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TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3 / 4, 7. Jahrgang - November 1998, S. 64-67

Analyse der Entsorgungssituation in der Bundesrepublik Deutschland und Ableitung von Handlungsoptionen unter der Prämisse des Ausstiegs aus der Atomenergie

von J. Kreusch, W. Neumann, Gruppe Ökologie und D. Appel, PanGeo

Die vorliegende Studie zeigt Möglichkeiten und Bedingungen für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle der deutschen Atomreaktoren unter der Bedingung eines Ausstiegs aus der Atomenergienutzung auf. Zugrundegelegt werden drei Ausstiegsszenarien: Sofortausstieg (1999), Abschalten der letzten Reaktoren 2004 bzw. 2010. Entwickelt wird eine Strategie zum möglichst risikoarmen Umgang mit den radioaktiven Abfällen.

1. Zielsetzung der Studie

Die bei der Nutzung der Atomenergie anfallenden radioaktiven Abfälle stellen teilweise für sehr lange Zeiträume eine Gefahr für Mensch und Umwelt dar. Auch im Falle des Ausstiegs aus der Atomenergienutzung müssen die bis dahin angefallenen Abfälle möglichst sicher "entsorgt" werden. Dazu bedarf es einer Vielzahl von übertägigen Maßnahmen (z.B. Zwischenlagerung, Transporte) sowie abschließend der Endlagerung.

In der von der Gruppe Ökologie Hannover e.V. im Auftrag der Heinrich Böll Stiftung (Berlin) erarbeiteten Studie werden Möglichkeiten und Bedingungen für die Entsorgung der radioaktiven Abfälle einschließlich der abgebrannten Brennelemente unter der Voraussetzung des Ausstiegs aus der Atomenergienutzung aufgezeigt. Daraus wird unter der Prämisse des Ausstiegs eine Strategie zum möglichst risikoarmen Umgang mit den radioaktiven Abfällen abgeleitet. Dabei werden sowohl der übertägige Umgang mit den radioaktiven Abfällen als auch ihre Endlagerung behandelt. Die resultierende Entsorgungsstrategie gibt zwar einen möglichen Handlungsrahmen vor, liefert jedoch keine Lösungen für sämtliche Detailprobleme. Weiterhin darf sie nicht mit einer risikofreien Lösung der Entsorgungsfrage verwechselt werden.


2. Rahmenbedingungen der Studie

Die Ableitung der Entsorgungsstrategie beruht auf folgenden Annahmen und Rahmenbedingungen:

Ausstieg aus der Atomenergienutzung
Grundvoraussetzung der vorgeschlagenen Entsorgungsstrategie ist der relativ zügige Ausstieg aus der Nutzung der Atomenergie. Dadurch wird die Menge der Abfälle begrenzt.

Aufgabe der Wiederaufarbeitung
Es wird vorausgesetzt, daß mit dem Ausstiegsbeschluß auch die Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente im Ausland aufgegeben wird. Die Notwendigkeit dazu, insbesondere aus Sicherheitsgründen, wird in der Studie aufgezeigt.

Sicherer Einschluß stillgelegter Atomkraftwerke
Die stillgelegten Kraftwerke werden dem sogenannten sicheren Einschluß zugeführt, also für einige Jahrzehnte (mindestens bis ein Endlager zur Verfügung steht) in einen möglichst sicheren "Ruhezustand" gebracht. Nur in begründeten Ausnahmefällen ist ein zügiger Abriß durchzuführen.


3. Aufbau und Arbeitsschritte der Studie

Als eine wesentliche Grundlage der Strategieentwicklung enthält die Studie eine detaillierte Analyse der deutschen Entsorgungskonzeption, Ausführungen zu Privatisierung und Internationalisierung der Entsorgung, die Darstellung der Bedeutung wichtiger Akteure, Gremien und Institutionen sowie ein Kapitel zu Kosten und Wirtschaftlichkeit bei der Entsorgung. Außerdem wird die Entsorgung radioaktiver Abfälle in ausgewählten Ländern betrachtet. Aus diesen Darstellungen ergeben sich Hinweise auf mögliche Bausteine der Entsorgungsstrategie.

Ausgangspunkt der weiteren Betrachtungen ist die Ableitung der zu entsorgenden Abfallarten und -mengen. Zur Identifizierung des Einflusses des Ausstiegsablaufs auf die Abfallmengen und die Umgangsmöglichkeiten mit ihnen werden drei verschiedene Ausstiegsszenarien betrachtet: Szenario "Sofortausstieg" (Abschalten aller Reaktoren 1999), das "Szenario 2004" (Abschalten der letzten Reaktoren 2004) und das "BfS-Szenario" (Bundesamt für Strahlenschutz: Abschalten der letzten Reaktoren 2010).

Für die bestrahlten Brennelemente ergeben sich deutliche Unterschiede zwischen den Szenarien: Bei Szenario 3 fallen mit 9.288 tSM mehr als doppelt so viel Brennelemente an als bei Szenario 1. Bei den übrigen Abfällen sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Szenarien wegen der bereits vorhandenen Mengen an Alt- und Wiederaufarbeitungsabfällen geringer (max. 7.640 m3 sonstige wärmeentwickelnde Abfälle und max. 166.300 m3 gering wärmeentwickelnde Abfälle für Szenario 3).

In einem weiteren Schritt werden die grundsätzlichen Entsorgungsoptionen Direkte Endlagerung, Wiederaufarbeitung und Transmutation untersucht. Dabei zeigt sich, daß für den Umgang mit den bestrahlten Brennelementen die Direkte Endlagerung sowohl aus Sicherheits- als auch aus Wirtschaftlichkeitsgründen die relativ günstigste (aber nicht risikofreie) Strategie darstellt.

Bei der Direkten Endlagerung sind vier mögliche Entsorgungspfade (zentraler und dezentraler Pfad sowie Mischformen) entwickelt worden. Ihre vergleichende Bewertung anhand vorrangig sicherheitsorientierter Kriterien (z.B. Minimierung der Transporte) zeigt klare Vorteile für den rein dezentralen Entsorgungspfad mit Behälterlagerung. Dieser Pfad bildet deshalb den Kern des übertägigen Umgangs mit den Abfällen.

Im Bereich Endlagerung wird in einem ersten Schritt die bisherige Vorgehensweise in Deutschland analysiert. Schwerpunkte sind konzeptionelle und methodische Fragen sowie die Bewertung der vier Endlagerstandorte Asse (geschlossen), Gorleben (geplant), Konrad (geplant) und Morsleben (in Betrieb). Erhebliche Defizite werden insbesondere bei der Endlagerkonzeption (Salz- oder Hartgesteinskonzept), der Standortsuche sowie beim Nachweis der Langzeitsicherheit festgestellt.

Die Bewertung der genannten Endlagerstandorte zeigt, daß die Standorte Morsleben und Gorleben wegen ungenügender Qualität der geologischen Barriere nicht geeignet sind. Für den Standort Konrad besteht weder Bedarf, noch ist bisher ein hinreichender Langzeitsicherheitsnachweis geführt worden. Die Problematik des ehemaligen Versuchsendlagers Asse zeigt sich darin, daß dort zur Stabilisierung des Grubengebäudes inzwischen Verfüllmaßnahmen durchgeführt werden müssen.

Auf Grundlage methodisch-konzeptioneller Überlegungen und vorliegender Erfahrungen auch aus anderen Ländern sind schließlich strategische Vorgaben formuliert worden, an denen sich zukünftiges Handeln im Bereich Endlagerung orientieren sollte. Dazu gehören u.a.: Ein zentrales Endlager für alle Abfälle, Berücksichtigung des Konzentrationsprinzips, keine Rückholbarkeit der Abfälle sowie keine Notwendigkeit für Wartungs-, Reperatur- und Überwachungsmaßnahmen. Unter der Prämisse des Ausstiegs ist zudem eine nationale Endlagerlösung anzustreben.


4. Die Entsorgungsstrategie in Kürze

Die unter der Voraussetzung des Ausstiegs entwickelte Entsorgungsstrategie besteht aus folgenden wesentlichen Elementen:


5. Wichtige Konsequenzen der Entsorgungsstrategie

Als wesentliche Konsequenzen der Entsorgungsstrategie für den übertägigenUmgang mit radioaktiven Abfällen ergeben sich:

Hinsichtlich der Endlagerung ergeben sich folgende Konsequenzen:

Ohne relativ zügigen Ausstieg aus der Atomenergienutzung ist die vorgeschlagene Entsorgungsstrategie wegen der erheblich größeren Abfallmengen und der dann sicherlich fehlenden Akzeptanz gegenüber der dezentralen Behälterlagerung nicht umsetzbar.


Bearbeiter der Studie

Dipl.-Geol. Jürgen Kreusch
Dipl.-Phy. Wolfgang Neumann
Gruppe Ökologie Hannover
Kleine Düwelstr. 21
D-30171 Hannover
Tel.: ++ 49 (0) 511 / 85 30 55
E-mail: intac@t-online.de

Dr. Detlef Appel
Geowissenschaftliches Büro PanGeo
Ibykusweg 23
D-30629 Hannover
Tel.: ++ 49 (0) 511 / 95 86 710

Die Studie kann als Kurz- oder Langfassung bei der Heinrich Böll Stiftung, Rosenthaler Str. 40/41, 10178 Berlin, Tel. 030/28534103, Fax 030/28534309 bezogen werden.


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Stand: 15.12.1998 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion