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Wien, 2. - 6. Mai 2000
Tagungsbericht von Bettina-Johanna Krings, ITAS
Die dritte internationale Konferenz der European Society for Ecological Economics (ESEE), die alle zwei Jahre stattfindet, wurde für das Jahr 2000 unter das Leitthema "Transitions Towards Sustainable Europe" gestellt und fand vom 2.- 6. Mai an der Wirtschaftsuniversität Wien statt.
Die Konferenz hatte einen langen inhaltlichen Vorlauf, der "Call for Papers" wurde Ende September veröffentlicht und umfasste zum einen die "klassischen" Themengebiete zu nachhaltiger Entwicklung, wie "Regionale nachhaltige Entwicklung", "Soziale Dimension von Nachhaltigkeit", "Neue Ansätze des Umweltmanagements", zum anderen aber auch neuere Themengebiete, wie beispielsweise "Umweltgeschichte - Neue Perspektiven aus der Vergangenheit" oder "Herausforderungen der Übergangszeiten in den osteuropäischen Ländern", die den Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung erweitern und inhaltlich bereichern sollten.
Die Resonanz auf den Call war beachtlich. Nicht nur aus europäischen Ländern, sondern auch aus Übersee wurden Artikel eingesendet, die - aus der Sicht unterschiedlichster Disziplinen - theoretisch, methodisch und praktisch einen Beitrag zur konzeptuellen Diskussion einer nachhaltigen Entwicklung leisten. Dank des professionellen Einsatzes des Organisationsteams lag der Sammelband mit allen Exposees der Aufsätze zu Beginn der Konferenz vor, die vollständigen Aufsätze sind auf einer CD zusammengestellt. [1]
Die inhaltlichen Themengebiete der Konferenz wurden über drei Tage verteilt. Die Organisation sah für den Morgen jeweils zwei Panels mit Gastvorträgen vor, während die inhaltlichen Schwerpunkte mittags und nachmittags auf fünf, sechs und mehr parallel verlaufende Sektionen verteilt wurden. In jeder Sektion wurden jeweils drei Beiträge vorgetragen, diese wurden von einem Referent oder einer Referentin kommentiert, um die anschließende Diskussion zu stimulieren. In der Regel gab es drei Sektionen pro Tag.
Der organisatorische Ablauf gibt einen kleinen Eindruck von der Dichte der Konferenz, so dass ein Überblick nur pointiert gelingen kann. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf neuen Strömungen und Eindrücken im Rahmen des Nachhaltigkeitsdiskurses, wie sie vor allem von den Gastrednern vertreten wurden. Das wird nachfolgend an drei Themenbereichen exemplifiziert.
Die präzise Analyse der Entwicklungssituation in Europa unterscheide sich erheblich von einer weitgehend abstrakten, globalen Perspektive, und es gehe zunächst darum, in Europa zukunftsfähige Entwicklungen einzuleiten. Spashs Ansatzpunkt ist hierbei die Landwirtschaft, die vor allem nachhaltig umzustrukturieren sei. Andere Bereiche wie Verkehr, Lebensstile bis hin zur Rolle politischer Institutionen, sollten folgen.
Ähnlich wie sein Nachredner Martin
O'Connor legte er den Schwerpunkt auf die zunehmende Beziehungsunfähigkeit der Menschen zu den "anderen" (our relationship with 'others'), die wieder vermehrt ins Augenmerk genommen werden sollte. Der Sozialpsychologie komme aus diesen Gründen eine besondere Rolle in der Entwicklung nachhaltiger Konzepte zu.
Martin O'Connor, Ökonomieprofessor an der Universität von Versaille, Frankreich, einer der Gründungsmitglieder der ESEE, hob in seinem Vortrag ebenfalls die wachsende soziale Beziehungslosigkeit in europäischen Gesellschaften hervor. Er ging hier sogar noch einen Schritt weiter und kritisierte die "Sorge um zukünftige Generationen" als unrealistische Komponente im normativen Konzept von Nachhaltigkeit. Betrachte man die Beziehung zwischen uns ('us') und den anderen ('them') genauer, so handele es sich bei 'them' um die 'non human beings', die 'future generations' sowie die 'people of the 3. World'. Hier bestehe jedoch überhaupt keine Beziehung zwischen dem tatsächlichen Verhalten (actual behaviour) und der sozialen Praxis. Mit seinem Vorredner teilte er strikt die Auffassung, dass erst die Reflexion der Beziehung zu den anderen auch die Sorge für den anderen (concern for the 'other') mit einschließen könne.
Die Hauptprobleme einer nachhaltigen Entwicklung sieht er aus diesen Gründen in dem Mangel an menschlicher Koexistenz und der Unfähigkeit zu verantwortungsvollem Handeln, und hier gäbe es einen großen Widerspruch im ökonomischen System (there is no economic balance).
Wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Fortschritt hat für ihn inzwischen lediglich eine hohe symbolische Bedeutung, deren Funktion jedoch hinterfragt werde sollte. Wissenschaftliche Entwicklung sei zum Selbstläufer geworden, die mehr Risiken, mehr Technologie sowie mehr Verwirrung stifte (more troubles, more risk, more technology, more confusion). Die zentrale Frage Nachhaltigkeit von was? Und für wen? sollte sehr bewusst, vor allem angesichts der Technologien wie Gen- und Informationstechnologie, gestellt werden.
Die Herausforderung einer nachhaltigen Entwicklung für die Zukunft sieht O'Connor ebenfalls in dem Erlernen von Beziehungsfähigkeit, vom 'physical functioning' zu 'existential conditions' (co-existence, complementarity, cooperation, hospitality, openness, inclusion). Die Veränderung der Grundlagen des ökonomischen Systems wäre hierbei eine zentrale Voraussetzung nachhaltiger Entwicklung in Europa und zentrales Thema einer ökologischen Ökonomie.
Wissenschaftliche Expertisen seien längst eine notwendige Basis westlicher Gesellschaften geworden. Was sich jedoch momentan stark verändere, sei die Bedeutung wissenschaftlicher Rationalität. Nicht nur in der 'scientific community', sondern vor allem in der Öffentlichkeit wachse ein Bewusstsein über die Relativität wissenschaftlicher Expertise. Diese äußere sich darin, dass zunehmend mehr anerkannt werde, dass die Wissenschaft eben nur eine Form der Problembearbeitung sei und es daneben mehrere Formen der Betrachtung und Bearbeitung gebe. Natürlich seien die klassischen Theorien in den verschiedenen Disziplinen nach wie vor funktionell und wichtig, aber sie seien eben nur eine spezifische Form der Betrachtung. Diese Annahme führt Jaeger zu der Schlussfolgerung, dass die ständige Verbesserung von rationalen Modellen nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung beitrage (the maximalisation of rational models is not sustainable development). Im Gegenteil müssten vielmehr diejenigen kulturellen Potentiale erkannt und anerkannt werden, die Risiken und Unsicherheiten in den gesellschaftlichen Abläufen bearbeiten und integrieren könnten.
Jason Shogren, Distinguished Professor of Natural Ressource Conservation and Management, Laramie/Wyoming, USA, hat in seinem locker formulierten Vortrag eigene persönliche Erfahrungen in die Beobachtung (to be with my kids, my relationship to my wife, neighbourhood and privacy) eingeflochten. Der Bezug zu lebensweltlichen Bereichen, die sich nach seiner Ansicht drastisch von der Handlungslogik des Marktes unterscheiden, müsste stärker in die Theorie einfließen. Im Gegensatz zu Carlo Jaeger veranlassen ihn jedoch gerade die Beobachtungen in sozio-kulturellen Kontexten wieder zur Rückkehr zu einigen Grunddeutungen neoklassischer Ökonomie.
Menschliches Verhalten sei per se nach effizienten Maßstäben ausgerichtet, die in der Theorie mit berücksichtigt werden müssten. Hierfür gäbe es zwei wichtige Strukturprinzipien. Erstens in dem Moment, in dem sich
ökologisches Verhalten nachteilig auf Zugangsbedingungen in der Gesellschaft auswirke, entscheiden sich die Menschen nicht mehr für die ökologische Verhaltensform (we make trade-offs all the time in our jobs, our recreation, our life styles). Und das zweite Prinzip stelle das Paradox dar, dass die Individuen mit ihrem Alltagsverhalten sicher nicht intendieren, sich und den anderen langfristige Risiken und Gefahren zuzufügen. Die Menschen, die ins Auto steigen, beabsichtigen nicht, die Umwelt zu verschmutzen, aber sie tun es doch, und das sei das Problem.
Das allgemein ökonomisch ausgerichtete Verhalten der Menschen müsse, nach Shogren, von der rational choice theory berücksichtigt werden, denn sonst gingen die Modelle für eine verbesserte Umweltpolitik an den realen Verhältnissen vorbei. Die Politik spiele bei der Gestaltung nachhaltiger Handlungsbereiche eine ganz entscheidende Rolle. Hier müssten Wege gefunden werden, die Risiken zu reduzieren, ohne jedoch die Errungenschaften moderner Lebensstile zu schmälern.
Das Hearing und auch der Abschlussvortrag von Richard Notgaard, dem Präsidenten der International Society of Ecological Economics (ISEE) von der University of Berkeley, Kaliforien, USA, machten deutlich, dass das Konzept 'sustainability' noch immer eine große gesellschaftliche Herausforderung darstellt. Für die ESEE sowie die ISEE gelte es, an Konzepten weiterzuarbeiten, die vor allem sozio-kulturelle Aspekte berücksichtigen. Dieses Anliegen beinhaltet die kritische Selbstreflexion der Rolle der Experten im gesellschaftlichen Prozess genauso wie die Formulierung von Visionen, die weit über akademisch geprägte Grenzziehungen hinausreichen. Modelle praktischer Ethik müssten hierbei gefunden werden. Das hätte, nach Norgaard, für die Ökologische Ökonomie mehrere Implikationen: Sustainability könne nur als gemeinsames Projekt betrachtet werden (must be a group project), die Belange von Laien sowie die Vorschläge von Experten sollten gleichermaßen ernst genommen werden (respect for specialists and generalists), Übergangszeiten seien immer von Widersprüchen und Unsicherheiten begleitet, dies müsse gesellschaftlich mehr akzeptiert werden.
Angesichts der großen sozialen Probleme, die in den nächsten Jahrzehnten vor allem in den europäischen Ländern erwartet werden, wie Arbeitslosigkeit, Geburtenrückgänge, Versorgungsengpässe, Verschärfung von sozialen Spaltungen, ginge es vor allem darum, die soziale Dimension von Nachhaltigkeit ernst zu nehmen und in die Ansätze zu integrieren (living in social harmony).
Hierbei - und das kann als Resümee des Kongresses festgehalten werden - geht es nicht darum, an den Modellen zu experimentieren. 'Modelling sustainability' kann nicht die Lösung sein. Was gefordert ist, sind aus der Praxis zu entwickelnde und in die Praxis zu übertragende Modelle. Nur so können soziale Lern- und Reflexionsprozesse entstehen. Modelle fungieren als Leitbilder, Leitbilder können zu Vorbildern werden, die wiederum Initialwirkung für weitergehende Modelle haben können. Ein Modell, das idealer Weise auf Ko-Existenz aufbaut, hat mit sozialen Beziehungen zu tun. Die Voraussetzung für Kooperation, Komplementarität, Offenheit und Toleranz muss in europäischen Ländern neu gelernt werden, auch innerhalb der 'scientific community'.
Der Bericht kann bezogen werden über:
ESEE Secretariat: C3ED
E-mail:
krings@itas.fzk.de
Koexistenz und Kooperation
Insgesamt umstritten, jedoch sehr bemerkenswert waren die beiden Vorträge des "Opening Plenary" zu einer nachhaltigen Entwicklung in Europa. Clive Spash, Ökonomieprofessor an der Universität Cambridge in Großbritannien und neuer Präsident der ESEE, vertrat eine äußerst radikale Grundhaltung hinsichtlich der Chancen nachhaltiger Entwicklung in Europa. Ausgangspunkt seines Beitrages war seine persönliche tiefe Beunruhigung (deep concern) über die verschiedenartigen Prozesse menschlicher Entwicklungen. Das Augenmerk sollte hierbei nicht auf einer abstrakten globalen Perspektive liegen, sondern es sei wichtig, die europäische Entwicklung zu analysieren, die sich zunehmend von Entwicklungen in anderen Teilen der Welt unterscheide. Der drastische Rückgang der Geburtenraten, Prozesse der Individualisierung, steigende Zuwachsraten in verschiedenen Bereichen, wie etwa Mobilität, Konsum oder dem Bausektor, legten Zeugnis ab, dass es nicht um Instrumente der Ressourceneffizienz ginge, sondern dass nur ein Wandel der Lebensstile die Vorbedingung eines gesellschaftlich nachhaltigen Wandels sein könne.
Relativität wissenschaftlicher Expertise
Nach wie vor spielen die Unsicherheit bei der Prognose gesellschaftlicher Entwicklungen sowie unvorsehbare Ereignisse eine wichtige Rolle im Rahmen technischer und wissenschaftlicher Gestaltbarkeit, die nach Ansicht von Carlo C. Jaeger von der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (EAWAG), Dübendorf, Schweiz, mehr berücksichtigt werden sollten. Risiken seien eng mit dem 'Rational Actor Paradigm' (RAP) verbunden, das eine konstruktive Basis für die Forschung in Wirtschafts- und den anderen Sozialwissenschaften bilden könnte.
Modelling sustainability
Ein Höhepunkt des Kongresses war sicherlich das am letzten Tag angesetzte Hearing über die Rolle der ESEE im Prozess zukünftiger Politikgestaltung. Dieses Hearing wurde inhaltlich von Studenten und Studentinnen des Fachbereichs Umweltwissenschaften vorbereitet. Claus Faber, ein Wissenschaftsjournalist aus Österreich, moderierte fachlich versiert und offensiv die Veranstaltung.
Anmerkung
[1]
3rd Biennal Conference of the European Society for Ecological Economics (2000): Transitions Towards a Sustainable Europe: Ecology - Economy - Policy. Vienna University of Economics and Business Administration.
Université de Versailles Saint Quentin en Yvelines
47, Boulevard Vauban
F-78047 Guyaucourt Cedex
Fax: 0033-1-39255300
E-mail:
Julia.Haake@c3ed.uvsq.fr
Kontakt:
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und Systemanalyse (ITAS)
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Stand: 21.07.2000 - Kommentare und Bemerkungen an:
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