von Rainer Papp, Forschungszentrum Karlsruhe, Projektträgerschaft Entsorgung
Das Office Parlementaire d'Evaluation des Choix Scientifique et Technologiques (OPECST), 1983 gegründet, ist mit Vertretern der beiden Häuser des französischen Parlaments besetzt und hat zur Aufgabe, das Parlament über die Folgen technisch-wissenschaftlicher Entwicklungen zu wichtigen forschungspolitischen Bereichen zu informieren. Als rein parlamentarisches Gremium ist das Office Parlementaire absolut unabhängig von der Regierung und der Verwaltung. Der vorliegende Bericht befaßt sich mit dem Stand der nuklearen Entsorgung in Frankreich und wurde im Rahmen eines Projekts des Office von 1997 bis Juni 1998 erstellt.
Ende der 80er Jahre hatte in Frankreich die Standortbestimmung für ein unterirdisches Endlager zu einem Patt geführt. Einen Ausweg aus dieser Situation soll nun das am 30. Dezember 1991 beschlossene Gesetz über die Entsorgung hochradioaktiver Abfälle langer Lebensdauer erbringen. Das Gesetz besagt, daß für drei Entsorgungswege 15 Jahre lang Forschung betrieben werden soll, so daß im Jahr 2006 das Parlament - auf Vorschlag der Regierung - darüber entscheiden kann, welcher Entsorgungsweg (oder welche Kombination aus mehr als einem) großtechnisch zu realisieren sei. Die drei Wege ("axes") sind:
Das OPECST hatte eine Schlüsselrolle bei der Formulierung des Gesetzes von 1991 gespielt; es kommentiert die jährlich erscheinenden Bewertungen der Commission Nationale d'Evaluation - einem Beratungsgremium der Regierung für den Vollzug dieses Gesetzes - und erstellte bisher, diesen Bericht mitgezählt, drei eigene Berichte zum erzielten Fortschritt.
Bei der eingangs gestellten Frage, Kernenergie ja oder nein, verweist OPECST auf die international eingegangenen Verpflichtungen (zuletzt in Kyoto) zur Reduktion der Treibhausgase und erläutert, daß das Dilemma in der Frage bestünde, radioaktive Abfälle oder Klimaänderung.
Ausgangspunkt ist der Betrieb der 58 französischen Reaktoren durch die EdF (Electricité de France) und die Absicht der EdF, die Zahl der mit MOX-Brennstoff (Uran und Plutonium) betriebenen Reaktoren von z.Z. 16 auf 28 zu erhöhen. OPECST unterstützt EdF darin und verweist auf die MOX-Lieferungen ins Ausland (z.B. an 8 Reaktoren in Deutschland) aus der Wiederaufarbeitung in La Hague (2 Mrd. DM Umsatz jährlich für die Firma Cogema aus den Auslandsaufträgen).
Ziel beim Weg der Tieflagerung ist die Einrichtung von mindestens zwei Untertagelabors an den drei Standorten in Haute-Marne/Meuse (Ostfrankreich), Bagnols-sur-Cèze (bei Marcoule in Südfrankreich), Vienne (Westen). Geologisches Medium bei den beiden ersten ist Ton, beim letzten Granit. In den Untertagelabors werden bis 2006 Daten gesammelt, die über den Entsorgungsweg Tieflagerung Auskunft geben sollen.
Eine Kritik an den ausführenden staatlichen Stellen CEA (Commissariat à l'Energie Atomique) und ANDRA (Agence Nationale pour la gestion des Dechets Radioactifs) war in der Vergangenheit häufig die Überbetonung des Entsorgungsweges der Endlagerung. Dahin waren bisher die meisten Mittel geflossen. Dieses Ungleichgewicht wird nun korrigiert: Frankreich setzt dabei große Hoffnungen auf Langzeitzwischenlagerung (von nx50 Jahren ist die Rede) und Abtrennung/Transmutation. Bei letzterer geht es um die Abtrennung der langlebigen Spaltprodukte und Aktiniden aus dem Abfall und deren Umwandlung durch Bestrahlung, wobei auch das Prinzip des Rubbia-Reaktors ernsthaft in Erwägung gezogen wird. Durch die Transmutation soll eine Umwandlung in kurzlebige Radionuklide erreicht werden, wofür - anders als in Deutschland - die oberflächennahe Endlagerung zulässig ist.
Insgesamt scheint in Frankreich die Hoffnung zu bestehen, daß durch Langzeitzwischenlagerung die Zeit gewonnen werden kann, die man bis zur Beherrschung der Abtrennung/Transmutation braucht, so daß schließlich nur ein kleiner Rest an Abfall in Tieflagerung zu verbringen ist. Zwischenlagerung an der Erdoberfläche und knapp darunter wird in Erwägung gezogen; bei der Endlagerung wird der Aspekt der Rückholbarkeit betont.
Das Office Parlementaire empfiehlt der im wesentlichen mit Endlagerfragen befaßten ANDRA, ihre wissenschaftliche Kompetenz zu verbessern. Sehr kritisch äußert sich OPECST über die Commission Nationale d'Evaluation, die die Regierung unterstützende Bewertungskommission, die mit ihrem Negativ-Votum zum Standort Vienne über ihre Kompetenz hinausgegangen sei.
Die mit dem Bericht vorgelegten technischen Analysen werden durch eine gegenwärtig laufende Studie des OPECST zu den ökonomischen Konsequenzen der nuklearen Entsorgungsstrategien für Frankreich ergänzt.
Office Parlementaire d'Evaluation des Choix Scientifiques et Technologiques: Rapport sur L'Aval du Cycle Nucléaire. Assemblée Nationale-Senat, Paris, Juni 1998, 151 S., ISSN 1249-3872
Der Bericht kann bezogen werden vom Office Parlementaire d'Evaluation des Choix Scientifiques et Technologiques (OPECST), Assemblée Nationale, 233 Bd St Germain, F-75355 Paris Cedex 07 SP. Fax: ++ 33 (0) 1 40 63 88 08