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TA-Datenbank-Nachrichten, Nr.2, 7. Jahrgang - Juni 1998, S. 97-101

Workshop "Technikfolgenbeurteilung und Wissenschaftsethik in Ländern Mittel- und Osteuropas"

Tagungsbericht von G. Banse, Brandenburgische Technische Universität Cottbus

Zur "Halbzeit" des vom Berichterstatter als Gastwissenschaftler der Europäischen Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH mit Unterstützung durch das BMBF bearbeiteten Projekts "Technikfolgenbeurteilung und Wissenschaftsethik in Ländern Mittel- und Osteuropas" fand am 22. und 23. Januar 1998 am Sitz der Akademie ein Workshop statt, an dem rund 25 Interessierte unterschiedlicher Institutionen aus Polen, Tschechien, Ungarn und Deutschland teilnahmen (u.a. des PIAS - The Prague Institute of Advanced Studies, der Tschechischen Gesellschaft für Umwelt, des ITAS, der tschechischen und der ungarischen Botschaft, der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, des Pscherer Bildungsinstituts GmbH Lengenfeld, der Koordinierungsstelle EG der Wissenschaftsorganisationen und des Transferzentrums für angepaßte Technologien).

Ziel des Workshops war ein dreifaches: erstens, die gegenseitige Information über relevante (politische, rechtliche, ökonomische, kulturelle, ...) Rahmenbedingungen sowie über Institutionen, Projekte und (erste) Ergebnisse in den einzelnen Ländern im interessierenden Bereich, zweitens, die Beförderung der (bislang nur zögerlich) begonnenen Ausweitung des europäischen TA-Netzwerkes in Richtung auf mittel- und osteuropäische Länder, sowie drittens, die Anbahnung von bi- oder multilateralen Kooperationsbeziehungen.

Hintergrund des Projekts - und damit auch des Workshops - war die Einsicht, daß sich das Attribut "europäisch" im Namen der Akademie auf das Europa im Sinne des Europarats bezieht, nicht nur auf die Europäische Union. Zu den Aufgaben der Europäischen Akademie gehört es auch, in für die Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen relevanten Fragen Kontakte in mittel- und osteuropäische Länder aufzubauen. Diese Kontakte sollen vor allem dem wechselseitigen Transfer von Wissen und Know-how zu methodischen Fragen der Technikfolgenbeurteilung sowie der Etablierung projektbezogener wissenschaftlicher Kooperationen dienen. Derartige Aktivitäten sind geeignet, die bislang eher westeuropäisch geprägte Sicht der etablierten "TA-Community" und ihrer Netzwerke in Richtung auf interessierte Stellen in den mittel- und osteuropäischen Ländern auszuweiten.

Ausgangspunkt des Projekts waren folgende Überlegungen. Erstens: Bislang liegen in Deutschland (vor allem bezüglich möglicher Institutionen, Personen und Projekte) nur diffuse, teilweise unaktuelle Kenntnisse über das Mögliche und Realisierbare im Bereich der Technikfolgenbeurteilung in den mittel- und osteuropäischen Ländern vor (vgl. etwa Berg 1994; EPTA 1995). Mit den Transformationsprozessen der letzten zehn Jahre in Mittel- und Osteuropa sind die Möglichkeiten für Projekte im Bereich der Technikfolgenabschätzung und der (praxisorientierten) Wissenschafts- und Technikethikethik zum einen günstiger geworden, andererseits haben sie sich aber gleichzeitig verschlechtert: günstiger, da Technikfolgenabschätzung und Wissenschaftsethik als Mittel der Politikberatung in höherem Maße als bisher wissenschaftlich anerkannt, gesellschaftlich gefordert und politisch gewollt sind; verschlechtert, da sich sowohl die industriellen und finanziellen Rahmenbedingungen als auch die Situation auf dem Arbeitsmarkt in den einzelnen Ländern generell ungünstiger gestalten und damit auch die Mittel für Technisierungsprojekte vorbereitende bzw. begleitende Überlegungen im Interesse der Politikberatung und der gesellschaftlichen Entscheidungsvorbereitung (wahrscheinlich) sehr begrenzt sind. Zweitens: Im Ergebnis des vom BMBF geförderten Projekts "Transformation of the Central and East European Science Systems" wurde festgestellt, daß es geboten ist, den "sozial-kulturellen und volkswirtschaftlichen Kontext kennenzulernen und gleichzeitig in unerläßlichem Maße die historischen Eigenarten der Entwicklung der einzelnen Länder zu begreifen. ... Existierende Übereinstimmungen und Differenzen unter den Transformationsprozessen der einzelnen Länder zeugen vor allem davon, daß ein jedes Land in der Reform von Wissenschaft und Forschung seinen eigenen Weg einschlägt ..." (Filacek, Machleidt 1996, S. 9f.). Das ist mindestens ein Hinweis darauf, daß möglicherweise je eigenständige Wege gefunden und gegangen, eigenständige Lösungen ausgeprägt und eigenständige Erfahrungen gesammelt werden müssen. Das ist wohl auch ein Hinweis auf die Grenzen der Übertragbarkeit andernorts - d.h. auch unter anderen ökonomischen, politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen - generierten Wissens. Drittens: Da das Wissenschaftssystem in den Ländern Mittel- und Osteuropas in den vergangenen Jahren einem langwierigen, teilweise selbstgestalteten Transformationsprozeß unterworfen wurde bzw. ist (vgl. Mayntz, Schimank, Weingart 1995), kann davon ausgegangen werden, daß ehemals vorhandene TA-Kapazitäten zumindest noch in reduzierter (und damit auch "keimhafter") Form vorhanden sind (Know-how, Erfahrungsträger, Beratungskapazitäten, rudimentäre Strukturen). Zu berücksichtigen ist dabei die auch für Deutschland zutreffende Erkenntnis, daß nicht alles "TA" heißt, was "TA" ist, bzw., daß nicht alles "TA" ist, was "TA" heißt.

Vor diesem Hintergrund setzte das im März 1997 begonnene Projekt an, um über eine systematische und zielgerichtete Bestandsaufnahme Abhilfe zu schaffen. In einer ersten Phase wurde sich dabei bewußt auf Polen, Tschechien und Ungarn konzentriert. Das ist dadurch gerechtfertigt, daß diese Länder einerseits traditionell enge wissenschaftliche Kontakte zu Deutschland unterhalten. Andererseits sind die ausgewählten drei Länder wohl die einzigen Länder Mittel- und Osteuropas (mit Ausnahme etwa größerer GUS-Staaten), die sowohl über das Wissenschaftspotential als auch über eine technische Entwicklung verfügen, die Technikbegleitforschung möglich und notwendig macht. Weiterhin sind dies die Staaten mit den größten Aussichten auf einen EU-Beitritt, was für mögliche Kooperationen nicht unbedeutend ist.

Mit dem Workshop wurde eine erste "Zwischenbilanz" gezogen, die im Sinne seiner Zielstellung durch die Behandlung von zwei Schwerpunkten erfolgte. In seiner Eröffnung charakterisierte der Direktor der Europäischen Akademie, Herr Professor Dr. Carl-Friedrich Gethmann, den Stellenwert des Projekts im Rahmen der Tätigkeit dieser jungen Wissenschaftseinrichtung, deren Auftrag und Arbeitsweise er sodann vorstellte. Im Schwerpunkt 1 "Technikbeurteilung in Ländern Mittel- und Osteuropas. Die Situation" (Leitung: Professor Gerhard Banse) wurde die Situation in den drei interessierenden Ländern dargestellt. Für Tschechien sprachen Herr Professor Dr. Ladislav Tondl (Leiter des Zentrums für Forschungen zu Wissenschaft, Technik und Gesellschaft am Institut für Philosophie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, Prag) und Herr Professor Dr. Vladimir Voracek (Fakultät für Wirtschaft und öffentliche Verwaltung der Universität Pardubice). Professor Tondl charakterisierte die Situation im Bereich der Technikfolgenbeurteilung in Tschechien vor allem aus der Sicht der Wissenschaft. In dieser Hinsicht stellte er den Ansatz zur sozialen Technikbewertung in den Mittelpunkt seiner Darlegungen. Professor Voracek ging in seinem Beitrag vor allem auf die Ausbildung "Komplexer Auditoren" an der Universität Pardubice ein, die nach einem von der EU zertifizierten Programm multi- bzw. interdisziplinär erfolgt und die auf ein "ganzheitliches" Herangehen an industrielle Planungsprozesse (d.h. unter Einbeziehung politischer, sozialer, gesundheitlicher, ökonomischer, technischer sowie ökologischer Komponenten) zielt. Das Bild zu Tschechien wurde mit einem Statement von Herrn Dr. Peter Pechan (Präsident des PIAS) abgerundet, in dem er über die Schwierigkeiten der politisch-institutionellen Ein- bzw. Anbindung der Technikfolgenbeurteilung in Tschechien informierte.

Die Situation in Ungarn wurde durch die Herren Dr. Tamás Balogh (OMFB - Regierungsamt für technische Entwicklung, Budapest) und Professor Dr. Imre Hronszky (Lehrstuhl Philosophie und Geschichte der Wissenschaft der TU Budapest) gekennzeichnet. Gegenstand der Überlegungen von Dr. Balogh waren die aktuelle Situation und die Aufgaben der Forschungs- und Technologiepolitik. Nachdem er über Personalbestand, Ausgaben, Mittelverteilung und Felder der Technologieförderung berichtet hatte, ging er auf die wechselvolle Geschichte der Technikfolgenbeurteilung im OMFB ein. Sein Fazit war, daß es in dieser Institution gegenwärtig kaum Bemühungen um "TA" traditioneller Art, dafür jedoch um technology foresight gibt. Professor Hronszky gehört zu den Promotoren der Technikfolgenbeurteilung in Ungarn, vor allem im Wissenschaftsbereich. Aus dieser Position heraus gab er einen Überblick über Geschichte und Gegenwart der Technikbeurteilung und ähnlicher Untersuchungen in Ungarn, dabei auch auf Lehren aus der Geschichte (z.B. aus dem Projekt Donau-Staudamm), auf die Technikbeurteilung in der Studenten-Ausbildung und auf beteiligte Wissenschaftsgebiete eingehend.

Herr Professor Dr. Andrzej Kiepas (Institut für Philosophie der Schlesischen Universität Katowice) sowie Herr Professor Dr. Jan Such (Institut für Philosophie der Universität Poznan) hatten die Beiträge zu Polen übernommen. Während Professor Kiepas generell auf Technikforschung und Technikbeurteilung vor allem in der Gegenwart einging, war es das Anliegen von Professor Such, die technikphilosophischen Traditionen des Polytechnikums Szczecin (Stettin) und der Universität Poznan (Posen) vorzustellen.

Anschließend an die jeweiligen "Länderberichte" gab es jeweils die Möglichkeit für kurze An- und Nachfragen, die von den Teilnehmern intensiv zur weiteren Verbesserung der Informationslage genutzt wurden. Deutlich wurde dabei zum einen, daß in den betreffenden Ländern Aktivitäten zur Technikfolgenbeurteilung unterschiedlich stark ausgeprägt und ausgerichtet sind, daß es zweitens Angebote von Philosophen zur Mitwirkung in diesem Bereich gibt, diese drittens jedoch bei konkreten "TA-relevanten" Untersuchungen von den beteiligten Natur-, Technik- und Wirtschaftswissenschaftlern kaum angenommen werden (was nicht ohne Einfluß auf die Ergebnisse ist).

Für den Schwerpunkt II "Technikbeurteilung in Ländern Mittel- und Osteuropas. Möglichkeiten der Kooperation" (Leitung: Herr Dr. Günter Lauterbach, KOWI - Koordinierungsstelle EG der Wissenschaftsorganisationen, Bonn/Brüssel) war eine Aussprache zwischen den Teilnehmern aus den mittel- und osteuropäischen Ländern mit Vertretern deutscher und (west-)europäischer "TA"-Institutionen geplant. Zu diesem Zweck waren alle relevanten Einrichtungen und Institutionen - von europäischen "Gremien" wie dem Scientific and Technological Options Assessment Programm (STOA) des Europäischen Parlaments über Bundestag, Bundesministerien und deutsche Wissenschafts-Fördereinrichtungen bis zu "TA"-Forschungseinrichtungen und Projektträgern des BMBF - teilweise persönlich eingeladen worden; ihre Teilnahme angekündigt bzw. zugesagt hatten einige, gekommen waren leider nur wenige... (Dick Holdsworth, Leiter des STOA, hatte jedoch ein Grußschreiben an die Teilnehmer des Workshops gerichtet.) Zu Beginn dieses Schwerpunktes berichteten Herr Dr. László Molnár (Lehrstuhl für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte der TU Budapest) über "Die Lehre und Forschung der Technikethik an der TU Budapest" sowie Herr Professor Dr. Vladimir Prchlik (Präsident der Tschechischen Gesellschaft für Umwelt, Prag) über ökologische Aktivitäten in Nordböhmen, an der die Fakultät für Umweltschutz der Nordböhmischen Universität Usti n. L (Aussig a. d. Elbe) maßgeblich beteiligt ist.

Trotz der Abwesenheit zahlreicher "TA"-Institutionen gab es in der Aussprache nicht nur gezielte Nachfragen im Sinne der ersten Zielstellung, sondern - entsprechend der dritten Zielstellung - auch eine Debatte über zukünftig Mögliches und Notwendiges. Themen sollten z.B. "soziale Technikbewertung", "Technikfolgenbeurteilung und Demokratie", "komplexes Auditing" und "Informationsgesellschaft" sein. Vereinbart wurden u.a. die Unterstützung des Lehrprogramms "Komplexes Auditing" der Universität Pardubice, Wissenschaftleraustausche mit Polen, Tschechien und Ungarn sowie ein weiterer Workshop im Frühjahr 1999. Wichtig waren zudem - das belegen Meinungsäußerungen von Teilnehmer - die vielfältigen "informellen" Pausengespräche, die vom gegenseitigen Kennenlernen über den regen Informations- und Gedankenaustausch und Absprachen zum Zusenden von Publikationen bis zu gegenseitigen Einladungen reichten.

Fazit dieses Workshops ist sein Beitrag zur Verbesserung der Informationslage, zum Verständnis der jeweiligen Problemlagen und zur beginnenden Kooperation im Bereich der Technikfolgenbeurteilung. Die Vorträge des Workshops werden in der "Grauen Reihe" der Europäischen Akademie noch in diesem Halbjahr publiziert.

Literatur

Berg, I. von (1994): Technology Assessment in Europe - A Documentation of TA Research Establishments. Karlsruhe (KfK) 1994.

European Parliamentary Technology Assessment/EPTA (1995): TA in Eastern European Countries. Czech Republik, Poland, Hungary. In: EPTA Network Newsletter, Issue 11, November 1995, pp. 24-36.

Filacek, A., Machleidt, P. (eds.) (1996): Transformation of the Central and East European Science Systems. Prague Closing Workshop, December 6-8th 1996. Prag 1996.

Mayntz, R.; Schimank, U.; Weingart, P. (Hrsg.) (1995): Transformation mittel- und osteuropäischer Wissenschaftssysteme. Länderberichte. Opladen 1995.

Kontakt

Prof. Dr. Gerhard Banse
Brandenburgische Technische Universität Cottbus
Arbeitsbereich Allgemeine Technikwissenschaft
Postfach 101344, D-03013 Cottbus
Tel.: + 49 (0) 355/692135
Fax: + 49 (0) 355/693323
E-mail: banse@tu-cottbus.de
Europäische Akademie zur Erforschung von
Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen
Bad Neuenahr-Ahrweiler
Postfach 1460, D-53459 Bad Neuenahr-Ahrweiler
Tel.: + 49 (0) 2641/754300
Fax: + 49 (0) 2641/754320


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Stand: 21.08.1998 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion