Tagungsbericht von Bettina-Johanna Krings, ITAS
Die weiter voranschreitende Umweltzerstörung ist global, dennoch sind nicht alle Menschen gleichermaßen von dieser Entwicklung betroffen. Die Zerstörung wird vielmehr dort spürbar, wo die existentiellen Lebensbedingungen und die existentielle Versorgung von Menschen - sei es der Familie oder des sozialen Umfelds - sichergestellt werden. Das ist der Bereich, wo traditionellerweise die Frauen wesentlich mehr eingebunden sind, unabhängig vom Industrialisierungsgrad des Landes. Die gesellschaftliche Diskussion nimmt diese Tatsache wenig zur Kenntnis, ebensowenig wird der spezifische, qualitative Zugang vieler Frauen zu sozialen und ökologischen Problemen, der sich aus ihren Arbeits- und Lebenswelten ergibt, thematisiert.
Die These, daß Sichtweisen und Erfahrungen von Frauen den Diskurs über "Nachhaltiges Wirtschaften" um wichtige Aspekte erweitern können, entstand im Sommer 1992 an der Hochschule St. Gallen, an der die 5. Oikos-Konferenz zum Thema "Nachhaltiges Wirtschaften in Markt und Demokratie" abgehalten wurde. "Nachhaltiges Wirtschaften aus weiblicher Perspektive" war das Thema eines Workshops, zu dem die OrganisatorInnen Frauen aus verschiedenen Disziplinen und gesellschaftlichen Bereichen eingeladen hatten. Im Zentrum des Workshops stand die Frage, wie sich Frauen eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise vorstellen. Die Diskussion, die um diese Frage kreiste, wurde über die Konferenz hinausgeführt. Der Kreis von Frauen, der sich an diesen Fragen beteiligte, wurde größer, der Begriff "Vorsorgendes Wirtschaften" entstand. Unter dem gleichen Titel fand Ende 1993 eine erste Tagung in München statt, aus der eine Publikation zum Thema hervorging (Busch-Lüty et al. 1994). Das Netzwerk besteht zu einem großen Teil aus Wissenschaftlerinnen verschiedenster Disziplinen, zum anderen Teil arbeiten Frauen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen wie Politik, Kunst, Hauswirtschaft etc. mit. Die zweite Tagung des Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften fand vom 29. Juni bis 1. Juli an der Evangelischen Akademie Tutzing statt. Dort sollte das Konzept einer breiten Öffentlichkeit (Frauen und Männer) vorgestellt werden. Die folgenden Ausführungen beziehen sich zum einen auf die inhaltlichen Grundlagen des Begriffs "Vorsorgendes Wirtschaften", zum anderen auf die weiterführenden Ansätze und Arbeiten im Rahmen der Tagung.
Inhaltliche Grundlagen des Begriffs "Vorsorgendes Wirtschaften"
Aus der Sicht des Netzwerkes Vorsorgendes Wirtschaften gibt es drei Gründe, gemeinsam und mit einer veränderten Perspektive über eine zukunftsfähige Wirtschaftsweise nachzudenken:
Besonders hinsichtlich des dritten Punktes haben die Diskussionen und Workshops mit Frauen gezeigt, daß die Vorstellungen und Visionen über eine ökologisch und sozial zukunftsfähige Wirtschaftsweise sehr ähnlich sind. Diese Beobachtung weist auf die Tatsache, daß die meisten Frauen sowohl im Erwerbsbereich als auch im versorgungswirtschaftlichen Bereich tätig sind. Sie sind im ersten Bereich tätig, in dem sie durch ihre Arbeit Geld verdienen, jedoch auch im zweiten, in dem sie, ohne monetäre Vergütung, den unmittelbaren Lebensunterhalt von sich und anderen Menschen sicherstellen. Der versorgungswirtschaftliche Bereich als Bereich der unmittelbaren Daseinsvorsorge umfaßt andere Zeitmaßstäbe, hier gilt es auf individuelle Bedürfnisse einzugehen, zuzuhören, für andere da zu sein. Die Erfolgsmaßstäbe in beiden Bereichen unterscheiden sich ebenso wie die Arbeitsbegriffe und -konzepte. Oft betrachten sich Frauen selbst als Mittlerinnen zwischen beiden Bereichen. Ihre Betroffenheit hinsichtlich ökologischer und sozialer Problemlagen ist häufig um ein vielfaches höher als die der Männer, zum einen durch den engeren Kontakt mit anderen betroffenen Menschen, zum anderen, weil ihnen von politischer Seite "die Aufräumarbeiten" ökologischer und sozialer Probleme zugewiesen werden.
Vor dem Hintergrund dieser vornehmlich weiblichen Erfahrungswelt entwickelte sich der Ausgangspunkt für den Begriff des Vorsorgenden Wirtschaftens. Hier soll vor allem die Trennung zwischen versorgenden Tätigkeiten, Erwerbsarbeitsleben und sozialem Umfeld aufgehoben werden. Gleichzeitig soll ein Rückbezug zum (eigenen) Leben hergestellt werden. Auf diese Weise soll das Wirtschaften wieder einen breiten, lebensweltlichen Rahmen erhalten und das (individuelle) Wohlbefinden erhöhen. Im Mittelpunkt sollen nicht ökonomische Überlegungen stehen, sondern wieder verstärkt die Frage nach dem "guten Leben" aufgegriffen werden.
Vorsorgendes Wirtschaften soll im Rahmen der Diskussion um Nachhaltigkeit als eine Erweiterung um die versorgungswirtschaftliche und sozialökonomische Dimension gelten. Es stellt kein abgeschlossenes und global anwendbares Konzept dar, sondern ist vielmehr eine Leitidee und ein Prozeß, der nur durch die praktische Erfahrung von Männern und Frauen gefördert und weiterentwickelt werden kann. Diese Erfahrungen können langfristig in einen gesellschaftlichen Entwicklungsprozeß einfließen, der Begriffe wie Vor- und Fürsorge, Produktion, Konsum, Effizienz und Konkurrenz hinterfragt, analysiert und versucht, neu zu bewerten.
Die Kriterien, die dem Modell des Vorsorgenden Wirtschaftens zugrunde liegen, sind:
Der Begriff der Vorsorge steht in direktem Zusammenhang zu den Begriffen Verantwortung und Sorge tragen. Diese verweisen darauf, daß der Mensch in einer sozialen und natürlichen Welt agiert und sich zu dieser in einem Verhältnis der Verantwortung und Sorge begreifen sollte. Das Handlungsprinzip Sorge läßt sich für die Idee des Vorsorgenden Wirtschaftens durch folgende Begriffe verdeutlichen: Vorsicht, Umkehrbarkeit, Gemächlichkeit, Voraussicht, Umsicht und Übersicht im Hinblick auf Folgen und Nebenwirkungen menschlichen Handelns. Der Mensch verortet sich im Bewußtsein seiner eigenen räumlichen, zeitlichen und sozialen Grenzen, indem er diese in sein Handeln miteinbezieht. So kann Nicht-Handeln und Schonung als Möglichkeit für effizientes Handeln bewertet werden, was ein wichtiger Schritt zu einer Veränderung der gesellschaftlichen Entwicklung bedeuten kann.
Kooperation statt Konkurrenz als ein wichtiges Kriterium bezieht sich auf ein gemeinsam formuliertes Anliegen. Kooperation kann nur durch die Einsicht gemeinsamer Ziele wie Schutz der Natur, eine sozialverträgliche Gesellschaft etc. entstehen. Damit jedoch aus Solidarität tatsächlich kooperatives Handeln entstehen kann, bedarf es der Verständigung und der Bildung von Konsens. Dies setzt jedoch als Voraussetzung entsprechende Handlungs- und Verhaltensweisen voraus wie Flexibilität, Geduld, Toleranz und die Fähigkeit der Selbstorganisation. Seit einigen Jahren werden Instrumente der politischen Planung und Konsensfindung entwickelt, die auf kooperativen Handlungsprinzipien basieren. Hier fehlt es jedoch insgesamt an Praxis und Erfahrungsräumen wie Zukunftswerkstätten, institutionell verankerte Übungsfelder etc.. Die Probleme existieren allgemein in entgegengerichteten politischen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen. Um das Prinzip der Kooperation mehr zu fördern, müßte eine neue rechtliche Praxis entwickelt werden.
Das Kriterium Orientierung am Lebensnotwendigen orientiert sich an der Frage: Was sind lebensnotwendige Bedürfnisse und was nicht? Diese Frage umfaßt zum einen die Thematisierung und Differenzierung von Grundbedürfnissen (Ernährung, Kleidung, Wohnung etc. als materielle und Sicherheit, Glück, Liebe etc. als immaterielle Grundbedürfnisse), Luxus- und Ersatzbedürfnissen. Zum anderen werden weitergehende Fragen angesprochen, die die Bedürfnisse analysieren, klassifizieren und bewerten. Die Formulierung und Offenlegung der Bedürfnisse ist sehr wichtig, um darstellen zu können, daß die Orientierung am Lebensnotwendigen kulturell eingebunden ist und die Bedürfnisbefriedigung häufig durch äußere Bilder und Normen geprägt ist.
Die Grundthese ist, daß die Orientierung an diesen Prinzipien eine unabdingbare Voraussetzung einer vorsorgenden, zukunftsfähigen Wirtschaftsweise ist. Ihre Mißachtung und Vernachlässigung hat die heutigen ökologischen und sozialen Probleme zur Folge. Alle drei Kriterien verweisen darüber hinaus auf einen engen Zusammenhang von sinnlich Erfahrbarem und theoretischen Konstrukten. Eine vorsorgende Wirtschaftsweise hat immer auch mit der eigenen spürbaren Erfahrung innerhalb der Praxis zu tun. Sie setzt deshalb innerhalb der Lebenswelt an und gewinnt dort an Kontur. Die Rückversicherung der Theorie in die Praxis wird in der Idee des Vorsorgenden Wirtschaftens sehr betont und gilt als Grundlage für einen erfolgreichen Suchprozeß nach neuen Lebensentwürfen.
Die Idee des Vorsorgenden Wirtschaftens bezieht eindeutig normativ Stellung zu der in den westlichen Industriestaaten dominierenden Wirtschaftsform. Sabine O'Hara, Hochschullehrerin vom Rensselear Polytechnical Institute, Troy, USA, legte die Ergebnisse ihrer Arbeit im Bereich der ökologischen Ökonomik vor. Die Frage nach einer veränderten Form des Wirtschaftens bezieht sich hier vor allem auf die Kritik an drei zentralen Begriffen der klassischen Wirtschaftstheorie: Eigentum, Eigeninteresse und Eigeninitiative. In dieser Kritik werden die Begriffe nicht abgelehnt oder negiert, die normative Geltung ihrer Inhalte soll jedoch langfristig verändert werden.
Der Begriff des Eigentums gilt als wichtigster Begriff der neoklassischen Wirtschaftstheorie, der in der historischen Entwicklung zu markanten Charakeristika des Wirtschaftslebens geführt hat. Beispiele sind die Präferenzsignale, die durch das Prinzip des Eigentums gesetzt werden, die marktwirtschaftliche Meßbarkeit, die eine spezifische Bewertung der Güter vornimmt und bestimmte Allokationsmechanismen, die in Gang gesetzt werden. Grundsätzlich basiert das Prinzip Eigentum auf Grenzziehung, d.h., daß die öffentlichen Güter dadurch ebenfalls abgegrenzt und immer eingefordert werden.
In diesem Kontext schlägt die Idee des Vorsorgenden Wirtschaftens die Entwicklung eines eher durchlässigen Begriffs von Eigentum vor, der die Rücksicht für die Außenstehenden und das Mitdenken der Besitzer für das Allgemeinwohl verstärkt miteinbezieht.
Das Eigeninteresse ist ebenfalls ein klassisches Motiv der Marktwirtschaft und führt nach Adam Smith zum Allgemeininteresse der allgemeinen Wohlfahrt. Die Erziehung zum Individualisten wird in zweierlei Themenfeldern behandelt, in der "Ethik des Puritanismus" sowie in dem "erweiterten Eigeninteresse" (A.Smith). Beide sollen in eine "Ethik des Allgemeininteresses" eingebettet werden. Frauen wird hierbei meist die Rolle der für das Allgemeine Zuständigen zugeschrieben. Um ein verändertes Verständnis von Eigeninteresse für alle zu entwickeln, sollte schon im Rahmen der moralischen Entwicklung von Kindern begonnen werden, neue Akzente und Schwerpunkte zu setzen. Die Erziehung könnte hier beispielsweise Themen wie "beziehungsfähiges Lernen und Begreifen" oder "Eigeninteresse im Netzwerk" aufgreifen und verstärkt fördern.
Die Eigeninitiative ist sehr wichtig, um die eigenen Interessen umzusetzen und ist insgesamt kulturell sehr positiv besetzt. Auch hier müßten nur die inhaltlichen Akzente verändert werden. Die "Ethic of Care", die Sorge und die flexible Verantwortung haben nichts mit Hilflosigkeit zu tun, wichtig ist jedoch, daß die Kompetenzanforderungen gleichermaßen an die "Sorger" als auch an die "Sorgeempfänger" gestellt werden. Das heißt, die Anforderungen stellen auch die Sorgeempfänger, die die Sorger auffordern, aus der Rolle der Aktivität herauszutreten, um auch ihre Perspektive wahrnehmen zu können. Nur so können gemeinsam in Netzwerken und in Beziehungen Bereiche und Felder definiert werden, die die Vielfalt von Bedürfnissen berücksichtigen. Die Erziehung mit Kindern lehrt diese Erfahrung in besonderer Weise, da oft erst hier gelernt wird, auf deren Bedürfnisse unmittelbar und kompromißloser einzugehen.
Die symbolische Dimension des Marktes und die heutige Wirtschaftsweise senden Signale aus, die der Idee des Vorsorgenden Wirtschaftens (wie auch der der Nachhaltigkeit) konträr entgegenstehen, da hier die Frage nach dem Lebensnotwendigen (Grundbedürfnisse und kulturell Notwendiges) nie gestellt wird. Darüber hinaus forcieren die Prinzipien des Wettbewerbs und der Konkurrenz die Blindheit gegenüber der Orientierung am menschlichen Maß. Hier verlangt die Idee des Vorsorgenden Wirtschaftens ein Umdenken, was radikal andere methodische Fragestellungen an zukünftige Entwicklungen stellt. Diese beziehen sich auf:
Die Punkte machen deutlich, daß die Praxis des Vorsorgenden Wirtschaftens in besonderem Maße das rationalistische Wissenschaftsverständnis berührt. Besonders die inhaltliche Ausrichtung der Wissenschaft sollte mehr nach den Kriterien der Vorsorge und der Kooperation ausgerichtet werden. Denn das Konzept einer nachhaltigen Gesellschaft kann nicht errechnet und geplant werden, sondern muß mit den Beteiligten "geübt" und praktiziert werden, d.h. die geistig-kulturelle Ebene sollte immer mitgedacht und in die Planung einbezogen werden.
Vorsorgendes Wirtschaften als Teil des menschlichen Lebens hat universellen und kulturellen Charakter. Es umfaßt einen ganzheitlichen Ansatz, der an der Produktion ansetzt und diesen Teil wieder verstärkt in lebensweltliche Bezüge integrieren will. Aufgrund der sozio-kulturellen Entwicklung geschlechtsspezifischer Muster beinhalten weibliche Lebensbezüge wesentlich stärker und ausgeprägter die Dimension der Vorsorge und der Kooperation. Mehr noch: den Frauen wurde diese Rolle im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung zugeschrieben. Diese Tendenz ist nicht nur in den westlichen Industriegesellschaften zu beobachten, sondern auch in den Ländern der Dritten Welt, wo besonders die Frauen für die Subsistenz-Sicherheit verantwortlich sind. Der Verlust der Subsistenzgrundlage durch die Einführung einer marktwirtschaftlich orientierten Handlungslogik geht noch immer einher mit dem Verlust von Werten wie Würde, Selbstversorgungs-Autonomie, Reziprozität zwischen Männern und Frauen sowie den Menschen und der Natur. Durch den Kampf um die Rückgewinnung und Erhaltung der natürlichen Subsistenz-Basis kämpfen die Frauen in vielen Ländern gleichzeitig um die Wiederherstellung ihrer Integrität in die Gesellschaft. Die Chipko-Bewegung im indischen Himalayagebiet ist eines der bekanntesten Beispiele, wo indische Landfrauen mit Erfolg gegen die weitere Abholzung der Wälder an den Hängen der Himalaya-Vorgebirge vorgegangen sind. Die "Moral Economy" (Maria Mies in Busch-Lüty et al. 1994) dieser Frauen basiert auf der Erkenntnis, daß der tiefe Respekt und ein sorgfältiger Umgang mit der Natur auch die sozialen Beziehungen und ihre Auswirkungen auf das gesamte Sozialgefüge miteinschließt.
Eine "Moral Economy" des Westens bezieht sich in diesem Sinne ebenfalls nicht nur auf den Schutz der Natur vor dem Menschen. Denn dies bedeutet letztlich nur, daß die bisherige Wirtschaftsweise beibehalten wird und Naturräume ausgewiesen werden. Stattdessen müssen die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Natur von vornherein neu definiert und qualitativ anders gestaltet werden. Dies betrifft neue Formen der Produktion genauso wie neue Formen der Erwerbsarbeit oder neue Lebensentwürfe. Männer müssen in diesen Wandel gleichermaßen eingebunden werden, d.h. auch ihren Beitrag an Versorgungs-, Pflege- und Erziehungsarbeiten leisten, Arbeiten, die auch heute noch vorwiegend von Frauen übernommen werden. Natur- und sozialverträgliches Wirtschaften erfordert mehr Zeit und bedeutet eine Zunahme an vor- und nachsorgenden Tätigkeiten. Es wird also ein gesellschaftlicher Wertewandel gefordert, der die "Feminisierung der ökologischen Verantwortung" (Christa Wichterich in Busch-Lüty et al. 1994) aufhebt und die Männer ebenfalls in den gesellschaftlichen Reproduktionsbereich einbindet. Dadurch soll in erster Linie die Arbeitsverfassung der Gesellschaft zugunsten der Entwicklung von egalitären Arbeitszeitmodellen, der Gestaltung ganzheitlicher Arbeitsprozesse und der Entstehung umwelt- und sozialverträglicher Handlungsformen verändert werden.
Die Leitidee des Vorsorgenden Wirtschaftens ist sehr durch ethische Vorstellungen geprägt. Im Vordergrund steht die Idee des "guten Lebens", was die Suche nach dem rechten Maß meint. Eine Suche, die die Menschheit seit alters her begleitet und auch in Zukunft begleiten wird. Auch in den Anfängen der Nachhaltigkeitsdebatte spielte diese Frage im Hinblick auf die ökologischen und sozialen Auswirkungen westlicher Industriestaaten eine wichtige und grundlegende Rolle. In der weiterführenden Debatte um konkrete Nachhaltigkeitsstrategien wurde sie schnell aus den Augen verloren. Die Aspekte der Vorsorge, Kooperation und der Orientierung am Lebensnotwendigen werden ebenfalls vor dem Hintergrund der Frage nach dem "guten Leben" entwickelt. Diese sind im Bereich der Versorgungswirtschaft, also in der Versorgungs-, Pflege- und Erziehungsarbeit, eindeutig stärker angesiedelt als im Erwerbsbereich. "Vorsorgende" Tätigkeiten, d.h. die haushälterische Daseinsvorsorge wird jedoch nach wie vor als unattraktives und unbedeutendes Arbeitsfeld wahrgenommen. Ihre gesellschaftliche und ökonomische Bedeutung wird im Gegensatz zur bezahlten Arbeit minderbewertet. Sie ist privat, also unsichtbar und wird nicht entlohnt. Aus diesen Gründen werden auch die Erfolgsmaßstäbe sowie die Arbeitskonzepte in der Versorgungswirtschaft gesellschaftlich und politisch wenig anerkannt. Frauenwirklichkeit sieht in der Regel so aus, daß sich die Frau als Mittlerin zwischen beiden Bereichen versteht. Es zeigt sich auch, daß die Frauen in der Regel nicht zwischen versorgenden Tätigkeiten, Erwerbsarbeitsleben und sozialem Umfeld trennen und eher versuchen, einen Rückbezug zum (eigenen) Leben herstellen. Dies führt, nach Ansicht des Netzwerkes Vorsorgendes Wirtschaften zu einem breiteren Verständnis dessen, was Wirtschaften umfaßt und umfassen sollte. Das Potential ganzheitliches Wirtschaften sollte jedoch gesellschaftlich viel mehr genutzt werden und zunächst als Ausgangspunkt für einen neuen Ansatz dienen, der sich als einen praktischen Prozeß im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte versteht.
Die Idee Vorsorgendes Wirtschaften ist ein Ansatz, der verschiedene Erkenntnisbereiche aus der philosophischen, feministischen, politikwissenschaftlichen und ökonomischen Diskussion vereint, um diese für die gesellschaftliche Praxis nutzbar zu machen. Er kann als ein gender-Ansatz verstanden werden, der keine Visionen für Frauen und gegen Männer entwirft, sondern - im Gegenteil - eine von Männern und Frauen gemeinsam getragene Vorstellung gesellschaftlicher Veränderungen vertritt. Die Aufwertung und positive Einschätzung weiblicher Lebensräume und Denkmuster bildet hierbei den Ausgangspunkt. In diesem Kontext entstand in einigen Frauenbewegungen in Ländern der Dritten Welt der Begriff des "empowerments", der die wirtschaftliche und somit auch die kulturelle und soziale Stärkung der Frauen im gesellschaftlichen Kontext meint.
Auch dieser Gedanke wurde im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte in Form der Bedürfnisfeld- und Akteursorientierung (erneut) aufgegriffen, jedoch wenig verfolgt, d.h. insgesamt sollen die Bedürfnisse und Lebensvorstellungen einer Vielzahl gesellschaftlicher Gruppen und Akteure (Frauen eingeschlossen) in der gesellschaftlichen Gestaltung und Entwicklung vermehrt berücksichtigt und miteinbezogen werden. Eine Vorstellung, die schon seit Jahrzehnten eine zentrale Forderung der Diskussion innerhalb der Frauenforschung darstellt.
Das Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften setzt an der westlichen Wirtschaftsweise an. Diese soll zugunsten eines Wirtschaftsverhaltens verändert werden, das auf den Kriterien Vorsorge und Kooperation statt Konkurrenz und Wettbewerb basiert. Beispiele eines anderen Wirtschaftsverhaltens sind im versorgungswirtschaftlichen Bereich zu finden, der hauptsächlich von Frauen ausgeführt und gesellschaftlich stark vernachlässigt wird. Hier gilt es, die Potentiale für eine zukunftsfähige Entwicklung zu erkennen, auszuschöpfen und politisch umzusetzen. Im Rahmen dieser neuen Arbeitsentwürfe stehen Suffizienzstrategien, d.h. Strategien, die am menschlichen Verhalten und seinen Bedürfnisfeldern ansetzen, stark im Vordergrund.
Durch die Vernetzung der Arbeit und des Produzierens mit lebensweltlichen Bezügen soll ein ganzheitlich ausgerichtetes Bewußtsein gefördert und geschaffen werden, das den Blick für den Schutz des (menschlichen) Lebens öffnet und in Beziehung zum Alltagshandeln stellt. Gestaltung geht Hand in Hand mit Vorsorge. Aus diesen Gründen wird der Praxisbezug betont, d.h. Vorsorgendes Wirtschaften wird praktiziert und geübt, um diese Erfahrungen auf die Idee gestaltend einwirken zu lassen. Diese Vorstellung greift Tendenzen heutiger Politikstrategien auf, die ebenfalls Aspekte wie Partizipation, Aufbau von Netzwerken und Konsensbildung bei den betroffenen gesellschaftlichen Gruppen betonen.
Der Praxisbezug sorgte dann auch dafür, daß sich die Inhalte der Tagung aus der Alltagswelt definierten. Es wurden "Anwendungsfelder" zu Themen wie beispielsweise "Menue mit vielen Gängen" (für LebensMittel sorgen...), "Gesundheit" (Gesund bleiben, gesund werden...), "Vorsorge und Nähe" (Nahräumlichkeit/ Lokale Ökonomie...), "Geld zum Leben" (Banken als Vermittler Vorsorgenden Wirtschaftens?) etc. angeboten. Mann und Frau erfuhren über viele Projekte, Forschungsansätze, Netzwerke und Ideen aus diesen Bereichen, die in der Schweiz, Österreich und auch Deutschland schon hinsichtlich einer vorsorgenden Wirtschaftsweise umgesetzt und praktiziert werden. Beispielsweise wurden Banken wie die "Bürgschaftsbank für Sozialwirtschaft GMBH" vorgestellt, die als Selbsthilfeeinrichtung der Freien Wohlfahrtspflege Bürgschaften für Kredite an soziale Einrichtungen übernimmt. Oder innovative Ansätze im Wohnbereich, in dem neben Initiativen zum ökologischen Bauen und kommunikativen Wohnen, auch Projekte wie Wohn- und Arbeitsprojekte für alleinerziehende Frauen, Ansätze für ein generationenübergreifendes Wohnen und Leben sowie Projekte für eine Integration gesellschaftlicher Randgruppen vorgestellt wurden. Insgesamt gibt es eine Vielzahl von innovativen Projekten und Ansätzen, die, nach Ansicht des Netzwerkes, "weitergesponnen", d.h. verfolgt und verbreitet werden sollten.
Die Ergebnisse der Projekte dieser Anwendungsfelder wurden auf einem "Marktplatz" präsentiert und allen Personen zugänglich gemacht sowie gemeinsam diskutiert. Angesichts der Vielfalt, Originalität und Kreativität dieser Projekte konnte man sich der Notwendigkeit der Arbeit des Netzwerkes versichern, die versucht, ähnlich wie die Nachhaltigkeitsdebatte, "alte" Forderungen wieder aufzunehmen, um sie mit neuen Erkenntnissen und Erfahrungen zusammenzuführen.
Die Kunst, z.B. das gemeinsame Anfertigen eines Netzes aus Weidenruten und Stöcken, rythmische Bewegungen im Raum, Filme, Diskussionen etc. bildeten das symbolische Rahmenprogramm der Tagung. Die mitgekommenen Kinder spielten und amüsierten sich mit ihrer Betreuerin in dem riesengroßen Park unter uralten Bäumen des Schlosses der Evangelischen Akademie. In den Pausen konnte man schnell eine Runde im Starnberger See schwimmen, spazierengehen oder in der Sonne sitzen. Die angenehme Atmosphäre glich der Forderung des Netzwerkes Vorsorgendes Wirtschaften nach dem "guten Leben". Die rationale und professionell erprobte Skepsis, die sich anfangs angesichts der gesellschaftlichen Umsetzbarkeit dieses Ansatzes einstellte, entspannte sich schnell und wich einem inneren Wissen um die Verbundenheit und Vielfalt von Strukturen und Formen.
Literatur
Busch-Lüty, Ch.; Jochimsen, M.; Knobloch, U.; Seidl, I. (Hg.) (1994): Vorsorgendes Wirtschaften. Frauen auf dem Weg zu einer Ökonomie der Nachhaltigkeit. Politische Ökonomie, Sonderheft 6.