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Forschungszentrum Karlsruhe
Technik und Umwelt
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
TA-DATENBANK-NACHRICHTEN

Schwerpunktthema: "Global zukunftsfähige Entwicklung - Perspektiven für Deutschland"


TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 2, 9. Jahrgang - Juni 2000, S. 30-31

Sind Biosphärenreservate Modellregionen für zukunftsfähige Entwicklung?

von Wolfgang Fischer, Forschungszentrum Jülich

1970 rief die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) das internationale Programm Der Mensch und die Biosphäre (MAB) ins Leben. Eines der Ziele des MAB-Programms ist die Errichtung von Biosphärenreservaten (BR), von denen es in Deutschland dreizehn gibt. Sie dienen der Forschung, der Umweltbeobachtung sowie der Umwelterziehung. Eine weitere, zentrale Aufgabe besteht darin, die Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen mit dauerhafter wirtschaftlich-sozialer Entwicklung und Nutzung zu verbinden. Im Biosphärenreservat soll beispielhaft eine umweltverträgliche Wirtschaftsweise entwickelt werden, die den Ansprüchen von Mensch und Natur gerecht wird, Nutzung und wirtschaftlich-soziale Entwicklung mit Naturschutz versöhnt, ohne die Traditionen und Werte der Bewohner zu zerstören. Deshalb können Biosphärenreservate als regionale Modelle für das Konzept "Sustainable Development" verstanden werden. Ob das so ist, wo Stärken und Schwächen des Konzeptes und seiner Umsetzung liegen, waren Leitfragen einer Untersuchung im Rahmen der Vorstudie des HGF-Projektes.

Ergebnisse

Trotz einer Reihe von Schwächen bei der praktischen Umsetzung haben Bioshärenreservate [1] schon wegen des hohen "Investitionsvolumens", das Folge vieler Projekte vor allem im Bereich von Naturschutz, Landwirtschaft und Vermarktung, von Ausgleichszahlungen für Naturschutz etc. ist, das Potenzial, einen Beitrag zur wirtschaftlich-sozialen Entwicklung in strukturschwachen Regionen zu leisten und dabei eine artenreichen Kulturlandschaft zu erhalten. Jedoch decken Biosphärenreservate nur knapp 2 Prozent der Fläche Deutschlands ab. Deshalb würden von Bemühungen, auch solche Gebiete, die als "Naturpark" [2] ausgewiesen sind, von der Fixierung auf die Erholungsfunktion zu lösen und statt dessen zukunftsfähige Entwicklung als Leitbild zu verankern, Impulse für die "natürliche" und wirtschaftlich-soziale Umwelt in weiteren strukturschwachen Gebieten ausgehen. Abgesichert werden müsste das freilich durch die Bereitschaft der Menschen, etwas mehr für die (vorwiegend landwirtschaftlichen) Produkte aus diesen Regionen auszugeben. [3] Sie ist durch eine gesellschaftspolitische Diskussion zu fördern, die den kontinuierlich sinkenden Anteil der Kosten für Ernährung am Einkommen der Bürger thematisiert, der heute bei nur noch durchschnittlich ca. 15 Prozent liegt. Fraglich ist jedoch, ob es schon damit gelingt, die doppelte strukturelle Begrenzung aufzubrechen, denen Biosphärenreservate (und Naturparks) unterworfen sind: Ihre Abhängigkeit von Fördermitteln - dem unverzichtbaren "Schmierstoff" der meisten Projekte - und von den übergeordneten marktwirtschaftlichen Prozessen, die die Randständigkeit der Reservate (und Naturparks) weiter beschleunigen, die wiederum nur mit Fördermitteln gedämpft werden kann.

Diese Begrenzungen stellen die generelle Übertragbarkeit des Biosphärenreservat-Konzeptes in Frage. Dazu kommt, dass die Kenntnis der sozio-ökonomischen Auswirkungen der Einrichtung der Biosphärenreservate rudimentär ist. Es gibt keine Untersuchung, die systematisch bilanziert, welche Nettoeffekte hinsichtlich der lokalen Stoffkreisläufe und Wertschöpfung zu erwarten sind. Somit ist unklar, wie die ökonomische, arbeitsmarkt- und sozialpolitische Bilanz der Biosphärenreservate aussieht, ob die lokale Wertschöpfung in den Biosphärenreservaten gestärkt wird, und welche ökologischen Effekte sie haben, soweit andere Fragen als die des Naturschutzes betroffen sind. Denn offen ist, ob die Einrichtung von Biosphärenreservaten, die touristisch attraktiv und anziehend sein sollen, zu mehr Individualreisen (Verkehr) und damit zu einer Erhöhung von Emissionen geführt haben. Schließlich ist die Abhängigkeit der Reservate (und Naturparks) von politischen Stimmungsschwankungen und Präferenzen offensichtlich, zumindest was die Höhe und Konditionen der Vergabe von Fördermitteln betrifft. Sie wiederum verweisen auf ein weiteres Problem aller regionaler (und struktureller) Fördermaßnahmen für zukunftsfähige Entwicklung in den Biosphärenreservaten: Sie hängen immer noch ab von der Prosperität wertschöpfender, möglicherweise so nicht zukunftsfähiger Sektoren der Volkswirtschaft. Damit ist die "Expansionsmöglichkeit" des Modells in benachbarte Räume nur mit Transferleistungen möglich, weil sich das Modell im Wettbewerb nicht durchsetzen kann. Diese Durchsetzungskraft könnte sich nur entfalten, wenn die wirtschaftlich-gesellschaftlichen Randbedingungen auf breiter Front verändert werden. Nicht die Biosphärenreservate müssen für ihre ökologisch-sozialen Leistung mit den Mitteln der nicht zukunftsfähigen Wirtschaft subventioniert werden, sondern diese Wirtschaft muss auf eine ökologische Produktion und die Gesellschaft auf eine veränderte Konsumption gelenkt werden. Dann verlieren Biosphärenreservate ihre "Inselstellung" als ein Versuch regionalen Wirtschaftens, und sie werden zu einem Baustein im bunten Mosaik stärker regional bezogener Wirtschaftskreisläufe. Neue Perspektiven könnten sich ergeben, wenn es gelingt, Biosphärenreservate auch in städtischen Verdichtungsräumen einzurichten. Aber auch hier zeichnet sich ab, dass nicht prosperierende, sondern strukturschwache Ballungsgebiete in Betracht kommen. So sinnvoll dies für deren Zukunft sein mag, so bleibt doch das Problem, dass hier erneut ein, wenn auch innovativer, von Transferleistungen getragener Prozess in Gang kommt.

Perspektiven

Insgesamt zeigt sich, dass Biosphärenreservate einen Nutzen für strukturschwache Regionen haben, weil sie für Betroffene eine Möglichkeit bieten, ihre räumliche Entwicklung zu beeinflussen. Auch können in Biosphärenreservaten konzeptionell alle Dimensionen der Zukunftsfähigkeit integriert werden. Jedoch ist das Konzept unzureichend umgesetzt, vom Naturschutz dominiert und abhängig von Transferleistungen. Da Biosphärenreservate immer unter dem Druck der Dynamik von Wirtschaft und Gesellschaft stehen, sind sie nur defensiv modellhaft. Damit sind sie aber auch keine wirklichen Schonräume, denn auch die Transferleistungen können externe Einwirkungen nicht blockieren. Solange gesellschaftliche Randbedingungen nicht verändert werden und die Bürger bereit sind, mehr Geld für Produkte auszugeben, die aus solchen Regionen stammen und unter ungünstigen betriebswirtschaftlichen Bedingungen produziert werden, wird das Konzept nicht nachhaltig auf große Gebiete ausstrahlen können.


Anmerkungen

[1] Deutsches Nationalkomitee für das UNESCO-Programm (Hrsg.), 1996: Biosphärenreservate. Die Sevilla-Strategie und die internationalen Leitlinien für das Weltnetz. Bundesamt für Naturschutz, Bonn (vgl. auch http://www.unesco.org/mab/)

[2] Vgl. www.naturpark.de

[3] Ob und um wie viel teurer solche Produkte sind, hängt von den regionalen Gegebenheiten (Bodenqualität; Lage etc.), ihrem "Ökostandard" und der Größe der verarbeitenden Betriebe ab. Richtschnur dürfte ein Preisniveau von ca. 20% über dem konventioneller Produkte sein.


Kontakt:

Dr. Wolfgang Fischer
Forschungszentrum Jülich GmbH,
Programmgruppe Systemforschung
und Technologische Entwicklung (STE)
D-52425 Jülich
Tel.: + 49 (0) 2461 / 61-5205
Fax: + 49 (0) 2461 / 61-2496
E-mail: wo.fischer@fz-juelich.de


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Stand: 21.07.2000 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion