von Robert Wimmer, GrAT, TU Wien
Bewertungsverfahren und unterstützende Instrumente zu ihrer Operationalisierung sind ein zentrales Anliegen, um das die Diskussion um umweltgerechte Produktgestaltung und praktikable Handlungs- und Eingriffsmöglichkeiten immer wieder kreist.
Jeder/e kennt Beispiele aus der eigenen Erfahrung oder der öffentlichen Diskussion, die sich dadurch auszeichnen, recht widersprüchliche Resultate zu produzieren. Sei es der Streit um das "umweltfreundlichere Produkt oder Material", Kunststoff oder Papier, Ein- oder Mehrwegverpackung, oder die Quantifizierung der erforderlichen Ressourcenreduktion für eine nachhaltige Entwicklung (Faktor 10, 4, 2 oder ?).
Von immer mehr Firmen wird jedoch die (auch ökonomische) Chance erkannt, die vorsorgende Umweltschutzmaßnahmen durch ihr großes Potential an Ressourceneinsparung bergen, und es besteht ein zunehmender Bedarf an systematischer Unterstützung in den damit verbundenen Planungs- und Bewertungsaufgaben.
Parallel dazu gibt es ein vielfältiges, aber wenig strukturiertes Angebot von Hilfsmitteln mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Zielsetzungen.
Die Zahl der Computerprogramme im Bereich betrieblicher Umweltmaßnahmen ist seit Beginn der 90er Jahre sprunghaft angestiegen.
Aus diesen Gründen wurde im Rahmen des Forschungsschwerpunkts ECODESIGN der Gruppe Angepaßte Technologie (GrAT) an der TU Wien im Auftrag des österreichischen Ministeriums für Umwelt, Jugend und Familie eine umfangreiche Untersuchung von Computerprogrammen für präventiven Umweltschutz durchgeführt: "Software-Recherche und Test von Programmen zum betrieblichen Einsatz, für die Bewertung und Umsetzung vorsorgender Umweltschutzmaßnahmen" (ECODESIGN Software Studie).
Zielsetzung und Methodik
Der gewählte Standpunkt für die Untersuchung war die Anwendbarkeit der angebotenen Hilfsmittel für den Prozeß ECODESIGN. Im Zentrum stand dabei die Frage: Welche Bereiche vorsorgender Umweltschutzmaßnahmen können vom Programm unterstützt werden, und welche Methodik wird dabei verwendet?
Die Ergebnisse sollen einerseits für potentielle Softwareanwender als Überblick und Auswahlhilfe dienen, andererseits einen Input liefern für die methodische Weiterentwicklung der unterstützenden Computertools, etwa durch das Aufzeigen von Defiziten bzw. blinden Flecken.
Dies erforderte einen breiteren Zugang als ein Test von Programmen für einen speziellen, genau definierten, Anwendungsfall.
Es wurde daher in der Auswertung bewußt auf die Ermittlung eines Testsiegers verzichtet, und auf eine transparente und nachvollziehbare Testdurchführung und Dokumentation wert gelegt.
1. Programmrecherche
In der international durchgeführten Recherche wird ein umfassender Überblick geboten über alle (Stand vom Juni 1997) am Markt erhältlichen, bzw. in Entwicklung befindlichen Programme. Sie umfaßt eine Liste von ca. 130 erhältlichen Programmen und Kontaktadressen.
2. Programmbeschreibungen
Für die näher untersuchten Programme (10 Voll- und 5 Demoversionen) erfolgte eine qualitative Beschreibung der Programme unter Berücksichtigung der folgenden Punkte:
In Form von Kriterientests wurde erhoben, welche Lebenszyklusbereiche erfaßbar sind, welche Möglichkeiten die gewählte Datenverarbeitung bietet, ob die Handhabung und Bedienung mit vertretbarem Aufwand erfolgen kann, die Ergebnisse nachvollziehbar und transparent sind, und ob die Quelle für die verwendeten Daten klar erkennbar ist.
Es wurden sowohl allgemeine Softwarekriterien als auch inhaltliche Kriterien berücksichtigt.
Die insgesamt 96 Testkriterien sind in die folgenden acht Testkategorien gegliedert:
Jede dieser Kategorien wurde mit einem Satz von Testfragen auf das jeweilige Programm angewandt, und eine relative Bewertung zwischen 0 und 10 vergeben. Das Ergebnis wurde jeweils begründet und in einer Feedbackrunde wurden von den Softwareanbietern Kommentare zu den Ergebnissen eingeholt.
