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Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
| TA-DATENBANK-NACHRICHTEN | |
| Nr. 1, 7. Jahrgang - März 1998 |
Innovation
Das Thema Innovation, das dieser Schwerpunkt aufgreift, ist nicht leicht zu behandeln. Löst man es aus dem engen Kontext der ökonomischen Theorie, so gerät man schnell in Gefahr, in Appelle und Rhetorik abzugleiten. Man kann sich dabei auf die Unklarheit des Begriffs stützen. Innovation wird dann als etwas Gutes, Nützliches per se angesehen. Sie schafft ein Klima der Zustimmung, und man braucht sich nicht festzulegen, wofür man Innovation benötigt und wer die Promotoren und die Gegner sind. Und wenn unser Eindruck nicht trügt, hat genau diese Funktion das heute so oft vernommene Wort Innovation übernommen. Innovativ und kreativ wollen alle sein - bei aller routinisierten Beschwörung dieses Wunsches in der Öffentlichkeit. Um hier zwischen der Rede über Innovation und der gesellschaftlichen Funktion von Innovation zu unterscheiden, ist es zunächst wichtig, dem Zeitgeist in seinen verästelten Ausdrucksformen nachzugehen, um durch dessen Analyse den realen Kern des Rufes nach Innovation fassen zu können.
Die Intention dieses Schwerpunktes ist es vornehmlich, nicht schon eine fertige Theorie der Innovation zu präsentieren, als vielmehr Ansätze und Reflexionen anzubieten, wie solch eine Theorie jenseits aller Appelle zu entwickeln sei: denn trotz aller Lobessprüche, Empfehlungen oder Mahnungen und Warnungen, die gemeinhin bei diesem Thema ausgestoßen werden, fehlt immer noch eine genaue Kenntnis, wie anschließend zu verfahren sei, nachdem die Rauchwolken der Festtagsreden verzogen sind.
Das Verhältnis von Neuem und Innovationen ist keineswegs apriori klar: nicht alles bloß Neue wird man als Innovation bezeichnen (z.B. wohl kaum die neue Sommermode oder den Neubau eines "normalen" Wohnhauses) und nicht jede Innovation besteht nur aus Neuem, sondern zumindest zum großen Teil aus Bekanntem. Sicher aber kommt keine Innovation ganz ohne Neues aus. Eine gewisse Neuheit, bestimmte neue Aspekte - wie auch immer diese bestimmt sein mögen - sind notwendige Bedingung für eine Innovation. Bevor man sich also komplexeren Fragen nach wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Innovationen stellt, sollte man sich der scheinbar einfachen Frage zuwenden, was eigentlich "neu" bedeutet und welches die Kriterien für Neues sind. Wodurch wird das Neue zum Neuen?
"Neu" als Begriffsbildung kontrastiert zu "alt" oder "vertraut". Dies erfolgt, und das ist nicht unwesentlich, in unterschiedlichen Unterscheidungsabsichten: wird nur der temporale Bezug gemeint (neu/alt) oder bereits die Relation zu den eingespielten Üblichkeiten der betreffenden Bereiche der Gesellschaft (neu/vertraut)? Ist im ersteren Fall das Neue einfach das Andere, schwingt im letzteren immer das Moment des Überraschenden mit, das dann - je nach Betrachtungsweise - zu evolutions- oder planungstheoretischen Implikationen führt (s.u.).
Neues setzt immer einen Anfang ohne berechenbares Ende voraus, denn sonst könnte das Neue aus dem Alten hergeleitet werden und stünde auch formal gesehen in einer klaren und eindeutigen Verbindung mit dem Gegebenen. Insofern spricht Popper zu recht von der Nicht-Prognostizierbarkeit des neuen Wissens. Neues ist Bruch mit der Vergangenheit und Stiftung eines Anfangs. Daher kommt auch die Nähe zum Zufall. Ganze Berge von Büchern zur Innovation sind geschrieben worden, um genau das Moment des Zufalls aus dem Innovationsgeschehen zu tilgen - am Ende taucht es wie der Kobold an versteckter Stelle wieder auf: denn gerade diese Literatur hat bisher kein Rezept entwickelt, wie Innovationen planmäßig erzeugt werden können.
Zufall darf man aber nicht mit ursachenloser, nichtdeterminierter Spontanität gleichsetzen, denn: der Zufall begünstigt nur den vorbereiteten Geist (Louis Pasteur). Es gibt kein vollständig Neues, losgelöst von jeder Beziehung zum Alten, Überlieferten. Dies ist eine Vorstellung, die durchaus widersprüchlich ist. Das absolut Neue, Einzigartige, dürfte sich dann weder wiederholen, noch etwas anderem gleichen. Wir könnten es offensichtlich überhaupt nicht wahrnehmen, denn selbst die Eigenschaften der Wahrnehmbarkeit dürften sich an ihm nicht wiederholen (Carnap 1931, Whitehead 1979). Es geht somit nicht um das "Neue an sich", sondern um die Unterscheidung von "alt/neu" und wie sie in der Gesellschaft behandelt wird. Man könnte auch fragen, wo liegt das Neue im Alten und wo wird das Alte teilweise ins Neue mitüberführt.
Das Kriterium für "neu" in der temporalen Unterscheidung (Luhmann 1990, Groys 1997) ist die Differenz zu gegenwärtig Vorhandenem. Neu heißt demzufolge "anders als bisher" - eine Identifikation des Neuen mit dem Besseren oder gar dem Guten ist damit nicht verbunden. Neues Wissen manifestiert sich darin, daß es sich nicht aus dem "Archiv" der Gesellschaft ergibt (Groys 1992, 1997), einer Sammlung geprüften Wissens - sozusagen grob vereinfacht, des "Standes der Technik" als der Summe allen Lehrbuchwissens. Die Frage ist dann aber, ob Wissen, das auf der Basis des Archivs in irgendeiner Form erwartbar war, etwa in Form logischer Deduktionen oder praktischer Rekombinationen verfügbaren Wissens, überhaupt als neu eingestuft werden soll. Hier stellt sich das wissenschaftstheoretische Problem, das Neue mit dem Bekannten zu verbinden: Neues darf nicht "zu neu", muß aber "hinreichend neu" sein. Daran schließt sich die Frage an, ob ein gewisses Überraschungsmoment für die Definition des Neuen konstituierend sein soll oder ob Neues auf der Basis des Alten auch geplant werden kann: sind Innovationen nur die ungeplanten Differenzen zum Plan (wie Luhmann 1990 meint), haben also Widerfahrnischarakter, oder auch intendierte Planungsresultate? (Wenn Luhmann das Überraschungsmoment bereits in die Definition der Innovation mit hineinnimmt, ist die Behauptung, daß Innovationen unprognostizierbar seien, keine Erkenntnis, sondern eine analytische Wahrheit).
Die Unterscheidungen neu/alt bzw. neu/vertraut sind, so wie sie bisher thematisiert wurden, unabhängig von der Unterscheidung gut/schlecht (Luhmann 1990, S. 220, Groys 1997): wenn etwas nach diesen Unterscheidungen neu ist, impliziert dies noch keine Beurteilung relativ zu irgendeiner anderen Skala. Neues als bloßes Anderes oder als überraschend Anderes ist von sich aus weder gut noch schlecht; diese Prädikationen bedürfen der Einführung weiterer Unterscheidungen und Kriterien: "Man weiß hinsichtlich einer technischen Innovation nie, ob sie die existierende Gesellschaft stabilisiert oder zugrunderichtet" (Groys 1997, S. 18). Trotzdem wird der Kurzschluß neu = gut oft vorgenommen, er kennzeichnet die gegenwärtige Innovationsrhetorik (vgl. z.B. Nowotny 1997). Die Identifizierung des Neuen mit dem Guten bzw. Besseren machte genau den Fortschrittsoptimismus aus, wie die Identifizierung des Neuen mit dem Schlechten bzw. Schlechteren das Kennzeichen des Kulturpessimismus darstellt.
Beide sind jedoch kurzschlüssig, indem unterschiedliche Traditionen in einen Topf geworfen werden, und gehen zurück auf metaphysische geschichtsphilosophische Grundpositionen.
Nun scheint vordergründig die positive Indizierung von "neu" eine (verordnete?) Wiederkehr des Fortschrittsoptimismus zu sein. Wenn jedoch der Referenzpunkt für Neues - unabhängig von den genannten Problemen der Begriffsdefinition - immer im gegenwärtigen Zustand des "Archivs" besteht, unterscheidet dies die Innovationsdebatte kraß vom Fortschrittsoptimismus. Denn dort bildeten materiale Zielvorstellungen für "gutes Leben" und eine "bessere" Gesellschaft (marxistische oder bürgerliche Utopien) den Hintergrund für die Forderung nach permanenter Erneuerung der Gesellschaft. Mit dem faktischen Zusammenbrechen sowohl der bürgerlichen Utopie der unbegrenzten Wohlstandsvermehrung wie auch der marxistischen Utopie der klassenlosen Gesellschaft stehen derartige Referenzen für die Rechtfertigung des Neuen nicht mehr zur Verfügung. Das Neue wird gesucht um des Neuen willen und als Anlaß, weiteres Neue zu suchen: Selbstreferentialität statt externer Zielsetzungen (Luhmann 1990, S. 216; zu den Konsequenzen s.u.).
Welche Entitäten bzw. Objekte können überhaupt neu sein? Gemeinhin wird neues Wissen gemeint, vor allem natürlich im wissenschaftlichen Kontext (Luhmann 1990, S. 216ff., 371f.). Darüber hinaus kann auch ein technisches Können neu sein. Können ist nicht auf Wissen reduzierbar, wiewohl Können und Wissen aufeinander bezogen sind. Wissen und Können sind Kategorien in der Zweck/Mittel-Rationalität, Aspekte von Zweck/Mittel-Zusammenhängen - jedenfalls in einer handlungstheoretischen Beschreibung. Planungstheoretisch kann zwischen neuem Handlungswissen (Zweck/ Mittel-Relationen, Nebenfolgenwissen) und neuem Kontextwissen (Situationswissen, Prognosen) unterschieden werden. Neu sein - hierauf hat Schumpeter großen Wert gelegt - können aber auch die verfolgten Zwecke selbst, sei es, weil neues technisches Können bisher unerreichbare Zwecksetzungen ermöglicht, weil vorhandene technische Mittel für andersartige Zwecke als ursprünglich geplant eingesetzt werden können (Zweckumwidmungen), oder weil sich aus anderen Perspektiven neue Zwecksetzungen aufdrängen oder anbieten, zu denen dann die Mittel erst noch zu entwikkeln sind (so fällt etwa die Zielsetzung nachhaltigen Wirtschaftens unter diese "Neuheiten"). Hierunter fällt auch das Stellen "neuer" Fragen - ein Fall für Querdenker. In all diesen Fällen - weitere Unterscheidungen und Präzisierungen sind sicher anschließbar - sind unterschiedliche Akteurs- und Wissenskonstellationen sowie unterschiedliche Bedingungen für Neuheit zu berücksichtigen mit entsprechenden Folgen für den Wissenschaftsbetrieb (Luhmann 1990, S. 298ff.). Deutlich wird in dieser Zusammenstellung, daß die Diskussion über das Neue nicht auf die Dimension des Technischen beschränkt werden darf (vgl. den Beitrag von Hasse/Wehner).
Das Neue wird konstruiert, nicht entdeckt: wissenschaftlich und sozial konstruiert. Die Suche nach Innovationen ist methodisch nicht analog zur Entdeckungsreise Sven Hedins zu sehen, sondern analog dem planmäßigen Experimentieren in einem Labor. Auch "Überraschungen" in einem physikalischen Experiment sind als Überraschungen nur bestimmbar, wenn vorgängig ein Plan des erwarteten Verlaufs aufgestellt wurde. Auch wenn Neues über ein Überraschungsmoment definiert wird, haben daher die Planung von Prozessen und die Analyse des Erwartbaren (Kapp 1978, Grunwald/Langenbach 1998) eine unverzichtbare Bedeutung im Innovationsprozeß. Nicht umsonst kann man die Erfolgsgeschichte des naturwissenschaftlichen Experimentierens seit Galileo als eine Methode zur planmäßigen Erzeugung von Neuem lesen, etwa durch das Mittel der gezielten Veränderung von Experimentierparametern, um auf reproduzierbare Überraschungen zu stoßen. Neues Wissen wird daher konstruiert in der Spannung zwischen geplantem Erwartetem und unerwarteten Widerfahrnissen. Gleichwohl gilt, daß man "planlos" auch nichts Neues findet.
Neues kann man weiterhin differenzieren nach verschiedenen Bereichen, z.B. den Wissenschaften, der Ökonomie und der Öffentlichkeit. Die Produktion neuen Wissens gehört zum Selbstverständnis der Wissenschaften (z.B. Luhmann 1990), die Produktion neuer Waren zum Programm der Wirtschaft. Die Neuigkeitsbedingungen und Prozeduren der Konstruktion und Kennzeichnung des Neuen in beiden Bereichen sind verschieden - ein Unterschied, der verwischt wird, wenn unterschiedslos von Innovationen gesprochen wird (eine mögliche Abgrenzung wäre die zwischen Invention als neuem Wissen und Innovation als neuer Ware). Dabei liegt gerade in der Frage, wie denn neues Wissen bzw. Können in neue marktfähige Produkte überführt werden kann, ein Kern der gegenwärtigen Innovationsdebatte (Stichworte Technologie-Transfer, Kompetenzzentren; vgl. Rammert 1989).
Eine weitere Frage ist die nach Besonderheiten einer gesellschaftlichen Entwicklung, die auf der Basis von Inventionen/Innovationen erfolgt, und nach den Folgen dieser Entwicklung. Innovationen führen, aus der Beobachterperspektive betrachtet, zu einer "ungerichteten Bewegung", deren Referenzpunkt der jeweils gegenwärtige Zustand des "Archivs" darstellt (s.o.). Referenzpunkt der Zukunft ist damit die Gegenwart. In gewisser Weise ist dies natürlich trivial: Zukunft kann immer nur auf der Basis der Gegenwart gestaltet werden. Die Innovationsdebatte legt aber hier eine stärkere und nicht unproblematische Lesart nahe. Denn im allgemeinen erfolgt die Gestaltung der Zukunft eben auch unter kontrafaktisch gesetzen Zwecken. Wenn diese Ebene zugunsten der Orientierung am Neuen als des bloß vom Bekannten sich unterscheidenden vernachlässigt wird, tritt die paradox erscheinende Situation ein, daß eine innovationsorientierte Politik gerade nicht sonderlich zukunftsorientiert, sondern gegenwartsbezogen ist. Gerade die emphatische Suche nach dem Neuen wirkt in dieser Sichtweise ausgesprochen konservativ: die Innovation erscheint hier nicht sehr innovativ.
Planungstheoretisch gesehen führt dies zu einem Inkrementalismus: Innovationen modifizieren den Istzustand in unvorhersehbare Richtungen (planungstheoretisch eine Reinkarnation der "offenen Gesellschaft"). Kennzeichen ist, daß nicht im Hinblick auf kontrafaktische, intentional gewünschte Zustände hin gehandelt werden soll, sondern daß das Ziel von Planung sei, "to identify situations or ills from which to move away rather than goals towards which to move" (Braybrooke/Lindblom 1963, S. 102). Wird dies als politische Agenda implementiert, findet eine Art "geplanter Evolutionismus" statt: der Versuch, ungerichtete inkrementelle (und damit evolutive) Fortentwicklung als Programm auszugeben. Hier findet jedoch eine Verwechslung von Beobachter- und Teilnehmerperspektive statt: die Rede von Evolution bedarf eines Beobachters, relativ zu dessen Beobachtungszwecken sie gerechtfertigt werden kann. Die Gestaltung der gesellschaftlichen Zukunft findet jedoch immer in der Teilnehmerperspektive statt, welche in diesen Fragen eine Planungs- und Entscheidungsperspektive ist (welche dann auch wieder beobachtet werden kann, aber dies nützt den vor Entscheidungen Stehenden nichts).
Das Neue muß normalisiert, d.h. in die Gesellschaft integriert werden (z.B. Degele 1997). Daß hierbei in der Regel Ambivalenzen auftreten, daß für Innovationen ein gesellschaftlicher Preis zu zahlen ist, ist evident (und bildet im Falle technischer Innovationen eine der Motivationen für TA, vgl. den Beitrag von Bechmann). Diese Ambivalenz ist z.B. in der Frage der Identität bzw. Repräsentanz auszumachen. Die Suche nach Neuem gehört zur Identität der Moderne, gerade jedoch durch Erfolge bei dieser Suche wird die Identität wiederum in Frage gestellt und muß erst wieder hergestellt werden. Das, was durch Innovationen festgehalten werden soll, wird oft gerade dadurch zerstört. Der Widerstand gegenüber dem Neuen, der die Moderne stets begleitet hat, ist Ausdruck dieser steten Bedrohung der einmal erreichten Identität durch das Neue. Die Maschinenstürmer ahnten, daß die neuen Maschinen ihre vertrauten Identitäten zerstören würden. Auch in der verbreiteten Sehnsucht nach dem Alten (Nostalgie, Museen, Denkmalschutz) äußert sich Skepsis gegenüber dem Neuen. Diese wird verstärkt, wenn der Eindruck einer Eigendynamik von Innovationen entsteht, wenn die Kritik an Innovationen wirklich Innovationen stärken sollte (Groys 1997).
Bisher ist die Innovation, dem Zeitgeist folgend, aus der Teilnehmerperspektive betrachtet worden, als etwas Gewolltes und Planbares.Dies ist sicher nicht falsch, da Innovation durchaus den intentionalen Vorgriff auf die Zukunft meint. Die Bildung von Intentionen, von Planung ist ja immer auch Abweichung von eingefahrenen Routinen, die Öffnung eines neuen Horizonts. Gleichwohl ist damit nur eine Seite des Innovationsprozesses beleuchtet, genauso gut gilt auch, daß sich die Zukunft nicht nach Intentionen richtet, sondern intentional geschaffene Fakte zum Anlaß weiterer Entwicklung nimmt. Innovationen erzeugen Entwicklungen, seien es Nebeneffekte, nicht-intendierte Folgen oder auch die beabsichtigten Wirkungen, von denen weitere Prozesse in Gang gesetzt werden. Man könnte fast sagen, daß Innovationen selbst zum Spielball einer "blinden" Evolution werden, die nichts als die Anschlußfähigkeit von Neuerungen zum Ziel hat. Für moderne Gesellschaften ist dieser Überbietungszwang (Marquard), dieser Zwang zur Dauerinnovation, zu einem Strukturmerkmal geworden. Kunst, die nicht innoviert, erscheint uns nicht als Kunst. Wissenschaft und Technik, die nicht laufend neue Erkenntnisse oder Artefakte schafft, gilt nicht als kreativ oder förderungswürdig. Nicht in der Wiederholung von einmal gefundenen Wahrheiten, sondern in der Erzeugung neuen Wissens liegt der Sinn wissenschaftlicher Forschung. Der Zwang zur Innovation ist selbst zur Tradition der Moderne geworden und erzeugt eine laufende Beschleunigung der Veränderung von Strukturen, die zwar nicht geplant, aber dennoch Ergebnis des Innovationsprozesses sind. Den Beschleunigungseffekt, dem die Moderne insgesamt unterworfen ist, kann man an unterschiedlichen Phänomenen ablesen: In Bereichen, die besonders unter Innovationsdruck geraten sind, wie Kunst, Medien, vielleicht auch die Wissenschaft, zeigt sich, daß, wie Hermann Lübbe geschrieben hat, "mit der Menge des Neuen pro Zeiteinheit der Neuigkeitswert des Neuen abnimmt" (Lübbe 1988, S. 424). Daraus wird jedoch bisher nicht der Schluß gezogen, das Innovationstempo zu senken, sondern im Gegenteil, es wird gesteigert, um früher am Markt mit seinem Produkt zu sein, oder die News eher als der Konkurrenzsender zu bringen. Folge dieser sich laufend nach oben drehenden Innovationsspirale ist, gewissermaßen als Spin-off-Effekt, die Erzeugung riesiger Abfallmengen an Produkten, Informationen, Stoffen und somit die Entwertung des Neuen in kurzer Zeit.
Der Zwang zur Dauerinnovation macht auf ein weiteres strukturelles Merkmal der Moderne aufmerksam: Den Verlust der Orientierung an der Vergangenheit und die damit verbundene Öffnung einer unbekannten Zukunft. In dem Maß, als Zeitbewußtsein zum Epochenbewußtsein wird, suggeriert sich eine allzeit innovationsbereite Gesellschaft, daß sich in der Zeit alles ändern könne, wenn sie nur genug Zeit hätte. Selbst die Bedingungen ihres Funktionierens interpretiert sie als selbst geschaffene und kappt jeglichen genealogischen Bezug zur Vergangenheit (Folkers 1988, S. 46). Wer so denkt, ist verdammt, die Zukunft zu erforschen, da nur von daher Orientierung und Halt zu erwarten ist. Änderungsbereite Gesellschaften arbeiten mit zwei unterschiedlichen Zeithorizonten, Vergangenheit und Zukunft. Gegenwart ist dann der Ort, von dem aus Vergangenheit und Zukunft beobachtet werden können und der laufend durch die Verschiebung beider Horizonte erzeugt wird. Innovationen stoßen dann nicht mehr auf den Widerstand der Tradition, auf die Vorstellung einer erhaltbaren Welt, sondern nur noch auf die selbst erzeugte Grenze: den Zeitbedarf, eigene, selbst geschaffene Strukturen zu ändern. Dies mag in den unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft differieren, in bezug auf das Bewußtsein der Kontingenz alles Bestehenden unterscheidet sich die Wissenschaft nicht von der Politik und die Politik nicht von der Kunst. Die Orientierung am "Wissen vom Nichtseienden" (Folkers), gemeinhin als Zukunftswissen bekannt, wird zum entscheidenden Datum der Funktionssysteme in der Gesellschaft. An diesem Punkt unterscheiden sich traditionelle Gesellschaften von modernen Gesellschaften. Sowohl im kognitiven als auch im normativen Bereich erzeugt die moderne Gesellschaft ein hohes Maß an Strukturänderungen, die nur durch Prozesse der Selbständerung aufgefangen werden können. Die Positivierung des Rechts, in dem Traditionsbindungen durch Verfassungsgesetze abgelöst worden sind, ist nur ein Beispiel, die Herauslösung der Wissenschaft aus den Fesseln der Tradition und Religion ein anderes.
Mit der zunehmenden Koppelung von Wissenschaft und Technik ist aber ein wichtiger Innovationsmechanismus entstanden, der gewissermaßen Neuerungen aus sich heraus schafft, in dem die Erforschung und Änderung auf Dauer gestellt ist. Die Dynamik der Wissens- und Technologieproduktion führt zu einem beeindruckenden Prozeß der Vermehrung von Wissen und Können. Es entstehen neue Wissensordnungen, neue Instrumente und Technologien. Die Folgen sind für den Einzelnen und für die Gesellschaft spürbar. Traditionen wurden aufgelöst in Entscheidungen, Bindungen müssen erzeugt, Identitäten nun gestiftet werden. Wenn das Reden über Innovationen eine sozialstrukturelle Verankerung hat, dann in der Erfahrung der Moderne als sich selbst erschaffender und selbstdeutender Prozeß.
An diesem Punkt zeigt sich aber auch, daß der Übergang vom Fortschrittsdenken zum Innovationsreden auch einen strukturellen Bruch im Bewußtsein der Moderne markiert.
Traditionelle Fortschrittsvorstellungen haben immer eine Tendenz zum Besseren, Vollkommenen impliziert. Mehr Wissen bedeutete mehr Herrschaft über Unbekanntes, Unkenntnis wird in Erkenntnis umgewandelt, Aberglauben in Wissenschaft transformiert (Hack 1998, S. 26). Die Erfahrung mit gravierenden ökologischen Problemen, mit zunehmender Planung, aber auch die Folgen einer Verwissenschaftlichung aller Lebensbereiche zeigen, daß Wissen ständig auch das Wissen um Nicht-Wissen steigert (Beck 1997). Die Moderne ist selbstreflexiv geworden.
Überblick über die Beiträge zum Schwerpunktthema
Wie in der Einführung dargelegt, ist der Innovationsbegriff zu einem der meistverwendeten Begriffe der technik-, wissenschafts-, wirtschafts- und standortpolitischen Diskussion der letzten Jahre geworden. Dabei wird er in vielfältigen Bedeutungsfacetten verwendet, die oftmals nicht erkennen lassen, worüber eigentlich geredet werden soll (siehe hierzu den Beitrag von M. Gutmann/ M. Weingarten "Überlegungen zu Innovation und Entwicklung"). Der Innovationsbegriff ist von einem eng umgrenzten ökonomischen Begriff zu einem gesellschaftspolitischen Schlagwort geworden, das mit hohem moralischen Anspruch aufgeladen ist. Wer sich heute als up-to-date bezeichnen will, beschreibt sich selbst als innovativ und kreativ. Dies gilt nicht nur für Künstler, Filme- oder Modemacher, auch Professoren und Studenten, ja selbst Politiker und Beamte werden aufgefordert, innovativer, veränderungsbereit zu sein (vgl. den Beitrag von E. Moths "Innovation - Manifestation des Zeitgeistes"). Dabei wird leicht aus den Augen verloren, daß Innovation häufig rein rhetorisch gebraucht wird. Der Begriff organisiert politisches Reden, mit seiner Hilfe werden Appelle und Aufforderungen an andere in der Gesellschaft adressiert, endlich doch etwas zu tun (siehe hierzu den Beitrag von G. Bechmann "Im Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, Anmerkungen zum Kapitel 5: "Innovation" des Zwischenberichts der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt"").
Die Auslobung von Erfinderpreisen, der Ruf nach wissenschaftlich-technischen Innovationen, die Verbindung der Standortrhetorik mit der Forderung nach "Technikaufgeschlossenheit", der Zusammenhang von technischen Entwicklungen und ökonomischen Innovationen, schließlich sogar die Entwicklung einer "innovationsorientierten TA" (siehe den Beitrag von St. Bröchler/ G. Simonis "Konturen des Konzeptes einer innovationsorientierten Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung") verdeutlichen, daß die Innovationsdiskussion auch ein Thema der TA ist.
Die Beschwörung der ständigen Innovationsbereitschaft verdeckt jedoch, daß sich dahinter eine komplexere Wirklichkeit versteckt, als nur die: der Wille zur Veränderung. Innovation scheint der Begriff zu sein, mit dessen Hilfe die Gesellschaft versucht, sich über neue Problemlagen Bewußtsein zu verschaffen. Die Frage nach bestimmenden Faktoren und Bedingungen technisch und ökonomisch innovativer Prozesse und Produkte ist erweitert worden um Fragen nach den sozialen und gesellschaftlichen Voraussetzungen einer innovativen Gesellschaft (siehe hierzu den Beitrag von R. Hasse/J. Wehner "Innovation in der Mediengesellschaft: Diffusion im Netz - Das Zusammenspiel technischer und sozialer Innovationen"). Mit dieser Sichtweise wird die Aufmerksamkeit auf die Umweltbedingungen von Organisationen, Unternehmen oder nationalen Gesellschaften gelenkt. Innovation ist dann der Zwang, auf turbulente Umweltanforderungen zu reagieren, um am Ball zu bleiben: Kein freiwilliger Akt also, sondern vielmehr ein Erfordernis, um langfristig zu überleben (siehe hierzu den Beitrag von G. Schienstock "Innovation - Regionen im globalen Wettbewerb").
Im folgenden werden die genannten Beiträge zum Schwerpunktthema jeweils kurz charakterisiert.
Im Beitrag von Gutmann/Weingarten wird auf die semantischen und historischen Hintergründe des Innovationsbegriffs eingegangen. Sie weisen darauf hin, daß hinter dem emphatischen Sprechen über Innovation sich durchaus klassische Debatten über Fortschritt und Modernisierung verbergen, die nur im modischen Gewand auftreten. Trotz aller Verzweigungen und Differenzierungen, die die Innovationsdebatte im Laufe der Zeit vollzogen hat, sehen sie doch eine grundlegende Dichotomie: Handlung versus Entwicklung. Sie votieren für einen handlungstheoretischen Innovationsbegriff, um dadurch den Fallstricken einer biologisch eingefärbten Evolutionstheorie entgehen zu können.
Im eigentlichen Sinne des Wortes betreibt Moths in seinem Beitrag Zeitgeistforschung. Kaleidoskopartig ordnet er die verschiedenen gesellschaftlichen Redeweisen über Innovation zu einem bunt gemischten Tableau an, auf dem man schlagartig die Zusammenhänge der Innovationsdebatten und deren Akteure erkennen kann. Man soll sich nicht täuschen lassen, bei aller essayistischen Brillanz und der Aneinanderreihung von kleinen Miszellen wird eine Systematik durchgehalten: die Frage nach der Dialektik von Neuerung und Grenze. Eine in allen Bereichen innovierende Gesellschaft tendiert zur Entgrenzung, nur in einer Gesellschaft, die auch Strukturen setzt, Grenzen errichtet, kann über den Zweck und Sinn von Innovation befunden werden. Moths sieht diese Grenzen im Rechtsstaat und dem damit verbundenen Eigentumsbegriff gegeben.
Daran anknüpfend versteht sich der Beitrag von Bechmann als ein Versuch, am Beispiel eines wissenschaftspolitischen Dokuments die Ambivalenz von Innovation aufzuzeigen. Schumpeter hat dies früher einmal als das Paradox der Innovation bezeichnet und meinte damit "die schöpferische Zerstörung", die ein entfesselter Kapitalismus entfalten kann. Der Tatbestand ist heute der gleiche geblieben, Innovationen erzeugen Gewinner und Verlierer, zerstören Traditionen und errichten neue Barrieren. Nur am Ende dieses Jahrtausends fehlt uns bei abnehmenden Arbeitsplätzen und zunehmender Arbeitslosigkeit die freudige Emphase, mit der Schumpeter die laufende Innovationskraft des Marktes und des Unternehmertums feiern konnte.
Längst ist der Fortschrittsoptimismus einem Abwägen gewichen und die Komplexität des Geschehens bewußt geworden. Auch Innovationen haben ihre nicht-intendierten Folgen, die die Probleme von morgen darstellen. Wer dies nicht sehen will, wird auch keinen realistischen Begriff von dem erhalten, was in der Gesellschaft geschieht.
Bröchler/Simonis verorten den Innovationsgedanken im TA-Prozeß. Die TA selbst muß sich ändern, um der Entwicklungsdynamik der Technikentwicklung und -bewertung in Zukunft gerecht zu werden. Ihr Vorschlag: innovationsorientierte Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung. Gemeint ist damit, das "alte" TA-Konzept in Richtung partizipativer Gestaltung und Kontextualisierung auf das Innovationsgeschehen zu verändern. Zentraler Gedanke dieser Erweiterung der TA-Konzeption ist die Vernetzung bestehender TA-Akteure, der Aufbau von Netzwerken zur Gestaltung sozialer Innovationen und die Entwicklung kommunikativer Verfahren zur Verständigung und Erarbeitung neuer Erkenntnisse. Wieweit hier die Dialektik von Neuem und Altem am Werke ist, wird sich zeigen, wenn die innovative TA realisiert wird und so im Vergleich zu den bestehenden TA-Organisationen ihre überlegene Lösungskompetenz zeigen muß.
Der Beitrag von Hasse/Wehner führt unmittelbar in das Zentrum des gegenwärtigen Innovationsgeschehens: den Aufbau elektronischer Netze. Wenn sich in den letzten zwanzig Jahren etwas radikal geändert hat, dann sind es die Kommunikationsstrukturen der Gesellschaft. Mit der Entwicklung und Implementierung elektronischer Kommunikationsmedien sind weitreichende sozialstrukturelle Entwicklungen eingeleitet worden, deren Auswirkungen auf Arbeitsmarkt, Arbeitsorganisationsstruktur, Bildungssystem und Qualifikationsstruktur der Beschäftigten zum jetzigen Zeitpunkt kaum abzuschätzen sind. Im Zentrum der Überlegungen der Autoren steht der Zusammenhang zwischen technischer Innovation und sozialen Rahmenbedingungen. Das Eine läßt sich kaum von dem Anderen trennen. Es entstehen sog. "Hybridmedien", deren Anwendungsmöglichkeiten nicht allein durch die technische Struktur bestimmt werden, sondern die ihre wirkliche Gestalt, auch durchaus im technischen Sinne gemeint, durch soziale Nutzungsformen und soziale Handlungsweisen erhalten. Die Vernetzung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik mittels elektronischer Medien stellt ein wesentliches Ergebnis dieses raschen Wandels dar und bildet selbst eine neue soziale Struktur, an die weitere Veränderungsprozesse anknüpfen. Das wechselseitige Spiel von sozialen Gestaltungsräumen und technischen Optionen und Realisierung dürfte auch in Zukunft ein zentrales Thema der Innovationsforschung bleiben.
Es gibt wohl keinen Dissens, daß erst durch den Globalisierungsprozeß das Innovationsthema neuen Auftrieb und einen entsprechenden Appeal bekommen hat. Schienstock zeigt auf, wie durch die Globalisierung der Märkte die Unternehmen gezwungen wurden, neue Strategien des Absatzes und veränderte Formen der Organisation der Produktion zu entwickeln. Innovation wird für diese Systeme zum Schlüsselbegriff, hinter dem sich komplexe Umorganisationen und Restrukturierungen verbergen. Lernen wird zu einer Basisstrategie, in die unterschiedlichste Weisen des sich Beziehens auf eine turbulente Umwelt eingehen. Das Neue hierbei aber dürfte sein, daß nicht mehr zentrale Lösungen, hierarchisch gegliederte Konzerne die Form der künftigen Organisationen sein werden, sondern Dezentralisierung und der Aufbau von globalen Netzen, die durchaus auf regionalen Ökonomien beruhen können.
Die Dialektik von globalen Orientierungen und lokalen Innovationen wird zunehmend das zukünftige Bild einer weltweit vernetzten und lokal produzierenden Wirtschaft prägen. Für eine angemessene Innovationstheorie bedeutet dies eine ungeheure Zunahme theoretisch zu bewältigender Komplexität, da nun auch globale Auswirkungen technischer Prozesse mit in das Theoriedesign einzuarbeiten sind. In diesem Sinn kann man auch davon sprechen, daß die Innovationstheorie zur Gesellschaftstheorie zu erweitern sei.
Literatur
Braybrooke, D., Lindblom, C.E. (1963): The strategy of decision. New York.
Carnap, R. (1931): Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache. In: Erkenntnis 2(1931), S. 329-368.
Degele, N. (1997): Kreativität rekursiv. Von der technischen Kreativität zur kreativen Aneignung von Technik. In: W. Rammert, G. Bechmann (Hg.): Jahrbuch Technik und Gesellschaft 9. Frankfurt/Main, S. 55-64.
Folkers, H. (1987): Verabschiedete Vergangenheit. Ein Beitrag zur unaufhörlichen Selbstdeutung der Moderne. In: Baecker, D.; Markowitz, J.; Stichweh, R.; Tyrell, H.; Wilke, H.: Theorie als Passion. Niklas Luhmann zum 60. Geburtstag. Frankfurt/Main, S. 46 - 83.
Groys, B. (1992): Über das Neue. München.
Groys, B. (1997): Technik im Archiv. Die dämonische Logik technischer Innovation. In: W. Rammert, G. Bechmann (Hg.): Jahrbuch Technik und Gesellschaft 9. Frankfurt/Main, S. 15-32.
Grunwald, A. (1998): Handeln und Planen. Philosophische Planungstheorie als handlungstheoretische Rekonstruktion. Bonn (im Druck).
Grunwald, A., Langenbach, Ch. (1998): Prognose von Technikfolgen. Methodische Grundlagen und Verfahren. In: A. Grunwald (Hrsg.): Rationale Technikfolgenbeurteilung. Berlin (im Druck).
Günther, G. (1980): Die historische Kategorie des Neuen. In: ders. (Hrsg.): Beiträge zur Grundlegung einer operationsfähigen Dialektik. Bd. 3, Hamburg, S. 183-209.
Hack, L. (1998): Technologietransfer und Wissenstransformation. Zur Globalisierung der Forschungsorganisation von Siemens. Münster, S. 289 - 315.
Kapp, H.G. (1978): Logik der Prognose. Freiburg.
Lübbe, H. (1988): Historisierung und Ästhetisierung. Über Unverbindlichkeiten im Fortschritt. In: Kluxen, W. (Hrsg.): Tradition und Innovation. XIII. Deutscher Kongreß für Philosophie. Hamburg, S. 414-430.
Luhmann, N. (1990): Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/Main.
Nowotny, H. (1997): Die Dynamik der Innovation. Über die Multiplizität des Neuen. In: W. Rammert, G. Bechmann (Hrsg.): Jahrbuch Technik und Gesellschaft 9. Frankfurt/Main, S. 33-54.
Rammert, W. (1989): Das Innovationsdilemma. Opladen.
Sudbo, J. (1995): Three paradigms in innovation theory. In: Science and Public Policy 22(1995) S. 399 - 410.
Verein Deutscher Ingenieure (Hrsg.) (1997): Technikaufgeschlossenheit. Pragmatische Maßnahmen. Zukünftige Technologien, Bd. 22. Düsseldorf.
Whitehead, A.N. (1979): Prozeß und Realität. Frankfurt/Main.
Kontakt
Gotthard Bechmann
Forschungszentrum Karlsruhe
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 36 40
D-76021 Karlsruhe
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 22705
Fax: +49 (0) 721 / 608 - 24806
E-mail: bechmann@itas.fzk.de
Dr. Armin Grunwald
Europäische Akademie zur Erforschung von
Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen
Bad Neuenahr-Ahrweiler
Postfach 14 60
D-53459 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Tel.: + 49 (0) 2641/754302
Fax: + 49 (0) 2641/754320
E-mail: Armin.Grunwald@dlr.de
Genau wie "Globalisierung", und vor demselben Problemhintergrund, nämlich der Frage nach den Entwicklungsperspektiven gegenwärtiger Gesellschaften, ist auch "Innovation" ein vielgebrauchter, semantisch aber äußerst divers belegter Begriff. In gewisser Hinsicht übernimmt die Diskussion um Innovation heute die ältere Debatte um den "Fortschritt" und die "Modernisierung" moderner Gesellschaften. Die Diskussion läßt sich in drei Fragegruppen zusammenfassen:
Nun können wir die hier angesprochenen zu klärenden Dimensionen des Innovationsbegriffes nicht systematisch rekonstruieren. Ziel unserer Überlegungen ist es vielmehr, gegen eine noch fast durchgängige Belegung des Innovationsbegriffes mit Metaphern der Kreativität, insbesondere den Metaphern des "Erfindens" und "Entdeckens" zu argumentieren, um abschließend eine alternative handlungstheoretisch fundierte Perspektive anzudeuten.
1. Vorbemerkungen
Nach der Etablierung moderner Gesellschaften ist es nahezu selbstverständlich geworden, die Eigenheit dieses Typs von Gesellschaft darin zu sehen, daß sie sich aus ihr immanenten Gründen permanent "revolutioniert" (vgl. Braudel 1985; Bauer & Matis 1988). Kontrovers dagegen werden die mit diesen "Revolutionen" verbundenen "Krisen" beurteilt: zeigen sie die grundsätzliche Dysfunktionalität dieses Typus von Gesellschaft an, die nur durch Ersetzung durch einen anderen Typus von Gesellschaft überwunden werden könnte, oder sind die Krisen nicht vielmehr gerade dasjenige Moment, in dessen Verlauf das überholte Alte ersetzt wird durch Neues; kurz: signalisieren Krisen Möglichkeiten der Entwicklung oder sind sie Zeichen des Zerfalls?
Es wäre nun sicher lohnenswert, historisch zu rekonstruieren, in welchem Verhältnis Verfalls- und Entwicklungsdiagnosen zueinander stehen, zumal sie in aller Regel immer gleichzeitig auftauchen. Aus pragmatischen Gründen klammern wir aber die Zerfallsdiagnostiken aus und beziehen uns nur auf die Metaphoriken, mit denen das sich abzeichnende Neue als Innovation beschrieben wird.
Das als Innovation umschriebene Neue wird in mindestens dreifacher Weise gefaßt als Resultat menschlicher Kreativität. "Die Idee des Ausdrucks umschreibt die Kreativität vornehmlich hinsichtlich der subjektiven Welt des Handelnden. Die Idee der Produktion bezieht die Kreativität auf die objektive Welt, die Welt materieller Gegenstände als der Bedingungen und Mittel des Handelns. Die Idee der Revolution schließlich unterstellt die Möglichkeit menschlicher Kreativität hinsichtlich der sozialen Welt, nämlich die fundamentale Umgestaltung der das menschliche Zusammenleben regulierenden gesellschaftlichen Institutionen." (Joas 1996, S. 107). Diese metaphorischen Umschreibungen menschlicher Kreativität verweisen auf den Kontext der klassischen Bewußtseinsphilosophie einerseits, andererseits auf die säkularisierte Form der Beschreibung des göttlichen Schöpfungshandelns. "Ausgehend von der Sphäre ästhetischer 'Produktion' war der Gedanke einer nicht abbildenden, sondern Neues erzeugenden, 'produktiven' Einbildungskraft zur Konzeption des 'Geistes' entwickelt worden, die immer mehr zur zentralen Achse der klassischen deutschen Philosophie wurde, zumal diesem 'Geist' Züge zugeschrieben wurden, deren Träger in der christlichen Tradition der göttliche Schöpfer war. Die Inbeziehungsetzung des ökonomischen Arbeitsbegriffs und der philosophischen Konzeption des Geistes verspricht vertiefte Einsicht in die geschichtliche Bedeutung des Wirtschaftens ebenso wie eine Konkretisierung der Philosophie." (Joas 1996, S. 134/135) Obwohl in der Philosophie, aber auch in der Diskussion des Arbeitsbegriffes selbst nach Hegel und insbesondere seit dem Pragmatismus, dieses Verständnis von Arbeit als "Schöpfung" zunehmend problematisch wurde, dominiert es noch weite Teile der technikphilosophischen Diskussion. Wir können daher in einem ersten Schritt Innovation rekonstruieren als "Erfindung".
2. Innovation als "Erfindung" im Kontext der Technikphilosophie
Im Anschluß an klassische Unterscheidungen der griechischen Antike faßt Ropohl Technik als das von Menschen Gemachte im Unterschied zu Naturdingen, die "von selbst" ohne Zutun des Menschen geworden sind. Verknüpft mit dieser Unterscheidung ist auch die Abgrenzung von Naturwissenschaft und Technik. Erstere bemüht sich, vorgegebene Ordnungen und Zusammenhänge in der Natur zu entdecken; die Technik dagegen basiere auf "Erfindungen", die keine Vorbilder in der Natur hätten. "In der Erfindung taucht neue Wirklichkeit auf, wird der Natur vom Bewußtsein ein Konzept entgegengesetzt, das in der natürlichen Wirklichkeit nicht vorzufinden war." (Ropohl 1996, S. 151). Die technische Erfindung sei somit zu verstehen als eine originäre gegennatürliche Leistung des menschlichen Bewußtseins. "Im Grunde kommt nämlich in der Erfindung zum Ausdruck, daß sich das menschliche Bewußtsein nicht mit dem Vorgegebenen abfindet, daß es vielmehr mit eigener Zwecksetzung die Natur transzendiert und die Welt nach selbst gesetzten Vorstellungen neu schafft. So konzipiert die Erfindung nicht lediglich ein neues Mittel, sondern eine neue Zweck-Mittel-Kombination; sie antizipiert nicht nur ein technisches Gebilde, sondern auch das zugehörige Handlungsprogramm" (Ropohl 1996, S.151).
Die jeweiligen Handlungsketten, die zur Realisation technischer Innovationen führen, haben so ihren Ursprung im Bewußtsein des als autonomes Individuum vorgestellten Erfinders. Diese Vorstellung kommt allerdings nicht aus ohne höchst problematische anthropologische Annahmen. "Genau dies ist die Grundlage der Erfindungsfähigkeit: Weil das Bewußtsein die Instinktregungen des Hier und Jetzt überschreiten kann, vermag es Zwecksetzungen in die Zukunft hinein zu entwerfen und kann sogar neue Zwecksetzungen erfinden. Und es kann die Mittel dazu erfinden, indem es bekannte Elemente der Wirklichkeit in einem 'internen Modell' neu arrangiert (Steinbuch). So antizipiert das Bewußtsein künftige Wirklichkeit und konstruiert in theoretischer und experimenteller Überprüfung das real Mögliche." (Ropohl 1996, S. 154) Ihre Orientierung findet die Erfindung in den als "wahr" ausgezeichneten Bedürfnissen der Menschheit. Gerade so sei eine Steuerung der Erfindungstätigkeit möglich: systematische Bedürfnisforschung sei als unerläßliche Planungsaufgabe anzusehen. "Systematisch und repräsentativ erhobene Selbsteinschätzungen der Individuen hinsichtlich konkret erlebter Bedürfnisse sind als heuristische Basis und als kontrollierendes Regulativ durchaus beachtlich. Planungsrelevante objektive Bedürfnisse lassen sich grundsätzlich nur dadurch ermitteln, daß man Differenzen zwischen den individuellen Lebensumständen der Menschen und dem durchschnittlich erreichbaren Niveau möglicher Bedürfnisbefriedigung, eben den jeweils geltenden soziokulturellen Standards, feststellt.(...) Zentrale Aufgabe der Bedürfnisforschung ist es, im Zusammenwirken mit demokratischer Meinungs- und Willensbildung jeweils jene Standards zu ermitteln, die den Maßstab der Bedürfnisse abgeben" (Ropohl 1991, S. 95).
3. Innovation als Entdeckung
Gegen solche Vorstellungen von Innovation als einem bewußt herbeigeführten bzw. planbaren und herbeiführbaren Resultat menschlicher Handlungen1 hat insbesondere Hayek argumentiert. Innovationen sind für ihn zwar Resultate menschlicher Handlungen, aber sie erscheinen eher wie die nichtbezweckten Nebenfolgen unseres Tuns, die uns quasi wie Naturereignisse zustoßen oder widerfahren (vgl. z.B. Hayek 1969). Die Menge der Kenntnisse, die z.B. Ropohl postuliert, um "wahre" von "falschen" Bedürfnissen unterscheiden zu können, sei uns grundsätzlich nicht zugänglich und beruhe auf einem Mißverständnis ökonomischen Handelns. Damit nun Innovationen "entdeckt" werden könnten, bedarf es eines Ordnungszusammenhanges, in dem die Resultate menschlichen Tuns bewertet werden können: den Markt, auf dem die verschiedenen Anbieter in Wettbewerb treten können. Der "Markt" als Ordnungszusammenhang darf nun aber nicht verstanden werden als "Wirtschaft", die den einzelnen Betrieben übergeordnet oder vorgeordnet wäre; wäre dies der Fall, dann könnte Ropohls Planungsmodell funktionieren. Der Markt ist für Hayek aber kein zentrales Steuerungsinstrument, sondern der Selektionsmechanismus, über den die in Wettbewerb stehenden Anbieter ausgelesen werden. Diejenigen Innovateure, die sich im Wettbewerb durchgesetzt haben, können dann das Verhalten der anderen Akteure am Markt beeinflussen und orientieren.
In Kritik an bewußtseinsphilosophischen Voraussetzungen, die Ropohl in seinen Überlegungen beansprucht, bemüht Hayek seinerseits nicht minder problematische Vorstellungen, die er aus der Evolutionsbiologie entlehnt. "Der Wettbewerb ist ein Entdeckungsverfahren - ein Verfahren, das zu jeder Evolution gehört -, das den Menschen dazu brachte, unwissentlich auf neuartige Situationen zu reagieren; und durch weiteren Wettbewerb, nicht durch Übereinstimmung, erhöhen wir allmählich unsere Effizienz" (Hayek 1996, S. 16). Vernunft ist so nicht Voraussetzung für Innovation, sondern Vernunft ist selbst nur Resultat von "natürlichem Wettbewerb". "Unsere Vernunft ist ebensosehr das Ergebnis eines evolutorischen Ausleseprozesses wie unsere Moral. Sie entwickelte sich jedoch in einem weitgehend gesondert ablaufenden Prozeß, so daß man nie annehmen sollte, unsere Vernunft nehme die höhere kritische Position ein und nur diejenigen Moralregeln seien gültig, die die Vernunft gutheißt" (Hayek 1996, S. 18). Indem Hayek Vernunft und zweckrationales Handeln als Resultat natürlicher Evolutionsprozesse begreift, braucht er auch nicht zu fragen, welche sozialen und kulturellen Zusammenhänge gegeben sein müssen, damit Menschen sich überhaupt innovativ verhalten. So wie in der biologischen Evolution qua Mutation und genetischer Rekombination immer genügend differente Organismen vorhanden seien, werde auch in Gesellschaften immer ausreichend abweichendes, potentiell innovatives Verhalten produziert, ohne daß besondere soziale Bedingungen verwirklicht sein müßten und nur unter der Voraussetzung der Existenz von durch "natürliche Selektion" gegebenen Wettbewerb.
4. Exkurs: Evolution und Ökonomie
Tatsächlich hat sich spätestens seit den 40er Jahren dieses Jahrhunderts eine faszinierende Parallelentwicklung von Evolutionstheorie und Ökonomie ergeben, die auf den ersten Blick als einfacher Wissenstransfer einer nach "objektiver" Geltung ihrer Aussagen durch Grundlegung derselben2 in wohlfundierten naturwissenschaftlichen Theorien strebenden "gesellschaftswissenschaftlichen" Disziplin erscheint:
Die Vorstellung der Evolution der Arten bewirkte in der Biologie einen Durchbruch; selbst die nach allem Augenschein so festgefügt erscheinenden Berge, Kontinente, Stoffe, Sonnen etc. können wir in sehr langen Zeiträumen nicht länger als Konstanten auffassen, sondern müssen uns diese nun ebenfalls als evolvierend vorstellen. Diese Entwicklung in den Naturwissenschaften begünstigte ihrerseits die Herausbildung einer evolutionären Perspektive in der Ökonomik. (Biervert & Held 1992: S. 8f).
Diese von den Autoren sicher zurecht konstatierte, sämtliche modernen Wissenschaften - inklusive der Physik - erfassende "Evolutionierung" des Denkens läßt im wesentlichen zwei Ausgangspunkte für die Übernahme biologischen Wissens in die Ökonomik als bedeutsam erscheinen:
Die grundlegenden Schwierigkeiten solcher Transfers von einem Wissensgebiet in ein anderes sind spätestens seit Aristoteles Darstellung in den "Analytica posterior" als grundlegender Methodenfehler bekannt. Es gäbe nun - schon vor jeder weiteren Rekonstruktion solcher Ansätze, zumal dort, wo es sich um evolutive Fassung innovativer Vorgänge4 handelt - die Möglichkeit, unter methodologischen Gesichtspunkten einen solchen Methodenfehler zu konstatieren. Dies soll aber aus zu erläuternden Gründen vermieden werden.
4.1 Transfer und Methodenfehler
Zunächst ist es keinesfalls ausgemacht, daß die Entwicklung ökonomischer Theorie auf der einen Seite und evolutionärer auf der anderen voneinander unabhängig verliefen. Tatsächlich finden sich keineswegs erst seit neuerer Zeit Übernahmen ökonomischer Überlegungen in biologische, insbesondere evolutionstheoretische Ansätze. Mag noch dahingestellt sein, inwieweit die Malthus-Konzepte für Darwin wirklich eine entscheidende Rolle gespielt haben oder nicht, so ist doch mindestens auffällig, wie eng bestimmte populations- und selektionstheoretische Formulierungen an Marktmodellen orientiert sind (man denke nur an die zahlreichen Anwendungen spiel- und entscheidungstheoretischer Ansätze). Damit allerdings läge der begründungstheoretisch interessante Fall vor, daß eine "ursprüngliche" Übertragung eines Gebietes in ein anderes als solche in ihren weiteren Entwicklungen nicht mehr wahrgenommen und die schließlich stattfindende Rückübertragung nun als der eigentliche Transfer erscheint, obgleich er letztlich nur die am biologischen Objekt spezifizierte allgemeine Fassung der zuvor schon übertragenen ökonomischen Ansicht darstellt. Im Bereich der spieltheoretischen Konzepte evolutiver Strategien etwa läßt sich dies explizit nachweisen5.
Begründungstheoretisch ist dies aber auch deshalb von Bedeutung, als nun die Frage nach der Rechtfertigung der Übernahme von biologischen Theoriestücken in die Ökonomie unversehens umschlägt in die Frage, wie denn biologische Theorien und Aussagen ihrerseits begründet werden können6. Da eine solche Durchführung im Rahmen des Vorliegenden nicht sinnvoll möglich ist, sei statt dessen auf die systematischen Parallelen zwischen einer speziellen - systemtheoretischen - Fassung der Evolutionstheorie und einem ausgearbeiteten Konzept evolutionärer Ökonomien aufmerksam gemacht. Rekonstruiert man nämlich die Bedingungen der Rede über Innovation, so fällt auf, daß Innovation durch die Struktur der zugrundeliegenden Beschreibungen (von Evolution auf der einen, Ökonomie auf der anderen Seite) überhaupt erst notwendig wird. Umgekehrt aber bedeutet dies, daß es sich bei dem Begriff "Innovation" um eine beschreibungskovariante Größe handelt.
Analysiert man ferner die Wortverwendung, so kann "Innovation" im Sinne klassisch subjekt-orientierter Handlungstheorie bei Übergang auf die zugrundeliegende Verbform als mehrstelliges Tatprädikat angesehen werden. Demzufolge "innovierte"7 "jemand" "etwas" nach Maßgabe von "Zwecken" und unter Verwendung von "Mitteln" in bezug auf eine bestimmte "Situation8".
Schließlich aber läßt sich, setzt man die gerechtfertigte Kritik an der Übertragung als Metabasis zunächst beiseite9, unter Darstellung des systematischen Ortes der Übernahme deutlich machen, was von seiten der ökonomischen Theorie her zu leisten wäre, um in methodologisch befriedigender Weise über Innovation reden zu können.
4.2 Ökonomie als kulturelle Evolution
Die Verwendung von Begriffen evolutiver Theorien zur Beschreibung ökonomischer Vorgänge muß ihrerseits legitimiert werden. Dies gilt selbst für den Fall, daß man unterstellte, die verwendeten Begriffe seien innerhalb der evolutionstheoretischen Debatte unstrittig geklärt, was sicher nicht der Fall ist (dazu Weingarten 1993, Gutmann 1996). Diese Rechtfertiung wird nun in einer bemerkenswerten Bestimmung des Menschen als eines gleichsam gedoppelten Natur/Kulturwesens gesehen: Der Mensch nimmt durch die ihm gegebene Reflexionsfähigkeit und das damit mögliche "Gegenübertreten zur Natur" eine Sonderstellung in der Natur ein. Zugleich ist und bleibt er jedoch auch unvermeidlich Teil der Natur (Biervert & Held 1992, S. 16).
Dies entspricht der subjektbezogenen Fassung des von Ropohl vorgetragenen objektiven Gegennaturkonzeptes; es ist gewissermaßen seine reflexive Subjektivierung. Trotz der dem Menschen eigenen, ihn der Natur entgegensetzenden Reflexionsfähigkeit, sei er dennoch - aufgrund seines Naturcharakters - "den Naturgesetzen" unterworfen. Diese bildeten den äußeren Rahmen seiner Handlungsfähigkeit: Die Naturgesetze wie etwa die Tendenz der Zunahme der Entropie in geschlossenen Systemen, der Erhaltungssatz von Energie und Materie etc. können nicht außer Kraft gesetzt werden. Das Leitbild eines grenzenlos gedachten ökonomischen Wachstums und technischen Fortschrittes, das die Illusion der Schöpfung von Ressourcen "aus dem Nichts" und der Folgenlosigkeit der Produktion und der Produkte über Jahrzehnte hinweg imaginierte, ist deshalb obsolet (Bievert & Held 1992, S. 16).
Damit aber gerät Innovation, als wie auch immer geartete Entstehung des Neuen, zu einem von Naturgesetzen geregelten Fall. Die Schlußfolgerung ist insofern bemerkenswert, als hier deutlich das Ziel der Parallelisierung von Ökonomie und Evolution eine Fortführung der "natürlichen" Evolution in die "kultürliche" des Marktes bedeutete. Zwar seien keine ummittelbaren normativen Aussagen aus der Beobachtung und Beschreibung von Naturprozessen zu gewinnen - dies riefe die Gefahr eines naturalistischen Fehlschlusses hervor; dennoch sei es möglich, menschliches Innovationshandeln durch evolutive Rekonstruktion besser zu verstehen.
Dagegen ist es für die ökonomische Theoriebildung gerade unter dem Blickwinkel der Untersuchung von Inventionen und Innovationen zentral, die Zeitskalen der Naturprozesse und damit deren Innovationsraten in der Zeit zu verstehen, um daraus ein verbessertes Verständnis für die Zeitskalen menschlicher Innovationen und deren physische Begrenzungen zu gewinnen (Biervert & Held 1992, S. 17).
Innovation ist damit vom Tatprädikator zusehends zu einer Zustandsgröße evolutiver Vorgänge geworden. Beide Ansätze, der evolutionäre wie der ökonomische, sind in der Begründungsstruktur so sehr miteinander verkettet (immerhin tritt hier die Natur in Gestalt der Evolution selber als innovativ handelnde auf), daß es letztlich nur eine Frage des Standpunktes und nicht mehr der gelingenden Begründung ist, von welcher Seite her Innovation verstanden wird. Der mögliche modelltheoretische Gewinn der Investition ökonomischer Beschreibung zu Zwecken der Rekonstruktion evolutiver Vorgänge wird durch die Naturalisierung des Ökonomischen verschenkt.
Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet erhält die Parallelisierung von Evolution und Ökonomie weit mehr als einen beschreibenden Charakter; diese wird vielmehr zum Mittel der Erklärung von jener. Es tritt aber zusätzlich das Problem auf, die jeweils in Evolutionstheorien10 auftauchenden Begriffe, mit welchen die Gegenstände, deren Veränderungen und die Mechanismen dieser Veränderungen beschrieben werden, in ökonomische Begriffe der Gegenstände des Marktes, ihrer Veränderung sowie der dabei wirkenden Mechanismen zu übersetzen.
4.3 Das Problem der Übertragung
Einen konsequenten Umsetzungsversuch dieser Art findet11 man in den Überlegungen von Nelson, Winter und Dosi, die als Verfechter eines "Neo-Schumpeterischen" Ansatzes innerhalb der modernen Ökonomie gelten12. Den Hauptunterschied zum neoklassischen Ansatz fassen sie in Kürze wie folgt: They criticize, in particular, the assumption of perfect rationality and the corresponding 'maximization metaphor'. Nelson and Winter think it inappropriate to conceive of the behavior of the firm in terms of deliberate choice from a large, well-defined set of production possibilities that extends well beyond the current rang of operation" (v.d. Belt & Rip 1994, S. 136).
Als Gegenstände der Evolution wären Firmen im Sinne strukturierter "routine cluster" zu verstehen. Für diese wäre die Analogie zu den miteinander interagierenden Genen konkurrierender Populationen gegeben: "The set of available routines can be considered the 'genetic' makeup of organization. Just like genes, routines are exposed to the selection pressure of the environment in an indirect way, in this case through competition between firms" (v.d. Belt & Rip 1994, S. 137).
Die Selektion findet unter dem Selektionsdruck des Marktes statt, welcher die adaptive Umgebung der Populationen vertritt: The outcome of routines is judged by the market, or, more generally, when government policy of all kinds of institutional arrangements are included in the selection environment, which thereby determines indirectly which routines are viable enough to acquire widespread use in the population of the firms" (v.d. Belt & Rip 1994, S. 137).
Unter Innovationen ist dann erwartungsgemäß das Äquivalent von Mutationen zu verstehen: "For economic and technical evolution the mechanism analogous to genetic mutation is innovation" (v.d. Belt & Rip 1994, S. 137).
Im Gegensatz aber zur biologischen Evolution kommt mit der Innovation die Emergenz von Kreativität zustande: "Viewing the emergence of an exemplary technological achievement in this way - as a result of a coming together of various lines of development - makes it unnecessary to postulate the complicated kind of selection mechanisms hypothesized by Dosi. In technical evolution, as against species evolution, there is indeed much room for processes of creative combination and synthesis" (v.d. Belt & Rip 1994, S. 139).
Damit ist allerdings keinesfalls die Analogisierungsmöglichkeit erschöpft. Denn entgegen der Behauptung, daß Evolution nur auf tatsächlich realisierte Optionen und nicht auf Möglichkeiten13 wirke und damit etwa Spekulation als tatsächliches Marktgeschehen nicht evolutiv zu interpretieren wäre, bzw. innerhalb der Ökonomie einige, dem Evolutiven sich verschließende Aspekte menschlichen Handelns, wie etwa bestimmte Formen der Kreativität oder der Antizipation auftreten, findet sich eine ganze Klasse von evolutiven Ansätzen, für die weder die eine noch die andere Beschränkung gelten. Argumentiert man nämlich evolutiv im Sinne von systemtheoretisch verfaßten Hierarchien, deren Elemente untereinander interagieren und deren "übergeordnete Systemeigenschaften" sich ebenfalls aus der "Koppelung" ursprünglich unabhängiger Elemente ergab, so findet man genau jenen Konfluenz-Gedanken wieder, der in evolutiven Ansätzen als Emergenz firmiert (Duncker 1994). Dies aber entspricht letztlich wieder der Erfinder- oder Genie-Metapher auf evolutiver Ebene, denn Emergenz ist gerade jene Gruppe von Eigenschaften, die sich nicht aus den Elementeigenschaften ableiten lassen.
Ein gleiches gilt für das Potentialitätsproblem, nimmt man etwa Überlegungen zur Präadaptation zum Vorbild, bei welchen eben gerade die Möglichkeit zur Ausbildung einer Struktur selektiv bewertet werden soll.
Entscheidend ist nun, daß mit der Übernahme spezieller evolutionstheoretischer Ansätze (und hier offenkundig vor allem systemtheoretisch orientierter) eine Argumentstruktur mitübernommen wird, die eben jenen Mangel, der auch in klassischen ökonomischen Ansätzen sich findet, reproduziert.
5. Innovation als Entwicklung von Mitteln im Handeln
Für die Klärung des Innovationsbegriffes erweist es sich so als notwendig - wenn man die begrifflichen Engführungen des bewußtseinsphilosophischen oder eines naturalistisch-evolutionsbiologischen Ansatzes vermeiden will - systematisch zu klären, in welcher Hinsicht wir von "zweckrationalen Handlungen" reden. Zu bedenken ist, daß die utilitaristische Konzeption, Zweckrationalität nur in der optimalen strategischen Wahl der Mittel bei vorgegebenen Zwecken zu sehen, schon immer eine dramatische Verkürzung darstellt. So hat schon Dewey gesehen, daß zwischen Handlungszielen und Handlungsmitteln eine reziproke Beziehung existiert: "Das heißt, daß er nicht von klaren Zielen des Handelns als Regelfall ausgeht, auf die sich dann die Mittelwahl bloß noch auszurichten hat. Vielmehr seien Handlungsziele meist relativ unbestimmt und werden erst durch die Entscheidung über zu verwendende Mittel spezifiziert. Reziprozität von Zielen und Mitteln bedeutet also ein Wechselspiel zwischen Mittelwahl und Zielklärung. Die Dimension der Mittel ist damit nicht neutral gegenüber der Dimension der Ziele. Indem wir erkennen, daß uns bestimmte Mittel zur Verfügung stehen, stoßen wir erst auf Ziele, die uns vorher gar nicht zu Bewußtsein kamen. Mittel spezifizieren also nicht nur Ziele, sie erweitern auch den Spielraum möglicher Zielsetzung" (Joas 1996, S. 227).
Indem unser Handeln also immer unaufhebbar gebunden ist an die Verwendung von Mitteln, zeigen sich uns im mittelgebrauchenden Handeln neue Zwecke. Über mittelverwendendes Handeln "beherrschen" wir nicht nur die Welt, sondern erkennen sie auch erst. Emphatisch schreibt Cassirer: "Das Werkzeug erfüllt die gleiche Funktion, die sich hier in der Sphäre des Logischen darstellt, in der gegenständlichen Sphäre: es ist gleichsam der in gegenständlicher Anschauung, nicht im bloßen Denken erfaßte 'terminus medius'" (Cassirer 1985, S. 61). Die produktive Grundkraft des Menschen erweist sich ihm nirgends deutlicher als am Werkzeug: "Der Mensch wirkt mit ihm nur dadurch, daß er in irgendeinem, wenn auch anfangs noch so bescheidenem Maße, auf dasselbe wirkt. Es wird ihm nicht nur Mittel zur Umgestaltung der Gegenstandswelt, sondern in eben diesem Prozeß der Verwandlung des Gegenständlichen erfährt es selbst eine Wandlung und rückt von Ort zu Ort. Und an diesem Wandel erlebt nun der Mensch eine fortschreitende Steigerung, eine eigentümliche Potenzierung seines Selbst-Bewußtseins" (Cassirer 1985, S. 66).
Erweitert man diese Überlegungen noch durch Einsichten des frühen Hegel, daß wir nämlich niemals als ungebundene Einzelne handeln, sondern immer nur in Kooperationszusammenhängen, in der gemeinsamen Verfolgung von Zwecken (vgl. Hegel 1986, S. 197ff.), dann wird nicht nur die Idee der Entdeckung neuer Zwecke im Mittel verwendenden Handeln deutlicher, sondern es wird gleichfalls sichtbar, daß die Frage nach Innovationen im Bereich der Ökonomie nicht unabhängig und getrennt von sozialen und kulturellen Zusammenhängen thematisiert werden kann - eine Einsicht, die Schumpeter schon seit der ersten Auflage seiner "Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung" (1911) hatte, die aber nie in dem für Schumpeter so zentralen Zusammenhang von Gesellschaftstheorie und ökonomischer Theorienbildung rezipiert wurde. Begeben wir uns auf die hier nur umrissene Spur, können wir für den Themenbereich "Innovation" Einsichten gewinnen, die für die gegenwärtig uns bewegenden Probleme von äußerster Relevanz sind.
6. Handlung versus Entwicklung - eine Schlußbetrachtung
Da die Aufgabe dieses Aufsatzes zunächst in dem Versuch einer systematisch angelegten Kritik allzu stark vereinheitlichender Verständnisse von "Innovation" bestand, mußte der konstruktive Teil eher kurz ausfallen. Deutlich wurde jedoch schon innerhalb der Kritik, daß einer der wesentlichen möglichen Gewinne evolutionärer Ansätze in dem Übergang vom Subjekt und seiner Handlung hin zum Gedanken der Entwicklung bestand. Dies steht in deutlichem Kontrast zu den "Entdeckungs- und Erfindungsmetaphoriken" insofern, als die Beschränkung auf das singulierte Subjekt, welches im Umgang mit (vorhandenen) Zwecken neue Mittel ersinnt und gleichsam zum Geniedasein verurteilt ist, in einen Entwicklungsansatz aufgelöst werden kann, bei welchem die Bewertung von Produkten nicht mehr notwendig als subjektive, rationale Entscheidung oder Neuerung, sondern als Entwicklung sich begreifen läßt. Dieser mögliche Gewinn wird allerdings verloren durch die Reduktion auf stark systemtheoretisch orientierte Evolutionsansätze, die ihrerseits daraufhin angelegt sind, die Erfindungs- und Entdeckungs-Metapher, sei es als Emergenz, sei es als Mutation, zu reproduzieren.
Der Vorschlag, mit einer handlungstheoretischen Konstruktion als erstem Schritt zu beginnen, hat den Vorteil, daß zunächst vernünftige Sprachklärungen über die Entwicklung von Neuem im Kontext menschlichen Handelns, und dies ist immer kollektives Handeln, erzielt werden können. In einem nächsten Schritt läge es daran, den Übergang vom "zweckesetzenden" und "mittelverwendenden" Subjekt der Handlung hin zu einem Begriff gemeinsamen Produzierens zu vollziehen, der es erlaubte, das hier als vernünftiges innovatives Handeln Rekonstruierte in einen ebenso vernünftigen, aber eben kollektiven Begriff der Entwicklung zu übersetzen - ohne damit in Evolutionstheorie investieren und letztlich einem - sei es auch noch so sublimem - Biologismus das Wort reden zu müssen.
Anmerkungen
Literatur
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Duncker, H.-R. (1994): Probleme der wissenschaftlichen Darstellung der komplexen Organisation von lebenden Systemen. In: Maier, W. & Zoglauer, T. (Hrsg.): Technomorphe Organismuskonzept. Modellübertragungen zwischen Biologie und Technik. Stuttgart; 299-317.
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Joas, H. (1996): Die Kreativität des Handelns. Frankfurt a.M.
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van den Belt, H. & Rip, A. (1994): The Nelson-Winter-Dosi Model and Synthetic Dye Chemistry. In: Bijker, W.E. et al. (eds.): The Social Construction of Technological Systems. Cambridge, Massachusetts, London.
Weingarten, M. (1993): Organismen - Objekte oder Subjekte der Evolution? Darmstadt.
Kontakt
Dr. Mathias Gutmann
Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-
technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH
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Blitzweg 16
D-35039 Marburg
Tel.: + 49 (0) 6421/14143
Fax: + 49 (0) 6421/26209
Innovation beginnt bei der Organisation des Gedächtnisses. Dafür stehen zahlreiche logistische Hilfsmittel zur Verfügung. Leistungsstarke Wühlmaschinen (search engines) können mit Suchbegriffen zum Beispiel den digitalisierten Weltgeist in alle Richtungen durchkämmen. Sie spüren jedes "Vorkommen" in der Datenmenge auf. Im Hebis-Katalog der Bibliothek des Deutschen Bundestages existiert Innovation als Hauptnachschlagewort noch nicht. Kundige finden Innovation mit rund 900 Nennungen unter Technik. Wer etwas über Zukunft wissen will, müßte bei Hebis entsprechend unter Zeit anklicken.
Zeitgeist und Zugriff
Katalogangaben sind aufschlußreich: Die relativ kleine Zahl der Einträge im Suchgebiet kontrastiert auffällig mit der inflationären Verwendung von Innovation in der Öffentlichkeit. Unzweideutig signalisiert die Begriffsverortung im Hebis-Katalog, daß der Zeitgeist bei Innovation aus Richtung Technik weht. Für ein integrales, gleichrangiges Verständnis von technischen, sozialen, kulturellen oder institutionellen Innovationen müßte der Zugriff völlig neu programmiert bzw. "eingepflegt" werden.
Auswahl und Anwendung von Schlagworten folgen nicht dem Zufallsprinzip. Sie werden absichtsvoll bzw. strategisch besetzt. Das gilt besonders für hochpolitisierte Begriffe wie Innovation oder Reform. Dies schließt nicht aus, daß ihr ursprünglicher Begriffsinhalt im Lauf der Zeit verlorengeht oder die Trägerorganisation wundersam wechselt. Wie käme sonst ein semantisches Mutagen wie der vielberufene Reformstau zustande? Kein Experiment ist mehr zu groß, um nicht gewagt zu werden. Die Urangsthasen haben die Fronten gewechselt. Jahrzehntelang geschürte Furcht vor epidemischer Reformitis scheint plötzlich wie weggeblasen. Dabei ließe sich mit minimalem Analyseaufwand herausfinden, daß die angekündigten Steuerkürzungen nicht den Suchbegriff Reform rechtfertigen. Wo ein Nullsummenspiel in Szene gesetzt wird, ist Stau reine Fiktion. Eine Epoche, die sich von ihren alten Geistern abwendet, steht vor ähnlichen Grundsatzfragen. Nicht jeder Geist verdient einen neuen Namen.
Reform und Innovation
Unter starkem Begriffsnebel ist schwer auszumachen, wer gerade eine tatsächliche oder eingebildete Reformpartei ist. Solche Orientierungsprobleme gelten auch in bezug auf das Phänomen Innovation. Während viele Zeitgenossen ohne Vorbehalte auf Innovation als Aus- wie Königsweg setzen, fürchten andere die dunkle Seite der Innovation. Handfestes und Ideologisches vermischen sich dabei ständig. Und, wie man unversehens zum Großreformator avanciert, wird es auch immer schwerer, sich dem grassierenden Zeitgeistzauber von Innovation zu entziehen.
Beredtes Zeugnis seiner Zwingkraft hat kürzlich ein deutscher Ministerpräsident abgelegt. Er eröffnete einen Innovationskongreß seiner Partei mit dem Slogan "Wir haben verstanden!". In den Medien wurde dies als Bußfertigkeit registriert bzw. als Bereitschaftserklärung, überfälligen Erneuerungen nicht länger den Weg zu versperren. Unbeachtet blieb, daß da ein Aufsichtsratsmitglied der Volkswagen AG vor versammelter Presse und Partei wortgetreu einen Werbespot des Konkurrenten Opel zum Ideentrailer machte. Juristisch ist das Geschäftsschädigung.
An diesem Vorkommnis ist analytisch die Frage interessant: Was ist da verstanden worden, und wer sind die Gesprächsteilnehmer? Der Opel-Spot antwortet, aufwendig und witzig in Szene gesetzt, auf die postnatale Anspruchslage einer imaginären großen Baby-Versammlung. Dank General Motors, und seinem tiefen Verständnis der Bedürfnisse moderner Kleinen, rauschen diese anschließend mit glücklichem Kinderlachen durchs kreuzungsfreie Land - frischgewickelt, luftgefedert und nackengestützt.
Stau und Stillsitzen
Es macht Sinn, den Notruf nach Innovationen in Deutschland, wie ihn Spitzen von Wirtschaft und Gesellschaft im Heulton aussenden, im Lichte professioneller Autoreklame zu untersuchen. Zeitgeist ist hier abhängig von Mobilität. Der Blick sollte sich dabei auf die Lücken im Sujet richten: Im offiziellen Bild unserer Autowelt, in der wir uns von Kindesbeinen an wohl fühlen sollen, fehlt der Stau - ob nun aufgrund eines schweren Unfalls oder massenhaften Verkehrsaufkommens. Das ist kein Zufall. Der Stau zerstört den Inhalt der Illusion wie ihren Rahmen. »Bildstörungen« werden vom Zeitgeist unter negativen Einflußfaktoren abgehandelt. Unpassendes soll sich nicht ins Bild drängen. Wir besitzen längst ein durchtrainiertes Gespür dafür, wie existenzgefährdend kleine Sitzblockaden auf innerstädtischen Straßenkreuzungen oder selten genutzten Nebenstrecken der Bundesbahn sind. Wo jeder sechste Beschäftigte dem Automobilbau irgendwie seinen Arbeitsplatz verdankt, wächst sich nicht nur aufgenötigtes, sondern bereits freiwilliges Stillsitzen zu Alpträumen für Kapital und Arbeit aus. Wo Räder stillstehen, sieht mehr als das Verkehrssystem alt aus. Insbesondere dann, wenn die Verursacher einfach dazugehören, sich also selbst mit gutem Willen aller Beteiligter nicht problemlos einfach wegräumen lassen. Zwischen Park- und »Packungsdichte« gibt es viele materiale bzw. konditionale Gemeinsamkeiten. Der Einsatz von Räumfahrzeugen ist kein Verstandesnachweis. 1997 war für die deutsche Automobilindustrie wieder ein Rekordjahr.
Rollenspiel und Wirtschaftswetter
Es ist ein untrügliches Kennzeichen "verfahrener!" Situationen, wenn mit steigender Nervosität von höchsten Stellen Maßhalte- und Innovationsappelle verlesen werden. Dabei werden, klassischen Vorbildern folgend, Versager als Sündenböcke ausgesucht und abgestempelt: Die einen Versager verbitten sich angeblich noch immer das Antasten ihrer üppigen sozialen Besitzstände, die anderen Angeklagten sind im günstigsten Fall nur vertrottelte akademische Schlafmützen (verzauberte Eliten), und wieder andere wagen es einfach nicht, ihren einsichtsgestörten Wählern, Wahrheiten ungeschminkt ins Gesicht zu sagen. Nur Leistung und ihr Lohn berechtigen zur Vorfahrt.
Mit Innovationen hat dieses alte Rollenspiel wenig zu tun. Die "Konserve" stammt aus der Abteilung für politische Meteorologie. Mit ihrer Hilfe wird bei Bedarf ein ortsfestes Stimmungstief über Deutschland zusammengebraut. Entsprechend sollte es nicht überraschen, wenn das Wirtschaftswetter kurzfristig aufklärt. Zumindest in Vorwahlzeiten dürfte die Investitionssonne über Deutschland ab und zu die tiefhängenden dunklen Wolken brechen. Depressiver Geist paßt nicht zur Wahlurne.
Der Kampf um innovationsfreundliches Schönwetter ist ein kapitalistischer Evergreen. Das erschließt ein historischer Datenabgleich zwischen Fortschritt und Innovation. Ein kurzer Blick in das berühmte Gutachten der Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel in der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 1976 genügt. Dort tauchen alle Themen, Thesen und Tabus auf, die bei Politikern und Unternehmern den Blutdruck immer in die Höhe treiben. Technikfeindschaft, die altdeutsche Krankheit schlechthin, wurde damals bereits mit starken Mitteln und geringem Erfolg bekämpft. Beim direkten Zeitgeistvergleich zeigt sich, daß Fortschritt im allgemeinen Sprachgebrauch gegenüber Innovation an Boden verliert.
Fortschritt und Kulturfolger
Die "Kulturfolgerin" Innovation kennzeichnet Magersucht. Im Vergleich mit traditionellem Fortschritt hat sie an praktischer Vernunft und intellektueller Substanz gewaltig abgespeckt. Der gute alte Fortschritt trug noch aus vielen Gründen als Turbolader die Dimensionen Vergangenheit und Zukunft im Gepäck. Der heutige Zeitgeist verhält sich da abstinenter. Anstelle von Geschichte und Utopien determiniert er Produktlinien. Seine Kompetenz-Matadore ziehen zwischen unüberschaubaren Problemen und ballastarmen Produkten Trennungsstriche. Produktinnovationen lassen sich durch geschicktes Design oder Management optimieren. Sie gelten grundsätzlich als machbarer und erfolgversprechender als jede Gegenwart. Das "Instrument" hat den Platz des Ideals erobert. Die Geschwindigkeit zählt, weniger das Reiseziel.
Mit anderen Worten: Der Zeitgeist hat sich aufgespalten. Das Bild ist "verrückt". Das Kapital emanzipiert sich vom Faktor Arbeit. Wo der Mensch weiter beansprucht, im Mittelpunkt zu stehen, behindert er Innovationen wie Innovatoren. Progress is rapid, but the human slow. Endogene Langsamkeit ist der Auslöser der Karriere des Menschen als Kosten- bzw. Störfaktor. Bei Innovation geht es nicht mehr um ein Volkshaus, das Schritt um Schritt wohnlicher gemacht werden soll. Eine Gemütlichkeitsrendite hat kapitalorientierter Zeitgeist nicht im Programm. Ein für alle Mal: Technisch-ökonomische Innovation implementiert keinen sozialen Herzschlag.
Die Autoren traditioneller Besinnungsappelle haben diese Richthöhe des neuen Zeitgeistes noch nicht im Visier. Ihr Programm ist nicht up to date. Sie benutzen überholte Software. Entsprechend unzeitgemäß ist die Repatriierung des Untertanen ("Die verwöhnten Deutschen müssen endlich wieder dienen lernen!"). Schuhputzer und Kofferträger sind keine Prototypen mit KI-Format einer hochgezüchteten High-Tech-Welt. Sie taugen nicht zu Fackelträgern einer Finanzkultur, die intermediär Wagniskapital für sprudelnde Ideen mobilisiert oder global mit Derivaten spekuliert. Der allseits friedfertige und freundliche Schuhputzer entspringt einer grundreaktionären Nostalgie. Mit deren überbrachten Repressionen sind bedrohte Interessen und Machtstrukturen in modernen Zeiten nicht zu retten. Das erklärt, warum diszipliniertes Frühaufstehen oder kollektives »Gesundfeiern« allein keinen heilsamen Innovationsschub auslösen. Erkenntnis kommt vor Fortschritt. Bei Innovation ist das weniger sicher.
Aspirin und Eroika
Innovation ist kein Systemstabilisator. Politisch und technisch ist eher das Gegenteil der Fall. Allen Schönrednern sei Vorsicht angeraten: Wo entgrenzt wird, wird enteignet, entwertet, entwurzelt. Innovationen, die mit Althergebrachtem brechen, hochrevolutionär bzw. ganz und gar unkonventionell daherkommen, ermangelt die eingebleute Hochachtung vor Hierarchen oder Sozialordnungen. Gedächtnisruinen werden auf Datenautobahnen mit Lichtgeschwindigkeit umrundet. Das steht im Drehbuch des beinharten internationalen Wettbewerbs. Also gut aufgepaßt: Das innovative Prinzip denunziert permanent normgetreue Anpassung. Vor neuer Soft- und Hardware gehen heute Gesellschaften und Staaten schneller in die Knie als vor umstürzlerischen Ideologien. Schumpeter, auf den die Fachliteratur als Schöpfer des Pionierunternehmers gerne zurückgreift, schweigt hier übrigens. Seine kreative Zerstörung ist als systemare Überlebenshilfe gedacht, mit der Zielvorgabe von besser und mehr. Beim Fortschritt der Klassiker war diese Zielvorgabe eine natürliche Richtungsanzeige, eine positiv fixierte Grundordnung. Bei aktuellen Innovationen ist viel schwerer auszumachen, wohin die Reise geht, zum Mond oder ins Chromosom? Wer darf mit auf die Reise, wer muß zu Hause bleiben? Die Taue zur romantischen Traumwelt sind gekappt.
Die Rasanz allgemeiner Veränderung dokumentiert sich immer seltener in großen Monumenten aus Stein und Eisen. Glasminiaturen oder hauchdünne Siliziumfolien tun es auch. Mit etwas Phantasie läßt sich ausmalen, daß bald der komplette Beethoven auch auf pharmakologischer Basis von Drogerien abgegeben werden kann. Er könnte als Monatspackung E-Musik in Tablettenröhrchen abgefüllt und regulär zu Spottpreisen verkauft werden. Für die Industrie wäre das kein gewaltiger Schritt mehr.
Wohin führt Beethoven in Aspirin? Ins digitale Nirwana? Die Frage, was man bei sich zu Hause solle, wo dort doch sowieso nichts los sei, ließe sich durch das Ratespiel ergänzen: Wo bin ich gerade? Daß poppige Gemeinschaftsvermarktung von Beethoven und Schmerzmitteln Vollbeschäftigung zurückbringt, wäre ein gefährlicher Rat- oder Umkehrschluß? Wahrscheinlicher ist, daß eine Wertdichtekompression bei Acetyl-Salicylicum ganzen Branchen und Vertriebskanälen ihren Lebenszweck rauben wird. Sie würde den Nachfolgern der ausgedienten Plattengeschäfte die Geschäftsbasis entziehen. Viele Multimediabereiche werden rasch auf Chemie umstellen müssen, wenn sie bei der Unterhaltungs- bzw. Drogenoptimierung nicht als Verlierer vom Markt gefegt werden wollen. Im Vergleich zur Spalttablette ist die CD-ROM als Datenträger ein technologischer Dinosaurier.
Biorhythmen und Sternenjäger
Die Erosion der klassischen Vertriebswege hat aber auch ohne solche Phantasie- bzw. Innovationssprünge längst begonnen. "Tante Emma" ist mehr als eine alte Frau, die allein im umsatzschwachen Laden steht. Per Internet lassen sich konventionelle Drogeriewaren mit stabiler Nachfrage, zum Beispiel Kondome, bereits problemlos ordern und via electronic cash diskret (http://www.condomi.com) bezahlen. Solche Geschäfte sind rund um die Uhr geöffnet. Das zeitgenaue Auf- und Zuschließen der Ladentüren verliert dadurch seine limitationale Funktion. Ob weltweit unbegrenzte Geschäfte, das heißt hier, der Wegfall von geregelten Orientierungzeiten oder abgeforderter Pünktlichkeit, vermehrt Räume sozialer Verwilderung schaffen oder mühsam stabilisierte Biorhythmen zerstören, berührt den auf Innovation eingestimmten Zeitgeist nicht sonderlich. Das ist nicht sein Problem. Er diskutiert Raum-Zeit-Fragen bevorzugt aus der Perspektive von Sternenjägern. Um das Naheliegende sollen sich andere kümmern. "Gefälligst" ist dafür das übliche Umgangswort. Wer bequem auf soziale Distanz gehen kann, leidet meist an Kontaktschwäche.
Schmatzrüssel und Stoffwechsel
Potente Innovatoren setzen gegenwärtig auf »Stoffwechsel«. Für Materialforscher liegen Mikro- und Kartoffelchips dabei nicht weit auseinander. Kürzlich ist es gelungen, dem Fühler eines Kartoffelkäfers die biologischen Signale beim Riechen des Grünblattduftes abzuluchsen. Sie stimulieren die gefährlichen Freßkameraden zu massenhaftem Anflug. Die Entschlüsselung des Käfer-Sensoriums soll bis zu 60 Prozent der bisher erforderlichen Pestizidmengen beim Kartoffelanbau überflüssig machen. Solche Spitzenleistungen aus Wissenschaft und Forschung erheischen Verständnis dafür, warum weltweiter Konkurrenz ausgesetzte Chemiefirmen viel Wert auf gutes Innovations- bzw. Investitionswetter legen. Wer soll die mit viel Geld gesuchten und hergestellten Wirkstoffe und Chemikalien kaufen, wenn die zahlungsbereite Massennachfrage bereits durch Schmatzlaute von Kartoffelkäfern so katastrophal zum Einsturz gebracht werden kann? Fachleute gehen zur Zeit davon aus, daß eine Abweichung vom Termin der geplanten Markteinführung eines neuen Medikamentes um 10 Prozent den finanziellen Ertrag des Herstellers um 50 Prozent verringert.
Wirklich innovativer Zeitgeist hält sich daher nicht lange bei der Bewunderung naturwissenschaftlicher Großtaten auf organischem oder anorganischem Gebiet auf. Er unterscheidet genau zwischen ritueller Verbeugung vor Robert Koch und anderen Rettern der Menschheit und den Faktoren, die aus einer mehr oder weniger sensationellen Erfindung erst etwas machen, das den Namen Innovation nach eigenem Recht zugesprochen bekommen darf. Das ist nach allgemeiner Überzeugung der Fall, wenn sich eine Idee in ein Produkt verwandelt und am Markt erfolgreich ist. Gewinn definiert den Nutzen.
Zeichen statt Buchstaben
Über die beschwerlichen Stationen, die Erfinder und ihre Produkte vom Einfall (Invention) bis zur Marktdurchdringung (Diffusion) durchlaufen müssen, existieren unzählige Erfolgsstories und private Leidensgeschichten. Nicht nur Genies wurden oft von ernüchternd kalkulierenden Kaufleuten verkannt. Auch ausgefuchste Fachmänner waren ihrerseits häufig mit totaler Blindheit geschlagen. So wird es der Erfinderfirma Siemens immer anhängen, daß sie über ihr Marktglück mit Fernschreibern das Innovationspotential des von ihr entwickelten Faxgerätes übersehen hat. Vielleicht war es nur die kulturelle Borniertheit von Buchstabenspezialisten, welche der aufwendig Zeichen setzenden japanischen Konkurrenz mit dem Faxgerät ein kommunikativ-kommerzielles Wundermittel in die Hände drückte. Eventuell hat Siemens damals betriebswirtschaftlich sogar ganz rational gehandelt?
Das sind Wirtschaftsgeschichten von anno Tobak. Nach landläufiger Vorstellung haben Techniker und Ökonomen in Vor- und Nachkriegszeiten sich stets am dringlichsten Bedarf ausgerichtet. Inzwischen sind Wirtschaftssubjekte und -objekte jedoch neu positioniert. Krieg oder gottgegebener wie unübersehbarer Mangel spielt für Innovationen nicht mehr die zentrale Rolle. Beständiges Wirtschaftswachstum, an das alles weitere einfach angehängt wird, braucht heute andere Initialzündungen als die Impulse aus Aggression und Elendsbeseitigung. Center of Excellence sind jetzt mit der spirituellen Funktion betraut, ständig neue Spitzentechnologie zu entwickeln und, auch das ist neu, dafür gleich entsprechend aufnahmefähige Märkte zu etablieren. Diese Innovation ist weniger für die Durchschnittsmenschen als für die Sonderspezies Shareholder überlebensnotwendig. Für eine gute Aktienperformance tun es da finanztechnisch bereits wohlklingende Placebos. Analysten schätzen vorsichtig, daß gegenwärtig mindestens 25 Prozent aller im Handel befindlichen Salben und Pülverchen ohne jede heilende Wirkung sind. Ein plötzlicher Rückzug großen Pharma-Firmen auf angestammte Kerngeschäfte würde sie unter solchen Umständen direkt in die Pleite führen. Also: Innovationen, welcher Art und Güte auch immer, werden jetzt als der unabweisbare Bedarf definiert. Die Massenpresse hat diesen neuen Marktmechanismus längst verinnerlicht. Sie komponiert in Eigenregie die spannungsreichen Großereignisse, die sie dann dem staunenden Publikum, wenn es sein darf, auch mit noch so obszönen Details, verkaufen kann.
Tamagotschi und Kuschelklassik
Eine auf diese Weise entschlüsselte "Angebotspolitik" ist keineswegs problemlos. Das gilt für die Schäden, die sie nebenbei anrichtet: Zum Kapitalverwertungsritual herabgestufte Warenproduktion bleibt nicht ohne Auswirkung auf das Ethos von Arbeit. Aus ihr gespeiste soziale Anerkennung und Würde ist weiterhin erforderlich für gemeinschaftliche Disziplin und Sicherheit, keineswegs nur für die im Alter. Der Zeitgeist, der vor verdreckter Umwelt möglichst fest die Augen schließt, benötigt für diese Datenverarbeitung ein völlig neues "Betriebssystem". Das klingt wertneutral. Ist es aber nicht.
Mit antiquierten Wirtschaftsanschauungen, Sparsamkeit wäre davon eine, lassen sich die Kunststücke bedarfserweckender Angebotspolitik nicht bewerkstelligen. Da helfen nur raffiniertere Mittel oder ein völlig neuer Zugang. Wie bereitwillig der Zeitgeist bei hilfsversprechenden Innovationen reagiert, ist nicht erst seit der Markteinführung von Tamagotschis bekannt. Empirisch ist die Sache eindeutig, seit glaubhaft berichtet wird, daß vollausgebildete Akademiker elektronischen Kleintier- oder Kinderersatz unter Abspielen von Kuschelklassik beerdigen. Wo solche Kulthandlungen zu emotionalen Höhepunkten im Tagesverlauf werden, ist Ironie völlig unangebracht und wirkungslos. Und: Tamagotschi sind doch wohl besser als selbstmordende Sekten, die ansonsten nachfragegerecht verwirrte Gemüter bedienen bzw. an ihnen verdienen. Nicht einmal der Hinweis würde noch Gehör finden, daß die herzzerreißenden Adagios ständig durch wenig zum Anlaß passende Werbeeinlagen unterbrochen werden.
Kitsch und Zeitklau
Das aber ist gerade das Innovationsgeheimnis der modernen Massenmedien. Sie, aber nicht nur sie, müssen alte Spielregeln und Grenzen (Rücksichten) nicht mehr einhalten. Privat macht frei. Kommerzieller Kitsch kennt keine Konventionen. Deregulierung erweitert, solange der Vorrat reicht, das Marktpotential ungemein. Unter solchen Bedingungen stehen "Bildungsauftrag", der ja mehr als höhere Mathematik oder großes Latinum bedeutet, Rechtssicherheit oder guter Geschmack auf schwachen Füßen. Es ist kein einziger Fall bekannt, daß einst politisch so auffällige Filmemacher öffentlich und rechtlich dagegen protestiert hätten, das fremde und eigene Filmwerke beliebig zu Werbebeigaben filetiert werden. An der "Abspielstelle" schützt Urheberrecht weder Kunst noch Konsumenten. Aura ade.
Das hemmungslose Potpourri aus Bach und Börsenkursen wird von den meisten Innovationskonsumenten klaglos hingenommen. Die Einschaltquoten belegen das. Wer Medikamente kauft, die er nicht braucht, wird nicht aufsässig, wenn er etwas zu hören bekommt, was aus dem Rahmen fällt. Das ist der Nährboden für erstaunliche Koppelgeschäfte: Einerseits akzeptiert der privatisierte Hörer klaglos gestörte Unterhaltung zugunsten von kommerziellen Werbeeinblendungen. Andererseits macht nur er sie mit seinen "Werbebeiträgen" möglich. Mit dem Endpreis der Produkte, den er an der Kasse entrichtet, bringt er sich und die Innovatoren erst richtig in Kaufschwung und Stimmung. Hat der Beworbene das bemerkt oder verstanden? (Da gab es doch einmal so eine Geschichte vom Kapitalisten, der selbst den Strick verkauft, an dem er aufgehängt werden soll). Warum steht der ebenfalls aus Hörer- und Zuschauertaschen voll alimentierte öffentlich-rechtliche Rundfunk in diesem Prozeß so einfallslos herum? Welche Chance hat unter diesen Umständen noch Kritik, die auf Folgen und Verfolgungen aufmerksam machen könnte, die aufnahmebereiter Zeitgeist immer hat. Welche Volksverwirrung würde angestiftet, wenn die verteufelte Produzentenhaftung jetzt noch um die persönliche Konsumentenhaftung ergänzt würde? Haftung und Inkasso sind real sehr unterschiedliche Welten.
Bisher ist nicht bekannt, daß die Nutzer des Internet dem frech organisierten Zeitklau durch beigemischte private Werbung beim langsamen Aufbau der Bildschirmseiten irgendwelchen Widerstand entgegensetzen würden. Werbungsfreies Internet müßte, erst recht in pfeilschnellen Wissensgesellschaften, immer den Vortritt haben. Ist Zeit, die vor dem Bildschirm verbracht wird, ein herren- sprich rechtloses Gut? Wo Wissen gleich Geld gesetzt wird, ist implementierte Zeitverschwendung grundsätzlich ein Kapitalvergehen und ein Wettbewerbsnachteil. Warum fragt niemand aus der zahlreichen Gemeinde der Innovationsjünger und Computerfreaks hier genauer nach? Über die Aus- und Nebenwirkungen wird er sicher keine befriedigende Auskunft bei seinem Arzt oder Apotheker bekommen, auch wenn dieser Hinweis jeden deutschen Fernsehabend gleich mehrfach begleitet. Vielleicht sollten wir wieder damit beginnen, als einfache Lernspiele Gegensatzpaare zu bilden: Wissen versus Werbung! Gesellschaft versus Unterhaltung? Gewinn versus Verlust!
Geflimmer und Dachschaden
Neurologen haben jetzt registriert, daß die Wahrnehmungsleistung des menschlichen Gehirns unter medialem Dauerbeschuß bis zu 20 Prozent abnehmen kann. Vor lauter innovativem Geflimmer und Geräusch gelingt es zunehmend seltener, durchgehend und genau mitzubekommen, was um uns herum los ist oder wo etwas anbrennt. Das ist grundsätzlich gefährlich. Der Umfang eines solchen, offensichtlich allgemeinen "Dachschadens" kann ökonomisch, finanziell oder sozial desaströse Größenordnungen annehmen. Welcher der munteren Innovateure, die sich tagaus, tagein hemdsärmelig über den Dschungel von Verordnungen und administrativen Hemmnissen beklagen, könnte intergenerative Großhirndefekte oder globale Dachschäden mit den Mitteln der privaten Wirtschaft beheben? Entschädigen? Auch wo ein Wille wäre, gäbe es keine Reserven oder sichere Rückzugslinien.
Innovationen, egal ob technische oder institutionelle, kann man nicht wie Filme einfach wieder in umgekehrter Richtung ablaufen lassen. Sind Bilder und Daten erst einmal weltweit ausgestrahlt, sind sie kaum mehr zu korrigieren bzw. einzufangen. Der Aufwand kann nach Jahrzehnten noch enorm sein, sie nur zu verdrängen oder zu überlagern. Gen- und Geschichtsdefekte unterscheiden sich hierin nur graduell. Massenhafte Dateneinspeisung garantiert zudem keine Informationsverarbeitung im Sinne von Verstehen und Verantwortung oder von Beherrschen und Nutzen. Sie befördert eher das "Zumachen". Zuviel überfordert. "Abschalten" wäre das genaue Gegenteil von Innovation.
Freilandversuchung und Grenze
Das ist nicht neu, muß aber dringend "aktualisiert" werden: "Entgrenzung" ist kein Wert an sich. Freigesetzte Innovationen sind einzel- und gesamtwirtschaftlich nur produktiv, wenn anschließend kein großes Plündern und Entwerten anhebt. Grenzen sind immer auch notwendiger Schutz vor willkürlichen Aus- und Überschreitungen. Spätberufener Freigeist sollte nicht freudetrunken "Grenzwerte" mißachten. Grenzen bilden die faktische Grundlage von Eigentum und individueller Freiheit. Eigentum in allen seinen unterschiedlichen Formen hat nur Sinn, Funktion und Bestand, wenn es vor willkürlichen Ein- oder Angriffen geschützt werden kann. Heute bedeutet dies weniger Enteignung durch diebischen Zugriff, als Unterminierung durch alte und neue Belastungen. Innovation als ultimative Forderung ist ein Sturmangriff auf Eigentumsrechte. Computerbenutzer wissen, warum man seine Arbeitsergebnisse ständig "sichern" muß. Ohne aktiven Systemschutz sind sie vom Absturz bedroht und unversehens nichts mehr wert. Stadtluft macht frei, aber in Grenzen. Staatenlose haben dafür ein besonderes Gespür.
Die beste Schutzgarantie für erfolgreiches gemeinschaftliches Zusammenleben bietet ein funktionstüchtiger Rechtsstaat. Es ist höchste Zeit, den Staat in diesem Sinne wieder als eine kulturelle Leistung zu verstehen und zu stabilisieren - als Hochkultur statt als Beute vielklagender Sünder. Es ist Gefahr im Verzug, wenn nach Maßgabe strengster Diätvorschriften die Zurückhaltung des Staates bzw. sein Rückzug gefordert und ohne Rücksicht auf Verluste durchgepaukt wird. Brunnenvergiftung stand und steht vor Bürokratie.
Kontrolle ist die Kulturfolgerin von Recht und seinen vielfältigen Ursachen und Gründen. Sie "abzuräumen" oder zurückzudrängen ist destruktiv, nicht innovativ. Recht, das angemessen demokratisch formuliert wird, ist die Legitimation der Kontrolle. Wo Kontrolle technischen Innovationen nur in abgemessenem Abstand folgen darf, ist sie geistig und ökonomisch nicht auf der Höhe der Zeit. Ignoranz begünstigt Illusion. Es gibt Pionierunternehmen in Deutschland, die das begriffen haben. Sie bilden inzwischen schlagkräftige Sondereinheiten, die rechtzeitig verhindern sollen, daß ihren Kunden, und ihnen selbst, die vielen Groß- und Kleinrisiken der Chaosgesellschaft über den Kopf wachsen. Wer aufgewacht ist, weiß, daß sie die eigene Existenz unmittelbar bedrohen. Wo Zahlungsmoral und Zahlungsfähigkeit abnehmen, gilt der alte Hauptsatz neu: Risiko begrenzen! Integrierter Unternehmensschutz ist Prophylaxe. Unternehmen gleich Gesellschaft. Das ist weit weg von kreativer Buchführung. Das ist grundsolide. Wenn die Feuerwehr gerufen werden muß, ist das Haus meist schon abgebrannt. Selbst das Design von Produkten wird heute bereits zu einem Zeitpunkt gemanagt, an dem die Werkzeuge zu ihrer Herstellung noch nicht in Auftrag gegeben worden sind. An der Basis wächst also das Verständnis für elementare Zusammenhänge von nachhaltigem Ertrag und Erfolg. Warum sollten die Politik und andere Spitzenvertreter der Gesellschaft ihr da nicht einmal folgen können? Dazu ist ein "Neustart" notwendig: ohne Subventionen und Platzangst, statt dessen mit Kopf und Verstand.
Literatur
Guggenberger, B.: Das digitale Nirwana, Hamburg 1997.
Hauschildt, J.: Innovationsmanagement, 2. Auflage, München 1997.
Kommission für wirtschaftlichen und sozialen Wandel: Wirtschaftlicher und sozialer Wandel in der Bundesrepublik Deutschland, Gutachten der Kommission, Bonn 1976.
Meier-Kortwig, H.J.: DesignManagement, Bonn 1997.
Moths, E.: "Heiliger Kapitalinsky, investiere für uns", in FRANKFURTER RUNDSCHAU vom 29. Januar 1997 (Dokumentation).
Moths, E.: Politik-Prognose-Philosophie, in: GAIA, Nr. 2, Baden Baden 1997.
Moths, E.: Gesellschaft und Wirtschaft, in: MERKUR, Nr. 9/10, Stuttgart 1997.
Moths, E.: Eigentum, Besitzstand, Enteigung, in: Würtenberger (Hrsg.): Hüter der Verfassung oder Lenker der Politik - das Bundesverfassungsgericht im Widerstreit, Baden Baden 1998.
Wagner, R.: Stoffwechsel - Werkstoffentwicklung für die Technik von Morgen, Festvortrag auf der HGF-Jahrestagung, Bonn 1997.
Kontakt
Dr. Eberhard Moths
Köhlstraße 9
D-53125 Bonn
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Fax.: + 49 (0) 228/252322
Der folgende Beitrag wurde anläßlich der Expertenkonferenz der Akademie für Politische Bildung, Tutzing, am 17./18. Juni 1997 vorgetragen. Thema der Tagung war, die kritische Auseinandersetzung mit dem Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt. Ziele und Rahmenbedingungen einer nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung" des 13. Deutschen Bundestages. Der Vortrag bezieht sich auf das fünfte Kapitel des Berichts, das sich mit Innovation in einer nachhaltigen Gesellschaft beschäftigt. Der Beitrag wird hier in der ursprünglichen Form abgedruckt, um den Argumentationsfluß nicht zu stören und dem knappen, gedrängten Stil dieses kurzen, 15-minütigen Vortrags nichts von seiner Wirkung zu nehmen. Die Form eines Vortrags ermöglicht es, die Argumente etwas schärfer zu formulieren, als es vielleicht in schriftlicher Form geschehen würde - aber auch dies sollte erhalten bleiben im Interesse einer offenen Diskussion.
Zu Anfang sei gleich betont, bedingt durch die Knappheit der Zeit, verzichte ich auf die üblichen Formeln der Bewunderung für den Bericht, meine Kritik wird deshalb etwas harscher ausfallen als sonst üblich. Ich bitte dafür im voraus um Verzeihung.
In fünfzehn Minuten kann man nicht alles sagen, was einem zu einem Text einfällt, geschweige denn in verbindlicher Form, wie es sich geziehmt. Schon das 18. Jahrhundert wußte, zu gepflegten Sitten gehört Zeit, deshalb hat auch der Adel vornehme Umgangsformen entwickelt und das Bürgertum die Revolution gemacht. Aber Zeit haben wir heute generell nicht mehr - aufgrund eines forcierten Innovationstempos auf sozialer, technischer und kultureller Ebene.
Und damit sind wir schon beim Thema: Innovation.
Die andere Seite der Innovation ist nämlich die der Zerstörung. Schon Schumpeter wußte von dieser dunklen, der Sonne abgewandten Seite der Innovation. Wer etwas Neues will, muß Bestehendes diskriminieren, als alt und überholt bezeichnen. Mit anderen Worten, eine innovative Gesellschaft ist zugleich und vor allem eine zerstörende Gesellschaft. Und dies geschieht auf kulturellem, sozialem und wirtschaftlichem Gebiet. Sieht man die Ambivalenz der Innovation, so fällt das Urteilen schon schwerer. Innovation ja, aber wer ist der Verlierer, der Ausgegrenzte durch die Neuerung? Unsere Gesellschaft, so möchte man meinen, ist eine Entwertungsgesellschaft durch Neuerung.
Nicht nur kulturelle Güter, Religionen oder Sitten und Gebräuche werden entwertet, auch konkrete Produkte. Der Computer, den ich heute kaufe, ist schon beim Kaufakt veraltet, da in den Produktionsstätten bereits die nächste Generation auf ihre Marktgängigkeit wartet. Diese Zerstörung durch Innovation wird nicht besser, wenn man sich an einem Innovationsbegriff festhält, der schon nahe an der Tautologie formuliert ist. "Danach bedeutet Innovation, in Wirtschaft und Gesellschaft Neuerungen hervorzubringen, zu übernehmen und erfolgreich zu nutzen" (S. 145). Dieser Begriff ist leer. "Innovation" wird rein temporal gebraucht. "Neu" heißt nur: zeitlich später. Innovation ist mindestens aber auch als Differenz zu früheren Zuständen und Erfahrungen zu bestimmen.
Der Neuheitsdruck stimuliert die Suche nach neuem Wissen; und Neues wird geradezu gesucht, um ein Anlaß zu sein, Neues zu suchen. Wer so die reine Selbstreferenz feiert, wird nichts als Innovation sehen. Aber auch hier müßte eine zweite Unterscheidung gemacht werden, die zwischen Neuheit und Fehler. Ohne diese Unterscheidung zu machen, kann man Innovation nicht positiv werten und da beginnt das Dilemma: Innovationen können Investitionsfehler sein, sie können soziale Ungerechtigkeit und politische Irrtümer sein. Mit anderen Worten: die dunkle Seite der Innovation schiebt sich wieder in das gleißende Licht der Neuerungen. Davon ist aber im Text keine Rede.
Innovation als Wunschliste zu organisieren, zeigt nur, daß hier dem Zeitgeist politisch gehuldigt, nicht aber die Wirklichkeit beschrieben wird, um die es gehen soll. Jede angemessene Theorie organisatorischer Veränderungen wird ein sehr viel komplexeres Instrumentarium benötigen, das eher auf evolutionstheoretischer und nicht auf handlungs- bzw. planungstheoretischer Grundlage formuliert werden kann. Man muß also unterscheiden zwischen der Selbstzuschreibung des Innovationssystems und den tatsächlichen Operationen, und den Strukturen und Entscheidungsprämissen, an denen sich die Entscheidungen der einzelnen Organisationen orientieren.
Der Begriff "Sustainable Development" ist in aller Munde, was noch nicht bedeuten muß, daß er auch in allen Köpfen, geschweige denn in allen Handlungsprogrammen wiederzufinden ist. Der eigentliche Charme dieses Begriffes rührt wohl daher, daß er vor allem verspricht, den Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie in Wohlgefallen aufzulösen. Dies zeigt sich, wenn man ihn in das etwas schwerfällige Deutsch einer allgemeinen Programmatik übersetzt: nachhaltige Entwicklung, wobei Nachhaltigkeit für ökologisch/ressourcenschonend und Entwicklung für wirtschaftliche/industrielle Entwicklung steht. Man könnte sagen, daß dieser Begriff perfektioniert ist.
Perfektionierung eines Begriffes meint ja, daß man schlechterdings nicht das Gegenteil vertreten kann und wenn ja, nur mit schlechtem Gewissen und unter Verlust an sozialem Ansehen. Wer möchte schon statt dem guten Leben das schlechte propagieren, oder Krankheit statt Gesundheit? Auffällig ist am Begriff "Sustainable Development", daß er meist negativ gebraucht wird. Man weiß genauer, was nicht nachhaltig ist, aber weniger präzise, was in der Zukunft sich als nachhaltiges Wirtschaften herausstellen wird.
Die Schwierigkeiten fangen aber nicht bei der Zustimmung zu solchen Begriffen an, sondern bei der Konkretisierung und Umsetzung. So dürfte es sich auch bei der "nachhaltigen" und "zukunftsverträglichen" Entwicklung verhalten.
Ohne in Details zu gehen, möchte ich hier aus Zeitgründen exemplarisch auf zwei Problembereiche hinweisen:
Hier stellt sich die Frage, auf welchen Zeitrahmen bezieht sich das Konzept? Man kann an alle zukünftigen Generationen der ganzen Menschheit denken, was sicherlich dem Begriff Nachhaltigkeit entspricht. Das ist die lange Sicht der Dinge. Oder man kann an die Aufgaben der nächsten zwei bis fünf Jahrzehnte denken.
Bei der langen Sicht gibt es keine Zweifel, daß nachhaltige Entwicklung oder nachhaltiges Wachstum unmöglich ist. Die nicht erneuerbaren Ressourcen werden langfristig erschöpft sein, die Natur wird irgendwann aufgebraucht sein, die Wirtschaft muß in einen neuen stationären Zustand übergehen. (Was kommt also nach der Nachhaltigkeit?) Eines kann man heute sicher wissen: Die Evolution hat immer schon in hohem Maße selbstdestruktiv gewirkt. Kurzfristig und langfristig. Wenig von dem, was sie geschaffen hat, ist erhalten geblieben. Das gilt für die Mehrzahl der einst vorhandenen Lebewesen. Und ebenso sind fast alle Kulturen, die das menschliche Leben hervorgebracht hat, verschwunden.
Begreift man Sustainability dagegen als mittelfristiges Konzept, treten ebenfalls gravierende Probleme auf. Wie zum Beispiel
Wie wir alle wissen, ist jede technische oder auch jede ökonomische Entwicklung in einen gesellschaftlichen Werterahmen eingebunden. Es geht ja nicht allein um die effiziente Nutzung vorhandener Technologien wie das 3 Liter Auto.
Was hilft es, wenn wir zwar beim Benzinverbrauch sparen, aber dafür umso mehr Kilometer fahren? Sustainability ist gleichzeitig auch die Suche nach dem rechten Maß; es geht mit anderen Worten auch um ein anderes Kultur- und Wertemodell. Der Umstieg von Steigerung auf Begrenzung, und, wenn man moderat sein will, auf kluge Begrenzung.
Damit sind zwei Dinge impliziert. Zum einen müssen fundamentale Werte geändert werden, zum anderen muß ein zentraler Begrenzer auftreten (sprich Staat), um für die Übergangszeit gewisse Richtwerte durchzusetzen.
Das Einzige, was wir vom Wertewandel aber wissen, ist, daß er nicht managebar ist, sondern sich evolutionär einstellt. Hinzu kommt, daß Werte Präferenzen sind, die zwar Ziele ausdrücken, nicht aber eine eigene Ordnung aufweisen. Unsere Gesellschaft ist unhintergehbar wertpluralistisch organisiert. Wer dies nicht akzeptiert, verkennt die Leistungen der Moderne.
Werte werden als normativ einforderbare Präferenzen verstanden, ohne daß man sich darauf festlegt, wie Wertkonflikte von Fall zu Fall zu lösen sind. Seit Kenneth Arrow wissen wir aber, daß es für pluralistische Gesellschaften keine optimale Lösung der Wertprobleme geben kann, und es keine transitive Ordnung von Werten gibt. Wertelisten sind daher meist auch Wartelisten nach dem Prinzip der Opportunität und des Kompromisses.
Die Rolle des Begrenzers erinnert uns fatal an die Marxsche Frage "Wer erzieht die Erzieher?" Meist folgen hier Appelle an den Staat, er möge das Gemeinwohl vertreten.
Aber kann er das? Kann er das richtige Maß bestimmen, woher nimmt er die Richtlinien und Grenzwerte, wenn nicht aus der Gesellschaft, und damit sind wir wieder beim Pluralismus, bei der Vielfalt der Werte und ihrer Konflikte.
Forsch deklariert der Bericht: "Das Ziel einer nachhaltigen zukunftsverträglichen Entwicklung muß von der gesamten Gesellschaft angestrebt werden" (S. 145 und ähnlich S. 158). Kann man aber so von der Gesellschaft reden? Ist sie eine Adresse, an die man Aufforderungen senden, von der man Handlungen erwarten kann? So recht mögen die Autoren selbst nicht daran glauben, denn schon im nächsten Satz wird die Einheit wieder in die divergierenden Akteure und Systeme aufgespalten (S. 144) und nun wäre es zunächst hier angebracht, von den Widersprüchen und Konflikten zu sprechen, die Innovationen auslösen. Jedoch weit gefehlt. Es wird versucht, die verlorengegangene Einheit durch zwei Begriffe zu heilen: Konsens und Holismus.
Die Konsenstheorie als Erbe der gescheiterten Vertragstheorien des 18. und 19. Jahrhunderts ist ja heute in aller Munde. Sie verheißt eine auf Solidarität und Integration gegründete Gesellschaft. Aber ist Konsens in einem physisch-sozial aktualisierbarem Sinne überhaupt möglich, und wie soll auf diese Weise eine ausreichende Gleichrichtung von ineinandergreifenden Erwartungen und Zukunftsvorstellungen erreicht werden? In der Soziologie hat Parsons die Lösung in einem Wertkonsens gesehen, der auf zunehmende Differenzierung durch zunehmende Generalisierung reagierte. Mit diesen eingebauten Verzichten auf Konkretisierung trägt man zwar der Individualität der Akteure und der Komplexität der Gesellschaft Rechnung, bringt aber das, was man dann noch als Gemeinsames, als Gesellschaft bezeichnen kann, in eine ausgedünnte Begrifflichkeit, die wenig benennt. Solche Konsense haben aber die Eigenart, sich mit zunehmendem Konkretisierungsgrad in Dissense aufzulösen, so daß der wirkliche Inhalt des abstrakten Konsenses wohl die Ausklammerung der Dissense ist und sonst nichts weiter.
Wichtiger ist vielleicht noch ein anderer Punkt. Konsens hat zur Folge, daß man, wider besseres Wissen, soziale Konflikte, Dissense und abweichendes Verhalten nicht zur Gesellschaft im eigentlichen Sinne rechnen kann. Aber wird nicht damit gerade auf die produktive Kraft von Konflikten verzichtet? Wenn man auf die Zukunftsfähigkeit und Weiterentwicklung der Gesellschaft setzt, sollte man nicht versuchen, Konflikte präventiv zu vermeiden? Konflikte sind nicht unliebsame - und zugunsten eines Konsenses zu vermeidende - Störungen des reibungslosen Funktionierens der Gesellschaft, sondern gerade Quelle innovativer Weiterentwicklung und Ausdruck einer offenen und gestaltbaren Zukunft. Nicht die Akzeptanz und Bewertung kann vornehmlich das Ziel einer Innovationspolitik sein (S. 148, 152, 156), sondern der Zufall und die Überraschung. Eine weitere Konsequenz dieses Ansatzes, Innovation über Konsens zu bestimmen, ist, daß Strukturen und Entwicklungen der Gesellschaft als individuelles Fehlverhalten erscheinen. Entsprechend wird dann gerade bei ökologischen Fragen Verantwortung angemahnt, ohne zu prüfen, ob strukturelle Probleme sich überhaupt in individuelle Handlungs- und Entscheidungsprobleme übersetzen lassen (S. 151/52). Die Autoren des Berichtes treten als "Warntäter" auf, sie sehen ihre eigene Verantwortung darin, die Verantwortung anderer anzumahnen: der Wirtschaft, der Wissenschaft usw. Aber nach welchen Kriterien und mit welchen Vorschlägen?
Ein wesentliches Kriterium sehen sie im Holismus, den der Bericht geradezu beschwört (S. 156 und besonders S. 165 ff.). Unter Holismus verstehe ich eine ganzheitliche Betrachtungsweise, die versucht, Gegensätze und Differenzen durch einen übergeordneten Gesichtspunkt aufzulösen oder zu harmonisieren. Dies kann in der Tat geschehen, wenn man, wie Hegel, die Einheit der Gegensätze aufheben kann, sei es in der Figur des Weltgeistes oder im preußischen Staat als historischen Ausdruck desselben. An beide ist uns der rechte Glaube leider verlorengegangen. Wenn der Holismus von keiner Theorie gesteuert wird, verkommt er leicht zum Aneinanderreihen von nicht miteinander kompatiblen Sachen und dem Wunsch, sie müßten sich vereinen lassen - zumindest auf dem Papier oder im Kopf. Dieser Gefahr entkommt auch der Bericht nicht. "Innovationsstrategien im Sinne des integrativen Ansatzes des Leitbildes Nachhaltigkeit zielen auf eine umfassende, d.h. ganzheitliche wirtschaftlich-technische, ökologische und soziale Modernisierung von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft ab. Einzeloptimierungen im Sinne partieller Modernisierungsstrategien können allenfalls kurzfristige Erfolge gewährleisten, reichen aber nicht aus, um den Strukturwandel langfristig und nachhaltig zu gestalten" (S. 156). Gut gebrüllt Löwe, möchte man sagen. Die Einsicht ist nicht neu, jedoch die Realisierung dürfte im umgekehrten Verhältnis zur Unverdrossenheit ihrer Beschwörung stehen. Wer alles sehen will, sieht meist nichts, da nur Differenzen Informationen erzeugen. Gleiches dürfte für die gebetsmühlenartige Beschwörung der "problemorientierten Interdisziplinarität" gelten (S. 166). Abgesehen davon, daß auch Interdisziplinarität Disziplin erfordert, also Differenzen erzeugt, dürfte dieses Postulat das ständig schlechte Gewissen der Hochschul- und Wissenschaftsreform sein. Ehe man ein weiteres Mal diese Forderung gewissermaßen kostenlos unterschreibt, möchte man doch gerne wissen, warum sie bisher noch nicht realisiert wurde, welche Widerstände da sind und wie diese abgebaut werden können. Es wäre schön, wenn einmal innovativ über Innovationen, daß heißt mit Überraschungswert und ohne Konsens, nachgedacht würde. Dies muß wohl dem Zufall überlassen bleiben.
Ich komme zum Schluß und möchte mich dem Sondervotum des Kommissionsmitgliedes Joachim Borner (S. 168/69) insoweit anschließen, als auch er dargelegt hat, daß man, ehe man laufend normative Forderungen erhebt, versuchen sollte, das Thema Innovation historisch und theoretisch im Rahmen einer begründeten Gegenwartsanalyse einzubetten, die Roß und Reiter benennt. Ansonsten bleibt die nachhaltige zukunftsverträgliche Entwicklung eine Welt als Wille ohne Vorstellung, die die reale Gesellschaft aus den Forderungen ausgrenzen muß.
Bibliographische Angaben
Konzept Nachhaltigkeit: Fundamente für die Gesellschaft von morgen. Zwischenbericht der Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt - Ziele und Rahmenbedingungen einer nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung" des 13. Deutschen Bundestages. Deutscher Bundestag, Referat Öffentlichkeitsarbeit. Bonn: Bonner Universitäts-Buchdruckerei, 1997. 188 S. Ser. Titel: Zur Sache 1997 (1) ISBN 3-930341-32-8.
Ein zentrales Problem der Technikfolgenabschätzung und -bewertung (TA) resultiert heute daraus, daß die konzeptionelle Orientierung der TA mit der hohen Differenzierung und der Entwicklungsdynamik im Bereich der Technikentwicklung und -bewertung nicht mehr Schritt hält. Das traditionelle Modell der TA ist die Antwort auf eine Frage, die man sich vor 25 Jahren stellte: Wie lassen sich rationale technikpolitische Entscheidungen treffen? Heute müssen aufgrund neuer Herausforderungen neue Antworten gesucht werden. Dies ist um so dringlicher, weil zunehmend offensichtlich wird, daß es nicht mehr ausreicht, allein auf die Problemlösungsfähigkeit des traditionellen TA-Konzeptes zu setzen. Zwar weist das traditionelle TA-Konzept beachtliche Leistungen auf, aber die Defizite können nicht übersehen werden. Das auf einer hierarchischen Staatskonzeption basierte alte Modell der TA gilt es in Richtung auf die partizipative Gestaltung und Kontextualisierung des Innovationsgeschehens zu erweitern. Der Arbeitskreis "Technikfolgenabschätzung und -bewertung" des Landes Nordrhein-Westfalen (AKTAB) hat sich zum Ziel gesetzt, zur Entwicklung eines solchen TA-Konzepts beizutragen.* Der folgende Aufsatz aus dem AKTAB Verbundprojekt "Innovationsorientierte Technikfolgenabschätzung und -gestaltung in NRW (VITA)" stellt die Konturen eines stärker gesellschaftszentrierten Konzepts der TA vor.
1. Die Krise des traditionellen TA-Konzepts
Das Konzept der TA wurde zwischen 1967 und 1972 in den USA entwickelt. Weitgehend unverändert prägt es bis heute die normativen Grundlagen und die Praxis der Technikfolgenabschätzung und -bewertung. Seine bekannteste Institutionalisierung fand das politikzentrierte TA-Konzept im "Office of Technology Assessment" (OTA). Mit der Schaffung einer eigenen TA-Beratungseinrichtung beim US-Kongreß waren von Beginn an hohe politische Erwartungen verbunden (Gibbons/Gwin 1986, S. 241ff.), wie die
Die wichtigsten technologiepolitischen Ziele dieses aus heutiger Sicht traditionellen TA Konzepts waren bzw. sind noch immer:
Diese TA-Ziele sollen durch ein Umsetzungskonzept realisiert werden, das folgende Charakteristika aufweist:
Die Umsetzungsstrategie der traditionellen TA beruht vor allem auf drei Annahmen:
Die bisherigen Erfahrungen zeigen sowohl die Schwächen als auch die Stärken des traditionellen TA-Konzepts. Erstere kommen darin zum Ausdruck, daß es bisher nicht gelang, die vielfältigen Ziele einer TA-Untersuchung gleichzeitig einzulösen. Es zeigte sich, daß der Zielkranz des traditionellen TA-Konzepts zu heterogen und zu ambitioniert formuliert ist, wenn TA nicht nur Frühwarnfunktionen wahrnehmen, sondern auch partizipativ angelegt sein soll und darüber hinaus noch Handlungsoptionen aufzeigen und überprüfen soll. Vor allem aber sind grundlegende Annahmen des traditionellen TA-Konzepts inzwischen gesellschaftlich und politisch überholt:
Trotz dieser kritischen Befunde wäre es voreilig, das traditionelle TA-Modell zu verwerfen. Es kann gerade auch im Hinblick auf die notwendige Debatte über die Weiterentwicklung der TA auf wichtige Leistungen verweisen. Besonders wichtige Erfolge liegen in der Institutionalisierung von TA, der Bereitstellung von TA-Referenzstudien und im Bereich der demokratischen Meinungs- und Willensbildung.
Institutionalisierung bei den Parlamenten: Im Jahre 1972 machte das "Office of Technology Assessment" (OTA) in den USA den Anfang der Institutionalisierung von TA bei den Parlamenten, dem in den achtziger Jahren Gründungen in Frankreich, der EG, den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien, Österreich und (nach langer zäher Debatte im Bundestag) 1989 in Deutschland folgten. In den neunziger Jahren sind weitere Einrichtungen dazugekommen (z.B. in der Schweiz) und einige der TA-Institutionen haben Namens- und Organisationsreformen erfahren. In der Zwischenzeit wurde das OTA geschlossen (Ende 1995), und der Landtagsausschuß "Mensch und Technik" in Nordrhein-Westfalen mußte seine Arbeit einstellen (zu NRW siehe: Bröchler 1997). Dagegen hat sich das "Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag" (TAB) erfolgreich behauptet. Die Auflösung der TA-Einrichtungen in den USA und in Nordrhein-Westfalen macht jedoch deutlich, daß TA auch in institutionalisierter Form kein Selbstläufer ist.
Bereitstellung von TA-Referenzstudien: Die seit Gründung des TAB ansehnliche Zahl von TA-Studien hat das interdisziplinäre Wissen über Technik und über die Folgen von Technik beträchtlich vermehrt. Sie umfassen ein breites Spektrum und stellen besonders für die parlamentarische Arbeit Wissen in einer Vielzahl von Analysen über die Chancen und Risiken neuer Techniken zur Verfügung. Dieses Wissen kann zukünftig für den Bedarf des Parlaments genutzt werden, indem vorliegende TA-Studien als wichtige Referenzstudien dienen, auf denen weitere TA-Projekte aufbauen können.
Demokratische Meinungs- und Willensbildung: Die Veröffentlichung von TA-Studien stellt eine wichtige Voraussetzung zur Förderung der demokratischen Willens- und Meinungsbildung über Technikfolgen in der Gesellschaft dar. Damit wird häufig erst die Grundlage geschaffen, über die Folgen von Technik aufzuklären und den Diskurs über die Chancen und Risiken neuer Techniken im Parlament und in Parteien, Bürgerinitiativen etc. zu versachlichen.
Aufgrund seiner Leistungen stellt das traditionelle TA-Konzept einen unverzichtbaren Ansatz der Technikfolgenabschätzung und -bewertung dar. Auch können einige der festgestellten Defizite im Rahmen des traditionellen TA-Konzepts ausgeglichen werden, wie z.B. das überholte Verständnis von den Spielräumen staatlicher Techniksteuerung oder die naive Vorstellung von Politikberatung, wie sie das OTA-Konzept formulierte (Petermann 1992). Das traditionelle Konzept ist aufgrund seiner Orientierung auf den Staat jedoch nicht in der Lage, die Umsetzung neuer technischer Ideen und Verfahren, wie sie (im Regelfall) in den Unternehmen stattfindet, zu steuern. Ebenfalls überfordert ist dieses Konzept auch mit der Organisation eines gesellschaftlichen Technikdiskurses. Hier bedarf es ergänzend der Entwicklung geeigneter Konzepte der Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung.
2. Neue Herausforderungen an TA
TA verfolgt die übergreifende Aufgabenstellung, Hilfen zum akzeptablen Umgang mit Risiken und Unsicherheiten von Techniken zu geben. TA ist kein Selbstzweck und muß konzeptionell auf veränderte Anforderungen der Umwelt antworten. Im Unterschied zu den frühen siebziger Jahren stellen sich heute eine Reihe neuer Herausforderungen, die damals, als das traditionelle Konzept der TA formuliert wurde, noch nicht ausreichend erkennbar waren:
Die bereits eingetretenen Schädigungen wie auch die zukünftig zu erwartenden Folgen ökologischer Krisen (Treibhauseffekt, Wasser- und Luftverschmutzung, Verkehr, Stofflawinen etc.) zeigen, daß das bestehende industrielle Fortschrittsmodell für die Menschheit keine (akzeptable) Zukunft bietet (Kreibich/Steinmüller 1997). TA ist herausgefordert, sich auf die Forderungen nach dauerhaft-nachhaltiger Entwicklung (Ludwig 1997; Brundtland-Bericht 1987) und nach einem qualitativ veränderten Umgang mit Ressourcen zu beziehen (Weizsäcker/Lovins/Lovins 1996):
Die intensivierte Globalisierung führt zu erheblich verkürzten Lebenszyklen für Produkte und Verfahren: "Während sich in der Vergangenheit der Reifeprozeß neuer Technik noch über Jahrzehnte erstreckte, ist heute der Zeitraum von der wissenschaftsbasierten Innovation über die anwendungsgetriebene Markterweiterung hin zur kostengetriebenen Prozeßoptimierung bei großvolumigen Standardprodukten auf wenige Jahre geschrumpft. Heutige High-Tech-Produkte und Verfahren werden in wenigen Jahren breit verfügbare "commodities und Standardtechnologien sein" (Fürstenwerth 1996, S. 227). Angesichts dieser Entwicklung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts ergibt sich für TA die Gefahr, der Technikentwicklung hinterherzuhinken. TA ist aufgefordert, sich mit diesem Problem in konzeptioneller und methodischer Hinsicht verstärkt auseinanderzusetzen.
Die Beschleunigung des Innovationsgeschehens erfordert von den Unternehmen und vom Staat erhöhte Investitionssicherheit. Aus unternehmerischer Sicht resultiert der gestiegene Bedarf nach Investitionssicherheit aus weiter steigenden Kosten für Forschung und Entwicklung (FuE). So haben die vier forschungsintensivsten Branchen in Deutschland (Elektrotechnik, Automobilbau, Chemie und Maschinenbau) in den Jahren 1973 bis 1995 zusammen mehr als 6000 Mrd. DM in Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten investiert (Fürstenwerth 1996, S. 223). In der nächsten Zukunft treibt die Entwicklung des qualitativen Zusammenwachsens neuer Technologien (z.B. Mechatronik, Optoelektronik) die Kostenentwicklung weiter an (Grupp 1995). Diese "Zukunftstechnologien des 21. Jahrhunderts" erfordern hohe Investitionskosten, die Zunahme interdisziplinärer und transdisziplinärer Felder, eine steigende Bedeutung der Grundlagenforschung sowie die Notwendigkeit der Vernetzung zwischen Technikproduzenten und Technikanwendern. Diese Entwicklungen führen - gerade angesichts hoher Flexibilität - zur Verlängerung der Planungszeiträume und somit zum Bedürfnis erhöhter Investitionssicherheit der Unternehmen. Darüber hinaus drohen Investitionen in FuE zu versickern, weil der Transfer bereits verfügbarer Technologien in marktfähige Produkte, Verfahren und Dienstleistungen häufig nicht gelingt. Auch der Staat hat ein Interesse an Investitionssicherheit, wenn es um den Umgang mit neuartigen Folgen geht, die neue Techniken hervorrufen können. TA ist herausgefordert, einen Beitrag zur unternehmerischen und gesellschaftspolitischen Investitionssicherheit zu leisten, indem sie sozial- und umweltverträgliche akzeptable Handlungskorridore für Technikanwendungen unter Hinweis auf mögliche Chancen und Risiken, auf Unsicherheiten und Kosten aufzeigt, um Marktchancen zu erkennen und Fehlinvestitionen zu vermeiden.
In den letzten Jahren vollzieht sich in Unternehmen ein Bewußtseinswandel in ihrem Verhältnis zur gesellschaftlichen Umwelt. Ausgelöst durch Katastrophen (z.B. Chemie-"Störfälle") einerseits und neue ökologische Anforderungen (nachhaltige Entwicklung) andererseits, entdecken Unternehmen, daß neben dem Markt und dem Preismechanismus zunehmend die soziale und ökologische Umwelt zu Lenkungsmechanismen der Wirtschaft werden (Dyllick 1989, S. 205). Das Umgreifen dieser Erkenntnis führt sowohl zu neuen Managementansätzen (Dyllick 1992 und 1994; Hopfmann/Winter 1997) als auch zu neuen unternehmenspolitischen Formen des Dialogs mit der Öffentlichkeit (z.B. bei Hoechst, Nestlé, Eternit, Von Roll) und zu Selbstverpflichtungen (z.B. die gemeinsame Erklärung von führenden deutschen Unternehmen und dem BUND) sowie zu Zusammenschlüssen ökologisch aufgeschlossener Unternehmen wie B.A.U.M., A.U.G.E. oder die "Unternehmerinitiative Umwelt". Eine wichtige Aufgabe für TA besteht darin, den Unternehmen Hilfestellungen für die neuen Aufgaben zu geben (Tacke 1997). Wichtige Ansatzpunkte für diese Unterstützung liegen in der Beratung und der Moderation kommunikativer Verfahren.
In Bereichen besonders kontrovers geführter Technikauseinandersetzungen lassen sich neue Ansätze der gesellschaftlichen Konfliktregulierung im Umgang mit technischen Risiken und Unsicherheiten feststellen. Obwohl heute vielfach noch immer versucht wird, technologiepolitische Entscheidungen durch Einsatz von Macht oder staatlicher Gewalt durchzusetzen (z.B. Transrapid, Castor-Transporte), gibt es auch Beispiele für eine alternative Form des Umgangs mit technischen Risiken und Unsicherheiten, z.B. im Bereich der Bio- und Gentechnik, aber auch bei Standortkonflikten für die Abfallbehandlung in Deponien. Hier wurden in den letzten Jahren diskursive Verfahren zur Konfliktregulierung durchgeführt. Es zeigt sich jedoch, daß die neuen Verfahren nicht per se eine höhere Problemlösungsfähigkeit besitzen, wie manche gehofft haben. Probleme ergeben sich z.B. durch die unterschiedliche Verteilung von Macht, Information und Professionalität der Akteure der Konfliktgruppen und der Gefahr, daß kommunikative Verfahren in folgenlose Akzeptanzbeschaffung und Public Relation entgleisen. Eine Gefahr besteht darüber hinaus darin, die Erfolgsaussichten unrealistisch hoch einzuschätzen. So hat sich gezeigt, daß kommunikative Verfahren nicht in der Lage sind, fundamentale Technikkonflikte zu lösen. Die Chancen für innovationsorientierte TA bestehen vielmehr darin, bei Bedarf kommunikative Verfahren organisieren zu helfen, (Forschungs-)Wissen einzubringen, Ungleichgewichte der Ausgangsbedingungen transparent zu machen und (soweit wie möglich) abzubauen, sowie in der aktiven Moderation dieser sozialen Experimente (Simonis 1997, S. 445).
Ein neues Verständnis des Technisierungsprozesses verweist nachdrücklich auf den Einfluß der sozialen Einbettung von Technik in die Gesellschaft für den Erfolg von Innovationen. Früher wurde die Technisierung häufig als technisch-wissenschaftlich determiniert aufgefaßt. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, daß die Technikentwicklung nicht nur durch technische, sondern vor allem auch durch nicht-technische, d.h. soziale Faktoren, wie Ökonomie, Kultur, Politik etc. mitbestimmt wird (Mayntz 1991; Braczyk 1997; Simonis 1997). Je nachdem wie eine Technik in die jeweilige Gesellschaft eingebettet bzw. kontextualisiert ist, kann sich eine ganz unterschiedliche Nutzung und Akzeptanz von ein und derselben Technik ergeben (Lutz 1991, S. 70). TA ist gefordert, gerade die nicht-technischen Faktoren im Prozeß der Technikgestaltung zur Geltung zu bringen.
Die skizzierten Entwicklungen stellen große Anforderungen an die Problemlösungsfähigkeit der TA. Technikfolgenabschätzung und -bewertung kann die neuen Aufgaben jedoch nur auf der Basis eines problemadäquaten Konzepts für den Umgang mit Risiken und Unsicherheiten angehen.
3. Perspektivenerweiterung der TA
Die Krise des traditionellen TA-Konzepts und neue Herausforderungen führen zu einem Wandel im Verständnis und in der Praxis der Technikfolgenabschätzung und -bewertung (Ropohl 1994). Allein für Deutschland können heute 270 Institutionen mit TA-Kapazitäten identifiziert werden. Neben TA sind weitere Ansätze der Technikforschung getreten. Verwiesen sei hier auf die Technikgenese-, die Diffusions- und die Folgenforschung. Daneben haben sich alternative Ansätze der Technikbewertung und -gestaltung wie Akzeptanz- und Akzeptabilitätsforschung, das Konzept der sozialen Beherrschbarkeit und der Ansatz der sozialverträglichen Technikgestaltung etabliert. Öko-Bilanzen, Umweltverträglichkeitsprüfungen (UVP) oder Öko-Audits sind heute gängige Verfahren und Methoden zur Bewertung und Gestaltung ökologisch-technischer Entwicklungen. Diese Perspektivenerweiterung ist für Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft gleichermaßen bedeutsam (Bröchler 1995). An dieser Stelle soll kurz auf zentrale Aspekte des Wandels hingewiesen werden:
Selbstverständnis: Der Anspruch der TA entwickelt sich von einem Beratungsinstrument für die Techniksteuerung der Legislative zu einem Instrument der Gestaltung von Innovationen (Krohn/Simonis/Weyer 1995). Dies hat zur Folge, daß TA nicht auf die Förderung der Meinungs- und Willensbildung begrenzt bleiben darf, sondern zu einem Instrument der unmittelbaren Technikgestaltung entwickelt werden muß.
Gestaltungsanspruch: Der Steuerungsoptimismus der sechziger und siebziger Jahre und seiner Utopie, die gesellschaftliche und technische Entwicklung quasi am "Reißbrett" durch die Politik planen zu können, ist heute der Erkenntnis gewichen, daß sich gesellschaftliche Steuerung zwischen repräsentativen Akteuren der Funktionssysteme Staat, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbände und Gesellschaft in Netzwerken vollzieht (Münch 1995). Der Aufbau eines neuen institutionellen Gefüges z.B. in Form von Innovationsnetzwerken ist zu fördern, um Handlungskorridore identifizieren zu helfen und um Blockaden zu vermeiden.
Akteure: Die Fixierung auf Legislative und Exekutive als Auftraggeber und Akteure wird zunehmend zugunsten der Erkenntnis aufgegeben, daß der Wirtschaft und den normsetzenden Verbänden eine maßgebliche Rolle im Bereich der sozialen und ökologischen Technikgestaltung zukommt (VDI 1991). Darüber hinaus wird in den letzten Jahren zunehmend gefordert, auch andere gesellschaftliche Gruppen, wie Bürgerinitiativen oder Techniknutzer, durch partizipative Verfahren einzubeziehen. Hieraus folgt als Konsequenz, daß besonders die Wirtschaft aufgerufen ist, sich engagierter an TA-Aktivitäten zu beteiligen, als dies heute noch der Fall ist.
Institutionalisierung: Die langwierigen und zähen Diskussionen um eine politische Institutionalisierung der TA in der Bundesrepublik Deutschland führten nicht nur zu Institutionalisierungen im Landtag von Nordrhein-Westfalen und dem Deutschen Bundestag (TAB), sondern auch zu Institutionalisierungen außerhalb des politischen Systems wie z.B. der "Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg" oder zur Gründung der "Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH". Es gilt, die unterschiedlichen Aktivitäten der TA-Organisationen besser zu vernetzen und durch Kooperationen Synergieeffekte zu fördern.
Die Perspektivenerweiterung zeigt, daß TA vor eine Vielzahl neuer Herausforderungen gestellt ist. Im Unterschied zu den frühen siebziger Jahren erscheint es jedoch nicht mehr sinnvoll, nach einem neuen "Idealkonzept" der TA zu suchen. Dagegen spricht die hohe Entwicklungsdynamik und Ausdifferenzierung im Bereich der Technikentwicklung und -bewertung. Die Neuorientierung der TA hat die Aufgabe, der Entwicklung der Perspektivenerweiterung eine Richtung zu geben. Im folgenden sollen Überlegungen für ein TA-Konzept vorgestellt werden, das nicht beansprucht, ein "Königsweg" zu sein. Mit dem Konzept der innovationsorientierten TA wollen wir an einem Punkt ansetzen, dem das traditionelle TA-Konzept aufgrund seiner konzeptionellen Orientierung zu wenig Gewicht beigemessen hat: der unmittelbaren Gestaltung des Innovationsgeschehens.
4. Überlegungen zu ersten Ansätzen eines Konzepts innovationsorientierter TA (ITA)
Das Konzept der innovationsorientierten Technikfolgenabschätzung und -gestaltung (ITA) knüpft an die Kontextualisierungsdebatte der sozialwissenschaftlichen Technikforschung (Hack/Fleischmann u.a. 1991, Bonß / Hohlfeld / Kollek 1993, Saretzki 1995) an. Dieses Konzept geht - stark verkürzt - davon aus, daß Technik erst im Verlauf ihrer gesellschaftlichen Nutzung und Diffusion entsteht, als ein Aneignungsprozeß, in dem Menschen das technische Wissen anwenden und nutzen. Gestaltungsoptionen für neue Technologien ergeben sich besonders dann, wenn sich Techniken erst am Beginn dieses Prozesses befinden und noch Einfluß auf den gesellschaftlichen Aneignungsprozeß genommen werden kann (Simonis 1997). Das ITA-Konzept greift diesen Ansatz auf und betont die zentrale Funktion von sozialen und institutionellen Faktoren für die Gestaltung des Innovationsgeschehens. Zugleich wendet sich ITA gegen ein verkürztes Innovationsverständnis, daß das Innovationsgeschehen auf die einzelwirtschaftliche Perspektive der Erzeugung von Innovationen verengt. Die populäre Forderung, es reiche für die Lösung der Innovationsprobleme aus, nur recht schnell die Umsetzung neuer Technikanwendungen in marktfähige Produkte zu betreiben, droht in eine Innovationsblockade umzuschlagen, wenn nicht die soziale Dimension der Einbettung neuer Techniken in die Gesellschaft hinreichend berücksichtigt wird. Denn nicht technische Eigendynamiken oder Sachzwänge, sondern soziale Prozesse sind für den Erfolg von Technikanwendungen bestimmend.
Für das Verständnis des konzeptionellen Ansatzes von ITA ist es sinnvoll, normative Ansprüche und Aufgaben zu benennen sowie auf erforderliche Neuorientierungen hinzuweisen.
Das ITA-Konzept stellt folgende normative Prämissen auf:
Die Aufgaben innovationsorientierter TA liegen besonders auf folgenden Ebenen: der Vernetzung bestehender TA-Akteure, dem Aufbau von Netzwerken zur Gestaltung sozialer Innovationen, der Organisation von kommunikativen Verfahren zur Verständigung und der Erarbeitung neuer (Forschungs-) Erkenntnisse.
Um die dargestellten Aufgaben erfüllen zu können, bedarf es einer, im Unterschied zur traditionellen TA, erneuerten Umsetzungsstrategie:
Fazit:
Die Auseinandersetzung mit dem derzeit prägenden, staatszentrierten TA-Konzept hat gezeigt, daß die traditionelle TA-Konzeption nicht in der Lage ist, ihre zentralen Ziele zu erreichen. Darüber hinaus erfordern neue Herausforderungen und ein breiter Perspektivenwechsel im Bereich der TA neue Konzepte der Technikbewertung. Das Konzept der innovationsorientierten Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung (ITA) greift einen Aspekt auf, dem das traditionelle TA-Konzept zu wenig Gewicht beigemessen hat: die unmittelbare Gestaltung des Innovationsgeschehens. Mit dieser Orientierung will das ITA-Konzept nicht die traditionelle TA ersetzen, sondern vielmehr sinnvoll ergänzen. Die hier skizzierten Konturen des ITA-Konzepts stellen noch erste Überlegungen dar, die im Rahmen eines Diskussions- und Erprobungsprozesses ergänzt und vertieft werden müssen. Die zukünftige Entwicklung des Konzepts bedarf neben der theoretischen Absicherung der Erprobung in der Praxis. Besonders attraktiv scheint hier die Anschlußfähigkeit des ITA-Konzepts an bereits entwickelte Ansätze der qualitativen Technikgestaltung, wie sie im Rahmen der Programme "Humanisierung der Arbeit", "Mensch und Technik - Sozialverträgliche Technikgestaltung" und des schwedischen LOM-Programms ("Management, Organisation, Mitbestimmung") erarbeitet wurden. Auch sind neue Ansätze im methodischen Bereich erforderlich, um die Technikfolgenabschätzung und Technikgestaltung systematisch mit der Entwicklung und Durchsetzung sozio-technischer Innovationen zu verbinden.
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Dr. Stephan Bröchler
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Vergleichende Politikwissenschaft
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Vergleichende Politikwissenschaft
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Der Beitrag beschäftigt sich mit der gesellschaftlichen Bedeutung neuer elektronischer Kommunikationsmedien. Unsere These ist, daß deren Diffusion und Nutzung maßgeblich durch sozialorganisatorische Rahmenbedingungen des Verwendungszusammenhangs bestimmt sind. Erstens wird gezeigt, daß der Zusammenhang zwischen technischer Innovation und sozialen Rahmenbedingungen in der einschlägigen Diskussion zumeist ausgeblendet wird, so daß man zu medienzentrierten - zuweilen gar technikdeterministischen - Deutungen neigt. Zweitens gehen wir deshalb auf soziale Rahmenbedingungen ein, die für Prozesse der Diffusion und Nutzung neuer elektronischer Kommunikationsmedien maßgeblich sind. Hierbei beschäftigen wir uns mit Tendenzen der sozialen Vernetzung, die sich insbesondere in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik abzeichnen. Für die gesellschaftspolitische Praxis im allgemeinen und für die Technikfolgenabschätzung im besonderen hat die Einsicht in die Relevanz der sozialen Rahmenbedingungen weitreichende Konsequenzen - gilt es doch, diese bei Fragen der Bewertung und Gestaltung verstärkt einzubeziehen.
1. Elektronische Netzwerke
Stärker als jede andere technische Innovation haben in den letzten Jahren die neuen elektronischen Medien sowohl innerhalb öffentlicher Diskurse als auch in wissenschaftlichen Kontexten für Aufsehen gesorgt. Durch die Kombination von Telekommunikation und Computertechnik sind neue Computernetze enstanden, die es ermöglichen, Botschaften nicht nur von unbegrenzt vielen Teilnehmern zu empfangen, sondern auch an ebenso viele zu verschicken. Die Nutzer des neuen Mediums erhalten die Möglichkeit, trotz räumlicher und zeitlicher Trennung so miteinander zu kommunizieren, als ob sie sich in einem Dialog befänden. Vor allem das Internet mit seiner Fülle an Kommunikationsdiensten hat in den letzten Jahre zu teilweise abenteuerlich wirkenden Spekulationen über bevorstehende bzw. bereits in Gang befindliche Umbrüche in der Gesellschaft Anlaß gegeben. Die Erwartungen reichen hier von der Entstehung "virtueller Gemeinschaften" über die Bildung "elektronischer Gegenöffentlichkeiten" bis hin zur "digitalen Demokratie" (vgl. z.B. Bollmann/Heibach 1996).
Dabei wird vor allem die auffallende Vielfalt und der ständige Wandel der Nutzungsformen elektronischer Netze hervorgehoben, die ihre Bezeichnung als "Hybridmedien" (Höflich 1996) zu rechtfertigen scheinen. Online-Medien bieten nicht nur die Möglichkeit zum interpersonalen Dialog oder ein Forum für Diskussionen zwischen räumlich getrennten Teilnehmern. Sie lassen sich ebenso im Sinne der Massenmedien als klassisches Verteilmedium nutzen. Es scheint so zu sein, als ob im "elektronisch mediatisierten Kommunikationsraum ... sich die Kommunikationspartner Mensch, Computer oder massenmedial ausgerichtetes Produkt ununterscheidbar vermischen" (Krotz 1995:447). Auffallend ist ferner der prognostizierte gesellschaftsweite Einsatz elektronischer Kommunikationsformen. Der Wirtschaft werden unermeßliche Märkte vorausgesagt, ihre "Virtualisierung" werde die normativen Fundamente der Nationalstaaten untergraben; für die Politik werden verbesserte Partizipationsverhältnisse und mehr Informationsmöglichkeiten in Aussicht gestellt; dem privaten Nutzer werden neue Freiheiten im Umgang mit den Medien versprochen. Im Hinblick auf das Mediensystem selbst wird erwartet, daß durch elektronische Vernetzungen die Macht großer Medienkonzerne schwinden wird. Die Kommunikation bei Online-Medien ist direkter und "authentischer" als bei herkömmlichen Massenmedien mit technischer Unterbrechung zwischen Sender und Empfänger, da weder Personen noch Organisationen sich in die Interaktionen zwischen den Netzteilnehmern einmischen. Die Kommunikationsverhältnisse einer Gesellschaft mit Online-Medien als Leitmedien werden deshalb insgesamt als bürgernäher und demokratischer eingeschätzt als massenmedial geprägte Gesellschaften (vgl. Grossman 1995).
Was jedoch auch auffällt, ist, daß sich ein Großteil dieser Spekulationen und Szenarien - egal, ob nun eher in einem optimistischen oder pessimistischen Grundton - in einem von vorgegebenen gesellschaftlichen Kräften befreit gedachten Raum entfalten. Die Frage, welche wirtschaftlichen, politischen oder soziokulturellen Rahmenbedingungen die mögliche Variabilität der neuen Medien entweder zur Entfaltung bringen oder möglicherweise einschränken könnten, wird häufig erst gar nicht gestellt. Es wird der Eindruck erweckt, als gäbe es bei der bevorstehenden Medienrevolution nur Gewinner, die Gesellschaft befände sich daher gleichsam "im Wartezustand" und könne gar nicht anders, als sich der neuen Kommunikationsmöglichkeiten anzunehmen, wobei jegliches Festhalten an alten Medien und tradierten Formen der Information und Kommunikation als regressiv oder sozialromantisch abgewertet wird. Dazu paßt auch das Bild einer vom digitalen Sturm förmlich hinweggefegten Gesellschaftsstruktur, so wenn beispielsweise von Vernetzungsprozessen in der Ökonomie auf eine Entmachtung der Nationalstaaten geschlossen wird. Medienwandel wird hier unter der Hand zum sozialen Wandel, dessen Richtung durch die Nutzungspotentiale der Medien vorgegeben wird. Wie wichtig jedoch vorgegebene Strukturen sind, zeigt sich bereits daran, welch bedeutende Rolle die alten Massenmedien bei der Diffusion der neuen Datennetze als Anbieter, Verwender und Verkünder spielen.
Mittlerweile hat sich der Begriffsnebel vieler Spekulationen und Projektionen aufgelöst und es wird deutlich, daß eine Beantwortung der Frage nach den gesellschaftlichen Folgen der neuen Medien die Klärung des Verhältnisses zwischen Medien und sozialen Strukturen zur Voraussetzung hat. So hat man beispielsweise erkannt, daß die in der allgemeinen Medieneuphorie stets als Hemmschuh traktierten traditionellen Massenmedien im Vergleich zu den Kommunikationsdiensten des Internet nicht nur einer Informationsüberflutung aufgrund eingespielter Selektionskriterien vorbeugen können, sondern durch eine Professionalisierung ihrer redaktionellen Systeme auch für eine qualitative Kontrolle und Glaubwürdigkeit ihrer Informationen sorgen (vgl. Wehner 1997). Erste vorsichtiger argumentierende Studien zum Einsatz computervermittelter Netzkommunikation verweisen denn auch nachdrücklich auf den Unterschied zwischen dem Vergesellschaftungspotential der neuen Medien und ihren durch die faktischen Machtverhältnisse der Gesellschaft bedingten tatsächlichen Einsatz (vgl. Bühl 1997). Dabei wird nicht bestritten, daß elektronische Netze insbesondere aufgrund ihrer Möglichkeiten interaktiver Kommunikationsmöglichkeiten die bisherigen medialen Optionen strukturell überbieten. Daraus jedoch auf die Richtung eines Wandels sozialer Strukturen schließen zu wollen, wäre ein folgenschwerer Fehler.
Nicht umsonst laufen die symbolischen Flankierungen der Medienrevolution auf Hochtouren - so wenn beispielsweise von staatlicher Seite aus Foren eingerichtet werden, in denen Vertreter aus allen Bereichen der Gesellschaft um Leitbilder und Konzepte für die Umsetzung der elektronischen Nutzungspotentiale ringen. Veranstaltungen dieser Art verdeutlichen bereits, daß, wie bei jeder medientechnischen Innovation, die Gefahr groß ist, daß sich in die Nutzungsprogramme neuer Medien etablierte Interessen und vorgängige Strukturen einschreiben und so die Ausschöpfung des gesamten Nutzungspotentials, vor allem jener Optionen, von denen eine Veränderung bestehender gesellschaftlicher Strukturen erwartet wird, verhindern. Inzwischen mehren sich denn auch die Stimmen solcher Beobachter, die einerseits die Chancen auf eine Veränderung der politischen Verhältnisse betonen, andererseits vor der Wahrscheinlichkeit einer Inbesitznahme der neuen Medien durch etablierte Akteure in der Politik und der Wirtschaft warnen. Deutlich wird, daß ein Medienwandel eine mehr oder weniger umfangreiche Reformierung gesellschaftlicher Strukturen und damit auch deren Politisierung zur Voraussetzung hätte. So wäre die von vielen geforderte "informationelle Grundversorgung" im digitalen Zeitalter nicht möglich ohne eine Reformierung eingespielter Informationsaustauschprozesse zwischen politischen Parteien und Bürgern oder zwischen Medien und Rezipienten (vgl. z.B. Kubicek 1996). Vor allem die bei den meisten Bürgern noch fehlenden Kompetenzen ("media literacy") für einen sinnvollen Umgang mit den neuen Medien verlangen entsprechende Angebote in den Bildungseinrichtungen. Das heißt, nicht nur dem Nutzer sind Lernprozesse und eine Veränderung seiner Mediengewohnheiten zuzumuten, auch Institutionen wie das Bildungssystem müssen sich den Herausforderungen einer institutionellen Erneuerung stellen, soll das Projekt der Informationsgesellschaft eine Realisierungschance haben. Hier deutet sich bereits an, wie unentbehrlich - wenigstens solange, wie keine Übernahme durch transnationale politische Einrichtungen erfolgt - nationalstaatliche Politik, die die Rahmenbedingungen für derartige Prozesse setzen muß, auch im Zeitalter globaler wirtschaftlicher Zusammenhänge sein wird.
So berechtigt solche Einschätzungen und Anregungen sein mögen, es stellt sich die Frage, ob nicht mit dieser Einstellung in ein weiteres, der mediendeterministischen Position diametral entgegengesetztes Extrem eines politischen Dezisionismus und Steuerungsoptimismus verfallen wird. Der neuen Medientechnik und ihren immanenten Anforderungen an die Nutzer wird hier zu wenig Beachtung geschenkt. Ebenso wird zu wenig das Wissen über die alten Medien berücksichtigt, um die Wirkungen der neuen Medien einzuschätzen (vgl. Hasse/Wehner 1997). Hinzu kommt, daß die Hartnäckigkeit solcher sozialen Strukturen unterschätzt wird, die auf die Diffusion der neuen Techniken unmittelbar einwirken.
2. Soziale Netzwerke
Geht man davon aus, daß auch die neuen elektronischen Netze ein in sozialer Hinsicht voraussetzungsreiches und folgenreiches Unternehmen darstellen, stellt sich die Frage, welche spezifischen sozialen Strukturentwicklungen ihre Diffusion und Nutzung bewirken, wie sie auf diese sozialen Rahmenbedingungen einwirken und welche Rückwirkung von hier auf die technologische Entwicklung zu erwarten sind, weil sie bestimmte Nutzungsformen nahelegen und andere unwahrscheinlich machen. Unsere Antwort lautet: Die neuen elektronischen Kommunikationsmedien stehen mit sozialen Netzwerken in einer Art Korrespondenzbeziehung; die Nutzung elektronischer Kommunikationsmedien ist insbesondere sinnvoll im Zusammenhang mit Prozessen der sozialen Vernetzung; neue elektronische Kommunikationsmedien haben das Potential, diesen Trend zur sozialen Vernetzung zu beschleunigen und auszuweiten. Wir wollen folgende Punkte vertiefen: Erstens werden soziale Netzwerke als allgemeines Muster gegenwärtiger Gesellschaftsstrukturen beschrieben, indem Vernetzungsprozesse in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik illustriert werden. Zweitens werden soziale Gründe erwähnt, die zu Tendenzen einer gesellschaftlichen Vernetzung führen. Drittens wird danach gefragt, welche Folgen soziale Netzwerkstrukturen für technische Innovationsverläufe haben.
ad 1) Der empirische Befund der Industrie- und Wirtschaftsforschung hinsichtlich solcher Wandlungsprozesse ist eindeutig: Es wird ein Trend hin zu einer Koordinationsform wirtschaftlicher Aktivitäten konstatiert, die weder dem Modell des Marktes noch dem der Hierarchie nahekommt (Powell 1997). Institutionelle Varianten, die auf einen derartigen Zwischentyp verweisen, bezeichnet man als Netzwerke. Ihr Kennzeichen ist die Reichhaltigkeit und Dichte kommunikativer Beziehungen, die weder eine Entsprechung seitens des Hierarchiemodells noch auf seiten des Marktmodells aufweisen. Netzwerke erfahren insbesondere im Zusammenhang mit Bedingungen globalen Wettbewerbs besondere Aufmerksamkeit. So hat der amerikanische Wirtschaftshistoriker Alfred D. Chandler (1990) aufgezeigt, daß im ausgehenden 20. Jahrhundert eine die Massenproduktion begründende "economy of scale" von einer "economy of scope" abgelöst wird. Diese ist dadurch gekennzeichnet, daß es darauf ankommt, ein für Netzwerke charakteristisches Beziehungsgeflecht weiträumigen und heterogenen Informationsaustausches aufzubauen.
Wissenschaftliche Forschung ist seit jeher ein vernetztes Unternehmen. Dies ist in der hohen Wertschätzung offener Kommunikation begründet. Gegenwärtige Tendenzen der sozialen Vernetzung beziehen sich vornehmlich auf transdisziplinäre Strukturen. So gilt es als Kennzeichen sog. post-akademischer Wissenschaft, daß disziplinäre Forschungszusammenhänge zunehmend aufgebrochen und durch vielfältige Formen der Forschungskooperation ersetzt werden (Gibbons 1994 et al.). Dies ist für zahlreiche Felder theorieorientierter Grundlagenforschung kennzeichnend, bezieht sich aber auch auf die Intensivierung von Praxisbezügen und vielfältigen Formen der Zusammenarbeit mit wissenschaftsexternen Partnern, die hierdurch einen Statuswechsel vom 'Störenfried' zum Klienten erfahren.
Moderne Politik ist zwischen verschiedenen Sektoren (etwa Wirtschafts- und Technologiepolitik) und zwischen verschiedenen Ebenen (insbesondere unter Bedingungen des Förderalismus und transnationaler Politik) verflochten. Politische Netzwerke beziehen sich darüber hinaus auf interorganisatorische Verhandlungssysteme, bei denen auch Experten und Betroffene einbezogen werden (Mayntz/Scharpf 1995). Dies gilt sowohl für legislativen Entscheidungsakten vorausgehende Phasen der Programmformulierung als auch für hieran anschließende Phasen der Implementation. Die Einbeziehung einer Vielzahl von Beteiligten (wissenschaftliche Experten, Interessenvertreter, Vertreter sozialer Bewegungen etc.) dient in diesem Zusammenhang der Beschaffung legitimatorischer und informatorischer Grundlagen einer handlungsfähigen Politik. Sie führt zu der Tendenz, daß staatliche Agenturen zunehmend Mediations- und Moderatorenfunktionen übernehmen, um verschiedene Einflüsse aufeinander abzustimmen.
Fassen wir zusammen: Trends zur sozialen Vernetzung sind eine umfassende, d.h. in zentralen Gesellschaftsbereichen zu beobachtende Strukturentwicklung. Sie stehen mit Innovationen auf dem Gebiet der Kommunikationstechnologien in einer wichtigen Wechselbeziehung. Gleichwohl ist es falsch, diese Entwicklung als Ergebnis der Einführung und Nutzung neuer Technologien zu interpretieren. Dagegen spricht allein die Tatsache, daß Netzwerke keine neuartige Erfindung sind. Es hat sie immer schon gegeben - in der akademischen Forschung, in regionalen Hersteller/Zulieferer-Beziehungen und in der korporatistischen Politik. Neu und somit erklärungsbedürftig ist lediglich die qualitative und quantitative Ausweitung sozialer Netzwerke, mit der wir uns nun beschäftigen wollen.
ad 2) Die qualitative und quantitative Ausweitung sozialer Netzwerke in wichtigen Gesellschaftsbereichen verdankt sich Umständen, die Sozialwissenschaftler mit den Stichworten "gestiegene Leistungserwartungen" und "wachsender Konkurrenzdruck" zusammenfassen. Sie betreffen die ressourcenförmigen und legitimatorischen Grundlagen wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und politisch-administrativer Einrichtungen.
Zusätzliche Leistungserwartungen bedrohen die Legitimität gesellschaftlicher Einrichtungen. Sie kommen insbesondere darin zum Ausdruck, daß eingeübte Selbstverständnisse und Spezialisierungen gesellschaftlicher Einrichtungen kritisch hinterfragt werden. Eine ausschließliche Konzentration von Wirtschaftsunternehmen auf ökonomischen Erfolg mag beispielsweise zu sozialpolitischer oder ökologischer Kritik führen (vgl. Hasse/Japp 1997). Sie kann, wie das Beispiel von Shell und Greenpeace im Zusammenhang mit Brent Spar und neueren Gedankenexperimenten zur ökologisch motivierten Erhöhung des Benzinpreises demonstriert, die Unternehmen zu besonderen Rücksichtnahmen und Formen eines überraschenden Informations- und Meinungsaustauschs veranlassen. Auf ähnliche Weise kann die rücksichtslose Verfolgung nationalstaatlicher Interessen, wie das Beispiel der US-amerikanischen Klimapolitik belegt, massive Kritik nach sich ziehen - nicht nur von seiten anderer Regierungen, sondern auch durch nicht-staatliche Organisationen im eigenen Land. Auch in diesem Fall ist es aus Legitimationsgründen wichtig, entsprechende Vertreter frühzeitig einzubeziehen und sich mit ihren Standpunkten auseinanderzusetzen. Zusätzliche Leistungserwartungen betreffen auch die wissenschaftliche Forschung nachdrücklich. Hierzu zählt beispielsweise die Tendenz, Fragen der technischen Umsetzbarkeit sowie Nutzungs- und Risikopotentiale bereits frühzeitig zu berücksichtigen. Diese Tendenz führt beispielsweise auf dem Gebiet der gentechnischen Forschung zu gravierenden Veränderungen, indem einerseits bereits in der akademischen Grundlagenforschung die Kooperation mit Wirtschaftspartnern oder mit technologiepolitischen Entscheidungsträgern angestrebt wird, andererseits einer Auseindersetzung mit ökologischen, ethischen oder sozialen Implikationen kaum mehr ausgewichen werden kann. Auch hier ist es wichtig, frühzeitig den Kontakt zu Medienvertretern oder zu gesellschaftspolitisch engagierten Gruppierungen zu suchen. Zusätzliche Leistungserwartungen kennzeichnen insgesamt also alle der berücksichtigten Bereiche. Sie legen aus legitimatorischen Gründen neuartige Formen der Vernetzung nahe.
Wachsender Konkurrenzdruck gefährdet die Akquisition wichtiger Ressourcen. Er führt dazu, daß Nischenpositionen zunehmend verschwinden, so daß einem Wettbewerb um knappe Ressourcen kaum mehr ausgewichen werden kann. Im Bereich der Wirtschaft ist diese Entwicklung wesentlich in der Globalisierung von Märkten als Folge sinkender Transportkosten und des Abbaus von Handelsbarrieren begründet. Im Bereich der wissenschaftlich-technischen Forschung ist es die relative Verknappung von Forschungsmitteln, die den Konkurrenzdruck erhöht. So stehen gestiegenen Aufwendungen und dem enormen Wachstum dieses Bereiches keine entsprechenden Steigerungspotentiale seitens der Forschungsförderung gegenüber. Im Bereich der Politik ist die Einwerbung von Geldern anderen knappen Ressourcen, wie etwa Wählerstimmen, untergeordnet, so daß man das Argument durch Hinweise auf sinkende Mitgliederbeiträge oder anders begründete Engpässe der Parteienfinanzierung überstrapazieren würde. Statt dessen ist im Zusammenhang mit Prozessen der Konkurrenzverdichtung ein anderer Aspekt zentral, weil er Einrichtungen vergleichbaren Typs durch eine relativ neuartige Wettbewerbsform aufeinander bezieht: Gemeint ist die Tendenz, Entscheidungen über ressourcenförmige Unterstützungen zunehmend auf der Grundlage von Evaluierungen und rankings zu treffen oder zu begründen (vgl. Power 1997). Evaluierungen und rankings betreffen tendenziell alle Bereiche. Ihre zukünftige Bedeutung ist im Falle der Wissenschaft kaum zu überschätzen, sie beziehen Einrichtungen des gleichen Typs auch in der Wirtschaft kompetitiv aufeinander, indem sie beispielsweise die relative Leistungsfähigkeit von Banken und Versicherungen durchleuchten, und sie werden zunehmend als Instrument der Qualitätssicherung von Einrichtungen genutzt, die wie Schulen, Verwaltungen oder Krankenhäuser begrenzten Wettbewerbskräften ausgesetzt sind. Insgesamt lassen sich also in allen Bereichen Intensivierungen des Wettbewerbs um knappe Ressourcen beobachten. Diese legen Formen der Vernetzung nahe, durch die sich die eigene Leistungsfähigkeit abschätzen und verbessern läßt.
Man sieht: Es gibt andere Ursachen für Prozesse der sozialen Vernetzung als den neuer technologischer Innovationen. Diese stellen lediglich verbesserte Gelegenheiten bereit, dem Bedarf an sozialer Vernetzung gerecht zu werden. Technologische Innovationen mögen also die Ausweitung und Beschleunigung sozialen Wandels bewirken, begründen können sie ihn nicht. Umgekehrt haben die sozialen Strukturen des jeweiligen Verwendungszusammenhangs jedoch einen nachhaltigen Einfluß auf die Diffusion und Nutzungsweisen neuer Technologien. Wie wirkt sich also die Tendenz sozialer Vernetzung auf den Innovationsverlauf neuer elektronischer Kommunikationsmedien aus?
ad 3) Die Beiträge der Diffusionsforschung zur Netzwerkdiskussion reichen zurück bis in die 60er Jahre. So hat der Soziologe James Coleman bereits frühzeitig belegen können, daß der für Netzwerke charakteristische rege Informationsaustausch die Diffusion technischer Innovationen grundlegend beeinflußt (Coleman et al. 1966). Coleman interessierte sich für die Frage, was die Bereitschaft von praktizierenden Ärzten zur Verabreichung neuer Medikamente beeinflußt. Dabei verglich er zwei Gruppen von Medizinern: die eine unterhielt enge Bindungen, sie traf sich regelmäßig und tauschte neue Erfahrungen aus; die andere war kaum vernetzt, hier gab es wenig Informations- und Erfahrungsaustausch. In dieser zweiten Gruppe diffundierten medizinische Innovationen kontinuierlich, aber vergleichsweise langsam. In der ersten Gruppe hingegen, also unter Netzwerkbedingungen, nahm der Diffusionsverlauf die Form einer S-Kurve an. D.h. die Bereitschaft zur Verwendung neuer Arzneimittel war zunächst sehr zögerlich und viel langsamer als in der Vergleichsgruppe (Phase 1). Nachdem aber einige Ärzte positive Erfahrungen gemacht hatten, und nachdem sie diese Erfahrungen anderen Ärzten im Kommunikationsnetz mitgeteilt hatten, gab es eine zweite Phase, in der die Bereitschaft zur Verwendung der Arznei sprunghaft anstieg. Erst nachdem ein gewisser Sättigungsgrad erreicht war, ebbte der Diffusionsverlauf wieder ab (Phase 3).
Aus diesem klassischen Befund lassen sich zentrale Einsichten für das Verhältnis von Netzwerken und Innovationen ableiten. So ist zu vermuten, daß unter Bedingungen globaler Vernetzung sich ein Umgang mit technischen und sozialen Innovationen durchsetzt, der sich der Form der oben beschriebenen S-Kurve annähert. Das impliziert zum einen zurückhaltenden Umgang mit Innovationen, den man heutzutage als "Reformstau" erleben mag. Netzwerkstrukturen sind insofern innovationsfeindlich und strukturkonservativ, wie eine Vielzahl von Rücksichtnahmen erforderlich ist. Sie sind hervorragend geeignet, Innovationen im Hinblick auf ihre Verwendungskontexte auszurichten, entsprechende Erfahrungen in die Weiterentwicklung und Optimierung einzuspeisen und so dafür Sorge zu tragen, daß gegebene Bedürfnisse und Interessen berücksichtigt werden. In der Innovationsforschung spricht man hier jedoch von Pfadabhängigkeiten und sog. "lock in"-Effekten und bringt damit zum Ausdruck, daß sie, so nützlich diese Strukturen für Innovationen im Detail auch sind, dazu führen, grundlegende Alternativen - basale Innovationen - in ihren Entfaltungsmöglichkeiten zu behindern. Schließlich hat jede Innovation Gewinner und Verlierer; schließlich ist jede Innovation eine schöpferische Zerstörung, die sich gegen Widerstände durchsetzen muß.
Während die Einführung technischer und sozialer Innovationen, das Experimentieren der Pioniere, unter Netzwerkbedingungen als Nadelöhr bezeichnet werden kann, sind anschließende Diffusionsprozesse beschleunigt und weitreichend, sobald dieses Nadelöhr passiert ist. Bezogen auf neue elektronische Kommunikationsmedien wird dieser Sachverhalt noch einmal dadurch verstärkt, daß diese nur Sinn machen, wenn eine erforderliche "kritische Masse" erreicht ist; zur Kommunikation braucht man Partner (Rogers 1986). Andere Forschungstraditionen erklären denselben Sachverhalt mit Verweis auf die Legitimität jeweils etablierter Praktiken und Technologien, durch die Alternativen grundsätzlich in Frage gestellt sind. Sie betonen, daß es entscheidend ist, definitionsmächtige Zentren von einer Innovation zu überzeugen, damit diese sich durchsetzen kann (Strang/Meyer 1992). Wie dem auch sei, unter Bedingungen globaler Vernetzung tendieren einmal erfolgreich erprobte Innovationen dazu, rasch übernommen zu werden. So sehr man einen zurückhaltenden Umgang mit technischen und sozialen Innovationen auch beklagen mag, er ist unter diesen Diffusionsbedingungen im Hinblick auf mögliche Irrtümer und Risiken in gewisser Weise nahegelegt.
3. Folgerungen für die Politik
Es steht außer Frage, daß die politischen Bedingungen für Innovationen im allgemeinen und für Kommunikationsmedien im besonderen von herausragender Bedeutung sind. In den meisten modernen Industriestaaten hat staatliche Politik die Telefon- und Telekommunikationsdienste mit Hilfe dafür eigens eingerichteter Organisationen selbst betrieben, oder aber als Moderator die Entwicklung und Diffusion maßgeblich beeinflußt. Dies ist bei den neuen elektronischen Kommunikationsweisen nicht anders. Gleichwohl stellt sich die Frage, welche Impulse hierbei von der Politik ausgehen; welche Gestaltungspotentiale diesem Ausschnitt der Gesellschaft vorbehalten sind. "Sachpolitik" bedeutet in diesem Zusammenhang, daß sowohl bei der Programmformulierung als auch bei Aktivitäten, die eher der Implementation zuzuordnen sind, erheblicher Orientierungs- und Abstimmungsbedarf sowie zahlreiche Rücksichtnahmen erforderlich sind. Einzelne politische Entscheidungsträger sind in diesem Zusammenhang nur eine Richtgröße unter anderen; Vorgaben durch übergeordnete politische Rahmenbedingungen, durch wissenschaftliche Experten, durch das jeweils vorherrschende Meinungsklima oder durch Erwartungen derjenigen, die von politischen Entscheidungsprozessen betroffen sind, sind zu berücksichtigen. Dies alles sind Handlungsbedingungen, die unter den Stichworten Politikverflechtung und der sozialen Vernetzung der Politik ausführlich behandelt werden (vgl. Mayntz/Scharpf 1995). Sie sollten aus Gründen einer realistischen Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen politischen Handelns nicht vernachlässigt werden.
Neue Kommunikationsmedien sind zudem nicht nur politischer Verhandlungsgegenstand. Als technische Infrastruktur haben elektronische Netze darüber hinaus eine eminent wichtige Bedeutung für die Prozesse der Artikulation und Verbreitung politischer Inhalte. Die hiermit verbundenen hohen Erwartungen finden ihren Ausdruck in Modellen deliberativer bzw. partizipativer Demokratie. Im Internet wird die Möglichkeit einer bürgernahen Form der öffentlichen Meinung gesehen. Elektronische Netze sollen Wahlprozeduren und Abstimmungsverfahren vereinfachen und erleichtern, der Wähler soll mit Hilfe von e-mail Politikern der Parteien oder Mitgliedern der Verwaltungen direkt seine persönlichen Anliegen mitteilen können, soziale Bewegungen und andere politische Initiativen sollen ihre Aktionen auf elektronischem Wege koordinieren können, politische Interessensgruppen und Verbände gewinnen mit dem Internet ein neues Medium der Abstimmung und Koordination ihrer Aktivitäten.
Diese Erwartungen beziehen sich auf eine Erweiterung politischer Netze und sie stellen eine Verbesserung des Kommunikationsflusses in politischen Netzwerken in Aussicht. Inwiefern sich diese Erwartungen bestätigen werden, hängt aber, und das zu verdeutlichen ist ein zentrales Anliegen dieses Beitrages, von politischen Entwicklungen ab, die von veränderten kommunikationstechnischen Bedingungen bestenfalls unterstützt werden können. Allein auf medientechnische Innovationen zu setzen, hat sich gerade im Bereich des Experimentierens mit politischen Reformen zu oft als naiv erwiesen. So wurde beispielsweise von den ersten elektronischen Medien wie Bildschirmtext (Btx) oder Kabelfernsehen erwartet, daß sie die Informiertheit der Bürger verbessern und Verwaltungen transparenter gestalten würden. Untersuchungen der damaligen Pilotprojekte haben jedoch ergeben, daß überwiegend nur solche Nutzungsformen entwickelt wurden, die mit den bestehenden Kommunikationsstrukturen in den Behörden und deren Austauschbeziehungen zu den Bürgern vereinbar waren (vgl. Kubicek et al. 1997).
4. Implikationen für die Technikfolgenabschätzung (TA)
Folgt man der bisherigen Argumentation, läßt sich daraus die Empfehlung für die Technikfolgenforschung ableiten, sich stärker als dies in jüngster Zeit der Fall war auf die Analyse von Diffusions- und Aneignungsprozessen einzulassen. Für die TA bedeutet dies, die Untersuchung einzelner Techniken bzw. einzelner Hersteller-/Anwenderkontexte um die Analyse übergeordneter Strukturzusammenhänge des Diffusionskontextes zu ergänzen. Auch für Fragen der Bewertung ergeben sich hieraus wichtige Anregungen, gilt es doch, zusätzlich zur Technik auch die sozialstrukturellen Kontexte und die hier zugrundeliegenden Orientierungen in die Bewertung einzubeziehen. So wichtig soziale Netzwerkstrukturen für eine reibungsarme Diffusion und für eine Rückführung von Praxiserfahrungen in die Technikentwicklung auch sein mögen, sie sind aus dieser Perspektive mit zwei entscheidenden Nachteilen verbunden:
(1) Unter Bedingungen sozialer Vernetzung ist der Erfolg technischer Innovationen vom Fortbestand der Netzwerke abhängig, in die diese Innovationen diffundieren. Dies ist insofern problematisch, weil sich Netzwerke wie andere Strukturvarianten auch ändern können; sie können sogar kollabieren oder mit anderen Strukturkontexten verschmelzen. Sobald derartige Wandlungsprozesse unvorhergesehen und abrupt einsetzen, können Technikentwickler wie Anwender von neuartigen Strukturbedingungen überrascht werden. Bisherige Technisierungspfade sind dann möglicherweise mit diesen neuartigen Strukturbedingungen nur schwer in Einklang zu bringen. Die Notwendigkeit einer Anpassung technischer Innovationen an bestehende Verwendungskontexte birgt somit das Risiko verminderter Anpassungsfähigkeit, die unter Bedingungen plötzlichen Wandels ein wichtiges Qualitätskriterium darstellt.
(2) Die von Coleman et al. beschriebenen, für soziale Netzwerke charakteristischen S-förmigen Diffusionsverläufe engen den Variationspool neuer Technologien ein, weil kaum mehr Varianten hinreichend ausprobiert werden als diejenigen, die dann umfassend diffundieren. Unter Bedingungen sozialer Vernetzung werden eher Verbesserungsmöglichkeiten vorgegebener Basistechniken angestrebt, als daß technologische Neuanfänge gesucht werden. Die Folge ist eine Ignoranz gegenüber alternativen technischen Lösungen.
Aus Sicht der TA ist es also eine entscheidende Frage, ob und wie die Anpassungsfähigkeit gesteigert und der Pool technischer Varianten erweitert werden können. Die naheliegende Idee einer Entflechtung bestehender Netzwerke kommt nicht in Betracht. Aus Gründen der Wettbewerbsintensivierung, gesteigerter Legitimationsanforderungen und eines damit einhergehenden Bedarfs an Beobachtungs- und Vergleichsmöglichkeiten sind soziale Vernetzungen unverzichtbar. Es ist deshalb aussichtsreicher, Tendenzen der Vernetzung aktiv zu unterstützen, hierbei aber auf Heterogenität zu achten. Durch diese Ausweitung sozialer Netzwerke auf heterogene Akteure und durch die Zusammenführung verschiedener Informationskanäle läßt sich die Aufmerksamkeit für konkurrierende Nutzungsvarianten und damit der Variantenreichtum sowie die Anpassungsfähigkeit einer Technik insgesamt steigern. Das Ziel liegt also auf der Hand: Es geht darum, die Risikobereitschaft und Experimentierfreudigkeit im Umgang mit neuen Techniken anzuregen und Räume für heterogene Gestaltungsweisen unter Bedingungen wechselseitigen Beobachtens offen zu halten.
Von ihrem technologischen Potential her betrachtet, können neue elektronische Kommunikationsmedien zu derartigen Innovationsbedingungen beitragen: Durch die Nutzung von Online-Medien ergeben sich Zugriffsmöglichkeiten auf weltweit verstreute Informationen, für die es keine formalen Zugangsbeschränkungen gibt. Darüber hinaus eröffnen sie ungewöhnliche Möglichkeiten des Austauschs von Daten, Erfahrungen und Meinungen unterschiedlicher Akteure. Das technologische Potential neuer elektronischer Kommunikationsmedien ist aber ebenfalls geeignet, das Gegenteil zu bewirken. Das heißt, solange vorgängige Prozesse einer Heterogenisierung sozialer Netzwerkstrukturen ausbleiben, spricht vieles dafür, daß die neuen Medien vornehmlich für die Kommunikation zwischen Teilnehmern mit vergleichbaren Erfahrungen und Orientierungen genutzt werden und so zu einer weiteren Stabilisierung ohnehin bestehender Homogenisierungstendenzen sozialer Netzwerke beitragen. Um diese Entwicklung zu verhindern, kommt es darauf an, die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit neuartigen Ideen und Fremderfahrungen in Kontexten der Diffusion und Aneignung technologischer Innovationen zu stimulieren. Die Erarbeitung hierfür erforderlicher Strategien identifizieren wir deshalb als eine wichtige Herausforderung einer praxisorientierten TA.
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Kontakt
Dr. Raimund Hasse
Rheinisch-Westfälische Technische
Hochschule Aachen
Institut für Soziologie
D-52056 Aachen
Tel.: + 49 (0) 241/806096
Fax: + 49 (0) 241/8888 160
E-mail: Umwelt@Soziologie.RWTH-Aachen. de
Dr. Josef Wehner
GMD-Forschungszentrum
Informationstechnik
Schloß Birlinghoven
D-53754 Sankt Augustin
Tel.: + 49 (0) 2241/142559
Fax: + 49 (0) 2241/142072
E-mail: wehner@gmd.de
1. Einleitung
Die Rahmenbedingungen wirtschaftlichen Handelns haben sich für Unternehmen im letzten Jahrzehnt dramatisch verändert. In diesem Zusammenhang werden verschiedene sogenannte "Megatrends", wie die breite Diffusion neuer Informations- und Kommunikationstechnologien, eine allmähliche Überalterung der Bevölkerung, eine vermehrte Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt, eine stärkere Ökologisierung der Wirtschaft und nicht zuletzt eine zunehmende Globalisierung der Märkte als zentrale Charakteristika eines tiefgreifenden wirtschaftlichen Wandels hervorgehoben. Von diesen Megatrends scheint gegenwärtig vor allem die Globalisierung der Märkte das Wirtschaftsgeschehen entscheidend zu beeinflussen. Das Aufgehen nationaler Märkte in einen grenzenlosen, globalen Markt hat zur Folge, daß nationale Monopole und Oligopole gebrochen werden. Auf ihren heimischen Märkten sehen sich Unternehmen verstärkt internationaler Konkurrenz ausgesetzt; umgekehrt streben sie selbst eine globale Marktstellung an.
Mit einer zunehmenden Globalisierung der Märkte verschärft sich nicht nur der Kosten- und Preiswettbewerb, vielmehr gewinnen andere Kriterien wie Qualität, Zeit, technische Funktionalität und Kundenbetreuung als Wettbewerbskriterien an Bedeutung. Diese Kriterien müssen allerdings eher als Eintrittsbarrieren in den globalen Markt verstanden werden, denn heute muß jedes weltweit agierende Unternehmen in der Lage sein, ein anforderungsgerechtes Qualitätsprodukt zu niedrigen Kosten zu produzieren, zu einem ansprechenden Preis auf den Markt zu bringen und Bestellungen zeitgerecht auszuliefern. Zum entscheidenden Erfolgs- und Selektionskriterium in der globalen Ökonomie wird die Fähigkeit von Unternehmen, frühzeitig mit neuen Produkten auf dem Markt zu sein, zumal sich die Lebenszyklen von Produkten in verschiedenen Bereichen ständig verringern. Innovationsfähigkeit und -dynamik wird somit zum entscheidenden Faktor im globalen Wettbewerb.
2. Die Globalisierungsthese auf dem Prüfstand
Der Begriff Globalisierung ist recht schillernd; in der Literatur erfolgt selten eine präzise Definition. Aus ökonomischer Sicht findet der Begriff Verwendung, um etwas über die Natur des Kapitalismus in seinem gegenwärtigen Stadium auszusagen. Globalisierung im engeren Sinne geht über die Tatsache grenzüberschreitender Wirtschaftsaktivitäten in Form von Handel, Direktinvestitionen und Finanztransaktionen hinaus. Erst wenn die nationalen Ökonomien von Prozessen und Transaktionen bestimmt werden, die unmittelbar auf internationaler Ebene entstehen und ablaufen, können wir von wirtschaftlicher Globalisierung sprechen. Eine globale Ökonomie, so auch die Definition von Castells, ist eine Ökonomie, die unmittelbar als eine Einheit weltweit funktioniert (Castells 1996).
Streng genommen ist Globalisierung also dann nicht gegeben, wenn wirtschaftliche Prozesse in nationalen Zusammenhängen verankert bleiben. Hirst und Thompson sprechen von Globalisierung, wenn auch hoch industrialisierte Länder unkontrollierbaren transnationalen Kräften ausgesetzt sind (1992, 1996). Aus einer Unternehmensperspektive heraus meint Globalisierung die weltweite Ausdehnung zentraler Funktionen wie Produktion, Forschung und Entwicklung, Finanzierung, Beschaffung oder Marketing (Howells/Wood 1991). Unternehmen konkurrieren auf wirklich globaler Ebene miteinander, wenn sie alle Vorteile nutzen, die sich aus einem weltumspannenden Netzwerk von Produktions-, Dienstleistungs- und Verwaltungseinheiten ergeben.
Es gibt allerdings durchaus Zweifel, ob der Begriff der Globalisierung eine angemessene Beschreibung des gegenwärtigen Verflechtungsgrades wirtschaftlicher Aktivitäten gibt. Kritiker der These einer sich entwikkelnden globalen Ökonomie verweisen auf die Tatsache, daß der Prozeß zunehmender wirtschaftlicher Verflechtung, wenn überhaupt, nur auf die sog. Triade, bestehend aus Südostasien, Europa und Nordamerika, beschränkt ist. Und geht man auf die Verflechtungen zwischen den drei Wirtschaftsblöcken näher ein, so zeigt sich, daß nur zwischen Europa und den USA ein relativ ausgewogenes Austauschverhältnis besteht, beide Ökonomien sind stark wechselseitig miteinander verflochten. Anders verhält es sich mit Japan; dieses Land hat in erheblichem Umfange im Ausland investiert, ausländische Direktinvestitionen in Japan sind allerdings noch recht selten (Ohmae 1995). Generell kann man festhalten, daß die wirtschaftlichen Verflechtungen vor allem innerhalb der drei Wirtschaftsblöcke stark zunehmen, während im Vergleich dazu das Ausmaß des Handels und der Direktinvestitionen zwischen den Blöcken eher gering ist.
Gehen wir auf die Unternehmensebene ein, so zeigt sich, daß die Globalisierungstendenz auf einzelne Branchen beschränkt ist. Es sind vor allem die Automobilindustrie und die Unterhaltungselektronik, in denen eine weltumspannende Organisation betrieblicher Funktionen stattfindet und globale Produktionsnetzwerke entstehen (Dicken 1992). In anderen Industriezweigen ist eine globale Organisation von Produktionsprozessen eher selten zu finden. Ähnlich sieht es im Dienstleistungssektor aus; hier haben vor allem Banken und Versicherungen Schritte unternommen, um sich zu "global players" zu entwickeln.
Diese Hinweise lassen es zweckmäßig erscheinen, den Begriff der Globalisierung mit äußerster Vorsicht zu verwenden. Weder auf der Markt- noch auf der Unternehmensebene haben wir es bisher in größerem Ausmaße mit wirklich weltumspannenden Prozessen der wirtschaftlichen Integration zu tun. Dennoch ist es nicht gerechtfertigt, wie Ruigrok und Van Tulder (1995) dies tun, von Globalisierung als einem reinen Mythos zu sprechen (vgl. auch Howells/Wood 1991). Man kann durchaus von einem Prozeß eines allmählichen Zusammenwachsens, zumindest der zentralen Weltmärkte, sprechen. Zunehmend wird das Schicksal der Bevölkerung einzelner Industriestaaten von transnationalen Prozessen und Ereignissen, wie etwa den Produktions- und Marktstrategien transnationaler Konzerne bestimmt. Ebenso sind viele Unternehmen, aufgrund wachsender Auslandsinvestitionen, auf dem Wege, sich zu "global players" zu entwickeln.
3. Das Konzept des Innovationssystems
Der Innovationsbegriff findet im Bereich der Analyse des technischen Wandels Anwendung. Traditionell werden drei aufeinanderfolgende Phasen des technischen Wandels unterschieden: Invention, Innovation und Diffusion. Invention charakterisiert die Phase der Produktion neuen Wissens, Innovation meint die Phase der ersten betrieblichen Anwendung neuen Wissens, und Diffusion hat die breite Anwendung neuer Technologien zum Inhalt.
Das hier beschriebene Modell kann als "Kaskadenmodell" charakterisiert werden; es basiert auf der Annahme, daß der technische Wandel und damit letztendlich auch die soziale Wohlfahrt eines Territoriums entscheidend von dem Aufwand an Ressourcen für die Produktion neuen Wissens abhängt. Je mehr neues Wissen produziert wird, um so mehr Innovationen werden durch die Betriebe erzeugt und um so stärker fällt, mit zunehmender Diffusion der technischen Neuerungen, das wirtschaftliche Wachstum aus, das seinerseits wiederum die soziale Wohlfahrt mehrt.
Dieses "Kaskadenmodell" ist vielfach kritisiert worden (Schienstock 1994a, Lundvall 1992). Zunächst besteht kein unmittelbarer Zusammenhang zwischen Forschungsaufwand und der Produktion neuen Wissens. Es steht zwar außer Frage, daß mit einer Zunahme neuen Wissens das verfügbare Innovationspotential erhöht wird, aber es läßt sich keineswegs von einer automatischen Nutzung des neuen Wissens und seiner erfolgreichen Umsetzung in neue Produkt- und Prozeßtechnologien ausgehen. Schließlich können vielfältige Barrieren die breite Diffusion dieser Innovationen verhindern. Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß der technische Wandel weder einer linearen Logik entsprechend verläuft, noch daß es überhaupt möglich ist, die verschiedenen Phasen des technischen Wandels genau gegeneinander abzugrenzen. Stattdessen müssen wir davon ausgehen, daß bestimmte innovative Aktivitäten zugleich Ursachen und Resultat wie auch Voraussetzungen und Folgen sein können.
Ein weiterer Kritikpunkt verweist auf die Tatsache, daß technologischer Wandel in bestimmte gesellschaftliche Strukturen eingebettet und somit sozial beeinflußbar ist. Es gibt keine inhärente Logik der technischen Entwicklung, diese muß vielmehr als sozial endogen begriffen werden. Insbesondere dem Marktgeschehen wird ein erheblicher Einfluß auf die technologische Entwicklung eingeräumt. Allerdings hat sich die traditionelle Auseinandersetzung zwischen Anhängern eines "technological/scientific push"- und solchen eines "demand pull"-Ansatzes inzwischen überlebt. Es besteht vielmehr Übereinstimmung darüber, daß es zweckmäßiger ist, die Zusammenhänge zwischen beiden Faktoren zu untersuchen, als sich um Prioritäten zu streiten (Nelson und Winter 1977).
Schließlich hat Lundvall darauf verwiesen, daß Innovationen keineswegs immer aussergewöhnliche Ereignisse darstellen, die - wie es noch die Auffassung Schumpeters war - der besonderen Leistung einer herausragenden Persönlichkeit bedürfen. Vielmehr, so argumentiert Lundvall (1992), können Innovationen überall in der Wirtschaft stattfinden; sie stellen insofern ein ubiquitäres Phenomen dar. Es gibt deshalb auch keinen Grund, Innovationen nur mit größeren technologischen Umwälzungen zu assoziieren, vielmehr müssen inkrementale Veränderungen auch als Innovationen verstanden werden.
Bei einem derart weiten Begriffsverständnis erscheint es zweckmäßig, das Augenmerk auf Prozesse des Lernens zu richten, durch welche neues Wissen und neue Technologien produziert, verbreitet und in Gebrauch genommen werden. In diesem Zusammenhang ist es zweckmäßig, zwischen verschiedenen Prozessen des Lernens zu unterscheiden: Lernen im engeren Sinne, Suchen und Erkunden. Lernen im engeren Sinne findet direkt im Produktionsprozeß statt, wir können deshalb auch von "learning by producing" sprechen, wobei "learning by doing", "learning by using" und "learning by interacting" als unterschiedliche Formen des Lernens in Produktionsprozessen angesehen werden können (Johnson 1992).
"Searching" und "exploring", wie die entsprechenden englischen Termini heißen, stellen komplexere Lernprozesse dar. Sie finden nicht innerhalb des Produktionsprozesses selbst, sondern in spezialisierten Einrichtungen statt. Suchen kann dabei als ein Prozeß bewußten Auswählens unter den gegebenen Wissensbeständen und deren Rekombination mit dem Ziel, neue Produkt- und Prozeßtechnologien hervorzubringen, verstanden werden. Erkunden schließt dagegen die Produktion neuen Wissens, das nicht unmittelbar in neue Produkte oder Prozesse umgewandelt werden kann, mit ein. Innovationssysteme lassen sich durch die hier genannten verschiedenen Formen des Lernens näher charakterisieren.
Neben dem Innovationsbegriff gilt es auch, auf den Systembegriff näher einzugehen. Unternehmen sind zweifelsohne die entscheidenden Akteure in einem regionalen Innovationssystem. Sie entwickeln neue Produkte und führen neue Prozeßtechnologien ein, sie sind ständig auf der Suche nach neuen Ideen und neuem, anwendungsfähigem Wissen. Sie müssen lernen, wie sie ihren Produktionsprozeß und ihre Produkte verbessern können, sie müssen das erforderliche Risikokapital für neue Entwicklungen ausfindig machen, sie müssen sich an neue Gesetzesregelungen anpassen und neue Märkte finden, auf denen sie ihre Produkte absetzen können. Nicht zuletzt müssen sie ihre Belegschaft auf dem neuesten Stand des Wissens halten, um in der Innovationskonkurrenz bestehen zu können.
Die Komplexität betrieblicher Innovationsprozesse läßt es kaum zu, daß Unternehmen Innovationen mehr oder weniger isoliert durchführen, sie müssen vielmehr mit anderen Organisationen interagieren und kooperieren, um an neues Wissen zu gelangen, dieses zu entwickeln oder untereinander auszutauschen. Partner einer solchen Kooperation können Kunden oder Zulieferer, manchmal sogar Wettbewerber sein. Darüber hinaus kooperieren Unternehmen aber auch mit Universitäten, Einrichtungen des Technologietransfers, staatlichen und privaten Forschungsinstituten, Investmentbanken und Instituten der Risikokapitalversorgung, Beratungsfirmen, Aus- und Weiterbildungsinstituten, Wirtschaftsverbänden und Gewerkschaften sowie lokalen und regionalen Regierungs- und Verwaltungsstellen.
Auf der Basis des Austausches von Wissen, Informationen und anderen Ressourcen entwickeln Unternehmen enge und langfristige Kooperationsbeziehungen mit anderen wirtschaftlichen Akteuren einer Region, der Erfolg ihrer Innovationsaktivitäten hängt in zunehmendem Maße von der Unterstützung dieser Organisationen ab. Es ist deshalb oft wenig sinnvoll, Unternehmen als isolierte Entscheidungsträger im Innovationsprozeß zu betrachten, stattdessen ist es angebracht, Unternehmen eingebettet in innovative Netzwerke zu untersuchen.
Unternehmen kooperieren im Innovationsprozeß nicht nur mit verschiedenen Organisationen, sie sind auch in ein institutionelles Gefüge eingebunden. Unter Institutionen können Gesetze und Verordnungen, soziale Praktiken, kulturelle Normen, technische Standards und sonstige Regulierungen verschiedendster Art verstanden werden, die Barrieren und/oder Anreize für innovatives Handeln darstellen. Die Akteure eines solchen Netzwerkes kooperierender Organisationen, die zwischen ihnen bestehenden materiellen und immateriellen Austauschprozesse sowie das institutionelle Umfeld, alle diese Elemente zusammen bilden ein Innovationssystem, ein System der Entwicklung, Anwendung und Verbreitung von Wissen durch verschiedene Lernprozesse.
Man mag der Annahme zuneigen, daß ein Innovationssystem nur dann existiert, wenn starke Bindungen zwischen den Akteuren bestehen. Von solchen starken Bindungen kann man sprechen, wenn intensive und insbesondere ausschließliche Beziehungen zwischen den Akteuren bestehen. Allerdings ist mit solchen Bindungen die Gefahr sogenannter "lock ins" verbunden (Johnson 1992, Grabher 1993). Wir können von "lock ins" dann sprechen, wenn sich ein bestimmter wirtschaftlicher Entwicklungspfad in einer Region weitgehend erschöpft hat, was etwa in einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit, einem stagnierenden oder rückläufigen Wachstum und ansteigenden Arbeitslosenzahlen zum Ausdruck kommt. Es entstehen gravierende wirtschaftliche Probleme, ohne daß die relevanten Akteure rechtzeitig darauf reagieren.
Derartige Schließungen können ihrer Natur nach struktureller, politischer oder kognitiver Art sein. Von einem "strukturellen lock in" kann man sprechen, wenn die verfügbaren Ressourcen einer regionalen Ökonomie auf ein einziges Produktions- und Innovationscluster oder auf wenige Industriezweige verteilt sind, so daß jede Form industrieller Diversifizierung mehr oder weniger ausgeschlossen ist, und wenn darüber hinaus auch die unterstützenden Organisationen sowie die Institutionenlandschaft dieser industriellen Struktur angepaßt sind. Ein "politisches lock in" ist dann gegeben, wenn festgefügte Machtstrukturen in einem regionalen Wirtschaftsraum bestehen, so daß die zentralen Wirtschaftsakteure, häufig wird auch von der dominierenden Machtkoalition gesprochen, jede Form wirtschaftlichen Wandels kontrollieren und eventuell blockieren können. Von einem "kognitiven lock in" ist dann die Rede, wenn wirtschaftliche Akteure in einer Region, möglicherweise aufgrund vorangegangener Erfolge, an einer Koordinations- und Steuerungsstruktur festhalten, auch wenn diese aufgrund veränderter Rahmenbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit der betreffenden Region entscheidend schwächt (Schienstock 1997).
Das Auftreten derartiger "lock ins" läßt es zweckmäßig erscheinen, den Systembegriff nicht mit der Existenz fester, d.h. intensiver und ausschließlicher Bindungen zwischen den wirtschaftlichen Akteuren gleichzusetzen. Vielmehr wollen wir hier auf das Konzept lernender Systeme zurückgreifen und als für Innovationssysteme charakteristisch die gemeinsame Lern- und Anpassungsfähigkeit regionaler Wirtschaftsakteure im Sinne einer gesteigerten Wettbewerbsfähigkeit ansehen. Damit wird aber zugleich auf die Fähigkeit des Verlernens (Johnson 1992) bzw. der Lokkerung oder der Auflösung bestehender fester Bindungen und eine kontinuierliche Neuformierung kooperativer Netzwerke als zentrales Moment eines Innovationssystems verwiesen.
4. Das Problem der Evaluierung regionaler Innovationssysteme
Im folgenden findet das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit zur Evaluierung regionaler Innovationssysteme Anwendung (vgl. auch Castells 1996). Bisher konzentrierte sich die Evaluationsforschung im Bereich von Wissenschaft und Technologie auf einzelne politische Maßnahmen, die in ihrer Reichweite eher begrenzt und auf ein spezifisches Ziel gerichtet waren. Versuche einer Evaluierung von komplexen Systemen sind dagegen kaum unternommen worden.
Das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit zur Evaluierung von regionalen Innovationssystemen heranzuziehen ist eher ungewöhnlich, da dieses Konzept vor allem auf der Unternehmensebene Anwendung findet. Man kann durchaus einwenden, daß Regionen nicht, wie Unternehmen, auf einem Markt im Wettbewerb untereinander stehen. Allerdings muß damit nicht der Gedanke eines regionalen Wettbewerbs aufgegeben werden, denn Regionen konkurrieren durchaus als potentielle Standorte von Unternehmen miteinander.
4.1 Die einzelbetriebliche Wettbewerbsfähigkeit
Wir wollen zunächst auf die Frage der Evaluierung von Wettbewerbsfähigkeit auf der betrieblichen Ebene eingehen. Zwar ist regionale Wettbewerbsfähigkeit nicht mit jener der auf dem Territorium angesiedelten Betriebe gleichzusetzen, jedoch stehen beide in einer engen Beziehung zueinander. Danach wollen wir auf die regionale Ebene übergehen und schließlich versuchen, beide Ebenen über die Konzepte der strukturellen und prozessualen Wettbewerbsfähigkeit miteinander zu verbinden.
Globale Wettbewerbsfähigkeit auf einzelbetrieblicher Ebene wird häufig als Fähigkeit definiert, mit rivalisierenden Unternehmen schritthalten zu können (Ruigrok und Tulder 1995). Als Indikatoren finden der Marktanteil, die Investitionsrate oder auch die Verzinsung des eingesetzten Kapitals Verwendung. Im allgemeinen bewegen sich die Indikatoren in die gleiche Richtung, sie können temporär jedoch auch gegensätzlich verlaufen.
Diese Indikatoren, so eine oft geäußerte Kritik, lassen nicht die Ursachen, auf denen Wettbewerbsfähigkeit gründet, erkennen. Hier wird häufig die Höhe der Lohn- und Produktionskosten als entscheidendes Wettbewerbskriterium angeführt. Natürlich gilt es, in diesem Zusammenhang den Produktivitätsaspekt zu berücksichtigen und Stückkosten als Vergleichsmaßstab heranzuziehen. Weiterhin läßt sich kritisieren, daß Wettbewerbsfähigkeit nicht nur von Personal-, sondern auch von Kapital-, Material-, Energiekosten und den Kosten betrieblicher Vorleistungen abhängig ist; es sind also nicht die Arbeits-, sondern die gesamten Produktionskosten entscheidend.
Wie bereits eingangs erwähnt, stehen Unternehmen nicht allein in einem Kosten- bzw. Preis-, sondern auch in einem Qualitäts-, Zeit- und Innovationswettbewerb. Deshalb muß jedes eindimensionale Konzept betrieblicher Wettbewerbsfähigkeit als unzureichend angesehen werden; eine Operationalisierung von Wettbewerbsfähigkeit muß vielmehr die verschiedenen Dimensionen globaler Konkurrenz aufgreifen.
Die Faktoren, die bisher genannt wurden, können nicht Aspekte langfristiger Wettbewerbsfähigkeit erfassen. Wenn wir hieran interessiert sind, müssen wir, wie etwa Womack et al. dies tun (1991), auf Aspekte der Organisation und des Managements von Betrieben eingehen. Die genannten Autoren führen die Überlegenheit japanischer gegenüber europäischen Autoproduzenten auf Faktoren wie "simultaneous engineering", "total quality management", "continuous incremental improvement", "team work", "integration of the supply chain" und "cooperation", also Organisations- und Managementaspekte zurück. Allerdings scheinen Womack et al. von der Vorstellung eines "one best way" der Organisation, den sie als "Lean Production" kennzeichnen, überzeugt zu sein. Demgegenüber macht die neuere Literatur darauf aufmerksam, daß erfolgreiche Unternehmen sich durch die Fähigkeit einer effizienten Ausbeutung des regionalen Umfelds auszeichnen und dementsprechend unterschiedliche Management- und Organisationsstrategien anwenden.
4.2 Regionale Wettbewerbsfähigkeit
Die Wettbewerbsfähigkeit von regionalen oder nationalen Wirtschaftseinheiten wird oft anhand von Kriterien des Außenhandels und insbesondere der Exportrate gemessen. Wiederum läßt sich hier die Kritik einer Eindimensionalität anführen. Außerdem ist es kaum realistisch zu glauben, daß die Bevölkerung eines Wirtschaftsraumes in besonderer Weise daran interessiert ist, die von ihr produzierten Güter ins Ausland zu verkaufen. Eine breitere Definition von - hier allerdings nationaler Wettbewerbsfähigkeit - findet sich in einer OECD Publikation: "Competitiveness for a nation is the degree to which it can, under free and fair market conditions, produce goods and services that meet the test of international markets while simultaneously maintaining and expanding the real income of its citizens. Competitiveness is the basis for a nation's standard of living. It is also fundamental to the expansion of employment opportunities and a nation's ability to meet its international obligations." (OECD 1990: 9).
Diese Definition zeichnet sich insbesondere dadurch aus, daß sie auch sozio-politische Indikatoren wie das Einkommen der Bevölkerung oder ihre Ausstattung mit Konsumgütern einbezieht. Allerdings gilt es hier, Vorsicht walten zu lassen. Denn gerade die Qualität sozio-ökonomischer Indikatoren hängt vielfach von politischen Entscheidungen ab. Eine Regierung kann bspw. aus ökologischen Gründen auf eine Betriebsansiedlung verzichten, was sich natürlich negativ auf das Einkommen der Bevölkerung oder die Beschäftigtenrate auswirken kann.
In der Literatur wird häufig zwischen Kriterien der Wettbewerbsfähigkeit einerseits und langfristigen Standortfaktoren andererseits unterschieden. So verschiedenartige Aspekte wie technologisches Wissen, die Qualifikationsstruktur der Beschäftigten, sozialer Friede, Art und Umfang der Unternehmensbesteuerung, Flexibilität der Regelungen des Arbeitsverhältnisses, Verwaltungsstrukturen, geographische Lage, verkehrs- und informationstechnologische Infrastruktur oder auch das allgemeine Innovationsklima werden als Standortfaktoren angeführt. Dabei läßt sich die Liste der Standortfaktoren allerdings noch beliebig verlängern. Entscheidend ist es jedoch hervorzuheben, daß das Konzept der Standortfaktoren die Möglichkeit der Gestaltung regionaler Wettbewerbsfähigkeit hervorhebt.
4.3 Strukturelle und prozessuale Wettbewerbsfähigkeit
Bisher haben wir betriebliche und regionale Wettbewerbsfähigkeit isoliert betrachtet. Dabei lassen sich durchaus parallele Trends erkennen: (1) die Ersetzung kurzfristiger Output- durch langfristige Input-Faktoren, (2) die Ersetzung eindimensionaler durch mehrdimensionale Konzepte der Wettbewerbsfähigkeit, (3) die Konzentration auf in organisatorischen und institutionellen Strukturen enthaltene Potentiale des Überlebens und der ökonomischen Stärke und (4) die Aufgabe der Eindeutigkeit des Konzepts der Wettbewerbsfähigkeit zugunsten einer größeren Relevanz. Allerdings bestehen nach wie vor zwei zentrale Probleme: die Integration beider Ebenen sowie eine Dynamisierung des Konzepts.
Im Rahmen einer Studie zur Wettbewerbsfähigkeit des Maschinenbaus wurde das Konzept der "strukturellen Wettbewerbsfähigkeit" mit dem Ziel einer Integration der einzelbetrieblichen und territorialen Ebene entwickelt. Die Studie nennt die folgenden Aspekte als entscheidende Faktoren struktureller Wettbewerbsfähigkeit: "i) the successful management of production flows and raw material and component stocks; ii) the successful organization of effective interactive integration mechanisms between market planning, formal R&D cooperation, design, engineering and industrial manufacturing; iii) the capacity to blend inhouse R&D and innovation related activities with R&D cooperation with universities and other firms; iv) the capacity to incorporate closer definitions of demand characteristics and the evolution of markets into design and production strategies; v) the capacity to organise successful networking and joint venture with component and materials supplier firms upstream and with retailors downstream; vi) the steps taken by firms to enhance workers' and employees' skills through investment in vocational training; vii) the premium placed on quality, "zero fault" production and so on, greater degrees of worker responsibility in production" (Sciberras, Payne 1985).
Hinter diesem Konzept der strukturellen Wettbewerbsfähigkeit, das im übrigen in ähnlicher Form von Autoren des "industrial district" Ansatzes formuliert wird (Sabel et al. 1987, Pyke und Sengenberger 1994), steckt die Annahme, daß erfolgreiche wie erfolglose Strategien von Unternehmen durch das organisatorische und institutionelle Umfeld geprägt werden und daß durch Reproduktion im Falle des Erfolges bzw. Abänderung im Falle des Mißerfolges dieser Strategien das Umfeld in seiner Struktur stabilisiert bzw. selbst einem Änderungsdruck ausgesetzt ist.
Wenn auch mit dem Aspekt der Anpassung bzw Reproduktion regionaler Strukturen durch Unternehmensstrategien in gewisser Weise ein dynamischer Aspekt Eingang in das Konzept der Wettbewerbsfähigkeit findet, kann diese Lösung nicht wirklich befriedigen. Sie läßt unberücksichtigt, daß das regionale Umfeld von Unternehmen selbst aus Organisationen besteht. Diese sind ihrerseits als kollektive Wirtschaftsakteure zu begreifen, die den Erfolg ihrer eigenen Strategien kontinuierlich überwachen und daraus Rückschlüsse für ihr strategisches Verhalten ziehen. Es ist deshalb erforderlich, Unternehmen und unterstützende Organisationen des wirtschaftlichen Umfeldes als kollektive Akteure zu begreifen, die gemeinsam im Rahmen eines durch Institutionen vorgegebenen Entwicklungspfades kontinuierlich nach einer wettbewerbsfähigen Wirtschaftsordnung suchen. Eine derartige prozessuale Wettbewerbsfähigkeit läßt sich am besten durch die Intensität des Informations-, Wissens- und Ressourcenflusses zwischen den zentralen Akteuren einer Region und damit durch die Intensität der Kooperation zwischen ihnen erfassen.
Zusammenfassung
Der Begriff der regionalisierten, globalen Ökonomie beinhaltet, so wurde zu zeigen versucht, keinen Widerspruch. Unbestreitbar ist, daß Unternehmen sich in zunehmendem Masse global orientieren; damit ergibt sich aus der Sicht politischer Akteure die Notwendigkeit, für ihre Region spezifische Vorteile zu schaffen, die es Unternehmen attraktiv erscheinen lassen, sich dort anzusiedeln bzw. bestehende Produktions- und Dienstleistungsstätten aufrecht zu erhalten und diese eventuell noch auszuweiten. In dem Maße, in dem die Globalisierung der Märkte voranschreitet, sind regionale Vorteile vor allem dann gegeben, wenn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zur Unterstützung betrieblicher Produkt- und Prozeßinnovationen beitragen.
Im Sinne eines Konkurrenzkampfes um betriebliche Investitionen kann man davon sprechen, daß Regionen miteinander im Wettbewerb stehen. Die relative Position einer Region im Vergleich zu anderen wird zum entscheidenden Legitimationsfaktor für staatliche Innovationspolitik. Allerdings geraten politische Akteure leicht in Gefahr, die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Region mit den dort angesiedelten Unternehmen gleich zu setzen. Der zuvor zitierten OECD Definition zufolge schließt regionale Wettbewerbsfähigkeit jedoch die Wohlfahrt der Bürger, und das heißt letzten Endes auch ökologische Aspekte, mit ein. Unter diesen Bedingungen greift eine Politik zu kurz, die sich allein darauf beschränkt, die betriebliche Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.
Eine umfassende Wettbewerbsperspektive ist mit dem Konzept der lernenden Ökonomie verbunden. Dieses versteht Lernen und Innovation als ein ubiquitäres Phänomen, das jederzeit überall in der Wirtschaft auftreten kann. Es gilt deshalb aus staatlicher Sicht, die vielfach vorhandenen Innovationspotentiale zu unterstützen; dementsprechend wird Innovationspolitik zunehmend zu einer "conditions providing policy" (Schienstock 1994). Politische Akteure verstehen sich dann weniger als "Macher", die eine bestimmte Technologielinie vorgeben und durchzusetzen versuchen, sondern eher als "Förderer" von Innovationspotentialen, als "Koordinator" verschiedener Innovationsaktivitäten, als "Informationsgeber", als "Moderator" verschiedener mit wirtschaftlich-technischem Fortschritt verbundener Interessen und als "Organisator" konsensstiftender Diskurse über zukunftsbezogene Entwicklungspfade.
Literatur
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Schienstock, G. (1997): The transformation of regional governance: Institutional lock-ins and the development of Lean Production in Baden-Württemberg, in: R. Whitley and P.H. Kristensen (eds.): Governance at work: the social regulation of economic relations in Europe, Oxford.
Womak, J. P., Jones, D.T. and Roos, D. (1991): The Machine that changed the world, New York.
Kontakt
Prof. Dr. Gerd Schienstock
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