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TA-RELEVANTE BÜCHER UND TAGUNGSBERICHTE

Die Ethik der Schädlingsbekämpfung - oder: Lassen sich für die Bewertung von Freisetzungen "gültige Normen" reklamieren?

Rezension des Buches von Barbara Skorupinski: "Gentechnik für die Schädlingsbekämpfung - Eine ethische Bewertung der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft".

von Fritz Gloede, ITAS

1. Plädierende Ethik

Schon die Untersuchungen zur Biotechnologie der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft FEST (Heidelberg) vor einigen Jahren, die in ihrer Materialintensität deutlich über vordem artikulierte Stellungnahmen der Kirchen hinausging, legte die Schwierigkeiten offen, in diesem Bereich zu eindeutigen ethischen Bewertungen zu kommen, nicht zuletzt auch mangels geeigneter und angemessener Normen der kirchlichen Tradition ( Hübner, v. Schubert 1992).

Die im letzten Jahr erschienene Arbeit von Barbara Skorupinski zur Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft (Skorupinski 1996) argumentiert demgegenüber zu einer wesentlich konkreteren Problemstellung und reflektiert so den seither deutlich vorangeschrittenen Stand wissenschaftlicher wie kommerzieller Gentechnikanwendung.

Es handelt sich bei ihrer Dissertation um das interdisziplinäre Unterfangen einer Person, das allerdings - so die Autorin in ihrem Vorwort - ohne intensive Kommunikation mit "fachwissenschaftlichem Sachverstand" anderer Disziplinen nicht vorstellbar gewesen wäre. Trotz einer offenbar entgegenkommenden Konstellation am "Zentrum für Ethik in den Wissenschaften" der Universität Tübingen macht dieser Umstand bereits auf die Schwierigkeit aufmerksam, der sich eine individuelle Anstrengung mit derartigem Anspruch heute ausgesetzt sehen muß; dies umso mehr, wenn man sie vor dem Hintergrund des etwa zeitgleich durchgeführten Diskursverfahrens zu herbizidresistent gemachten Kulturpflanzen in der Landwirtschaft (HR-Projekt) sieht, das am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) mit ungleich größerem Aufwand durchgeführt wurde (van den Daele et al. 1996).

Der hier bemühte Vergleich mit dem Berliner Projekt markiert zwei weitere Differenzen. Während die TA zur HR-Technik die Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen zum Gegenstand hatte, handelt es sich bei der vorliegenden Arbeit um eine ausführliche Auseinandersetzung mit den erwartbaren Potentialen und Risiken der Freisetzung von gentechnisch veränderten Mikroorganismen, insbesondere durchgeführt am Fall des Bacillus thuringiensis, mit dessen "Hilfe" u.a. landwirtschaftlichen Nutzpflanzen insektizide Eigenschaften appliziert werden sollen.

Zweitens scheint mir evident, daß keine - auch noch so reflektierte wie reflexive - Argumentation in der Lage ist, realexistente Diskurse zu substituieren, auch wenn philosophische Diskurstheorien in diesem Punkt zuweilen etwas unentschieden bleiben (vgl. dazu Luhmann 1995).

Es ist nun keineswegs so, daß Skorupinski explizit behauptete, die von ihr identifizierten normativen Gründe und ihre "Verknüpfung" mit empirischen Sachverhalten (292) müßten einem Diskurs unter allen kommunikationsfähigen Menschen standhalten und könnten daher zweifelsfrei ethische Gültigkeit beanspruchen. Insofern kann ihre Arbeit selbst als plädierender Beitrag innerhalb der beobachtbaren gesellschaftlichen Diskurspraxis zur Gentechnikanwendung angesehen werden und stellt sich damit der kritischen Kommentierung. Wie sich zeigen wird, erleichtert der vergleichende Blick auf das WZB-Verfahren es abermals, einige Fragezeichen am Rand des Weges zu notieren, der "ausgangnehmend von konsensfähigen, ethisch ausweisbaren Werten bzw. Schutzgütern (...) eine Kriteriologie zur Bewertung von Zielen, Folgen und Alternativen" vorstellt, um dann unter Benutzung von "Vorzugsregeln (...) begründete Handlungsforderungen" aus dieser Kriteriologie abzuleiten.

2. Additive Technikfolgenabschätzung?

Zunächst einmal muß hervorgehoben werden, in welchem Ausmaß Übereinstimmung besteht zwischen seriös argumentierenden bzw. plädierenden Beiträgen der praktischen Ethik und herkömmlichen TA-Studien als Moment "argumentativer Prozesse" (Paschen). Dies nur als "Reihe von Berührungspunkten" (286) zu kennzeichnen, stellt wahrscheinlich eher eine Untertreibung dar. Über weite Strecken bietet die vorliegende Untersuchung eine kompetente Auseinandersetzung

Im Unterschied jedoch zu herkömmlichen TA-Studien, die ihre - durchaus "wertsensibel" (288) gewonnenen - kognitiven Ergebnisse dann dem Auftraggeber und/oder dem öffentlichen Diskurs zwecks Bewertung und Entscheidung von alternativen Handlungsoptionen überantworten, möchte Skorupinski im letzten Kapitel (V) die eher implizit gehaltenen Bewertungskriterien offenlegen und diese so dem Zwang aussetzen, "gute Gründe" für sich mobilisieren zu müssen. Anschließend an das Memorandum zur Technikfolgenabschätzung von 1989 (BMFT 1989), so meint die Autorin, "ist letztlich die Einbeziehung ethischer Kriteriologie für TA-Verfahren unumgänglich." (290)

Dieser Auffassung liegt freilich ein gewisses Mißverständnis zugrunde, das in der jüngeren Vergangenheit nicht zuletzt durch das von ihr zitierte TA-Memorandum gefördert worden ist. Erkennbar wird dieses Mißverständnis an der Verwendung der Memorandums-Unterscheidung zwischen Technikfolgenforschung (TFF) und TA (288). Während TFF wissenschaftlich (nach akademischen bzw. disziplinären Standards) gewonnene Informationen zum Ergebnis haben soll (und damit gerade den Typus "wertsensibler" problemorientierter wie entscheidungsbezogener Forschung à la TA unterläuft), meint das Memorandum mit "TA" den Prozeß der gesellschaftlichen Bewertung und Entscheidung selbst, der gewissen Diskursnormen entsprechend "möglichst rational" verlaufen sollte.

Jedenfalls lädt die Autorin sich in Anlehnung an jene (m.E. problemverfehlende) Unterscheidung die zusätzliche Last auf, nicht nur die "Sachverhalte" (mittels "TFF") zu ermitteln, sondern diese zwecks Vervollständigung zu einer "TA" i.S. des Memorandums explizit und nachvollziehbar zu bewerten. Dies nimmt, wie bereits erwähnt, die Gestalt einer Ableitung von "Forderungen im Hinblick auf verantwortliches Handeln" (310 ff.) an - und macht so gerade die Differenz zu den Handlungsoptionen deutlich, auf deren Entwicklung sich die konventionelle TA beschränkt.

Obwohl klar sein dürfte, daß auch und gerade die Ermittlung der "Sachverhalte" im Kontext problemorientierter wie entscheidungsbezogener TA keineswegs "wertfrei" erfolgt (so weit auch die Autorin), sondern unter gewissen Voraussetzungen sogar zur primären Arena der gesellschaftlichen Kontroverse avancieren kann (vgl. van den Daele et al. 1996), sei mir an dieser Stelle nachgesehen, daß ich mich auf die angekündigten Fragezeichen zum normativen Plädoyer beschränke. Vorab zugegeben sei der Autorin andererseits, daß problemorientierte und "wertsensible" Technikfolgenabschätzungen sich nicht immer der eigentlich geforderten Explikation ihrer normativen Auswahlentscheidungen und ihres Optionenhorizonts befleißigen und damit einer analogen Kritik entziehen.

3. "Gültige Werte" oder die Grenzen der Ableitung

Wie nicht anders zu erwarten, bringt ein Vergleich der ethischen Bewertung von GVO-Freisetzungen durch Frau Skorupinski mit jener auf Sachrationalität setzenden Bewertung durch die WZB-Gruppe (van den Daele, Pühler, Sukopp et al. 1996) maßgebliche Differenzen zutage. Insbesondere van den Daele wird seit dem Abschluß des HR-Projekts nicht müde, auf die (vermeintlich) evidenten Sachverhalte hinsichtlich der Normalität und Ubiquität gentechnisch induzierter Unsicherheit zu rekurrieren. Daran sind freilich gerade nach der Lektüre von Skorupinskis Darstellung erneut Zweifel möglich. Während die Berliner Argumentation vor dem Hintergrund eines gleichsam normalisierten Umgangs mit (kleinen oder großen) Technikrisiken die etablierten Strukturen und Standards des Technikrechts für völlig angemessen hält, liegt es nahe, daß Skorupinski hier zu anderen Einschätzungen kommt (262 ff. und 308 ff.). Nicht nur die unterschiedlich beurteilten Sachverhalte, sondern auch ihre ethischen Erwägungen führen sie zu einer Kritik an den deutschen bzw. europäischen Gentechnik-Regelungen, etwa an dem vorsorgerechtlichen Referenzfall eines "gesunden, immunkompetenten Menschen".

Zentraler scheint mir jedoch ihr Argument, daß "im Rahmen der gesetzlichen Regelungen Bewertungen vorzunehmen sind, die nur unter Zuhilfenahme ethischer Kriterien möglich sind" (309 - diese und alle folgenden Hervorhebungen von mir, F.G). Hier finden wir auf der Ebene rechtlicher Technikkontrolle eine Wiederholung der zuvor bereits in allgemeiner Form beobachtbaren Behauptung, es sei über die prozedurale Gestaltung solcher zweifellos erforderlichen Abwägungen und Bewertungen hinaus möglich, instruktive substantielle Regeln zu begründen.

Welcher Art sind nun diese ethischen Kriterien und Vorzugsregeln?

a) Die Grundwerte

Skorupinski setzt zwei generell wohl kaum bezweifelte Werte bzw. Schutzgüter voraus, nämlich "menschliche Gesundheit" und "intakte Umwelt", die sie in mehreren Schritten spezifizieren und konkretisieren will, um dann zu gegenstandsadäquaten "konkreten Forderungen" zu gelangen. Erste Bedenken ließen sich hier schon artikulieren, gesellschaftliche Debatten um die Begriffsinhalte von "Gesundheit", "Umwelt" und "Intaktheit" vor Augen. Daß - wie die Autorin meint - solche kommunikative Varianz für ihre Zwecke keine Bedeutung habe, da gerade im Kontext der Vorsorge gegenüber Freisetzungsrisiken gentechnisch veränderter Mikroorganismen und Pflanzen grundsätzlich kein Dissens bestehe (292), verkennt m.E. den latenten Zusammenhang zwischen allgemeinen Programmatiken und ihren konkreten Umsetzungen. Dieser ließe sich an den kontroversen Facetten des Gesundheitsbegriffs und ihrer gesundheitspolitischen Korrelate besonders eindrucksvoll illustrieren. Vielleicht ist jedoch im Fall vermeintlichen Konsenses zu grundsätzlich "konsensfähigen Werten und Normen" noch mehr Vorsicht angebracht.

b) "Ökologische Imperative" und eine "Problemlösungsregel"

Als erster Zwischenschritt werden nun zwei moralische Imperative und eine "Problemlösungsregel" -nach Mieth - entfaltet, die zugleich die beiden genannten Schutzgüter zueinander in Beziehung zu setzen erlauben sollen. Bei näherer Betrachtung bieten die hier referierten Begründungs-Module allerdings kein Jota mehr an Instruktivität als die so oft gescholtenen "unbestimmten Rechtsbegriffe" des Technikrechts. Es dürfte ausreichen, hier einschlägige Chiffren (völlig aus dem Zusammenhang gerissen!) zu zitieren: "...so weit wie möglich...", "...nicht gefährden, sondern ...zu beziehen versuchen..." (293). Am eindrucksvollsten scheint mir die Problemlösungsregel, derzufolge die Probleme, die durch eine Problemlösung entstehen, "nicht größer" sein sollen, als die Probleme, die gelöst werden. Über die Prämissen des impliziten Größenvergleichs wird - wie auch andernorts häufig - nichts näheres ausgeführt. Leider setzt Skorupinski hier noch eins drauf, indem sie fordert: "Alle Parameter möglicher Folgen sind in gleicher Weise zu berücksichtigen, nicht nur die zur Zeit offensichtlichen." ( 293) Zum systematischen Problem des semantisch postulierten Größenvergleichs kommt die doppelte Unbestimmtheit zukünftiger nicht offensichtlicher Folgen hinzu - und verurteilt die Regel endgültig zu schlichter Rhetorik (soweit es nicht um schlichte Dezisionen gehen sollte).

c) Verträglichkeitsanforderungen als "mittlere ethische Kriterien"

Die Autorin räumt durchaus ein, daß die mittlerweile erreichte Ebene immer noch "sehr allgemein" ist. Daher würden "mittlere ethische Kriterien" erforderlich, die dann eine Bewertung von Zielen, Folgen und Alternativen erlauben sollen. Dabei handele es sich um "gesundheitliche Verträglichkeit, ökologische Verträglichkeit, ökonomische Verträglichkeit, Sozialverträglichkeit (unter besonderer Berücksichtigung der (?) Demokratieverträglichkeit" (296). Zunächst einmal ist offensichtlich, daß es sich hier um die normativistisch reformulierte Palette von Folgendimensionen jeder TA handelt. Wie aber - bitte schön - sollten derartig heteronome (Un-)Verträglichkeiten denn in ihrer "Größenordnung" miteinander aufgerechnet werden? Wie darf man sich den trade-off zwischen einem "Eigenwert der vormenschlichen Welt" und dem "spezifisch menschlichen Leben in schöpferischer Autonomie" so weit wie möglich vorstellen? Statt weiterer Kommentare verweise ich nur auf vorliegende kritische Erörterungen zu den Normen von "Umwelt- und Sozialverträglichkeit" (z.B. Bechmann/Gloede 1986, van den Daele 1993). In ihren konkreteren Umschreibungsversuchen zu den Verträglichkeiten (296 ff.) nimmt die Autorin durchaus wahr, welche Hürden diese Kategorien für eine konsensfähige Operationalisierung bereithalten (systemische Ungewißheit, plurale Deutung uvm.).

d) Die Meta-Vorzugsregel

Die nachfolgenden "Vorzugsregeln" versprechen jedoch Abhilfe. "Sie geben Anweisungen, wie die Verträglichkeitskriterien umzusetzen sind." (300). Als Meta-Vorzugsregel tritt zuallererst eine erneute Quantifizierbarkeitssuggestion in Erscheinung: es sollen die Handlungsmöglichkeiten gewählt werden, "die für die Zukunft die meisten Handlungsoptionen erhalten." Selbst wenn man zugibt, daß es zuweilen möglich scheint, die Zahl von Handlungsoptionen zu bestimmen, vervielfältigen sich selbst diese "für die Zukunft" erheblich. Am Ende bleibt vielleicht nur die tiefe Weisheit, das Kinderlied zu würdigen: "Weißt du wieviel Sternlein stehen...?"

e) Die substantiellen Vorzugsregeln

Wenden wir uns also von der Meta-Regel ab und den unmittelbaren Vorzugsregeln zu. Wieder begegnet einem Vertrautes: Reversibilität, langfristige Folgenorientierung, Entschleunigung in Anbetracht von Ungewißheiten, Vorsorge statt Nachsorge.

Obwohl diese in Regeln gefaßten Postulate quer zu den bereichsförmig formulierten Verträglichkeitsforderungen stehen, sind sie bei näherer Betrachtung ebensowenig unumstritten. Um ein letztes Mal das WZB-Verfahren als Kontrastfolie zu bemühen: obwohl die Gruppe der Veranstalter zu recht entgegengesetzten Bewertungsergebnissen gekommen ist, würde sie wohl keine dieser vier Vorzugsregeln grundsätzlich ablehnen. Vielmehr ließe sich zeigen, daß die Veranstalter der diskursiven TA gerade im Fall der Gentechniknutzung und speziell der Freisetzung von GVO die Berücksichtigung dieser Regeln ("so weit wie möglich") gewährleistet sehen. Auch Skorupinski müßte in Anbetracht ihrer intensiven Befassung mit der Gentechnikkontroverse einräumen, daß hier - ähnlich wie schon bei den allgemeinen Schutzgütern - das Vorsorgeprinzip, die Erforschung "langfristiger Folgen", die (sicher oft unfreiwillige) Entschleunigung und (anfangs zumindest) selbst das Prinzip der "Rückholbarkeit" generell akzeptiert waren. Aber welche operativen Implikationen eine solche Anerkennung haben sollte bzw. welche sie tatsächlich hatte - dies war und ist bekanntermaßen strittig.

Resümiert man bis zu diesem Punkt die "Ableitung" normativer Regeln und Begründungen, muß man auf allen Ebenen (Grundwerte, Verträglichkeiten, Problemlösungsregel, Vorzugsregeln, Meta-Regel) feststellen, daß man Frau Skorupinskis Auslegungen teilen kann - wenn man will. Sie sind im guten wie im weniger guten Sinn "kontingent" - und eröffnen so politische Alternativen. Mir scheint, mehr als eine allgemeine Heuristik, gleichsam einen Fundus von allgemeinen Argumentationsfiguren, können diese Ableitungsschritte kaum darstellen. Sie mögen wohl die Struktur des argumentierenden Plädoyers ordnen - zwingende Gründe vermögen sie nicht zu mobilisieren. An keiner Stelle wird das deutlicher als bei dem Versuch der Autorin, ihre vorausgehenden Darlegungen unter den Kategorien Gesundheits-, Umwelt- und Ökonomieverträglichkeit zu bilanzieren (304 ff.). Mehr als differenzierte(!) Besorgnisse im Licht des aktuellen Kenntnisstandes zu formulieren, ist ihr redlicherweise nicht möglich, und dies ist ja nicht wenig. Welches Gewicht diese Besorgnisse jedoch erhalten sollen - in Relation zu anderen technisch-industriell induzierten Gefahren und Risiken bzw. zu den vermeintlichen normativen Imperativen - dies kann nicht eigentlich "abgeleitet" werden und entzieht sich auch jedem "Größen"-Vergleich.

f) Das Bewertungsergebnis

Frau Skorupinski selbst kommt zu dem Ergebnis, daß unter allen drei Kriterien "die Pflanzenproduktion im biologischen Landbau als überlegene Lösung" sich erweise (306). Um mich nicht zu wiederholen, füge ich nur noch die Frage hinzu: für wen? Es scheint mir kein Zufall, daß die Formulierung der Autorin (übrigens in bester Gesellschaft mit vielen anderen BewertungsspezialistInnen) nicht nur an dieser Stelle (vgl. etwa 257 ff.) auf ein vermeintlich feststellbares "allgemeines Interesse" referiert, dem gegenüber die realexistierenden Interessen gesellschaftlicher Akteure (z.B. "viele Landwirte", 260) nur als Rand- und Realisierungsproblem des Richtigen vorkommen.

Wesentlich ist wohl, daß man sich - wie auch Skorupinski es sieht - in Feldern kontroverser (und interessierter) Güterabwägungen bewegt (S. 309), die weder durch wissenschaftliche Nachweise oder normative Systematiken noch auch durch sympathische prozedurale Plädoyers (wie etwa das zur Öffentlichkeitsbeteiligung, S. 310) allein abzuschließen sind. Vielmehr erscheinen sie eingebettet in einen praktisch kaum abschließbaren - und nicht zuletzt macht- und herrschaftsvermittelten - politischen Prozeß.

g) Die praktischen Forderungen

Weniger problematisch erscheinen mir demgegenüber die von der Autorin auf den letzten Seiten erhobenen "regulativen" Forderungen, die übrigens meist auch an erklärte Ziele und Ansprüche der Gentechnik-Proponenten anknüpfen können (z.B. Einzelfallprüfungen, ökologisch relevante Konzeptualisierung von Freisetzungsexperimenten, oder auch die Förderung biologischer Landbaumethoden). Hier ist allerdings zu konstatieren, daß es praktisch vielfach mit Erfolg gelingt, diese Optionen zu dethematisieren oder aber sie als längst abgearbeitet und insofern veraltet zu etikettieren. Eine solche Strategie entfaltet, das wissen wir empirisch, oft erstaunliche "Geltung" in der Gesellschaft.

Bleibt abschließend also festzustellen, daß wir es bei der vorliegenden Arbeit mit einer intensiven Erörterung von Freisetzungsproblemen mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen und mit einer möglichen ethischen Bewertung zu tun haben, die argumentativ vielleicht nachvollziehbarer, in der normativen Substanz jedoch nicht weniger "subjektiv" ist, als die oft gescholtenen TA-Studien klassischer Provenienz. Unter den gesellschaftlichen Verhältnissen in der "Moderne" und den rauhen Bedingungen nachmetaphysischen Denkens würde etwas anderes auch verwundern.

Literatur

Bechmann, G.; Gloede, F., 1986: Sozialverträglichkeit - eine neue Strategie der Verwissenschaftlichung von Politik? In: Jungermann, H. u.a. (Hrsg.), Die Analyse der Sozialverträglichkeit für Technologiepolitik: Perspektiven Interpretationen. München: High-Tech-Verl., S. 36-51.

Daele, W. van den, 1993: Sozialverträglichkeit und Umweltverträglichkeit. Inhaltliche Mindeststandards und Verfahren bei der Beurteilung neuer Technik. In: PVS 34, S. 219-248.

Daele, W. van den; Pühler, A.; Sukopp, H. et al., 1996: Grüne Gentechnik im Widerstreit. Weinheim: VCH.

Gloede, F., 1996: Was kommt nach dem Konsens?. In: TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 4, 5. Jg., S. 38-43.

Hübner, J.; Schubert, H. von (Hrsg.), 1992: Biotechnologie und evangelische Ethik - Die internationale Diskussion. Frankfurt: Campus (Reihe Gentechnologie - Chancen und Risiken; Bd. 30).

Skorupinski, B., 1996: Gentechnik für die Schädlingsbekämpfung. Eine ethische Bewertung der Freisetzung gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag, 1996. 360 S., DM 48,--. ISBN 3-432-27141-7.


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MEINOLF DIERKES (Hrsg.): Technikgenese: Befunde aus einem Forschungsprogramm. Berlin: Ed. Sigma, 1997. DM 36,--. ISBN 3-89404-169-2

Rezension von Michael Rader, ITAS

Die Abteilung Organisation und Technikgenese des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) hat sich wie kaum eine zweite Einrichtung in Deutschland der "Technikgeneseforschung" angenommen. Mit dem Ansatz haben sich Beiträge in den "TA-Datenbank-Nachrichten"wiederholt kritisch auseinandergesetzt (Bechmann/Gloede in Nr. 2, 2. Jg., Rader in Nr. 3, 4. Jg) . Hier ging es vor allem um den Anspruch einiger prominenter Vertreter der Technikgeneseforschung, rechtzeitiger als die Technikfolgenabschätzung (TA) anzusetzen, und damit auch für die Technikgestaltung unmittelbar nutzbare Erkenntnisse zu erzeugen. Wie aber Meinolf Dierkes und Andreas Knie in ihrer Einleitung zum vorliegenden Sammelband feststellen, scheint "das Thema Technik in den späten 90er Jahren keine so rechte Konjunktur mehr in den Sozialwissenschaften" zu haben. Obwohl sie ferner feststellen, daß die Themen, die sich um die Schlagworte "Innovation" und "Standortsicherung" ranken, im Prinzip dieselben sind, die ab Mitte der 80er Jahre die technologiepolitische Debatte geprägt haben, verstehen sie den Sammelband als Bestandsaufnahme und räumen ein, daß die "Versprechen der Generierung steuerungsrelevanter Erkenntnisse ... wahrscheinlich zu Recht von Beginn an als viel zu ambitioniert kritisiert worden" seien (S. 9).

Die Beiträge werden als "Werkstattberichte" bezeichnet, "die Auskunft geben über spezifische Techniklinien und die sie treibenden sozialen und institutionellen Kräfte" (ebd.). Der Ansatz wird auf den Prüfstand gestellt und es wird diskutiert, wie er angesichts der damit gemachten Erfahrungen zu modifizieren wäre. Dierkes/Knie resümieren, daß es eine einheitliche "Theorie der Technikgenese" noch nicht gibt, aber auch, daß es ein "schlimmes Mißverständnis" wäre, wenn man meinte, auf Theorien mittlerer Reichweite in diesem Zusammenhang verzichten zu können. Der Ansatz habe sich zur Kennzeichnung konstitutiver Elemente von Technik bewährt. Allerdings sei es auch deutlich geworden, daß es keine Hebel oder Knöpfe für die schnelle Kursänderung der Technikentwicklung gibt. Die Erkenntnisse und Befunde der Geneseforschung hätten für die Innovationspolitik durchaus Konsequenzen, die bisher viel zu wenig bedacht worden sind, an denen man aber nicht vorbeigehen sollte. Soviel zu den heutigen Ansprüchen der Technikgeneseforschung, die deutlich bescheidener sind als die zur Entstehungszeit der Forschungsrichtung von prominenten Vertretern vorgetragenen.

Die hier versammelten Beiträge werden vier "Abteilungen" bzw. Abschnitten zugeordnet. In der ersten "Technikgenese in betrieblichen Kontexten" wird der unternehmerische Kontext bei der Entstehung, Entwicklung und Ausprägung von Technik an den eher historischen Beispielen des Dieselmotors (Mikael Hård) und der Schreibmaschine (Regina Buhr) untersucht. Diese Beispiele sind für jeden historisch interessierten Leser durchaus spannende Lektüre und verdeutlichen die Bedeutung der "Unternehmenskultur" für die Ausprägung der Technik. Gleichwohl spiegeln sie auch, wie in der Einleitung hingewiesen, sehr deutlich das vorab gewählte Untersuchungsprofil wider, das dann recht willkürlich erscheint und deshalb auch um andere Sichtweisen ergänzt werden kann.

Im zweiten Abschnitt "Technikgenese als Produktkarrieren" wird die Perspektive auf die "Postgenesephase" ausgedehnt, hier für Textverarbeitungsprogramme (Jeanette Hofmann) und das Automobil (Weert Canzler). Da beide betrachtete Technologien über den Zeitrahmen der berichteten Befunde weiterentwickelt wurden, wäre es interessant, diese beiden Betrachtungen fortzuschreiben, etwa um zu untersuchen, ob bei den "Leitbildern" zur Entwicklung von Textverarbeitungsprogrammen bei den drei identifizierten Typen eine Konvergenz stattgefunden hat, und ob am relativ stabilen Leitbild der "Rennreiselimousine" in der Nachhaltigkeitsdebatte mittlerweile nachhaltig gerüttelt wird.

Noch stärker mit dem "Leitbildansatz" als prominenten Erklärungsversuch für Geneseprozesse setzen sich die zwei Beiträge des dritten Abschnitts "Technikgenese und Technikleitbilder" auseinander. Dabei versucht Daniel Barben, die Leistungsfähigkeit des Leitbildansatzes im komplexen Umfeld der Biotechnologie zu ermitteln. Der zweite Aufsatz von Weert Canzler, Sabine Helms und Ute Hoffmann setzt sich mit dem gegenwärtig sehr populären Leitbild der "Datenautobahn" auseinander, wobei sie insbesondere auf die Angemessenheit dieser Metapher für Entwicklungen in weltweiten Datennetzen eingehen.

Die beiden Aufsätze des vierten und letzten Teils des Bandes "Kategorien und Probleme der Technikgeneseforschung" setzen sich mit einer Präzisierung des Begriffs "Technik" für die Belange der Geneseforschung auseinander. Lutz Marz versucht, eine Skizze Michel Foucaults umzusetzen, in der Technik gleichermaßen als Ding-, Bedeutungs-, Macht- und Selbst-Technik zu begreifen ist. Andreas Knie schlägt dagegen vor, Technik als eine "besondere Form von Institutionen" aufzufassen.

Das Buch ist für jeden theoretisch und methodisch Interessierten lesenswert und die Beiträge zur Genese konkreter Technologien lesen sich auch für den technikgeschichtlich interessierten Leser sehr spannend.


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Die Masse könnt ihr nur durch Masse zwingen

Rezension des Buches von Kubicek, H. u.a. (Hrsg.): Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft 1997.

von Knud Böhle, ITAS

Ein jeder sucht sich endlich selbst was aus

Das Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft 1997, das fünfte in der Reihe, ist unter verschiedenen Aspekten ein bemerkenswertes Ereignis. Wie in den Vorjahren ist es den Herausgebern - unterstützt von einem elf-köpfigen Beirat - gelungen, Beiträge renommierter Autorinnen und Autoren aus der akademischen und kommerziellen Forschung sowie der Wirtschaft zu versammeln. Interessant ist auch das praktizierte Finanzierungsmodell, das nach der Anschubfinanzierung durch die VW-Stiftung (1994-1996) nun mit Band 5 auf einen Mix von Verkaufserlösen, Anzeigen und Sponsoring umgestellt wird (wobei die VW-Stiftung für dieses Jahr noch Mittel beigesteuert hat). Ein anderer nennenswerter Mix ist der Medienmix aus Buch, Diskette und WWW-Angebot.

Der diesjährige Schwerpunkt "Die Ware Information - Auf dem Weg zu einer Informationsökonomie" fühlt den Puls der durch die Kommerzialisierung des Internet und zunehmenden Wettbewerb im Bereich der Telekommunikation unruhiger gewordenen Zeit. Rechnet man das "Special: Internet" dazu, befassen sich mehr als 20 Beiträge auf über 200 Seiten mit diesem Komplex. Wir werden uns weiter unten noch ausführlich auf diesen Teil einlassen. Was thematisch sonst noch geboten wird, kann nur kurz angerissen werden, zumal neben dem knapp 450 Seiten starken Band zum einen die auf einer beigefügten Diskette mitgelieferten Dateien und zum anderen das Angebot im WWW - http://www.jtg-online.de/ - zu berücksichtigen sind.

Der Inhalt der zweiten Hälfte des Jahrbuchs ist in fünf Rubriken unterteilt: Unter Forum finden sich sechs Beiträge, die mit "Chancengleichheit" in der Informationsgesellschaft (Stichworte u.a. Grundversorgung, Universal Service, Medienkompetenz) zu tun haben und drei, die das "Numerierungsproblem" der Telefonnummern behandeln, das als Folge der Liberalisierung im Telefonsektor entstanden ist - übrigens ein sehr schönes Exempel für Re-Regulierung nach der Deregulierung. In der Rubrik Anstöße geht es unter dem Titel Organisationsbedarf bei digitalen Rundfunk-Übertragungssystemen ebenfalls um Regulierung; der zweite Beitrag Neue technische Entwicklungen im Teilnehmerbereich handelt davon, welche technischen Lösungen für die last mile im Wettbewerb der Netzbetreiber zur Verfügung stehen und welche wahrscheinlich realisiert werden (der Artikel befindet sich auf der Diskette, der Band selbst enthält nur das Abstract). In der Rubrik Szene findet sich ein schwer unter einen Nenner zu bringender Mix kleinerer Beiträge (z.B. zu einigen Projekten des MediaLab, zur Arbeit der "Gruppe hochrangiger Experten der Europäischen Kommission", eine Selbstdarstellung der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg u.a.). Unter der Überschrift Fundgrube schließen sich 17 kürzere Buchbesprechungen - zwischen einer halben und eineinhalb Seiten lang - an. In der Rubrik Chronik schließlich findet sich zunächst ein längerer Kommentar zum im Juli 1996 verabschiedeten Telekommunikationsgesetz, dem sieben Artikel folgen, in denen jüngere Entwicklungen der Telekommunikation unter spezifischen Blickwinkeln vorgestellt werden, nicht zuletzt unter den Aspekten Verbraucherschutz, Datenschutz, innere Sicherheit und Europa. Diesen Block schließen Informationen zum Ausbau der technischen Informationsinfrastruktur und einige grafisch aufbereitete Marktdaten ab. Ein Stichwortregister und ein Verzeichnis der Autoren und Herausgeber runden das Buch ab.

Die Diskette enthält den kumulativen Stichwortindex der Jahrbuchbände 1994 - 1997, eine Anzahl von Balkendiagrammen, die noch zu einem der Buchbeiträge gehören, und den bereits angesprochenen Beitrag, der im Buch nur durch ein Abstract vertreten ist. Die enge Anbindung an das gedruckte Buch verlassend, bleiben noch neun Dateien - alle im RTF-Format -, die man der Einfachheit halber in Dokumentationen und Stellungnahmen einteilen könnte. Da wird, um einiges davon konkret anzusprechen, ein vom Bundesamt für Post und Telekommunikation herausgegebenes Verzeichnis der Diensteanbieter in Deutschland (mehr als 100 Seiten Adressen) geboten, eine Übersicht über Forschungsförderungsaktivitäten der Bundesländer, eine Aktualisierung der Literaturdokumentation Multimedia der Landesanstalt für Rundfunk NRW. An Stellungnahmen seien herausgegriffen: die Gemeinsamen Grundsätze der Landesmedienanstalten für digitale Kabelkapazitäten, die sogenannte "Wartburg-Charta", die Frankfurter Thesen zur Arbeitswelt in der Informationsgesellschaft der Arbeitsgemeinschaft Unabhängiger Betriebsangehöriger und die Thesen und Forderungen des DBG unter der Überschrift Multimedia und Informationsgesellschaft: Chancen nutzen, Risiken bewältigen.

Das WWW-Angebot zum Jahrbuch ist noch im Aufbau und soll hier nicht insgesamt bewertet werden. In Umrissen erkennbar ist der Versuch, eine Buchreihe zum Ausgang einer permanenten Veranstaltung zu machen. Das läßt sich zum einen an der Möglichkeit, wie es heißt, "aktuelle Artikel zum Themenbereich Telekommunikation und Gesellschaft zu publizieren", ablesen. Anfang Oktober liegen zwei Artikel vor: Ein neues interaktives Medienregime von D. Lytel und von M. Schneider der Zwischenbericht des Projektes "Internet Content Task Force". Zum anderen wird eine Verstetigung der Diskussionen durch Foren angestrebt, in denen die in den Bänden begonnenen Diskussionen weitergeführt werden sollen - derzeit zu: Universal Service, Qualifikation, Telearbeit, Numerierung, Arbeitnehmerdatenschutz. Verantwortlich für ein moderiertes Forum ist jeweils einer der Herausgeber. Momentan scheint das Forum "Universal Service" noch am aktivsten mit 16 Beiträgen, von denen 13 allerdings nur die Online-Versionen von Jahrbuchbeiträgen sind. In keinem der Foren scheint seit Juli 1997, d.h. seitdem der Band 5 auf dem Markt ist, noch etwas passiert zu sein.

Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen ...

In diesem Abschnitt wollen wir uns ein Stück weit auf den Schwerpunkt und das Internet Special einlassen, indem wir die einzelnen Beiträge dieses Teils kurz charakterisieren und auf einige uns besonders interessant erscheinende Punkte hinweisen. Unterteilt wird dieser Themenkomplex im Band selbst in: (1) Qualität der Information und Quantität der Märkte, (2) Technik, Innovation und Marktforschung, (3) Rechtliche Rahmenbedingungen, (4) Arbeitsmarkt und Arbeitsplätze und darauf folgend (5) das Special: Internet.

Eröffnet wird die Abteilung (1) durch einen Text von P. Job, Reuters Holdings PLC, den dieser auf dem 50. Deutschen Betriebswirtschafter-Tag 1996 vorgetragen hat. Information als Produkt ist der Titel und wer sich für die Vorstellungen professioneller Datenbankanbieter interessiert, kann dort u.a. erfahren, daß diese weder kostenlose noch werbefinanzierte Informationsangebote und auch keinen unlimitierten Informationszugriff nach Bezahlen von Grundgebühren favorisieren, sondern das Zahlen für einzelne Informationen bzw. Informationsprodukte. Obwohl diese Auffassung alles andere als neu und der Erfolg dieses Ansatzes immer wieder bestritten wurde, bleibt die politische Frage dahinter - nach der Wünschbarkeit einer "Pay-Per-Society", wie Vincent Mosco das einmal genannt hat - sicherlich noch eine längere Weile virulent.

Der zweite, rhetorisch exzellente, Beitrag von H. W. Opaschowski Welche Rolle spielt der Verbraucher? Die multimediale Entwicklung zwischen Euphorie und Mediaphobie breitet u.a. Ergebnisse der 96er B.A.T. Studie zur multimedialen Zukunft aus. Das B.A.T. Freizeit-Forschungsinstitut setzt auf Ernüchterung und Ent-Euphorisierung verbunden mit der Sorge, daß nicht genug - gerade auch von Wirtschaft und Industrie - für die allgemeine Verbreitung der technischen Voraussetzungen und den Aufbau von Medienkompetenz getan wird - mit der Konsequenz, daß auch künftig mit Flops im Multimediasektor zu rechnen ist.

R. Mecklinger, Vorstandsvorsitzender der Alcatel SEL, verdeutlicht unter der Überschrift Wertschöpfungskette für die Informationsgesellschaft eindringlich die äußerst schwierige Lage der Hersteller in der entstehenden Wertschöpfungskette multimedialer Telekommunikation, an der noch Netzbetreiber, Dienstebetreiber, Rechteinhaber und Inhaltsproduzenten mitwirken. Die Zerschlagung der Monopole bei den Netzbetreibern und deren Wettbewerb hat den Druck auf die Preise bei den Herstellern noch verstärkt und ihre Verhandlungsposition gegenüber dem entstandenen Oligopson (= einige wenige Abnehmer) geschwächt. Dazu kommen noch bedrohliche Reibungen an der Schnittstelle von Herstellern und Betreibern: "Die Betreiber müssen aus ihrem eigenen Interesse heraus ein Vordringen [der Hersteller, d.V.] in den Dienstesektor verhindern, andererseits können sie immer mehr Aufgaben der Hersteller übernehmen" (34). Die weiteren Ausführungen Mecklingers wollen den Weg zu einer gedeihlichen europäischen Multimedia-Wertschöpfungskette weisen, lassen sich gleichzeitig aber auch als kaum verhüllte Kritik an herkömmlichen Pilotprojekten und als Lehre aus dem eingestellten Baden-Württembergischen Multimedia Pilotprojekt lesen: Pilotprojekte sind zu zeit- und kostenintensiv und führen doch nur zu "Laborsystemen, die an der Schwelle zur Breitenimplementierung" (39) stehenbleiben. Mecklinger ist klar, daß die eigentliche Aufgabe - der Aufbau einer europäischen Multimedia-Infrastruktur - anders angegangen werden muß und die europaweite Einigung auf ein "ausgeglichenes Stufenmodell der Netzstrukturen" erforderlich macht, das in mehreren groß angelegten, "überkritischen" europäischen "Multimedia-Realisierungsprojekten" seine wirtschaftliche Viabilität unter Beweis zu stellen hätte. Die Rolle der Politik in diesem Prozeß wäre beschränkt: "Man wird sich in der Politik - von EU bis hinunter auf die Lokalebene - mit der undankbaren Rolle eines Kupplers zufrieden geben müssen" (40). Die Politik bringt die Partner zusammen, als Moderator hätte sie ausgespielt.

A. Picot bietet unter dem Titel Mehrwert von Information - betriebswirtschaftliche Perspektiven einen Zusammenschnitt zweier an anderen Orten publizierter Texte und einen aus mehr als 20 Theorien und Ansätzen gespeisten Extrakt, in dem Aspekte und Kontexte konzentriert sind, von denen der Nutzen von Informationen abhängt. Es geht dabei vor allem um "nichttechnische Erkenntnisse über Information und Kommunikation". Nutzen wird von Picot ganz offensichtlich synonym zu Mehrwert verwendet. Bei solch einer tour de force muß man sich nicht wundern, wenn einem manche Kurzcharakterisierung, etwa der Theorie des Kommunikativen Handelns als einer Theorie, "die im wesentlichen kategoriale und normative Bedingungen angibt, unter denen ein 'Verständigungsmehrwert' in der Kommunikation zu erwarten ist" (46) wenig zusagt. Auf der anderen Seite mangelt es nicht an interessanten Hinweisen, z.B. dem auf die Property-Rights-Theorie, die bei Handlungs- und Verfügungsrechten ansetzt, um deren Einsatz als Steuerungsinstrument zu analysieren und zu nutzen. Wie Picot selbst nahelegt, wäre es reizvoll, diesen Ansatz einmal in Hinblick auf Informationen im Internet durchzuspielen.

Jürgen Mittelstraß, Philosoph aus Konstanz, unterbreitet die These, die er bereits im Rahmen der Römergespräche 1995 vorbrachte, daß sich "die moderne Gesellschaft unter technologischem Vorzeichen, nicht nur in ihren Arbeits- und Unterhaltungsformen, sondern auch in ihren epistemischen Orientierungs- und Wissensbildung betreffenden Formen" (60) verändert. Die Gefahr epistemischer Unselbständigkeit und der Abhängigkeit gegenüber Informationen - d.h. jener Form, in der sich Wissen anderer "transportable macht" (61) - bei gleichzeitigem Schwinden selbst erworbenen und selbst beherrschten Wissens, wächst. Damit nimmt gleichfalls die Fähigkeit ab zu unterscheiden, ob Informationen überhaupt Wissen oder nur noch Meinung transportieren. Die Kritik am "mediatisierten Wissen" wird für die Medien noch verschärft. Das Heideggersche Man "hat in den Medien seine moderne Orientierungsform gefunden, der gegenüber frühere Formen der Inbesitznahme des Menschen fast nur noch ein müdes Lächeln verdienen". Vom Ausgangspunkt her ist kaum ein größerer Kontrast als der zu Luhmanns Diktum "Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien" denkbar. Aber die Gefahren, die Mittelstraß an die Wand malt, sind von ihm natürlich nicht als unabwendbares Schicksal, sondern als Warnungen zu verstehen.

Der Karlsruher Philosoph H. F. Spinner befaßt sich unter dem Titel "Wissensregime der Informationsgesellschaft" mit der "Lage des Wissens", die zunächst als "eine Gemengelage heterogener alter und neuer Wissensarten ... von der 'reinen' Erkenntnis über die kommerzialisierte Wissensware bis zu den verzerrten Abarten der Desinformation und Ideologie" (67) erscheint. Die Gemengelage befindet sich nicht im Zustand der Ruhe, sondern bildet "das gegenwärtige Zentrum der gesellschaftlichen Konflikte im Kampf um den ordnungspolitischen Rahmen einer 'Neuen Wissensordnung'" (66). Es herrscht ein "Kampf der Ordnungen" (Rechtsordnung, Wirtschaftsordnung, Wissensordnung) "um die Vorherrschaft in der Informationsgesellschaft". Spinner warnt, daß Wissen (als Erkenntnisgut) und die freie Meinungsäußerung und der für eine funktionierende Öffentlichkeit nötige freie Informationsfluß Schaden nehmen könnten, wenn sie allein der "Regelherrschaft ('Regime')" von Wirtschafts- und Rechtsordnung unterstellt wären. Es ist das Verdienst Spinners, seit Jahren von der Politik eine "wissensbezogene Ordnungspolitik" zu fordern, die Wissen als Rechtsgut, als Wirtschaftsgut und Erkenntnisgut in einen stimmigen Regelungszusammenhang bringt und die nötigen Qualitätszonen, Verbreitungszonen und Schutzzonen garantiert. Es bleibt allerdings nachzufragen, wie der diagnostizierte "Kampf der Ordnungen" auf die Ebene realer Akteure oder auch gesellschaftlicher Subsysteme runtergebrochen und die Forderung nach "wissensbezogener Ordnungspolitik" dort so ausbuchstabiert werden kann, daß sie politikrelevant wird.

Damit ist der Durchgang durch die Abteilung "Qualität der Information und Quantität der Märkte" abgeschlossen - von Qualität und Quantität der Märkte war dabei höchstens sehr vermittelt die Rede. Einen wirtschaftswissenschaftlichen Zugang zum Thema, den man am ehesten erwartet hätte, sucht man vergeblich. Zudem muß angemerkt werden, daß vorwiegend Texte zusammengestellt wurden, die ursprünglich für andere Zwecke konzipiert waren. Insofern entsteht hier der Eindruck zufälliger Begegnungen unter falscher Flagge. Der Versuch, die zentralen Inhalte herauszuarbeiten, zeigt, daß diese Kritik nicht den einzelnen Artikel trifft.

Wenden wir uns der zweiten Abteilung "Technik, Innovation und Marktforschung" zu, die mit H. Drodofsky und E. Griem vom Corporate Office debis Systemhaus und der folgenden Fragestellung einsetzt: Welche am Markt erfolgreichen Produkte und Dienstleistungen sind erkennbar? Zusammengetragen wird Basiswissen zu Produkten und Diensten im und um das Internet, d.h. zu Stichworten wie Browser, ISDN-Anschluß, Online-Banking, Online-Shops, Intranet und Online-Dienste. An einer Stelle allerdings, an der über das Übliche hinausgegangen und die Behauptung aufgestellt wird, ein Online-Dienst, "der versucht hatte, seine Kunden mit einer '0130'-Nummer der Telekom ins Internet zu bringen" (82) sei 1996 mit großem Verlust in Konkurs gegangen, hätte man gerne mehr gewußt.

Der Beitrag von G. Eitz Digitale und interaktive Angebote im Rundfunk- und Fernsehbereich: Technische Möglichkeiten erinnert daran und gibt Hinweise dazu, daß nicht nur der PC, sondern auch das TV-Gerät "Interaktivität" ermöglicht - angefangen bei der Fernbedienung, die demnächst vielleicht um eine YES-Taste bereichert sein wird, über Teletext (= Videotext), der zu interaktivem Teletext, wie beim DataBroadcast-Konzept ausgeweitet wird, bis zu den Möglichkeiten, die sich beim digitalen Fernsehen mit einer Set Top Box ergeben werden.

H.-D. Zimmermann Die Technik ist da - wo ist der Nutzen? kommt nach einigen Hinweisen auf die heute verfügbare Technik auf die Electronic Mall Bodensee (EMB), die als Musterbeispiel "für wirklich nutzbringende Anwendungen" dafür herangezogen wird, daß durch einen "Impuls von außen" das Henne-Ei-Problem - von fehlenden Angeboten und fehlenden Nutzern -, überwunden werden kann. 160 Unternehmen und 400 Institutionen und Organisationen sind über die EMB abrufbar. Quantifizierungen oder Qualifizierungen der Nutzung, die eine erfolgreiche Lösung des Henne-Ei-Problems belegten, sucht man allerdings vergeblich und der Hinweis auf die vielen Internet-Aktivitäten in der Region, die "inzwischen in einem fast 300-seitigen Buch aus unterschiedlichen Perspektiven dokumentiert sind", ist dafür kein Ersatz.

H. J. Fuchs von Braxton & Partner stellt Ergebnisse einer Expertenbefragung unter dem Titel Konvergenz: Marktentwicklung, strategische Optionen, kritische Erfolgsfaktoren vor. Unter Konvergenz wird hier die Verschmelzung von Telekommunikation, Inhalteanbietern, Computerindustrie und Unterhaltungelektronik verstanden. Deutschland, so wird behauptet, befinde sich, was den Verschmelzungsprozeß angehe, noch in einer "Orientierungs- und Strukturierungsphase". Den damit verbundenen Informationsbedarf sollte die Expertenbefragung zum Thema Konvergenz verringern helfen. Ein vierseitiger Fragebogen wurde an "990 Experten gesandt, die in der Konvergenz-Expertendatenbank von Braxton und Partner gespeichert sind, mit 252 Teilnehmern war der Rücklauf zufriedenstellend" (109). 176 der Antwortbögen stammen von Befragten aus dem Bereich "Bearbeitung und Lieferung von Inhalten" (109). Die Ergebnisse sind zum Teil überraschend: die Absicherung des Kerngeschäftes als Strategie spielt z.B. keine herausragende Rolle und auch ein eindeutiges Setzen auf das Glasfaserkabel als erfolgversprechendster Übertragungstechnik war nicht unbedingt zu erwarten. Die Crux der Erhebung und der fragliche Wert ihrer Ergebnisse liegt darin, daß keiner garantiert, daß die verwendete "Konvergenzexpertendatei" tatsächlich Experten zum Thema Konvergenz versammelt - mögen die Befragten auch Experten auf ihrem je spezifischen Gebiet sein.

Einen auch für Sozialwissenschaftler lesenswerten Beitrag liefert M. Voeth mit einer klaren Beschreibung der "Conjoint-Analyse", die als eine ausgefeilte Methode der Marktforschung (mit Potential vielleicht auch für sozialwissenschaftliche Analysen) verstanden werden darf, die Wettbewerbern - z.B. im Telekommunikationsmarkt - helfen kann, genauer herauszufinden, mit welchen Produkteigenschaften sie ein Produkt erfolgreich im Markt plazieren können. Es geht darum, nicht bei den Fragen nach Bedürfnis und Akzeptanz anzusetzen, sondern auf Präferenzstrukturen abzustellen. Die Conjoint-Analyse ermittelt bezogen auf ein Produkt "dekompositionell den Teilnutzen von beschreibenden Merkmalen und deren Ausprägungen"(124), wobei zum Schluß individuelle zu Gruppen-Präferenzstrukturen aggregiert werden.

In der Abteilung drei "Rechtliche Rahmenbedingungen" kommen mit Th. Hoeren Das neue Informations- und Kommunikationsdienstegesetz, A. Roßnagel Der Entwurf eines "Gesetzes zur digitalen Signatur" und J. Bizer Datenschutz in Neuen Medien drei intime Kenner der Materie und durch viele Publikationen bekannte Autoren zu Wort. Der einzige Makel dieser Beiträge ist, daß sie vor der Verabschiedung des sogenannten Informations- und Kommunikationsdienste-Gesetzes, um das sich alle Beiträge drehen, geschrieben wurden und der Leser folglich im Unklaren darüber gelassen wird, ob die Ausführungen wirklich noch den aktuellen Stand beschreiben. Für derart zeitabhängige Beiträge wäre vielleicht das WWW der geeignetere Publikationsort.

In der Abteilung vier "Arbeitsmarkt und Arbeitsplätze" gibt es zwar nur einen Beitrag, und der wurde auch bereits früher andernorts veröffentlicht, ist aber von hoher Qualität und ein willkommenes Antidot gegen jede Art leichtfertiger Beschäftigungsprognosen. H. Hofmann und Ch. Saul vom ifo Institut bieten in ihrer Literaturauswertung zum Thema Qualitative und quantitative Auswirkungen der Informationsgesellschaft auf die Beschäftigung nicht die derzeit unmögliche Quantifizierung der Auswirkungen der Informationsgesellschaft auf die Beschäftigten, aber sie sind in der Lage, die durchforschten Studien zu Szenarien zu verdichten und "Schlüsselfaktoren", auf die es mit Blick auf IuK-Technologien und Beschäftigung ankommt, zu bennen: "Die Diffusionsgeschwindigkeit in Abhängigkeit von Infrastruktur- und Preisentwicklung, [der] Einigung auf technische Standards, [der] Anpassung rechtlicher Rahmenbedingungen in Telekommunikation und Rundfunk sowie die Akzeptanz bei privaten Haushalten" (168).

B. Kahin, der an der Harvard University ein Projekt zur Informationsinfrastruktur leitet, macht im ersten Beitrag des Internet Special auf einige Besonderheiten des Internet aufmerksam, das er als ein beispielloses Modell der Infrastruktur- und Diensteentwicklung herausstellt. Um drei seiner Thesen anzuführen: Unter dem Stichwort Konvergenz macht er darauf aufmerksam, daß es im Internet mit dem WWW-Browser ein Zentrum der Konvergenz und einen Dreh- und Angelpunkt der weiteren Entwicklung gibt, "die Grundlage, auf der die zunehmenden Ressourcen, die Funktionalität und die Bandbreite des Internet implementiert werden" (174), und er spitzt den Punkt zu: Der Browser "ist die in Software verkörperte Infrastruktur" (ebd.). Provokant ist für manchen vielleicht auch der folgende Punkt, daß Online-Dienste ein Modell der vertikalen Integration (von Inhalt, Software und Zugang) verkörperten, in dem für das Gesamtpaket gezahlt werden mußte. Im Internet fallen die drei Komponenten Inhalte (Web-Sites), Software (Browser) und Zugang (Internet-Provider) nicht nur auseinander, im Zuge einer "Kosten/Wert-Implosion" gehen die Kosten für die einzelnen Komponenten auch gegen Null: kostenlose Browser, niedrige Einstiegskosten für Anbieter und niedrige Pauschalpreise für den Zugang. Drittens sei erwähnt, daß Kahin im Internet ein gelungenes Modell von Kooperation und Konkurrenz sieht, in dem ein "offener Dialog über Normen" (181) den gemeinsamen Rahmen schafft, in dem dennoch eine starke Konkurrenz zwischen Unternehmen ermöglicht ist.

Der Beitrag von E.-M. Peters behandelt kompetent das Problem des Zusammenschlusses unterschiedlich großer Internet Service Provider aus ökonomischer Sicht und die Frage, wie Kapazitätsengpässe im Internet und Preisgestaltung von Internet-Diensten zusammenhängen sollten. M. Zitterbart schreibt zum Telefonieren im Internet, wobei am Telefonieren exemplarisch die Probleme paketvermittelter Netze mit kontinuierlichen Medien (Sprache, Audio und Video) zur Sprache kommen. Die Protokolle, die das Problem bewältigen helfen könnten - RSVP (Resource Reservation Protocol) und RTP (Realtime Transport Protocol) - werden eingehend auf ihre Implikationen hin diskutiert.

Dann geht es ums Geld, um genau zu sein um Cyber Money. St. Klein - langjährig mit Wertkarten und electronic cash als Forschungsthema befaßt - geht dem Interesse der Banken an digitalen Geldprodukten, vor allem der GeldKarte (Euroscheckkarte mit neuem Chip), nach. Er zeigt, wie sie funktioniert, und weist nach, was hier nicht nachzuzeichnen ist, daß es für die Banken sowohl vorteilhaft ist, a) von Bar- auf Buchgeld umzustellen - und die Geldkarte ist zweifelsfrei ein Instrument, um über Buchgeld (Giralgeld) zu verfügen - und b) nicht-digitale Zahlungsinstrumente wie Schecks, Überweisungen oder eben auch Bargeld durch digitale Formen zu ersetzen. Das Fazit lautet, daß die Kreditinstitute rational handeln, "wenn sie ihr Zahlungsverkehrsangebot, das auf Buchgeld basiert, optimieren, um so möglichst lange elektronisches Bargeld zu verhindern" (210). Es gilt also genau aufzupassen, was wirklich vorliegt, wenn von digitalem Bargeld - ob im Internet oder außerhalb - die Rede ist. Der Artikel kann dazu als Handreichung betrachtet werden.
R. Grimm ergänzt diesen Beitrag sehr gut mit seinen Ausführungen zu Rechts- und Zahlungssicherheit im Internet. Zum einen stellt er auf "technische Herausforderungen an offene Kommunikationsnetze" ab, auf denen verbindliche Formen der Telekommunikation und -kooperation mit Ansprüchen wie Authentizität, Vertraulichkeit, Anonymität stattfinden sollen. Zum anderen überlegt er, inwieweit Sicherheit in offenen Netzen durch Maßnahmen der Selbstorganisation und inwieweit sie nur durch zentral gesteuerte Sicherungsverfahren erbracht werden kann, um schließlich "für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen staatlichen Regelungen und Selbstschutz der Bürger" (219) zu plädieren.

Auch der Beitrag von A. Breiter und P. Zoche paßt noch sehr gut zum Thema Kommerzialisierung des Internet. Unter dem Titel Kommerzialisierung des Internet - was halten Nutzer von den Angeboten? werden Ergebnisse der beiden IST-Umfragen (Projektgruppe von ISI, SWF, Telecooperation Office der Uni Karlsruhe) von 1995 und 1996 vorgelegt. Ein bemerkenswertes Ergebnis: "Insgesamt zeigten die befragten Online-Nutzer eine hohe grundsätzliche Bereitschaft, das Internet als elektronisches Kaufmedium zu verwenden (92% der Befragten)" (224). Die Autoren kommen auch zu dem Schluß, daß elektronischen Zahlungssystemen bei der Weiterentwicklung des Online-Einkaufens eine strategische Bedeutung zufällt: "Die zukünftige Verbreitung vollständiger elektronischer Kaufabwicklungen wird in erheblichem Maße von der (Weiter-) Entwicklung geeigneter elektronischer Zahlungsmöglichkeiten geprägt sein" (225). Im Moment allerdings fehlt noch "das Vertrauen in die im Internet gegebenen Zahlungsmittel" (227).

Abgeschlossen wird das Internet Special mit einem Artikel von E. Klaus, M. Pater und U.C. Schmidt, die aus "geschlechtsspezifischer Beobachtungsperspektive" Radio und Internet einem Vergleich unterziehen. Sie gehen drei leitenden Fragestellungen nach: wie sich die bestehenden Geschlechtsverhältnisse in Technologientwickung und -aneigung ausdrücken, wie Frauen und Männer mit Technik umgehen und schließlich, wie in der Aneignung von Technologien die jeweilige Geschlechtsidentität ausgearbeitet wird (vgl. 230). Der Blick auf die Geschichte des Radios unter dieser Perspektive beweist, daß diese Fragen fruchtbar sind und es wichtig ist, sie für das Internet von Anfang an zu verfolgen, wozu die Autorinnen mit ihrem Beitrag Anregungen und Ansatzpunkte liefern.

Und jeder geht zufrieden aus dem Haus

Dieser relativ genaue Gang durch die erste Hälfte des Jahrbuchs hat gezeigt, daß, wo Licht ist, auch Schatten ist. Das ist für ein Jahrbuch grundsätzlich weder tragisch noch verwunderlich. Es ist ja kein Problem für den Leser, die Perlen nach seiner Interessenlage herauszufinden. Das sozialwissenschaftlich geprägte Interesse des Rezensenten an "Informationsinfrastruktur" und "elektronischem Handel" ließ die Beiträge von Mecklinger, Hofmann/Saul, Klein, Grimm als besonders lesenswert erscheinen. Trotz der geäußerten Zufriedenheit sollen einige kritische Anmerkungen in konstruktiver Absicht nicht verschwiegen werden:

Es sollten keine Beiträge, die für die Buchpublikation vorgesehen sind, teilweise oder ganz auf die Diskette ausgelagert werden. Wenn etwas ausgelagert werden sollte, dann sind es die "zeitsensitiven" Beiträge, die besser im WWW angeboten werden können. Das Sammelsurium von Dokumentation, Auszügen und Manifesten (teilweise ohne den Urheber auszuweisen) auf der Diskette gehörte ebenfalls besser in Form einer Liste von Links auf den WWW-Server und die Diskette (samt Kosten) könnte man sich sparen. Wollte man bei einer Diskettenzugabe bleiben, dann sollte ein klares inhaltliches Konzept erkennbar und das Angebot vielleicht unter einer einheitlichen, attraktiven Softwareoberfläche geboten werden und nicht als lose Dateiensammlung,

Der Versuch, aus dem Jahrbuch eine permanente Veranstaltung zu machen, ist interessant, aber es ist fraglich, ob es den Bedarf an der unendlichen Publikation und permanenten Kommunikation tatsächlich gibt, oder anders gewendet, ob es nicht besser wäre, die Kräfte auf ein Thema, z.B. die Debatte um den Universal Service zu konzentrieren, da dann aber alles daran zu setzen, daß moderiert diskutiert wird, eine aktuelle Dokumentversorgung eingerichtet wird u.v.m.

Was den Schwerpunkt angeht, der - wie bereits betont - hervorragende und spannende Beiträge enthält, wurde eine stärker gestaltende Hand vermißt. Ein ideales Jahrbuch würde sich auszeichnen durch ein klares inhaltliches Konzept, für dessen Einlösung kenntnisreiche Autoren gewonnen werden, die Originalbeiträge in Absprache mit den Herausgebern und Mitautoren verfaßten. Von diesem Ideal ist der diesjährige Schwerpunkt vielleicht weiter als unbedingt nötig entfernt. Außer dem Fehlen informationsökonomischer Fachbeiträge macht sich negativ bemerkbar, daß es sich bei zu vielen Beiträgen um eine Zweitverwertung handelt, nicht nur weil man den einen oder anderen Artikel schon vorher kannte, sondern weil die Ansprache nicht immer stimmt und sich die Beiträge nicht stimmig in das übergeordnete Konzept einfügen. Auch an dem begrüßenswerten Anliegen, aus dem kommerziellen Bereich der Consultants und Marktforschungsinstitute und dem Mangement der Firmen hochkarätige Artikel zu bekommen, sollte man noch verstärkt weiterarbeiten. Ein Beitrag, wie der Mecklingers zeigt, wie belebend und anregend diese Quelle sein kann.

Bibliographische Angaben

Kubicek, H.; Klumpp, D.; Müller, G.; Neu, W.; Raubold, E.; Roßnagel, A. (Hrsg.): Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft 1997. Die Ware Information - Auf dem Weg zu einer Informationsökonomie, R.v. Decker's Verlag: Heidelberg 1997, 98.-- DM


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Neue Werkstoffe - ein interessantes Thema für die Technikfolgenforschung?

Rezension von Martin Socher, ITAS/TAB

Es scheint, als ob sich das Thema "Neue Werkstoffe" zu einem fest etablierten Gegenstand der Technikfolgenforschung entwickelt. Dies kommt nicht unerwartet, spielen doch "Neue Werkstoffe" eine entscheidende Rolle im Rahmen von Produkt- und Produktionsinnovationen. Insbesondere in Deutschland stellt die Werkstofforschung und -entwicklung einen wichtigen Faktor für die Erhaltung technologischer Kompetenz und globaler Wettbewerbsfähigkeit in entscheidenden Technologiefeldern dar. In Deutschland werden außerordentlich erfolgreich Werkstoffe entwickelt und in wettbewerbsfähigen Produkten eingesetzt. Unter dem Einfluß globaler werdender Märkte hat sich in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt der Werkstoffentwicklung verändert. Systeminnovation und ökonomische und ökologische Effizienzsteigerung stehen im Mittelpunkt von Werkstoffentwicklungen, während z.B. Rohstoffunabhängigkeit und Substitution kaum noch eine Rolle spielen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die noch vor kurzem in Deutschland sehr kritisch betrachteten "reifen Technologiefelder" sich zur Zeit zu Konjunkturlokomotiven entwickeln, dabei eigene Innovationen nutzen und zunehmend "Hochtechnologien" wie z.B. die Informations- und Kommunikationstechnologie mit ihren klassischen Produkten vernetzen. Diese Entwicklung vollzieht sich in der chemischen Industrie, im Maschinen- und Anlagenbau und - von Politik und Öffentlichkeit intensiv wahrgenommen - in der Verkehrstechnik. Schon seit längerem stand vor der Verkehrstechnik die Herausforderung, Mobilität mit Ressourcenschonung und Umweltschutz besser in Übereinstimmung zu bringen. Während noch Anfang der 90er Jahre der Weg dahin eher in neuen Antriebskonzepten, leichteren Fahrzeugen und recyclingfähigen Werkstoffen gesehen wurde, basiert heute ein zukunftsfähiges Mobilitätskonzept auf der Verknüpfung moderner Informations- und Kommunikationstechnik mit darauf maßgeschneiderter Verkehrstechnik. In beiden Technikbereichen spielen "Neue Werkstoffe" eine nicht unerhebliche Rolle.

Das vorliegende Buch versucht, die Erforschung und Entwicklung neuer Materialien, dargestellt am Beispiel der Verkehrstechnik, hinsichtlich möglicher Technikfolgen zu beurteilen. Dabei handelt es sich um den Endbericht zum Vorprojekt der "Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen" in Bad Neuenahr-Ahrweiler. Nachdem bereits die Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt" des 12. Bundestages und das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag sich grundsätzlich mit dem Thema "Neue Werkstoffe" beschäftigt haben, legt die Akademie nunmehr einen Bericht vor, in dem für einen konkreten Technologiebereich die Wirkungen "Neuer Werkstoffe" bewertet werden sollen. Im umfangreichen methodischen 2. Kapitel werden zunächst Ansätze für die Erstellung von Prognosen vorgestellt und diskutiert. Dieser lesenswerte Einstieg wendet sich besonders an interessierte Ingenieure und Naturwissenschaftler und stellt die Relevanz der Methodik für das gewählte Thema dar. Für die Entwicklung von Szenarien für den Verkehrsbereich wird ein qualitativer Ansatz gewählt. Es bleibt offen, ob für den Hauptbericht quantitative Annahmen zur direkten Abbildung ökonomischer und ökologischer Folgen und Wirkungen "Neuer Werkstoffe" in der Verkehrstechnik hinzugezogen werden. Eine solche Herangehensweise würde dazu beitragen, der Öffentlichkeit die Bedeutung der dafür notwendigen Entwicklungen transparenter werden zu lassen. Die Vermutung der Autoren, daß eine mangelnde öffentliche Wahrnehmung zu Akzeptanzproblemen bis hin zur Verschiebung in der Forschungsförderung führen kann, wird weder durch die Realität der Forschungsförderung noch durch die Marktfähigkeit auf Werkstoffinnovation basierender Produkte bestätigt. So ist das neue Förderprogramm des BMBF im Bereich der Werkstofftechnologien auf zehn Jahre angelegt und mit ca. 130 Mio DM auch hinreichend mit Fördermitteln ausgestattet. Der Bericht zeigt in diesem Zusammenhang, daß der Einsatz "Neuer Werkstoffe" fast ausschließlich über deren "performance" gesteuert wird, öffentliche Akzeptanz eine offensichtlich untergeordnete Rolle spielt. Dies wird in den Kapiteln 4 und 5 des Berichtes deutlich. Die Darstellung der stofflichen Aspekte in Kapitel 4 bezieht sich nur zum Teil auf den Verkehrsbereich. Dies ist nicht verwunderlich, denn "Neue Werkstoffe", insbesondere Strukturwerkstoffe, sind oftmals vielfältig einsetzbar. Mit angemessenem Umfang wird in Kapitel 5 der Werkstoffeinsatz in der Verkehrstechnik dargestellt. In diesem Kapitel nimmt das Automobil den größten Raum ein. Dies liegt nicht nur an Marktvolumen, Innovationsfreudigkeit und permanenter öffentlicher/individueller Präsenz, sondern auch daran, daß beim Automobil stoffliche Vielfalt mit konstruktiven Verbesserungen einhergeht, aus denen sich Vorteile auf hart umkämpften Märkten ergeben. Dies gilt beim Massenmarkt Automobil mehr noch als bei allen anderen Verkehrsträgern für den ganzen Produktlebenszyklus.

Insgesamt ist der Bericht eine lesenswerte Vorbereitung auf das Hauptprojekt. Dies war auch die Intention der Autoren. Der Leser darf gespannt sein, wie die methodischen Ansätze umgesetzt werden und welche Beurteilungen der Wirkungen und Folgen "Neuer Werkstoffe" in der Verkehrstechnik sich ergeben.

Bibliographische Angaben

H. Harig, A. Grunwald, W.A. Kaysser, Ch.J. Langenbach, R. Renz, G. Schmid: "Technikfolgenbeurteilung der Erforschung und Entwicklung neuer Materialien. Perspektiven in der Verkehrstechnik. Endbericht zum Vorprojekt." Hrsg. von der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler 1997 (Graue Reihe Nr. 4).


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UMWELTBUNDESAMT (Hrsg.):
Nachhaltiges Deutschland - Wege zu einer dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung -.
Berlin: Erich Schmidt, 1997. 355 S. ISBN 3-503-04301-2

Rezension von Juliane Jörissen, ITAS

Die vorliegende Studie wurde von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe "Agenda 21/ Nachhaltige Entwicklung" des Umweltbundesamtes (UBA) erstellt. Wie im Vorwort ausgeführt, soll sie einen Beitrag zur Nachhaltigkeitsdebatte in Deutschland leisten und insbesondere helfen, die sach- und ergebnisorientierte Auseinandersetzung zwischen den Beteiligten zu vertiefen.

Als Ziel einer nachhaltigen, oder hier zutreffender, wie auch schon im Titel formuliert, einer "dauerhaft-umweltgerechten" Entwicklung wird die langfristige Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit betrachtet. Ausgangspunkt ist die Annahme, daß das "System Erde" durch anthropogene Eingriffe wie die Emission von Schadstoffen oder den Raubbau an den natürlichen Ressourcen aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann und sich die menschliche Zivilisation auf lange Sicht selbst zerstört, wenn sie diesem Umstand nicht Rechnung trägt. Künftige Entwicklung ist daher nur in den Grenzen möglich, die durch die Tragekapazität der Umwelt als unüberwindliche Schranke gezogen werden. Die zentrale These der Untersuchung lautet, daß die Menschheit als Ganzes nur dann eine Chance hat, den immer enger werdenden natürlichen Handlungsspielraum optimal zu nutzen, wenn die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen der Naturnutzung grundlegend umgestaltet werden. Dazu will die Studie Wege und Voraussetzungen aufzeigen.

Konzeptioneller Ansatz: Ausgewählte Handlungsfelder

Obwohl die Autoren mehrfach hervorheben, daß eine nationale Politik der Nachhaltigkeit nur Erfolg haben kann, wenn sie alle gesellschaftlichen Teilbereiche umfaßt, beschränkt sich die Studie auf einige beispielhaft ausgewählte Handlungsfelder. Das Kriterium für die Auswahl war der Anspruch, daß die gesamte Palette der mit dem Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung verbundenen Probleme zumindest ansatzweise deutlich werden sollte. Ausgehend von den existentiellen Grundbedürfnissen moderner Gesellschaften werden folgende Bereiche ausführlich behandelt: Energienutzung (Kapitel II), Mobilität (Kapitel III), Nahrungsmittelproduktion (Kapitel IV), Bekleidung (Kapitel V) und Konsummuster (Kapitel VI). Andere Bereiche wie etwa "Bauen und Wohnen", "Tourismus", "Handel" und "Industrie", die die Verfasser der Studie als nicht weniger bedeutsam für die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung betrachten, werden nicht erörtert.

Für die fünf ausgewählten Handlungsfelder wird versucht, das Leitbild der Nachhaltigkeit zu konkretisieren und Schritte zu seiner Realisierung aufzuzeigen. Die erste Stufe der Konkretisierung bilden die bekannten vier in Anlehnung an die Managementregeln der Enquete-Komission "Schutz des Menschen und der Umwelt" entwickelten Handlungsgrundsätze für eine nachhaltige Ressourcennutzung. Auf dieser Basis werden dann jeweils bereichsspezifische Umweltqualitätsziele und Umwelthandlungsziele diskutiert. Um die Spannbreite der möglichen Entwicklung in jedem Problembereich zu verdeutlichen, werden drei verschiedene Szenarien verwendet: Das "Status-quo Szenario" geht von einer Fortschreibung der heute dominierenden Rahmenbedingungen und Werthaltungen aus. Das "Effizienz-Szenario" unterstellt eine deutliche Verringerung der Material- und Energieintensität pro Produkt- bzw. Dienstleistungseinheit, wobei jedoch die vorherrschenden Produktions- und Konsummuster weitgehend erhalten bleiben. Das "Struktur- und Bewußtseinswandel-Szenario" schließlich geht von einer alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erfassenden Trendwende in Richtung auf eine nachhaltige Entwicklung aus. Über die schon im Effizienz-Szenario benannten technischen Möglichkeiten hinaus, betrifft dies vor allem eine gezielte Veränderung der ökonomischen, politischen, rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen. Zeithorizont für alle Szenarien ist das Jahr 2010. Zum Schluß jedes Szenarios wird der unter den jeweils festgelegten Voraussetzungen vorhersehbare Zustand im Lichte des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung bewertet. Diese Bewertung führt in allen Handlungsfeldern zu dem Ergebnis, daß Maßnahmen zur Steigerung der technischen Effizienz allein nicht ausreichen, um eine nachhaltige Entwicklung auf Dauer sicherzustellen. Notwendig sei deshalb, so die Schlußfolgerung der Studie, eine Kombination von technischem Know-how und gezielter Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, wozu in jedem Kapitel ein Katalog bereichsspezifischer Maßnahmen vorgeschlagen wird.

Im Gegensatz zu anderen Studien, etwa der des Wuppertal-Instituts, oder auch den vorliegenden nationalen Umweltplänen anderer Staaten, verfolgt die UBA-Studie ausdrücklich nicht das Ziel, ein flächendeckendes Konzept zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland zu entwerfen. Der Titel der Studie ist insofern irreführend, oder anders formuliert, der Inhalt der Studie wird dem anspruchsvollen Titel nicht gerecht. Wo der Leser eine Gesamtkonzeption erwartet, werden ihm lediglich Umsetzungsstrategien für einige beispielhaft ausgewählte Handlungsfelder geboten. Zur Begründung dieser Beschränkung wird einerseits auf zeitliche Restriktionen und andererseits auf den Umstand verwiesen, daß nicht für alle Problembereiche hinreichende Daten und Fakten vorliegen.

So einsichtig diese Gründe auch sein mögen, bleibt festzustellen, daß sich die Autoren dadurch der schwierigen Aufgabe entzogen haben, ein in sich stimmiges, widerspruchsfreies und nachvollziehbares Erfassungsschema zu entwickeln, das die Gesamtheit der wirtschaftlichen Aktivitäten innerhalb einer Volkswirtschaft (Produktion, Distribution und Konsumtion) abbildet und auf ihre Reformbedürftigkeit hin untersucht. Bei den ausgewählten Problemfeldern handelt es sich zudem im Falle "Energienutzung" und "Konsumverhalten" um querschnittsbezogene Bereiche, im Falle "Mobilität", "Nahrungsmittelproduktion" und "Bekleidung" um bedürfnisorientierte Bereiche. Es läßt sich daher unschwer voraussehen, daß bei dem Versuch, die fehlenden Bereiche einzubeziehen, um zu einer flächendeckenden Darstellung der deutschen Volkswirtschaft zu gelangen, erhebliche Abgrenzungs- und Zuordnungsprobleme entstehen würden. Auch inhaltliche Zielkonflikte etwa zwischen den Bereichen "Mobilität" einerseits und "Bauen und Wohnen" andererseits oder zwischen "Produktion" und "Konsumverhalten" wurden auf diese Weise umgangen. Schließlich ist anzumerken, daß "Energienutzung" und "Mobilität" die beiden in der vorliegenden Nachhaltigkeitsliteratur am ausführlichsten untersuchten Problemfelder darstellen und es sich bei dem Bereich "Bekleidung" um das Schwerpunktthema der 1. Enquete-Kommision "Schutz des Menschen und der Umwelt" handelt.

Nationale Nachhaltigkeitsziele

In Kapitel I wird die Unverzichtbarkeit klarer Zielvorstellungen im Hinblick auf die notwendigerweise zu erreichende Ressourcen- und Umweltschonung unterstrichen. Ohne präzise, quantifizierte und meßbare Ziele sei der Versuch, das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung in die gesellschaftliche Realität Deutschlands umzusetzen, zum Scheitern verurteilt. Mit Nachdruck fordern die Autoren daher die Erstellung von vorsorgebezogenen Umweltqualitäts- und Umwelthandlungszielen. Umweltqualitätsziele sollen den anzustrebenden Zustand der Umwelt charakterisieren (z.B. langfristige Stabilisierung des Klimas) und sind an der Regenerationsrate wichtiger Ressourcen, an der Tragefähigkeit von Ökosystemen und Umweltmedien, am Schutz der menschlichen Gesundheit oder an den Bedürfnissen heutiger und künftiger Generationen orientiert. Umwelthandlungsziele geben dagegen die zur Erreichung des angestrebten Umweltzustandes erforderlichen Schritte an ( z.B. Reduktion der CO2-Emission bis zum Jahre 2005 um 25% gegenüber 1990) und sind an den Grenzen orientiert, die durch die Knappheit der Umweltgüter gezogen werden. Für Stoffströme sollen, so die Forderung des UBA, Umweltqualitätsziele als Mengenreduktionsziele formuliert werden, die angeben, in welchem Umfang die Gesamtfrachten zu vermindern sind, um ein dauerhaft umweltgerechtes Niveau zu erreichen.

In Anbetracht der herausragenden Bedeutung, die hier zu Recht den präzisen, quantifizierten Zielvorstellungen eingeräumt wird, ist es bedauerlich, daß Umweltqualitäts- und Umwelthandlungsziele nie zusammengefaßt und in Form einer Übersicht dargestellt werden. Sie werden vielmehr nur von Fall zu Fall erwähnt, soweit sie in den näher untersuchten Handlungsfeldern eine Rolle spielen. Die auf der letzten Seite eingefügte Tabelle über "Indikatoren und Handlungserfordernisse für ein nachhaltiges Deutschland" enthält keineswegs die gesamte Information, die in den vorangegangenen Kapiteln versteckt ist. Insbesondere in den Kapiteln Energienutzung, Mobilität und Nahrungsmittelproduktion werden eine ganze Reihe von konkreten Zielvorgaben zur Reduktion der Umweltbelastung formuliert, die in der Übersichtstabelle nicht auftauchen. Der Leser, der an einer Gesamtschau der in der Studie vertretenen, präzisen und zum Teil höchst brisanten, da deutlich über die bisher diskutierten hinausgehenden, Forderungen interessiert ist, wird somit gezwungen, sich eine solche Übersicht selbst zu erstellen. Erst danach wird er in der Lage sein, zu beurteilen, inwieweit der Zielkatalog des UBA von anderen vergleichbaren abweicht.

Aufbau der Studie

Kennzeichnend für die Struktur der UBA-Studie ist, daß für jedes Kapitel bewußt unterschiedliche Perspektiven und Vorgehensweisen gewählt wurden. So wird im Kapitel II (Energienutzung), mit dem Argument, daß die Probleme des Klima- und Ressourcenschutzes quasi als Ausgangspunkt der globalen Nachhaltigkeitsdebatte gesehen werden können, die weltweite Situation gleichberechtigt neben der nationalen Entwicklung dargestellt. Dagegen wird das Thema Mobilität (Kapitel III) vornehmlich nach Maßgabe nationaler Umwelthandlungsziele und Maßnahmen betrachtet. Auch im Kapitel IV (Nahrungsmittelproduktion) steht die nationale Sichtweise im Vordergrund, wobei der Schwerpunkt auf die Anforderungen an eine dauerhaft umweltverträgliche Landwirtschaft gelegt wird, ergänzt um Aspekte der Nahrungsmittelindustrie und des Transports. In Kapitel V (Bekleidung) verlagern die Autoren die Perspektive von den Rückständen wirtschaftlicher Aktivitäten auf den Beginn des Produktlebenszyklus, d.h. auf die Inanspruchnahme von Rohstoffen und Energie. Am Beispiel der textilen Kette werden die Grundzüge eines Stoffstrommanagements als strategisches Konzept zur Erhöhung der Ressourceneffizienz skizziert. Während in den vorangehenden Kapiteln die Möglichkeiten einer technischen und strukturellen Veränderung der Produktionsmuster im Vordergrund standen, beschäftigt sich Kapitel VI mit der Bedeutung der Konsummuster für eine nachhaltige Entwicklung. Die generelle Rolle des Konsums und der Lebensstile der Industriegesellschaft werden problematisiert sowie Ansatzpunkte für eine Beeinflussung der Ge- und Verbrauchsgewohnheiten erörtert, wobei allerdings nicht nach Sektoren oder Bedürfnisfeldern differenziert wird.

Dieser unterschiedliche Aufbau der Kapitel, der von den Autoren als notwendig angesehen wurde, um den spezifischen Aspekten der verschiedenen Handlungsfelder gerecht werden zu können, hat den Nachteil, daß er dem Leser die Übersicht erschwert und einen Vergleich der Ergebnisse praktisch unmöglich macht. So wird z.B. der Aspekt des Stoffstrommanagements nur im Kapitel über Bekleidung ausführlich beleuchtet, obwohl er letztlich für alle ausgewählten Handlungsfelder eine mehr oder weniger große Bedeutung hat. In ähnlicher Weise kommen die internationalen Aspekte und die weltweite Dimension der Probleme nur im Kapitel Energienutzung zur Sprache, obwohl sie etwa für die Bereiche Nahrungsmittelproduktion und Bekleidung eine vergleichbar wichtige Rolle spielen. Der von den Verfassern der UBA-Studie vertretenen Auffassung, "daß eine einheitliche Strukturierung der unterschiedlichen Handlungsfelder in Anbetracht der Vielschichtigkeit der Nachhaltigkeitsproblematik nicht zweckmäßig sei", kann nicht gefolgt werden. Vielmehr erscheint im Interesse der Lesbarkeit gerade ein einheitlicher Aufbau der Kapitel, etwa nach dem Muster: Ist-Analyse, Trends, Realisierungswege und -bedingungen, Instrumente sinnvoll. Um eine Vergleichbarkeit der Problematik in unterschiedlichen Handlungsfeldern zu gewährleisten, wäre außerdem zu fordern, daß die Bestandsaufnahme jeweils nach den gleichen Kriterien (z.B. Rohstoff- und Energieverbrauch, Abfallaufkommen, Schadstoffemission, Flächenverbrauch, etc.) erfolgt.

Zur sozio-ökonomischen Verträglichkeit einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie

Auch wenn die UBA-Studie auf die ökologische Problemdimension fokussiert ist, heißt das nicht, daß ökonomische und soziale Aspekte aus Sicht der Autoren völlig ausgeschlossen bleiben sollten. Vielmehr wird an verschiedenen Stellen auf den vom Rat von Sachverständigen für Umweltfragen eingeführten Begriff der "Retinität" (Vernetzung) Bezug genommen und betont, daß ökologische, ökonomische und soziale Faktoren nicht länger abgehoben voneinander betrachtet oder gar gegeneinander ausgespielt werden dürften, sondern jeweils in ihrer gegenseitigen Abhängigkeit zu sehen seien. Mehrfach wird hervorgehoben, daß ein aus ökologischen Gründen als notwendig erachteter, tiefgreifender Strukturwandel der Gesellschaft nur durchsetzbar sei, wenn er als langfristiger, ökonomisch und sozial verträglicher Prozeß ausgestaltet werde.

