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Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
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TA-DATENBANK-NACHRICHTEN |
Armin Grunwald hat in seinem Beitrag "TA - Politikberatung oder Unternehmensberatung? Anmerkungen zu einer aktuellen Diskussion" zwei Fragen an die WHU-Studie (Weber et al. 1999) gestellt. Diese möchten wir im folgenden beantworten.
Bereits an dieser frühen Stelle der Analyse von Weber et al. löst sich so der angebliche Widerspruch in einer differenzierten Betrachtung des Zusammenspiels von Koordinationsmechanismen auf. Im weiteren Gang ihrer Argumentation beantworten Weber et al. die genannten Fragestellungen und leiten aus ihrer ökonomischen Perspektive Handlungsempfehlungen ab, die sie wie folgt zusammenfassen:
Die WHU-Studie liefert übrigens nicht den ersten Hinweis auf Koordinationsmängel in der TA-Community. Bereits 1990 weist der Nestor der deutschen Betriebswirtschaftslehre, Horst Albach, in einem (auch von der WHU-Studie zitierten) Gutachten auf gravierende "Organisationsdefizite" der deutschen TA-Landschaft hin (vgl. Albach 1991, S. 115). Das Problem erscheint jedoch im Kern auch heute noch nicht gelöst zu sein - eine Tatsache, die Weber et al. als Indiz für mangelnde Lern- und Adaptationsfähigkeit werten (a. a. O., S. 175).
Verwundert hat uns die Feststellung von Grunwald, dass laut WHU-Studie in der TA "die Themen oft nicht wohldefiniert sind, die Konzepte keinen Standards gehorchen und die Methoden kontrovers sind." (Grunwald 2000, S. 133). Diese Feststellung findet sich so in der WHU-Studie nicht. Vielmehr referieren wir Renate Mayntz, nach der die Umsetzung der TA-Ergebnisse in den seltensten Fällen an inhaltlichen und ggf. methodischen Schwächen der Analyse scheitert, sondern viel häufiger an der unzureichenden Kopplung mit der politischen Willensbildung und -durchsetzung (vgl. Weber et al. 1999, S. 119 und Mayntz 1986, S. 193f.). Politisch effektiv ist, so Mayntz, was der Machtgewinnung und -erhaltung dient. Es geht um Konsenssuche, weniger um Problemlösung. Weitere Determinanten politischen Handelns im Sinne von kurzfristiger Umsetzung empfohlener Maßnahmen seien finanzielle Zwänge oder ein entsprechender Leidensdruck bzw. Krisenfall: "Tendenziell wird TA deshalb oft politisch instrumentalisiert, d. h. daß sie, anstatt Grundlage für Entscheidungen zu sein, zur Rechtfertigung von Entscheidungen oder auch Nicht-Entscheidungen genutzt wird." (Mayntz 1991, S. 59f.). Im Ergebnis konnte "TA bisher nur bei wenigen signifikanten technologiepolitischen Entscheidungen einen - dem selbstgesteckten Anspruch des Konzepts angemessenen - effektiven Beitrag leisten" (Weber et al. 1999, S. 117). Folgt man dieser Einschätzung, geht die Grunwald'sche Verortung der TA "im Zentrum der gesellschaftlichen Zukunftsdiskussion" (Grunwald 2000, S. 133) - leider - an der Realität vorbei.
Ziel der WHU-Studie war nun, einen möglichen Ansatzpunkt zur Lösung dieses Problems darzustellen. Entsprechend formulieren Weber et al.: "Wir wollen ... zeigen, wie eine effiziente Umsetzung der ‚Brückenfunktion' gelingen kann, wenn die Interaktion des TA-Beraters mit seinem politischen Klienten konsequent als Beratungsverhältnis interpretiert wird." (Weber et al. 1999, S. 120). Damit leitet aber auch die von Grunwald gestellte Frage "Unternehmensberatung oder gesellschaftliche Gestaltung der Zukunft" in die Irre. Wer an der Gestaltung der Zukunft mitwirken will, darf die enge Interaktion mit Politik und Unternehmen nicht scheuen.
Folgt man dem Ansatz, ergibt sich ein Verständnis der TA als Rationalitätssicherung in der Technologiepolitik, die von TA-Berater und Politiker gemeinsam geleistet wird. Eine solche Sicht kann an einer ganzen Reihe von Literaturbeiträgen verschiedener Disziplinen anknüpfen, die den Anspruch von TA formulieren, Entscheidungen zu rationalisieren (vgl. Zahn 1993, Sp. 4144; Mayntz 1986, S. 183 und Gethmann 1999, S. 6). Die WHU-Studie versucht diesen Gedanken weiter zu entwickeln und leitet erste Lösungsansätze für TA und Qualifikationsanforderungen für TA-Berater ab (vgl. a. a. O., S. 138ff.). Wer sich die Mühe macht, diese Vorschläge zu lesen, wird darin kaum den gedankenlosen Transfer eines mit "standardisierten Konzepten" arbeitenden und auf "(mehr oder weniger) kurzfristige Shareholdervalue-Maximierung" (Grunwald 1999, S. 133f.) zielenden (Zerr-)Bilds strategischer Unternehmensberatung auf die TA-Community erkennen können.
Grunwald schließt seinen Beitrag mit den Worten: "Es ist sicher in einigen Fällen reizvoll und durchaus lehrreich, über das Verhältnis von Unternehmensberatung und TA nachzudenken; eine simple Überstülpung von der einen auf die andere Seite geht jedoch am Kern von TA komplett vorbei." (S. 134) Wer würde dem widersprechen? Bleibt nur zu wünschen, dass dieser (von der WHU-Studie ja gerade intendierte) Prozess des Nachdenkens auch stattfindet und sich die Reaktion auf die Analogie zu strategischer Unternehmensberatung nicht in Effekthascherei und defensiven Reflexen erschöpft.
Ein Ziel der WHU Studie war es, die Diskussion über die Zukunft von TA zu beleben. Wenn wir ein klein wenig zu der im letzten Jahr zu beobachtenden Öffnung gegenüber Unternehmen und zur Verstärkung des institutsübergreifenden Dialogs beitragen konnten, hat die WHU-Studie in unseren Augen ihren Zweck bereits weitgehend erfüllt. Das von Grunwald vorgeschlagene Diskussionsforum "TA und Industrie" und die vom BMBF angeregte Workshop-Reihe scheinen uns vielsprechende Zeichen für eine zunehmende Öffnung weiter Teile der TA-Landschaft zu sein. Diese Öffnung ist unseres Erachtens notwendig, wenn die TA-Community ihr Potenzial effektiver als bislang in die gesellschaftliche Gestaltung der Zukunft einbringen will.
Gethmann, C.F., 1999: Rationale Technikfolgenbeurteilung. In: Grunwald, A. (Hrsg.): Rationale Technikfolgenbeurteilung. Konzeption und methodische Grundlagen. Berlin et al., S. 1-10.
Grunwald, A., 2000: TA - Politikberatung oder Unternehmensberatung? Anmerkungen zu einer aktuellen Diskussion. In: TA-Datenbank-Nachrichten, 9. Jahrgang, Nr.3/2000, S. 132-138.
Mayntz, R., 1986: Lernprozesse: Probleme der Akzeptanz von TA bei politischen Entscheidungsträgern. In: Dierkes, M.; Petermann, T.; Thienen, V. von (Hrsg.): Technik und Parlament - Technikfolgenabschätzung: Konzepte, Erfahrungen, Chancen, Berlin, S. 183-204.
Schäffer, U.; Hoffmann, D., 1999: TA als Bestandteil strategischer Planung und Kontrolle. In: Bröchler, S.; Simonis, G.; Sundermann, K. (Hrsg.): Handbuch Technikfolgenabschätzung, Band 1, Berlin, S. 363-370.
Weber, J.; Schäffer, U.; Hoffmann, D.; Kehrmann, T., 1999: Technology Assessment - Eine Managementperspektive. Bestandsaufnahme, Analyse, Handlungsempfehlungen. Wiesbaden: Gabler 1999.
Zahn, E., 1993: Technikfolgen-Abschätzung. In: Wittmann, W. et al. (Hrsg.): Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, 5. Auflage, Stuttgart, Sp. 4143-4154.