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Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
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TA-DATENBANK-NACHRICHTEN |
von Peter Muheim, Luzern, und Ernst Reinhardt, Zürich
Das in der Schweiz sehr erfolgreiche CarSharing erweist sich zunehmend als Schlüssel zur "Kombinierten Mobilität". CarSharing als Alternative zum Autobesitz fördert den wesensgerechten Verkehrsmitteleinsatz und stärkt damit in erster Linie den öffentlichen Verkehr. Dieser profitiert durch eine insgesamt stärkere Nachfrage und kann ganz konkret mehr und höher preisige Abonnements- und Netzkarten absetzen. Die derzeit rund 36.000 Kunden von "Mobility CarSharing Schweiz" geben jährlich rund 42 Millionen Franken für ÖV-Abonnemente aus - 4.7 Millionen Franken mehr als noch vor ihrem Beitritt. Bei voller Ausschöpfung des schweizerischen Interessentenpotenzials verspricht CarSharing dem öffentlichen Verkehr über 300 Millionen Franken zusätzliche Abonnementseinnahmen pro Jahr.
Das moderne CarSharing wurde 1987 in der Schweiz geboren und entwickelte sich in der Folge schnell zu einer immer kundenfreundlicheren und attraktiveren Mobilitätsdienstleistung. Der weltweite Marktleader "Mobility CarSharing Schweiz" bietet die dezentrale Automiete auf Stundenbasis per November 2000 an über 800 Standorten in mehr als 350 Gemeinden landesweit und weitgehend flächendeckend an. Den rund 36.000 Kunden stehen 1.400 Mobility-Autos in Selbstbedienung rund um die Uhr zur Verfügung. Reservieren, fahren, bezahlen : So einfach ist
Mobility CarSharing - das Auto auf Abruf!
( http://www.mobility.ch/ )
Abb. 1: Dynamische Kundenentwicklung im schweizerischen CarSharing
In engen Partnerschaften mit regionalen und nationalen Verkehrsbetrieben werden neuartige Mobilitätsdienstleistungen erbracht, indem die Angebote des öffentlichen Verkehrs zum Nutzen der Kunden mit autobezogenen Dienstleistungen kombiniert werden. Mit dem Produkt "züri mobil" besteht die Zusammenarbeit mit den Verkehrsbetrieben Zürich VBZ und dem Autovermieter Europcar. Auf nationaler Ebene kooperiert "Mobility CarSharing Schweiz" mit den Schweizerischen Bundesbahnen SBB und dem Autovermieter Hertz.
Die 1998 von "Mobility CarSharing Schweiz", den Schweizerischen Bundesbahnen SBB und Energie 2000 gemeinsam lancierte "Mobility Rail Card 444" erschließt ihren Käufern für 444 Franken während zwei Jahren zugleich den öffentlichen Verkehr zum halben Preis und den Zugriff auf alle CarSharing-Autos. Hertz-Mietwagen können im Inland mit 30 % Rabatt gemietet werden. Damit wird die Kombinierte Mobilität erstmals landesweit angeboten.
Energie 2000 ist ein staatliches Aktionsprogramm zur Senkung des Energieverbrauchs und Steigerung der Energieeffizienz. Das Ressort Treibstoffe von Energie 2000 fördert seit 1992 mit gezielten Einzelprojekten die Professionalisierung des CarSharings. Im Rahmen der Evaluation dieser praxisorientierten Förderung sind 1997/98 die Wirkungen von CarSharing und sein Kundenpotenzial für die Schweiz untersucht worden (Bundesamt für Energie 2000). In diese bislang breiteste CarSharing-Befragung sind 100 Interessenten, 690 heutige und 100 ehemalige Kunden einbezogen und während 20 bis 30 Minuten telefonisch interviewt worden. Mittels Computer Assisted Personal Interviews (CAPI) wurden soziodemografische Merkmale, die Mobilitätsvoraussetzungen und das Mobilitätsverhalten (nötigenfalls für bis zu drei unterschiedliche Lebensphasen), die Kundenzufriedenheit sowie Meinungen und Einschätzungen zu mobilitätsrelevanten Angeboten, Akteuren und Problemstellungen erfragt.
Zusätzlich wurde in einer zweistufigen Befragung das Kundenpotenzial ermittelt. Im vorgeschalteten Screening sind in einer repräsentativen Befragung unter 3.151 erwachsenen Personen in der Deutsch- und Westschweiz 1.106 potenzielle Kunden herausgefiltert worden. Als potenzielle Kunden gelten Personen, deren CarSharing-Teilnahme keine offensichtlichen objektiven Gründe entgegenstehen. Solche Gründe sind: Eine ländliche, abgelegene Wohnlage, fehlender Führerschein oder - für Autopendler - das Fehlen einer zumutbaren ÖV-Alternative. Als zumutbar gilt ein um maximal 30 Minuten längerer täglicher Arbeitsweg. Aus den so ermittelten 1.106 potenziellen Kunden sind 340 Personen in die vertiefte Telefonbefragung einbezogen worden.
Soll ein bestehendes und im Markt bereits erfolgreich eingeführtes Mobilitätsangebot, wie das CarSharing in der Schweiz, untersucht werden, sind Methoden nötig, mit denen ex post ein früheres Verhalten mit dem gegenwärtigen verglichen werden kann. Die üblicherweise angewendeten tagesbezogenen Mobilitätserhebungen erweisen sich dafür ebenfalls als ungeeignet. Es ist für die Befragten schlicht unmöglich, sich an ihr Mobilitätsverhalten eines bestimmten Tages zu erinnern, wenn dieser Tag bereits Monate oder gar Jahre zurückliegt.
Abb. 2: Reziprokes Mobilitätsverhalten der CarSharer
Der öffentliche Verkehr bildet das Mobilitätsrückgrat von CarSharing-Kunden. Er wird von ihnen für zwei Drittel aller Distanzen eingesetzt. Dabei fällt die um knapp ein Viertel, von 53 % auf 65 % vergrößerte ÖV-Nachfrage weniger im Pendlerverkehr an, sondern primär für Freizeit- und Geschäftsfahrten. Da diese Fahrten überwiegend außerhalb der Stoßzeiten stattfinden, kann die gesteigerte Nachfrage vom öffentlichen Verkehr problemlos bewältigt werden.
Das Mobilitätsverhalten vormaliger Autobesitzer gleicht sich mit dem CarSharing-Beitritt stark demjenigen von Personen ohne Autoverfügbarkeit an. Während CarSharing-Kunden und Personen ohne Autoverfügbarkeit in ihrem Mobilitätsverhalten also ganz ähnlich sind, ergeben sich zu Personen mit voller Autoverfügbarkeit sehr große Unterschiede.
Abb. 3: Autoaufgebende CarSharer gleichen ihr Verhalten stark Autolosen an
Auf der anderen Seite sind die mit der scheinbar unaufhaltsamen Zunahme von Autobestand und Autofahrleistung einhergehenden Probleme unübersehbar. Luftverschmutzung, Klimaerwärmung, Ressourcenverbrauch, Unfälle, Lärm und Deurbanisation lassen mehr als nur Zweifel an der Nachhaltigkeit einer weltweiten Automobilität nach westlichem Vorbild aufkommen. Zunehmend verkehrt sich auch die Automobilität selber in ihr pures Gegenteil: Gefangen in immer längeren Staus verwandelt sich das Versprechen des Automobils nach unbegrenzter Mobilität mehr und mehr ins Absurde.
Die gemeinsame Lancierung der Kombinierten Mobilität durch Mobility CarSharing Schweiz, die Schweizerischen Bundesbahnen SBB und Energie 2000 erfolgte am 1. September 1998. Innert den ersten sechs Monaten haben bereits 5.000 Personen das neue Angebot erworben. Damit ist diese Kampagne die bislang erfolgreichste CarSharing-Promotion überhaupt. Von den Käufern hat sich mit 35 % die größte Gruppe für die Kombination von SBB-Generalabonnement und CarSharing entschieden. Mit dem SBB-Generalabonnement wird das unentgeltliche Benützungsrecht für die allermeisten ÖV- und ÖPNV-Angebote in der Schweiz erworben. Während also jede Fahrt mit Bahnen, Bussen oder Schiffen ohne weitere Ausgaben möglich ist, werden für jede CarSharing-Nutzung die vollen Kosten in Rechnung gestellt. Zusätzlich sind CarSharing-Autos vorgängig zu reservieren und müssen an den in durchschnittlich knapp 10 Minuten entfernten Standorten abgeholt und anschließend wieder dorthin zurückgebracht werden. Komfort, Spontaneität, Zeitaufwand und Kosten lassen für CarSharer den öffentlichen Verkehr, das Fahrrad oder einen kurzen Weg zu Fuß oft attraktiver als die Autonutzung erscheinen. Die ganze Verkehrsmittelpalette kommt entsprechend den jeweiligen Vorteilen zum Zug. Die tagtägliche Autoeinfalt weicht einer wesensgerechten Verkehrsmittelvielfalt.
Quelle: Energie 2000 / Muheim 1998
Abb. 4: Vielfältige und wesensgerechte Verkehrsmittelnutzung durch CarSharer
Dabei profitieren nicht nur die Anbieter der Kombinierten Mobilität, auch die Kunden selber sparen mit dem Umstieg vom unimodalen Privatautogebrauch zum multimodalen Verkehrsmitteleinsatz rund 600 Franken pro Monat. Die darüber hinaus vom Privatauto auf andere Angebote umgelenkten Geldströme ermöglichen ihre zunehmend attraktivere Ausgestaltung. Etwa ein verdichtetes und flexibilisiertes CarSharing-Angebot: Landesweit flächendeckend, Oneway-Fahrten, Openend-Buchung und anderes mehr. Auch beim öffentlichen Verkehr können einst aufgegebene Linien wieder neu in Betrieb genommen, Taktangebote eingeführt oder weiter verdichtet werden. Damit verbessert sich die Konkurrenzsituation der Kombinierten Mobilität gegenüber dem Privatauto laufend - die Teufelsspirale, welche in der Vergangenheit zum stetigen Abbau des öffentlichen Verkehrs geführt hat, wird nicht nur gestoppt, sondern dreht sich nach und nach in Gegenrichtung. Die Kombinierte Mobilität ist ein erfolgversprechender Weg hin zur einer nachhaltigeren Mobilität - CarSharing ist der Schlüssel dazu.
Bundesamt für Statistik (Hrsg.), 1996: Verkehrsverhalten in der Schweiz 1994. Bern
IFA-Nürtingen und RWI-Essen; Frick, S. et al., 1998: Marktchancen für das Kfz-Gewerbe durch ökoeffiziente Dienstleistungen. Nürtingen und Essen
Ernst Reinhardt (Energie 2000, Leiter Ressort Treibstoffe)
ecoprocess
Leonhardshalde 21
CH-8001 Zürich
E-Mail:
ernst.reinhardt@ecoprocess.ch
Internet: http://www.energie2000.ch