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Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
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TA-DATENBANK-NACHRICHTEN |
Vorbemerkungen
Die Verfasser dieser Rezension müssen voran schicken, dass die nachfolgende Besprechung vielleicht deshalb etwas kritischer ausgefallen ist, weil sie sich als "praktizierende" Technikfolgenabschätzer und insbesondere als Autoren einer der von Nicole Karafyllis ausgewerteten Studien (AFAS-Studie, 1993 - siehe Kasten) direkt angesprochen fühlten. Nachfolgende Ausführungen konzentrieren sich folglich v. a. darauf, einerseits die externe Sichtweise und Wertungen der Autorin mit den tatsächlichen Hintergründen, der Vorgehensweise und den Ergebnisse der angeführten AFAS-Studie in Abgleich zu bringen. Andererseits wird auf die Unterschiede zwischen den aufgestellten hohen methodischen Anforderungen auf der Metaebene und den eigenen Erfahrungen mit der praktischen Durchführbarkeit von Technikbewertungen zu Nachwachsenden Rohstoffen (NR) eingegangen.
Nicole Karafyllis stellt die Analyse von verschiedenen Technikfolgenabschätzungen und weiterführenden Studien zum Thema "Energie aus NR/Biomasse" in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Dabei sollten in erster Linie die Motive aufgespürt werden, die den expliziten und impliziten Empfehlungen der Studien zugrunde liegen (S. 48). Weiterhin sollten die Motive auf ihre Legitimierbarkeit hin überprüft werden. Hierbei wurde ein Schwerpunkt auf den Gesichtspunkt der ökologischen Nachhaltigkeit gelegt. Analysiert wurde insbesondere die Frage, inwieweit die untersuchten Studien durch die Leitbilder Wachstum und Nachhaltigkeit geprägt sind, wie diese Prägungen entstanden sind und zu welchen Konsequenzen dies für die Technikfolgenabschätzung allgemein, und die zu NR insbesondere, führt. Dies wird von der Autorin als "Metaanalyse" der vorliegenden Technikfolgenabschätzungen eingestuft. Sie soll eine Orientierungshilfe darstellen, aber keine fertigen oder allgemeingültigen Antworten liefern. Von zentraler Bedeutung war hierbei die Beantwortung der Frage, welche Zwecke mit Nachwachsenden Rohstoffen insbesondere im Energiebereich verfolgt werden. Darüber hinaus soll hierdurch ein Beitrag zur methodischen Verbesserung der Technikfolgenabschätzung geleistet werden.
| Jahr | Institution / Autor | Titel |
|---|---|---|
| 1992 |
Österreichische Akademie der Wissenschaften (Projektleitung: S. Alber) |
Technikbewertung erneuerbarer Rohstoffe |
| 1993 |
TA-Akademie Baden-Württemberg (hrsg. von H. Flaig und H. Mohr) |
Energie aus Biomasse - eine Chance für die Landwirtschaft |
| 1993 |
Forschungszentrum Karlsruhe Abteilung für Angewandte Systemanalyse [AFAS, heute: ITAS] (D. Wintzer, L. Leible et al.) |
Technikfolgenabschätzung zum Thema Nachwachsende Rohstoffe |
| 1995 |
Bayerische Landesanstalt für Landtechnik (H. Hartmann und A. Strehler) |
Die Stellung der Biomasse |
| 1997 |
Institut für Energie- und Umweltforschung (G. Reinhardt) Universität Stuttgart, IER (M. Kaltschmitt) |
Nachwachsende Energieträger. Grundlagen, Verfahren, ökologische Bilanzierung |
Die Autorin beginnt zunächst mit einer Methodenreflexion zur angewandten Ethik und Technikfolgenabschätzung, stellt anschließend technische und wirtschaftliche Grundlagen bzw. Grundlagen von Wachstum und Regeneration in ihrer Relevanz für NR dar, um dann anhand der Auswertung von Studien zur energetischen Nutzung von NR/Biomasse zu untersuchen, wieweit den Leitbildern Wachstum und Nachhaltigkeit gefolgt wurde.
Abschließend wird der Versuch unternommen, über den methodischen Ansatz des kontextuellen Schalenmodells, bei der problemorientierten Technikbewertung der Energiegewinnung aus NR/Biomasse den Zugang zum Leitbild Nachhaltigkeit und somit das Analyse- und Bewertungsverfahren zu verbessern.
Um eine zusammenfassende Würdigung der Arbeit von Nicole Karafyllis gleich vorwegzunehmen: Es ist ein Verdienst dieser Untersuchung, dass der Leser dazu angeregt aber auch aufgefordert wird, die "richtigen" Fragen zu stellen und den Betrachtungshorizont (geografisch, temporär) weiter zu stecken als er dies bisher vielleicht getan hatte. Auch der Hinweis darauf, stets zu reflektieren und entsprechend offen zu legen, welche Wertbeimessungen - Leitbilder - wann und wo in eine Technikbewertung eingeflossen sind, ist richtig.
Es sind jedoch auch Kritikpunkte an der Vorgehensweise und Art der Darstellung zu nennen:
Nachfolgend werden einige Erläuterungen zu den angeführten Kritikpunkten gegeben.
Der Ansatz der Motivanalyse greift jedoch etwas kurz. Viele Leser werden dem Ansatz der Motivanalyse insoweit folgen können, dass im Nachhinein gefragt wird, inwieweit die mehr oder weniger gut erkannten Motive in einem hohen oder in einem geringen Maße mit Motiven zusammenlaufen, die dem Begriff der Nachhaltigkeit entsprechen oder nicht. Nur, wenn schon in dieser Richtung angesetzt wird, dann sollte nicht von einem mittlerweile veralteten Begriff der Nachhaltigkeit ausgegangen werden, welcher auf den ökologischen Sektor begrenzt ist, sondern von einem inzwischen erweiterten Begriff. Der erweiterte Begriff fordert nicht nur eine Beachtung der Grenzen der natürlichen Ressourcen, sondern darüber hinausgehend eine Beachtung der Grenzen der Belastbarkeit der sozialen und der ökonomischen Ressourcen. Nebenbei ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass bei begrenzten ökonomischen Ressourcen mit wirtschaftlich effizienten Maßnahmen mehr für die Umwelt getan werden kann, als bei wirtschaftlich weniger effizienten Maßnahmen. Gesichtspunkte der ökonomischen Effizienz von Maßnahmen zum Umweltschutz stehen also durchaus nicht als Gegensatz zum modernen Begriff der Nachhaltigkeit.
Die Autorin bringt Gesichtspunkte der ökonomischen Effizienz nicht direkt, wohl aber indirekt in ein Gegensatzverhältnis zum Leitbild "Nachhaltigkeit", indem sie Gesichtspunkte der Effizienz dem Leitbild "Wachstum" zuordnet, welches in einem Gegensatzverhältnis zum Leitbild Nachhaltigkeit verstanden wird. Der Begriff "Effizienz" wird somit einseitig dem Leitbild Wachstum zugeordnet. Die Aspekte Effizienz oder Suffizienz sind aber in der Diskussion zum Leitbild "Nachhaltigkeit" von zentraler Bedeutung. Es ist nicht verständlich, weshalb beispielsweise die "Dünger-Effizienz" (S. 339) mit dem Leitbild Wachstum verknüpft sein sollte. Ähnliches trifft für die in den Studien getroffene Auswahl der Pflanzenarten oder den züchterischen Fortschritt zu, die einseitig über das Kriterium Effizienz dem Leitbild Wachstum zugeordnet werden (z. B. S. 340, 344). Die Verfasser dieser Rezension können auch nicht nachvollziehen, dass speziell das Leitbild Wachstum bei der Ausarbeitung von Empfehlungen in den analysierten Studien eine besondere Rolle gespielt hat. Allerdings waren Aspekte der ökonomischen Effizienz, neben ökologischen und anderen Gesichtspunkten, bei den Bewertungen in den meisten Studien von Bedeutung.
Der von der Autorin feststellte scheinbare Denkfehler (S. 410), dass bei den betrachteten TA-Studien die Pflanzen v. a. nach der Höhe der Biomasseproduktion ausgewählt wurden, bedarf einer Richtigstellung. Die Auswahl der NR-Pflanzen wird zwar mit bestimmt von der Höhe des Biomasseertrages, entscheidend dafür, welche NR (Pflanzen) als Energieträger eingesetzt werden sollten, ist aber - nach der Einbeziehung der Vorleistungen (Dünger, Treibstoff, ...) in die Analyse der Prozessketten und der daraus abgeleiteten Netto-CO2-Minderung bzw. den damit einhergehenden Kosten ("CO2-Minderungskosten") - die "Effizienz". Die Klimawirksamkeit der mit der Pflanzenproduktion zusammenhängenden Emissionen wurde also durchaus berücksichtigt. Die Pflanzen danach auszuwählen, in welchem Grad ihre Asche auf die Fläche zurückzuführen ist, dürfte doch wohl eher ein Nebenziel bei der Bewertung von NR sein. Im übrigen führte die AFAS-Studie zu dem Resultat, dass gezielt angebaute Energiepflanzen, insbesondere Intensivkulturen, eben nicht zu den Favoriten zählen.
Dass die Flächenstillegungsverpflichtung (S. 413) das dominierende Argument für die derzeitige Förderung von "Energie aus NR/Biomasse" ist, wie von der Autorin behauptet, ist so nicht richtig. Nur in Ausnahmefällen erwächst aus der Gewährung der Flächenstilllegungsprämie ein hinreichender ökonomischer Anreiz zum Anbau von NR. Als wirtschaftlicher Anreiz bedeutsamer waren bzw. sind andere Arten der finanziellen Förderung wie Investitionsbeihilfen oder die Regelungen des Stromeinspeisungsgesetzes von 1990 - abgelöst in 2000 durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz -, die nicht nur Biomasse, sondern auch andere regenerative Energieträger fördern. Die Landwirte gelangen auch ohne Anbau von NR-Pflanzen auf diesen Flächen in den "Genuss" der Flächenstilllegungsprämie. Es lässt sich folglich aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht zwangsläufig eine Motivation für den Anbau von NR auf diesen Flächen ableiten.
Die Autorin kommt zu der Einschätzung, dass es angesichts der Übermacht der ökonomisch motivierten Herangehensweise des Agrarkontextes momentan aussichtslos erscheint, dass die NR-Technik dem gesamten Agrarbereich zu mehr Nachhaltigkeit verhelfen kann (S. 414). Dies wurde wohl auch in keiner der Studien in Aussicht gestellt.
Unter dem Leitbild "Nachhaltigkeit" müssten sicherlich die internationalen Wechselbeziehungen, nicht zuletzt unter dem Aspekt "Gerechtigkeit", stärkere Beachtung finden. Wieweit sich hierdurch die Abschätzung und Bewertung der Chancen und Risiken der energetischen, aber auch stofflichen Nutzung von NR aus nationaler Sicht eventuell ändern könnten, wäre genauer zu prüfen. Die Operationalisierung einer solchen TA-Studie würde sicherlich zu deutlichen pragmatischen Vereinfachungen zwingen.
Hierfür sind im Zusammenhang mit der Beschreibung ihres entwickelten kontextuellen Schalenmodells zur problemorientierten Technikbewertung nachfolgende Beispiele bezeichnend:
Bezeichnend für die Verknüpfung vieler abstrakter Begriffe auf der Metaebene, weit entfernt von der für eine Umsetzung in einer Technikbewertung nötigen operablen Ebene, ist die nachfolgende Passage (S. 340):
In diesem Zusammenhang ist es prinzipiell von Vorteil, an Studien mitgearbeitet zu haben, die sich nicht nur mit methodischen Fragen der Technikbewertung oder Nachhaltigkeit auseinandersetzen, sondern diese Methodik bzw. Leitbilder auf konkrete Problemstellungen übertragen. Jeder, der an solchen Studien mitwirkte, hat dieses Wechselbad zwischen der Diskussion des methodisch "Wünschbaren" (Theorie) und der nötigen Einengung der Vorgehensweise auf die Bearbeitung der im Zentrum stehenden Fragestellungen, und somit Konzentration auf das "Machbare", kennen gelernt.
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