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Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
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Können regionalisierte Formen des Wirtschaftens einen Beitrag zur integrativen Nachhaltigkeit leisten? Welche Voraussetzungen müssen dafür gegeben sein? Gibt es bereits erfolgversprechende Ansätze, die aus eigener Kraft wirtschaftlich lebensfähig sind, also am Markt behauptungsfähig sind? Was müsste darüber hinaus geschehen, um Potenzialen zur Verwirklichung zu verhelfen? Im nachfolgenden Beitrag werden einige prinzipielle Überlegungen zu diesen Fragen angestellt und um Ergebnisse aus der Betrachtung von Fallbeispielen ergänzt.
Die Fokussierung auf regionale Ökonomie beruht auf einer Grundannahme: Unter den Bedingungen einer ungehemmt globalisierten Wirtschaft und Gesellschaft ist integrative Nachhaltigkeit nicht möglich! In einer regionalen Ökonomie sei es hingegen möglich, folgende Perspektiven einer nachhaltigen Gesellschaft einzulösen:
Bereits unterhalb der regulatorischen Ebene könnte die Entfaltung nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivität gehemmt werden. Handwerkliche Reparatur von Geräten als Ressourcen schonende Aktivität im lokalen Umfeld fordert die Industrie heraus, die Gehäuse so zu verkapseln, dass eine Reparatur nicht möglich ist, sondern der Kunde zur Inanspruchnahme des firmeneigenen Ersatzteil-Austauschdienstes genötigt wird. Im übrigen stehen und fallen derartige Ansätze mit der Bereitschaft Einzelner, Zeit zu opfern und Frustrationen zu ertragen. Erlahmt dieser Wille, brechen viele Initiativen zusammen. Das ist nicht überraschend. Es erfordert stets eine erhöhte Anstrengung, Konzepte neben oder gegen den Hauptstrom zu etablieren und zu sichern. Insofern ist es wichtig und notwendig, der persönlichen Initiative Entfaltungschancen in derartigen Nischen zu eröffnen. So bieten sich etwa im Bereich der ortsnahen Produktion sowie der lokalen Dienstleistungen der persönlichen Bereitschaft und Einfallskraft interessante und auch überraschende Möglichkeiten. Das Ob oder Wie der Übertragbarkeit ist bei gegebenen Technologien und Rahmenbedingungen jedoch im allgemeinen unklar.
Masseneffekte etwa zur Bewältigung der kritischen Lage im Beschäftigungssystem sind auf der Basis des bisher Vorhandenen schwerlich zu bewirken. Regionale Ökonomie ist daher unter gegenwärtigen Rahmenbedingungen ein marginaler Ereignisraum. Dies zu verändern und ihr Potential zur Realisierung integrativer Nachhaltigkeit auszuschöpfen, bedarf einer Rahmenordnung, in der sich die verschiedenen Politiken konsistent zusammenführen lassen.
Der Entwurf einer solchen Ordnung - denn darum handelt es sich letztlich - nötigt zu einem systemtheoretisch fundierten Umgang mit dem Problem.
Ansatzpunkt ist die Nichtbeherrschbarkeit großer, komplexer Systeme. Die Erkenntnisse der Katastrophenforschung (Perrow 1989) führen zur Lösung: Komplexitätsreduktion und (partielle) Entkopplung. In anderem Zusammenhang postulierte Schumacher (1974) Ende der sechziger Jahre "small is beautiful", damals insbesondere auch, um die Ineffizienz großer Strukturen anzuprangern. Es geht also darum, kleinere Systeme zu schaffen und Grenzen zu ziehen. Innerhalb dieser Grenzen kann sich "regionale Ökonomie" entfalten. Dafür müssen im besonderen folgende Voraussetzungen geschaffen werden:
Zu 1.: Durch ein lediglich regional gültiges Verrechnungsmittel entsteht ein Sog nach einem lokal erzeugten Angebot von Waren und Leistungen. Arbeitskraft, die angesichts der hohen Produktivität des globalen Produktionssystems und der wachsenden Lohnkonkurrenz überflüssig geworden ist, kann in solchen (teil-)geschlossenen kleinräumigen Wirtschaftssystemen mit anders qualifizierter Arbeitskraft in fruchtbaren Austausch gelangen, dies auf niedrigerem Produktivitätsniveau. Neben dem Ausschluss der Lohnkostenkonkurrenz werden auf diese Weise auch die economies of scale-Vorteile der global operierenden Unternehmen neutralisiert. Die Rechnung geht auch bei vergleichsweise geringen Absatzmengen auf. Die Marktpreise werden nicht durch globale Kostenkonkurrenz, sondern eher durch den Umfang der erforderlichen Investitionsleistung bestimmt. Es sei denn, dass sich auf regionaler Ebene ebenfalls Konkurrenz herausbildet. Doch verbleibt dann die Wertschöpfung wie auch Überschüsse in der Region, zum Nutzen der dort lebenden Menschen. Zugleich entschärft sich der Zwang zu einer sich ständig beschleunigenden Akkumulation. Notwendig ist die Amortisation als solche, nicht aber eine bestimmte Kurzfristigkeit. Schließlich wird durch zusätzliche regionale Geld- bzw. Verrechnungssysteme den destabilisierenden Einflüssen der globalen Finanzspekulation der Boden entzogen.
Zu 2.: Unter Small-Scale-Technologien werden Produktionstechniken verstanden, die bereits bei geringen Stückzahlen ökonomisch sinnvoll und konkurrenzfähig zum Einsatz kommen. Sie müssen also klein und unaufwendig sein, andererseits technisch anspruchsvoll, um ein breites Spektrum der gegenwärtig in globaler Arbeitsteilung erzeugten Güter regional erzeugen zu können. Als ein Beispiel seien Mikroreaktoren genannt. Durch deren Einsatz in der chemischen und pharmazeutischen Industrie sind wesentliche Erneuerungen und Verbesserungen sowohl unter ökologischen wie ökonomischen Aspekten möglich geworden: Prozessschritte laufen in kleinen Volumina ab, die Prozessausbeute kann erhöht werden, eine Kaskadierung von unterschiedlichen Reaktoren ist möglich. Dadurch ist die Kostenentwicklung über eine größere Bandbreite des Produktionsvolumens proportional, der economies of scale-Effekt ist abgeschwächt. Der Reagenzienverbrauch wird minimiert. Lagerung und Transport von gefährlichen Stoffen wird verzichtbar, die Produktion erfolgt direkt vor Ort.
Zu 3.: Bildung und Qualifizierung bedürfen eines veränderten Zuschnitts. Das bedeutet im allgemeinen eine Verknüpfung der fachlichen Spezialisierung mit einem erweiterten Wissen und Können entlang den Wertschöpfungsketten - mehr "Ganzheitlichkeit" also. Eigeninitiative und Eigenverantwortlichkeit werden deutlich mehr Gewicht haben (müssen) als im heutigen Berufsleben. Dafür müssen Lern- und Lebenswege bereitgehalten werden. Vor allem aber muss ein umgestaltetes Bildungs- und Ausbildungssystem ein viel feiner und breiter gefächertes Angebot an Qualifikationsprofilen bereitstellen. In der Region müssen jetzt alle Kenntnisse und Fertigkeiten vorhanden sein, um die Vielfalt der Güter und Produktionsanforderungen gewährleisten zu können. Vermutlich werden annähernd 200.000 Tätigkeitsprofile benötigt - um einmal einen Eckwert zu nennen. Dies sind wohl bemerkt nicht verschiedene Ausbildungsgänge, sondern im Zuge der Professionalisierung sich ausdifferenzierende Handlungsmuster, die in der regionalen Ökonomie wahrgenommen werden müssen. Dies stellt neue Anforderungen an die inhaltliche und zeitliche Modularisierung der Bildungsangebote mit dem gleichzeitigen Auftrag, dennoch dem Einzelnen ein abgestimmtes Lern- und Erfahrungsangebot zur Verfügung zu stellen. Entgegen gegenwärtig kolportierten bildungspolitischen Dogmen müssen hier die Kompetenzen der Menschen nicht gleichermaßen "modern" sein. Vielmehr ist es eine Frage wirtschaftlich-gesellschaftlicher Organisation, altes und neues Können organisch miteinander zu verbinden.
Schumacher, E.F., 1974: Small is Beautiful. Abacus, London
Stransfeld, R., 1999a: Regionale Ökonomie als räumlicher Orientierungsansatz für integrierte Nachhaltigkeit - Eine Bestandsaufnahme. Forschungszentrum Karlsruhe , ITAS (Schlussbericht zum HGF-Projekt, Materialienband 2.A)
Stransfeld, R., 1999b: Regionale Ökonomie für integrierte Nachhaltigkeit: Ansatz und Realität. Forschungszentrum Karlsruhe, ITAS (Schlussbericht zum HGF-Projekt, Materialienband 2.B)