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Forschungszentrum Karlsruhe
Technik und Umwelt
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
TA-DATENBANK-NACHRICHTEN

Neues aus ITAS


TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3 / 9. Jahrgang - Oktober 2000, S. 147-148

Doktoranden-Projekt: "Historische Entwicklung der Systemanalyse"

Seit dem 1. Juni 2000 gibt es am ITAS ein neues Doktoranden-Projekt. Im Rahmen des Projektes wird eine Dissertation erarbeitet, deren Thema die Entwicklung von Systemforschung und wissenschaftlicher Politikberatung in der Bundesrepublik Deutschland an einem konkreten Beispiel ist: der Heidelberger "Studiengruppe für Systemforschung" (SfS). Ihr Gründer - Prof. Helmut Krauch - hielt im April im ITAS einen Vortrag zur Entstehung der Studiengruppe.

Ziel der Forschungsarbeit ist es, die Entwicklung der Systemforschung als wissenschaftliche Disziplin, ihren möglichen Beitrag als wissenschaftliches Instrumentarium zur Politikberatung und die praktische Vermittlung ihrer Ergebnisse an die Öffentlichkeit zu untersuchen. Ihre Funktion und politische Bedeutung im Untersuchungszeitraum von 1958 bis in die 1970er Jahre soll analysiert und in einen größeren historischen Kontext gestellt werden.

Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen zeitliche und konzeptionelle Entwicklung, Aufgaben und Ziele der Heidelberger Studiengruppe für Systemforschung. Deren erklärtes Ziel war es, mit Hilfe der noch jungen wissenschaftlichen Disziplinen auf dem Gebiet der Systemforschung Entwicklungsmodelle zu erarbeiten, die zur Demokratisierung wissenschafts- und forschungspolitischer Entscheidungen beitragen sollten. Probleme von Wissenschaftsorganisation und Forschungspolitik, hieß es, könnten nur gelöst werden, wenn eine pragmatische, praxisbezogene Fortschrittsplanung in aufklärerischer Funktion im Interesse der gesamten Gesellschaft erfolge und der öffentlichen Willensbildung unterliege. Dazu erstellte die Studiengruppe das erforderliche Informationsmaterial in Form von Studien und Prognosen. Für ihren Ansatz eines interdisziplinären und ganzheitlichen Vorgehens zur Bewertung komplexer Technologien, für Planung, Entwicklung, und vor allem der Information der Öffentlichkeit über die Zusammenhänge zwischen Forschung, Technik, Industrie und Rüstung erhielt die Studiengruppe wesentliche Impulse aus den USA. Dort seit dem II. Weltkrieg entwickelte neue Wissenschaften, wie z.B. Operations Research, Kybernetik und Spiel- oder Entscheidungstheorie, sollen im Rahmen der Dissertation deshalb skizziert werden. Bedeutsam für eine zeitgeschichtliche Strukturanalyse sind aber auch historisch-politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Voraussetzungen und Zusammenhänge als Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Systemforschung in Deutschland: Die Organisation von Forschungspolitik und Forschungsförderung, auf die sich das Interesse der Studiengruppe richtete, orientierte sich in der frühen Bundesrepublik überwiegend an militärischen und machtpolitischen Gesichtspunkten. Die Entwicklung der Atomenergie und technologische Großprojekte in der Luft- und Raumfahrtforschung stellten jedoch ganz neue Anforderungen für die Lösung komplexer organisatorischer und technischer Aufgaben. Darüber hinaus wurde unter Wissenschaftlern die Notwendigkeit einer Demokratisierung der Forschung als Voraussetzung für ihre Anpassung an spezifisch gesellschaftliche Bedürfnisse diskutiert.

Auch die Bedeutung geisteswissenschaftlicher und wissenschaftstheoretischer Grundlagen der Systemforschung soll untersucht werden. Diskussionen der neueren sozialwissenschaftlichen Theorie um Begriff und Konzept des "Systems" gehören ebenso dazu wie der historische Rückblick auf Beziehungen zwischen Wissenschaft und Staat seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Dieser Rückblick ist eng an die Frage nach dem wissenschaftlichen und gesellschaftspolitischen Selbstverständnis der Mitglieder der Studiengruppe geknüpft, nach Kontinuitäten oder Diskontinuitäten im Denken wissenschaftlich-technischer Intelligenz während mehrerer politischer und gesellschaftlicher Umbrüche vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik Deutschland.

Für die Untersuchung werden Interviews mit ehemaligen Mitgliedern der Studiengruppe geführt und Archivmaterial bearbeitet. Der Bestand umfasst umfangreiche Korrespondenz der SfS, veröffentlichte und nichtveröffentlichte Studien und die Umsetzung von Konzepten und Modellen in den Medien. Das auf drei Jahre angelegte Doktoranden-Projekt soll damit einen wissenschafts- und institutionengeschichtlichen Beitrag leisten, der in historischer Perspektive die forschungspolitische Situation der frühen Bundesrepublik Deutschland erhellt.


Kontakt:
Andrea Brinckmann
Forschungszentrum Karlsruhe
Institut für Technikfolgenabschätzung
und Systemanalyse (ITAS)
Postfach 3640
D-76021 Karlsruhe
   oder
Hermann-von-Helmholtz-Platz 1
D-76344 Eggenstein-Leopoldshafen
Tel.: +49 (0) 721 / 608 - 24792
Fax: +49 (0) 721 / 608 - 24806

E-mail: brinckmann@itas.fzk.de


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Stand: 13.11.2000 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion