Anna Schleisiek, Klaus-Rainer Bräutigam, Torsten Fleischer, Peter Hocke
Vortrag auf der NTA3 – Dritte Konferenz des Netzwerks TA
TA' 08 – Achte österreichische TA-Konferenz des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung
(ITA): Technology Governance. Der Beitrag der Technikfolgenabschätzung. Österreichische Akademie der Wissenschaften und das Netzwerk TA. Wien, Österreich, 28. - 30.05.2008
Abstract
Im Rahmen dieses Vortrags soll eine empirische Studie vorgestellt werden, die der Frage nachgeht, wie konkrete Akteure im Forschungsprozess mit institutionellen Rahmenbedingungen, politischen Vorgaben und Anforderungen ihrer industriellen Partner umgehen: Im Projekt InnoMat wird der Wissens- und Technologietransfer zwischen öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen und industriellen Anwendern in den Blick genommen. Neben der Vorstellung des Projekts und erster Ergebnisse sollen letztere insbesondere unter Governance-Gesichtspunkten diskutiert werden. Die Frage nach den Einflussmöglichkeiten von Akteuren auf den technischen Wandel soll hier in einem bottom-up Ansatz beantwortet werden. Beginnend auf der Ebene der Akteure auf der Forschungsseite (den Materialforschern) hin zu den institutionellen Rahmenbedingungen oder politischen Vorgaben, die wiederum die Transferpraxis der Materialforscher beeinflussen.
Sowohl die Entwicklung von neuen Materialien als auch von Technologien für deren Produktion und Verarbeitung sind eine Basis für innovative technologische Entwicklungen. Ein erfolgreicher Technologietransfer in diesem Bereich ist so ein wichtiger Stimulus für innovationsorientierte Industrienationen. Der Transfer von Werkstoff-Innovationen aus öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen in die Wirtschaft und seine Konsequenzen für die Praxis der Materialforscher sind bisher wenig erforscht. Das Projekt InnoMat soll durch empirische Forschung zu einem besseren Verständnis solcher Transferprozesse beitragen. Ziel des aus dem Impuls- und Vernetzungsfonds der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren (HGF) finanzierten Projekts InnoMat ist die Analyse der Funktionsweise von Wissens- und Technologietransfer aus dem Bereich der Materialforschung in öffentlich finanzierten Forschungseinrichtungen in die industrielle Anwendung. Ein Schwerpunkt dieser Arbeiten ist das Handeln von Materialforschern in neun ausgewählten Forschungsprojekten: Was tun sie, um den Transfer ihrer Entwicklung in die industrielle Anwendung zu gewährleisten? Wie schaffen es Materialforscher, dieser (hohen) Anforderung gerecht zu werden? Um diese Fragen zu beantworten, müssen auch die Rahmenbedingungen, die das auf den Transfer orientierte Handeln der Materialforscher beeinflussen, in den Blick genommen werden. Die Praxis der Materialforscher vollzieht sich in einem Spannungsfeld zwischen forschungspolitischen Anforderungen und Erwartungen der industriellen Partner auf der Anwenderseite. Regulierungen und Steuerungsbemühungen begegnen ihnen auf zahlreichen Ebenen: auf der Ebene ihrer institutionellen Einbindungen, ihrer scientific community und deren Anerkennungsstrukturen, durch staatliche Vorgaben und auch durch industrielle Kooperationspartner. In ihrer Praxis sind die Materialforscher von Steuerungsbemühungen verschiedener Ebenen betroffen. Diese unterschiedlichen Steuerungsvorgaben bilden Strukturen formeller und informeller Natur, in denen sich die Materialforscher bewegen.
Das Transferhandeln wird an neun konkreten Transferprojekten aus dem Bereich der Materialforschung empirisch untersucht. Diese Projekte sind in drei institutionelle Kontexte eingebunden: die Hermann-von-Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, die Fraunhofer-Gesellschaft und Technische Universitäten. Darüber hinaus werden in einem dialogischen Forschungsprozess Fragestellungen der Technikfolgenabschätzung und Innovationsforschung mit etablierten sozialwissenschaftlichen Erhebungsmethoden kombiniert. Die Ausrichtung von InnoMat ist explorativ. Zum Einsatz kommen vor allem Leitfadeninterviews mit Materialforschern, diese werden in drei Wellen durchgeführt. So ist es möglich, das ausgewählte Projekt über einen längeren Zeitraum zu begleiten. Mit dem dialogischen Forschungsprozess soll ein Lern- und Reflektionsprozess der beteiligten Materialforscher stimuliert werden. Es werden Workshops mit Materialforschern als Dialogveranstaltungen durchgeführt, deren Ziel es ist, schon während des Forschungsprozesses empirische Ergebnisse gemeinsam mit den Materialforschern zu diskutieren und ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie ihre Transferpraxis reflektieren können.
Vorläufige empirische Ergebnisse des Projekts InnoMat zeigen auf der Mikroebene die Konsequenzen des Spannungsfelds zwischen staatlicher Steuerung einerseits und Interessen industrieller Kooperationspartner andererseits für die Praxis der Materialforscher: Die Forscher müssen in ihren Handlungen permanent auf verschiedenen Ebenen Entscheidungen treffen. Diese unterschiedlichen Anforderungen an ihre Praxis wirken dabei einerseits eingrenzend, andererseits aber auch ermöglichend.
Es ist zu erwarten, dass weitere Ergebnisse die bereits herausgearbeiteten Annahmen weiter bestätigen: Akteure der Forschungspraxis orientieren sich in spezifischer, heterogener Weise zwischen diesen verschiedenen Ebenen und bilden eigene Transferstrategien. Diese sind geprägt durch die Rahmenbedingungen ihrer Forschungsinstitution einerseits und die Bedingungen der Forschungsförderung auf der anderen Seite. So bevorzugen einige Akteure bestimmte Forschungsförderungseinrichtungen, mit denen sie wiederholt kooperieren. Auf der anderen Seite ist zu beobachten, dass sich Akteure in unterschiedlicher Weise gegenüber thematischen Forschungsförderungskonjunkturen verhalten: Einerseits wird existierende Forschung neu etikettiert, andererseits werden Forschungsaktivitäten aber auch auf neue Themen hin modifiziert. Es ist auch zu beobachten, dass Materialforscher strategisch mit diesen Steuerungsversuchen verschiedener Einrichtungen umgehen und einen je eigenen Weg wählen, sich diesen Vorgaben anzupassen und wiederum die Förderungsvorgaben für ihre Praxis zu interpretieren und in sie zu integrieren. Folgt aus diesen Beobachtungen, dass die Steuerungsbemühung des Staates auf der Mikro-Ebene nicht-intendierte Folgen nach sich zieht, die seiner Absicht entgegen laufen? Oder folgen die Materialforscher in ihrer Praxis (ob intendiert oder nicht) staatlichen Steuerungsbemühungen? Wie gehen Materialforscher mit dieser teils widersprüchlichen Steuerung verschiedener Ebenen um? Welche Handlungsoptionen eröffnen zum Beispiel ganz unterschiedliche Forschungsförderungsmöglichkeiten (die ja auch oft Programmen der Steuerung verschiedenster administrativer oder anderer Ebenen entstammen) für das Überleben bestimmter Forschungsthemen an öffentlichen Forschungseinrichtungen? Welche Konsequenzen hat die Ausrichtung bestimmter Formen der Forschungsförderung für das alltägliche Geschäft der Materialforscher? Wie wirkt sich also die Governance im Bereich Forschungsförderung auf die Mikroebene aus?
Mit diesem Vortrag sollen die empirischen Befunde, die die Forschungsgruppe im Rahmen von InnoMat erarbeitet hat, vorgestellt werden. Durch die Ergebnisse im Projekt InnoMat soll ein (qualitativ) empirischer Beitrag für die Diskussion von Governance der Forschung als Komponente von technology Governance geleistet werden.
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