|
Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
|
TA-DATENBANK-NACHRICHTEN |
"Global denken und lokal handeln". So lautet ein viel strapaziertes Motto der Protagonisten nachhaltiger Entwicklung, die den regionalen und kommunalen Initiativen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung nachhaltiger Entwicklung zuweisen. Das war ein Grund, warum sich das HGF-Verbundprojekt mit ihnen beschäftigte. Außerdem können solche Initiativen Laboratorien sein, in denen mit dem experimentiert wird, was theoretisch als Leitbild nachhaltiger Entwicklung konzipiert wird. Die Untersuchung der Praxis von Nachhaltigkeit als kritische Analyse der Wirklichkeit, gemessen an dem, was Nachhaltigkeit sein soll (oder könnte), aber auch als Anfrage an die "Theorie" der Nachhaltigkeit - das war ein weiterer Grund für dieses Arbeitspaket. Auswahlkriterium für die Fallstudien war u.a. der Innovationsgrad von Initiativen. Außerdem mussten sie mindestens zwei Dimensionen von Nachhaltigkeit einbeziehen.
Während die im Rahmen der Vorstudie untersuchten Konzepte regionalen Wirtschaftens, Aktivitäten im Rahmen der Lokalen Agenda 21 und Initiativen zur Entwicklung von Biosphärenreservaten unmittelbar als lokal-regional erkennbar sind (siehe die nachfolgenden Beiträge von Stransfeld, Dippoldsmann und Fischer), scheinen unternehmerische Initiativen (hierzu Gray) im Zeitalter einer viel propagierten "Globalisierung" mit einer solchen räumlich engeren Betrachtung unvereinbar zu sein. Sie wurden einbezogen, weil die regionalen Wurzeln vieler, und nicht nur mittelständischer Unternehmen, keinesfalls gekappt sind und auch im Spannungsbogen von "Globalisierung" und Standort weiter Bedeutung haben. Außerdem prägen Unternehmen das regionale Umfeld und seine Optionen ganz wesentlich mit. Schließlich sind sie ein zentrales Praxisfeld, das Beachtung bedarf, soll Nachhaltigkeit in weiten Landen blühen.
Die Ergebnisse der Fallstudien sind ernüchternd, aber nicht entmutigend. Es klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit nachhaltiger Entwicklung (siehe Tabelle 1). Das gilt für alle betrachteten Bereiche, nicht zuletzt aber auch für Aktivitäten im Rahmen der Agenda 21 auf kommunaler Ebene. Zweitens ist ein Lücke erkennbar zwischen dem partiellem Erfolg, den einige Initiativen vor Ort haben, und der Möglichkeit, sie als Modell zu propagieren. Letzteres gilt insbesondere für regionale Formen des Wirtschaftens und Biosphärenreservate. Oft bleiben solche Initiativen in Nischen stecken, hängen am Tropf von Subventionen, leben von der Dynamik nicht nachhaltiger wirtschaftlicher Sektoren oder ihr relativer Erfolg ist abhängig von einer fragilen politischen Unterstützung. Aber auch dann sind sie nicht wertlos und müssen vor dem Hintergrund der spezifischen Situation gesehen werden, die sie hervorgebracht haben: So bescheiden, gemessen am ökologischen, wirtschaftlichen, sozialen und partizipativen Ertrag sie sein mögen, und so wenig "systemprägend" ihre Kraft ist - oft gibt es für sie und die sie tragenden Akteure keine Alternative. Eine Ausweitung solcher Initiativen, etwa hin zu "regionalen Ökonomien", würde einen Paradigmawechsel der heutigen Rahmenordnungen voraussetzen. Dennoch stellt allein die Tatsache, dass es solche Initiativen gibt, die hunderttausende Menschen einbeziehen, einen wertvollen Spielstein dar, der in der gesellschaftlichen Diskussion über Konzepte nachhaltiger Entwicklung seinen Wert hat. Das gilt auch für vorbildliche Unternehmen, selbst wenn ihr Blick auf die vier Dimensionen von Nachhaltigkeit meist auf der ökologischen Dimension verharrt, deren Funktion als betriebswirtschaftliche Stütze immer klarer wird. Aber auch bei ihnen gibt es erste Ansätze, an das zu denken, was Zukunftsfähigkeit in allen ihren Facetten ausmacht.
Tab. 1: Verständnis von Nachhaltigkeit in verschiedenen Bereichen: Anspruch (Konzepte) und Praxis (Strategien).
|
Bereich |
Anspruch |
Praxis |
|
Regionale wirtschaftliche |
Einbeziehung von 2 bis 3 Dimensionen, aber in der Regel nicht der 4. Dimension |
Schwerpunkt in der Regel bei 2 Dimensionen; d.h. Ökonomie in Verbindung mit Ökologie oder Soziales |
|
Lokale Agenda 21 |
Zunehmende Einbeziehung aller Dimensionen |
Ökologie (Umweltschutz) in Verbindung mit kommunalen Problemen, z.T. mit der Wirtschaft, weniger mit der 4. Dimension |
|
Biosphärenreservate |
Einbeziehung der Dimensionen 1 bis 3, in Ansätzen auch der 4. Dimension |
Schwerpunkt bei der Ökologie (Naturschutz) |
|
Unternehmen |
Meistens Einbeziehung der Dimensionen 1 bis 3 |
Schwerpunkt bei der Ökologie (Umweltschutz) |
Die vier Dimensionen: Soziales (1), Ökologie (2), Wirtschaft (3), Politisch-institutionelle Rahmenbedingungen (4)
Während sich Konzepte und Praktiken nicht nachhaltiger Entwicklung, getrieben von gesellschaftlicher Dynamik, ohne Diskussionen hinter dem Rücken vieler Akteure zu vollziehen scheinen, lebt zukunftsfähige Entwicklung von Reflexion, die zum Handeln führt. Die regional-lokalen Initiativen können zu Brutstätten neuer Ideen werden, die gesellschaftliche Wirklichkeit umformen. Dazu gehört auch, dass komplexe Nachhaltigkeit "gelebt werden muss". Zukunft von der regionalen Ebene her zu denken, kann auch im Zeitalter der Globalisierung und unter neuen technologischen Bedingungen (Informations- und Kommunikationssysteme) eine anregende Ergänzung zu den Betrachtungen sein, die solche Gedanken als "Kirchtumspolitik" abtun. Ob das freilich mehr sein kann als ein hilfloses Haspeln, um das wirre Knäuel einer scheinbar unübersichtlichen "Postmoderne" zu ordnen, muss heute noch offen bleiben.