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Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
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von Volker Teichert, Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft, Heidelberg
Die Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) ist ein interdisziplinär arbeitendes Institut, das 1958 von den evangelischen Kirchen in der Bundesrepublik gegründet wurde. Finanziert wird die Arbeit der FEST überwiegend von der Evangelischen Kirche in Deutschland, der Mehrzahl der Evangelischen Landeskirchen, den Evangelischen Akademien in Deutschland und dem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Von den drei Arbeitsbereichen Natur und Kultur, Frieden und Entwicklung sowie Religion und Kirche werden unter anderem Projekte zum Kirchenrecht, zur Biotechnologie, zur künstlichen Intelligenz, zur Friedensforschung und zur Nachhaltigkeit bearbeitet. Die im Arbeitsbereich Frieden und Entwicklung angesiedelte Arbeitsgruppe Ökonomie und Ökologie beschäftigt sich seit 1996 intensiv mit der Entwicklung von Indikatorensystemen zur Nachhaltigkeit.
Operationalisierung des Konzepts der
(regionalen) Nachhaltigkeit
In einem ersten Projekt
[1]
wurde im Auftrag der Landesanstalt für Umweltschutz Baden-Württemberg versucht, den Begriff der Nachhaltigkeit zu operationalisieren: Dabei wurde die ökologische, ökonomische und soziale Dimension nachhaltiger Entwicklung jeweils in sechs Teilziele übersetzt.
Im Umweltbereich wird mit den sechs Teilzielen versucht, die ökologische Diskussion der vergangenen Jahre abzubilden, nämlich Abfall (Reduzierung der vorhandenen Abfallmengen), Ressourcenverbrauch (Erhaltung des Bestandes an erneuerbaren Ressourcen, geringe Entnahme von nicht-erneuerbaren Ressourcen), Naturschutz (Erhaltung der Ökosysteme und der Artenvielfalt), Emissionen (Verringerung von Luftbelastungen) und Umweltpolitik (Verbesserung des betrieblichen und staatlichen Umweltschutzes).
Die Teilziele im Bereich Wirtschaft orientieren sich teils an den "klassischen" Zielen des Stabilitätsgesetzes, teils an Vorgaben für eine ausgeglichene regionale Wirtschaftsstruktur. Zudem sollten mit den Teilzielen auch die wirtschaftlichen Problemfelder beleuchtet werden. Zu diesen Handlungsfeldern zählen im einzelnen: Arbeitslosigkeit (gleichmäßige Verteilung von Arbeit), Konsum (angemessener privater Verbrauch und Ausstattung der Haushalte), regionales Wirtschaften (möglichst hoher regionaler Selbstversorgungsgrad), Wachstum (ausgeglichene Wirtschaftsstruktur), Inflation (Preisniveaustabilität) und Verschuldung (gesunde Struktur der öffentlichen Haushalte).
Abb. 1: Zauberscheiben der Nachhaltigkeit
Der Bereich Gesellschaft / Soziales wird schließlich ebenfalls in sechs Teilziele unterteilt, mit denen die soziale und gesellschaftliche Realität annähernd wiedergegeben werden kann. Im einzelnen handelt es sich um die Teilziele sozio-ökonomische Teilhabe (gerechte Einkommens- und Vermögensverteilung), Kultur und Bildung (hohes Niveau von Kultur und Ausbildung), Stadt-Land-Beziehung (ausgewogene Bevölkerungs- und Siedlungsstruktur), Verkehr (sozial- und umweltverträgliche Mobilität), Gesundheit (hohes Gesundheitsniveau) und individuelle Sicherheit (hohes Sicherheitsniveau).
Um diese achtzehn Teilziele angemessen widerzuspiegeln, schien im Mittel eine Zahl von drei Indikatoren notwendig. Bei einigen Teilzielen, etwa für das Ziel "hohes Gesundheitsniveau", erscheint diese Zahl kaum ausreichend, während sie für andere Bereiche, etwa für das Ziel "Preisniveaustabilität", schon eher komfortabel erscheint. Aber es war eine bewusste Entscheidung, keinem der achtzehn Teilziele durch mehr Indikatoren ein höheres Gewicht zu geben. Um das Indikatorensystem frei von einer derartigen "Vorab"-Bewertung zu halten, wird jedes Teilziel durch die gleiche Anzahl von Indikatoren repräsentiert. Diese Indikatoren wurden für die Stadt Heidelberg und den Rhein-Neckar-Kreis über den Zeitraum von 1960 bis 1995 erfasst. Diese Langfristigkeit der Indikatorenbildung erwies sich als besonders wichtig, da zum damaligen Zeitpunkt eine solche Form der Datenerhebung in keiner vergleichbaren Studie vorlag. Sie liefern damit nicht nur Informationen über die Entwicklung von Heidelberg und vom Rhein-Neckar-Kreis in der Vergangenheit, sondern dienen auch als Grundlage für eine Diskussion über die zukünftige ökonomische, ökologische und soziale Entwicklung in der Region und über politische Prioritätensetzungen.
Den 54 Basisindikatoren wurden nun noch weitere sechs Indikatoren beigegeben, die sich auf die Spezifika von Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis bezogen. Insgesamt ergibt sich damit eine Gesamtzahl von 60 Indikatoren. Die letzten sechs können von Fall zu Fall aufgrund einer Analyse der Besonderheiten der Region jeweils neu konzipiert werden.
In der Folgezeit ist dieses Indikatorensystem in verschiedenen Teilstudien - etwa für die Städte Aalen
[2]
und Viernheim
[3]
- modifiziert und überarbeitet worden. Für diese beiden Städte wurde die Anzahl der Basisindikatoren auf 36 verringert und um drei Module mit jeweils sechs Indikatoren ergänzt, die sich Themen widmeten, die im ursprünglichen Indikatorenmodell vernachlässigt oder zu wenig berücksichtigt worden waren. Im einzelnen zählen hierzu das Modul politische Dimension mit den Subkategorien regionenspezifische Indikatoren, hohes ehrenamtliches/demokratisches Engagement und internationale Aspekte, das Modul Stadtentwicklung und Mobilitätssteuerung mit den Bereichen haushälterisches Bodenmanagement, Mobilitätssteuerung und sozialverantwortliche Wohnungsversorgung sowie das Modul gesellschaftlich benachteiligte Gruppen mit den Gesichtspunkten gleichberechtigte Beteiligung von Frauen am öffentlichen Leben, Kinder und Jugendliche und Seniorenarbeit.
Die Verknüpfung verschiedener Indikatorenkonzepte
In einer weiteren Expertise
[4] wurde von der FEST-Arbeitsgruppe für die Stadt Heidelberg untersucht, ob und inwieweit verschiedene Indikatorenmodelle miteinander verknüpft werden können. Heidelberg hat seit Mitte der 90er Jahre drei eng beieinander liegende Indikatorenprojekte entweder bereits abgeschlossen oder sie werden demnächst abgeschlossen. Erstens entwickelt das Europasekretariat des Internationalen Rates für Kommunale Umweltinitiativen (ICLEI) in einem Demonstrationsvorha ben neben den Städten Bielefeld und Dresden sowie dem Landkreis Nordhausen zusammen mit der Stadt Heidelberg seit März 1996 ein neues Instrument zur Steuerung des kommunalen Umweltverbrauchs. Im Rahmen dieses Vorhabens wurden 17 Indikatoren ausgewählt, anhand derer der kommunale Umweltverbrauch bilanziert werden kann. Diese Indikatoren wurden dann mit Zielwerten verknüpft, die sich auf bereits beschlossene Heidelberger Umweltqualitätsziele beziehen. Zweitens beteiligt sich Heidelberg seit 1997 am Experimentellen Wohnungs- und Städtebau-Projekt (ExWoSt) "Städte der Zukunft", das vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung betreut wird. Auch im Rahmen dieses Projektes werden Indikatoren erhoben, um quantitative und qualitative Maßstäbe für die Beurteilung stadtentwicklungspolitischer und raumwirksamer Handlungen und Maßnahmen zu erhalten. Drittens konnte die Stadt auch auf das von der FEST erstellte Indikatorensystem zurückgreifen. Insgesamt wurden in der Expertise folgende drei Fragestellungen beantwortet:
Der Prüfdurchgang beginnt mit der Datenerhebung und der Berechnung der Indikatoren. Das neu erhobene Datenmaterial soll auch dazu verwendet werden, um mit mathematisch-statistischen Methoden die Aussagekraft und die Verlässlichkeit der Indikatoren abzuschätzen. Besonderer Wert soll auf die Präsentation der Indikatoren in den Städten und Landkreisen gelegt werden, um die Verstehbarkeit und die Möglichkeiten der Verwendung eines solchen Informationssystems in kommunalpolitischen Zusammenhängen zu überprüfen. Daher sollen verschiedene Varianten der (graphischen) Darstellung des Systems getestet werden.
In den Städten und Landkreisen sollen in mindestens je einer Diskussion mit Mitgliedern der Stadt- bzw. Landkreisverwaltung und der Kommunalpolitik sowie einer Diskussion mit BürgerInnen, die sich in der Lokalen Agenda oder in entsprechenden Initiativen engagieren, Verstehbarkeit und Wirkung des Systems überprüft werden. Das Projekt schließt mit der Erstellung eines Leitfadens, mit dem eine selbständige Fortführung des Projektes in weiteren Stadt- und Landkreisen ermöglicht werden soll.
Ergänzend zu den zuvor berichteten Indikatorenprojekten hat die FEST-Arbeitsgruppe - wiederum im Auftrag des Ministeriums für Umwelt und Verkehr Baden-Württemberg - zu allen achtzehn Teilzielen der Nachhaltigkeit ein Kompendium von rund 200 Initiativen, Projekten, Modellen und Aktivitäten [5] zusammengestellt, die auf regionaler Ebene relativ schnell und unkompliziert umgesetzt werden können. Auf jeweils einer Doppelseite wurde zunächst das jeweilige konkrete Vorhaben beschrieben, danach wurden dessen ökonomische, ökologische und soziale Wirkungen skizziert, um schließlich auf ähnlich gelagerte oder vergleichbare "best-practice"-Beispiele einzugehen. Abgerundet wird die Beschreibung durch die Angabe von Kontaktpersonen, Internetzugängen und schriftlichen Quellen, die es dem Leser ermöglichen, sich bei Interesse dort weitere Informationen und Materialien zu besorgen. Das Spektrum der Projekte reicht von engagierten Bürgern, wie etwa Jugendlichen, Frauen, Senioren oder Vätern, über Selbsthilfevereinigungen und (Bürger-)Initiativen bis hin zu Institutionen und Organisationen wie Unternehmen, Kirchen, Banken, Kommunal- und Kreisverwaltungen oder Forschungseinrichtungen. Ebenso wie die beteiligten Akteursgruppen ist auch die finanzielle Grundlage der Projekte recht vielfältig: Manche von ihnen wurden mit mehr als 50.000,-- DM finanziell gefördert, knapp die Hälfte der Projekte und Initiativen kam aber mit einer Anschubfinanzierung von weniger als 5.000,-- DM aus. Neben dem benötigten Startkapital wurden alle "best-practice"-Beispiele auch auf ihre laufenden Kosten, ihren zeitlichen Vorlauf, ihren Personaleinsatz, ihre benötigten Qualifikationen und ihre bisherige Projektdauer hin untersucht.
[1] Diefenbacher, Hans; Karcher, Holger; Stahmer, Carsten; Teichert, Volker, 1997: Nachhaltige Wirtschaftsentwicklung im regionalen Bereich. Ein System von ökologischen, ökonomischen und sozialen Indikatoren. Texte und Materialien, Reihe A, Nr. 42. Heidelberg: Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft
[2] Diefenbacher, Hans; Wilhelmy, Stefan, 1999: Viernheim auf dem Weg zur Lokalen Agenda 21. Projekte, Indikatoren und kommunale Entwicklung für nachhaltige Entwicklung. Heidelberg: unveröffentlichtes Manuskript
[3] Diefenbacher, Hans; Wilhelmy, Stefan, 1999: Indikatoren nachhaltiger Entwicklung für die Stadt Aalen. Heidelberg: unveröffentlichtes Manuskript
[4] Teichert, Volker; Diefenbacher, Hans, 2000: Indikatorenkonzepte zur Messung von lokaler und regionaler Nachhaltigkeit im Vergleich. Ein Vorschlag zur Synthese für Heidelberg. Heidelberg: unveröffentlichtes Manuskript
[5] Teichert, Volker; Diefenbacher, Hans; Gramm, Rolf; Karcher, Holger; Wilhelmy, Stefan, 1998: Lokale Agenda 21 in der Praxis. Kommunale Handlungsspielräume für eine nachhaltige Wirtschaftspolitik. Texte und Materialien, Reihe A, Nr. 44. Heidelberg: Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft