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Forschungszentrum Karlsruhe Technik und Umwelt Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) |
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TA-DATENBANK-NACHRICHTEN |
Die Diskussion um Rationierung vs. Rationalisierung von Leistungen im Gesundheitswesen ist vor allem für die Ausrichtung der Gesundheitspolitik von Bedeutung. Konkrete Evaluationen haben dabei zumeist medizinische Interventionen in der Grauzone zwischen Rationierung, d. h. dem Vorenthalten wirksamer Gesundheitsleistungen, und Rationalisierung, d. h. der Eliminierung eindeutig unwirksamer Interventionen, zum Inhalt. Als Exempel dient ein Assessment zu Erythropoietin bei Tumoranämien.
Die Ergebnisse der Behandlung Tumor-induzierter Anämien mit Erythropoietin sind teilweise unbefriedigend: Nur 50 - 60 % anämischer Tumorpatienten sprechen auf EPO an. Gleichzeitig werden in Krankenanstalten und Sozialversicherungen für onkologische Indikationen zweistellige EPO-Verbrauchszuwächse verzeichnet. Ein Assessment legt nun die wissenschaftliche Basis für einen "angemessenen" Einsatz von Erythropoietin bei Tumoranämien: Es macht Aussagen zu gesichertem und fraglichem Nutzen für Tumorpatienten.
Die Ergebnisse der Behandlung renaler Anämien mit r-HuEPO (gentechnologisch hergestelltes Erythropoietin) lösten - aufgrund der guten Ergebnisse mit 80 bis 95 %-iger Respondenz - die Erwartung aus, dass die Ergebnisse der Behandlung anderer chronischer Anämien mit Erythropoietin ähnlich erfolgreich wären. Während allerdings Anämien bei chronischen Nierenerkrankungen durch einen Mangel an Erythropoietin, d. h. monokausal, bedingt sind, sind die Ursachen für Anämien bei Krebserkrankungen vielfältiger Natur. Dementsprechend sprechen nur 50 bis 60 % der Patienten mit chronischer Anämie bei Krebserkrankung auf r-HuEpo an.
Nachdem es sich bei r-HuEPO um ein sehr kostspieliges Präparat handelt, und in Österreich wie auch in den USA r-HuEPO nicht nur in einem weitaus breiteren Indikationsrahmen als in anderen westlichen Ländern zugelassen ist, sondern auch wesentlich häufiger angewendet wird, stellen die Kostenträger zunehmend den Bedarf nach Richtlinien zum Einsatz von EPO und zur Früherkennung jener 40 - 50 % der Patienten fest, die nicht auf die r-HuEPO Gabe ansprechen.
R-HuEPO wurde in Österreich in einer lokalen Registrierung - damals noch nicht EU-Mitglied - Anfang der 90er Jahre, als einem der ersten Länder weltweit, für Tumoranämien zugelassen. Entsprechend den Vorschriften für gentechnologisch hergestellte Pharmaprodukte ist eine zentrale Registrierung bei der 1994 ins Leben gerufenen EMEA (European Agency for the Evaluation of Medicinal Products) notwendig. Die EMEA schränkte bislang die weitgefasste Indikation der Tumoranämien auf Anämien bei platin-hältiger Chemotherapie ein, ließ aber im Juni 2000 EPO auch für den breiteren Indikationsbereich Chemotherapie-induzierter Anämie zu. Dieser Schritt ist durch die historische Entwicklung, nicht durch die klinischen Ergebnisse zu erklären.
Bei chronischen Nierenerkrankungen kommt es auf Grund eines Erythropoietinmangels zur Ausbildung einer renalen Anämie. Der Einsatz von gentechnologisch hergestelltem Erythropoietin ist bei chronischer Niereninsuffizienz etabliert. Im onkologischen Bereich wird Erythropoietin bei Tumoranämie bzw. bei der durch Chemotherapie induzierten Anämie eingesetzt. Ziel ist die Anhebung des Hb-Wertes und die Vermeidung von Bluttransfusionen. Der Erfolg einer Erythropoietintherapie kann durch den Anstieg des Hb- bzw. Hk-Wertes und der Erythrozytenanzahl nachgewiesen werden.
Während Erythropoietinmangel die entscheidende Ursache für die renale Anämie darstellt, sind die Ursachen der "cancer related anemia" multifaktoriell, sie sind durch die Krebserkrankung selbst und durch Chemo- und Strahlentherapie bedingt: Nur eine korrekte Anämieabklärung ist die Voraussetzung für einen gezielten und effektiven Erythropoietineinsatz.
In einer systematischen Literaturanalyse (siehe Tab. 1) wurden die großen und wichtigen EPO-Studien einer kritischen Beurteilung unterzogen. Die Ergebnisse der Synthese der wissenschaftlichen Literatur wurden in einem Expertengespräch mit Hämato-Onkologen diskutiert.
| Tab. 1: | EPO-Studien geordnet nach Autoren, Patienten und Studiendesign (Jonas, Wild 2000) |
| Autoren | Patientenzahl | Studiendesign | |
|---|---|---|---|
| 1. | Glaspy et al. 1997 | 2342 | community-based |
| Demetri et al. 1998 | 2370 | community-based | |
| Dalton et al. 1998 | 2821 | Datenerhebung | |
| 2. | Abels 1993; bzw. Henry / Abels 1994 |
413 | RCT |
| Littlewood et al. 1999, bzw. Littlewood et al. 2000 |
375 | RCT | |
| Gabrilove et al. 1999b | 302 | Controlled Trial | |
| Cascinu et al. 1994 | 211 | RCT | |
| 3. | Cazolla et al. 1995 | 146 | RCT |
| Garton et al. 1995 | 25 | RCT | |
| Del Mastro et al. 1997 | 90 | RCT | |
| Kurz et al. 1997 | 35 | RCT | |
| Tsukuda & Yuyama 1998 | 22 | Controlled Trial |
Einige Studien mit mittleren Patientenzahlen wurden und werden für die Erythropoietin-Zulassung im onkologischen Bereich verwendet (aktuell im Juni 2000 von EMEA: Littlewood et al.). Sie sind randomisiert, doppelblind und plazebokontrolliert. Bei diesen kleinen Studien stehen oft einzelne Tumorarten oder andere interessante Einzelaspekte im Blickfeld. |
Aus den vorliegenden klinischen Studien kann kein eindeutiger Unterschied in den Responderraten der einzelnen Tumorerkrankungen festgestellt werden. Nur in sehr kleinen Studien wurden verschiedene Tendenzen beobachtet. Gute Chancen auf Respondenz haben allerdings Patienten mit stabilem Krankheitsbild.
Erwiesen ist auch, dass ein gesteigerter Hb-Wert Einfluss auf die Lebensqualität anämischer Tumorpatienten hat: Durch die Erythropoietingabe wird bei Respondern ein gleichbleibender Hb-Spiegel erzielt. Dadurch wird das Kardinalsymptom der Anämie, die Fatigue, beseitigt / gelindert.
Bisher liegt kein wissenschaftlich anerkanntes Vorhersagemodell vor. Es gibt in den vorliegenden klinischen Studien kontroversielle Aussagen bezüglich bestimmter Vorhersageparameter. Im klinischen Alltag wird 4 Wochen nach Erythropoietintherapiebeginn der Hb-Wert bestimmt und so ein eventueller Therapieerfolg nachgewiesen. Der Hb-Anstieg sollte 1 g/dl betragen. Die routinemäßige Bestimmung des Erythropoietinspiegels hat sich als in der Praxis nicht relevant gezeigt.
In der ökonomischen Beurteilung stehen also der Wert des Managements von Symptomen und der Wert der Lebensqualität als legitime klinische Behandlungsansätze nicht in Frage. Kontroversiell zeichnet sich aber die Fragen ab, welche PatientInnen einen Nutzen aus der Gabe von EPO gemessen an Lebensqualitäts-Parametern (z. B. Hebung des Energie-Niveaus, funktionale Eigenständigkeit im Alltag) durch EPO haben. Die großen prospektiven (Phase III und IV) Studien zeigen, dass dieser Nutzen unabhängig von der Antwort des Patienten auf die Chemotherapie ist, aber abhängig von der Schwere und Dauer der Krankheit. Dieselben Studien zeigen aber auch, dass nur etwa 50 - 60 % der Patienten auf EPO ansprechen, also einen Nutzen daraus ziehen.
Einer der Erstautoren einer großen klinischen Studie (Phase IV) schließt seine Reflexionen mit:
Es können zwei Schlussfolgerungen gezogen werden:
Tab. 2: Erythropoietin-Kosten
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Fertigspritze (10.000 IE) 1 Packung zu 6 Stück Krankenkasse ca. 12.050.- ATS (861.- Euro)/Packung (Privat + 20 %) Krankenanstalten ca. 10.260.- ATS (733.- Euro)/Packung (Fabrikabgabepreis abz. Rabatte) Dosierung: 3x10.000 IE/ Woche d. h. 1 Monat 24.000.- ATS (1.714.- Euro) bei einer ev. Verdoppelung der Dosis 48.000.- ATS (3.428.- Euro)/Monat bei durchschnittlich 8-12 Wochen 72.000.- ATS (5.143.- Euro) jeder 2. ist Non-Responder
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Die im Assessment vorgeschlagenen (detaillierte Maßnahmen und Richtwerte) Handlungsoptionen zu Einschränkungen von Anwendungen von Erythropoietin umfassen interne Maßnahmen der Qualitätssicherung (Auditing, Richtlinien) und externe Maßnahmen der Anwendungsüberprüfung (Controlling) und betreffen intra- wie extramurale Entscheidungsträger (Spitalserhalter und Sozialversicherungen). Eine zweistufigen Vorgangsweise erscheint zweckmäßig: Beschränkung der Anwendung auf zugelassene Indikationen, sowie Zugangs- und Erfolgskontrolle bei diesen Indikationen:
Littlewood, T. J.; Rapoport, B. et al., 2000: Possible relationship of hemoglobin levels with survival in anemia cancer patients receiving chemotherapy, Asco-abstract online, http://www.asco.org/.