DISKUSSIONSFORUM

Die Wissensordnung -- durch die soziologische Brille beobachtet: nichts gesehen

von Helmut F. Spinner, Universität Karlsruhe

Anläßlich der merkwürdigen Rezension seines Buches "Die Wissensordnung" durch den Systemtheoretiker Peter Fuchs beobachtet der Beobachtete seinen soziologischen Beobachter und berichtet darüber den Herausgebern, die es versäumt haben, den Erstbeobachter zu beobachten.

Bei der Literatur zum gegenwärtigen Zeitalter besteht ein doppeltes Mißverhältnis: zum einen ein Übergewicht der technischen Grundlegungen (einschließlich Gebrauchsanweisungen) und der populären Darstellungen gegenüber fundierten inhaltlichen Analysen; zum anderen bei den letzteren ein Mangel an maßgebenden differenzierten Konzepten zur Ablösung der modischen Allerweltsbezeichnungen für das "Informationszeitalter", die "Wissensgesellschaft", die "dritte", je nach Standpunkt elektronische, kommunikative, tele-, mono-, multimediale Revolution. Die kontrovers diskutierte Begrifflichkeit schwankt zwischen den Zauberwörtern des ausgehenden 20. Jahrhunderts: Information und Kommunikation, beides im Verein mit Medien und Techniken, am besten im Gesamtpaket der IuK-Technologien.

Kein Wunder also, daß bei der Querschnittsmaterie "Information & Kommunikation" -- oder, wie ich vorziehe: "Wissen & Technik" -- inzwischen viele Disziplinen mitmischen, wobei zwei unmittelbar zuständige unterrepräsentiert sind. Das gilt nicht nur für konzeptuell erschöpfte Technikphilosophie (dazu SPINNER 1997b), sondern erstaunlicherweise auch für die ansonsten umtriebige Soziologie, die angesichts der aufkommenden Informationsgesellschaft sich zumeist damit begnügt, alte Konzepte aufzupolieren (wie Bells "nachindustrielle Gesellschaft") oder Technikgenese, -begleit-, -folgen, -konstruktionsforschung geläufiger Art zu betreiben. Beiden Disziplinen blieben bislang konzeptuelle Durchbrüche versagt. Es gibt keine Technikphilosophie der Wissenstechniken und keine soziologische Theorie der Informationsgesellschaft auf der Höhe der Entwicklungen, aber jede Menge Beiträge zu Einzelthemen (Massen-, Tele-, Multimedia; Internet, Datenautobahn usf.). Nicht mein Gebrauch dieser Theorien ist "sehr dünn", wie der Rezensent mokiert (S. 62), sondern die abgenutzten Vorlagen.

Um hier weiterzukommen, habe ich als dritte Grundordnung (neben der Rechts- und Wirtschaftsordnung) die Wissensordnung thematisiert (in SPINNER 1994) und zur ordnungspolitischen "Rahmung" der arbeitsteiligen Wissenstätigkeiten (wie nun im einzelnen beschrieben in SPINNER 1997a, Kap. 4) vorgeschlagen. Das erlaubt es immerhin, die gegenwärtige Inflation von hochtrabenden politischen Visionen und esoterischen soziologischen Zauberwörtern durch solide Begriffe und prüfbare Hypothesen zu ersetzen und wenigstens den Grundriß einer "Architektur der Informationsgesellschaft" zu liefern (der dem Rezensenten noch nicht vorlag).

Nachdem Stehr seine Beiträge "zur Theorie von Wissensgesellschaften" (Untertitel von Stehr 1994) vorgelegt hat, die ihre Rückbezüge auf den soziologischen Postindustrialismus der 60er und 70er Jahre (Bell, Richta, Touraine u.a.) nicht verleugnen, lag der Gedanke nahe, den soziologisch-gesellschaftstheoretischen und den philosophisch-wissensorientierten Ansatz miteinander zu vergleichen. Deshalb sollten nach einer Vereinbarung mit der Redaktion Stehr und ich in dieser Zeitschrift ihre Arbeiten wechselseitig kritisch kommentieren. Ich sah darin einen reizvollen Versuch für einen Alternativenvergleich auf hohem Niveau zum Thema der Wissensordnung bzw. und Wissensgesellschaft.

Leider war Stehr verhindert, und ich konnte meinen Beitrag für das Heft 1 nicht rechtzeitig fertigstellen. Im nachhinein bin ich froh darüber, denn meine Stellungnahme wäre neben der von der Redaktion ohne Rücksprache nachgeschobenen Rezension deplaziert. Diese wird der gestellten Aufgabe in keiner Weise gerecht, so daß der Widerpart zu meinem Beitrag gefehlt hätte.

Es ist mir unerfindlich, wie man für eine inter-, ja multidisziplinäre Arbeit (s. die Fachberichte im Anhang sowie das kommentierte Literaturverzeichnis in SPINNER 1994, S. 157-261) einen Kommentator präsentieren kann, der sich selbst als instruierten, nach der Lektüre muß man wohl sagen: indoktrinierten Vertreter der soziologischen Systemtheorie bezeichnet; der sich überdies nach eigenem Eingeständnis überfordert fühlt und eine Stellungnahme abliefert, die offen "das Gebot der Fairness verletzt" (S. 62). Wenn er schon nicht bereit war, seine "Brille" (S. 62) abzulegen, hätte er sie doch wenigstens putzen können. Statt dessen benutzt er die Gelegenheit, um den Inhalt meines Buches mit der soziologischen Soße der System- und Gesellschaftstheorie zuzudecken, um die es in meinem Buch überhaupt nicht geht.

Anlaß dafür ist der vom Rezensenten in grotesker Verzerrung der Mengen (1 Seite gegen fast 300!) und Gewichte (Randbemerkungen gegen Hauptinhalt) zum Alibi für seine Blindenbrille genommene Umstand, daß ich mit wenigen Sätzen (S. 39 und 41) erläutere, warum für das Problem einer geeigneten Rahmung der Wissensaktivitäten das "Denken in Ordnungen" dem Denken in Systemen, Blöcken, Sphären vorgezogen wird. Aus dieser kurzen Passage geht lediglich hervor, daß ich von der Systemtheorie keinen Gebrauch machen will -- aus Gründen, die niemand akzeptieren muß. Sie sind klarerweise kein Bestandteil meines zentralen Konzepts der Wissensordnung, welches davon völlig unberührt bleibt.

Wer die ordnungstheoretische und -politische Denktradition kennt, weiß sofort, um was es geht und käme wohl kaum auf die abstruse Idee, in "dezisionistischen Amplifikationen" (Jargon des Rezensenten, S. 64) und Tabellierungen (zur Erleichterung der Übersicht) das "Ordnungsmedium par excellence" (S. 62 und 63) zu sehen. Da sind Kenntnisse der Ökonomie und Jurisprudenz, der Philosophie und Wissenschaftstheorie, der Ideen- und Institutionengeschichte der deutschen Universität (die mir als Muster für die "Klassische Wissensordnung" diente) gefragt; ein bißchen Wissenschafts- und Technikphilosophie, Informationstheorie, Kognitionspsychologie etc. wäre auch nicht schlecht -- also nichts für einen Soziologen, der (nach einem unbedachten Ausspruch René Königs nichts ist als Soziologe: Konfessionsrichtung Systemtheorie, Horizont Kirchturm, ohne Außenkriterium und Aufnahmeorgan für Gegeninformation. Aber in die Kirche gehe ich nicht, weder als Gläubiger noch als Ketzer, und nichts lag meinem Buch ferner, als eine Auseinandersetzung damit. Wenn ich das gewollt hätte, wäre etwas ganz anderes rausgekommen als süffisante Randbemerkungen über einige mir etwas bizarr erscheinende systemtheoretische Schlußfolgerungen, die mir den Verzicht auf all das erleichterten, was mir der Rezensent andienen möchte.

Was macht ein Soziologe als "wissenschaftlicher Beobachter" (S. 63), der "nichts gesehen hat" (S. 64), aber sich darüber äußern soll? Er sieht Gespenster. Systemtheoretisch gesagt: er konstruiert sich, was er sehen will: Tautologien und Paradoxa, die mit den gleichnamigen logischen Strukturgebilden nur den Namen teilen.

Wie macht man das? Fuchs zitiert: "(Wissens-)Ordnung "ordnet" ..." (SPINNER 1994, S. 24) und nennt diesen abgebrochenen Satz eine Tautologie (S. 62). Gemach, der Satz geht weiter mit einer Negation: "... aber nicht auf die buchstäbliche Weise einer gegenständlichen ... Klassifikation ..." usw. So schlecht wie dieses Logikverständnis kann Soziologie doch nicht sein.

Soll der Ordnungsbegriff tautologisch sein, dann der Wissensbegriff paradox, weil er Allgemeinheit und Spezifizität beansprucht. Aber beim ersteren verwechselt der Rezensent objektbezogene (nach Art einer inhaltlichen Klassifikation, wie zum Beispiel bei der bibliothekarischen "Wissensordnung" im Sinne von DAHLBERG 1974) mit rahmenbezogener Wissensordnung; bei den letzteren Form- mit Inhaltskategorien (zur Klarstellung SPINNER 1997).

Vor Jahren habe ich an anderer Stelle das Rezensionswesen als die letzte verbliebene freie Kunst der wissenschaftlichen Publikationstätigkeit beschrieben (in SPINNER 1984). Wie die private Korrespondenz, ist es das einzige wissenschaftsliterarische Genre, für das es keine vorbeugende Qualitätskontrolle gibt (nach Art von Gutachten, Peer Reviews etc.). Von der flächendeckenden Infrastruktur wissenschaftlicher Kritik ist das Rezensionswesen ausgespart. Das macht es zum Refugium einerseits für Polemik, Schmähkritik und vergleichende Werbung in eigener Sache (im Klartext: herabsetzende Bemerkungen über Mitbewerber), die ansonsten im Fachschrifttum verpönt sind; andererseits für Besserwisser und Phrasendrescher (und Witzbolde, auf die Fachzeitschriften ohne funktionierende Qualitätskontrolle hereinfallen können, wie kürzlich Sokals Jux wieder mal gezeigt hat). Der Rezensent kann sich nach Belieben publizistisch äußern und wissenschaftlich übernehmen. Deshalb gibt es auf diesem Feld die meisten Schwachheiten, Entgleisungen und redaktionellen Fehlleistungen, wenn die Auftraggeber keine qualitätsbewußte Rezensionspolitik betreiben.

Gute Zeitschriften haben nicht nur gute Autoren, sondern auch gute, gleichermaßen kompetente Rezensenten; idealiter in Personalunion. -- Da sehe ich ein offenes Problem, nicht nur im vorliegenden Fall. Die Redaktion muß sich fragen lassen: Wie konnte es in einer auf sachkundige Berichte für Datenbanken -- mit Nachrichtenanspruch! -- abgestellten Zeitschrift unter der Überschrift "TA-relevante Bücher" zum Abdruck einer Rezension kommen, die es sogar versäumt, auf die offenkundigen TA-Bezüge (Stichworte "Technikfolgen zweiter Art", "Wandel der Wissensordnung") hinzuweisen? Die Rezension ist über weite Strecken glatte Desinformation über ein neues Konzept, welches in der kurzen Zeit seit der Publikation zu einem Standardartikel in diversen sozialwissenschaftlichen Lexika geworden ist und auch in weiter entfernten Wissenschaften auf Interesse stößt (z.B. im Informationsrecht und in der Wissensgeographie). Aber schließlich wird vom Rezensenten überhaupt keines der für ein gutes Dutzend Fachwissenschaften aufgeworfenen Probleme der Wissensordnung aufgegriffen. Da hätte doch der Soziologe als Systemtheoretiker zeigen können, was er wenigstens auf einem Fachgebiet zur Sache vorzuweisen hat.

Im übrigen schätze ich die soziologische Systemtheorie trotz ihres monomanischen Grundzugs, ihrer "selbstreferentiellen" Binnenperspektive und auffälligen Hypothesenarmut weit positiver ein, wenn sie auf breiter Wissensbasis klug und vielseitig angewandt wird, wie zum Beispiel bei Luhmann, der bekanntlich keine soziologische Schule gegründet hat (die aber trotzdem entstanden ist).

Eines kann ich mir nicht erklären: Warum um Gottes willen hat der Rezensent den Verdacht, daß von der soziologischen Systemtheorie zur Wissensordnungsproblematik außer steriler Terminologie nichts zu erwarten sei, Gewißheit werden lassen, indem er sich dazu äußert?

Kurzbibliographie

Dahlberg, Ingetraut, Grundlagen universaler Wissensordnung, Pullach bei München: Verlag Dokumentation, 1974.
Fuchs, Peter, Rezension von Spinner, 1994; in: TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 1, 6. Jg., April 1997, S. 62-64 (Seitenzahlen ohne Quellenangaben beziehen sich darauf).
Spinner, Helmut F., Zur Soziologie des Rezensionswesens; in: Soziologie - Mitteilungsblatt der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, Heft 1, 1984, S. 49-78.
Ders., Die Wissensordnung, Opladen: Leske + Budrich, 1994.
Ders., Differentielle Erkenntnistheorie zur Untersuchung von "Wissen aller Arten, in jeder Menge und Güte" -- Ein Montagekonzept des Wissens für das Informationszeitalter; in: Christoph Hubig (Hrsg.), Conditio Humana - Dynamik des Wissens und der Werte. XVII. Deutscher Kongreß für Philosophie (23.-27. September 1996 in Leipzig), Berlin: Akademie-Verlag, 1997, S. 497-520.
Ders., Die Architektur der Informationsgesellschaft, Bodenheim: Philo-Verlag, 1997a.
Ders., A Hundred Years of Philosophy of Technology: What is Living, what is Dead, what is Missing for the Information Age?, Beitrag zur Arbeitstagung der Académie Internationale de Philosophie des Sciences - 1997 Academic Session, University of Karlsruhe, Germany, 20-24 May, 1997.
Stehr, Nico, Arbeit, Eigentum und Wissen, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1994.

Stellungnahme der Redaktion

Die vorstehend abgedruckte Wortmeldung Helmut Spinners zu der in den TA-Datenbank-Nachrichten Nr. 1, 6. Jahrgang - April 1997 veröffentlichten Rezension des Buches: Die Wissensordnung. Ein Leitkonzept für die dritte Grundordnung des Informationszeitalters, Opladen 1994 von Peter Fuchs beinhaltet den Vorwurf, die Rezension sei unangemessen ("verzerrend", "Desinformation") und an die Redaktion der TA-Datenbank-Nachrichten adressiert die Frage, "wie es zum Abdruck der Rezension kommen konnte".

Die Vorgeschichte der Rezension beginnt bei dem Wunsch, in den TA-Datenbank-Nachrichten 1/97 mit dem Schwerpunktthema "Theorie und Praxis der Informationsgesellschaft" zwei einschlägig bekannte Autoren, wie Spinner richtig ausführt, ihre Arbeiten wechselseitig kritisch kommentieren zu lassen. Dadurch erhofften wir uns sowohl Belebung als auch Vertiefung der Diskussion um einen leistungsfähigen theoretischen Rahmen zur "Informationsgesellschaft". Unterschiedliche Ansätze zu konfrontieren, darauf sollte es ankommen. Nachdem Stehr schlußendlich nicht für das Unternehmen gewonnen werden konnte, suchten wir nach einem anderen Widerpart zu Spinner und hielten es für durchaus reizvoll, dafür einen Systemtheoretiker zu gewinnen, der sich mit der Thematik bereits befaßt hat. Davon, daß die Systemtheorie und auch unser Rezensent nichts zur Informationsgesellschaft zu sagen hätte, wie Spinner oben bemerkt, davon ist und war angesichts einschlägiger Arbeiten etwa von Dirk Baecker, Helmut Willke, Niklas Luhmann und auch von Peter Fuchs nicht auszugehen.

Wie sich Peter Fuchs seiner Aufgabe als Rezensent entledigte und ob die Redaktion da hätte einschreiten sollen, ist also die eigentliche Frage. Zum ersten: In der Redaktion hat sich bezüglich des Textes von Fuchs die Ansicht durchgesetzt, daß die abgelieferte Arbeit ausreichend für sich selbst spricht. Man kann Fuchs kaum vorwerfen, daß er Beobachtungsstandpunkt und -instrumentarium nicht offen gelegt hätte. Daß er nicht nach den Meriten der Arbeit fragt, ist zwar insofern bedauerlich, als eine Auseinandersetzung en detail dem Anliegen der Redaktion stärker entgegengekommen wäre, aber die spitze Feder des Rezensenten versäumt doch nicht gänzlich, Hinweise zu geben - wie etwa auf die Verwendung der Begriffe Information und Wissen, die auch in einer intensiveren Auseinandersetzung mit Spinner zu problematisieren wäre. So bleibt am Ende eine Frage des Stils, die auf keinen Fall bagatellisiert werden sollte, offen: die Frage, ob der Rezensent nicht manchmal hart an der Grenze ist, den "Gegner" durch Formulierungen - über eine gut geschriebene Polemik hinaus - herabzusetzen. Die heftige, aber nicht humorlose Reaktion von Helmut Spinner, aber auch Bemerkungen von Außenstehenden, zeigen der Redaktion, daß sie bei den Fragen verletzenden Stils womöglich noch wachsamer sein muß, allerdings ohne auf spitze Federn und mitunter auch zugespitzte Polemiken verzichten zu wollen. Betroffenen - Autoren und Lesern - steht schließlich die Kritik der Kritik offen.


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