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TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3 / 9. Jahrgang - Oktober 2000, S. 82-86

Die Zukunft des Internet - aus der Sicht internationaler Experten

von Klaus Beck, Universität Erfurt

Das Internet hat Zukunft - darüber besteht weitgehend Einigkeit. Wie diese Zukunft allerdings aussieht, ist eine offene Frage. Die Prognosen über Wachstum, Nutzung und Nutzen des Internet gehen ebenso weit auseinander wie die Hoffnungen und Befürchtungen, die sich mit Computernetzen verbinden. Auf den ersten Blick scheint es so viele Prognosen wie Experten zu geben. Die Vielfalt der Meinungen und Einschätzungen - an sich ein erfreuliches Zeichen für einen lebendigen öffentlichen Diskurs - sollte durch die Studie über den "Computer als Medium der Medienintegration" nicht um eine weitere Prognose bereichert werden. Es ging vielmehr darum, zwischen den verschiedenen Positionen zu vermitteln und die Einschätzungen diskursiv - mit Hilfe eines weiterentwickelten Delphi-Verfahrens - zu validieren.

Zu diesem Zweck haben der Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft an der Universität Erfurt und die Unternehmens- und Technologieberatung Booz, Allen & Hamilton gemeinsam ein internationales Forschungsprojekt durchgeführt, das vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie sowie vom Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie gefördert wurde. [1] Weil Computernetze, insbesondere das Internet immer weitere Bereiche des Alltags privater Nutzer wie geschäftlicher Anwender durchdringen, wurde die Untersuchung thematisch sehr breit angelegt. Für die Expertenbefragung wurden sechs verschiedene Fragebogenmodule entwickelt, und zwar zu den Themenkreisen:

Die einzelnen Fragebogenmodule umfassten - je nach Komplexität der Themenstellung - zwischen 18 und 25 Fragen, für deren Beantwortung ca. 35 Minuten benötigt wurden. Bei allen Fragestellungen ging es ausdrücklich nicht darum, was technisch machbar sein wird, sondern wann welche Technik auf welche Art und Weise angewandt werden wird. Unser Interesse galt also der Veralltäglichung der Technik, der breiten gesellschaftlichen Akzeptanz und Diffusion der Computernetze sowie möglicher Folgen.

Alle Teilnehmer erhielten das Fragebogenmodul über die "Allgemeinen Entwicklungen" sowie - je nach ihrer persönlichen Expertise - bis zu drei weitere fachbezogene Fragebogenmodule. Von allen Fragebögen wurden deutsch- und englischsprachige Versionen erstellt; alternativ konnten die von uns angeschriebenen Experten die Fragebögen auch als password-geschützte WWW-Dokumente ausfüllen. Die Online-Alternative wurde insbesondere von den Teilnehmern aus Asien und Ozeanien sowie den Experten aus der Industrie genutzt, so dass sich die Entwicklung dieses zusätzlichen Erhebungsinstruments bewährt hat. Den Befragten wurden kurze Statements (einzelne "Visionen") vorgelegt, zu denen sie Stellung nehmen sollten. Gefragt wurde entweder nach dem Grad ihrer Zustimmung (4er-Skala), nach dem Zeitpunkt des Eintretens einer Vision (3 Intervalle: bis 2005, -2010, -2015, sowie "später" und "nie"), nach der Quantifizierung (4er-Skalen) oder der Quantifizierung im Zeitverlauf. Erhoben wurden ferner soziodemographische Daten und - wie bei der Delphi-Methode üblich - die Selbsteinschätzung der persönlichen Expertise (4er-Skala).

Bis zum September 1998 wurden insgesamt 2.014 Experten um ihre Teilnahme gebeten, sie erhielten insgesamt 4.482 Fragebogenmodule. 480 Personen beteiligten sich an der ersten Befragungsrunde (Rücklaufquote: 23,8%), davon 18,1% online. Für die erste Auswertung lagen 1.083 Fragebogenmodule vor. [2] Die aggregierten Ergebnisse der ersten Befragungsrunde wurden in die Fragebögen für die 2. Delphi-Runde integriert, damit die Teilnehmer vor dem Hintergrund des anonymisierten Gruppenurteils ihre Prognosen überdenken und ggf. korrigieren konnten. An der zweiten Befragungsrunde, die im Winter 1998/1999 durchgeführt wurde, beteiligten sich 360 Experten (Rücklaufquote: 75%) mit insgesamt 765 Fragebogenmodulen. 51,2% der Teilnehmer waren Wissenschaftler, 28,8% Entscheider aus der Wirtschaft und 20% Vertreter von Interessengruppen (Verbraucherschutz, Gewerkschaften etc.). Über drei Viertel (76,7%) der Befragten leben und arbeiten in Deutschland, weitere 4,2% in Europa. Jeder Zehnte stammte aus den USA oder Kanada; 7% aus Asien und 2,4% aus Australien. [3] Trotz des Übergewichts der deutschen Experten, erlaubt es die Zusammensetzung des Panels durch die Kontrastierung mit der ausländischen "Kontrollgruppe", ein ggf. abweichendes Prognoseverhalten zu erkennen. [4]

Aus der Fülle der Ergebnisse können hier nur einige Kernaussagen vorgestellt werden. Demnach erweisen sich viele populäre Utopien - mögen sie auch von Protagonisten (und Propagandisten) der Netzentwicklung wie Gates, Negroponte oder Dertouzos stammen - als überzogen. Der heutige Betrachter wird die "Informationsgesellschaft" des Jahres 2010 trotz der "Medienrevolution" durchaus noch wiedererkennen, so jedenfalls die ganz überwiegende Einschätzung der von uns Befragten. Weniger das Tempo der Veränderung, als vielmehr die Breite der betroffenen Gesellschafts- und Alltagsbereiche sowie die Tiefe der Strukturveränderungen prägen die Sicht der internationalen Experten. So bilden sich zum Beispiel folgende Tendenzen heraus:

Einige Ergebnisse der Delphi-Studie unterscheiden sich von denen vieler anderer Prognosen durch eine gewisse Nüchternheit, die manche als Mangel an Vision empfinden mögen. Besonders deutlich wird das an zwei viel diskutierten Themenkomplexen: der Konvergenz von Personal Computer und Fernsehen sowie der Arbeitsmarktbilanz.

Unsere Untersuchungen legen nämlich den Schluss nahe, dass auch 2010 nicht die hoch integrierte Kommunikationsmaschine den Alltag prägen wird. Spracherkennung und Steuerungssysteme sowie dreidimensionale grafische Benutzeroberflächen setzen sich vermutlich erst in den Jahren nach 2010 durch. Eine erweiterte TV-Fernbedienung erlaubt zwar schon bald die individualisierte und selektive Nutzung von Informations- und Unterhaltungsangeboten, doch lassen sich auch im Jahr 2010 noch zwei typische Mediennutzungssettings unterscheiden: Die unterhaltungsorientierte Mediennutzung gleicht im Grunde der heutigen Fernsehnutzung. Interaktive Eingriffe in die narrative Dramaturgie oder die Partizipation an Game-Shows sind wenig verbreitete Ausnahmen; weiter ausdifferenziert hat sich hingegen das zielgruppenbezogene Angebot im Sinne des "Narrow-casting". Gleichwohl erfreuen sich die großen Unterhaltungs-Events, insbesondere Sportübertragungen, Shows und Spielfilme weiterhin hoher Einschaltquoten. [5]

Das bedeutet zum Beispiel: Auf absehbare Zeit werden sich trotz der - begrenzten - Zunahme von Special Interest-Programmen die Fernsehvollprogramme erhalten. Die Auflösung jeglicher Senderloyalität ist ebenso unwahrscheinlich wie der vollständige Zerfall der Öffentlichkeit.

Ebenso ernüchternd wirkt das Ergebnis, das die Beschäftigungseffekte der "Informationsgesellschaft" kurz- und mittelfristig "leicht negativ" sein werden. [6] Das widerspricht dem Pflichtpensum an Optimismus, der auf Messen wie der Cebit und der Internationalen Funkausstellung versprüht zu werden pflegt. Es ist aber durchaus plausibel, wenn man die euphorischen Prognosen über die Entwicklung des Electronic Commerce ernst nimmt: Wo der Kontakt zwischen Leistungserbringern und Leistungsnutzern übers Netz erfolgt, werden traditionelle Zwischenstufen wie Vertrieb und Handel ausgeschaltet. Electronic Banking wird also zu einer Ausdünnung der Filialstruktur der Banken führen, elektronischer Buchvertrieb wird den traditionellen Buchhandel treffen, Electronic Shopping alte Intermediäre schwächen. Dies stellt zwar keine Globalaussage über die weltweite Arbeitsplatzbilanz der neuen Online-Welt dar. Schwellenländer mit günstigen Entlohnungsstrukturen mögen mittelfristig von der Entwicklung profitieren, auch ist der Gang der Dinge "in the long run" nicht übersehbar. Für die nächsten Jahre aber sehen unsere Experten keinen Nettozuwachs von Arbeitsplätzen. Was das bei der hohen Sockelarbeitslosigkeit in vielen europäischen Gesellschaften bedeutet, wird in dieser empirischen Studie nicht über Gebühr ausgebreitet. Es ist aber unübersehbar.


Anmerkungen

[1] Förderkennzeichen 01BN801/9

[2] Für detaillierte Angaben zur Zusammensetzung des Ausgangs-Panels sowie des Rücklaufs der 1. Befragungsrunde nach Weltregion und Expertengruppe vgl. Beck, Glotz, Vogelsang 2000, S. 27-36

[3] Vgl. Beck, Glotz, Vogelsang 2000, S. 37-46

[4] Bemerkenswerte Unterschiede gab es vor allem bei den Prognosen zu Lehren und Lernen mit Computernetzen.

[5] Vgl. Beck, Glotz, Vogelsang 2000, S. 67-70

[6] Vgl. Beck, Glotz, Vogelsang 2000, S. 58-60


Bibliographische Angaben

Beck, Klaus; Glotz, Peter; Vogelsang, Gregor, 2000: Die Zukunft des Internet. Internationale Delphi-Befragung zur Entwicklung der Online-Kommunikation. Konstanz: uvk Medien


Kontakt:

Dr. Klaus Beck
Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft
Universität Leipzig
Klostergasse 5
D-04109 Leipzig
E-mail: klaus.beck@uni-erfurt.de


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Stand: 10.11.2000 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion