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TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 2 / 10. Jahrgang - Juni 2001, S. 74-77

Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften gründet interdisziplinäre Arbeitsgruppe "Gentechnologiebericht"

von Antje Bosse und Kristian Köchy, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

An der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften wurde eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht gegründet. Ziel dieses Forums ist es, die Entwicklungen der Gentechnologie in Deutschland in ihrer gesamten Breite zu verfolgen und zu dokumentieren. Die im zweijährigen Turnus zu erstellende Dokumentation soll zur Versachlichung der öffentlichen Debatte beitragen.

Rasante Entwicklungen sind in vielen Bereichen unseres alltäglichen Lebens zu verzeichnen, und alle berühren den Menschen auf besondere Weise. Verglichen mit der Telekommunikation, den Neuen Medien, der Verkehrstechnik oder der Datenverarbeitung beunruhigt jedoch gerade die Gentechnik, und das nicht erst seit der Sequenzierung des menschlichen Genoms, den Menschen in besonderem Maße. Dem Laien fachwissenschaftlich nur schwer zugänglich, greift sie in grundlegende Zusammenhänge lebender Phänomene ein und betrifft menschliches Sein und menschliches Selbstverständnis in gleicher Weise. Angesichts der neuen technischen Möglichkeiten erscheint die Erbsubstanz nicht mehr als stabiles Fundament organischen Lebens, veränderlich nur in den engen Grenzen klassischer Züchtung oder über evolutionäre Prozesse. Das genetische Material wird vielmehr der menschlichen Willkür eröffnet, wobei häufig weder die unmittelbaren noch die mittelbaren Folgen solcher Eingriffe absehbar sind. Diese möglichen Handlungsfolgen überschreiten zudem die unmittelbaren Bedingungen des Individuums, seines Lebensbereichs und seiner Lebensspanne und könnten ökosystemare Zusammenhänge oder evolutive Vorgänge beeinflussen. Schon aus diesem Grunde entziehen sich mögliche Folgen der Kontrolle des Verursachers.

Auf der anderen Seite sind jedoch das therapeutische, fachwissenschaftliche und ökonomische Potenzial der neuen Technologien unbestritten. Gentechnologie, d. h. die Anwendung rekombinanter DNA-Techniken, bietet heute bewährte Arbeitstechniken in der Grundlagenforschung, der Medizin (Diagnostik, Medikamente), der Forensik sowie in der Lifescience-Industrie. Die kontroversen öffentlichen Debatten zu Themen wie therapeutisches Klonieren, Gentests, transgene Lebewesen oder gentechnisch veränderte Nahrungsmittel bestätigen die Notwendigkeit einer gründlichen, unvoreingenommenen Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Gentechnik.

Aufgabenstellung und Organisation der Arbeitsgruppe

Angesichts der gesellschaftlichen Dimensionen der Gentechnik ist es notwendig, dass sich ihre rasante Entwicklung an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientiert. Dazu ist die umfassende Information der Öffentlichkeit und ihre Beteiligung an den weichenstellenden Entscheidungsprozessen eine leitende Maxime für Wissenschaft, Politik und Wirtschaft. Voraussetzung für die fruchtbare Umsetzung eines solchen Dialogs mit der Öffentlichkeit ist angesichts bestehender Angstszenarien und Glücksversprechen eine Versachlichung. Wünschenswert ist eine möglichst umfassend rationalisierte Grundlage der Debatte beispielsweise in Form von validen empirischen Daten, auf die sich alle an der Auseinandersetzung Beteiligten beziehen können. Aus diesem Grund hat die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) die Initiative ergriffen und mit der "Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht" eine Instanz geschaffen, deren Aufgabe es ist, den Sachstand und die sich abzeichnenden Entwicklungen auf dem Gebiet der Gentechnologie möglichst umfassend darzustellen, aufzuarbeiten und kritisch zu begleiten. Diese Arbeit soll in der Abfassung eines Gentechnologieberichtes münden, der Primärund Sekundärquellen unterschiedlicher Herkunft aufschließt, zueinander in Bezug setzt und die vorgenommenen Analysen und Bewertungen transparent macht. Der Erhebung wird kein Rahmenkonzept in Form eines philosophisch-weltanschaulichen Denkansatzes vorgegeben, sondern sie zielt auf einen unvoreingenommenen, ergebnisoffenen Diskurs. Mögliche Zielgruppen und Adressaten des Berichts sind "die Politik", betroffene Fachund Berufsverbände oder Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und nicht zuletzt die interessierte Öffentlichkeit.

Für die Umsetzung ihrer Aufgaben bringt das Monitoringprojekt zur Gentechnologie an der BBAW folgende Voraussetzungen mit: Die Beobachter vertreten in der Summe ihrer Mitglieder keine Partikularinteressen, zumindest jenseits ihres Interesses als Wissenschaftler hinaus. Sie überblicken das Gebiet möglichst weiträumig, vor allem auch über den engen Bereich der betroffenen Fachdisziplin hinaus. Interdisziplinarität, Objektivität und Kontinuität der Beobachtung sind durch die institutionelle Einbindung der Arbeitsgruppe in den Rahmen einer Akademie möglich. Denn erst im Zeitgradienten werden langfristige positive und negative Tendenzen sichtbar. Bisher gab und gibt es in unserem Lande eine Reihe von Aktivitäten, welche den Stand der Gentechnologie beschreiben. Neben Enquêtekommissionen gibt es Informationssysteme von Industrieverbänden, staatlichen Institutionen, Verbraucherverbänden, ideologisch oder parteipolitisch gebundenen Institutionen. Obwohl diese Ansätze zahlreiche relevante Einzelinformationen enthalten, auf die der Bericht zurückgreifen kann, sind sie allein nicht in der Lage, die oben genannten Kriterien insgesamt zu erfüllen.

Arbeitsweise und Schwerpunkte der Berichterstattung

Das Kernstück des zu erstellenden Berichts bildet sorgfältig recherchierte Information zu den aktuellen und wichtigen Themenfeldern der Gentechnologie. Fünf Sachgebiete werden die Gliederung des Berichts vorgeben (siehe auch Projektvorstellung im Netz http://www.bbaw.de/iag/ag_gentech):

Angesichts der Breite des Feldes wird das Monitoring-Projekt nicht mittels Erhebung von Primärdaten erfolgen, sondern es werden die zahlreichen und umfangreichen Datenquellen z. B. von Verbänden, Ministerien oder Beraterfirmen erschlossen und selektiv übernommen. Die wissenschaftliche Aufgabe des Projektes wird darin bestehen, Kriterien für die Datenauswahl und Indikatoren für deren Bewertung zu bestimmen.

Die oben genannten Bereiche werden im Hinblick auf eine Reihe von "Querschnittsdimensionen" aufgeschlossen. Mögliche Querschnittsoder Wirkungsdimensionen sind:

Natürlich sind diese Dimensionen nicht für alle Bereiche des Berichts in gleichem Maße relevant. Nicht zuletzt nach Gesichtspunkten der Aktualität werden Schwerpunkte zu setzen und Lücken zu lassen sein. Beispielsweise wird die Akzeptanz der Gentechnologie nicht unwesentlich von den Erfolgen oder Misserfolgen der Gentherapie abhängen. Und es wird ein zentrales Thema des Berichtes sein, Anzahl und Stadium der Gentherapieprojekte in unserem Land, in Grundlagenforschung und Klinik, zu dokumentieren.

Im Zentrum der organisatorischen Struktur des "Gentechnologieberichts" steht die im Sinne der Interdisziplinarität zu erweiternde Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht. Im Interesse der Arbeitsfähigkeit bleibt diese auf acht bis zehn Mitglieder der Berlin-Brandenburgischen Akademie begrenzt. Die einzelnen Sachgebiete des Berichts werden von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe betreut. Wertende Zusammenfassungen und Empfehlungen werden von der Arbeitsgruppe insgesamt erstellt. Über diese akademieinterne Struktur hinaus soll ein Netzwerk von Experten in die Arbeit des Berichtes eingebunden werden. Wo immer ein Konsens nicht erkennbar ist, soll der Dissens dokumentiert werden. Besonders in der Anfangsphase werden Workshops zur Definition der Fragestellungen und Kriterien durchgeführt, die eine sinnvolle Auswahl und Bewertung der vorhandenen Daten vorbereiten. Die Tätigkeit der Arbeitsgruppe Gentechnologiebericht wird unterstützt durch wissenschaftliche Mitarbeiter, die eine tragende Rolle bei der Erschließung von Datenund Informationsquellen und für den Kontakt zu den Experten des Netzwerkes, ferner bei der Redaktion des Berichts übernehmen. Diese Struktur soll im Ergebnis an der BBAW ein Kompetenzzentrum für Fragen der Gentechnologie etablieren. Von Beginn an will die Arbeitsgruppe die Öffentlichkeit über ihre Tätigkeit informieren und Diskussionsprozesse initiieren. Dies wird im Rahmen von Workshops, kleineren Tagungen und Vortragsveranstaltungen geschehen. Der Gentechnologiebericht soll zunächst in zweijährigem Rhythmus erstellt und sowohl als Broschüre als auch über das Internet veröffentlicht werden. Überdies sollen zu aktuellen Ereignissen, z. B. zu Klonierungen, Unfällen, unerwarteten Problemen und Gefahren, also Themen, mit denen sich die Öffentlichkeit beschäftigt, Veröffentlichungen und Stellungnahmen erarbeitet und sowohl über Pressekonferenzen als auch über das Internet an die Öffentlichkeit heran getragen werden.


Kontakt:

Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
AG Gentechnologiebericht
Fax: +49 (0) 30 / 203 70 444
Jägerstraße 22-23
D-10117 Berlin
E-Mail: info@bbaw.de
Internet: http://www.bbaw.de

Dr. Antje Bosse
Tel.: +49 (0) 30 / 203 70 625
E-Mail: bosse@bbaw.de

Kristian Köchy
Tel.: +49 (0) 30 / 203 70 626
E-Mail: koechy@bbaw.de



Stand: 25.07.2001 - Kommentare und Bemerkungen an:     Redaktion der TA-Datenbank-Nachrichten