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Forschungszentrum Karlsruhe
Technik und Umwelt
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
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ITAS-News


TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 2, 9. Jahrgang - Juni 2000, S. 140-141

Die "Studiengruppe für Systemforschung" - zur Vorgeschichte des ITAS

In heutiger Terminologie verdankt sich die kleine Feier, die das Institut am 10. April 2000 im neu gestalteten Kolloquiumsraum veranstaltete, einer Art von "data mining". Der neue Institutsleiter, Prof. Dr. Armin Grunwald, hatte sich die Eintrittsdaten aller Institutsmitglieder aus den Akten zusammenstellen lassen und stieß um das Jahr 1975 auf eine auffällige Häufung von Daten mit Herkunft "Heidelberg" und "Studiengruppe für Systemforschung". Doch handelte es sich um eine Immigration oder um eine Re-Migration? Wie hängen, außer über diese Zuwanderung, ITAS und die "Studiengruppe für Systemforschung" zusammen und wie diese mit dem Forschungszentrum Karlsruhe?

Diese Fragen standen im Zentrum des Interesses an jenem Tag. Der neue Institutsleiter hatte den 1998 ausgeschiedenen, aber noch das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB) in Berlin führende Institutsleiter, Prof. Herbert Paschen, eingeladen, der zur Institutsgeschichte ab 1975 sprach, sowie den Gründer der Studiengruppe für Systemforschung, Prof. Helmut Krauch, der die, vielen Kollegen und Kolleginnen sicher gar dunkle, Vorgeschichte kompetent erhellen konnte, in der gewohnten Manier, unterhaltsam, ironisch und um einen Seitenhieb auf den einen oder anderen Zeitgenossen nie verlegen.

Von der Geschichte der Institution her gedacht war die Migrationswelle per 1.1.1975, als die Abteilungen von Krauch und Paschen der Studiengruppe für Systemforschung in das damalige "Häfele-Institut", das IASR (Institut für Angewandte Systemanalyse und Reaktorphysik) aufgenommen wurden, also tatsächlich eine Re-Migration. Denn die Anfänge der "Studiengruppe" liegen im Forschungszentrum Karlsruhe, damals noch, 1958, die "Kernreaktor-Bau- und Betriebsgesellschaft". Zitat aus dem Halbjahresbericht vom 27.8.1958, in dem umrissen wird, was Krauch als eine der beiden Aufgaben formuliert hatte: Dort ist die Rede von "der Untersuchung der Auswirkungen der Atomkernenergie auf die technische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung", eine Untersuchung, die "ganzheitlich", auch mit geisteswissenschaftlichen Methoden und problemorientiert ansetzen sollte - ein früher Ansatz, den man in heutiger Begrifflichkeit als Technikfolgenabschätzung ansprechen könnte.

Krauch, fachlich in der organischen Chemie beheimatet und mit Erfahrungen in Strahlenchemie am Versuchsreaktor Brookhaven National Laboratory, war zunächst Mitarbeiter der Geschäftsführung des damaligen Kernforschungszentrums Karlsruhe und sollte, dies die zweite Aufgabe, ein Institut für Strahlenchemie aufbauen, eine Aktivität, die sich mehrere Jahre hinzog. Im Sommer 1958 gründete er dann in Heidelberg die "Studiengruppe für Systemforschung (SfS)", die ab 1959 eine bescheidene Förderung durch das damalige Bundesministerium für Atomenergie und Wasserwirtschaft erhielt. Schon früh war Horst Rittel (Physiker und Planungstheoretiker) dabei, der in seiner Zeit bei der SfS parallel eine Professur in Berkeley inne hatte; 1959 ergänzte Werner Kunz, ebenfalls Chemiker, die Gruppe, er leitete den Informations- und Dokumentationsteil, der später in die GID (Gesellschaft für Information und Dokumentation) überführt wurde. Erst 1963 wurde Herbert Paschen, der spätere Institutsleiter des ITAS, Mitglied der Studiengruppe, ein Jahr später trat Reinhard Coenen ein, der seitdem mit Paschen ein effektives Gespann bildet.

Die wechselvolle Geschichte der Studiengruppe für Systemforschung, die Überleitung nach Karlsruhe, die diversen Institutsumbildungen bis hin zu ITAS, die Krauch und nachfolgend Paschen beleuchteten, enthalten manche Kuriosität, aber auch manche noch heute schmerzliche Animosität. Nur zwei kritische Etappen seien herausgegriffen: Erstens jenes denkwürdige Bundestags-Hearing über Prioritäten der Forschungspolitik unter der Ägide des damaligen Forschungsministers Ehmke, in dessen Verlauf die Abgeordneten die Multidimensionalität dieser Prioritäten durch damals gewiss noch ungewohnte 3D-Brillen studieren durften und in dessen Gefolge die Studiengruppe dann aufgelöst und die Gruppen von Krauch und Paschen nach Karlsruhe transferiert wurden. Zweitens eine existenzbedrohende Periode, die sich 1976 im Forschungszentrum Karlsruhe einstellte, als die Berufung eines Leiters des neu eingerichteten Instituts für Angewandte Systemanalyse (IAS) nicht gelang und der damalige Vorstand es besser fand, den Institutsrest als Stabsabteilung dem Vorstand zuzuordnen. Doch dieser Plan konnte auf der Grundlage einer beherzten Aktion der Institutsangehörigen und mit tatkräftiger Unterstützung der "Gewählten" im Wissenschaftlich-Technischen Rat (WTR) des Forschungszentrums Karlsruhe - wie auch mit Stimmen der Institutsleiter - abgewendet werden. Bis etwa zu diesem Zeitpunkt soll der Zeithorizont reichen, den Andrea Brinkmann, die ebenfalls anwesend war, in einer wissenschaftsgeschichtlichen Dissertation aufarbeiten soll.

Noch einige Daten zu den Folgejahren: 1977 wurde dann AFAS, die "Abteilung für Angewandte Systemanalyse" gegründet, 1995 ITAS, das "Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse". Die Kärnerarbeit des Neuaufbaus lag in den Händen von Paschen. Die TA-Diskussion begann 1974, mit einem noch in der Studiengruppe für Systemforschung verfassten Gutachten zum Stand der internationalen TA-Diskussion (Paschen, Gresser, Conrad),1978 bei Campus publiziert; 1989 wurde das zähe Ringen zwischen jeweiliger Regierung und jeweiliger Opposition um die Einrichtung einer ständigen TA-Einrichtung beim Deutschen Bundestag mit einer "kleinen TA-Lösung" beendet und ab 1990 betrieb ITAS "als besondere organisatorische Einheit" das TAB, das Büro für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Nach dem Probebetrieb der ersten drei Jahre wurde ITAS zwei weitere Male, jeweils in Fünfjahresverträgen, mit dieser Aufgabe betraut; der jetzige Vertrag läuft noch bis 2003.

Das Institut mit seinem neuen Leiter Armin Grunwald, der den Stab im Oktober letzten Jahres übernommen hat, ist wieder in eine neue Phase eingetreten, hoffentlich, so dachten wohl viele auf dem anschließenden Umtrunk, in eine gedeihliche, fruchtbare und wirkungsvolle Phase.


Kontakt:
Bernd Wingert
Forschungszentrum Karlsruhe
Institut für Technikfolgenabschätzung
und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
D-76021 Karlsruhe
   oder
Hermann-von-Helmholtz-Platz 1
D-76344 Eggenstein-Leopoldshafen
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 23993
Fax: +49 (0) 721 / 608 - 24806

E-mail:
Internet: http://www.itas.fzk.de/


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Stand: 21.07.2000 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion