Technikgeneseforschung als Technikfolgenabschätzung?
MICHAEL SCHLESE (Hrsg.): Technikgeneseforschung als Technikfolgenabschätzung: Nutzen und Grenzen. Forschungszentrum Karlsruhe - Technik und Umwelt. Wissenschaftliche Berichte FZKA 5556, Mai 1995.
Rezension von Michael Rader (ITAS)
In jüngerer Zeit hat es einige Aufregung um die Technikgeneseforschung als neuen, vielversprechenden Ansatz der Technikforschung mit Relevanz für die konkrete Gestaltung der Technik gegeben. Das Verhältnis zur Technikfolgenabschätzung nahm zeitweilig den Charakter eines Bruderkrieges an. Im Mai 1995 legte Michael Schlese (TU Berlin) bei der damaligen AFAS (heute ITAS) einen Bericht vor, in dem er die Ansprüche der Technikgeneseforschung mit ihren bisherigen Ergebnissen vergleicht. Seine Analyse ist zwar von einer erkennbaren Sympathie für den Ansatz geprägt, läßt aber die erforderliche kritische Distanz keineswegs vermissen.
Zu Beginn seiner Analyse (S. 2) bezeichnet Schlese die Technikfolgenabschätzung als potentiellen Verbündeten der Technikgeneseforschung und deren Programmatiken als komplementär (S. 52). Der Titel seines Berichts "Technikgeneseforschung als Technikfolgenabschätzung: Nutzen und Grenzen" suggeriert aber eher, daß die Geneseforschung als Variante oder Teilgebiet der TA aufzufassen ist. Schlese beklagt denn auch die Abwehrversuche der TA-Forscher (G. Bechmann, F. Gloede: TA - Gegen seine Liebhaber verteidigt - eine Sammelrezension in systematischer Absicht. TA Datenbank-Nachrichten, Nr. 2, 2. Jg. 1993, zit. auf S. 2), verschweigt aber die zum Teil sehr heftigen Absetzbewegungen der Geneseforscher, die sich nicht zuletzt an semantischen Haarspaltereien festmachen lassen: der Autor hat beispielsweise erlebt, wie ein prominenter Vertreter der Geneseforschung sich gegen das Etikett TA mit dem Argument gewehrt hat, daß diese zu spät einsetze und ihre Ergebnisse deshalb keinerlei Beiträge zur Gestaltung der Technik leisten könnten.
Wie jede Bezeichnung ist Technikfolgen-Abschätzung oder sein angelsächsisches Pendant technology assessment, selbst bei jenen, die sich ihr ansonsten zuordnen lassen, nicht unumstritten, was sich etwa am Entstehen von Bindestrich-TAs (Constructive TA, Integrated TA etc.) ablesen läßt. In Großbritannien wird, um ein letztes Beispiel anzuführen, der Begriff technology assessment so stark mit bestimmten Ansätzen der siebziger Jahre identifiziert, daß er nicht mehr für laufende Vorhaben verwendet wird.
Sämtliche beschriebenen Absetzbewegungen haben sicher den Hintergrund, daß man eine Kritik an manchen Aspekten der Technikfolgenabschätzung wahrzunehmen meint und sich durch die Wahl neuer Etikette, die zugleich auf eine neue Programmatik hinweisen, von den vermeintlichen Mängeln der TA distanziert. Was ist also neu am Programm der Technikgeneseforschung und welche Success Stories hat sie vorzuweisen?
In seiner Studie leitet Schlese für die Technikgeneseforschung zunächst die Notwendigkeit der Entwicklung eines soziologischen Technikbegriffs ab. Dieser ist verbunden mit einem Modell der technischen Evolution, das sich mit den Begriffen Übersetzung und Aushandlung charakterisieren läßt und in dem regulative Semantiken eine Schlüsselrolle spielen. Bis hierhin unterscheidet sich die Technikgeneseforschung, wie bereits von Gloede und Bechmann (1993, S. 24) festgestellt, nicht nennenswert von der TA-Forschung. Große Erwartungen erweckt darum Schleses Kapitel 6, das mit "Probleme der Steuerung und Anwendung: Der praktische Bezug von Technikgeneseforschung und Technikfolgenabschätzung" überschrieben ist. Dieses Kapitel umfaßt knappe 4 der insgesamt 55 Seiten des Haupttextes, was uns jedoch nicht zu voreiligen Schlüssen über den Gehalt verleiten sollte, denn in der Kürze...
Praktische Ansätze für die Geneseforschung sieht Schlese in der leitbildförmigen Steuerung sowie in der diskursiven Einflußnahme im Rahmen einer integrierten Technikfolgenabschätzung. Der weichen Steuerung über Leitbilder räumt Schlese geringe Erfolgsaussichten ein, obwohl ein zufälliges Zusammentreffen von Handlung und erwartetem Ergebnis nicht auszuschließen ist. Der Erfolg läßt sich aber soziologisch nicht garantieren. (S. 48) Bleibt also die integrierte TA, die den Versuch unternimmt, mit Methoden der Technikgeneseforschung Möglichkeiten und Folgen der Entwicklung einer Technologie vorausschauend zu entdecken und zu bewerten und daraus Orientierungen für die Technikgestaltung abzuleiten. (S. 49) Diese Form der Folgenabschätzung charakterisiert Schlese als interdisziplinär, weil daran Vertreter verschiedener Disziplinen beteiligt sind (ebd.). Zwar wird der Begriff interdisziplinär in jüngerer Zeit inflationär und häufig im von Schlese definierten Sinne verwendet, aber gerade unter TA-Forschern, zu deren Ansprüchen die Interdisziplinarität der Forschung gehört, gibt es eine anhaltende Diskussion der Problematik der Zusammenarbeit verschiedener Wissenschaftsdisziplinen, auf die Schlese auch im Hinblick auf unterschiedliche Sozialisationen und Sprachen hinweist, sowie zur Abgrenzung zwischen Multidisziplinarität und Interdisziplinarität. Jedenfalls beschreibt Schlese die Rolle der Geneseforscher in der integrierten TA als die, Irritationen bei den Technikentwicklern auszulösen. Welcher Art diese Irritationen sein sollen wird nicht klar, zumal Schlese das Austauschverhältnis im Diskurs der integrierten TA als von inneren Widersprüchen durchzogen bezeichnet. Ingenieure wollen höhere Performanz ihrer Systeme. Soziologen wollen etwas über Technikgenese lernen... (S. 50). Sicher ist dies nicht ihr einziges Interesse!
Welche Rolle die Nutzer bzw. Betroffenen in dieser integrierten TA spielen sollen, bleibt ebenso unklar wie das Verhältnis zwischen den Geneseforschern und ihnen (wer irritiert wen?), obwohl manche Ansätze zur integrierten TA gerade die Notwendigkeit deren Beteiligung hervorheben. Oder irritieren die Geneseforscher nur in den frühen Phasen der Technikentwicklung und übergeben dann das Staffelholz an die Nutzer und sonstigen Betroffenen?
Dies scheint nicht so zu sein, da Schlese (S. 52) einräumt, daß es einen besonderen Gegenstand (der Geneseforschung) im strengen Sinne nicht gibt, es sei denn, man dehnt die Betrachtung so aus, daß der Gegenstand der Folgenabschätzung darin enthalten ist. Der letzte Versuch, einen eigenständigen Beitrag der Geneseforschung zu verdeutlichen, gipfelt in der Feststellung: Die Technikgeneseforschung liefert das Gesetzeswissen, daß (sic!) die Technikfolgenabschätzung braucht, um aus der Perspektive der Geneseforscher erfolgreich zu sein (ebd.).
Wie sieht es denn mit diesem Gesetzeswissen aus? Ist es denn überhaupt möglich, Gesetzeswissen zu produzieren, wenn man die Steuerbarkeit sozialer Prozesse verneint? Wie bereits von Bechmann/Gloede in ihrer Sammelbesprechung festgestellt, haben die meisten Studien, die als Technikgeneseforschung bezeichnet werden, sich mit bereits vorhandenen Techniken beschäftigt. Die Problematik des Anspruchs, möglichst früh in der Technikentwicklung mit der Geneseforschung anzusetzen, läßt sich gut am Beispiel der künstlichen Intelligenz verdeutlichen, die ja Gegenstand einer integrierten TA mit Beteiligung von Geneseforschern war: bereits die Bezeichnung 'artificial intelligence' wurde vor 39 Jahren geprägt, zu einer Zeit also, in der die meisten Geneseforscher sich bestenfalls am Anfang ihres Sozialisationsprozesses befanden, falls sie überhaupt schon geboren waren. Die Ideen, die der künstlichen Intelligenz zugrunde liegen, lassen sich noch weiter zurückverfolgen, so daß ein findiger Geneseforscher, der die Bedeutung der Ideen rechtzeitig erkannt hätte, etwa die gleiche Erfolgsperspektive gehabt hätte wie die heutigen Kernfusionsforscher bezüglich des kommerziellen Einsatzes ihres Forschungsgegenstandes.
Die bisherigen Projekte der Geneseforschung finden also in der Domäne der Technikhistoriker statt, was ohne weiteres legitim wäre, wenn sie Methoden entwickeln und Erkenntnisse hervorbringen würden, die über das hinausgehen, was heutige Technikhistoriker zu leisten vermögen, und dann noch zur Irritation der Technikentwickler bzw. Entscheidungsträger in der Forschungs- und Entwicklungspolitik beitragen könnten. Irritiert sind zunächst die Technikhistoriker, wie sich an den Reaktionen auf Rammerts Arbeiten zum Telefon unschwer ablesen läßt.
Schleses Bericht kann als Plädoyer für die Anerkennung der Technikgeneseforschung durch TA-Forscher verstanden werden. Er verdeutlicht die theoretischen Hintergründe und Begründung des Ansatzes und zeigt seine gegenwärtigen Mängel und die Richtung des Forschungsbedarfs auf. Es wird allerdings nicht deutlich, worin der originäre Beitrag der Geneseforschung zur Technikgestaltung liegen kann, aber dies ist sicher nicht Schleses Verschulden. So lange bis hier ein Nachweis erbracht ist, wird jedes Projekt, das mit dem Etikett Geneseforschung geschmückt wird, ohne besonderen Vertrauensvorschuß auskommen müssen. Der Bericht von Michael Schlese zeigt jedenfalls in erfreulicher Deutlichkeit auf, daß auch die Geneseforschung mit bereits bekannten Problemen der TA zu ringen hat.