In teils intensiven Diskussionen wurden die Standpunkte abgeglichen, und um unterschiedliche Standpunkte auch dem Leser der Studie zugänglich zu machen, wurden die Kommentare der Software Anbieter in den Testbericht mit aufgenommen.
Für eine übersichtliche Darstellung der Ergebnisse des Kriterientests wurde eine semiquantitative Auswertung in Form von Netzdiagrammen durchgeführt.
Da die Anforderungen potentieller Anwender an das Programm sehr unterschiedlich sein können, stellt dies eine Möglichkeit dar, das Programm hinsichtlich des eigenen Anforderungsprofils zu beurteilen.
4. Anwendungsbeispiel
Zusätzlich zu den Kriterientests wurde versucht, anhand eines Beispiels die verschiedenen Zugänge der Programmhandhabung zu illustrieren.
Das ausgewählte Beispielprodukt, eine Küchenmaschine, wurde mit einem relativ einfach zu recherchierenden Satz von Daten, wie er von jeder interessierten Firma mit vertretbarem Aufwand bereitgestellt werden kann, beschrieben und die Programmanbieter gebeten, anhand dieser Angaben eine Kalkulation der "Umweltverträglichkeit" durchzuführen.
Die Auswertungen der Ergebnisse variieren zwischen aggregierten Übersichtswerten, Vergleichen mit fiktiven Konkurrenzprodukten und Sensitivitätsanalysen in bezug auf einzelne Umweltauswirkungen.
Generell wurde betont, daß eine möglichst präzise Fragestellung und eine detaillierte Datenaufbereitung die Aussagekraft der Berechnungsergebnisse wesentlich verbessert.
Einsatz von Softwareprogrammen im Rahmen von ECODESIGN
Aus der Sicht von ECODESIGN werden vor allem die Bereiche Produktionsoptimierung und Produktoptimierung unterstützt.
Dabei sind für die Abbildung komplexer Produktionsabläufe Stofffluß-Modellierungsprogramme am besten geeignet. Für einen Vergleich von Produkten und Sensitivitätsanalysen hinsichtlich einzelner Umweltauswirkungen empfiehlt sich die Anwendung eines LCA- Programms. Ansatzweise ist es über die Definition einer funktionellen Einheit auch möglich, Variantenvergleiche auf den Nutzen der untersuchten Produkte zu beziehen.
Die Möglichkeit, den Nutzen der Produkte, die "Produkt-Dienstleistung", ins Zentrum der Betrachtung zu rücken, wie dies etwa für einen Vergleich von Produkten im Verkauf mit Servicekonzepten wünschenswert wäre, steht allerdings noch am Anfang.
Für den Einsatz von Softwareprogrammen im Rahmen von ECODESIGN lassen sich folgende Punkte zusammenfassen:
Die Programmqualität der untersuchten Softwarepakete kann, abgesehen von bei Beta Versionen üblichen Problemen, durchwegs als gut bezeichnet werden.
Bei den erfaßten Faktoren liegt ein deutlicher Schwerpunkt auf Materialverbrauch, Energie und Emissionen.
Entwicklungsbedarf bei den berücksichtigten Faktoren besteht insbesondere hinsichtlich der folgenden Punkte:
Teilweise bestehen Synergieeffekte mit anderen Programmfunktionen (betriebswirtschaftliche oder technische), die den Aufwand für die ökologischen Betrachtungen reduzieren und die Akzeptanz des Programms für den betrieblichen Anwender steigern können.
Weiterer Entwicklungsbedarf für methodische Unterstützung besteht vor allem in einer stärkeren Betonung der "Produkt-Dienstleistungen", dem Nutzen, der von einem Produkt bereitgestellt wird, und in einer Entwicklung von Konzepten, die die bestehenden Instrumente einbinden in die Entwicklungsprozesse neuer Ideen und Lösungen unter Einbeziehung aller relevanten Akteure.
Kontakt
Dipl.-Ing. Robert Wimmer
GrAT Gruppe Angepaßte Technologie
TU Wien
Wiedner Hauptstr. 8-10, A-1040 Wien
Tel.: + 43-1-58801 5892
Fax: + 43-1-5869154
E-mail:
r.wimmer@bigfoot.com
Die Studie kann beim Österreichischen Umweltministerium bestellt werden unter
E-mail:
thomas.bertsch@bmu.gv.at
Bibliographische Angaben
Bundesministerium für Umwelt, Jugend und Familie (Hrsg.): ECODESIGN/Cleaner Production Software Recherche und Leistungstext. Endbericht. Wien 1998. ISBN 3-901 305-88-2 (Schriftenreihe des BMUJF Band 15/1998)