Trotz dieser Beschwörung macht die Studie keinen Versuch, die Wirtschafts- und Sozialverträglichkeit einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung zu operationalisieren. Sie begnügt sich vielmehr mit dem Hinweis, daß bisher keine sozialwissenschaftliche Theorie beanspruchen könne, "Sozialverträglichkeit konkret benennen oder auch nur genauer umschreiben zu können". Es trifft zwar unbestreitbar zu, daß die Operationalisierung der ökonomischen und sozialen Dimension einer nachhaltigen Entwicklung noch in den Anfängen steckt und daher die bisher vorliegenden Versuche, Kriterien, Ziele und Indikatoren zu definieren, höchst kontrovers beurteilt werden. Dennoch oder gerade deshalb wäre ein Überblick über den aktuellen Stand der Arbeiten zu diesem Thema für den Leser sicher sehr hilfreich gewesen.

Globalität

Trotz der Erkenntnis, daß weltweite Probleme wie der anthropogen verursachte Treibhauseffekt oder die Zerstörung der stratosphärischen Ozonschicht weder von einem Land allein verursacht werden, noch von einem Land allein aufgehalten werden können, beschränken sich die Handlungsempfehlungen der UBA-Studie auf die Bundesrepublik Deutschland. Diese Einschränkung wird zum einen damit begründet, daß den reichen Industrienationen eine größere Verantwortung für den Übergang zu einer nachhaltigen Entwicklung zukomme, zum anderen damit, daß Deutschland aufgrund seiner ökonomischen sowie wissenschaftlich-technischen Potenz besonders geeignet sei, hierbei eine Vorreiterrolle zu übernehmen. Gleichzeitig wird eine frühzeitige Anpassung an eine Politik der Nachhaltigkeit durch die Entwicklung entsprechender Techniken, Wirtschafts- und Verhaltensweisen auch als Möglichkeit gesehen, einen Wettbewerbsvorsprung und somit langfristig ökonomische und gesellschaftliche Vorteile zu erringen.

Gegen eine solche Beschränkung auf nationale Handlungsstrategien wäre nichts einzuwenden, wenn die Stellung Deutschlands als wichtiger Exporteur und Importeur von Gütern und Rohstoffen näher untersucht und die möglichen Auswirkungen einer Trendwende in Deutschland auf andere Staaten problematisiert würden, was aber nur ganz am Rande geschieht. Die in allen internationalen Verhandlungen wichtige Frage, inwieweit eine rigorose Durchsetzung nachhaltigen Wirtschaftens in den Industrieländern vereinbar wäre mit den berechtigten Interessen der Entwicklungsländer, ihren Lebensstandard zu verbessern, wird in der UBA-Studie nicht gestellt. So könnten z.B. ordnungspolitische oder steuerliche Maßnahmen zur Reduktion des Stoff- und Energieverbrauchs in den Industriestaaten erhebliche Einbußen bei den Exporteinnahmen für viele Länder des Südens zur Folge haben oder aber zu einer Standortverlagerung der besonders stoff- und energieintensiven Produktionszweige vom Norden in den Süden führen, was die ohnehin schon prekäre Umweltsituation dieser Länder weiter verschärfen würde. Die Entwicklung einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie, die solche potentiellen Auswirkungen auf die Situation anderer Länder nicht einbezieht, erscheint daher zu kurz gegriffen.

Maßnahmen und Instrumente

Das abschließende Kapitel VII enthält eine übergreifende Darstellung der zur Verfügung stehenden Maßnahmen und Instrumente, mit deren Hilfe eine nachhaltige Entwicklung in Deutschland umgesetzt werden könnte. Im Gegensatz zu den vorangegangenen Kapiteln geht es hier nicht nur um das bereichsspezifische Instrumentarium bezüglich der behandelten Problemfelder, sondern um die generelle Frage, wie die als notwendig erachtete Anpassung von Wirtschaft und Gesellschaft eingeleitet werden könnte. Dabei werden drei verschiedene Ansatzpunkte einer Reform geprüft:

Während andere Studien häufig nur auf ein Instrument oder eine Kategorie von Instrumenten setzen, etwa die ökologische Finanzreform, plädiert die UBA-Studie explizit für einen jeweils "problemadäquaten Instrumentenmix", der das gesamte Repertoire von ordnungs- und planungsrechtlichen über ökonomische bis hin zu pädagogischen Instrumenten nutzt. Über dieses Repertoire einsetzbarer Instrumente gibt die Studie einen sehr guten Überblick, verzichtet allerdings sowohl auf eine Prioritätensetzung wie auf eine Analyse der potentiellen sozio-ökonomischen Konsequenzen. Es geht den Autoren, wie sie selbst hervorheben, lediglich darum, eine "erste Skizze" des Instrumentariums zu zeichnen, mit dem sich eine nachhaltige Entwicklung fördern ließe.

Resümee

Wie oben ausgeführt erhebt die UBA-Studie nicht den Anspruch, ein flächendeckendes Konzept zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung in Deutschland zu erarbeiten, sondern beschränkt sich bewußt auf ausgewählte Handlungsfelder. Sie bietet dementsprechend auch keinen umfassenden Überblick über die heute gegebene Ausgangssituation. Weiterhin verzichtet sie auf eine ausführliche Analyse der möglichen sozio-ökonomischen Folgewirkungen der vorgeschlagenen Umsetzungsstrategien und Instrumente. Dies hat zur Konsequenz, daß sich die Studie in manchen Teilen eher wie der Entwurf zu einer noch durchzuführenden detaillierteren Untersuchung liest. Gleichwohl enthält sie viele Aspekte, z.B. was die Entwicklung von Szenarien zur Beschreibung verschiedener vorstellbarer Zukünfte anbetrifft oder die Formulierung konkreter Zielvorgaben zur Reduktion der Umweltbelastung, schwerpunktmäßig in den Bereichen Energienutzung, Mobilität und Nahrungsmittelproduktion, die durchaus dazu angetan sind, die sachbezogene Auseinandersetzung zwischen den beteiligten Akteuren zu beleben, wie es die Absicht der Autoren war. Bemerkenswert ist allein schon die Tatsache, daß sich im Umweltbundesamt -einer nachgeordneten Bundesbehörde - über alle Ressortgrenzen hinweg ein Arbeitskreis "Agenda 21/ Nachhaltige Entwicklung" konstituiert hat, der einen eigenständigen Beitrag zur aktuellen Debatte vorlegt und dabei auch die kritische Auseinandersetzung mit der offiziellen Umweltpolitik der Bundesregierung nicht scheut. Der Wert der Studie liegt somit weniger darin, daß sie ganz neue Detailinformationen liefern würde, sondern daß sie klare Positionen bezieht, die den Prozeß der gesellschaftlichen Konsensfindung vorantreiben können.


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"Advances in the Philosophy of Technology"

Bericht über die wissenschaftliche Jahrestagung der Académie Internationale de Philosophie des Sciences 1997 -
Academic Session, Karlsruhe, 20 - 24 May 1997

von Prof. Dr. phil. h.c. mult. Hans Lenk, Universität Karlsruhe

Unter dem Leitthema "Advances in the Philosophy of Technology" war die diesjährige Jahrestagung der Académie Internationale de Philosophie des Sciences an der Universität Karlsruhe den neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Technikphilosophie gewidmet. Vor dem Hintergrund einer beschleunigt zunehmenden Bedeutung der Technik und Technikwissenschaften in fast allen Gesellschaftsbereichen sowie der Entwicklung und Verbreitung neuer gesellschaftsvernetzender Informations-, Kommunikations- und Verkehrstechniken wandelt sich auch der Technikbegriff. Alle diese Entwicklungen bedürfen einer erneuten philosophischen Reflexion. Dies gilt um so mehr, als die Neuen Technologien (von der Medientechnologie über den Einsatz "intelligenter" Systeme bis hin zur Reproduktionsmedizin und Gentechnik) Eingang auch in den Alltag finden und manche lebensweltlichen Selbstverständlichkeiten dramatisch verändern. Die Beiträge der Tagung waren daher neben allgemeinen begrifflichen und strukturellen Bestimmungen der Technik und Technologien im Verhältnis zu den Naturwissenschaften auch der gesellschaftlichen Stellung der Technik und ihrem Verhältnis zum gegenwärtigen Weltbild gewidmet. Besonderes Augenmerk galt dabei auch den philosophisch-ethischen Fragen der Technikbewertung unter Gesichtspunkten der Sozial- und Umweltverträglichkeit, die sich etwa aus den neuen Bio-, Medien- und Umwelttechnologien ergeben.

Die Internationale Akademie für Philosophie der Wissenschaften (Académie Internationale de Philosophie des Sciences), Brüssel, ist die Weltakademie für Wissenschaftstheorie. Sie hat derzeit in 20 Ländern 94 Mitglieder, die besonderes internationales wissenschaftliches Renommé genießen. Die Jahrestagungen behandeln jeweils ein ausgewähltes aktuelles Forschungsthema der Wissenschaftsphilosophie. Außer den Mitgliedern werden weitere Wissenschaftler - besonders auch herausragende Nachwuchswissenschaftler - des jeweiligen Gebietes zu Vorträgen und Diskussionen bei der Academic Session eingeladen. Es nahmen 65 Wissenschaftler aus 12 Ländern an der Tagung teil.

Mit der diesjährigen Auswahl des Tagungslandes Deutschland würdigte die Weltakademie der Wissenschaftsphilosophen zugleich die Vorreiterrolle deutscher Philosophen auf dem Gebiet der Technikphilosophie, die nicht zuletzt gerade an der Universität Karlsruhe eine besondere Tradition besitzt.

Bislang hatte sich die Technikphilosophie weitgehend eher der traditionellen Realtechnik gewidmet. Die seit einigen Jahrzehnten schon absehbare Entwicklung zur Informations- und Systemtechnologie sowie die Verwissenschaftlichung der Technikdisziplinen haben insgesamt einen Übergang zu einem "technologischen Zeitalter", genauer: zu einem system- und informationstechnologischen Zeitalter (Lenk 1970), bewirkt, dessen Beschreibung und Analyse notwendig ist und zumal auch philosophisch-methodologisch zu neuen Gesichtspunkten der Technikphilosophie und der generellen Methodologie der Technikwissenschaften ("Wissenschaftstheorie der Technikwissenschaften") führen mußte. Unter diesem Aspekt sind bislang nur wenige Einzelarbeiten zu Fragen der Informationstechnologie und der Biotechnologie - kurz, der Neuen Technologien - verfaßt worden, Arbeiten, die noch zu wenig in einen übergreifenden Gesamtzusammenhang der Wissenschaftstheorie der Technikwissenschaften und einer umfassenderen Philosophie der Technik und des system- und informationstechnologischen Zeitalters wie auch der entsprechenden gesellschaftlichen Entwicklungen integriert worden sind. Besonders die neueren Technologien der Informationselektronik, der Multimediatechnik, der Biotechnik sind bislang kaum einer integrierten philosophischen Forschungsperspektive unterworfen oder im Rahmen einer integrierten Technikphilosophie gedeutet worden. Entsprechend dem raschen technischen Wandel unter dem Aspekt der Informatisierung, der systemtechnischen und organisationstechnologischen Überformungen, interdisziplinären Integrationen, ja teilweise Mutationen, der technischen Disziplinen und ihrer Verklammerung mit allen gesellschaftlichen Bereichen des modernen Lebens ist die Philosophie der Technik herausgefordert, einen neuen Ansatz zu leisten, der diesen schnellen Entwicklungsschüben gerecht zu werden vermag. Dazu bedarf es integrierter Sichtweisen und der Berücksichtigung der methodologischen Spezialprobleme der entsprechenden Technikdisziplinen, der gesellschaftlichen Verankerung der entsprechenden innovierten oder in Entwicklung bzw. Implementation befindlichen Techniken und Technologien, zumal der Systemtechnik, Computertechnik, Biotechnik, aber auch der Multimediaansätze, der neuen computergraphischen Konstruktionslehren. Ebenso nötig erscheint die Aufarbeitung der methodologischen, informationellen und ethischen Gesichtspunkte der neuen Biotechniken (einschließlich der Gentechnik) und - last but not least - der technischen Aspekte der möglichen Kontrollen und Steuerungen von komplexen dynamischen Systemen, die u.U. chaotisches Verhalten (im Sinne der Chaostheorie nichtlinearer deterministischer Systeme mit drei und mehr Freiheitsgeraden, aber auch einer weitgehend erst zu entwickelnden Theorie entsprechender probabilistischer komplexer Systeme) zeigen können und Anlaß zur Entwicklung einer entsprechenden "Chaos-Technik" geben dürfte. (Einige Steuerungsverfahren wie das OGY-Verfahren gibt es bereits.)

Insbesondere zu diesen neuen Ansätzen liegen bislang, wie angedeutet, keine integrierenden methodologischen Untersuchungen vor. Eine wichtige Aufgabe der Diskussion auf der Karlsruher Tagung war es, die Begriffe "Technik" und "Technologie" unter diesen Herausforderungen der neuen Entwicklungen zu überprüfen, entsprechend dem Stand der Entwicklung neu zu definieren sowie präziser und praxisnäher zu fassen.

Der Präsident der Internationalen Akademie, Agazzi, eröffnete die Academic Session mit einer Begriffsanalyse der Beziehungen zwischen "Technik", "Technologie" und "Wissenschaft". Der grundlegende thematische Einführungsvortrag des Kongreßleiters "Advances and New Characteristics of Technologies" gab eine allgemeine Übersicht über die Konzepte des Fortschritts in der Technik und über mögliche jüngste Herausforderungen für das Fortschreiten der Technikphilosophie angesichts der dramatischen Veränderungen zur Systemtechnik, Informationsgesellschaft und zu globalen Sozio-Öko-Techno-Systemen. Dabei wurden kennzeichnende neue Charakteristiken, zumal der Neuen Technologien, in den Vordergrund gestellt wie z.B. Systemhaftigkeit, Funktionalität und Formalität der Verfahren, Multiverwendbarkeit und Aspektvielfalt, Schichtenbildung der Zugriffsweisen, Informatisierung und Computerisierung, Virtualisierung und Multimediatechniken, Verwissenschaftlichung der Techniken zu Systemtechnologien sowie Technisierung oder Technologisierung der Wissenschaften.

Der Key Note Speaker Bunge/Kanada war zwar kurzfristig verhindert, wird aber seinen Beitrag für die zu veröffentlichende Fassung nachliefern. In seinem angekündigten Beitrag wie auch in den Beiträgen von dem Past President der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland, Poser/Berlin, und von Mac Cormac/North Carolina, USA, werden die Übereinstimmungen und Unterschiede sowie inneren Verflechtungen von Technologien, angewandter Wissenschaft und Grundlagenwissenschaft differenziert vom methodologischen Aspekt durchanalysiert. Poser ging es dabei eher um Strukturdifferenzen bei Grundorientierungen, um Methodologien und Bewertungen zwischen wissenschaftlichem und ingenieurmäßigem Vorgehen, MacCormac verwies auf Asymmetrien struktureller Art - insbesondere in Hinsicht auf angewandte Forschung mit Blick auf Neurowissenschaften und die diesen zugeordneten Technologien. Hronszky/Budapest diskutierte die ältere Techniktheorie von Bunge unter dem Gesichtspunkt des Kuhnschen Paradigmabegriffs. Auch Cordero/New York behandelte von wissenschaftstheoretischer und grundlagenorientierter Seite her die Probleme der Theoriebildung in Technik und technologischen Bereichen.

Shapere/North Carolina, USA, beleuchtete die methodologischen und wissenschaftstheoretischen Aspekte eher aus wissenschaftsgeschichtlicher Sicht unter der Fragestellung nach Theorie-Praxis-Problemen des kumulierenden Wissenszuwachses durch wissenschaftliche und technologische Forschung wie auch unter dem Entdeckungsgesichtspunkt.

Das Lernen aus bisherigen Erfahrungen und die Kumulation der Wissensbestände war denn auch das Thema der Sektion über Technologie und Gesellschaft, soweit die Anwendungsaspekte betroffen sind: Krohn/Bielefeld wies auf Erfahrungen mit der Sozialeinbettung und dem sozialen Umgang mit Technologien am Beispiel der Müllverwertungstechnologien hin. Rammert/Berlin, Leidlmair/Innsbruck sowie Kanitscheider/Gießen analysierten zumal die Beziehungen zwischen neuen Technologien und Medien sowie heutigen und künftigen Kommunikationssystemen als besonderen Herausforderungen einer sozial eingebetteten Technologieplanung, -steuerung und -implementation. Die allgemeineren Implikationen grundlagentheoretischer Art zogen Rohpohl/Frankfurt für eine passende, an der Ingenieurwissenschaft orientierte, aber allgemeiner ausgerichtete Systemtheorie soziotechnischer Systeme sowie Tondl/Prag in wissenschaftstheoretischer Hinsicht in bezug auf die Informationsdimensionen technischer Gegenstände und technologischer Verfahren sowie Systeme. Die Computertechnologie und die Evolutionsprobleme unter methodologischem und systemtheoretischem Gesichtspunkt stellte eine Reihe von Beiträgen in den Mittelpunkt: Während van Brakel/Löwen telematische Lebensformen und entsprechende Spielmodelle in den Vordergrund stellte, analysierten Mainzer und Leiber (beide Augsburg) Formen der Künstlichen Intelligenz und der Modelle künstlichen Lebens (künstliche Evolutionsmodelle) unter dem Gesichtspunkt komplexer dynamischer Systeme, wobei Leiber besonders auf die Theorie des deterministischen Chaos in Anwendung auf komplexe technologische Systeme abhob.

Küppers/Jena diskutierte den strukturellen semantischen Aspekt der biologischen Informationsgenese, Cérézuelle/Bordeaux brachte die Umwelttechnik unter dem Gesichtspunkt des Schutzes der Ökosysteme in die technikphilosophische Diskussion ein und stellte den Übergang zu ethischen Problemen her, die unter dem Gesichtspunkt von Albert Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben von Frau Havas/Budapest und unter dem Aspekt der Referenz- und Wertzuordnungen bei Risikoentscheidungen von Huning/Düsseldorf diskutiert wurden.

Zur Problematik der Technikfolgenabschätzung nahmen der Vorsitzende und das Vorstandsmitglied der Baden-Württembergischen Akademie für Technikfolgenabschätzung, Mohr und Renn, in praxisnaher Weise Stellung, wobei besonders die deskriptive und wissenschaftsnahe Technikextrapolation und Szenariovorausschau im Vordergrund standen. Diese Beiträge führten zu besonders spannenden und kontroversen Diskussionen mit Vertretern einer eher normativ orientierten Technikbewertung.

Weitere interessante Sektionsbeiträge stellten die Vermischung zwischen technologischen und wissenschaftlichen Zugangsweisen am Beispiel bestimmter Teilgebiete oder wissenschaftlich-technologischer Verfahren in den Vordergrund - z.B. der präparativen Chemie (Schummer/Karlsruhe) oder der Beobachtungstechnik in der Astronomie und Kosmologie (Mosterin/Spanien).

Es wurde ein weiter Bogen von Grundlagenfragen der Technikphilosophie - zumal angesichts der neuen Herausforderungen und Strukturen der system- und informationstechnischen Welt, der Systemtechnowelt, bis hin zu praktischen Anwendungsfragen der Technikfolgenabschätzung, der ethischen und ökologischen Probleme der Technikverbindung geschlagen. (Die Gentechnik, generell Biotechnologien müßten - auch für die geplante Veröffentlichung - noch etwas stärker akzentuiert werden.) Die Tagung wies durchaus eine Reihe von neuen Ansatzpunkten und herausfordernden Aspekten auf, wenn sie auch nicht zu einer umfassenden Theorie der Technik bzw. einer einheitlichen systematischen Philosophie der Technik führen konnte (Durbin/USA z.B. sah Fortschritte der Technikphilosophie weniger in den philosophischen Diskussionen als in der praktischen Engagiertheit und aktiven Mitarbeit von technikphilosophisch orientierten Ingenieuren und Bürgern z.B. in Ökobewegungen, Ethikkommissionen und Planungsstäben, während Spinner/Karlsruhe keinen nennenswerten Fortschritt der philosophischen Beiträge zur Technik seit Gehlen zu sehen glaubte, was nachdrücklich von den anwesenden herausragenden Technikphilosophen bestritten wurde. Auch eine Reihe von Beiträgen der Tagung selber widerlegte diese allzu pessimistische Einstellung, zumal in vielen Ländern - etwa USA und Rußland - Technikphilosophie eine etablierte Teildisziplin der Philosophie ist und vielfältige Beiträge in den letzten Jahrzehnten geleistet und veröffentlicht worden sind. So hat also die Tagung insgesamt einen anregungsreichen und positiven Verlauf genommen, der durch die geplante Dokumentation weiterwirken dürfte.

Es ist sicherlich ein wichtiges Signal dieser wissenschaftlichen Konferenz der Internationalen Akademie für Wissenschaftsphilosophie, der Weltakademie der Wissenschaftstheoretiker, daß diese sich erstmals ausführlich einem "angewandten" Thema wie diesem der Technik und der Technikwissenschaften widmete.

Was Karl Jaspers kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als unser Hauptschicksal (die Bestimmung unserer Lage durch die Technik) vorausgesagt hat, ist in einem viel stärkeren Maße eingetreten, als man das seinerzeit voraussehen konnte: Gerade die geradezu exponentiell um sich greifenden Entwicklungen in den system-, informations- und organisationstechnischen Verfahren sowie der technische Fortschritt und sein Einfluß auf die Entwicklung der modernen Gesellschaften haben dazu geführt, daß Technik und zumal die verwissenschaftlichten Technologien viel stärker unsere Weltbeziehungen sowie Weltauffassungen beeinflussen, als herkömmliche Entwürfe vermuteten bzw. in differenzierterer bereichsspezifischer Weise voraussehen konnten. Diesen Einfluß der technologischen Entwicklungen und der philosophischen Reflexionen sowie der gesellschaftlichen Interpretationen dieser erweiterten und der neuen Technologien auf das gegenwärtige und künftige Weltbild zu erörtern, das war eine Hauptherausforderung des Kongresses. Dies konnte ansatzweise eingelöst werden, sollte aber künftig detaillierter weiterverfolgt werden - sowohl in der philosophischen Grundlagendebatte als auch bei bereichsspezifischen und anwendungsnahen praktischen Problemstellungen wie der Technikfolgenabschätzung und -bewertung. Die geplante zu veröffentlichende englischsprachige Dokumentation des Kongresses soll dazu einen international wirksamen Anstoß geben.

Zu entwickeln sind dabei neue Aspekte hinsichtlich der Zueinanderordnung von technischen Verfahren und wissenschaftlichen Verallgemeinerungen sowie Theoriebildungen und - last but not least - gewichtige Gesichtspunkte zur Entwicklung einer bislang fehlenden integrierten Methodologie der Technikwissenschaften bzw. Wissenschaftstheorie der Technikwissenschaften. Hierbei sind besonders die Systemansätze, Verfahrensformalisierungen und -optimierungen sowie die neuen Charakteristiken der Neuen Technologien, die sozio-ökotechnischen Implikationen (Human-, Sozial- und Umweltverträglichkeit) und der gesellschaftliche sowie der epochal-historische Charakter samt der Globalisierungseffekte in der künftigen system- und informationstechnologischen Gesellschaft verstärkt zu berücksichtigen.


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AKTAB-Tagung 26.6.97 in Aachen
"Zukunft der Technikfolgenabschätzung in Nordrhein-Westfalen"

Tagungsbericht

Der Arbeitskreis für "Technikfolgenabschätzung und -bewertung" des Landes NRW (AKTAB) [siehe auch TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 1, März 1996, S. 35] veranstaltete am 26.06.97 in Aachen eine Tagung, um seine Aktivitäten einer interessierten (Fach-)Öffentlichkeit vorzustellen und mit den Teilnehmer/-innen zu diskutieren, welchen Stellenwert Technikfolgenabschätzung bei der Zukunftsorientierung von Wissenschaft, Wirtschaft und Technik in Nordrhein-Westfalen einnehmen kann. Dazu kamen ca. 100 Gäste aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, vornehmlich aus NRW, nach Aachen.

Der Vorsitz des interdisziplinären Arbeitskreises obliegt seit dem 1. Januar 1996 für zwei Jahre Herrn Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning von der RWTH Aachen, der diese Tagung auch im Aachener Technologiezentrum organisiert hatte. Der interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitskreis wurde 1992/93 unter Federführung des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums mit dem Ziel eingerichtet, Koordination und Austausch zwischen verschiedenen Institutionen der Technikfolgenabschätzung in NRW zu fördern - dabei wurde dem Vernetzungsgedanken unterschiedlicher Institute und Projekte der Vorzug gegeben vor einer einzigen großen TA-Institution wie in Baden-Württemberg oder Rheinland-Pfalz.

Bei der Tagung in Aachen standen insbesondere die Themenfelder "Mobilität", "Methoden der Technikfolgenabschätzung", "Diskurse zu industrieller TA" sowie "Bio- und Gentechnologie" im Mittelpunkt, die u.a. auch durch entsprechende laufende Projekte des AKTAB bearbeitet werden.

Als Beispiel für ein erfolgreiches industrielles Projekt mit vielen TA-Elementen wurde der Aufbau eines ökologieorientierten Technologieparks durch den Textilveredler Windel in Bielefeld vom Geschäftsführer der Fa. Windel, Herrn Christian Meyer-Stork vorgestellt, der auch Mitglied des AKTAB-Wirtschaftsbeirats ist. Bei Windel wurde 1992 in Kooperation mit dem HDZ/IMA der RWTH Aachen die Zukunft der fixkostenintensiven Textilveredlung abgeschätzt und wegen der zu erwartenden ungünstigen ökologischen, sozialen und ökonomischen Folgen als so nicht zukunftsfähig bewertet. Bei der Erarbeitung möglicher alternativer Gestaltungsoptionen entstand das Konzept "Öko-Tech-Park" und Standortleasing, bei dessen Umsetzung mittlerweile durch die gemeinsame Nutzung von Dampf, Wasser, Strom und Kläranlagenkapazität durch mehrere neu angesiedelte Mieter positive ökologische und ökonomische Veränderungen erreicht und neue Arbeitsplätze geschaffen wurden.

Neben der an dem Projekt "Windel" verdeutlichten punktuellen Gestaltungschance von TA mit der Methodik "Technikfolgenabschätzung - Technikbewertung - Technikgestaltung" wurde TA als Diskurs-, Offenlegungs- und "Rationalitäts-Schaffungs-" Verfahren bei übergreifenden Technologien diskutiert und seine Wichtigkeit für die Stärkung zukunftsfähiger Entwicklungspfade - vornehmlich orientiert am Leitbild der "Nachhaltigen Entwicklung" - unterstrichen. Wenig Dissens gab es diesbezüglich auch in der abschließenden Podiumsdiskussion, in der Vertreter der Parteien, eines Umweltinstitutes und der Technologieberatungsstelle des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) mit unterschiedlichen Akzentuierungen eine TA forderten, die Betroffene und Bürger systematisch beteiligt, in verständlicher Sprache argumentiert und als Ergebnis Gestaltungsoptionen auf der Basis offengelegter Werte erarbeitet. Während hierbei die Vertreterin der CDU, Frau Hopp, grundsätzliche Technikbejahung an den Ausgangspunkt von TA gesetzt haben wollte, warb die Mehrheit der aktiven Diskussionsteilnehmer für unvoreingenommene Offenheit zu Beginn von TA-Projekten.

Nach Einschätzung aller Tagungsteilnehmer wird TA in Zukunft stärker als Innovationsfolgenabschätzung in den Feldern Technik, Organisation, Personal, Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft an Bedeutung gewinnen, wobei das Ziel besteht, mit dem Instrumentarium der TA beizutragen, Innovationen zukunftsorientiert und in Richtung ethischer Werte und menschlicher und ökologischer Überlebensfragen mitzugestalten.

Abschließend nahm Herr Prof. Henning die Anregung aus dem Plenum, TA durch bürgernahe Medienarbeit, die sich z.B. auch in verständlicher Sprache, knappen Zusammenfassungen oder bunten Heften statt dicken Wälzern mit Bleiwüsten äußern kann, dankbar auf. Er wies auf die gerade erschienene Selbstdarstellung des AKTAB hin und drückte Wunsch und feste Absicht aus, mit dem TANetzwerk in Zukunft noch stärker zur Innovationsbelebung und Innovationsgestaltung in NRW beizutragen.
(Pressemitteilung)

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. Klaus Henning
Ellen Olbertz, M.A.
HDZ/IMA, RWTH Aachen
Dennewartstr. 27
D-52068 Aachen
Tel.: + 49 (0) 241/9666-0
Fax: + 49 (0) 241/9666-22

[Die neue Broschüre des AKTAB, erschienen Juni 1997, kann per Fax über die oben angegebene Adresse, Frau Ellen Obertz, bezogen werden.]


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- BÜCHER KURZ VORGESTELLT -

OECD/International Energy Agency (IEA) (ed.):
Renewable Energy Policy in IEA Countries.
Vol. 1: Overview. Paris, 1997.

OECD/International Energy Agency (IEA) (ed.):
Biomass Energy: Key Issues and Priority needs.
Proceedings. Paris, 1997

WERNER RAMMERT, GOTTHARD BECHMANN (Hrsg.):
Technik und Gesellschaft - Jahrbuch 9: Innovation - Prozesse, Produkte, Politik.
Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1997

WERNER FRICKE (Hrsg.):
Jahrbuch Arbeit und Technik 1997. Globalisierung und institutionelle Reform.
Bonn: J.H.W. Dietz Verlag, 1997.

JULIANE JÖRISSEN unter Mitarbeit von Gotthard Bechmann:
Produktbezogener Umweltschutz und technische Normen - Zur rechtlichen und politischen
Gestaltbarkeit der europäischen Normung.
Köln: Carl Heymanns Verlag, 1997

EGON BECKER (Hrsg.):
Soziale Ökologie und Sustainable Development. Jahrbuch für sozialökologische Forschung 3.
Institut für sozial-ökologische Forschung. Frankfurt: Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1997.

RUDI SCHMIEDE (Hrsg.):
Virtuelle Arbeitswelten. Arbeit, Produktion und Subjekt in der "Informationsgesellschaft".
Berlin: Edition Sigma, 1996.

RAIMUND WERLE, CHRISTA LANG (Hrsg.):
Modell Internet? Entwicklungsperspektiven neuer Kommunikationsnetze.
Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1997.

UTE HOFFMANN: Panic Usenet. Netzkommunikation in (Un-)Ordnung.
WZB, Berlin 1997


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OECD/International Energy Agency (IEA) (ed.):
Renewable Energy Policy in IEA Countries.
Vol. 1: Overview. Paris, 1997, 60 pp. FF 70, US$ 14, DM 20,--.
ISBN 92-64-15495-7

Increased use of renewable energy sources can help governments achieve a wide range of policy goals such as improved energy security and diversity, reduced emissions of greenhouse gases and pollutants such as Sox and Nox and increased levels of technology exports. The many reasons for promoting renewable energy, particularly in light of current and future environmental commitments have led IEA countries to develop or strengthen renewable energy promotional programmes and policies.

This report provides a comprehensive overview of the renewable energy policies currently in place in IEA countries, as well as the status and likely evolution of renewable energy use in the IEA. The different policies used to promote renewable energy are classified and described and their effectiveness is assessed. These policies are expected to result in a greater share of renewables, especially new renewables such as wind and solar, in the IEA's energy mix.


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OECD/International Energy Agency (IEA) (ed.):
Biomass Energy: Key Issues and Priority needs.
Proceedings. Paris, 1997, 478 pp., FF 320, US$ 63, DM 94,--.
ISBN 92-64-15564-3

Biomass is a critical component in the world energy picture with ramifications for many other sectors including environment, industry and trade. Biomass energy accounts for about 15 % of world energy supply; in some developing countries, however, it can represent more than 90 % of total national energy supply. A major portion of this use is non-commercial and therefore difficult to capture in energy data. Collecting these data and modelling their time evolution, as well as analysing and understanding the role of energy policies in this domain, are important since biomass use is the first step of a dynamic consumption pattern in which biomass is progressively replaced by fossil fuels which in turn are replaced by electricity.

This IEA workshop, held in Paris 3-5 February 1997, assembled a unique worldwide panel of biomass energy experts from international and non-governmental organisations, governments, academia and private industry. The policy implications of both modern and traditional biomass use and the latest modelling and information gathering methodologies were examined in detail to improve understanding and share information about this important energy source. These proceedings provide an exclusive, cross-cutting overview of current biomass energy policies and programmes.


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WERNER RAMMERT, GOTTHARD BECHMANN (Hrsg.):
Technik und Gesellschaft - Jahrbuch 9: Innovation - Prozesse, Produkte, Politik.
Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1997. ISSN 0723-0664

Das Jahrbuch Technik und Gesellschaft 1997 ist dem Thema "Innovation - Prozesse, Produkte, Politik" gewidmet. Gegenwärtig wird allenthalben eine Krise der Innovation in Deutschland konstatiert, der Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr gesehen. Als Ursache hierfür werden in dem vorliegenden Band die jahrezehntealten "komfortablen Routinen des bisherigen institutionellen Innovationsregimes"identifiziert: auf der Tagesordnung steht die "Innovation der Innovation", wie es Rammert in seinem Editorial formuliert. Vor diesem Hintergrund geht das Technikjahrbuch in sowohl theoretisch als auch empirisch ausgerichteten Beiträgen den drei entscheidenden Fragen nach: Welche Prozesse fördern oder behindern Kreativität und Neuentwicklung? Was lehren uns die Projekte und Produkte Airbus, Transrapid undTierroboter? Wie können innovative Netzwerke geschaffen und erweitert werden?

Die Beiträge weisen auf eine aufkommende neue Form der Innovation hin, die mit dem Begriff der "reflexiven Innovation" gekennzeichnet wird. Sie grenzt sich nach Ansicht der Herausgeber wesentlich durch folgende Eigenschaften von dem alten Standardmodell der Innovation ab: "Die Innovation erfolgt in einem global weiter verteilten System; Anzahl und Heterogenität der beteiligten Akteure nehmen zu; Netzwerke setzen sich bei der Koordination der Beziehungen gegenüber Markt und Hierarchie durch. Welche Schlußfolgerungen für die Politik der Innovation daraus gezogen werden können, das läßt sich dann nur andeuten: Statt kurzfristiger Einzelförderung oder langfristiger Großförderung sollten mittelfristig innovative Verbünde zwischen verschiedenen Akteuren unterstützt werden. Statt direkter Subventionen sollte eher in den Aufbau einer Infrastruktur für die regionale und internationale Vernetzung investiert werden".

Die Autoren und ihre Beiträge:

Boris Groys: Technik im Archiv. Die dämonische Logik technischer Innovation

Helga Nowotny: Die Dynamik der Innovation. Über die Multiplizität des Neuen.

Nina Degele: Kreativität rekursiv. Von der technischen Kreativität zur kreativen Aneignung von Technik.

Wolfgang Krohn: Rekursive Lernprozesse: Experimentelle Praktiken in der Gesellschaft. Das Beispiel der Abfallwirtschaft.

Ingo Schulz-Schaeffer, Michael Jonas, Thomas Malsch: Innovation reziprok. Intermediäre Kooperation zwischen akademischer Forschung und Industrie.

Johannes Weyer: Vernetzte Innovationen - innovative Netzwerke. Airbus, Personal Computer, Transrapid.

Hartmut Hirsch-Kreinsen: Innovationsschwächen der deutschen Industrie. Wandel und Probleme von Innovationsprozessen.

Egon Becker, Klaus Kasper, Thomas Kluge: Out of Control. Biorobotik - Science Fiction als wissenschaftlich-technische Innovation.

Lutz Ellrich: Neues über das 'neue Medium' Computer. Ein Literaturbericht.

Gerald Wagner: Soziologie oder Gordologie? Ein Besprechungsessay.

Gert Schmidt: Globalisierung - der langsame Prozeß. (An-)Erkennung von Vielfalt und Geschlossenheit. Kleine konzeptuelle Erkundungsreise in ein schwieriges Feld sozialwissenschaftlicher Forschung.

Hans-Joachim Braczyk: Das Programm der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Stuttgart.
I.v.B.


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WERNER FRICKE (Hrsg.):
Jahrbuch Arbeit und Technik 1997. Globalisierung und institutionelle Reform.
Bonn: J.H.W. Dietz Verlag, 1997. 430 S. DM 35,--. ISBN 3-8012-4078-9

Soeben ist das von Werner Fricke für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn, herausgegebene Jahrbuch Arbeit und Technik 1997 zum Thema "Globalisierung und institutionelle Reform" erschienen.

Neben einem Rezensionsteil umfaßt das Jahrbuch auf 430 Seiten 33 Beiträge von renommierten Autoren aus den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik. Das Jahrbuch gibt damit einen Einblick in die aktuelle Diskussion zu Fragen der Globalisierung, vor allem in Deutschland und den USA.

Anders als in der üblichen Diskussion steht in vielen Beiträgen die Frage nach dem Zusammenhang von Globalisierung und möglichen institutionellen Reformen im Vordergrund, d.h. es wird gefragt, wie die Globalisierungsprozesse politisch gestaltet werden können; andere Beiträge gehen der Frage nach, wie eine nationale Wirtschaftspolitik im Zeichen der Globalisierung noch oder wieder möglich ist und kommen zu teilweise innovativen Vorschlägen.

Autoren sind u.a. Rudolf Dreßler, Hartmut Elsenhans, Edgar Grande, Wilhelm Hankel, Friedhelm Hengsbach, Ethan B. Kapstein, Oskar Lafontaine, Ray Marshall, Frieder Naschold, Riccardo Petrella, Günther Schmid, Hans W. Singer, David Soskice, Wolfgang Streeck, Stephen Toulmin, Harald Trabold.
I.v.B.

[Eine Rezension des Buches erscheint in den nächsten TA-Datenbank-Nachrichten.]


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JULIANE JÖRISSEN unter Mitarbeit von Gotthard Bechmann:
Produktbezogener Umweltschutz und technische Normen - Zur rechtlichen und politischen Gestaltbarkeit der europäischen Normung -.
Köln: Carl Heymanns Verlag, 1997. 138 S. DM 88,-- kart. ISBN 3-452-23749-4

National unterschiedliche Anforderungen an Produkte stellen technische Handelshemmnisse dar, die den freien Waren- und Güterverkehr in Europa behindern. Die Vereinheitlichung der Produktanforderungen ist daher eine wesentliche Voraussetzung für die Vollendung des Binnenmarktes. Nachdem sich die ursprünglich gewählte Methode der Rechtsangleichung durch Detailregelungen auf Gesetzesebene als nicht praktikabel erwies, entschloß sich die EU mit der Einführung der sogenannten "Neuen Konzeption" im Jahre 1975, einen alternativen Weg der Harmonisierung zu beschreiten, der in erster Linie auf Selbstregulierung der Wirtschaft setzt. Dabei beschränkt sich der europäische Gesetzgeber auf die Fixierung allgemeiner Sicherheitsanforderungen an Produkte und verweist zu deren Konkretisierung auf technische Normen, die von den europäischen Normungsorganisationen CEN/CENELEC in eigener Verantwortung erarbeitet werden. Ist ein Produkt nach diesen Normen hergestellt, spricht eine "widerlegbare Vermutung" dafür, daß auch die gesetzlichen Anforderungen eingehalten sind.

Zwangsläufig muß die zunehmende Übertragung von Entscheidungskompetenzen auf die europäische Ebene mit einem Verzicht der nationalen Gesetzgeber auf die Festlegung eigner Güte-, Sicherheits- und Umweltstandards einhergehen. Im Kontext der neuen Harmonisierungskonzeption wiegt ein solcher Verzicht allerdings um so schwerer, als die Präzisierung der Anforderungen zum Schutz wichtiger Rechtsgüter wie Leben, Gesundheit und Umwelt weitgehend in das Ermessen privater Verbände gestellt sind. Diese problematische Verlagerung staatlicher Regelsetzung in den privaten Bereich wirft europarechtliche, verfassungsrechtliche und umweltpolitische Fragen auf, die den Bundestags-Ausschuß für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit veranlaßt haben, das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) mit der Durchführung einer TA-Studie zu diesem Problemkreis zu beauftragen. Primäres Ziel der Studie war es, rechtspolitische Vorstellungen zu entwickeln, wie die Berücksichtigung von Gemeinwohlbelangen in der Normung sichergestellt und die demokratische Legitimation der Normen erhöht werden könnte, ohne ihre Effizienz für die Wirtschaftsharmonisierung in Europa einzuschränken. Das TAB-Projekt wurde im September 1996 mit der Vorlage des Abschlußberichts abgeschlossen, der nunmehr in einer aktualisierten Fassung auch als Buch im Carl Heymanns Verlag erschienen ist.

Der Bericht geht zunächst auf die überragende Bedeutung harmonisierter Normen sowohl für eine zügige Vollendung des Binnenmarktes als auch für eine proaktive Technik- und Umweltpolitik ein (Kap. I). Sodann werden die Hintergründe und die wesentlichen Elemente der neuen Konzeption erläutert (Kap. II). Kapitel III beschreibt Aufbau und Tätigkeit der europäischen Normungsorganisationen, das Normungsverfahren sowie den aktuellen Strukturwandel der Normung und faßt schließlich die kritischen Einwände gegen die Normungspolitik der EU zusammen. Kapitel IV gibt einen Überblick über die rechtlichen Rahmenbedingungen, in die der Prozeß der europäischen Normung eingebettet ist. In Kapitel V werden die innerstaatlichen Rechtswirkungen der harmonisierten Normen näher untersucht und darauf aufbauend der Frage nachgegangen, ob eine Delegation von Quasi-Rechtsetzungsbefugnissen auf private Verbände mit den Prinzipien des Gemeinschaftsrechts und der Deutschen Verfassung in Einklang zu bringen ist. In Kapitel VI werden die von den Gutachtern des TAB erarbeiteten Reformvorschläge ausführlich dargestellt und einer kritischen Würdigung im Hinblick auf ihre praktische Durchführbarkeit, Effizienz und Akzeptanz unterzogen. In Kapitel VII wird abschließend erörtert, welche Handlungsmöglichkeiten der nationalen Politik zur Verfügung stehen, um die Ausgestaltung der europäischen Normung und ihrer Rahmenbedingungen im Interesse einer solchen Reform zu beeinflussen.

J.J.


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EGON BECKER (Hrsg.):
Soziale Ökologie und Sustainable Development. Jahrbuch für sozialökologische Forschung 3.
Institut für sozial-ökologische Forschung. Frankfurt: Verlag für Interkulturelle Kommunikation, 1997. ISBN 3-88939-254-7

Das dritte Jahrbuch des Instituts für sozial-ökologische Forschung, Frankfurt am Main, setzt sich mit dem Verhältnis von sozialer Ökologie und Sustainable Development auseinander. Dabei geht es nicht darum, Unterschiede oder Gemeinsamkeiten der beiden Perspektiven bis ins kleinste auszuloten, sondern das Anliegen dieses Bandes ist es, wichtige Inhalte und Fragestellungen der Nachhaltigkeitsdebatte zu skizzieren und dabei gleichzeitig Ansätze sozial-ökologischer Forschung zu präzisieren und in den noch sehr offenen Prozeß der Konkretisierung von nachhaltiger Entwicklung einzubringen. Die Begründung und Erprobung von adäquaten Zugängen der Wissenschaft zu den neuartigen ökologischen Problembereichen sind seit langem ein zentrales Thema sozial-ökologischer Forschung. Das ISOE hat in verschiedenen Studien grundlegende konzeptuelle Charakteristika und Kriterien für solche Zugänge erarbeitet. Dies in die wissenschaftliche Diskussion um Nachhaltigkeit einzubringen, ist Ziel des Bandes. Nachhaltigkeit, so der Ansatz der Autoren, beschreibt weniger die Ziele der Entwicklung (etwa Reduktionsvorgaben des Energieverbrauchs oder der Kohlendioxidemissionen) als vielmehr die Qualität eines Entwicklungsprozesses, der seine eigenen natürlichen und sozialen Voraussetzungen aufrecht erhält und ständig erneuert. Der Band enthält Beiträge von Egon Becker, Irmgard Schulz, Peter Wehling, Thomas Jahn/Thomas Kluge, Engelbert Schramm und Aicha Vack.
I.v.B.


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RUDI SCHMIEDE (Hrsg.):
Virtuelle Arbeitswelten. Arbeit, Produktion und Subjekt in der "Informationsgesellschaft".
Berlin: Edition Sigma, 1996. ISBN 3-89404-424-1

Die Veränderungen von Arbeit und Produktion und die damit einhergehende weitere Gefährdung des Individuums und seiner Subjektivität werden in der bisherigen oberflächlichen Debatte über die "Informationsgesellschaft" kaum thematisiert. Im Zuge der rapiden Informatisierung von Arbeit und Gesellschaft werden die Arbeitsbedingungen jedoch in neuartiger Weise vitualisiert; Schlagworte wie die von "virtuellen Unternehmen" oder vom globalen "virtuellen Dorf" im Cyberspace lassen eine Ahnung davon durchscheinen. Der Prozeß der informatorischen Verdoppelung aller Realitäten wird in diesem Band in seiner historischen Genese, im Hinblick auf seine gesellschaftstheoretischen Kontexte, in den Dimensionen neuer Inforamtionssysteme, veränderter Organisationsstrukturen, neuartiger Kontrollformen sowie einer qualitativ neuen Inanspruchnahme von Arbeit und Subjektivität - sowohl im Unternehmen als auch in den sozialstrukturellen Dimensionen der Arbeitsteilung - untersucht. Der Band mündet in einer kritischen Diskussion der Aussichten von Individuum und Subjektivität in der "Informationsgesellschaft".

Das Buch enthält die folgenden Beiträge:

Rudi Schmiede: Informatisierung, Formalisierung und kapitalistische Produktionsweise. Entstehung der Informationstechnik und Wandel der gesellschaftlichen Arbeit.

Andrea Baukrowitz: Neue Produktionsmethoden mit alten EDV-Konzepten? Zu den Eigenschaften moderner Informations- und Kommunikationssysteme jenseits des Automatisierungsparadigmas.

Nicolai Egloff: Postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft oder industrielle Arbeitsgesellschaft? Zum gesellschaftstheoretischen Kontext der These von der "Informationsgesellschaft".

Rudi Schmiede: Informatisierung und gesellschaftliche Arbeit. Strukturveränderungen von Arbeit und Gesellschaft.

Andrea Baukrowitz/Andreas Boes: Arbeit in der "Informationsgesellschaft". Einige Überlegungen aus einer (fast schon) ungewohnten Perspektive.

Andreas Boesy: Formierung und Emanzipation. Zur Dialektik der Arbeit in der "Informationsgesellschaft".

Helmut Wenzel: Die Technisierung des Subjekts im Zeitalter der Information. Zum Verhältnis von Individuum, Arbeit und Gesellschaft heute.


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RAIMUND WERLE, CHRISTA LANG (Hrsg.):
Modell Internet? Entwicklungsperspektiven neuer Kommunikationsnetze.
Veröffentlichungen aus dem Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V., ISF München.
Frankfurt/New York: Campus Verlag, 1997.

UTE HOFFMANN: Panic Usenet. Netzkommunikation in (Un-)Ordnung.
FS II 97-106. Schriftenreihe der Abteilung "Organisation und Technikgenese" des
Forschungsschwerpunkts Technik-Arbeit-Umwelt am WZB, Berlin 1997.

Vom Workshop des Verbundes sozialwissenschaftliche Technikforschung, München 25./26.10.1996, aus dem der oben angezeigte Band hervorgegangen ist, wurde schon in den TA-Datenbank-Nachrichten (Nr. 4, 5. Jahrgang - Dezember 1996) ausführlich berichtet. Es ist erfreulich, daß es in relativ kurzer Zeit gelungen ist, den Tagungsband herauszubringen. Dem Ziel, die Beiträge des Workshops möglichst schnell einem breiteren Publikum verfügbar zu machen, scheint der Beitrag von Ute Hoffmann zu den Usenet News zum Opfer gefallen zu sein, was aber in gewisser Weise durch die zweite oben angeführte Publikation, die auch im WWW erhältlich ist - http://duplox.wz-berlin.de/docs/panic.html -, kompensiert werden kann. Weniger leicht ist dagegen das Fehlen der auf der Tagung aufgezeichneten Diskussionsbeiträge, die wahrscheinlich wegen der knappen Zeitvorgabe nicht mehr für den Tagungsband aufbereitet werden konnten, auszugleichen. So bedauerlich es ist, die pointierten und teilweise amüsanten Diskussionen missen zu müssen, so vorbehaltlos ist der Tagungsband trotzdem allen zu empfehlen, die die Themen Internet, Informationsinfrastruktur, elektronische Märkte und elektronische Medien interessieren.
K.B.


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Stand: 25.02.1999 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion