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TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 3 / 4, 7. Jahrgang - November 1998, S. 73-77

Technikfolgenabschätzung und Ethik

Eine Untersuchung zu Verwendung und Stellenwert ethischer Kriterien in Konzepten und Verfahren zur Technikfolgenabschätzung anläßlich von Innovationen in der modernen Bio- bzw. Gentechnologie

von Barbara Skorupinski und Konrad Ott, Institut für Sozialethik der Universität Zürich

Im Rahmen eines Forschungsprojektes am Institut für Sozialethik der Universität Zürich soll am Beispiel der modernen Bio- und Gentechnologie zur Klärung des Verhältnisses von TA und Ethik beigetragen werden. Dieser Klärung wird für die konzeptionelle Weiterentwicklung von TA große Bedeutung beigemessen.

Technikfolgenabschätzung (TA) ist als eine politiknahe Institution entstanden, mit deren Hilfe verantwortliche Entscheidungen über wissenschaftliche und technische Entwicklungen ermöglicht werden sollen. Seit ihrer Entstehung hat TA verschiedene Veränderungen und Differenzierungen erfahren. Eine dieser Veränderungen besteht in der wachsenden Bedeutung der Bewertungsdimension. TA kommt die Aufgabe zu, Orientierungswissen für politische Entscheidungen unter den Bedingungen von Risiko und Ungewißheit bereitzustellen. Sofern innerhalb von TA-Verfahren Aussagen über die Erwünschtheit oder Unerwünschtheit technologischer Innovationen formuliert werden, wird implizit oder explizit auf Werte oder Normen zurückgegriffen. Daher besteht eine begründungstheoretische Verbindung zwischen TA und Ethik. Dabei werden zunehmend die diesbezüglichen Defizite der ursprünglichen Konzeption deutlich.

Diese Defizite lassen sich in folgende Fragen kleiden:

Eine systematische Klärung des Verhältnisses zwischen Technikfolgenabschätzung und Ethik ist daher für die konzeptionelle Weiterentwicklung von TA von großer Bedeutung.

In unserem Forschungsprojekt sollen - als Beitrag zu eben dieser Klärung - die folgenden Thesen begründet und daraus Gesichtspunkte und kritische Maßstäbe entwickelt werden, die für Diskurse im Bereich moderner Bio- und Gentechnologien relevant sind.

  1. TA ist aus prinzipiellen Gründen nicht von ethischen Fragen ablösbar. Konzeptionelle Probleme von TA sind immer mit normativen Fragen verknüpft.
  2. Wenn TA-Verfahren zu Ergebnissen kommen wollen, die über die bloße Präsentation von Optionen hinausgehen, ist es unerläßlich, der Bewertungdimension zentrale Bedeutung innerhalb von TA-Verfahren zukommen zu lassen.
  3. Es ist möglich und sinnvoll, Konzepte zu diskursiven und partizipativen TA-Verfahren in der Diskursethik zu verankern. Diese bedarf in bezug auf diskursive und partizipative TA-Verfahren jedoch der Spezifikation bzw. Modifikation.
  4. Es ergibt sich die Notwendigkeit, partizipative Elemente in TA-Konzeptionen bzw. -Verfahren zu integrieren.

Das Forschungsprojekt versucht die Begründung dieser Thesen aus zwei Richtungen. Zum einen in einem deskriptiv-empirischen, zum anderen in einem ethisch-normativen Zugang. Der empirisch-deskriptive Zugang umfaßt eine gründliche Analyse und den Vergleich von TA-Konzeptionen und -Verfahren. Der inhaltliche Fokus dieser Untersuchung liegt auf TA im Bereich der modernen Bio- und Gentechnologie. Der theoretisch-normative Zugang verlangt zunächst die Entwicklung der theoretischen Voraussetzungen, dies umfaßt neben den ethischen Grundlagen eine ausführliche Klärung des Begriffsfeldes "Technikfolgenabschätzung". Im Anschluß an die empirischen Untersuchungen werden deren Ergebnisse einer normativen Reflexion unterzogen. Es gehört zu den Ansprüchen unserer Arbeit, ethische Fragen im Ausgang von den für TA-Konzepte und -Verfahren relevanten Problemen zu bearbeiten, wie sie sich in der TA-Praxis aufweisen lassen. Ziele des Projektes sind eine stringente Begründung der Thesen, eine Vertiefung zentraler normativ-ethischer Problemstellungen von TA, inhaltliche Beiträge zum Diskurs über die Risiken der Gentechnik sowie zuletzt ein Vorschlag zu einem umfassenden TA-Verfahrenskonzept.

Indessen zeigt bereits der sorgfältige Blick auf das Begriffsfeld "Technikfolgenabschätzung", daß sich entscheidende begriffliche, methodische und konzeptionelle Probleme von TA nicht von ethischen Fragen lösen lassen. Diese können immanent in den Grundbegriffen von TA aufgewiesen werden. Verbreitete Bestimmungen von TA wie Frühwarnung, Politikberatung, Risikokommunikation, Erhöhung der Rationalität und Legitimität technikpolitischer Entscheidungen sind implizit normativ. Auch die Begriffe der Gestaltung, und der Planung - im Zusammenhang mit TA - sowie des Orientierungswissens sind auf den Begriff der Zukunftsverantwortung und damit implizit auf Werte und moralische Normen rückbezogen. Gleiches gilt für die Fragen nach der Akzeptabilität von technischen Risiken. Der Begriff der Abwägung, ohne den TA nicht auskommt, führt ebenfalls auf Grundprobleme der aristotelischen, der utilitaristischen aber auch einer diskursorientierten Ethik. [1] Auch die szientifisch geprägte Technikfolgenforschung ist durch Fragestellungen, die Wahl der Methoden und der Semantik, durch Fokussierungen und Ausblendungen implizit wertend.

Die normativ relevanten Bezüge von TA haben einen unterschiedlichen Status. Sie können auf drei Ebenen vorliegen:

In bezug auf die erste Ebene ist es wichtig, verschiedene präskriptive Urteilsarten zu unterscheiden und in ihrem Verhältnis zu klären. [2] Zum Aufweis normativer Präsuppositionen bzw. um Hinweise auf konstitutive Regeln von TA zu gewinnen, ist der Vergleich von Konzeptionen ein geeigneter Ansatz.

Aus dem analytischen Vergleich von vorerst drei TA-Verfahren bzw. der ihnen zugrunde liegenden Konzeptionen [3] ergaben sich folgende, aus ethischer Perspektive relevanten Parameter des Vergleichs:

Aus den Untersuchungen verschiedener TA-Konzepte lassen sich anhand dieser Vergleichshinsichten immanente Verbindungen von konzeptionellen mit normativ-ethischen Fragen herausarbeiten.

Zu den empirischen Untersuchungen gehört ein zweiter genauerer Blick auf das "Verfahren zur Technikfolgenabschätzung des Anbaus von Kulturpflanzen mit gentechnisch erzeugter Herbizidresistenz" (WZB, Berlin). In der Tat gebietet sich eine Untersuchung dieses TA-Verfahrens im Rahmen unseres Projekts, ist es doch - auch nach eigenem Selbstverständnis - das bisher ambitionierteste Experiment partizipativer TA in dem von uns anvisierten Bereich moderner Bio- und Gentechnologien. [4] Auf allen drei oben angesprochenen Ebenen finden sich aus ethischer Perspektive Gesichtspunkte, die in den Kommentaren zum WZB-Verfahren bisher nicht adäquat diskutiert wurden. Beispiele sind der Rekurs der WZB-Gruppe auf den Verfahrensbegriff bei John Rawls, die Definition von Diskursrisiken, die Probleme der Ergebniskontrolle, des diskursinternen Umgangs mit diskursexternen Loyalitäten sowie des Schlußfolgerns aus komplexen Argumentationslagen.

Die inhaltliche Zuspitzung des Forschungsprojekts liegt bei den ethisch relevanten Implikationen in der Diskussion um die Freisetzung von gentechnisch veränderten Organismen. Sowohl die innerwissenschaftliche als auch die gesellschaftliche Kontroverse um moderne Bio- bzw. Gentechnologien enthalten Dissense in empirischer und in normativer Hinsicht. Die Dissense der innerwissenschaftlichen Debatte sind geprägt von unterschiedlichen Bewertungen der den Faktor "Ungewißheit" bestimmenden Einflußgrößen. In der gesellschaftlichen Debatte um die neuen Technologien spielen Bewertungen der Folgen und ihre Wünschbarkeit eine wichtige Rolle. Normative Dissense betreffen nicht nur mögliche Risiken, sondern gehen darüber hinaus. Wichtige Kontroversen bestehen in Fragen der Bewertung der gesundheitlichen und der Umweltverträglichkeit, der gesellschaftlichen Akzeptabilität und der Sozialverträglichkeit, der Bedeutung wirtschaftlicher Argumente - insbesondere der Nachhaltigkeit von Wirtschaftsformen und Fragen der Bewertung alternativer (technischer) Optionen. Die Einschätzungen der in dieser Debatte verwendeten Argumente [5] modifizieren sich gegenseitig, sie sind zwar analytisch zu unterscheiden, verweisen aber argumentationslogisch aufeinander. [6] Diese Dissense stehen hinter unterschiedlichen politischen Regelungsoptionen. TA muß sich mit beiden Ebenen von Kontroversen auseinandersetzen. Hier erwarten wir, einen Beitrag zur Weiterentwicklung von TA in diesem Bereich liefern zu können.

Auf der allgemeinen ethischen Ebene wird die Frage der Anwendbarkeit der Diskursethik (Habermas, Apel) für diskursive und partizipative TA-Verfahren untersucht. Es wird gezeigt, daß diskursive Komponenten kein schmückendes Beiwerk von TA, sondern in der Idee von TA enthalten sind. Die Anwendbarkeit der Diskursethik auf TA-Verfahren ist gegeben, wenngleich sich erstens solche Verfahren von "reinen" praktischen Diskursen über die Gültigkeit von Handlungsnormen in etlichen Hinsichten unterscheiden, zweitens erhebliche argumentationstheoretische Folgeprobleme auftreten und drittens die Konsensidee zu modifizieren ist. Die in TA-Verfahren unvermeidliche Pluralisierung der Sorten legitimer Pro- und Contra-Gründe schmälert die Aussicht auf einen streng definierten Konsens. Wenn in diskursiven TA-Verfahren von praktischer Vernunft "auf ganzer Bandbreite" Gebrauch gemacht werden darf und muß, können sich die vorgebrachten Gründe pro und contra selbst idealiter nicht mehr so "zu einem kohärenten Ganzen verdichten" [7] , daß Teilnehmer aufgrund der gleichen Gründe zur gleichen Einsicht in bezug auf die wünschenswerteste Regulierung gelangen müssen. Man steht im Bereich von TA vor einer gegenläufigen Dialektik der Konsensausrichtung jedes einzelnen Arguments bei gleichzeitigem Anwachsen von Dissens- und Abwägungsspielräumen durch die Pluralität, Heterogenität und Interpretationsbedürftigkeit der Argumente. Das - idealiter - gleiche Wissen um alle vorgebrachten und geprüften Gründe muß sich daher nicht in gleichsinnige Schlußfolgerungen in bezug auf mögliche Regelungsoptionen umsetzen. Der Begriff des strengen Konsenses ist aus argumentationstheoretischen Gründen für TA-Kontexte zu stark.

Der in neueren Kommentaren zur Diskursethik [8] vorgeschlagene Begriff des moralisch motivierten Kompromisses scheint hier einen gangbaren Weg anzubieten. Dazu muß das Konzept auf diesbezügliche TA-Reflexionen bezogen werden. [9] Es trifft nicht zu, daß Kompromißsuche immer in strategischer Einstellung erfolgen muß.

Die Diskursidee muß für TA-Verfahren konzeptionell gefaßt werden. Hierbei können Phasenmodelle, Fokussierungsoptionen [10] und Konzeptteile [11] gleichsam wie Module verwendet und auf verschiedene Weise miteinander verknüpft und gekoppelt werden. [12] Konzepte für diskursive TA sind zugleich eine bestimmte Negation der Diskursidee - im Sinne einer Spezifikation - und Bemühungen, sich dieser Idee approximativ anzunähern.

Im Anschluß daran läßt sich die Frage beantworten, um welche Art von Verfahren es sich bei diskursiven TA-Verfahren eigentlich handelt. Unsere Antwort lautet: Um Verfahren der Urteils- und Willensbildung, welche zwar die inhaltliche Richtigkeit ihrer Ergebnisse fördern und eine "Vermutung der Vernünftigkeit" begründen, die Richtigkeit der Ergebnisse aber nicht zweifelsfrei garantieren können. Dissens in bezug auf Ergebnisse bleibt möglich auch dann, wenn Verfahrensregeln eingehalten wurden. Gleichwohl ist die korrekte Durchführung einer diskursiven TA ein Argument für die Verbindlichkeit der (möglichen) Ergebnisse. [13] Von daher gehen von Ergebnissen diskursiver TA verbindliche Wirkungen auf politische Entscheidungsprozesse aus.


Anmerkungen

[1] Welche Rolle kommt der phronesis zu, welche Rolle können Analyseinstrumente wie das der Ermittlung der Nutzensumme spielen? Wie wägt man in Diskursen ab?

[2] Prudentielle Gründe, Grundrechte, Leitbilder, Verträglichkeitsdimensionen, Risikoargumente usw.

[3] Es handelt sich um die Konzepte der folgenden TA-Verfahren:

[4] Insofern scheinen uns Bemerkungen von R. Döbert, mit denen dieser sich grundsätzlich gegen ex-post Analysen und Kritik an dem Verfahren zur Wehr setzt, nicht maßgeblich zu sein. "In allen Fällen operieren die Autoren notgedrungen als Beobachter eines äußeren Geschehens, dessen Interna und Sinn ihnen an wichtigen Punkten verborgen bleiben muß" (Döbert R. (1996): Verhandeln - Entscheiden - Argumentieren in welchem Kontext, einige Notizen zu T. Saretzkis "Verhandelten Diskursen" in: V.v. Prittwitz (Hg.) Verhandeln und Argumentieren, S. 169-181.

[5] Risikoargumente, Bedarfsargumente, biozentrische Argumente, Kompensationsargumente, Argumente betreffs landwirtschaftlicher Alternativen, Gerechtigkeitsargumente, Welternährungsargumente, Standortargumente usw.

[6] Dieser Bezug der Argumente zueinander ist aber keineswegs (notwendig) einer des kaskadenartigen "Sich-Erschlagens", wie es der Abschlußbericht des WZB-Verfahrens nahelegt.

[7] So aber das Ideal bei Habermas.

[8] Bohmann, J. (1996): Öffentlicher Vernunftgebrauch, in: Apel, K.O.; Kettner, M. (Hrsg.), Die eine Vernunft und die vielen Rationalitäten, Frankfurt, S. 266 - 295.

[9] Vgl. die diversen Publikationen von Gloede, Renn, Saretzki.

[10] Problem- oder technikinduzierte TA.

[11] Z.B. Gutachten, Wertbaumanalyse, Bürgerforen.

[12] So auch O. Renn/T. Webler: Der kooperative Diskurs, Grundkonzeption und Fallbeispiel, in: Analyse und Kritik, 18. Jg. 12/96, S. 180-203.

[13] Vgl. hierzu Peters, B. (1991): Rationalität, Recht, Gesellschaft, Frankfurt, insb. Kap. VI.


Kontakt

Dr. Barbara Skorupinski
Institut für Sozialethik, Universität Zürich
Zollikerstr. 117, CH-8008 Zürich
Tel.: ++ 41 (0) 1 / 6348511
Fax: ++ 41 (0) 1 / 6348507
E-mail: bask@sozethik.unizh.ch


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Stand: 15.12.1998 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion