komplexer werdenden Systemen nur noch im Team möglich usw. Nygaard spricht kurz von "Program development as a social activity" (Nygaard 1986). Informatiksysteme sind in diesem doppelten Sinne soziotechnische Systeme.

2 Die Entwicklung von Informatik und Gesellschaft in Bremen
Oder: Warum Wirkungsforschung notwendig, aber nicht hinreichend ist

Als der Studiengang Informatik in Bremen im Herbst 1978 gegründet wurde, war Informatik und Gesellschaft von Beginn an ein wesentlicher Bestandteil des Studiums. Die Entwicklung der letzten 20 Jahre läßt sich unter zwei wesentlichen Fragestellungen zusammenfassen: a) Wie haben sich in dieser Zeit die methodischen und inhaltlichen Konzepte entwickelt? und: b) Wie hat sich - in Abhängigkeit davon - die Organisationsform geändert?

a) Informatik und Gesellschaft war in Bremen - wie auch sonst in der Bundesrepublik - von Mitte der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre fast ein Synonym zu Informatik-Wirkungsforschung. Das Fachgebiet stand noch ganz unter dem Eindruck der ersten großen Studien zu den Wirkungen der Informatik, die von Nora und Minc in Frankreich und von Reese u.a. in Deutschland vorgelegt worden waren (Nora, Minc 1979, Reese et al. 1979). Die Tragik dieser Dekade von Informatik und Gesellschaft lag darin, was Werner Langenheder einmal die "folgenlose Folgenforschung" genannt hat: Die Analysen waren äusserst profund, aber in der Disziplin selbst, der Informatik, kümmerte sich niemand um sie. Verständlicherweise, denn sie enthielten kaum Hinweise, die die Informatik in ihrer praktischen oder theoretischen Arbeit hätte auch nur ansatzweise umsetzen können. In Bremen war dieses Defizit der Wirkungsforschung bereits sehr früh erkannt worden: Wirkungsforschung als zentrale Kategorie von Informatik und Gesellschaft wurde durch das Konzept der Gestaltungsforschung ergänzt. Gestaltungsforschung soll, aufbauend auf den Ergebnissen der analytischen Wirkungsforschung, die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen für eine sozial-orientierte Entwicklung von Informatiksystemen als soziotechnische Systeme erforschen und in konkrete Entwurfsentscheidungen umsetzen. Die "konstruktive Wende" von Informatik und Gesellschaft blieb nicht unumstritten. Manche fürchteten, das Fachgebiet werde nunmehr von den "Machern" vereinnahmt, dürfe sich nur noch äußern, wenn immer gleich auch die Rezepte für eine Umsetzung in technische Anforderungen mitgeliefert würden. Was sich tatsächlich entwickelte, war eine fruchtbare Verknüpfung von Wirkungs- und Gestaltungsforschung. Die arbeitswissenschaftliche Analyse von Belastungen und Beanspruchungen bei der Bildschirmarbeit etwa wurde in der Lehre verbunden mit der Vermittlung software-ergonomischer Erkenntnisse zur Oberflächengestaltung. Die Analysen zu Datenschutzrisiken in Unternehmen und Staat wurden verknüpft mit Überlegungen zu technischen Möglichkeiten, die Daten z.B. über kryptographische Verfahren sicherer zu machen. Dazu gehörte aber immer auch die Vermittlung der Einsicht in die Begrenztheit der jeweiligen technischen Gestaltungsmaßnahmen.

b) Die Behandlung der gesellschaftlichen Wirkungen der eigenen Disziplin war in Bremen kein Privileg der Informatik. Auch bei den klassischen Natur- und Ingenieurwissenschaften war die Beschäftigung mit derartigen Fragen obligatorischer Bestandteil des Studiums. Die Lehrveranstaltungen für diese Studiengänge wurden von einer eigens dafür geschaffenen Einrichtung, dem sogenannten Berufspraxiszentrum, angeboten. Der Begriff "Berufspraxiszentrum" deutete darauf hin, daß die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen Folgen des eigenen Fachs nicht nur in allgemein ethischen Motiven begründet lag, sondern daß schon damals davon ausgegangen wurde, daß dieses Thema für die berufliche Praxis der Informatiker/innen von direkter Bedeutung ist, und zwar im Sinne einer professionellen Ethik. Heute wird diese Position auch von der wichtigsten Wissenschafts- und Berufsorganisation, der Gesellschaft für Informatik (GI), geteilt. Sie hat mit den 1993 verabschiedeten "Ethischen Leitlinien" nicht nur ihre Mitglieder, sondern - das war neu - auch sich selbst als Organisation dem Postulat der gesellschaftlichen Verantwortung im beruflichen Handeln unterworfen (Autorenkollektiv 1993).

So sehr einerseits die Beziehung zwischen Verantwortung und Beruf zu begrüßen ist, so problemetatisch war andererseits - in studienorganisatorischer Hinsicht - die Ansiedlung der sozialwissenschaftlichen Studienanteile in einer eigenständigen Einrichtung, dem Berufspraxiszentrum. Für die Informatik-Studierenden, deren Erwartungshaltung primär auf die Vermittlung von Konzepten und Methoden der Softwareentwicklung gerichtet ist, ist die Beschäftigung mit sozialwissenschaftlichen Fragen naturgemäß zunächst immer fremd. Diese Haltung wird durch die Auslagerung der Lehre zu Informatik und Gesellschaft in ein Berufspraxiszentrum außerhalb des Studiengangs noch verstärkt. Auch die organisatorische Trennung der Lehrenden im Berufspraxiszentrum von denen im Studiengang selbst behindert die im Sinne der Gestaltungsforschung notwendige fachliche Integration von sozialwissenschaftlichen und technischen Lehrinhalten. Die Informatik in Bremen hat daher bereits kurz nach Gründung des Studiengangs die Konsequenz gezogen und die Lehrkapazität zu Informatik und Gesellschaft in den eigenen Studiengang integriert. Dadurch und durch die Tatsache, daß neben den Informatik und Gesellschaft-Lehrenden auch andere (Kerninformatik-)Lehrende soziale Aspekte ihres jeweiligen Spezialgebiets in ihren Lehrveranstaltungen behandeln, sind entscheidende Voraussetzungen für eine Etablierung von Informatik und Gesellschaft im Bremer Studiengang gegeben.

3 Ziele und Inhalte von Informatik und Gesellschaft in Bremen
Oder: Warum sich Informatik und Gesellschaft eigentlich selbst aufheben müßte

Das Ziel der Lehre in Informatik und Gesellschaft in Bremen kann folgendermaßen zusammengefaßt werden: Die Studierenden "sollen Einsicht in die Zusammenhänge von Technik, Wissenschaft und Gesellschaft gewinnen, um spätere Entscheidungen in der Berufspraxis bewußt und verantwortlich handelnd zu treffen. Sie sollen die erkannten sozialen Wirkungen der Informatik bei der zukünftigen Gestaltung informationstechnischer Systeme umsetzen lernen" (Studienordnung 1993, S. 1). Zur Erreichung dieses Ziels sind sowohl Fähigkeiten zur Analyse der Wirkungen in einzelnen Anwendungsgebieten erforderlich als auch Methoden zur Gestaltung soziotechnischer Systeme. Diese Fähigkeiten werden im Grundstudium systematisch vermittelt und im Hauptstudium exemplarisch vertieft.

Inhalte des Grundstudiums

Im Grundstudium gibt es neben Mathematik und den üblichen Kerninformatiksäulen (theoretische, praktische und technische Informatik) eine eigene Säule "Angewandte Informatik einschließlich Informatik und Gesellschaft". Die Lehrveranstaltung des ersten Semesters ("Anwendungen und Auswirkungen der Informatik") führt anhand einer komplexen Fallstudie ("Hafeninformatik 2010") in die allgemeine Problematik ein. Exemplarisch werden Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnik im Hafen (von der Automatisierung von Einzelfunktionen der Logistik, etwa des Containerumschlags, bis zu umfassenden Gesamtlösungen, etwa im Rahmen von Teleportkonzepten) analysiert und hinsichtlich unterschiedlicher Wirkungsdimensionen (ökonomische, arbeitsorientierte, ökologische usw.) beurteilt. Das zweite Semester dient dann der vertiefenden Darstellung verschiedener Anwendungsbereiche. Dabei bestehen Wahlmöglichkeiten zwischen Verwaltungsinformatik, Wirtschaftsinformatik, Produktionsinformatik und Medieninformatik. Aufbauend auf den Kenntnissen über die Anwendungen folgt dann im dritten Semester die Kernveranstaltung zu Informatik und Gesellschaft als sechsstündiger Kurs (4 Semesterwochenstunden Vorlesung und 2 Semesterwochenstunden Übung). Inhaltlich orientiert sich die Veranstaltung an dem Lehrbuch "Informatik und Gesellschaft" (Friedrich, Herrmann, Peschek, Rolf 1995):

Im Anschluß an den letzten Teil dieser Veranstaltung wird dann im vierten Semester der Blick auf Gestaltung gerichtet. In der Veranstaltung "Gestaltung soziotechnischer Systeme" werden für die frühen Phasen der Softwareentwicklung (Istanalyse, Anforderungsdefinition, Entwurfsspezifikation) Kriterien und Entwicklungskonzepte vermittelt, die eine stärkere Einbeziehung der Betroffenen (Benutzer, Bürger usw.) zum Ziel haben. Dazu gehören psychologische Verfahren der Arbeitsanalyse, organisationstheoretische Methoden, Methoden der partizipativen und evolutionären Systementwicklung, Prototyping, Benutzungsfreundlichkeit usw. Mit der Behandlung derartiger Lehrinhalte rückt diese Veranstaltung bereits in die Nähe der in der praktischen Informatik im selben Semester durchgeführten Lehrveranstaltung "Softwaretechnik", die sich mit den späteren Phasen des Entwicklungsprozesses beschäftigt. Das ist gewollt und illustriert die im Untertitel dieses Kapitels formulierte These: Beabsichtigt ist eine möglichst weitgehende Integration von Informatik und Gesellschaft in die "normalen" Informatikveranstaltungen. Informatik und Gesellschaft soll ihre Sonderrolle im Studium verlieren, sie soll ihre Wirksamkeit in und nicht neben der Informatik entfalten. Hier liegt das didaktische Pendant des oben beschriebenen Paradigmenwechsels von der Wirkungs- zur Gestaltungsforschung.

Inhalte des Hauptstudiums

Das Bremer Informatik-Hauptstudium ist insgesamt und dann auch im Themenfeld Informatik und Gesellschaft weit weniger strukturiert als das Grundstudium. Die Studierenden wählen aus einer Vielzahl von Veranstaltungen, die sich im wesentlichen folgenden Themengebieten zuordnen lassen (Studienordnung 1993):

Alle Informatikstudierenden müssen im Hauptstudium an einem Projekt teilnehmen. Die oben genannten Themenbereiche sind oft Bestandteil eines solchen Projekts. Dadurch kann dem beschriebenen Prinzip der möglichst weitgehenden Integration von Informatik und Gesellschaft in die Kerninformatik in der Praxis sehr gut Rechnung getragen werden.

4 Die Methodik: Analyse und Handlung, Diskurs und Gestaltung
Oder: Warum Vorlesungen und Referate nicht alles gewesen sein können

Die Lehre zu Informatik und Gesellschaft kann nicht "verordnet werden. Sie steht und fällt - mehr als andere Informatikveranstaltungen - mit der Motivation der Studierenden. Daher ist die methodisch-didaktische Orientierung hier von besonderer Bedeutung. Im Grundsatz orientiert sich die Lehre zu Informatik und Gesellschaft in Bremen an vier Prinzipien:

Die Darstellung der inhaltlichen und didaktischen Konzepte ist leichter als ihre Umsetzung. Nach wie vor besteht das Hauptproblem darin, die Erwartungshaltung der Studierenden für das Thema Informatik und Gesellschaft zu öffnen. Dies gelingt umso besser, je klarer die Wirksamkeit von Informatik und Gesellschaft für das berufliche Handeln deutlich gemacht werden kann.

Literatur

Ansorge, P.; Friedrich, J.; Streibl, R.E.: Gestaltungsfähigkeit als Prinzip der Software-Ergonomie-Lehre in Bremen. In: Ergonomie & Informatik Nr. 22 (Juli 1994), S. 26-32.

Autorenkollektiv: Ethische Leitlinien der Gesellschaft für Informatik. In: Informatik-Spektrum Bd. 16 (1993), S. 238-240.

Friedrich, J. et al.: Empfehlungen zur Einbeziehung der gesellschaftlichen Aspekte der Informatik in das Informatikstudium, in: Informatik Spektrum, (1986) Heft 1 (zusammen mit den Mitgliedern des gleichnamigen GI-Arbeitskreises).

Friedrich, J.: Informatik und Gesellschaft in der Hochschullehre. In: Langenheder, W.; Müller, G.; Schinzel, B. (Hrsg.): Informatik cui bono. Berlin etc. 1992, S. 259-264.

Friedrich, J.; Herrmann, Th.; Peschek, M.; Rolf, A. (Hrsg.): Informatik und Gesellschaft. Heidelberg, Berlin, Oxford 1995.

Friedrich, J.: Berufspraxis, soziale Lage und Bewußtsein von Informatikern und Informatikerinnen. In: Friedrich, J.; Herrmann, Th.; Peschek, M.; Rolf, A. (Hrsg.): Informatik und Gesellschaft. Heidelberg, Berlin, Oxford 1995, S. 339-344.

Friedrich, J.: Design Science 97. In: AI & Society, vol. 10 (1996) no. 2, p. 199-217.

Nora, S.; Minc, A.: Die Informatisierung der Gesellschaft. Frankfurt, New York 1979.

Nygaard, K.: Program development as a social activity. In: Kugler, H.G. (ed.): Information processing 86 - Proceedings of the IFIP 10th World Computer Congress. Amsterdam 1986, pp. 189-198.

Reese, J.; Kubicek, H.; Lange, B.-P.; Lutterbeck, B.; Reese, U.: Gefahren der informationstechnologischen Entwicklung. Frankfurt, New York 1979.

Streibl, R.E.; Friedrich, J.; Ansorge, P.: Das Elektronische Forum - ein Weg zur Verbesserung der Lehre? (The electronic forum - a way towards a better teaching?). In: Chrdle, Petr (ed.): Today's trends in education (Proceedings of the 5th Prague Conference on Educational Cybernetics EDUTECH '94, 23.-25.08.1994). Dobrichovice (Praha) 1995, S. 119-128.

Streibl, R.E.; Friedrich, J.; Paul, M.: Erfahrungsorientiertes Lernen mit dem Offenen Planspiel-Unterstützungssystem OPUS. Bremen 1997 (Universität Bremen, TZI-ISI, Schriften zu Mediengestützten Lernsystemen).

Studienordnung für den Studiengang Informatik der Universität Bremen, 01.10.1993.

Kontakt

Prof. Dr. Jürgen Friedrich
Universität Bremen
Fachbereich Mathematik/Informatik
Bibliothekstr. 1
D-28359 Bremen
Tel.: + 49 (0) 421-218-3395, -2488 (Sekr.)
Fax: + 49 (0) 421-218-3308
E-mail: friedrich@informatik.uni-bremen.de


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Die Probleme der Institutionalisierung der Technikfolgenabschätzung in Rußland

von Dmitrij Efremenko, International Independent University of Ecology and Politology

Mit dem Umbruch in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion wurden auch in starkem Maße Forschungsansätze der westlichen Gesellschaften rezipiert und in Instrumente der Forschungspolitik zu übersetzen versucht. Der folgende Beitrag geht der neu entstehenden TA-Diskussion in Rußland nach und zeigt die erst im status nascendi befindliche Versuche auf, TA zu institutionalisieren. Gleichwohl macht ein Blick zurück in die Endphase des Sowjetsystems deutlich, daß der Gedanke der Folgenforschung schon existierte, jedoch unter anderen Leitthemen rubriziert wurde. Kontinuität und Neuanfang bedingen sich hier wechselseitig.

Die Technikfolgenabschätzung (Technology Assessment/TA) als institutionalisierte Forschung über die Konsequenzen der Technikentwicklung existiert und entwickelt sich bereits seit dem letzten Viertel dieses Jahrhunderts. Obwohl die erste TA-Organisation - das Office of Technology Assessment (OTA) beim US Kongreß - schon nicht mehr existiert, kann man über das quantitative und qualitative Wachstum der Technikfolgenforschung in den entwickelten Industrieländern zuversichtlich sein. Der Stand der TA vom Juni 1995 ist folgender: in 16 Ländern (West- und Zentraleuropa, USA) beschäftigen sich 483 Forschungsorganisationen mit der Technikfolgenabschätzung (Quelle: TA-Datenbank des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse des Forschungszentrums Karlsruhe). Jedoch gibt es unter ihnen keine russische Forschungsorganisation. Was sind die Gründe für eine solche Lage? Um auf diese Frage antworten zu können, muß man sich erinnern, wie die Planung und die Verwaltung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung in der ehemaligen Sowjetunion verwirklicht wurde.

Wie bekannt sein dürfte, hat die Sowjetunion in den 50er und 60er Jahren große Erfolge in der Entwicklung von Wissenschaft und Technik erreicht. Besonders bedeutend waren die Erfolge auf dem Gebiet der Kosmosforschung, in der Entwicklung der Kernenergie, der Rückstreumeßtechnik, der Lasertechnik usw. Aber es waren die Zweige der Wissenschaft, die eng mit den Interessen und den Bedürfnissen des militärisch-industriellen Komplexes verbunden waren. Das war bei weitem nicht zufällig. Die Planung und die Organisation der wissenschaftlichen Forschung wurden den Aufgaben der Politik der herrschenden kommunistischen Partei untergeordnet. Anders gesagt, die Organisation der wissenschaftlichen Forschung wurde schließlich nicht von den wissenschaftlichen Aufgaben geleitet, sondern den ideologischen Bedürfnissen untergeordnet. Die wichtigste Priorität für das sowjetische kommunistische Regime hatte die Erreichung der Überlegenheit im militärisch-politischen Wettbewerb mit den westlichen Ländern. Die Wissenschaft wurde als eines der Mittel für die Erreichung dieser Ziele betrachtet und entsprechend benutzt.

Folgende Eigenschaften wurden charakteristisch für die Organisation der Wissenschaft in der ehemaligen Sowjetunion: strenge Staats- und Parteikontrolle, Monopolismus im Prozeß der Annahme der Entscheidungen zu Fragen der Wissenschafts- und Technologiepolitik, Teilung in "amtliche" und "akademische" Wissenschaft, geschlossener Charakter auf vielen Forschungsgebieten (besonders im Rahmen der "amtlichen" Wissenschaft), bestimmte Beschränkungen bei Kontakten mit der weltweiten wissenschaftlichen Gemeinschaft. Die Wissenschafts- und Technologiepolitik wurde ausgearbeitet und durchgeführt im Rahmen des planmäßigen Wirtschaftsystems von solchen Ämtern wie Staatliche Plankommission beim Ministerrat der UdSSR (sog. Gosplan), Staatliches Komitee für Wissenschaft und Technik, Abteilungen der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Fachministerien und Fachämtern. Die allgemeine Kontrolle wurde von den entsprechenden Abteilungen des zentralen Komitees der kommunistischen Partei verwirklicht.

Zur Sowjetzeit war folgende Klassifikation der Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Natur- und Ingenieurwissenschaften üblich: Grundlagenforschung, wissenschaftlich-technische Forschung und (angewandte) ingenieurmäßige Forschung. Die Grundlagenforschung ist langfristig angelegt (5 Jahre und mehr) und wird hauptsächlich von den akademischen Instituten oder Lehrstühlen an Hochschulen wahrgenommen. Die Publikationen werden als Ergebnis dieser Forschungen anerkannt.

Die wissenschaftlich-technische Forschung erscheint als Entwicklung und Konkretisierung der Grundlagenforschung. Sie wird für einen Zeitraum von 1 bis zu 5 Jahren geplant. Ihr Ergebnis ist die Erarbeitung eines Forschungsplans, u.a. bezüglich des methodischen Ansatzes, der technischen Daten und Materialien oder der technischen Aufgaben für die Pilot-Anlage. Die wissenschaftlich-technischen Forschungsarbeiten werden hauptsächlich im Fachforschungsinstitut oder an den Hochschulen und den Fachlaboratorien der Akademie der Wissenschaften durchgeführt.

Die ingenieurmäßige Forschung ist kurzfristig (bis zu 1 Jahr); sie ist auf Forschungsarbeiten im Rahmen der Pilotanlagenkonstruktion orientiert. Die ingenieurmäßige Forschung schließt mit ein: die Überprüfung des Vorprojekts, die wissenschaftliche Begründung des Vorgehens, die Analyse der Möglichkeit der Nutzung bereits vorhandener wissenschaftlicher Daten zur ingenieurmäßigen Berechnung sowie die Identifikation von Forschungslücken. In der ingenieurmäßigen Forschung wird das ausgewählte Verfahren konkretisiert und verwirklicht, klären sich die Möglichkeiten der Nutzung, und die Bereiche der Anwendung der Ergebnisse der bereits geleisteten wissenschaftlich-technischen Forschung und der Grundlagenforschung bei der Erarbeitung des gegebenen ingenieurmäßigen Objektes. Ebenso bildet sich die Notwendigkeit für neue wissenschaftlich-technische Forschungen heraus. Die ingenieurmäßige Forschung wird im Fachforschungsinstitut (mit der Projektthematik), im Konstruktionsbüro und in werkeigenen Laboratorien durchgeführt.

Eine besonders strenge ideologische Kontrolle fand auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften (Philosophie, Soziologie, historische Wissenschaften) statt. So wurde die wissenschaftliche Diskussion über die Probleme der wissenschaftlich-technischen Entwicklung, die Konsequenzen der Einführung und die Massenverbreitung der neuen Technologien unter den Verhältnissen der sowjetischen Gesellschaft bewußt von den ideologischen Einstellungen über immanente Vorteile für den Sozialismus bestimmt. In den wissenschaftlichen Publikationen der 60er und der ersten Hälfte der 80er Jahre dominierte einerseits ein eigenartiger "technologischer Optimismus" in bezug auf die Perspektiven der wissenschaftlich-technischen Entwicklung unter den Gegebenheiten der sowjetischen Gesellschaft (z.B. das Buch von J. Meleschenko "Die Technik und die Gesetzmäßigkeit ihrer Entwicklung"); andererseits dominierte die skeptische Einstellung zu neuen Ideen (insbesondere zu nicht marxistischen) auf dem Gebiet der Steuerung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung. Im übrigen war "Die Kritik der bürgerlichen Konzeptionen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts" oft eine bequeme Form der Einführung des sowjetischen Lesers in nicht marxistische Konzeptionen auf dem Gebiet der Philosophie der Wissenschaft und Technik (z.B. der Artikel von V.N. Porus "Technology Assessment" in der Interpretation von westlicher Philosophie und Methodologie").

Ernste Schwierigkeiten wurden für Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Systemanalyse geschaffen. Nach den ersten Publikationen zu den Problemen der Theorie und Methodologie der Systemforschung (V. Kremjanskij, V. Lektorskijm V. Sadovskij etc.) in der Zeitschrift "Die Fragen der Philosophie" in den Jahren 1958 - 1960 wurde mit der Aktivierung der systemanalytischen Forschung begonnen. Doch schon im Jahre 1965 wurde die Abhaltung der wissenschaftlichen Konferenz "Probleme der Forschung über Systeme und ihre Strukturen" verboten; 1969 wurde in der Zeitschrift "Kommunist" ein richtungsweisender Artikel veröffentlicht, in dem auf die Gefahr der Unterscheidung der Philosophie des dialektischen Materialismus von der gemeinen Systemtheorie hingewiesen wurde. Dennoch setzt sich die Systemforschung fort, (im einzelnen auf der Basis der Sektion des Instituts für Geschichte der Naturwissenschaften und Technik der Akademie der Wissenschaften der UdSSR unter der Leitung von I. Blauberg; des Lehrstuhls für Systemtechnik des Moskauer energetischen Institutes sowie im Institut für Systemforschung, das auf Initiative des Akademikers D. Gvischiani geschaffen wurde), wenn auch unter bestimmten Beschränkungen.

Die kritische Erörterung der Umweltproblematik wurde bis zu dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl auf einzelne industrielle Projekte begrenzt, deren Realisierung der Umwelt schaden könnte. Die Forderungen nach ökologischen Expertisen für konkrete Projekte (vorzugsweise auf den Gebieten Melioration und Wasserbau, Hydroenergetik, Erdölchemie, Zellulose- und holzverarbeitende Indsutrie) haben keinen Zugang gefunden zu der Ebene der kritischen Betrachtung der gesamten Technologiepolitik unter dem Gesichtspunkt der Umweltverträglichkeit.

Die Diskussion in der zweiten Hälfte der 60er Jahre über die direkten und indirekten Wirkungen der technologischen Innovationen und deren Folgen für die Institutionalisierung der Technikfolgenabschätzung in den USA und (später) in europäischen Ländern hatten keinerlei Auswirkungen für die Sowjetunion. Dies ist nicht verwunderlich, weil trotz Vorhandenseins ausreichenden wissenschaftlichen Potentials die sozial-politischen Begründungen für die Institutionalisierung und Entwicklung des Systems der Technikfolgenabschätzung fehlten. Die Rede ist vor allen Dingen von den unabhängigen öffentlichen und politischen Institutionen, die an der umfassenden Einschätzung der Konsequenzen der Entwicklung der Technik interessiert sind, von der Freiheit der Diskussion über die Ziele und Werte des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, von der Möglichkeit der kritischen Analyse der Technologiepolitik des Staates. Die Technikfolgenabschätzung als ein demokratisches Modell der Erarbeitung und der Korrektur der Politik auf dem Gebiet der Steuerung des wissenschaftlich-technischen Fortschrittes konnte sich unter den Bedingungen einer totalitären Gesellschaft nicht entwickeln.

Die Bedingungen veränderten sich in der Mitte der 80er Jahre im Zusammenhang mit dem Beginn der ökonomischen und politischen Reformen. Die Katastrophe von Tschernobyl hat auch zur heftigen Aktivierung der Diskussionen über die Probleme der Sicherheit der Kernenergie und anderer Technologien, die mit einem erhöhten Risiko verbunden sind, geführt. Im Zentrum der Aufmerksamkeit standen die Probleme der Verantwortung im politischen Entscheidungsprozeß auf dem Gebiet der Ökologie und der Strategie der technischen Entwicklung. Im Zusammenhang mit den Konsequenzen der Tschernobylkatastrophe wurde die Energiepolitik wieder analysiert und korrigiert (das Ergebnis dieser Arbeit ist die Bestätigung durch die Veröffentlichung "Die Energiestrategie Rußlands" im Mai 1995). Im Grunde genommen fing die Einsicht in die Notwendigkeit einer umfassenden und präventiven Prognose der ökonomischen, sozialen und ökologischen Konsequenzen der Erarbeitung und der breiten industriellen Nutzung der neuen Technologien nach Tschernobyl an. Die Analyse und Bewertung möglicher Alternativen wurde zur aktuellen Aufgabe. Doch die Desintegration und der Zerfall der Sowjetunion, tiefe wirtschaftliche und soziale Krisen, die Notwendigkeit der Reform des Wissenschafts- und Bildungssystems, die Kürzung des Haushalts bei Forschungs- und Entwicklungsprogrammen haben den praktischen Beginn dieser Aufgabe wieder verschoben.

Zur Zeit kann man über eine gewisse politische und ökonomische Stabilisierung in Rußland reden. Als Ergebnis der geleisteten Reformen ist eine qualitative Veränderung der wirtschaftlichen Strukturen erfolgt. An die Stelle der totalen Herrschaft des Staatseigentums tritt die Ökonomie mit dem Vorherrschen der verschiedenen Formen des privaten und korporativen Kapitals. Gleichzeitig brachten die Reformen einen langwierigen und tiefen ökonomischen Verfall mit sich, eine Verarmung für einen bedeutenden Teil der Bevölkerung, Arbeitslosigkeit und hohe Kriminalitätsraten.

Die Krise zeichnete sich auch in der Wissenschaft und dem Bildungssystem ab. Eine Bedingung der Überlebensfähigkeit von Wissenschaft und Bildung wurde die Verwirklichung der Reformen auf diesen Gebieten, die Anpassung von Wissenschaft und Bildung an die neuen ökonomischen und sozialen Strukturen Rußlands. Als ein erreichtes Ziel muß man die Veränderung der Prinzipien der Finanzierung der Wissenschaft und des Bildungssystems erwähnen (die Ergänzung der haushaltsmäßigen Finanzierung der Wissenschafts- und Ausbildungsanstalten; die Finanzierung durch die verschiedenen Fonds konkreter Forschungs- und Ausbildungsprojekte) sowie die Entstehung der nicht-staatlichen Hochschulen und Universitäten.

Als eine der wirksamsten Formen der Sicherstellung des Funktionierens der Wissenschaft unter den neuen Bedingungen ist die Tätigkeit des Russischen Fonds für Grundlagenforschung (RFGF) und des Russischen Fonds für humanitäre Forschung (RFHF) zu nennen. Diese Fonds wurden 1992 geschaffen; sie sind staatlich, aber selbstverwaltet und unabhängig von anderen Ämtern. Die Beschlüsse über die finanzielle Unterstützung von konkreten Forschungsprojekten werden auf der Grundlage eines Wettbewerbes von einer qualifizierten Experten-Kommission gefaßt (drei Wettbewerbe wurden schon durchgeführt, zum Beispiel hat RFGF ca. 50 Tausend Anträge erörtert und Mittel für die Unterstützung von 8760 wissenschaftlichen Projekten und Veröffentlichungsanträgen zugesagt). RFGF und RFHF leiten gemeinsam mit dem Ministerium für Wissenschaft, der Russischen Akademie der Wissenschaften und dem für die Hochschulen zuständigen Ministerium die großräumigen Programme zur Unterstützung der führenden wissenschaftlichen Schulen in Rußland und die Bildung eines nationalen Netzwerkes für Computertelekommunikation für Wissenschaft und Hochschulen.

Eine große Bedeutung hat die Tätigkeit der Russischen Akademie der Wissenschaften. Der Präsident der Akademie ist ein Mitglied des Präsidiums der Regierung Rußlands. Es sind eine Reihe von Maßnahmen analog zu der Modernisierung des Systems der akademischen Wissenschaft in Angriff genommen worden. Doch leider setzt sich die sperrige Struktur der akademischen Institute, ein Erbe auch der sowjetischen Zeit, fort.

Heute kann man sagen, daß für Rußland die Aufgaben der Bestimmung der Strategie auf dem Gebiet der wissenschaftlich-technischen Forschung und der Umweltpolitik wieder in den Vordergrund treten. Die Aufgabe der Operationalisierung des Konzepts der "Nachhaltigen Entwicklung" für Rußland ist besonders aktuell (in Zusammenhang mit der Unterschrift Rußlands unter die Dokumente, die auf der UNO-Konferenz für Umwelt und Entwicklung im Juni 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet wurden). In diesen Vereinbarungen wird die Unzulänglichkeit der bisherigen Methoden der Bestimmung der wissenschaftlich-technischen Forschung und der Umweltstrategie offensichtlich sowie der Bedarf an neuen Methoden, die dem gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft und der Wirtschaft Rußlands adäquater sind. Eine solche Methode ist die Technikfolgenabschätzung.

Im Juni 1997 wurde die erste russische TA-Einrichtung - das Zentrum für Technikfolgenabschätzung - gegründet. Das Zentrum wird auf der Basis der Internationalen Unabhängigen Universität für Ökologie und Politologie (IUUÖP) und des Internationalen Institutes für globale Probleme der Nachhaltigen Entwicklung (IIGPNE) geschaffen.

Die internationale Unabhängige Universität für Ökologie und Politologie ist die erste Hochschule Rußlands mit einem ökologischen Profil. Die Universität ist eine nicht-staatliche Hochschule. Unter den Gründern der IUUÖP sind Regierungsämter (das Ministerium für Umweltschutz der Russischen Föderation, das Staatskomitee für Hochschulbildung der Russischen Föderation) und die öffentlichen ökologischen Organisationen (Allrussische Gesellschaft für Umwelt, Union der öffentlichen ökologischen Fonds). Zu den grundlegenden Aufgaben des IUUÖP gehören die Schaffung eines Systems der ökologischen und humanitären Bildung in Rußland auf der Grundlage neuerer einheimischer und ausländischer Erfahrungen, die Ausbildung von Experten für ökologisches Management, Umweltpolitik, Umweltrecht, Wirtschaftswissenschaft und Journalistik. Der Präsident der Universität, Prof. N. Moisejev, ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften; der Rektor der IUUÖP ist Prof. Dr. S. Stepanov.

Eine besondere organisatorische Einheit der IUUÖP ist das Internationale Institut für globale Probleme der Nachhaltigen Entwicklung (IIGPNE). Eine grundlegende Aufgabe des IIGPNE ist die Organisation der ökonomischen, soziologischen und politologischen Forschungen, die für die Erarbeitung einer Strategie des Überganges zur Nachhaltigen Entwicklung notwendig sind. Der Direktor des IIGPNE ist Prof. Dr. V. Danilov-Danilian - der Vorsitzende des Staatskomitees für Ökologie der Russischen Föderation. Der stellvertretende Direktor des Institutes und gleichzeitige Leiter des Zentrums für Technikfolgenabschätzung ist Prof. Dr. V. Gorokhov. Prof. Gorokhov ist einer der führenden russischen Spezialisten auf dem Gebiet der Philosophie der Wissenschaft und Technik, der Systemforschung und des Projektmanagements.

Die Effektivität des neu gegründeten Zentrums für TA soll sichergestellt werden durch eine auf die Bedürfnisse der Projekte ausgerichtete flexible Arbeitsorganisation unter Heranziehung der jeweiligen Spezialisten aus den verschiedenen Gebieten der Wissenschaft und der Technik und unter Einsatz lediglich eines Minimums an festem Personal. Die Ausarbeitung eines flexiblen Schemas für die Finanzierung des Zentrums (zum Beispiel die Verbindung der haushaltsmäßigen oder anderen konstanten Finanzierung mit der Heranziehung von Mitteln aus externen Quellen für die Realisation der konkreten Projekte) ist eine unter vielen Aufgaben.

Zu den grundlegenden Aufgaben des Zentrums für Technikfolgenabschätzung gehört die Erarbeitung einer Konzeption und Methodologie der Technikfolgenabschätzung, die weitere Entwicklung der TA-Infrastruktur (einschließlich Aufbau einer Datenbank), die Verwirklichung konkreter TA-Projekte (mit der überwiegenden Orientierung auf die sozial-ökologische Problematik im Zusammenhang mit der Notwendigkeit der Operationalisierung des Konzepts der Nachhaltigen Entwicklung für die russische Föderation) und Teilnahme an Ausbildungsprogrammen.

Die Teilnahme Rußlands an der internationalen Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Technikfolgenabschätzung, einschließlich des Zusammenwirkens mit den führenden nationalen und internationalen TA-Einrichtungen, kann sehr nützlich werden. Die Nutzung der Erfahrungen dieser Einrichtungen, im besonderen das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Forschungszentrums Karlsruhe und das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), mit denen schon enge Kontakte bestehen, wird zur wirksamen Arbeit der ersten russischen TA-Organisation beitragen.

Ein wesentliches Problem ist der Mangel an Informationen über Technikfolgenabschätzungsaktivitäten in den westlichen Ländern. Die Materialien über Tätigkeitsergebnisse der TA-Einrichtungen (Office of Technology Assessment beim US-Kongreß u.a.) stammten hauptsächlich aus den amtlichen Kanälen der 70er und der ersten Hälfte der 80er Jahre, die wesentlichen Erfahrungen auf dem Gebiet der Technikfolgenabschätzung fanden praktisch keinen Niederschlag in den wissenschaftlichen Publikationen in Rußland. Die Situation veränderte sich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Sehr wichtig war die Ausgabe auf russisch der Sammlung "Philosophie der Technik in der Bundesrepublik Deutschland" im Jahr 1989, in der die Arbeiten solcher Spezialisten auf dem Gebiet der Philosophie der Technik wie F. Rapp, G. Ropohl, H. Sachsse, A. Huning, H. Lenk, G. Böhme, W. van den Daele, W. Krohn etc. veröffentlicht wurden. Dank dieser Sammlung hat der russische Leser die Möglichkeit bekommen, in die gegenwärtigen Konzeptionen der Philosophie und Soziologie der Technik, der technischen Ethik, Diskussionen über Möglichkeiten der Steuerung der Technik (einschließlich der Probleme der Technikfolgenabschätzung) eingeführt zu werden. Spät wurden die Übersetzungen der Bücher von K. Mitcham "What is the Philosophy of Technology?" (1995) und H. Lenk "Nachdenken über moderne Technik" (1996) veröffentlicht, in denen besonders die Problematik der Technikfolgenabschätzung betrachtet wurde.

Große Bedeutung hatte die Bildung der Sektion für Philosophie der Technik im Rahmen des Institutes für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften, das die Forschung in diese Richtung aktiviert und zugelassen hat. Auch wurden neue dogmenfreie Lehrbücher vorbereiten. Man muß in erster Linie das Lehrbuch von V. Styopin, V. Gorokhov, M. Rosov "Philosophie der Wissenschaft und der Technik" (Moskau, 1995) nennen. Dieses Lehrbuch wurde im Rahmen des Programms "Erneuerung der humanitären Bildung in Rußland" veröffentlicht, das von der russischen Regierung und der internationalen Stiftung von G. Soros verwirklicht wurde. Ein Teil des Lehrbuches ist der Technikfolgenabschätzung gewidmet. Insbesondere ist dort die Diskussion der zweiten Hälfte der 60er Jahre über die langfristigen Konsequenzen technologischer Innovationen beschrieben, die grundlegende Ausrichtung der Arbeit des Office of Technology Assessment des amerikanischen Kongresses und das später gegründete Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag werden dargestellt sowie die Initiativen des Vereins Deutscher Ingenieure "Technikbewertung: Begriffe und Grundlage" analysiert.

Dessen ungeachtet wird zur Zeit in Rußland ein deutlicher Mangel an Informationen zur Technikfolgenabschätzung empfunden, insbesondere über die neuesten Forschungsarbeiten auf diesem Gebiet. Das neugeschaffene russische Zentrum für Technikfolgenabschätzung betrachtet die Beseitigung dieses Mangels an Informationen als seine vordringliche Aufgabe. Für 1997-1998 ist die Vorbereitung einer Veröffentlichungsreihe für methodische Lehrbücher, informative Materialien und Artikel geplant, die den TA-Problemen gewidmet sind ebenso wie den mit ihr in Verbindung stehenden aktuellen Aufgaben der Umweltpolitik einschließlich der Operationalisierung des Konzepts der Nachhaltigen Entwicklung für Rußland. Desgleichen ist die Organisation von Vorlesungen, Kursen und Seminaren in Anlehnung an die Internationale Unabhängige Universität für Ökologie und Politologie vorgesehen, die sich mit dieser Problematik beschäftigt, die sowohl für Studierende, als auch für eine höhere Qualifikation für Experten gedacht sind.

Die Technikfolgenabschätzung macht heute in Rußland ihre ersten Schritte. Man kann es als das Anfangsstadium der Institutionalisierung von TA bezeichnen: die erste russische TA-Einrichtung ist geschaffen, das Programm für ihre aktuellen Arbeiten ist entworfen. Das Zentrum für Technikfolgenabschätzung wird mit der Durchführung der konkreten TA-Projekte in diesem Jahr beginnen. Man kann hoffen, daß die zukünftige Tätigkeit des neuen TA-Zentrums die breitere Unterstützung nicht nur der Regierung Rußlands, sondern auch des russischen Parlaments und verschiedener öffentlicher Organisationen bekommen wird.

Kontakt

Dr. Dmitrij Efremenko
International Independent University
of Ecology and Politology
Moskau, 111250, p1620
Tel.: + 7-095-3627373
Fax: + 7-095-3611313
E-mail: info@iiuep-mpei.ac.ru


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The European Innovation Monitoring System (EIMS)

Since its inception in the early 90s, the European Innovation Monitoring System (EIMS) of the European Commission's Innovation Programme has played an increasingly significant role in supporting the study and empirical evaluation of new technologies and innovative processes in business and enterprises across Europe. Abstracts of some 60 studies, conducted under the EIMS are now available on the World Wide Web. In addition, a special CORDIS Focus Supplement has been published to ensure the widest possible dissemination of the research results.

The European Innovation Monitoring System is one of the main lines of actions of the Community INNOVATION Programme. It covers a set of activities aimed at providing firms, intermediaries, academics and policy makers with information, analysis and research on the factors shaping, promoting and inhibiting innovation at company level across Europe.

In seeking to fulfil these objectives, EIMS is undertaking the following activities:

The monitoring of innovation and diffusion

This is conducted through surveys and studies on themes such as the innovative capabilities and performances of firms, the scale, scope, usage and performance of innovation infrastructures and innovation supporting services, the identification of obstacles and impediments to the dissemination of technologies, as well as the effects of public action supporting innovation infrastructures and innovating firms. This work encompasses both innovation studies based on data already available which provide "state-of-the-art" empirical overviews, as well as the collection and processing of new data on innovation in Europe, in close collaboration with EUROSTAT.

Work on the conceptual framework of the innovation process

Activities here focus on models and theories of innovation processes and on the acquisition of technological competence from external sources, on conceptualizing innovation infrastructures and the diffusion of new technologies. The objective is to formulate concepts which can be used to guide empirical research and guide future development. This should lead on to the development of methodologies and codes of Best Practice.

The innovation policy experience exchange

Drawing on conclusions derived from the work referred to above, the Innovation Policy experience exchange aims at improving the synergies and the overall efficiency of policies implemented at regional, national and European levels. This is done by the exchange of good practice, the assessment of the role of regions, Member States and the Community in formulating and executing innovation policy, the assessment of existing as well as future Community actions and the scope for concerted actions.

The research and analytical activities of EIMS focus on six main areas of relevance for innovation in Europe:

EIMS projects use desk research, surveys and case study methodologies. Data collection and analyses are performed by pan-European teams from universities, research institutes and consultancy firms. The large scale Community Innovation Survey (CIS) data collection, in-depth case studies and quantitative surveys contribute further to research on public policies and on the innovation process itself.

Policy makers in the Member States and in the Commission have been the main target group for EIMS work, raising the profile of both the innovative activities of firms and the role of public programmes and of intermediaries, strengthening the base of available knowledge. Practitioners and managers of intermediary functions o in the technology transfer process have been another main target group for an important part of EIMS work. This has complemented other exploratory studies, experiments and services initiated by the Commission.

The diffusion of results has been mainly based on publications, workshops and conferences organised since 1993 with the participation of the main actors from the innovation and knowledge system: managers, policy makers, academics and enterprises.

EIMS studies on the Web

About 60 EIMS studies were carried out during the period 1993 to 1996. Information on these studies is now available on a new Web Site just launched on the CORDIS server - the Community Research and Development Information Service. The studies are grouped according to the six main areas of activities. For each of the studies short abstracts with main findings and policy implications are given. Information on the availability of the full studies is included in the presentations of the studies. Most of them can be obtained free of charge.

In addition, a special CORDIS focus Supplement was issued in December 1997, to ensure the widest possible dissemination of results: "The European Innovation Monitoring System (EIMS). Exploring Innovation in Europe - Summaries of studies undertaken by EIMS."
(Compiled from CORDIS focus)

The EIMS Web site may be found on the CORDIS server at:
http://www.cordis.lu/eims/home.html

Copies of the CORDIS Focus Supplement (No 14) may be obtained from:

European Commission
DG XIII - Telecommunications, information
market and exploitation of research
RTD Help Desk
Dissemination of scientific and technical
knowledge unit (Unit D/2)
rue Aleide de Gasperi (EUFO 2286)
L-2920 Luxembourg
Fax: + 352-430132084
E-mail: RTD-Helpdesk@lux.dg13.cec.be


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Stand: 05.03.1999 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion