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Dieser zweite Band der Schriftenreihe der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH geht auf die Akademietagung "Ethik technischen Handelns" im Oktober 1997 in Bad Neuenahr zurück; er beinhaltet die überarbeiteten Texte der Tagungsbeiträge, komplettiert durch drei weitere Artikel (von Stephan Saupe, Gerd Hanekamp und Armin Grunwald) sowie eine ausführliche thematische Einleitung der Herausgeber "Technikgestaltung und Ethik". Da diese Einleitung das Konzept der Publikation (wie das der Tagung) ausführlich erläutert, sei sie hier in den Mittelpunkt gerückt.
Ausgangspunkt für die Herausgeber ist folgende Überlegung: "Ein Buchtitel 'Ethik in der Technikgestaltung' ruft heutzutage kein Erstaunen hervor. Dass die Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen vielfältige Probleme und neue Herausforderungen mit sich gebracht haben und bringen, dass technischer 'Fortschritt' inhärent ambivalent ist, dass das Neue nicht per se das Gute ist - über all dies besteht heute weitgehend Konsens. Die kulturkritisch gemeinte 'Dialektik der Aufklärung' wäre heute als eine Dialektik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts zu reformulieren. Wenn das Neue aber nicht das Gute impliziert, stellt sich die ethische Frage nach der Beurteilung dieses Neuen. In dieser Perspektive scheinen Ethik und Technikgestaltung in der Gegenwart untrennbar zusammenzugehören. Diese Ansicht wurde und wird jedoch nicht überall geteilt" (S. 1).
Sie ist jedoch Grundgedanke der Herausgeber (wie der Europäischen Akademie insgesamt). Deshalb liegt der thematische Schwerpunkt der vorliegenden Publikation in der Analyse der Möglichkeiten und Grenzen ethischer Reflexion in Bezug auf die Praxis der Technikgestaltung.
Die Zahl der Publikationen zur Technikethik hat in den letzten 20 Jahren erheblich zugenommen. Sie ist mittlerweile weitgehend als Teilgebiet der Angewandten Ethik anerkannt (vgl. Ott 1996). Unzweifelhaft korreliert ihre institutionelle Stabilisierung mit einem gesellschaftlichen Bedarf zur Behebung von (kollektiven) Unsicherheiten im Umgang mit Technikfolgen oder zur Bereitstellung von Orientierungswissen für die Technikentwicklung. Dieser äußert sich z. B. in vielfältigen Rufen nach einer "Neuen Ethik" (vgl. etwa Jonas 1979; Rapp 1993). In den faktischen Diskussionen über moderne Technik zeigt sich jedoch oftmals ein anderes Bild. Die "normative Wende" der Technikdiskussion (vgl. Ropohl 1996) besteht, jedenfalls in ihrer öffentlichen Manifestation, eher in einer Moralisierung von Technikkonflikten als deren ethischer Reflexion. Moralen als handlungsleitende Maximen eines Individuums, einer Gruppe oder der Gesellschaft besitzen jedoch nur eine faktische Geltung, zumeist mit eingeschränkter Reichweite. Dem setzen die Herausgeber den Gedanken entgegen, dass nur mittels philosophischer Ethik (im Sinne einer Reflexionstheorie über die "richtige" Moral) "Legitimation im Sinne normativer Geltung" (S. 3) erzeugt werden kann. Auf diese Weise wird Ethik "praktisch".
Die Ausgangsprämisse, dass von der Technikethik praktische Relevanz überhaupt gefordert werden soll, wird von den Herausgebern wie folgt begründet: "Wenn das Betreiben von Ethik ein gerechtfertigtes Handeln darstellen soll, müssen Kriterien für Erfolg oder Misserfolg angegeben werden können, damit sie sich nicht in Beliebigkeit verliert. Erfolg ist eine Kategorie der Zweck/Mittel-Rationalität: eine Erfolgsbeurteilung kann nur vorgenommen werden, wenn Handlungsmittel für bestimmte Zwecke eingesetzt worden sind, indem nämlich die eingetretenen Resultate mit den vorab gesetzten Zwecken verglichen werden. Nur wenn Ethik als Mittel zu einem vorgängig gesetzten Zweck verstanden wird, kann Erfolg von Misserfolg unterschieden werden" (S. 4). [1]
Wenn Ethik Orientierungsleistungen für die Praxis erbringen (d.h. "praktisch werden") soll, dann müssen nach Auffassung der Herausgeber mindestens folgende Voraussetzungen notwendig gegeben sein:
- "Philosophie (hier die Ethik) muss einen kritischen Anspruch gegenüber dem Faktischen erheben. Wenn das Faktische allein handlungsleitend wäre, bedürfte es keiner Ethik.
- Ethik muss für ihre eigenen Resultate Geltungsansprüche nicht nur erheben, sondern sie auch (prozedural) einlösen können und auf diese Weise die Transsubjektivität ihrer Ergebnisse sichern: Sie muss sich als 'Wissenschaft' verstehen und nicht als spekulative Metaphysik, um im Rahmen pluralistischer Gesellschaften argumentativ begründete allgemeinverbindliche Handlungsempfehlungen rechtfertigen zu können.
- Schließlich muss sie ihren Praxisbezug sicherstellen und darf nicht 'praxislose Theorie' (Mittelstraß) werden" (S. 4).
Die Forderung nach einer "praktischen Relevanz" der Technikethik wird dann wie folgt präzisiert:
Einschränkend (bzw. überzogene Erwartungen der Öffentlichkeit wie der Politik zurückweisend) wird hinzugefügt: "Ethik in der Technikgestaltung kann, so lässt sich vorab thesenhaft formulieren, nicht unmittelbar ethische Normen in technische Praxis umsetzen, sondern ihre praktische Umsetzung ist über vielfältige Reflexions- und Zwischenstufen vermittelt" (S. 4f.; vgl. auch Grunwald 1996). Praktische Relevanz von Ethik in der Technikgestaltung muss in dieser Sicht deshalb auch nachvollziehbar expliziert werden können.
Der Frage, ob bzw. wie dies gelingen kann, wird in den Beiträgen in den Teilen I (praktische Relevanz) und II (Legitimation als hervorgehobene Bedingung praktischer Relevanz) nachgegangen. Teil III schließlich reflektiert die gegebenen Antworten und führt damit auf die gesellschaftstheoretische Ebene.
Carl Friedrich Gethmann und Torsten Sander untersuchen die methodische Basis von Rechtfertigungsdiskursen innerhalb der Zweck/Mittel-Rationalität und schlagen einen diskursiven Ansatz zur Bewältigung von Technikkonflikten vor. Matthias Kettner versteht den Diskurs als Instrument des begleitenden und reflexiven Einholens des Wandels "normativer Texturen". Christoph Hubig sieht die Legitimität ethischer Beratung der Technikgestaltung im Rahmen einer "morale provisoire". Gerd Hanekamp analysiert diese Beiträge unter dem Aspekt der Herkunft und Begründung der beanspruchten Normativität der Ethik in Technikkonflikten.
Der dritte Teil des vorliegenden Buches befasst sich mit der Praxisrelevanz von Ethik angesichts der besonderen strukturellen Gegebenheiten der Moderne unter der Fragestellung, welche Strukturen unverzichtbar sind, damit Ethik Praxisrelevanz für die Technikgestaltung beanspruchen kann (Armin Grunwald).
Bezogen auf das ambionierte Anliegen der Herausgeber kann festgestellt werden, dass es von der Mehrheit der einzelnen Beiträge nicht explizit als Ausgangs- oder Zielpunkt genommen wird, sie tragen mehr implizit zu dessen Verwirklichung bei. Mit dieser Publikation werden aber ganz sicher sowohl die Diskussion zwischen Vertretern zweier Konzepte, dem der mehr sozialwissenschaftlich agierenden Technikfolgenabschätzung (die primär auf sozial-, politik-, wirtschafts- oder rechtswissenschaftlichen Ansätzen basiert) und dem der Ethik der Technik, die bislang vielfach unvermittelt nebeneinander bestehen und sich unabhängig voneinander entwickelt haben, befruchtet als auch (weitere) gegenseitige Lernprozesse angeregt. Dass sie damit jedoch bereits zu einem vorläufigen Abschluss gekommen sei, wie die Herausgeber konstatieren (vgl. S. 6), scheint mehr ein Wunsch denn bereits lebensweltliche Realität zu sein, auch wenn eingeschränkt wird: "Gleichwohl ist der hiermit erreichte Stand kein einfacher Konsens, sondern stellt in vielen Details eher einen reflektierten Dissens dar. Damit sind weitere Auseinandersetzungen vorgezeichnet und angelegt - wie dies eben der 'natürliche' Lauf einer wissenschaftlichen Bemühung ist" (S. 6).
[1] Vgl. dazu z. B. Grunwald 1996 sowie die sich dort anschließende Diskussion.
Grunwald, A. , 2000: Ethik als technikpolitische Orientierungshilfe? In: C.F. Gethmann, A. Gethmann-Siefert (Hrsg.): Philosophie und Technik. München (im Druck)
Jonas, H. , 1979: Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation. Frankfurt 1979.
Ott, K. , 1996: Technik und Ethik. In: J. Nida-Rümelin (Hrsg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Hamburg 1996, S. 652-717.
Rapp, F. (Hrsg.), 1993: Neue Ethik der Technik? Philosophische Kontroversen. Wiesbaden 1993.
Ropohl, G. , 1996: Ethik und Technikbewertung. Frankfurt a. M. 1996.
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