Vortrag auf der NTA3 – Dritte Konferenz des Netzwerks TA
TA' 08 – Achte österreichische TA-Konferenz des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung
(ITA): Technology Governance. Der Beitrag der Technikfolgenabschätzung. Österreichische Akademie der Wissenschaften und das Netzwerk TA. Wien, Österreich, 28. - 30.05.2008
Abstract
Das vom Mitbegründer des Media Lab am MIT, Nicholas Negroponte, ins Leben gerufene Projekt One Laptop Per Child (OLPC) ist ein globales, technologisches Großprojekt, dessen selbst gestecktes Ziel es ist, die Bildung von Kindern in Entwicklungsländern durch die breite Verteilung von Laptops und durch Konzepte des aktiv erkundenden Selbstlernens mit Computern entscheidend zu verbessern. OLPC hat einen Doppelcharakter: Es ist einerseits eine Technikinnovation mit dem Versuch, diese Innovation massiv zu verbreiten, andererseits ist es ein Entwicklungsprojekt mit einer äußerst anspruchsvollen Zielsetzung, nämlich die Armut in den sich entwickelnden Ländern über eine breite Bildungsoffensive zurückzudrängen. Seitdem 2005 das Projekt an die Öffentlichkeit gegangen ist, spielt es in den Diskussionen um den IKT-Einsatz für Entwicklungszwecke eine große Rolle.
Das Projekt und seine geplante Diffusions- und Implementationsstrategie werfen einige interessante Fragen zu seiner Governance sowie zu einigen zentralen Aspekten der entwicklungspolitischen Diskussion auf.
Auf einer organisatorisch-institutionellen Ebene gibt es eine relativ kleine Gruppe von Entwicklern, Organisatoren und Öffentlichkeitsarbeitern mit dem öffentlichkeitswirksamen Promotor Nicholas Negroponte an der Spitze. Die non-profit association One Laptop per Child ist eher eine NGO als ein IT-Unternehmen. Auch die Finanzierung folgt eher dem NGO-Modell über Spenden und Sponsoren. OLPC kooperiert mit einer Reihe großer und prominenter IT-Unternehmen für Entwicklungs-, Herstellungs- und Marketingzwecke. Für diese gehört das OLPC-Engagement eher zu einer Aktivität ihrer Corporate Social Responsibility als zur normalen Geschäftstätigkeit.
Das ursprüngliche Vertriebs- oder Verbreitungsmodell des XO genannten Schüler-Laptops ist weitgehend außerhalb der ökonomischen Marktsphäre angesiedelt. Käufer sind wegen einer mangelnden kauffähigen Nachfrage nicht die Endkunden – die Schülerinnen und Schüler bzw. ihre Eltern –, sondern Regierungen der Länder des Südens. Regierungen sollten mindestens eine Million Geräte bestellen und abnehmen, um sowohl in der Produktion als auch im Vertrieb erhebliche Mengeneffekte zu erzielen. Die Einzelgeräte sollten dann von den Regierungsbehörden an die Kinder verteilt werden. Zwischenzeitlich wird dieses Vertriebsmodell nicht mehr in dieser Radikalität verfolgt.
Das Modell ähnelt in gewisser Weise dem Vertriebsmodell des französischen Minitels in den 1980er Jahren: kostenloses Verteilen von informationstechnischen Geräten durch die Regierung an die Bevölkerung. Frankreich war eines der wenigen Länder, in dem es in der Zeit vor einer massenhaften Verbreitung des Internets gelang, Onlinedienste in der Bevölkerung zu etablieren.
Unter den entwicklungspolitischen Fragestellungen, die OLPC aufwirft, sollen zwei aufgegriffen werden: die nach der angepassten Technik und die nach der Entwicklungsstrategie.
Technologien der hochentwickelten Industrieländer taugen oft nicht für den Einsatz in Entwicklungsländern. Bekannt in der entwicklungspolitischen Debatte ist das Beispiel der Traktoren, die in den 1950er und 1960er Jahren für die grüne Revolution nach Afrika geliefert wurden, und dort wegen einer fehlenden Versorgungsinfrastruktur auf den Feldern verrosteten. Auch die Einführung von IBM-Großrechnern ab 1965 in Tansania für den Einsatz in der Finanzverwaltung endete in einem politischen wie ökonomischen Fiasko und dem Beschluss, den Import von Computern zu verbieten.
Das OLPC-Projekt versucht die besonderen Einsatzbedingungen in den armen Ländern des Südens ernst zu nehmen. Die Laptops wurden speziell so konstruiert, dass sie weniger Energie verbrauchen als herkömmliche Laptops (z. B. keine Festplatte, besonders sparsame Displaytechnik) und ihre Batterien per Hand wieder aufgeladen werden können. Gegen die Einwirkung von Staub, Hitze, Feuchtigkeit und mechanische Beanspruchung sollen sie weitgehend resistent sein. Eine Vernetzung untereinander benötigt keine Kabelinfrastruktur und auch keine gesonderten Funkvermittlungsstellen, da deren Funktionen von den XO-Laptops selbst übernommen werden (Mesh-Netzwerke). Und schließlich, was dem Projekt seinen in der Öffentlichkeit bekannten Namen gab (100-Dollar-Laptop), sollten die Geräte so billig sein, dass die in den Entwicklungsländern vorhandenen beschränkten monetären Ressourcen nicht überfordert würden.
Angepasste Technologien haben aber mit dem Problem zu kämpfen, es handle sich dabei um Technologien, die nicht den Standards der hochentwickelten, industrialisierten Länder entsprechen. Diese manchmal angemessene oft aber auch unangemessene Bewertung, kann zu erheblichen Akzeptanzproblemen führen. Der XO ist auf der einen Seite technologisch sicherlich äußerst avanciert, auf der anderen Seite aber in seinen Einsatzmöglichkeiten nicht mit herkömmlichen Computern nach dem Weltstandard zu vergleichen.
Das OLPC-Projekt steht in der Tradition einer Entwicklungsstrategie, die dem Motto folgt, dass große globale Probleme entsprechend mächtige Programme benötigen, da nur so der notwendige „Impact“ zu erreichen sei. Diese Strategien werden in der Regel getragen von Akteuren der hochentwickelten Länder des Nordens. Oft spielen philanthropische Entrepreneure, wie man Negroponte auch charakterisieren könnte, eine bedeutende Rolle.
Das OLPC-Projekt reiht sich ein in zurückliegende große, globale Entwicklungsherausforderungen und Entwicklungspolitiken. Man denke an die Grüne Revolution in der Landwirtschaft der 1960er und 1970er Jahre, die Privatisierungs- und Liberalisierungsreformen der 1980er und 1990er bis zu den UN-Millenniumszielen der Jahrtausendwende.
Dass diese vom Norden geprägten großen Programme nicht auf die Besonderheiten des jeweiligen Landes Rücksicht nahmen, ist eine der zentralen Kritiken. Big-Push-Programme überfordern nicht selten schon die vor Ort gegebenen Möglichkeiten der sinnvollen Absorption von Geld, Nahrungshilfe, Technik oder den hier zu betrachtenden Fall Laptops. Schon allein das logistische Problem der Verteilung von einer Million Laptops an Kinder ist in einem Land südlich der Sahara nicht einfach zu lösen.
Der Paradigmenwechsel von der Entwicklungshilfe zur Entwicklungszusammenarbeit, der auch ein ganz neues Selbstbewusstsein der Länder des Südens reflektiert, implizierte, dass Geber- und Empfängerländer in einem Dialog auf Augenhöhe die entsprechenden Programme der Entwicklungszusammenarbeit im gegenseitigen Interesse aushandeln. Außerdem würden ohne Beteiligung der Menschen vor Ort, so die oft gehörte Botschaft in den Entwicklungsdiskursen, die auch noch so gut gemeinten Projekte der Entwicklungszusammenarbeit immer wieder scheitern.
Die stark hierarchisch ausgerichtete Governancestruktur wie auch einige entwicklungspolitische Einwände gegen das OLPC-Konzept lassen Zweifel an dessen Erfolg aufkommen. Dieser ist gegenwärtig noch völlig offen. Gleichwohl lassen sich heute bereits einige interessante und intendierte und nichtintendierte Folgen beobachten.
Das Thema des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien in Entwicklungsländern, insbesondere im oft besonders defizitären Schulbereich, wurde auf der entwicklungspolitischen Agenda besser verankert.
Die großen IT-Konzerne fühlten sich durch OLPC herausgefordert und entwickelten eine Strategie der Umarmung sowie der Konkurrenz. So gibt es heute neben dem XO von unterschiedlichen Anbietern weitere günstige Schulcomputer für den Einsatz in den wenig entwickelten, armen Ländern.
Die Regierungen dieser Länder selbst sehen sich durch die Diskussion um OLPC herausgefordert, sich mit ihren defizitären Bildungssystemen auseinanderzusetzen und Verbesserungen anzukündigen und anzustreben. Dass einige dieser Länder dabei den Weg einschlagen, das vorhandene Geld lieber in die Ausbildung von Lehrern und den Bau von Schulen zu stecken als in die Beschaffung von Schüler-Laptops muss dabei nicht der größte Schaden sein.
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