The Netherlands' National Environmental Policy Plan (NEPP)
Wieviel Umwelt braucht der Mensch?: MIPS - Das Maß für ökologisches Wirtschaften - Rezension -
Regionenbezogene Stoffstrombilanzen und Materialflußanalysen
Umweltmanagement, produktlinienbezogene Materialintensitätsanalysen und ökologisches Design
AFAS-Studie: "Recycling von PVC"
Studie zu Stoffströmen bei der Leiterplattenherstellung in Deutschland
Die Begriffe Stoffströme und nachhaltige Entwicklung
(Sustainable Development) sind seit Ende der 80er Jahre zu neuen
Schlüsselworten in der wissenschaftlichen und öffentlichen
Diskussion zur Umweltpolitik geworden. Ist nun mit diesen beiden
Begriffen eine substantielle neue Sichtweise in der Umweltpolitik
verbunden oder handelt es sich hier um den Versuch, alten Wein
in neuen Schläuchen zu verkaufen? Meines Erachtens trifft
weitgehend ersteres zu. Der Einzug dieser Schlüsselworte
in die umweltpolitische Diskussion manifestiert die Erkenntnis,
daß die Emissions- bzw. Reststofffixierung der Umweltpolitik
keine dauerhaften Lösungen der Umweltproblematik bringt.
Emissionskontrolle und Emissionsbegrenzung bzw. Umwandlung umweltgefährlicher
Reststoffe in weniger gefährliche Stoffe oder Aggregationszustände
mittels additiver oder End-of-pipe-Technik führen letztendlich
nur zu Verlagerungen von Umweltproblemen; zudem werden die umweltentlastenden
Effekte emissionsbegrenzender Maßnahmen über kurz oder
lang bei weiterem wirtschaftlichem Wachstum durch Mengeneffekte
aufgezehrt.
Die Notwendigkeit, sich mit Stoffströmen beschäftigen
zu müssen, fußt auf der Erkenntnis, daß die Stoffmengen,
die wir für Produktions- und Konsumtionszwecke der Umwelt
entnehmen, letztendlich irgendwann wieder als Reststoffe bzw.
Abfälle, auch wenn sie zeitweilig in Produkten, Produktionsanlagen
und Gebäuden zwischengelagert werden, in die Umwelt abgegeben
werden (Durchflußgesellschaft) und vielfältige Umweltprobleme
erzeugen. Emissionsbegrenzende Maßnahmen mittels End-of-pipe-Technik
ändern daran - sieht man von der Verringerung der (öko-)Toxizität
der Reststoffe ab - nichts, sondern erhöhen häufig noch
den Stoffeinsatz. Daraus leitet sich die Schlußfolgerung
ab, daß es Ziel der Umweltpolitik letztendlich sein muß,
produktions- und konsumtionsbedingte Stoffströme, insbesondere
solche, die zu erheblichen Umweltbelastungen führen, zu reduzieren.
Wesentliche Informationen für umweltpolitisches Handeln
bzw. ein Stoffstrommanagement müssen dabei Stoffstromanalysen
liefern, die Stofflüsse über Systemgrenzen verfolgen
bzw. Stoffbilanzen von der Wiege bis zum Grab liefern. Es handelt
sich hierbei zwar nicht um neue Verfahrens- bzw. Analyseansätze,
sie gewinnen aber durch die stoffpolitische Orientierung der Umweltpolitik
neues Gewicht.
Das Schlüsselwort "Nachhaltige Entwicklung"
markiert die Erkenntnis, daß die Fortführung der material-
bzw. stoffintensiven Produktions- und Lebensstile in den Industrieländern
die Lebensgrundlagen auf der Erde dauerhaft beeinträchtigen
wird; vor allem dann, wenn die Entwicklungsländer ihren berechtigten
Nachholbedarf in Zukunft in ähnlich energie- und materialintensiver
Weise befriedigen würden.
Die Gefährdung der Lebensgrundlagen betrifft sowohl die
Verfügbarkeit von erneuerbaren und nicht-erneuerbaren Ressourcen
für zukünftige Generationen als auch die überbeanspruchung
der Umwelt als Aufnahmemedium bzw. ihre Verarbeitungskapazitäten
für anthropogen erzeugte Reststoffe.
Obwohl gegenwärtig und in absehbarer Zukunft die überbeanspruchung
der Verarbeitungskapazitäten der Umwelt der limitierende
Faktor für die Fortführung des gegenwärtigen Produktions-
und Konsumstils sein wird und deshalb die Forderung nach Reduzierung
von Stoffströmen in erster Linie begründet, ist es das
"Verdienst" des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung,
auch wieder das Augenmerk auf die Verfügbarkeit von erneuerbaren
und nicht-erneuerbaren Ressourcen als weiteren begrenzenden Faktor
gerichtet zu haben. Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung
liefert somit auch erste Grundregeln für den Umgang mit Stoffen
bzw. für das Management von Stoffströmen zunächst
aus ökologie- und ressourcenpolitischer Sicht. Die Enquete-Kommission
des Deutschen Bundestages "Schutz des Menschen und der Umwelt"
hat diese Grundregeln - sich dabei stützend auf andere Quellen
- wie folgt formuliert:
(1) Die Abbaurate erneuerbarer Ressourcen soll deren Regenerationsraten
nicht überschreiten. Dies entspricht der Forderung nach Aufrechterhaltung
der ökologischen Leistungsfähigkeit, d.h. (mindestens)
nach Erhaltung des von den Funktionen her definierten ökologischen
Realkapitals.
(2) Nicht-erneuerbare Ressourcen sollen nur in dem Umfang
genutzt werden, in dem ein physisch und funktionell gleichwertiger
Ersatz in Form erneuerbarer Ressourcen oder höherer Produktivität
der erneuerbaren sowie der nicht-erneuerbaren Ressourcen geschaffen
wird.
(3) Stoffeinträge in die Umwelt sollen sich an der Belastbarkeit
der Umweltmedien orientieren, wobei alle Funktionen zu berücksichtigen
sind, nicht zuletzt auch die "stille" und empfindlichere
Regelungsfunktion.
(4) Das Zeitmaß anthropogener Einträge bzw. Eingriffe
in die Umwelt muß im ausgewogenen Verhältnis zum Zeitmaß
der für das Reaktionsvermögen der Umwelt relevanten
natürlichen Prozesse stehen.
Der weiteren Konkretisierung bzw. Operationalisierung dieser
Grundregeln stehen zunächst erhebliche kognitive Defizite
gegenüber. Das bisherige Wissen z.B. über die Belastbarkeit
von Umweltmedien und über das Zeitmaß des Reaktionsvermögens
(Regeln 2 und 4) ist begrenzt und mit hohen Unsicherheiten behaftet.
Die Operationalisierung von Regel 3 würde belastbare Prognosen
über die zukünftig möglich werdende Nutzung
erneuerbarer Ressourcen und über die zukünftige Entwicklung
der Energie- und Materialeffizienz voraussetzen. Andererseits
sollten bestehende wissenschaftliche Unsicherheiten nicht zum
Vorwand genommen werden, auf eine weitere Operationalisierung
und die Formulierung von Zielen für die Reduktion von umweltrelevanten
Stoffströmen zu verzichten (vgl. den folgenden Beitrag zum
National Environmental Policy Plan der Niederlande). Andererseits
ist das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung ein gesamtgesellschaftliches
Entwicklungskonzept, das davon ausgeht, daß gesellschaftliche,
ökonomische und ökologische Entwicklung eng verzahnt
sind und in keinem dieser Bereiche Nachhaltigkeit erreicht
werden kann, wenn diese nicht auch in anderen Bereiche gewährleistet
ist; mit anderen Worten, bei der Festlegung stoff- bzw. umweltpolitischer
Zielsetzung sind ökonomische und gesellschaftliche Belange
genauso zu berücksichtigen wie begrenzte Umweltnutzungsmöglichkeiten.
Allerdings sollten die Verarbeitungskapazitäten der Umwelt
und die langfristige Verfügbarkeit von Ressourcen entscheidende
Kriterien für die Bewertung von Stoffströmen und die
Festlegung von Zielen für deren Reduzierung sein, der Anpassungsfähigkeit
der ökonomischen und gesellschaftlichen Systeme sollte durch
zeitliche Staffelung von Reduktionszielen Rechnung getragen werden.
Die folgenden Beiträge zum Schwerpunktthema Stoffströme
und nachhaltige Entwicklung betrachten das Thema aus unterschiedlichen
Perspektiven. Der vorgestellte Schlußbericht der Enquete-Kommission
"Schutz des Menschen und der Umwelt" beschäftigt
sich sehr umfassend mit der Thematik und insbesondere mit der
Frage, wie der übergang zu einer nachhaltigen zukunftsorientierten
Entwicklung politisch geebnet werden kann, ohne hier schon abschließend
Antworten geben zu können. Der Beitrag über den niederländischen
National Environmental Policy Plan beschreibt den dort beschrittenen
Weg zur Umsetzung des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung in
eine langfristige Umweltplanung, die Reduktionsziele für
Ressourcenverbrauch und umweltrelevante Emissionen vorgibt und
entsprechende zeitlich gestaffelte Programme zur Erfüllung
dieser Ziele beinhaltet. Desweiteren enthält das Schwerpunktthema
eine Rezension des Buches von Friedrich Schmidt-Bleek "Wieviel
Umwelt braucht der Mensch", in dem der Autor einen Weg aufzeigen
möchte, wie die ökologischen Folgen unseres Wirtschaftens
zum einen adäquat mit einem geeigneten Indikator gemessen
werden können und welche Rolle ein solcher Indikator (MIPS
- Material Intensity per Service Unit) für eine gezielte
Politik zur Minimierung der schädlichen Folgen unseres Wirtschaftens
spielen könnte.
Die weiteren Beiträge berichten über laufende Forschungsvorhaben
zum Thema; so über Arbeiten des Wuppertal Instituts für
Klima-Umwelt-Energie zu dem Thema "Regionenbezogene Stoffstrombilanzen
und Materialfluänalysen" und "Umweltmanagement,
Produktlinienbezogene Materialintensitätsanalysen und ökologisches
Design". Vorgestellte Arbeiten der AFAS zu konkreten Stoffstromanalysen
"PVC" und "Stoffströme bei der Leiterplattenherstellung"
zeigen auf, wie durch solche Analysen Schwachstellen z.B. bezüglich
Stoff- und Energieeffizienz und Wiederverwertung aufgedeckt und
Ansatzpunkte zu umweltverträglicherer Gestaltung von Stoffströmen
gewonnen werden können. Schließlich wird ein Forschungsvorhaben
des IER der Universität Stuttgart zur ganzheitlichen Bilanzierung
der Energie- und Stoffströme von verschiedenen Energieversorgungstechniken
vorgestellt, das darauf abzielt, die gesamten mit der Bereitstellung
von Energiedienstleistungen zusammenhängenden Energie- und
Stoffströme einschließlich der vor- und nachgelagerten
Prozeßketten, deren Stoff- und Energieströme einen
nicht unerheblichen Teil der Umweltbelastung bei verschiedenen
Energieversorgungstechniken ausmachen können, zu erfassen
und zu bewerten.
Dieser Schlußbericht der Enquete-Kommission des
Deutschen Bundestages "Schutz des Menschen und der Umwelt
- Bewertungskriterien und Perspektiven für umweltverträgliche
Stoffkreisläufe in der Industriegesellschaft" wirkt
zunächst wegen seines Umfangs von 700 Seiten abschreckend
auf einen potentiellen Leser, zumal sowohl eine Einführung
fehlt, die dem Leser einen überblick über den Aufbau
des Berichtes gibt, als auch eine Kurzfassung. Trotzdem kann nur
jedem, der am Thema "Stoffpolitik" interessiert ist,
die Lektüre empfohlen werden. Die folgende Darstellung kann
nur einen sehr lückenhaften überblick über die
Fülle des Inhalts des Berichtes geben.
Nach zwei Kapiteln, die sich mit dem Auftrag und der Vorgehensweise
der Enquete-Kommission beschäftigen, befaßt sich der
Bericht im 3. Kapitel mit Leitbildern einer Stoffpolitik.
Die Enquete-Kommission hält das Leitbild einer nachhaltig
zukunftsverträglichen Entwicklung für die Stoffpolitik
für sehr geeignet, weil es umwelt- und entwicklungspolitische
Aspekte verknüpft. Es hat die ökonomische und soziale
Bedeutung der globalen Stoff- und Güterströme ebenso
im Blick wie deren ökologische Folgewirkungen. Das Leitbild
wird unter verschiedenen Aspekten ausführlich diskutiert,
so z.B. im Zusammenhang mit der Nord-Süd-Problematik und
der Bevölkerungsentwicklung. Ausführlich diskutiert
werden auch die aus dem Leitbild entwickelten Grund- oder Managementregeln
für einen nachhaltig zukunftsverträglichen Umgang mit
Stoffen und die mit einer weiteren Konkretisierung bzw. Operationalisierung
verbundenen Probleme, insbesondere die Berücksichtigung der
sozialen und ökonomischen Anpassungsfähigkeiten bei
der Formulierung stoffpolitischer Ziele aus diesem Konzept.
Das Kapitel beschäftigt sich auch mit dem Verhältnis
dieses Leitbildes zu anderen Leitbildern (z.B. integrierte Umwelttechnik,
Kreislaufwirtschaft, ökologischer Strukturwandel etc.).
Kapitel 4 stellt quasi den empirischen Teil des Berichtes
dar, indem beispielhaft Stoffströme betrachtet werden und
zwar einerseits für die drei Stoffe Cadmium, Benzol und das
FCKW-Substitut R 134a und andererseits für die Bedürfnisfelder
"Textilien/Bekleidung" und "Mobilität"
und den Produktionssektor "Chlorchemie". Allerdings
werden die Stoffstromanalysen für die drei genannten Stoffe
nur zusammenfassend dargestellt, die detaillierten Stoffstromanalysen
sind im Zwischenbericht aufgeführt.
Zweck dieser beispielhaften Betrachtungen war es, die Tauglichkeit
des Konzepts der nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung
als Modell für den Umgang mit Stoffen zu prüfen und
zu analysieren, welche spezifischen stoffpolitischen Schlußfolgerungen
in bezug auf einen verantwortungsvollen Umgang mit Stoffen aus
solchen konkreten Stoffstromanalysen gezogen werden können.
Kapitel 5 nähert sich dem schwierigen Problem der Bewertung
von Stoffströmen, wobei einerseits die deduktive Ableitung
von Bewertungskriterien aus dem Leitbild einer nachhaltig zukunftsverträglichen
Entwicklung diskutiert wird und andererseits die induktive Ableitung
durch die Analyse und Bewertung von Einzelstoffbeispielen.
Kapitel 6 beschäftigt sich mit dem Stoffstrommanagement.
Stoffstrommanagement wird dabei als Antwort auf den umweltpolitischen
Paradigmenwechsel der 80er Jahre bezeichnet, d.h. die Abkehr von
der medial organisierten, emissions- und anlagen- und einzelstoffbezogenen
Umweltpolitik zu einer Politik, die Stoffströme zu beeinflussen
sucht. Stoffstrommanagement definiert der Bericht wie folgt:
"Unter dem Management von Stoffströmen der beteiligten
Akteure wird das zielorientierte, verantwortliche, ganzheitliche
und effiziente Beeinflussen von Stoffsystemen verstanden, wobei
die Zielvorgaben aus den ökologischen und ökonomischen
Bereichen kommen, unter Berücksichtigung von sozialen Aspekten.
Die Ziele werden auf betrieblicher Ebene, in der Kette der an
einem Stoffstrom beteiligten Akteure oder auf der staatlichen
Ebene entwickelt." Wichtig ist insbesondere auch der letzte
Satz dieser Definition, der Zieldefinition und Stoffstrommanagement
als Rolle verschiedener Akteure beschreibt. Eine stoffpolitisch
orientierte Umweltpolitik erfordert so auch eine neue Rollenverteilung
der Akteure der Umweltpolitik, deren Notwendigkeit allerdings
in einem Minderheitsvotum bezweifelt und deren ordnungspolitische
Problematik angesprochen wird.
Kapitel 7 beschäftigt sich mit stoffpolitischen Instrumenten,
wobei insbesondere die Frage im Vordergrund steht, ob und wie
eine Umgestaltung des umweltpolitischen Instrumentariums für
eine stoffstromorientierte Umweltpolitik erforderlich ist. Die
Enquete-Kommission gibt hierzu noch keine Antworten, da dies u.a.
auch deshalb nicht möglich war, weil stoffpolitische Instrumente
und Umweltziele aufeinanderbezogen seien und solche erst entwickelt
werden müssen. Sie versucht aber eine erste Bewertung von
Instrumenten unter stoffpolitischen Aspekten.
Das zweiseitige Kapitel 8, in dem Empfehlungen zur Fortsetzung
der Arbeit der Enquete-Kommission für die nächste, jetzt
laufende Wahlperiode gegeben werden, nennt deshalb u.a. die Entwicklung
von Umweltzielen, z.B. Emissionsreduktionsziele, als Orientierungsrahmen
für das Stoffstrommanagement und die Stoffpolitik als vordringliche
Aufgabenstellungen. Weitere Aufgabenstellungen sollten u.a. sein
(hier nicht vollständig aufgeführt):
_ "Operationalisierung grundlegender Regeln für
eine nachhaltig zukunftsverträgliche Stoffwirtschaft.
_ Benennung, Operationalisierung und Gewichtung von ökologischen,
ökonomischen und sozialen Bewertungskriterien im Hinblick
auf eine effektive und effiziente Entscheidungsfindung im Stoffstrommanagements
und in der Stoffpolitik.
_ Konzeptionelle und beispielorientierte Weiterentwicklung
von Bewertungsverfahren und Managementmethoden eines akteursübergreifenden
Stoffstrommanagements unter besonderer Berücksichtigung diskursiver
und kooperativer Vorgehensweisen.
_ Bewertung der Handlungsoptionen und der anzuwendenden ökonomischen,
ordnungsrechtlichen und informatorischen Instrumente zur Förderung
eines innovativen Stoffstrommanagements und zur Durchsetzung von
Umweltzielen.
_ Entwicklung von Szenarien zur Erreichung des übergeordneten
Leitbilds einer nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung,
einschließlich der Analyse der Entwicklungsgeschichte nicht
zukunftsverträglicher Konsummuster und Lebensstile."
Diese Aufgaben sind im wesentlichen auch - teilweise in detaillierterer
Form - in dem vorliegenden Antrag der Fraktionen der CDU/CSU,
SPD, Bündnis 90/Die Grünen und FDP zur Einsetzung einer
neuen Enquete-Kommission übernommen worden (Bundestagsdrucksache
13/1995).
Bibliographische Angaben:
Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt"
des 12. Deutschen Bundestages (Hrsg.): Die Industriegesellschaft
gestalten. Perspektiven für einen nachhaltigen Umgang mit
Stoff- und Materialströmen. Bonn: Economica Verlag 1994.
ISBN 3-87081-364-4
Dieser Bericht ist auch als Sonderausgabe des Deutschen Bundestages
erschienen. (Bundestags-Drucksache 12/8260 vom 12.07.1994).
sowie
Enquete-Kommission "Schutz des Menschen und der Umwelt"
des 12. Deutschen Bundestages (Hrsg.): Verantwortung für
die Zukunft - Wege zum nachhaltigen Umgang mit Stoff- und Materialströmen
(Zwischenbericht). Economica Verlag: Bonn 1993. (Bundestags-Drucksache
12/5812). ISBN 3-87081-503-5
Einen wesentlichen Teil der Aufgaben für die neu
zu bildende Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages "Schutz
des Menschen und der Umwelt" hat die niederländische
Regierung bereits gelöst. Sie legte bereits 1989 einen nationalen
Umweltplan vor, in dem sich die Regierung das Ziel setzt, bis
zum Jahre 2010 die Nutzung von Umweltressourcen als Rohstoffquellen
und als Aufnahmemedium für Reststoffe auf ein Niveau zurückzuführen,
das den Kriterien einer nachhaltigen Entwicklung entspricht ("sustainbility
within one generation"). Inzwischen liegt bereits die erste
Fortschreibung des Plans vor (NEPP 2).
Die spezifischen im folgenden kurz skizzierten Charakteristika
des NEPP bestehen in:
1. der Orientierung am Nachhaltigkeitskonzept;
2. der Hierarchisierung von Ebenen, auf denen Umweltprobleme
auftreten, und die Benennung prioritärer Probleme auf diesen
Ebenen: Treibhauseffekt, Ozonabbau (globale Ebene); Versauerung,
Photooxidantion (kontinentale und regionale Ebene); Eutrophierung
(fluviale Ebene); Eintrag toxischer und ökotoxischer Stoffe
in die Umwelt, Deponierung von Abfällen (regionale und lokale
Ebene) sowie die Erschöpfung natürlicher Ressourcen;
3. der Entwicklung von qualitativen Reduktionszielen für
diese Probleme auslösende Stoffverbräuche und Emissionen
(orientiert an den Verarbeitungskapazitäten der Umwelt bzw.
der Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen);
4. der zeitlichen Staffelung von quantitativen Zielen und
der Festlegung von Beiträgen, die verschiedene Sektoren zur
Erfüllung dieser Zwischenziele leisten sollen;
5. der Entwicklung von Maßnahmenprogrammen zur Erreichung
von Zwischenzielen in den jeweiligen Planperioden;
6. der zweisträngigen Ausrichtung der Umweltpolitik:
Einsparung von Ressourcen und Abbau von Umweltbelastungen;
7. dem interaktiven partizipativen Ansatz bei der Entwicklung
des Plans durch Beteiligung aller Akteurs- bzw. Zielgruppen;
8. der Organisation eines Systems einer periodischen Evaluation
des Planvollzugs und der entsprechenden Fortschreibung
bzw. Revision des Plans.
Am Ansatz des NEPP's ist aus Sicht des Autors folgendes hervorzuheben:
1. Trotz wissenschaftlicher Unsicherheiten bezüglich
der Verarbeitungskapazitäten werden quantitative Zielvorgaben
für die Reduktion von Umweltbelastungen und Stoffverbräuchen
auf allen Ebenen gesetzt, die aber offen sind für Revisionen
aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, die im Verlaufe
der Planperiode erzielt werden.
2. Anders als bei der Festlegung des Reduktionsziels für
CO2 in der Bundesrepublik Deutschland benennt der Plan zeitlich
gestaffelte Zwischenziele und selektiert die dazu notwendigen
bereichsspezifischen Maßnahmen. Er definiert also Schritte
und Maßnahmen zur Erreichung der Reduktionsziele. Durch
die Vorgabe langfristiger Ziele und die zeitliche Staffelung von
Zwischenzielen werden den Zielgruppen zeitliche Spielräume
angeboten, ihre notwendigen Anpassungsreaktionen zu planen.
3. Der NEPP verkennt nicht, daß auf dem Wege zu einer
zukunftsfähigen Entwicklung Kompromisse bzw. Abwägungen
zwischen ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Belangen erforderlich sind und berücksichtigt dies durch
eine langfristige, zeitlich gestaffelte Planung in bezug auf zu
erreichende Zwischenziele und realisierbare Maßnahmen.
4. Der NEPP verfolgt keinen top-down-approach, sondern setzt
durch Beteiligung aller relevanten Gruppen (target groups) bei
der Planentwicklung und dem -vollzug auf Kooperation und gemeinsames
Verständnis von Umweltproblemen und Lösungswegen. Es
wird darin der einzig mögliche Weg gesehen, Akzeptabilität
seitens der Betroffenen zu erreichen.
5. Es verbleibt aber die Frage, ob sich die niederländische
Vorgehensweise bei der Entwicklung des NEPP, die man als einen
Prozeß des networking und consensus building beschreiben
kann, in andere kulturelle Traditionen und institutionelle Rahmenbedingungen
übertragen läßt.
(Reinhard Coenen/AFAS)
Anmerkung:
Der NEPP und seine Fortschreibungen werden durch das Ministry
of Housing, Physical Planning and Environment auch in englischer
Sprache veröffentlicht ebenso wie die wissenschaftlichen
Evaluationen des NEPP (National Environmental Outlooks), die vom
National Institute of Public Health and Environmental Protection
veröffentlicht werden.
Bibliographische Angaben:
Ministry of Housing, Physical Planning and Environment, Department
for Information and International Relations (ed.): National Environmental
Policy Plan "To Choose or to lose". SDU Publishers:
Den Haag 1989. ISBN 90-12-06258-6.
Ministry of Housing, Physical Planning and Environment, Department
for Information and International Relations (ed.): The Netherlands'
National Environmental Policy Plan 2 "The environment: today's
touchstone". SPU Publishers: Den Haag 1993. ISBN 90-399-0663-7
Das Buch von Friedrich Schmidt-Bleek ist ein engagiertes
Plädoyer für einen weltweiten ökologischen Strukturwandel
von Wirtschaft und Gesellschaft. Mit fundierten und überzeugenden
Argumenten wird ein großer Bogen geschlagen von der Problematisierung
der "klassischen" schadstofforientierten Umweltpolitik
bis hin zur Instrumentierung der neuen ökologischen Wirtschaftspolitik.
Ausgerichtet ist dies auf den Menschen, "seine überlebensmöglichkeiten
auf diesem Planeten und darüber hinaus sein langfristiges
Wohlergehen, seine Entfaltungsmöglichkeiten, seine langfristigen
wirtschaftlichen Interessen", wozu die "Bewahrung des
ökologischen Erbes der Menschheit" erforderlich ist.
Das Buch leistet einen wichtigen Beitrag zur aktuellen
stoff-, umwelt- und technikpolitischen Diskussion insbesondere
darüber, wie die ökologischen Folgen unseres Wirtschaftens
(mit Blick auf die beiden Kriterien Ressourcenverbrauch und Schadwirkungen)
zum einen adäquat abgeschätzt und wie sie zum anderen
über den Weg eines ökologischen Strukturwandels der
Gesellschaften minimiert werden könnten. Global wird eine
50%ige Reduzierung der Stoffentnahmerate aus der Umwelt für
notwendig erachtet. Für die Industrieländer wird daraus
eine Reduzierung um 90% abgeleitet.
Ein wesentlicher Teil der Argumentation des Buches ist
darauf abgestellt, der Frage nachzugehen, wie es gelingen könnte,
die Reduzierung des Stoffverbrauchs politisch konsensfähig
zu machen, ökonomisch zu instrumentieren und richtungssicheres
Handeln zu ermöglichen.
Ausgangsthesen des Autors
Einige Grundüberlegungen bzw. -thesen des Autors, die
für die im Laufe des Buches aufgebaute Argumentation entscheidende
Bedeutung haben, sollen hier wiedergegeben werden, um unsere Rezeption
des Buches zu verdeutlichen und die spätere Diskussion zu
erleichtern.
_ Die durch Menschen verursachten Stoffströme (d.h.
Primärmaterialien, Zwischen- und Endprodukte sowie Abfälle
/ Emissonen) nehmen im globalen Maßstab nach
wie vor exponentiell zu.
_ Jede Stoff- bzw. Materiebewegung hat Auswirkungen
auf ökologische Zusammenhänge, die angesichts
der Vielzahl von Stoffen und Wirkmöglichkeiten nie
vollständig quantifizierbar und qualifizierbar sein
werden. Eine zuverlässige Vorhersage aller relevanten Schädigungen
wird deshalb vom Autor nicht für möglich gehalten. Die
Wahrscheinlichkeit für neue bedeutende Schäden
steigt mit der aus der Umwelt entnommenen und wieder zurückgegebenen
Stoffmenge an. Die anthropogenen Stoffströme sind dabei deswegen
so problematisch, weil durch sie in die natürlichen Systeme
in vergleichsweise kurzer Zeit und in der Regel großräumig
bisher nicht vorhandene Stoffe in unterschiedlichen Mengen bzw.
zu schon vorhandenen natürlichen Stoffströmen zusätzliche
Mengen eingebracht werden.
_ Die Ergebnisse der Umweltpolitik der vergangenen Jahre werden
_ nicht zuletzt aus der persönlichen beruflichen Erfahrung
des Autors heraus _ kritisch bewertet. Das bisher praktizierte
Ansetzen von Maßnahmen an der Output-Seite (d.h. den Abfall-
oder Emissionsstoffen) im "end-of-the-pipe"-Stil hat
zu unbestrittenen Erfolgen geführt, die aber teilweise durch
erhöhten Verbrauch (über-)kompensiert wurden. Insgesamt
konnte nicht verhindert werden, daß ökologische Probleme
in einer Weise zeitlich, medial und regional verschoben werden,
die das ökosystem global gefährdet.
_ Nach den heutigen Erkenntnissen sind die Verarbeitungskapazitäten
der verschiedenen ökologischen Systeme in bezug auf den Eintrag
von (Schad- und Abfall-) Stoffen in immer mehr Fällen schon
erreicht oder gar überschritten bzw. werden
dies bald sein. "Buisiness as usual" führt (möglicherweise
schon in Jahrzehnten) zum ökologischen Kollaps und gefährdet
das überleben der Menschheit.
_ Ein Perspektivenwechsel in Richtung Input
der Stoffe in die Technosphäre und auf ihren
Lebenszyklus ist erforderlich, damit nach neuen
Wegen zu einer deutlichen Reduktion der für Produkte oder
Dienstleistungen eingesetzten Stoffmengen gesucht werden kann.
Neben der Steigerung der Ressourceneffizienz herkömmlicher
Produkte geht es dabei hauptsächlich um die Verbesserung
der Ressourcenproduktivität durch neue "dematerialisierte"
Produkte und Verfahren, um dadurch die Umweltbelastung zu reduzieren.
Folgt man der Argumentation des Autors bis hierhin, so ist
für die Umsetzung übersicht über die nationalen
und globalen Stoffströme zu gewinnen, die sowohl
für Stofftransparenz als auch für
gezielte Stoffpolitik erforderlich ist. Um diese
übersicht zu schaffen und nicht in der Datenfülle unterzugehen,
fordert der Autor Indikatoren für den stofflichen Input
in die Technosphäre, mit denen die Umweltbelastung
durch den Stoffverbrauch grob abgeschätzt werden kann. Friedrich
Schmidt-Bleek schlägt zwei Indikatoren vor: MIPS für
den Stoffverbrauch und FIPS für die Flächeninanspruchnahme.
Der Gewichtung des Buches folgend beschränken wir uns auf
die Darstellung und Kommentierung von MIPS.
Was ist MIPS?
_ Bezugspunkt der überlegungen ist die "Dienstleistungseinheit",
mit der ein menschliches Bedürfnis durch Schaffung und Inanspruchnahme
von materiellen Gütern direkt befriedigt wird (z.B. gefahrener
Personenkilometer, warme Raumeinheit, gekühlte Nahrungsmenge).
_ Es werden alle aus der Umwelt entnommenen Stoffmengen
(Primärstoffe) aufaddiert, die verwendet werden,
um Rohstoffe, Werkstoffe, Produkte, Maschinen, Gebäude, Straßen
etc. zu erzeugen, zu nutzen und um die Stoffe wieder in der Umwelt
zu "deponieren", aus denen die Dienstleistung zusammengesetzt
ist. Erfaßt werden also die Material-Inputs (MI) der
Dienstleistung entlang des Lebensweges der beteiligten Güter
("von der Wiege bis zur Bahre"). Der Stoff- und der
Materialbegriff werden synonym gebraucht.
_ In den Primärstoffen sind auch die Stoffe enthalten,
aus denen die Energie erzeugt wird, mit deren Hilfe alle die Güter
hergestellt, genutzt, beseitigt und transportiert werden, die
der Dienstleistung zuzurechnen sind. Hauptsächlich sind dies
die Energieträger und die bei ihrer Gewinnung bewegten Stoffe,
aber auch die anteiligen Mengen der Kraftwerke, Transportmittel,
Reaktionsstoffe zur Rauchgasreinigung etc. Stoffe und Energie
werden in gleichen Gewichtseinheiten verrechnet.
_ Bei der Berechnung von MIPS werden die verschiedenen Stoffe
nicht auf ihre human- oder ökotoxikologischen
Wirkungen hin unterschieden bzw. danach gewichtet.
Dies wird nachfolgenden Analysen überlassen, falls diese
notwendig sind. Alle Primärstoffmengen gelangen, meist in
umgewandelter Form und anders vermischt, im weitesten Sinn als
Abfälle wieder in die Umwelt zurück. Outputs
werden für MIPS nicht betrachtet.
_ Die kumulierte Primärstoffmenge in Gewichtseinheiten
pro Dienstleistungseinheit (Serviceeinheit) wird vom Autor MIPS
genannt: Material-Input pro
Serviceeinheit.
Im Buch wechseln sich zwei Argumentationsstränge miteinander
ab, die die Reduzierung des Materialinputs einer Dienstleistungseinheit
oder umgekehrt die Steigerung der Ressourcenproduktivität
und die Umweltbelastung behandeln. Es ergeben
sich in mancherlei Hinsicht Ansatzpunkte für Skepsis und
kontroverse Reaktionen.
Ansprüche an und Leistungsfähigkeit von MIPS
Der Autor hat die Latte für die Leistungsfähigkeit
dieses Indikators sehr hoch gehängt. Es ist jedoch genau
hinzusehen, was tatsächlich gefordert und was definiert wird,
um daran die Leistungsfähigkeit des Indikators zu messen:
_ "Die Menschheit braucht einen Basisindikator,
der auch komplexe Zusammenhänge in aggregierter Form zum
Ausdruck bringt, . . . mit dem sie Umweltbelastung einfach
messen kann, trotz der hohen Komplexität der Ursachen"
(S. 101).
_ "Ohne ein wissenschaftlich vertretbares Grobmaß,
das sich einfach, billig und schnell anlegen läßt,
das Kriterien berücksichtigt, die ohne Ausnahmen für
alle Prozesse, Güter und Dienstleistungen relevant sind,
das unkompliziert und widerspruchsfrei die ermittelten Daten verrechnen
läßt, und das dennoch zuverlässig in die richtige
Richtung weist, wird die erforderliche übersicht über
nationale und globale Stoffströme wohl nicht zustandekommen"
(S.85).
"Es wird ein Indikator gebraucht",
_ "...mit dessen Hilfe in allen Fällen
das Ausmaß der Umweltbelastung von Maßnahmen
und Wirtschaftsleistungen zumindest grob abgeschätzt
werden kann und richtungssichere Verbesserungen
möglich werden" (S.69),
_ "... an dem sich Wirtschaft und Politik
auch dann orientieren können, wenn nur unvollständige
oder noch gar keine Kenntnisse vorliegen" (S.62).
Zur Funktion eines Indikators
Richtungssicherheit und Einfachheit eines Indikators waren
für den Autor offenkundig die entscheidenden Beweggründe
zur Konzipierung von MIPS. Insbesondere mit dem Wunsch nach Einfachheit
betritt Friedrich Schmidt-Bleek nun keineswegs Neuland, steht
er doch damit vielmehr in der Tradition all jener, die vor einigen
Jahrzehnten mit dem Bruttosozialprodukt einen Indikator schufen,
der international harmonisier- und vergleichbar sein und mit dem
die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes einfach abbildbar
sein sollte. Es besteht nun mittlerweile weitgehender Konsens
darüber, daß das Bruttosozialprodukt die ökonomische
Indikatorfunktion nur unvollständig erfüllen kann, daß
es den "Wohlstand" einer Gesellschaft und dessen Entwicklung
nur sehr einseitig definiert und mit Blick auf die ökologischen
Aspekte wirtschaftlicher Aktivitäten sogar in die falsche
Richtung zeigt. In gleichem Maße, wie dies als richtig erkannt
ist, zeigt sich jedoch auch, wie schwer es ist, einen vor allem
aufgrund seiner Einfachheit konsensual verwendeten und institutionell
verankerten Indikator abzuschaffen bzw. zumindest zu korrigieren.
Es scheint uns deswegen an dieser Stelle dringend geboten, auf
die Notwendigkeit einer intensiven Diskussion darüber hinzuweisen,
welcher Stellenwert den Funktionen "möglichst
korrekte bzw. adäquate Informationsübermittlung"
und "Konsensfähigkeit" im Zusammenhang
mit einer politisch und gesellschaftlich so wichtig erachteten
Maßzahl beigemessen werden soll und welches Spannungsverhältnis
zwischen den beiden Funktionen zulässig ist.
MIPS als integraler Indikator
Zur Reduzierung des Materialinputs einer Dienstleistungseinheit
müssen die Stoffmengen erhoben und die Umwandlungsschritte
entlang des Lebensweges der Stoffe untersucht werden. Nach einer
Analyse in Hinblick auf Stoffeinsparmöglichkeiten durch Verfahrensänderungen
(im weitesten Sinn) kann eine Effizienzsteigerung beim Stoffeinsatz
folgen. Sind von den Reduzierungen eines Stoffanteils die anderen
nicht tangiert, braucht man keine weiteren Analysen.
Wenn man will, kann man die Stoffanteile zu MIPS aufsummieren.
Egal, welches Verfahren zur Ermittlung der Primärstoffmenge
angewendet wird, mit der Summenbildung über die unterschiedlichen
Stoffe hinweg verschwindet die Information über die einzelstofflichen
Anteile der Menge, und nur für die Endsumme ist MIPS der
Indikator.
In bestimmten Fällen kann die Einsparung bei einem Stoffanteil
mit der Erhöhung eines anderen verbunden sein. In diesem
Fall würde man zunächst nach der ökologischen Relevanz
der änderung fragen und weniger nach MIPS. Erst wenn kein
eindeutiges Ergebnis erzielt wird, könnte durch MIPS der
Ausschlag gegeben werden. MIPS wäre dann ein nachrangiger
Indikator.
Ginge es "nur" um integrale Reduzierungen,
dann wäre stets diejenige Dienstleistungseinheit die günstigste,
für die die kleinste kumulierte Stoffmenge eingesetzt werden
muß. Dafür ist MIPS dann das Maß.
Der im Buch angegebene Vergleich des kumulierten Materialaufwands
von 10 mobilen Kühlschränken mit einem im Haus fest
eingebauten während einer hundertjährigen Nutzungsdauer
ist dafür eine Illustration.
Zur Richtungssicherheit
Unter der Voraussetzung, daß integrale Reduzierungen
bzw. die integrale Steigerung der Ressourcenproduktivität
das Oberziel sind, ist MIPS richtungssicher, aber in bezug auf
ökologische Wirkungen zunächst inhaltsleer.
Legt man vorhandenes Wissen über umweltrelevante bzw.
umweltschädigende Stoffwirkungen zugrunde, verliert MIPS
Aussagekraft und Richtungssicherheit. Wir geben nur ein Beispiel
von vielen weiteren möglichen, das dies illustrieren soll:
_ MIPS wird eine klare Präferenz für ein ölbefeuertes
Blockheizkraftwerk (BHKW) ausweisen, welches stündlich eine
Tonne Heizöl verbraucht, wenn der Vergleich zu einem mit
Schwachholz befeuerten BHKW gezogen wird, welches stündlich
vier Tonnen Holz verbraucht, und außerdem eine deutlich
größere Feuerungsanlage braucht als im Fall der Heizöl-Anlage.
In Hinblick auf das CO2-Problem ergibt sich klar eine andere Präferenz.
MIPS hat es außerdem schwer - um beim Beispiel zu bleiben
- zwischen Holz aus einer nachhaltigen Forstwirtschaft und Raubbauholz
zu unterscheiden.
Auch der Autor sieht das Problem und weist im Buch in anderem
Zusammenhang und am Rande darauf hin, zieht sich jedoch mit dem
Argument "Sonderfall Landwirtschaft" aus der Affäre
(S. 254 ff).
Zur Umweltbelastung
Friedrich Schmidt-Bleek will, daß verbesserte integrale
Ressourcenproduktivität zum allgemeinen Umweltpolitikziel
wird, wodurch gleichzeitig eine Verminderung von Schäden
aus Umweltbelastungen erreicht werden soll. Das folgt auch ganz
der Logik seiner Eingangsthesen, nach der jedwede Stoffbewegung
ökologische Wirkungen hat und insofern auch die Gesamtmenge
der Stoffe, die durch MIPS bemessen wird. Die dem speziellen MIPS
zugrundeliegende Stoffzusammensetzung enthält zwar ein Schädigungspotential,
die Definition von MIPS schließt hingegen die Möglichkeit
von Aussagen über jedwede spezifische Wirkung
dieser Menge nach Qualität und Quantität aus.
Kann MIPS dann trotzdem ein Grobmaß für Umweltbelastungen
sein, an dem man sich richtungssicher orientieren kann? Streng
genommen nur in dem Maße, wie man überhaupt nichts
über ökologische Wirkungen von Stoffen weiß. Dann
ist es immer besser, weniger Stoffe einzusetzen als mehr.
"Wenn Stoffströme systematisch verringert werden,
dann zieht das automatisch geringere Abfallmengen, weniger Energieverbrauch,
weniger Transport und auch geringeren Flächenverbrauch nach
sich. Das bedeutet, daß es einen Zusammenhang zwischen der
Bewahrung der ökologischen Stabilität und der Abnahme
des Materialaufwandes für menschliche Tätigkeiten gibt"
(S. 122).
Diese plausible Aussage wird als ausreichend angesehen, um
MIPS die Eignung als Grobmaß für Umweltbelastungen
zuzuschreiben. Das ist bei weitem überzogen und reicht für
die Praxis nicht aus. Will man stofflich unterschiedlich zusammengesetzte
Mengen in Hinblick auf ihre Umweltbelastung vergleichen und bewerten,
so kommt man ohne eine Unterscheidung nach Einzelstoffen und ihre
ökologische Bewertung unter Zugrundelegung des jeweiligen
Erkenntnisstandes zu Schadwirkungen nicht aus. Das weiß
auch der Autor. Er bemerkt:
"Der Ansatz soll das Inrechnungstellen der ökotoxikologischen
Gefährlichkeit von Stoffen in der Umweltpolitik auch nicht
ersetzen, sondern durch die Berücksichtigung von Material-
und Energieintensitäten von Wirtschaftsleistungen ergänzen"
(S. 120).
Zur Einfachheit
Neben der Richtungssicherheit wird vom Autor auch die Einfachheit
des Indikators in den Vordergrund gestellt. Die grundsätzliche
Einfachheit der Maßeinheit MIPS ist faszinierend, andererseits
auch begrenzend für die Aussagekraft. Ein nicht zu unterschätzender
Vorteil der Einfachheit ist in der Verständlichkeit und Anschaulichkeit
auch für Laien und der daraus erwachsenden Kommunikationsvorteile
zu sehen.
Dieser Vorteil schmilzt jedoch dann rasch zusammen, wenn der
Indikator zur Stärkung seiner Leistungsfähigkeit in
eine Richtung weiterentwickelt wird, wie auf Seite 121 genannt:
"Nun ist aber MIPS nicht unbedingt gleich MIPS! Zur
Zeit ist z. B. die Frage noch nicht beantwortet, ob möglicherweise
zwischen Strömen unterschiedlicher Massen differenziert (gewichtet)
werden muß. So scheint es z. B. auf den ersten Blick sinnvoll,
Wasser-, Boden-, Luft- sowie technische Materialinputs jeweils
getrennt zu berücksichtigen. Darüber hinaus muß
auch noch geklärt werden, welche Art Wasser wie verrechnet
wird".
Das würde dann doch auf unterschiedliche öko-Gefährdungspunkte
für unterschiedliche Arten von Stoffen hinauslaufen, vor
deren Problematik das Buch an vielen anderen Stellen warnt.
Auch die Behauptung der Neuartigkeit der
im Buch ausgedrückten Denkweise ist überzogen,
wenn es auf Seite 60 heißt: "Dies ist ein völlig
anderer Ansatz, als ihn eine schadstofforientierte Umweltpolitik
verfolgt ....". Sicher ist der Ansatz völlig anders,
als eine nur auf die individuelle Gesundheit des Menschen ausgerichtete
Gesundheitspolitik. Aber auch die bisherige schadstofforientierte
ökopolitik, von der im Buch ebenfalls abgehoben wird, geht
darüber hinaus und ist u. a. auf ökologische Schadensbereiche
wie Treibhauseffekt, stratosphärischer Ozonabbau, Veränderung
von Gewässern, neuartige Waldschäden, Grundwasserverunreinigung,
Eutrophierung von Gewässern, Anreicherung von Umweltgiften
in Böden, Degradation nicht erneuerbarer natürlicher
Rohstoffe und Raubbau bei erneuerbaren Rohstoffen ausgerichtet.
Dabei wurde und wird, durchaus nicht nur in Sonderfällen,
"über den einzelnen Menschen, über die gegenwärtig
lebende Generation, über Ländergrenzen hinaus"
gedacht und gehandelt.
Fazit
Der im Buch mehrfach wiederholte Anspruch, mit MIPS einen
Indikator zu entwickeln, der zumindest im Sinne einer Grobanalyse
ökopolitisch richtungssichere Aussagen erlaubt, läßt
sich nach unserer Meinung in der Praxis nicht erfüllen. MIPS
kann jedoch eine gute inputseitige Ergänzung zu den bisherigen
ökotoxisch oder an Umweltmedien orientierten Indikatoren,
z. B. bei ökobilanzen sein. Der Ansatz erweitert die bisherige
schadstofforientierte ökopolitik um eine allgemeine stoffpolitische
Komponente in Hinblick auf integrale Reduzierungen der in die
Technosphäre eingebrachten großen Stoffmengen.
Schlußbemerkung
Man kann Formulierungen wie den folgenden eigentlich nur zustimmen:
"Um diese Ziele erreichen zu können, muß ökopolitik
aber den Blick über den einzelnen Menschen, über die
gegenwärtig lebende Generation und über Ländergrenzen
hinaus erheben und sich mit der langfristigen Stabilität
des Trägersystems befassen, das menschliches Leben überhaupt
möglich macht: der ökosphäre des Planeten Erde"
(S. 60).
Auch angesichts der möglichen Skepsis gegenüber
MIPS sollte das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden.
Der Gesamtansatz des Buches, das präsentierte Material und
die Argumente umfassen weit mehr als nur MIPS.
Die mit vielen Beispielen illustrierten Kritiken am industriellen
Umgang mit der Natur gehören zu den besonderen Stärken
des Buches, das in einer verständlichen und sehr bildreichen
Sprache verfaßt ist. Es enthält außerdem instruktive
Graphiken zur Untermauerung der Argumente, welche den Text informativ
ergänzen.
Der Autor stellt MIPS zur Diskussion, ist offen für Verbesserungen
und wünscht sich mehr Forschergruppen, die sich des Themas
annehmen und zusammenarbeiten.
Bibliographische Angaben:
Friedrich Schmidt-Bleek: Wieviel Umwelt braucht der Mensch?:
MIPS - das Maß für ökologisches Wirtschaften.
Basel: Birkhauser Verlag 1994. ISBN 3-7643-2959-9.
Am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie
wurde in der Abteilung Stoffströme und Strukturwandel die
Methodik der Stoffstrombilanzierung weiterentwickelt, um den Stoffdurchsatz
einer Wirtschaftsregion oder der gesamten Volkswirtschaft in der
übersicht und im Detail erfassen zu können. Da das Umweltbelastungspotential
aller wirtschaftlichen Aktivitäten zentral von Art und Umfang
des "industrial metabolism" abhängt, können
daraus wichtige Kenndaten für die Zukunftsfähigkeit
einer Wirtschaft abgeleitet werden (Bringezu und Schütz 1995,
Bringezu 1993, Schütz und Bringezu 1993).
Die bundesdeutsche Wirtschaft befindet sich in einem Zustand
des Durchflusses. Große Mengen an Primär-Material werden
jährlich der Umwelt entnommen, nur zum geringeren Teil genutzt
und in ebenso großem Umfang - teilweise verändert -
wieder der Umwelt überantwortet (Abb. 1). Dabei verursacht
die deutsche Wirtschaft einen erheblichen Teil ihrer Stoffströme
in anderen Regionen (Bringezu et al. 1994). Der globale Gesamt-Material-Verbrauch
ist daher wesentlich größer als der inländische
Material Input (Abb. 2). Dabei wird deutlich, daß
ein ökologischer Strukturwandel - in Richtung einer weitgehend
dematerialisierten Wirtschaft - nur im internationalen Kontext
umgesetzt werden kann. Hierzu bedarf es auch einer "Buchhaltung
der Zukunftsfähigkeit" u.a. in
Abb. 1:
Abb. 2:
Form von Material-(einschl. Energie-)-flußbilanzen auf
allen Wirtschaftsebenen (Betriebe, Verbände, Regionen, Staaten).
Eine wesentliche Aufgabe besteht darin, den "ökologischen
Rucksack" von Produkten und Dienstleistungen transnational
"von der Wiege an" einzubeziehen. Daher wird in der
Abteilung großer Wert auf die Abstimmung der Methodik zur
regionen- und produktlinienbezogenen Analyse der Materialströme
gelegt.
Für das Projekt "Zukunftsfähiges Deutschland"
stellte die Abteilung die Daten zum Status quo und zum Trend des
Material- und Flächenverbrauchs zur Verfügung. Allein
die inländische Entnahme von Materialien (ohne Wasser und
Luft) aus der Umwelt liegt jährlich in der Größenordnung
von 10 kg pro m2 im Landesdurchschnitt. Bezogen auf den Inlandsverbrauch
ergab sich 1991 ein Netto-Material-Input von ca. 58 t pro Kopf
(ohne Wasser und Luft). Die Anteile, aus denen sich diese Werte
zusammensetzen, liegen detailliert vor und werden auch als solche
analysiert. Während der inländische und über Importe
verursachte Material Input von 1980 bis 1989 in seiner Größenordnung
unvermindert blieb, stieg im gleichen Zeitraum die Materialproduktivität
des Brutto-Inlands-Produkts leicht von ca. 300 auf 350 DM/t bezogen
auf Materialien ohne Wasser und Luft (Bringezu et al. 1994).
Im Zuge dieser Arbeiten wurden die Material-Input-Ströme
in die deutsche Wirtschaft - als Indikatoren für das ökonomisch
bedingte Umweltbelastungspotential - mit Hilfe der Input-Output-(I-O)-Rechnung
auf der Basis der I-O-Tabellen des Statistischen Bundesamtes auf
die wichtigsten Bedarfsfelder (Wohnen, Ernährung, etc.) projiziert.
Dabei zeigte sich, daß der größte Umweltverbrauch
mit unserer Art des Wohnens, der Ernährung und des Freizeitverhaltens
verbunden ist (Behrensmeier und Bringezu 1995).
Diese Arbeiten des Wuppertal Instituts fanden in Zusammenarbeit
mit dem Statistischen Bundesamt statt und dienten der Weiterentwicklung
der Umweltökonomischen Gesamtrechnung. Sie wurden gefördert
durch das Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen im Rahmen des
Verbundprojekts "Neue Strategien für alte Industrieregionen"
und einen Auftrag von Eurostat, dem Statistischen Amt der EU,
sowie im Rahmen der Zuarbeit zum Projekt "Zukunftsfähiges
Deutschland". Aufgrund der Arbeiten zur Quantifizierung und
Bewertung von Stoffströmen wurden Vertreter des Instituts
aus der Abteilung Stoffströme und Strukturwandel vom Statistischen
Bundesamt eingeladen, um am 11. Oktober 1994 zusammen mit anderen
Forschungseinrichtungen wie z.B. dem Forschungszentrum Karlsruhe
eine Arbeitsgemeinschaft Material- und Energieflußrechnungen
(AGME) zu gründen. Ihr Ziel ist ein Austausch von Informationen
und eine frühzeitige Koordination von Forschungsvorhaben
zu diesem Thema.
Kontakt:
Dr. Stefan Bringezu
Bibliographische Angaben:
Behrensmeier, R., Bringezu, S. 1995: Zur Methodik der volkswirtschaftlichen
Material-Intensitäts-Analyse: Der bundesdeutsche Umweltverbrauch
nach Bedarfsfeldern. Wuppertal Papers. In Vorb.
Bringezu, S. 1993: How to measure the total material consumption
of regional or national economies? Fres. Env. Bull. 2: 437-442.
Bringezu, S. 1994: Strategien einer Stoffpolitik. Wuppertal
Papers Nr. 14.
Bringezu, S., Hinterberger, F., Schütz, H. 1994: Integrating
Sustainability into the System of National Accounts: The Case
of Interregional Material Flows. Intern. afcet Symposium "Models
of Sustainable Development - Exclusive or complementary approaches
to sustainability", Paris, pp. 669-680.
Bringezu, S. (Hrsg.) 1995: Neue Ansätze der Umweltstatistik.
Ein Wuppertaler Werkstattgespräch. Wuppertal Texte, im Druck.
Birkhäuser Verlag.
Bringezu, S., Schütz, H. 1995: Wie mißt man die
ökologische Zukunftsfähigkeit einer Volkswirtschaft?
Ein Beitrag der Stoffstrombilanzierung am Beispiel der Bundesrepublik
Deutschland. In: S. Bringezu (Hg.), Neue Ansätze der Umweltstatistik,
a.a.O..
Schütz, H., Bringezu, S. 1993: Major material flows in
Germany. Fres.Env.Bull. 2: 443-448.
In der Abteilung Stoffströme und Strukturwandel des Wuppertal
Instituts sind Materialintensitätsanalysen folgender Werkstoffe
durchgeführt worden bzw. noch in Arbeit:
_ Holz, Papier & Pappe
_ Kunststoffe, Verwertung von Kunst
_ Aluminium
_ Stahl
_ Beton
_ Textilien
Verschiedene Produkte konnten mit Hilfe der Materialintensitätsanalyse
in ihrem Naturverbrauch bewertet werden wie z.B. Dosen, Baumwollkleidung,
Autokarosserien, Freileitungsmasten (Manstein, Rohn und Liedtke
1995; Merten, Liedtke und Schmidt-Bleek 1995; Richard-Elsner 1993/1995).
Eine Integration der Flächen in das MIPS-Konzept, die in
der Produktlinie "verbraucht" werden, ist in Vorbereitung,
ebenso die Berücksichtigung der in Anspruch genommenen Infrastruktur,
da die Transport- und Energieintensitäten, die mit Produktherstellung,
-nutzung und -entsorgung einhergehen, immens sind (Haberling und
Liedtke 1995; Manstein 1995; Stiller 1993). über die einzelnen
Verkehrsmittel konnten fundierte Daten gesammelt werden, die innerhalb
des MIPS-Konzeptes Aufschlüsse liefern, welche Transportarten
und -mittel besonders ressourcenintensiv sind (Stiller 1993).
Parallel dazu werden für die eingesetzten Energieträger
und insbesondere den in der Herstellungsphase gebrauchten Strom
die ursächlich bewegten Stoffströme ermittelt (Manstein
1995). Dazu werden die Bereitstellungsprozesse der fossilen Energieträger
sowie die insgesamt benötigten Stoffströme für
die Systeme Kernenergie und Hydroelektrizität untersucht
und auf eine Einheit Endenergie bezogen. Energiebausteine wie
beispielsweise die Stromgewinnung in Westeuropa (UCPTE) bzw. in
der Bundesrepublik oder die Bereitstellung von Industriestrom
bzw. Strom aus dem öffentlichen Versorgungsnetz werden berücksichtigt.
In einem zweiten Schritt werden die systemweit verbrauchten Materialmengen
zur Strombereitstellung aus regenerativen Systemen (z.B. Photovoltaik,
Windenergie etc.) untersucht.
Ende 1994 konnte die Designerin Ursula Tischner einen Entwurf
eines "Leitfadens zur umweltgerechten Gestaltung" vorlegen.
Diese Arbeit zeigt auf, wie umweltschonende Produkte, Dienstleistungen
und Infrastrukturen möglichst ressourcenschonend gestaltet
werden können. Planungs- und Designstrategien zur Konzeption
neuer "Dienstleistungserfüllungsmachinen" haben
das Ziel, den Naturverbrauch des Konsums zu senken und möglichst
viel Nutzen zu stiften (Tischner und Schmidt-Bleek 1995).
Eine Studie "Stoffkreisläufe, Wertschöpfungsketten
und Arbeit im Ruhrgebiet am Beispiel der Stahlindustrie"
wird im Zusammenhang mit dem Verbundprojekt des Wissenschaftszentrums
NRW "Neue Strategien für alte Industrieregionen"
durchgeführt. In Zusammenarbeit mit der Stahlindustrie (Unternehmensleitungen
wie Gewerkschaften) konnte zur Abschätzung von ökologischen
Umweltbelastungsintensitäten von Produkten und Dienstleistungen
das MIPS-Konzept erfolgreich angewandt werden. Ergebnis ist, daß
der Werkstoff Stahl neben Werkstoffen wie Beton und Aluminium
ein zukunftsfähiger Werkstoff ist, dessen Verwendungsbereiche
neu definiert werden sollten. Der Werkstoff Stahl ist z.B. nach
ökologischen Gesichtspunkten geeignet, Marktanteile im Hochbaubereich
zurückzuerobern, der in den letzten Jahrzehnten von der Betonindustrie
stark beeinflußt wurde. Kombiniert mit ökonomischen
Managementinstrumenten (z.B. Leasing) wäre es möglich,
Wertschöpfung und Arbeit von der Produktion auf den Dienstleistungssektor
zu verlagern und trotzdem sichere Gewinne zu erzielen. Ein produktspezifisches
bzw. serviceorientiertes ökologisches Design erlaubt richtungssichere
- weil zukunftsfähige - Investitionen (Baku et al. 1994;
Merten, Liedtke und Schmidt-Bleek 1995; Manstein, Rohn und Liedtke
1995).
Als weiteres wichtiges Forschungsfeld wird die Entwicklung
zukunftsfähiger Umweltmanagementsysteme vorangetrieben,
die ökologische und betriebswirtschaftliche Anfordernisse
in einer "ökologischen Wirtschaft" berücksichtigen
sollen (Liedtke et al. 1994 a, b, c; Liedtke und Manstein 1994,
Liedtke und Gotsche 1994). U.a. wird anhand einer Beispielsammlung
belegt, wo öko- und kosteneffizientes Wirtschaften zu nachweisbaren
Erfolgen geführt hat. Unter Beteiligung des Wuppertal Instituts
sind zwei betriebswirtschaftliche Indikatoren erarbeitet worden:
zum einen die Kopplung einer Massen- mit einer Kostenrechnung
und zum anderen die Produktlinienorientierte Wertschöpfungsanalyse.
Standortgeprägte ökonomische Erhebungen sind so leicht
in lebenszyklusweite Kostenkalkulationen integrierbar. Der direkte
Vergleich von ökonomischen Indikatoren mit MIPS erlaubt,
qualitätssichernde Managementstrategien auch ökologisch
zu fundieren (siehe die folgende Abbildung Umweltmanagement).
So sind Aussagen über die ökonomische Machbarkeit neuer
Konzeptionen möglich, die ein Umsteuern in Richtung "sustainable
development" erleichtern. Erste Ergebnisse zeigen die Nützlichkeit
kombinierbarer ökonomischer und ökologischer Bewertungsmethoden,
indem schon allein die Information über Kosten und Ressourcenintensität
Synergiepotentiale aufzeigt. Das spart Kosten, Zeit und Naturverbrauch
(Schmidt-Bleek und Liedtke 1995).
Im Rahmen eines vom Ministerium für Umwelt, Raumordnung
und Landwirtschaft NRW in Auftrag gegebenen Projektes "ökologiestandort
Nordrhein-Westfalen" wurden die Anforderungen einer ökologischen
Industriepolitik konkretisiert und Handlungsoptionen des Landes
zu zukunftsträchtigen Technologien identifiziert. Ferner
wurden Kriterien zur Beurteilung der Umweltrelevanz von Produkten
entwickelt (Liedtke et al. 1994 a).
Die vollständige Literaturliste zu den zitierten Veröffentlichungen
des Wuppertal-Instituts kann unter der unten angegebenen Anschrift
angefordert werden.
Kontakt:
Dr. Christa Liedtke
Postfach 100 480, D-42004 Wuppertal
In der Abteilung für Angewandte Systemanalyse (AFAS)
des Forschungszentrums Karlsruhe wurde die Studie "Recycling
von PVC" in Phasen im Zeitraum von 1992 bis 1994 angefertigt.
Auftrag und Finanzierung erfolgten durch das Projekt Schadstoff-
und Abfallarme Verfahren. Die grundlegenden und praxisorientierten
Untersuchungen wurden beispielhaft für einen wirtschaftlich
erfolgreichen, aber umstrittenen Massenkunststoff, der als Vielstoffgemisch
unterschiedlicher Zusammensetzung mit brennbaren Anteilen gekennzeichnet
ist, durchgeführt.
Die Chlorchemie hat sich nach dem zweiten Weltkrieg zum stärksten
Wirtschaftszweig der Chemieindustrie entwickelt. Innerhalb der
Chlorchemie hat sich der Massenkunststoff Polyvinylchlorid (PVC)
als der Hauptchlorverbraucher zu einem der wichtigsten Standardkunststoffe
entwickelt und in alle Lebensbereiche Eingang gefunden. Weltweit
werden rund 18 Millionen Tonnen PVC verbraucht, in Europa rund
5 Millionen Tonnen und in der BRD rund 1 Millionen Tonnen. Etwa
30 % der deutschen Chlorproduktion wird zur Herstellung von PVC
verwendet.
Die seit vielen Jahren andauernde kritische Diskussion der
Chlorchemie richtet sich besonders auch auf die PVC-Produktion
und ihre Folgen. Zunächst mußte sich die PVC-Industrie
mit den Schäden auseinandersetzen, die durch das krebserregende
PVC-Vorprodukt Vinylchlorid (VC) hervorgerufen wurden, dann drehten
sich die Diskussionen um die Freisetzung von Dioxinen und Furanen
bei Verbrennungsvorgängen, und in den letzten Jahren ist
das Recyclingproblem im Zusammenhang mit immer weiter wachsenden
Stoffströmen und zunehmenden Abfallproblemen ein wichtiger
Ansatzpunkt der Kritik geworden.
Technische Maßnahmen zur drastischen Verringerung der
VC-Emissionen in den 70er Jahren, in die Wege geleitete technische
Maßnahmen zur Verringerung der Dioxin/Furan-Emissionen bei
der Müllverbrennung und Programme mit einigen Pilotprojekten
zum PVC-Recycling haben bisher dafür gesorgt, daß die
PVC-Produktion weltweit kontinuierlich auf heute rund 18 Millionen
Tonnen pro Jahr angestiegen ist und weiter ansteigt.
Im Zusammenhang mit diesen immer weiter wachsenden Stoffströmen
und zunehmenden Abfallproblemen ist das Recyclingproblem von PVC
ein wichtiger Ansatzpunkt der Kritik geworden. Mit der Studie
wurde versucht, u. a. Antworten auf folgende Fragen zu geben:
- Kann durch Recycling von Kunststoffen ein nennenswerter
Beitrag zur Umweltentlastung und Ressourcenschonung geleistet
werden?
- (Wie) können Rohstoffaufwand und Herstellenergie bei
Kunststoffen in einer vergleichsfähigen Ziffer unter Berücksichtigung
des Lebensweges zusammengeführt werden?
- Welche Abfallmengen sind bei PVC aus verschiedenen Verbrauchssektoren
zu erwarten?
- Wie ist der Stand beim Materialrecycling?
- Welche Kozepte existieren für das Rohstoffrecycling
bei PVC?
Wesentliche Aussagen und Ergebnisse der Studie sind:
- Die bisher vorwiegend praktizierte Durchflußwirtschaft
muß Schritt für Schritt in Richtung auf eine Kreislaufwirtschaft
entwickelt werden. Ihre kennzeichnenden Kriterien sind die Einsparung
von Rohstoffen und Energie und die daraus resultierende geringere
Umweltbelastung. Dieses Ziel wird u. a. durch das Recycling von
Stoffen und Produkten erreicht.
- Mit Recycling bezeichnet man die erneute Verwendung
von Produkten oder Teilen von Produkten. Demzufolge unterscheidet
man das Produktrecycling (die Produktgestalt bleibt erhalten),
das Materialrecycling (in polymererhaltenden Verfahren wird das
PVC-Material aus Produktionsabfall oder aus gebrauchten Altprodukten
für einen neuen Produktionsprozeß aufgearbeitet) und
das Chemische Recycling (in polymeraufspaltenden Verfahren werden
die gebrauchten PVC-Altpro-dukte in ihre Grundbestandteile zerlegt).
- Das Produktrecycling z. B. im Sinne
von Mehrwegsystemen ist die Recyclingform von erster Priorität,
der Stoff- und Energieeinsatz für ein neues Gebrauchsstadium
ist vernachlässigbar klein. Die Wieder- und Weiterverwendung
von PVC-Produkten kommt jedoch praktisch bisher kaum vor.
- Das Materialrecycling im Produktions-
und Verarbeitungsprozeß ist übliche Praxis. Es handelt
sich ausschließlich um die Rückführung sortenreiner
PVC-Abfälle in den Produktionsprozeß innerhalb einer
Produktlinie, weil das PVC als spezifisch zubereitetes Vielstoffgemisch
nicht verändert werden darf. Nur so können die neuen
Produkte mit Rezyklatanteilen Funktion und Qualität der frischen
Produkte erreichen. Die Wiederverwendung sortenreiner Produktionsabfälle
ist rohstoff- und energiesparend sowie zum Teil bereits wirtschaftlich.
Die hauptsächlich aus Produktionsabfällen bestehenden
Recyclingmengen in der BRD liegen in einer Größenordnung
von 50 000 Tonnen pro Jahr, das sind rund 6 % der PVC-Neuproduktion
für das Inland von 0,9 Mt. Bei Ausschöpfung noch nicht
genutzter Reserven dürfte der Recyclinganteil aus Neuware
(Produktion und Verarbeitung) im Bereich von 9 % der Inlands-Neuproduktion
liegen.
- Von wirtschaftlicher Bedeutung ist aber die Frage, in welchem
Umfang die in den Markt gebrachten PVC-Produkte nach ihrem Gebrauch
als Altprodukte wieder durch das sortenreine
Materialreycling in den Produktionskreislauf zurückgeführt
werden können. Bei einigen langlebigen PVC-Produkten konnte
mit Demonstrationsanlagen in Testversuchen gezeigt werden, daß
auch aufbereitete sortenreine Altprodukte ähnlich wie sortenreine
Produktionsabfälle für die gleiche Anwendung mit den
gleichen und modifizierten Produktionsanlagen wiederverwertet
werden können (PVC-Rohre, PVC-Bodenbeläge, PVC-Fenster).
Diese Entwicklungen stehen noch am Anfang und deshalb sind die
bisher verarbeiteten Recyclingmengen noch sehr klein. Bisher gesammelte
Erfahrungen, Abschätzungen der Recyclingpotentiale und bestehende
Recyclingprogramme für geeignete PVC-Produkte deuten darauf
hin, daß innerhalb der nächsten 10 Jahre rund 15 %
der PVC-Neuproduktion im Inland (später möglicherweise
auch einmal ein Drittel) als Rezyklatmaterial in neue Produkte
einfließen kann. Der Energieaufwand für den Rezyklatanteil
entspricht rund 15 % desjenigen für die Neuproduktion.
- Das Materialrecycling von vermischten PVC-Produkten
sowie von vermischten Kunststoffen mit PVC-Anteilen ist unwirtschaftlich
und führt zu subventionierten Produkten, für die es
nur einen sehr begrenzten Markt gibt.
- Den weitaus größten Teil der PVC-Produktion (ca.
zwei Drittel) am Ende der Produktlinien kann man mittelfristig
aus heutiger Sicht nur mit polymeraufspaltenden Verfahren behandeln.
Derzeit wird vor allem die Verbrennung der nicht werkstofflich
rezyklierbaren PVC-Altprodukte diskutiert. Der dabei entstehende
Chlorwasserstoff soll nach den Vorstellungen der Chemischen Industrie
in den PVC-Produktionskreislauf zurückgeführt werden:
HCl-Recycling. Die Chlorproduktion soll entsprechend
zurückgefahren werden. Dieser Prozeß kann nur zentral
in großen chemischen Fabriken realisiert werden. Er muß
noch entwickelt werden, er ist zusammen mit der Logisitik aufwendiger
und teurer als der Materialrecyclingweg.
- Ressourcenstreckung durch Materialrecycling
Die Zahl der Nutzungen (technische Grenzen) und reale Rücklaufquoten
(Logistik) bestimmen hauptsächlich die Grenzen der Ressourcenstreckung.
Für Massenkunststoffe ergibt sich bei voller Wiederverwendung
und fünf Material-Nutzungen eine Ressourcenstreckung um den
Faktor 1,2 (bei niedriger Recyclingquote) und um den Faktor _
3 (bei hoher Recyclingquote).
- Recyclingvorgang für n Nutzungen des Materials
Das Recyclingprodukt besteht in aller Regel aus Frischmaterial
und Rezyklat. Das im Recyclingprozeß erzeugte Rezyklat muß
bei jedem Umlauf (Nutzung) durch zusätzliches Frischmaterial
ergänzt werden, um den nicht mehr verwertbaren Rezyklat-Abgang
bei jedem Umlauf zu ersetzen. Bei Fensterprofilen können
etwa gleich große Mengen Frischmaterial und Rezyklat verarbeitet
werden.
- Energieäquivalenzwerte und Energieeinsparung
Für die Berechnung der Energieäquivalenzwerte mit
und ohne Materialrecycling, mit und ohne Verbrennung sowie HCl-Recycling,
Ressourcenstreckung, Deponiestreckung und CO2-Minderung wurden
die notwendigen Gleichungen abgeleitet. Die Betrachtung von drei
Szenarien (Materialrecycling mit 5 Nutzungen, Verbrennung und
die Kombination von Recycling und Verbrennung) bei niedrigen und
hohen Recyclingquoten zeigt den Weg zu nennenswerten Energieeinsparungen:
Anzustreben sind hohe Recyclingquoten und das kostengünstige
Materialrecycling ohne kostenaufwendige Verbrennung. Die mögichen
Energieeinsparungen, bezogen auf den Fall der direkten Deponierung,
liegen dann über 50 %, sowohl für PVC als auch für
PE (Polyethylen) (zum Vergleich).
Die Verbrennung allein führt bei niedrigen Recyclingquoten
nur zu sehr geringen Energieeinsparungen, aber zu hohen Kosten.
Verbrennung ist nur in Kombination mit Materialrecycling sinnvoll,
wenn das Kostenproblem gelöst werden kann.
- Mögliche Deponiestreckung
Die Betrachtung der vorgenannten Szenarien zeigt, daß
eine nennenswerte Deponiestreckung (_ Faktor 3) nur mit hohen
Materialrecyclingquoten erreicht werden kann. Durch Kombination
von Materialrecycling und Verbrennung ist bei PVC eine Deponiestreckung
bis zu einem Faktor 6 möglich. Bei PE ergibt sich für
niedrige und hohe Materialrecyclingquoten in Kombination mit Verbrennung
ein Deponiestreckungsfaktor 10.
PVC-Recyclingkreise
Weg 1 = Granulat aus Primärrohstoffen
Weg 2 = Granulat aus sortenreinen PVC-Abfällen
Weg 3 = Granulat aus HCl-Rückgewinnung
-PVC-Mengen und Kosten
Die beiden möglichen Recyclingkreise für PVC (Materialrecycling
und HCl-Recycling) führen im Knotenpunkt G zu drei unterschiedlichen,
spezifischen Granulatkosten.
Mittelfristig (_ 10 Jahre) könnte der Weg des Materialrecycling
technisch und ökonomisch ohne Probleme beschritten werden.
Rund ein Drittel der Inlandproduktion (_ 300 000 t/a) könnte
in Form sortenreiner Altprodukte mit den halben spezifischen Kosten
der Frischproduktion in die Neuproduktion eingeschleust werden.
Zwei Drittel der Inlandproduktion (_ 600 000 t/a) können
mittelfristig nicht auf dem Materialrecyclingweg, sondern nur
auf dem Rohstoffrecyclingweg befördert werden. Bei Lösung
der technischen Voraussetzungen kann der deutlich größere
Anteil der PVC-Abfälle erst auf diesem Weg abfließen,
wenn die Kostenfrage gelöst ist. Eine schrittweise Preisanhebung
des auf dem Elektroyseweg gewonnenen PVC-Granulats auf das Niveau
des auf dem HCl-Recyclingweg gewonnenen PVC-Granulats wäre
notwendig, um den Rohstoffrecyclingkreis (PVC-Verbrennung) zu
öffnen.
Kurzgefaßt läßt sich zum PVC-Recycling feststellen:
_ Das Produktrecycling ist vernachlässigbar klein.
_ Das sortenreine Materialrecycling von PVC-Altprodukten ist
für bestimmte Produktlinien technisch möglich, rohstoff-
/ energiesparend und wirtschaftlich. Der mengenmäßige
Umfang könnte einmal 15 _ 30 % der Neuproduktion (Inlandverbrauch)
ausmachen.
_ Das Materialrecycling vermischter Kunststoffe mit PVC-Anteilen
und von Verbundmaterialien mit PVC als eine Komponente ist unwirtschaftlich
und mengenmäßig ohne Bedeutung.
_ Für den größten Teil der entstandenen und
entstehenden PVC-Altprodukte (mehr als 70 %) ist der Entsorgungsweg
bis auf weiteres offen.
Als Handlungsmöglichkeiten sollten u. a. diskutiert werden:
Option A: Der weitaus größte Teil
der PVC-Produkte wird in zentralen Groänlagen verbrannt.
Das sortenreine Materialrecycling wird branchenweise praktiziert.
Die Problemlösung erfolgt durch die Chemische Industrie,
z. B. im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt (AgPU).
Mit dieser Lösung ist nicht zwangsläufig eine Reduktion
der Neuproduktion verbunden, Energie und Rohstoffeinsparung sind
keine primären Ziele.
Option B: Quoten für
das Materialrecycling und stufenweise Preisanhebungen für
Energie und Rohstoffe zur Verteuerung der Frischproduktion fördern
dezentrale und branchenspezifische Kreislaufkonzepte. Dies ist
ein Einsparungskonzept mit staatlichen Vorgaben. Energie- und
Rohstoffeinsparung, verbunden mit einer entsprechenden Umweltentlastung,
sind Primärziele.
(R. Möller, U. Jeske/AFAS)
Bibliographische Angaben:
R. Möller, U. Jeske, Recycling von PVC - Grundlagen,
Stand der Technik und Handlungsmöglichkeiten". Forschungszentrum
Karlsruhe. Wissenschaftliche Berichte, FZKA 5503, Januar 1995.
Zu beziehen über:
Forschungszentrum Karlsruhe
Unter Stoffstromanalysen werden relativ neue Analyseinstrumente
auf dem Weg zu einem rationelleren Stoffeinsatz verstanden. Dies
beinhaltet sowohl qualitative (Stoffanalyse) als auch quantitative
(Stoffquantifizierung) Aspekte. Sie sind eine mögliche Antwort
auf zwei bestehende Probleme. Zum einen erzeugt die intensive
Nutzung von Stoffen neben der Verknappung der Ressourcen ein Abfallproblem
und damit eine Erschöpfung der ökologischen Senken.
Zum anderen zeigt die Umsetzung der in den 70er Jahren geschaffenen
Chemikaliengesetze Grenzen des einzelstoffbezogenen Ansatzes bei
der Beurteilung der Umwelt- und Gesundheitsrisiken des Stoffeinsatzes
auf. Dies wird hervorgerufen durch die Probleme bei der Aufarbeitung
der Altstoffe sowie durch die Flut der jährlich neuentwickelten
Substanzen.
Darüber hinaus kam man in den 80er Jahren zu der
Einsicht, daß auch ein gruppenstofflicher, aber sektoraler,
nicht medienübergreifender Ansatz die Probleme nicht löst.
Vor allem existieren große Unsicherheiten in der Bewertung
von Stoffen und in der Einschätzung der Folgen von Stoffströmen.
Dabei ist die Quantität des Stoffeinsatzes nicht alleine
von Bedeutung. Daneben muß auch die Qualität eines
Stoffes berücksichtigt werden. Auch besteht Unsicherheit
in der Einschätzung problematischer, auf den ersten Blick
nicht überschaubarer Stoffumwandlungen (z. B. Metabolismus)
und ihrer Wirkungen auf die Umwelt.
Es stellt sich somit die Frage, mit welcher Analysemethode
man zu sinnvollen und umsetzbaren Ergebnissen kommt. Dies ist
der Ausgangspunkt des Konzeptes der übergreifenden Stoffstrombetrachtung
(medienübergreifend, gruppenstofflicher Ansatz).
Stoffstromanalysen zu einzelnen Produkten dienen dazu, den
verknüpften stofflichen Einsatz nach Art und Menge (Stoffanalyse,
Stoffquantifizierung) unter Berücksichtigung sämtlicher
Verzweigungen für bestimmte Lebensabschnitte oder entlang
des gesamten Lebenswegs eines Produktes transparent zu machen.
Es soll sowohl qualitativ als auch quantitativ die Vor- und Nachgeschichte
eines Produktes möglichst vollständig beschrieben werden.
Auf der Basis erarbeiteter Stoffstromanalysen können
wissenschaftlich begründete und gesellschaftlich konsensfähige
Kriterien zur Bewertung und Instrumente für einen rationellen
Stoffeinsatz entwickelt werden. Ziel ist es, Möglichkeiten
der Verringerung und Vermeidung von ökologisch bedenklichen
Belastungen aufzudecken.
Für die Kriterienentwicklung existieren zwei Ansätze.
Neben dem deduktiven Ansatz für einen rationelleren Stoffeinsatz,
dem Konzept der nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung,
eignet sich besonders die induktive Vorgehensweise, bei dem bestimmte
Stoffe bzw. Produkte explizit untersucht werden, um anhand konkreter
Stoffströme und deren Auswirkungen verallgemeinerbare Schlüsse
für einen verantwortungsvollen Stoffeinsatz abzuleiten.
Der induktive Ansatz wurde bisher nur beispielhaft an einigen
wenigen Stoffen durchgeführt. Die Enqueete-Kommission des
Deutschen Bundestages "Schutz des Menschen und der Umwelt
- Bewertungskriterien und Perspektiven für umweltverträgliche
Stoffkreisläufe in der Industriegesellschaft" erstellte
Stoffstrombetrachtungen zu Cadium, Benzol und dem neuen FCKW-Substituenten
R134a. Somit besteht die Notwendigkeit, die Analysemethode durch
weitere Stoff- und Produktbeispiele auf ihren Nutzen zu prüfen.
Stoffströme bei der Leiterplattenproduktion
Die Studie stellt eine vom Forschungszentrum Karlsruhe weitergeführte
Arbeit zu dem Vorhaben "Umwelt- und Gesundheitsauswirkungen
der Herstellung und Anwendung sowie Entsorgung von Bauelementen
und integrierten Schaltungen der Mikro- und Optoelektronik"
dar. Dieses Vorhaben wurde vom BMFT angeregt und in enger Zusammenarbeit
mit mehreren Instituten der Fraunhofer Gesellschaft durchgeführt.
Als Untersuchungsgegenstand wurden die Leiterplatten ausgewählt.
Die Leiterplatte dient als mechanischer Träger diskreter
und integrierter Bauelemente und hat zugleich die Funktion eines
elektrischen Verbindungselements zwischen den Bauelementen. Sie
ist in praktisch allen elektrischen Geräten enthalten und
wird deshalb in großer Zahl hergestellt. Der Untersuchungsraum
der Studie umfaßt nicht den gesamten Lebensweg der Schaltungen
von der Produktion über den Gebrauch bis zur Entsorgung,
sondern, wie in Abbildung 1 dargestellt, ausschließlich
die Stoffströme bei der Herstellung der Leiterplatten ohne
Bauelementbestückung.
Abb.: 1: Systemgrenzen dieser Studie - der bearbeitete
Teil entlang des Lebensweges der Leiterplatten.
Die Leiterplattenherstellung stellt ein sehr aufwendiges,
komplexes Verfahren dar, das aus bis zu 70 Arbeitsgängen
und zugehörigen Spülschritten aufgebaut ist. Es wird
eine große Zahl unterschiedlicher Prozeßchemikalien
eingesetzt. Durch die naßchemische Prozeßführung
der Leiterplattenherstellung fallen zum Teil erhebliche Mengen
an Abprodukten und Abwässern an. Die Entsorgung der verbrauchten
Prozeßbadlösungen und die Einhaltung der Anforderungen
an die Abwässer stellen für die Leiterplattenhersteller
sehr große Probleme dar. Viele Firmen können in vielen
Fällen aus wirtschaftlichen Gründen die verbrauchten
Bäder und Konzentrate nur durch Dritte aufarbeiten lassen.
Durch eine Stoffstromanalyse sollen die Arten
und Mengen der wichtigsten Einsatzstoffe bei den einzelnen Schritten
der Herstellung sowie die Umweltprobleme bei der Behandlung von
gebrauchten Prozeßbädern und Abwässern so weit
wie möglich quantitativ erfaßt werden. Die Arbeiten
konzentrierten sich besonders auf den Kupferstrom.
Daneben interessierten das Mengenaufkommen an Basismaterial (elektrisch
isolierendes Trägermaterial) sowie die entstehenden Abwässer
bei den lithographischen Prozessen des Leiterbildaufbaus.
Die Untersuchung beruht auf einer Prozeßkettenanalyse,
da für die relevanten Herstellungsverfahren die Abfolge der
wichtigsten Prozeßschritte hinreichend bekannt ist. Der
Untersuchungsraum ist im wesentlichen auf die eigentliche Herstellung
der Leiterplatten bezogen - die Herstellung von Vorprodukten bleibt
zum gegenwärtigen Zeitpunkt der Untersuchung unberücksichtigt.
Dagegen wurden die firmeninterne bzw. externe Aufarbeitung der
kupferhaltigen Bäder soweit wie möglich verfolgt.
Für die wichtigsten Prozeßschritte wurden Mengengerüste
für die Einsatzstoffe, Reststoffe, Abwässer und Emissionen
aufgestellt. Die Abschätzungen der Mengen beruhen auf Marktanalysen
zur Leiterplattenproduktion, zu den eingesetzten Verfahren- und
Prozeärten sowie zu den relevanten Vorprodukten. Hierzu wurden
vorhandenes Datenmaterial und Informationen aus Fachgesprächen,
Publikationen, Gesprächen mit Verbänden, Leiterplattenherstellern,
Basismaterialherstellern, Lackwerken und der chemischen Zuliefererindustrie
ausgewertet.
In Abbildung 2 ist der abgeschätzte Fluß
des Kupfers bei der Herstellung von Leiterplatten in Deutschland
dargestellt. Danach verbleiben rund 35 % des gesamten Kupferinputs
auf den fertigen Leiterplatten. Die restlichen ca. 65 % des eingesetzten
Kupfers fallen als Abfälle in Form von metallischem Kupfer,
Kupferschlämmen, Inhaltsstoffen von Ätzen und Bädern
an. Im einzelnen werden rund 50 % der Kupfermenge in Ätzlösungen
aus dem Herstellungsprozeß ausgeschleust. Die restlichen
15 % stammen aus Zuschnitts- / Bohrabfällen und Bädern
aus Mikroätz- bzw. chemischen/galvanischen Kupferabscheideprozessen.
Abb.: 2: Abgeschätzter Kupferstrom in der Leiterplattenherstellung
1993.
Die Abfälle lassen sich in zwei Arten einteilen. Neben
den beherrschbaren kupferhaltigen Abfällen existieren auch
diffuse Ströme. Ein wesentliches Ergebnis ist die Erkenntnis,
daß mit Hilfe von Stoffstromanalysen die Umweltgefährdung
vor allem diffuser Umwelteinträge abgeschätzt werden
kann, indem die einzelnen Ströme qualifiziert werden.
Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, daß die derzeit
vorhandenen internen Recyclingverfahren zur Aufarbeitung der Kupferabfälle
eine Rückführung in den Leiterplattenherstellprozeß
nicht zulassen. Desweiteren wird aus ökonomischen Gründen
ein internes Recycling meist nicht durchgeführt - kostengünstige
und technisch ausgereifte Recyclingverfahren fehlen. Als Konsequenz
müssen die Unternehmen die nicht- bzw. teilaufgearbeiteten
Abfälle an Drittunternehmen abgeben. Andere interne Verwendungsmöglichkeiten
exisitieren derzeit nicht. Für die mit Abstand wichtigste
Kupferabfallart - die Ätzen - haben sich für die Aufarbeitung
Monopole entwikkelt, woraus eine starke Abhängigkeit der
Unternehmen resultiert. Die Ätzen von Produktionsstätten
in Deutschland werden überwiegend in Belgien aufgearbeitet
und das rückgewonnene Kupfer größtenteils in kupferhaltige
Produkte für die Agrarwirtschaft umgewandelt und damit diffus
in die Umwelt verteilt.
Kontakt:
Forschungszentrum Karlsruhe
Im Januar 1995 hat am Institut für Energiewirtschaft
und rationelle Energieanwendung der Universität Stuttgart
(IER) das Projekt "Ganzheitliche Bilanzierung der Energie-
und Stoffströme von Energieversorgungstechniken" begonnen.
Das Projekt erstreckt sich über einen Zeitraum von 5 Jahren
und wird von der Stiftung Energieforschung Baden-Württemberg
finanziert.
Problemstellung
Die Bereitstellung von Energie ist im allgemeinen mit dem
Verbrauch endlicher natürlicher Ressourcen sowie vielfältigen
Umweltbelastungen verbunden. Im Hinblick auf eine schonende Nutzung
natürlicher Ressourcen kommt bei der Beurteilung von Energieversorgungstechniken
der effizienten Verwendung der eingesetzten Energieträger
besondere Bedeutung zu. Eine Analyse der Energieströme erlaubt
die Ermittlung von Schwachstellen in der Energiewandlungskette
und die Identifizierung von Optimierungsmöglichkeiten. Die
bei der Erzeugung von Strom oder Nutzwärme freigesetzten
Stoffströme, beispielsweise Schadstoffemissionen an Luft,
Wasser und Boden, sind eine Hauptursache der resultierenden Belastungen
von Mensch und Umwelt, so daß neben der energetischen Betrachtung
die Kenntnis dieser Stoffströme zukünftig in immer stärkerem
Maße Voraussetzung für eine Beurteilung von Energiebereitstellungssystemen
sein wird.
Bei der Betrachtung von Umwelt- und Gesundheitswirkungen wird
häufig vor allem der Prozeß der End- oder Nutzenergiebereitstellung
betrachtet - bei der Strombereitstellung z.B. die Emissionen und
der Energieverbrauch im Kraftwerk, bei der Wärmebereitstellung
die Stoffströme in der Hausheizung. Diese Betrachtungsweise
ist aber nicht ausreichend, weil Umweltbelastungen auch in anderen
Prozessen, die zur Prozeßkette der Bereitstellung der Nutzenergie
gehören, entstehen. Bei Nutzung fossiler und nuklearer Systeme
können vorgelagerte Prozesse bei der Primärenergiegewinnung,
der Brennstoffaufbereitung, dem Transport von Brennstoffen und
der Umwandlung in Sekundärenergieträger einen nicht
unerheblichen Teil der gesamten Umwelteinwirkungen dieser Systeme
verursachen. Beispiele hierfür sind stoffliche Emissionen
beim Abbau von Kohle und Uran, der überseetransport von Steinkohle
sowie die Förderung und der Transport von Erdöl. Wesentliche
Beiträge können darüber hinaus durch den Bau und
Abriß der Anlagen, die Deponierung von Reststoffen und Abfällen
und durch die Materialbereitstellung kommen. Vor allem bei der
Betrachtung von Systemen zur Nutzung erneuerbarer Energien wie
Wind- und Solarenergie kann die Beeinträchtigung von Umwelt
und Gesundheit durch die vorgelagerten Prozesse höher sein
als die durch den Betrieb der Anlage verursachten Belastungen.
Eine Bewertung von Energietechniken setzt somit die Ermittlung
aller mit der Energiedienstleistung zusammenhängenden Energie-
und Stoffströme einschließlich der vor- und nachgelagerten
Prozeßketten voraus. Deren Erfassung und die Abschätzung
und Bewertung der Wirkungen dieser Ströme auf Mensch und
Umwelt wird als ganzheitliche Bilanzierung bezeichnet.
Die ganzheitliche Bilanzierung als Bilanzierungs- und Bewertungsinstrument
Mit einer ganzheitlichen Bilanzierung sollen die Auswirkungen
von verschiedenen Systemen zur Bereitstellung eines Produktes
oder einer Energiedienstleistung unter definierten Randbedingungen
möglichst vollständig bilanziert und vergleichend bewertet
werden. Grundsätzlich besteht dabei das Bestreben, den gesamten
Lebenszyklus eines Systems von der Rohstofferschlieüng über
die Nutzung bis hin zur Entsorgung zu erfassen. Die gesamte Bilanz
setzt sich aus vier Teilschritten zusammen: Zieldefinition, Sachbilanz,
Wirkungsbilanz und Bewertung.
In der Zieldefinition werden die Rahmenbedingungen
für die Bilanzierung festgelegt. Dies beinhaltet zunächst
die Definition des zu bilanzierenden Produktes und der Systeme,
die dieses Produkt bereitstellen und deren Auswirkungen miteinander
verglichen werden sollen. Damit ein Vergleich überhaupt möglich
ist, sollten die von den betrachteten Systemen bereitgestellten
Produkte den gleichen Nutzen erfüllen (beispielsweise die
Bereitstellung von elektrischer Energie mit gleicher Versorgungssicherheit).
In der Zieldefinition werden darüber hinaus die Inhalte der
Sach- und Wirkungsbilanz sowie der Bewertung festgelegt, d.h.
welche Stoff- und Energieströme erfaßt werden, welche
Umweltbelastungen quantifiziert werden und wie die abschließende
Bewertung durchgeführt wird.
In der Sachbilanz werden die vom bilanzierenden
System mit der Umwelt ausgetauschten Ströme bilanziert. Diese
Ströme beinhalten Stoff- und Energieströme wie Emissionen,
energetische und nichtenergetische Ressourcen, je nach Zieldefinition
können darunter aber Lärmemissionen, Flächenbedarf,
Arbeitsunfälle oder Unfallrisiken usw. fallen.
Um Aussagen über die Vor- und Nachteile verschiedener
Systeme machen zu können, ist es erforderlich, die Ergebnisse
der Sachbilanz zu aggregieren und die durch die Stoff- und Energieströme
verursachten Wirkungen auf die Umwelt abzuschätzen. In der
Wirkungsbilanz werden daher Kennzahlen ermittelt,
die die Auswirkungen des betrachteten Systems auf Mensch und Umwelt
beschreiben. Beispiele sind das Global-Warming-Potential (GWP)
als Maß für den Beitrag zur dauerhaften Erwärmung
der Erdatmosphäre oder die änderung von Luftschadstoffbelastungen
als Maß für zusätzliche Gesundheitsrisiken.
In der Bewertung werden schließlich
die verschiedenen Kennzahlen gegeneinander gewichtet und ggf.
zu einer Endgröße zusammengefaßt, um einen Vergleichsmaßstab
zu erhalten. Während die Quantifizierung der Kennzahlen in
der Wirkungsbilanz überwiegend aus naturwissenschaftlichen
Gesetzmäßigkeiten abgeleitet werden kann, ist die abschließende
Bewertung stark abhängig von gesellschaftlichen Normen und
ethischen Grundsätzen. Wertmaßstäbe gehen jedoch
auch über die Auswahl der bilanzierten Input- und Outputgrößen
in die vor der Bewertung liegenden Bilanzschritte ein.
Projektziele
Vor dem Hintergrund der dargestellten Problematik und der
bestehenden Wissensdefizite ist es das Ziel des vorgeschlagenen
Forschungsvorhabens, mit Hilfe der ganzheitlichen Bilanzierung
verschiedene Techniken zur Strom- und Wärmeversorgung zu
untersuchen und ihre Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu quantifizieren.
Als Ergebnis der Bilanzierung werden zunächst für jedes
der betrachteten Energiesysteme die Stoff- und Energieflüsse
für alle vor- und nachgelagerten Prozesse ausgewiesen. Darauf
aufbauend erfolgt die Quantifizierung von Wirkungen, die für
den Bereich der Energiebereitstellungssysteme von besonderer Bedeutung
sind. Abschließend werden Kriterien zur Bilanzbewertung
vorgeschlagen, anhand derer ein Vergleich der betrachteten Technologien
durchgeführt werden kann.
Im einzelnen wurden folgende Arbeitsschritte formuliert:
_ Entwicklung einer Methodik zur ganzheitlichen Bilanzierung
von Systemen zur Strom- und Wärmeversorgung
_ Aufbau einer Datengrundlage mit den notwendigen Informationen
zur Bilanzierung von Energieversorgungstechniken
_ Entwicklung eines Programmsystems zur Unterstützung
der ganzheitlichen Bilanzierung von Energieversorgungstechniken
_ Erstellung der Sach- und Wirkungsbilanz für verschiedene
Energieversorgungstechniken bzw. -systeme.
Vorgehensweise
Die Arbeitsschwerpunkte seien im folgenden detaillierter erläutert:
Entwicklung einer Methodik zur ganzheitlichen Bilanzierung
von Energieversorgungstechniken
Aufbauend auf einer kritischen Auswertung der zur Zeit vorliegenden
Methoden und auf eigenen, am IER durchgeführten Arbeiten
wird zunächst eine formale Vorgehensweise entwickelt, mit
der die einzelnen Energietechniken konsistent untersucht werden
können.
In der Sachbilanz werden die Stoff- und
Energieflüsse bilanziert, wobei der gesamte Lebensweg der
Endenergiebereitstellung von der Rohstofferschlieüng, Produktion,
Verteilung bis hin zur Entsorgung berücksichtigt wird. Dabei
werden die mit dem Lebensweg verbundenen Emissionen von Luftschadstoffen
wie SO2, NOx, CO, VOC, Staub, Schwermetalle, von toxikologisch
relevanten und klimarelevanten Gasen, der Flächenverbrauch
bzw. die Flächennutzung, Materialströme, Energieflüsse,
und - so weit wie möglich - Einträge in Boden und Grundwasser
ermittelt.
In bisherigen Arbeiten wurde die Sachbilanz in der Regel mit
Hilfe einer Prozeßkettenanalyse durchgeführt, bei der
das zu analysierende System in einzelne Teilprozesse unterteilt
wird und für diese die ein- und austretenden Energie- und
Stoffströme bestimmt werden. Der hohe Detaillierungsgrad
ermöglicht eine genaue Ermittlung der zu erfassenden Stoff-
und Energieflüsse der betrachteten Prozeßkette. Allerdings
muß die sehr daten- und ressourcenintensive Prozeßkettenanalyse
nach einigen Stufen abgebrochen werden. Die Bearbeitung einer
vollständigen Prozeßkette ist schon deshalb nicht möglich,
weil die Kette im Prinzip unendlich lang ist. In bisherigen Arbeiten
war dieser Abbruch i.a. mehr oder weniger willkürlich, insbesondere
war nicht nachzuweisen, daß die vernachlässigten Teile
der Prozeßkette in der Tat nur vernachlässigbar kleine
Beiträge liefern.
Zur Lösung dieses Problems ist als wichtige methodische
Weiterentwicklung die Ergänzung der Prozeßkettenanalyse
durch eine Input/Output-Analyse vorgesehen. Die Input/Output-Analyse
ist eine Makro-Analyse; statt der prozeßspezifischen Parameter
werden durchschnittliche Werte für industrielle Sektoren
erhoben. Um vorliegende Input / Output-Tabellen zur Abschätzung
von Umweltbelastungen verwenden zu können, müssen sie
um umweltrelevante Informationen ergänzt werden. Zwar sind
die für einen Sektor ermittelten Daten ungenauer als prozeßspezifische
Daten, jedoch können mit Hilfe der sektoralen Analyse mit
geringem Aufwand die durch die aus sämtlichen Wirtschaftssektoren
nachgefragten Vorleistungen verursachten Umweltbelastungen dargestellt
werden. Damit wird eine Methode bereitgestellt, mit der Umweltbelastungen
aus allen vorgelagerten Prozeßstufen sehr schnell abgeschätzt
werden können, ohne mehr oder weniger willkürliche Systemgrenzen
definieren zu müssen. Es sind Kriterien zu entwikkeln, mit
denen festgelegt werden kann, bis zu welcher Detaillierung die
Prozeßkettenanalyse einzusetzen ist und ab wann eine Input/Output-Analyse
zu nutzen ist. Weitere methodische Fragen, die bezüglich
der Verwendung der Input/Output-Analyse zu klären sind, betreffen
Behandlung von Importen, sowie die Anrechnung von Investitionen
und Leistungen des Staates.
In der Wirkungsbilanz werden die Wirkungspotentiale
der in der Sachbilanz erhobenen Größen beschrieben
und so weit wie möglich quantifiziert. In einem ersten Schritt
werden vorhandene Methoden zur Beschreibung und Quantifizierung
von Umweltschäden zusammengestellt. Dabei können u.a.
auch Ansätze zur Abschätzung von Umweltschäden
durch die "klassischen" Luftschadstoffe SO2, NOx, CO,
Staub und VOC aus anderen Forschungsarbeiten am IER verwendet
werden. Die verschiedenen Ansätze werden hinsichtlich der
Praktikabilität der Anwendung und Aussagegenauigkeit überprüft.
Neben der Ermittlung der Wirkungspotentiale an sich soll damit
auch der Frage nachgegangen werden, wie genau ein gewählter
Indikator eine bestimmte Wirkung wiedergibt. Daraus lassen sich
methodische Schwächen erkennen und diskutieren.
Erarbeitung einer Datenbasis zur Bilanzierung von Energieversorgungstechniken
Zur Durchführung einer ganzheitlichen Bilanzierung auf
der Basis einer Kombination von Prozeßketten- und Input/Output-Analysen
wird eine Vielzahl von Daten benötigt. Die betrachteten Energieversorgungstechniken
werden zunächst unter Berücksichtigung aller vorgelagerten
Prozeßstufen modelltechnisch beschrieben. Für jeden
einzelnen Prozeß der Prozeßkette werden alle ein-
und austretenden Stoff- und Energieströme ermittelt. So weit
wie möglich werden vorhandene Daten aus der Literatur zusammengestellt.
Wo entsprechende Daten nicht verfügbar oder nicht auf die
besonderen Umstände der betrachteten Referenztechnologien
übertragbar sind, werden die benötigten Daten bei den
Herstellern und Betreibern der entsprechenden Techniken erhoben.
Zur Ergänzung der Prozeßkettenanalyse durch eine
sektorale Analyse auf der Grundlage von Input/Output-Tabellen
müssen für alle Wirtschaftssektoren durchschnittliche
Umweltbelastungen bezogen auf den jeweiligen jährlichen Produktionswert
ermittelt werden. Es kann auf Vorarbeiten am IER und auf erste
Ergebnisse des Statistischen Bundesamtes zur Entwicklung einer
sogenannten "Emittentenstruktur" zurückgegriffen
werden. Bisherige Arbeiten beschränken sich jedoch auf wenige
Luftschadstoffe und sind um Daten über zusätzliche Umweltbelastungen
zu erweitern.
Entwicklung eines Programmsystems zur Unterstützung
einer ganzheitlichen Bilanzierung
Aufgrund der großen Menge zu verarbeitender Daten ist
für eine effektive Sachbilanzierung ein Programmsystem erforderlich,
welches die folgenden Aufgaben erfüllt:
- Verwaltung der für die Bilanzierung erforderlichen
Daten in einer Datenbank
- Generierung eines zu bilanzierenden Systems aus den in der
Datenbank bereitgestellten Daten
- Durchführung der Sachbilanz.
Dazu ist zunächst eine geeignete Datenbankstruktur zu
entwerfen. In der Datenbank werden beliebige Einzelprozesse unabhängig
voneinander gespeichert. Für jeden Einzelprozeß werden
die jeweiligen Stoff- und Energieflüsse in einem konsistenten
Format abgelegt.
Auf der Datenbankstruktur aufbauend wird ein Konzept zur Entwicklung
eines Programmoduls erarbeitet, das den Benutzer bei der Generierung
des zu bilanzierenden Systems unterstützt. Die in der Datenbank
unabhängig voneinander gespeicherten Prozesse werden vom
Benutzer zu beliebigen zu bilanzierenden Systemen verknüpft.
Das Programm prüft dabei die vom Benutzer hergestellten Zusammenhänge
zwischen den einzelnen Prozessen auf Plausibilität.
Auf der Grundlage der entwickelten Methode wird mit Hilfe
des Programmsystems eine Sachbilanz für das vom Benutzer
definierte System unter Berücksichtigung sämtlicher
Stoff- und Energieflüsse, die für die einzelnen Prozesse
in der Datenbank gespeichert sind, erstellt.
Erstellung der Sach- und Wirkungsbilanz für verschiedene
Energieversorgungstechniken
Auf der Basis der erarbeiteten Methodik wird eine Sach- und
Wirkungsbilanz für einzelne Energieversorgungstechniken durchgeführt.
In einem ersten Schritt werden Techniken zur Stromerzeugung aus
fossilen (Steinkohle, schweres und leichtes Heizöl, Erdgas),
nuklearen und regenerativen Energien (Photovoltaik, Windenergie,
Wasserkraft, Biomasse) betrachtet. Später werden mit der
gleichen Methodik Systeme zur Wärmeversorgung untersucht.
Die für die einzelnen Techniken erarbeiteten Bilanzergebnisse
werden jeweils auf eine Einheit der erzeugten End- oder Nutzenergie
bezogen.
Wegen der unterschiedlichen Qualität der von Energiesystemen
auf der Basis von speicherbaren Energieträgern (z.B. Kohle,
öl) oder auf der Basis eines fluktuierenden Energieangebotes
(Wind, Solarstrahlung) bereitgestellten Endenergie ist ein direkter
Vergleich der auf eine Endenergie-Einheit bezogenen Bilanzergebnisse
wenig aussagekräftig. Deshalb wird eine sinnvolle Versorgungsaufgabe
definiert, anhand derer verschiedene Energieversorgungssysteme
unter Vorgabe einer bestimmten Versorgungssicherheit bilanziert
und miteinander verglichen werden können. Werden derartige
Versorgungssysteme, die sich aus unterschiedlichen Energieversorgungstechniken
zusammensetzen, bilanziert, werden im anschließenden Vergleich
aber auch nicht mehr einzelne Energieversorgungstechniken, sondern
Kombinationen aus Energieversorgungstechniken miteinander verglichen.
Daher ist eine Vorgehensweise zu entwickeln, die unter Berücksichtigung
der Ergebnisse der Bilanzierung von Versorgungssystemen wiederum
den Vergleich einzelner Energieversorgungstechniken erlaubt.
Kontakt:
Dipl.-Ing. Torsten Marheineke
Stoffströme und nachhaltige Entwicklung
(Reinhard Coenen/AFAS)
(Reinhard Coenen/AFAS)
The Netherlands' National Environmental Policy Plan (NEPP)
Wieviel Umwelt braucht der Mensch?:
MIPS - Das Maß
für ökologisches Wirtschaften - Rezension -
(U. Jeske, J. Kopfmüller, D. Wintzer/AFAS)
Regionenbezogene Stoffstrombilanzen und Materialflu?analysen
Die inländische Stoffstrombilanz der bundesdeutschen Wirtschaft
(alte Länder). Der Input umfaßt die Entnahmen von Primärmaterial
aus der Umwelt, der Output die Abgabe von Materialien in die Umwelt
(Bringezu et al. 1994).
Hochrechnung des globalen Gesamt-Material-Verbrauchs (TMC = Total
Material Consumption) der bundesdeutschen Wirtschaft 1989 (Materialien
ohne Wasser und Luft). Dieser ergibt sich aus der Summe des inländischen
Material Inputs und des Material Inputs durch Importe abzüglich
des Material Inputs durch Exporte (Bringezu et al. 1994).
(Stefan Bringezu)
Wuppertal Institut
Postfach 100 480, D-42004 Wuppertal
Tel.: (0) 202/24920; Fax: (0) 202/2492138
Umweltmanagement, produktlinienbezogene Materialintensitätsanalysen
und ökologisches Design
(Liedtke 1993, Liedtke und Nickel 1995, Gerking, Liedtke und Nickel
1995).
stoffen
(Kuhndt 1995, Markus 1995).
(Mahnstein, Rohn und Liedtke 1995, Rohn 1995)
(Merten, Liedtke und Schmidt-Bleek 1995).
(Merten, Liedtke und Schmidt-Bleek 1995)
(Richard-Elsner 1993/1995).
(Christa Liedtke)
Wuppertal Institut
Tel.: (0) 202/24920; Fax: (0) 202/2492138
AFAS-Studie: "Recycling von PVC"
HBK-Zentralbibliothek
Postfach 36 40, D-76021 Karlsruhe
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 25811; Fax: +49 (0) 721 / 608 - 25802
Studie zu Stoffströmen bei der Leiterplattenherstellung
in Deutschland
Der Projektbericht wird in Kürze erscheinen.
(M. Achternbosch/AFAS)
Abteilung für Angewandte Systemanalyse
Dr. M. Achternbosch
Postfach 36 40, D-76021 Karlsruhe
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 24553; Fax: +49 (0) 721 / 608 - 24811
(A. Wiese/Universität Stuttgart)
Universität Stuttgart
Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung
(IER)
Heßbrühlstraße 49 a, D-70565 Stuttgart
Tel.: (0) 711/780-6131; Fax: (0) 711/780-3953