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Forschungszentrum Karlsruhe
Technik und Umwelt
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
TA-DATENBANK-NACHRICHTEN

Schwerpunktthema: Technikfolgenabschätzung - wohin?


TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3 / 9. Jahrgang - Oktober 2000, S. 11-13

Partizipative Technikfolgenabschätzung und technikpolitische Entscheidung - das EUROPTA-Projekt

von Fritz Gloede, ITAS

Seit das Konzept der Technikfolgenabschätzung (TA) Ende der 60er Jahre als technology assessment das Licht der Welt erblickt hatte, gehörte "Partizipation an TA" bereits zu seinen Essentials. Unterstellt man als Kernkonstellation bei TA-Prozessen ratsuchende Entscheidungsträger auf der einen und folgenabschätzende TA-Experten auf der anderen Seite, dann hieße "partizipative TA" ganz allgemein, über diese beiden Gruppen hinaus weitere Akteure aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft an den TA-Prozessen auf eine näher zu bestimmende Weise zu "beteiligen".

"Welches Schweindrl hättn's denn gern?"

Seither ist TA in westlichen Industrieländern nicht nur auf recht unterschiedliche Weise betrieben und institutionalisiert worden; auch die ggf. hierbei praktizierte "Partizipation" hat höchst heterogene Erscheinungsformen angenommen. Seitens engagierter Öffentlichkeiten und heute so genannten Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) wird Partizipation an TA bzw. an korrespondierenden technikpolitischen Entscheidungen dagegen als nach wie vor uneingelöstes Desiderat eingeklagt. (vgl. etwa Gloede 1994)

Vor diesem Hintergrund ist in der wissenschaftlichen Debatte der letzten Jahre eher unklarer geworden, was sinnvoller Weise zum begrifflichen Kernbestand von partizipativer TA gehört, welchen (möglicherweise gar konfligierenden) Zielen sie dienen soll und schließlich, welche Wirkungen oder Funktionen die praktizierten "Beteiligungsmaßnahmen" (von Beiräten zu größeren TA-Projekten bis hin zum dänischen Modell der Konsensuskonferenzen oder den Bürgerdialogen der Stuttgarter Akademie für Technikfolgenabschätzung) tatsächlich haben.

Unter Beteiligung des Danish Board of Technology, des niederländischen Rathenau-Instituts, des britischen Centre for the Study of Democracy, des österreichischen Instituts für Technikfolgen-Abschätzung, des TA-Zentrums des Schweizerischen Wissenschafts- und Technologierates sowie des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) wurde in den letzten zwei Jahren das von der EU geförderte Projekt "European Participatory Technology Assessment. Participatory Methods in Technology Assessment and Technology Decision Making (EUROPTA)" durchgeführt, das sich die Entwicklung eines theoretischen Rahmens und eines analytischen Konzepts zum Ziel gesetzt hatte, mittels derer ein internationaler empirischer Vergleich der Anwendung partizipativer TA-Methoden ermöglicht werden sollte.

"Ungleichheit" und "Unsicherheit" bei technikpolitischen Entscheidungen

Der Grundgedanke des theoretischen Rahmens besteht verkürzt gesagt darin, Technikfolgenabschätzung wie insbesondere auch diesbezügliche Partizipationsansätze auf Steuerungs- und Legitimationsprobleme moderner Industriegesellschaften zu beziehen, die ihnen nicht zuletzt aus ihrer starken Orientierung auf technische Innovation erwachsen. Maßgebliche Schlüsselworte wären hier etwa "Unsicherheit" beim Umgang mit neuen Technologien einerseits, Fragen der sozialen Gerechtigkeit und ökologischen "Nachhaltigkeit" andererseits. Dementsprechend wird die Kategorie der "Ungleichheit" (inequality) gleichrangig mit der Kategorie der "Unsicherheit" (uncertainty) behandelt. Dabei sind, so unsere Überzeugung, insbesondere auch die wechselseitigen Bezüge zwischen beiden Problematiken in ihrer Relevanz für sozialpolitische Entscheidungsprozesse zur Technikentwicklung zu berücksichtigen, die ihrerseits wesentliche Bezugspunkte für partizipative TA-Prozesse darstellen.

In der kognitiven Dimension etwa stellt sich das Problem ungleicher Berücksichtigung disparater (z. B. disziplinärer) Wahrnehmungsperspektiven bei gleichzeitig wachsendem Bewusstsein von einem gleichsam nur "provisorischen" Wahrheitsanspruch wissenschaftlicher Expertise. In der normativen Dimension ist davon auszugehen, dass neben einer Bewältigung der bekannten Pluralisierung von Wertsystemen und Interessen zugleich die Erosion übergreifender traditioneller (ehedem Vermittlung und Konsens begünstigende) Standards in Rechnung zu stellen ist. In der pragmatischen Dimension schließlich finden Funktionen partizipativer TA (pTA) ihre Bezugspunkte sowohl in der ungleichen Verteilung von Einflusschancen sozialer Akteure auf technik(folgen)bezogene Entscheidungsprozesse als auch in einer tendenziell wachsenden Erwartungsunsicherheit hinsichtlich des Verhaltens anderer Akteure, seien es nun Entscheider oder Betroffene.

Ein derartig differenzierender Zugang zu den für partizipative TA relevanten Problemlagen erlaubt es erst, die unterschiedlichen Fokussierungen in den verschiedenen Begründungsmustern von Partizipations-Proponenten (z. B. Entscheidungsrationalisierung, Demokratisierung, Initiierung gesellschaftlicher Lernprozesse) zu erkennen, die sich ihrerseits in konfligierenden Teilnehmererwartungen niederschlagen können.

Wie lassen sich "Äpfel" und "Birnen" vergleichen?

In der analytischen Dimensionierung der vergleichenden empirischen Untersuchung des EUROPTA-Projektes wird daher generell unterschieden zwischen dem allgemeinen gesellschaftlichen Hintergrund der betrachteten partizipatorischen Verfahren (z. B die Struktur des jeweiligen "Innovationssystems", die historische Entwicklung der betroffenen Technikkontroverse etc.), dem institutionellen Kontext der pTA durchführenden Organisation (ihre Einbettung in staatliche oder private Institutionen, ihr leitendes TA-Verständnis etc.) sowie schließlich dem konkreten partizipativen TA-Arrangement selbst (Wertorientierungen und Ziele der beteiligten Akteure; Charakteristika des maßgeblichen Verfahrenstyps wie etwa Konsensuskonferenzen, Diskurse, Verhandlungen; Verlauf, Ergebnisse und "Folgen" der Verfahren etc).

Mit Hilfe dieser und weiterer methodischer "Instrumente" wurden im Rahmen des EUROPTA-Projekts - wegen der Begrenztheit der zur Verfügung stehenden Zeit bzw. Mittel vornehmlich sekundäranalytisch - zwei bis drei unterschiedliche Fälle von pTA je beteiligtem Land beschrieben und diskutiert. Um auch vom jeweiligen Sujet her Vergleichsperspektiven zu eröffnen, wurde bei der Fallauswahl darauf geachtet, dass mindestens ein Verfahren pro Nation dem Typ der Konsensuskonferenz (bzw. den zumindest bedingt vergleichbaren Bürgerforen) entspricht, um den möglichen Einfluss unterschiedlicher "nationaler Politikkulturen" auf Verlauf und Ergebnisse kontrollieren zu können. Problembezogen "ergab" sich jenseits der unterschiedlichen Verfahrenskonzepte geradezu zwanglos eine anders gelagerte Vergleichbarkeit, insofern sich die Mehrheit der untersuchten Fälle dem Konfliktbereich der Gentechnik-Nutzung widmen.

Allein dieser Umstand wirft bereits ein gewisses Licht auf die Voraussetzungen und Funktionen der in Europa praktizierten TA-Partizipation - wenig strittige Einzeltechniken oder Techniklinien ziehen in der Regel wenig TA-Bemühungen und noch weniger Beteiligungsmaßnahmen auf sich, obwohl daraus keineswegs der Schluss gezogen werden kann, dass sie in ihren sozialen und ökologischen Folgen unproblematisch seien.

Lessons learned?

Die vergleichenden Auswertungen der Fallstudien beziehen sich selektiv auf fünf wesentliche Fragestellungen zu den Voraussetzungen und Folgen partizipativer TA:

Das EUROPTA-Projekt, dessen Abschlussbericht demnächst unter der Internetadresse http://www.tekno.dk/europta/ verfügbar sein wird, kommt nicht nur zu dementsprechend gegliederten analytischen Schlussfolgerungen, sondern spricht auch eine Reihe von praktischen Empfehlungen aus, die für (potenzielle) Organisatoren von pTA, aber auch für pTA erwägende Entscheidungsträger interessant sein sollten.

Zu den eher analytischen Schlussfolgerungen gehört nicht zuletzt, dass partizipativen TA-Verfahren entgegen vielfach geäußerten Befürchtungen wie Hoffnungen kein Potenzial für eine Veränderung von Macht- und Entscheidungsstrukturen in repräsentativen Demokratien zukommt. Vielmehr legen die untersuchten Fälle nahe, die primäre Funktion von pTA in der kommunikativen Vermittlung zwischen institutionellen (staatlichen) Entscheidungsstrukturen und Bürgern (bzw. der "civil society") zu sehen.

Recht evident scheint ferner, dass die Einführung von Formen partizipativer TA-Verfahren trotz unterschiedlicher nationaler politischer Kulturen generell recht erfolgreich verläuft. Die Ausbreitung insbesondere des Typus der Konsensus-Konferenzen ist auch außerhalb Europas - von Kanada bis Korea - unübersehbar.

Bei den praktischen Empfehlungen, die sich aus den durchgeführten Untersuchungen nahe legen, ist einmal das Votum für die Unabhängigkeit und Professionalisierung der pTA durchführenden Organisationen hervorzuheben. Dazu gehört es, die bereits andernorts erarbeiteten Methoden und ausgewerteten Erfahrungen zu nutzen.

Des weiteren sollten, so lautet ein zweites Votum, die Erwartungen auf Seiten aller Beteiligter "realistisch" bleiben und sich vornehmlich auf solche Ergebnisse richten, die als spezifisch für solche Verfahren angesehen werden müssen: nämlich Verbesserungen kognitiver und kommunikativer Art.

Der Abschlussbericht des EUROPTA-Projekts wird zusammen mit Kurzfassungen aller Fallstudien sowie Dokumentationen der verwendeten Forschungsinstrumente neben der Internet-Veröffentlichung auch als Buch publiziert werden.


Literatur

F. Gloede, 1994: Technikpolitik, Technikfolgenabschätzung und Partizipation. In: G. Bechmann, Th. Petermann (Hrsg.): Interdisziplinäre Technikforschung: Genese, Folgen, Diskurs. Frankfurt: Campus, S. 147-182


Kontakt:
Fritz Gloede
Forschungszentrum Karlsruhe
Institut für Technikfolgenabschätzung
und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
D-76021 Karlsruhe
   oder
Hermann-von-Helmholtz-Platz 1
D-76344 Eggenstein-Leopoldshafen
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 23979
Fax: +49 (0) 721 / 608 - 24806

E-mail: gloede@itas.fzk.de
Internet: Homepage von Fritz Gloede


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Stand: 10.11.2000 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion