[www.itas.kit.edu]     [TA-Datenbank-Nachrichten]     [Inhalt]
TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3 / 4, 7. Jahrgang - November 1998, S. 4-5

25 Jahre Technikfolgen-Abschätzung - ein Jubiläum besonderer Art

von Thomas Petermann, TAB

Vor 25 Jahren, im April 1973, brachte die damalige Oppositionsfraktion von CDU / CSU einen Gesetzesentwurf zur Errichtung eines parlamentarischen "Amtes zur Bewertung technologischer Entwicklungen" ein. Professor Paschen, als einer der damaligen Leiter der Studiengruppe für Systemforschung, Heidelberg, wurde in diesem Zusammenhang vom Deutschen Bundestag mit der Erstellung eines Gutachtens zur Institutionalisierung von Technikfolgenabschätzung beauftragt, das für die folgende politische und wissenschaftliche Debatte und die Praxis von TA eine wichtige Ausgangsbasis darstellte.

Nicht zuletzt auch anläßlich des 65. Geburtstages von Professor Paschen, führte das Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des Forschungszentrums Karlsruhe (FZK) am 17. und 18. Juni 1998 eine Veranstaltung im Wissenschaftszentrum Bonn durch. Ziel war es, eine Bilanz zu ziehen sowie einen Ausblick auf zukünftige Herausforderungen bei der gesellschaftlichen Gestaltung der wissenschaftlich-technischen Entwicklung zu versuchen.

Totgesagte leben länger

Von Kindesbeinen an war TA von Kritik begleitet. Man warf ihr vor, Technik madig zu machen, Risiken überzubetonen, den wissenschaftlichen Fortschritt bremsen, Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler gängeln zu wollen. Viele sahen ihr baldiges Ableben voraus. Trotz aller Kritik und allen Unkenrufen zum Trotz: TA hat sich weltweit als erstaunlich vital erwiesen.

Nicht zuletzt die zahlreich erschienene Festgemeinde - Prof. Dr. Popp, Vorstandsvorsitzender des FZK, konnte mehr als 300 Gäste begrüßen - demonstrierte eindrucksvoll, daß TA in Form vielfältiger Aktivitäten und in zahlreichen hochrangigen Einrichtungen durchaus noch am Leben ist. Dies gilt für Europa und für Deutschland, und insofern ist die mittlerweile erfolgte Schließung des OTA in den USA ohne Auswirkungen auf die europäische TA-Landschaft geblieben. Insbesondere in den Beiträgen der Redner dieser Veranstaltung wurde deutlich, daß sich die dortigen Einrichtungen als flexibel und in zahlreichen Bereichen als kreativ und innovativ erwiesen haben.

Zu solchen Neuorientierungen im Rahmen des TA-Leitbilds zählen sogenannte diskursive Verfahren, die mittlerweile eine weite Verbreitung erfahren haben. Hierüber berichtete Professor Renn von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg. Gegenüber der "klassischen" TA als expertengeprägte Politikberatung stehen in solchen diskursiven, häufig auch partizipativ genannten Verfahren Bürger als Laien im Mittelpunkt: Ausgewählte Bürger treffen im Rahmen von Diskursveranstaltungen zusammen, informieren sich über bestimmte Techniken und ihre Anwendung (z.B. Bio- und Gentechnologien) oder beraten über technische Infrastrukturanlagen (z.B. Mülldeponien, Verbrennungsanlagen). In intensiver Arbeit und in Kommunikation mit Experten bilden sie sich ihre Meinung und geben ihr Votum ab - eine Art Bürgerplebiszit im Kleinen -, das sich an Öffentlichkeit und Entscheidungsträger richtet.

Zu den weniger augenfälligen, aber sehr wichtigen Entwicklungen zählt die Tatsache, daß TA - jenseits von Institutionen und Verfahren - Eingang gefunden hat in die Lehre und die Ausbildung an Hochschulen. Professor Henning, Mitglied des Präsidiums des Verbandes Deutscher Ingenieure (VDI), und Professor Jischa, Universität Clausthal-Zellerfeld, wiesen auf die zentrale Rolle hin, die Technikbewertung - der VDI bevorzugt diesen Begriff - auf dem Weg zu einer neuen Ingenieurausbildung und einem veränderten Verständnis von verantwortungsvoller Ingenieurarbeit spielen kann.

Neue Herausforderungen - neue Aufgaben

Den Nutzen der TA für die praktische Politik in Deutschland betonten der Parlamentarische Staatssekretär im BMBF, Bernd Neumann und die Sprecherin der SPD im Bundestag für Bildung und Forschung, Frau Edelgard Bulmahn. TA sei insbesondere deshalb wichtig, um vor Entscheidungen Alternativen prüfen zu können. TA als Politikberatung hat gleichwohl keinen privilegierten Zugang zu den Entscheidungsprozessen des politischen Systems, steht in Konkurrenz zu vielen anderen Formen der Politikberatung und findet nicht immer das Ohr der Entscheidungsträger. Darauf wies der stellvertretende Leiter des TAB, Dr. Thomas Petermann hin. Für einen kommunikativen und effektiven Beratungsprozeß sind nicht unerhebliche Anstrengungen der Beteiligten notwendig. Angesichts vieler vorschnell geäußerter Diagnosen über folgenlose Folgenabschätzung wurde daran erinnert, daß die Wirklichkeit der Politikberatung allgemein schnelle, direkte und vollständige Umsetzung von Expertisen nicht kennt. Auch TA wird eher indirekt "wirksam" - in z.T. langfristigen Prozessen der Rezeption durch die Praxis.

Übereinstimmung herrschte, ausgesprochen und unausgesprochen, darüber, daß TA auch in Zukunft ihren Stellenwert behalten, u.U. noch steigern wird. Sie muß sich dann aber neuen Herausforderungen stellen - wie der zunehmenden Innovationsdynamik und der Globalisierung. Hierauf wies nachdrücklich Professor Meyer-Krahmer, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik und Innovationsforschung in Karlsruhe hin. Professor Paschen zeichnete ergänzend die zukünftige Agenda für TA:

Rückblick und Ausblick lassen eine vielfältige, gut etablierte Praxis der TA ebenso wie bleibende und neue Aufgabenfelder erkennen. Insofern könnte es durchaus sein, daß im Jahr 2023 wieder ein TA-Kongreß stattfindet, der nach dann 50 Jahren TA eine erneute Bilanz ziehen wird.


[www.itas.kit.edu]    [TA-Datenbank-Nachrichten]     [Inhalt]     [Zum Seitenanfang]

Stand: 15.12.1998 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion