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TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 1, 9. Jahrgang - März 2000, S. 88-90

TA-Studie zu fortgeschrittenen Nuklearsystemen

von Georg Hörning, Schweizerischer Wissenschafts- und Technologierat, Bern

Fortgeschrittene Nuklearsysteme spielen in einigen Energieszenarien für die nach-fossile Ära eine bedeutende Rolle. Welche Technologien stehen in Aussicht? Welche Verbesserungen im Vergleich zu den derzeit genutzten Reaktoren sind zu erwarten? Bevor eine Bewertung dieser Technologien vorgenommen werden kann, sind der Stand der Forschungen zusammenzustellen, allfällige Entwicklungsperspektiven abzuklären sowie der Bedarf an weiterführenden TA-Studien festzustellen. Dies hat sich die Review-Studie "Fortgeschrittene Nuklearsysteme" zur Aufgabe gemacht, die vom TA-Programm des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierats in Auftrag gegeben und von der IANUS-Gruppe der Technischen Universität Darmstadt in Kooperation mit dem Öko-Institut erstellt wurde.

Grobskizze der energiepolitischen Debatte in der Schweiz

Wie für moderne Industrienationen typisch, hat sich der Stromverbrauch in der Schweiz seit den fünfziger Jahren vervierfacht. Derzeit übernehmen fünf Atomkraftwerke rund 40% der Stromversorgung. Daneben spielt die Wasserkraft mit 53% Anteil eine entscheidende Rolle in der Energiewirtschaft. Die Nutzung von Biomasse, Sonnenenergie und Windkraft sind energiewirtschaftlich bis heute noch marginal.

Der wachsenden Stromnachfrage gerecht werden zu können, ohne in allzu große Abhängigkeit von Energieimporten zu geraten, versprach die Nutzung der Kernenergie. Dies führte in den sechziger Jahren zu einem politisch gewollten hohen Anteil der Atomkraft an der schweizerischen Stromversorgung. Die Besetzung des Bauplatzes für das neu geplante Kraftwerk Kaiseraugst (Kanton Aargau) markiert den ersten öffentlichen Widerstand gegen die Nuklearpolitik. Im folgenden wurden 1979 und 1984 gegen die Atomenergie gerichtete Volksinitiativen lanciert, die beide vom Stimmvolk abgelehnt wurden. 1989 - drei Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl - lehnte die Bevölkerung des Kantons Aargau das Projekt Kernkraftwerk Kaiseraugst endgültig ab. Ein Jahr später stimmten die Schweizer der Initiative "Stopp dem Atomkraftwerksbau" zu und lehnten gleichtags die Volksinitiative "Für den Ausstieg aus der Kernenergie" ab. Das mit der angenommenen Initiative verbundene zehnjährige Moratorium geht im September 2000 zu Ende.

In der politischen Diskussion befinden sich derzeit die Revision der Atomgesetzgebung und das Elektrizitätsmarktgesetz.

Die Studie "Fortgeschrittene Nuklearsysteme"

Wenn die Nukleartechnik nicht kategorisch aus weltanschaulichen Gründen abgelehnt wird, ist eine TA-Untersuchung in zweierlei Hinsicht angeraten: forschungspolitisch und energiewirtschaftlich.

Aufgrund der Erfahrungen aus den bisherigen politischen und gesellschaftlichen Debatten über die Nutzung der Kernenergie erscheint das Festhalten an einer nuklearen Option nur dann sinnvoll, wenn fortgeschrittene Nuklearsysteme deutliche - auch für die Öffentlichkeit wahrnehmbare - Verbesserungen bringen. Die Projektgruppe ging davon aus, dass Verbesserungen vor allem hinsichtlich

erforderlich sind.

Die Studie untersucht 11 Reaktorkonzepte, die stellvertretend aus knapp 60 fortgeschrittenen Nuklearsystemen ausgewählt wurden. Als Vergleichsbasis dient der Druckwasserreaktor, da dieses Reaktorkonzept weltweit am häufigsten Anwendung findet. Die Studie wurde von Wolfgang Liebert, Alexander Glaser und Christoph Pistner von der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) in Zusammenarbeit mit Lothar Hahn und Roland Bähr vom Öko-Institut Darmstadt erarbeitet. Sie gibt einen Überblick über den Informations- und Forschungsstand der ausgewählten Nuklearsysteme, der auf den Angaben der Hersteller und, wo verfügbar, auf Studien unabhängiger Forscher beruht. Zudem werden von den Autoren zehn Aspekte als Grundlage für weitere Diskussionen und Studien über fortgeschrittene Nuklearsysteme vorschlagen (siehe Kasten).

  • Funktionsfähigkeit des Reaktors
  • Sicherheit im Normalbetrieb
  • Auswirkung schwerer Unfälle
  • Proliferationsresistenz
  • Minimierung absehbarer Langzeitfolgen
  • Nachhaltige Rohstoffnutzung
  • Kalkulierbares Investitionsrisiko und nachhaltige Energiewirtschaft      
  • Beitrag zur Erreichung von Klimaschutzzielen
  • Kulturverträglichkeit
  • Demokratieverträglichkeit

Zusammenfassend kommt die Studie zum Ergebnis, dass entscheidende qualitative Fortschritte in der Sicherheit der Anlagen bei den Weiterentwicklungen der Spaltreaktoren, z.B. beim Europäischen Druckwasserreaktor (EPR), nicht zu erwarten sind.

Somit sind bei Nuklearsystemen, die in den nächsten 5 bis 15 Jahren realisierbar erscheinen, eher keine entscheidenden Verbesserungen bezüglich der Kriterien Sicherheit, Abfälle und Proliferation zu erwarten. Konzepte, die eine erneute Bewertung der Nukleartechnik nahelegen, sind dagegen in weiter Ferne - und es ist zum heutigen Zeitpunkt noch nicht abzusehen, ob sie jemals realisierbar sein werden.

Am 9. Mai veranstaltet das TA-Programm zur Präsentation der Studie eine Tagung in Bern. Einige Autoren der Studie werden mit Wissenschaftlern, Politikern und Wissenschaftsjournalisten ihre Ergebnisse und Schlussfolgerungen diskutieren. Dabei ist unter anderem zu erörtern, welche Schlussfolgerungen aus der Studie für die schweizerische Energiepolitik gezogen werden können.


Bibliographische Angaben

Schweizerischer Wissenschaftsrat, Programm TA (Hrsg.): Fortgeschrittene Nuklearsysteme. Review Study. Bern, April 1999 (TA 34 / 1999) 156 S.

Ders.: Fortgeschrittene Nukleare Systeme - Gebändigtes Risiko oder vorgespielte Sicherheit? Kurzfassung der TA-Studie "Fortgeschrittene Nuklearsysteme" (Deutsch / Französisch / Englisch), Bern, 1999 (TA 34A / 1999) 36 S.


Bestellung bei:
Schweizerischer Wissenschafts- und Technologierat
TA-Geschäftsstelle, Sekretariat
Inselgasse 1
CH-3003 Bern
Fax: + 41 31 323 36 59
E-mail: brigitta.walpen@swr.admin.ch


Kontakt:

Dr. Georg Hörning
Schweizerischer Wissenschafts- und Technologierat
Inselgasse 1
CH-3003 Bern
E-mail: georg.hoerning@admin.swr.ch
Internet: http://www.ta-swiss.ch/


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Stand: 06.04.2000 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion