Notizen zu einer Tagung in Otzenhausen, 3.-5. Juni 1998
von Bernd Wingert, ITAS
Das europäische Bildungszentrum Otzenhausen liegt in den hügeligen Ausläufern des Hunsrück, am Autobahndreieck bei Nonnweiler, und damit nicht weit von jenem Länderdreieck entfernt, wo sich Saarland, Luxenburg und Lothringen treffen. Daß es am Starnberger See, in Bad Boll oder in Bad Herrenalb Akademien gibt, ist dem wißbegierigen Tagungsbesucher hinlänglich bekannt. Aber Otzenhausen? Eine "Europäische Akademie" (die einer der Träger des Bildungszentrums ist) in eine solche ruhige Ecke zu legen, mag die heimliche Botschaft transportieren, daß der europäische Gedanke Ruhe braucht und ein wenig Luxus durchaus vertragen kann, um befördert zu werden; jedenfalls sind Service, Atmosphäre und Ausstattung des Zentrums exzellent und für Seminarplaner sicher eine gute Wahl.
Nunmehr zum dritten Mal hatten Peter Winterhoff-Spurk und Michael Jäckel zu einer Tagung eingeladen - der erste Professor für Medienpsychologie in Saarbrücken, der zweite Professor für Soziologie in Trier. Vor zwei Jahren ging es um die Frage einer sich eventuell herausbildenden "medialen Klassengesellschaft", dieses Mal um einen anderen Aspekt der Medien: "Politische Eliten in der Mediengesellschaft". Die Tagung lief über zweieinhalb Tage und war vom Thema her sorgfältig aufgebaut. Nach einer medienpsychologischen Einführung durch Winterhoff-Spurk und einer weiteren, nun kommunikationssoziologischen, durch Jäckel, gab es drei Themenblöcke. Sie waren Fragen der Rekrutierung der politischen Eliten, der Darstellung in den Medien und der Analyse von Medienwirkungen gewidmet. Jeder Block wurde zum einen eher psychologisch, zum anderen eher soziologisch angegangen. Den Abschluß bildete ein Beitrag von Dieter Zimmer (ZDF, Redaktionsleiter Dokumentation und Reportage) mit der Innenperspektive, "Politik im Fernsehen - von innen betrachtet".
Der thematische Fahrplan wurde mit zwei Zugaben versehen, einem Experiment und einer Exkursion. Das Experiment lief am Abend des ersten Tages und hatte die Form eines Kamingesprächs mit zwei Politikern, von den beiden genannten Leitern moderiert; die zweite Zugabe war eine geführte Wanderung am zweiten Tag zum sog. Hunnenring, einer keltischen Wehranlage aus dem 4. Jahrhundert n. Chr.
Daß selbst bei so sorgfältiger Planung nicht unbedingt alle Erwartungen aufgehen müssen, kann vorkommen und traf insbesondere auf das Kamingespräch am Abend des ersten Tagungstages zu. Denn die beiden Eingeladenen konnten die seltene Kombination aufweisen, vom Tätigkeitsfeld her der Politik, vom Fach der Psychologie zugeordnet zu sein, so daß - und das war eine der Erwartungen - Fragen der Medienpräsenz und -darstellung aus dieser doppelten Perspektive hätten beleuchtet werden können. Aber diese Erwartung ging nicht ganz auf. Doch genügend interessanter Stoff wurde noch geliefert. Und damit einige Stichworte zu den einzelnen Beiträgen, die im Frühjahr 99 nachgelesen werden können.
Peter Winterhoff-Spurk unternahm als Einführung eine Sichtung der einschlägigen Konzepte, was die Motivlage der "Politiker in der Mediengesellschaft" angeht und führte anhand zahlreicher Zitate die Narzißmus-These aus, die sich vor allem in psychoanalytisch getönten Analysen findet, aber nicht nur dort. Diese These verliert schnell von ihrem pathologischen Schrecken (und wird dann auch für Politiker diskutierbar), wenn man sich Narzißmus als psychodynamisches Muster vorstellt, das selbstverständlich auch in den Bereich des Normalen hineinreichen kann. Deshalb sollte von einer narzißtischen Persönlichkeit, wie Winterhoff-Spurk unter Rückgriff auf Arbeiten von Kernberg und Kets de Vries darlegte, erst dann gesprochen werden, "wenn Größenideen, eine extrem egoistische Einstellung anderen gegenüber sowie ein auffälliger Mangel an Empathie und extreme Abhängigkeit von der Bewunderung durch andere vorliegen". Wenn nun aber Politik im allgemeinen und Politikerdarstellung in Zeiten von Wahlkampf im besonderen eine Veranstaltung ist, die im Fernsehen läuft, und dieses Bildmedium von seiner Logik durchaus konsequent auf Personalisierung von Auseinandersetzungen setzt, dann ist leicht nachzuvollziehen, wie Persönlichkeitsstruktur und Mediensystem in eine sich wechselseitig verstärkende Beziehung treten können.
Michael Jäckel unternahm in seiner soziologischen Einführung eine tour d'horizon durch diverse Gefilde, so zu Entwicklungen in der Politik, im Journalismus, oder zu den Wirkungen des Mediums (qua Fernsehen), wobei er auf Ansätze von Goffman und Meyrowitz zurückgriff. Zur Entwicklung des Journalismus stellte er eine Untersuchung von Patterson (1993) vor, aus deren Zeitreihen seit den 60er Jahren u.a. hervorging, wie die schlechten Nachrichten über Politiker zugenommen haben. Abschließend vertrat Jäckel die These, daß es infolge des Einflusses des Fernsehens zu einer scheinbaren Öffnung von Politik komme, aber das Publikum faktisch noch wirkungsvoller von den Entscheidungen ausgeschlossen sei.
Der erste Beitrag zum Themenblock "Rekrutierung" am Donnerstag morgen war zunächst wieder der psychologischen Ebene gewidmet, genauer: einer von Dr. B. König (Bonn) vorgelegten psychoanalytischen Skizze der "Lust, ganz oben zu sein". König konnte die aus der Kombination "Psychoanalyse - Politik - Bonn" aufsprießende Neugierde natürlich nicht befriedigen (und hätte es berufsethisch auch nicht gedurft); er blieb stattdessen erfreulich nüchtern und strukturalistisch in seiner Argumentationsweise. Es ging ihm darum herauszuarbeiten, daß man von einer "Funktionselite", die sich mehrheitlich aus "protektiven Zusammenhängen" rekrutiere und aus abhängigen Stellungen käme, keine "Gestaltungselite" erwarten dürfe.
Dr. Frank Brettschneider (Universität Stuttgart, Institut für Politikwissenschaft) trug empirische Ergebnisse aus einer Arbeit vor, für die er zusammen mit seiner Kollegin, Angelika Vetter, den Emnid-Wissenschaftspreis 1997 erhalten hatte. Dieser besteht funktional gesehen darin, daß die Gewinner für 15 Minuten Fragen in eine Mehrthemenbefragung aufnehmen lassen können und die Umfragedaten zur Verfügung gestellt bekommen (Umfrage im November 1997; 1000er Sample, Wohnbevölkerung ab 18 Jahre). In der Studie ging es darum, die Kandidatenimages von Kohl und Schröder vor der anstehenden Bundestagswahl mit Hilfe von Eigenschaftsskalen und dimensionsanalytischen Verfahren herauszuarbeiten und einige Abhängigkeiten zu untersuchen, etwa wie die Kandidateneinstufung mit der individuellen Mediennutzung zusammenhängt oder wie sich die Parteieneigung in den Einschätzungen niederschlägt.
Die am Donnerstag nachmittag folgenden zwei Beiträge gingen nicht nur auf interessante Aspekte ein, zum einen "Selbstdarstellung" als einer psychologischen Sicht (Dr. Astrid Schütz; Bamberg), zum anderen "Symbol-Kompetenz" aus einer politik- und kunstwissenschaftlichen Sicht (Dr. Marion Müller, Hamburg), sondern es war ausgesprochen angenehm, daß beide Referentinnen ausreichend Anschauungsmaterial ausbreiteten bzw. vorführten. Schütz arbeitete u.a. mit Szenenausschnitten von Politikerbefragungen, die sie von Probanden einschätzen ließ. Marion Müller arbeitete gleich mit zwei Diaprojektoren und lieferte eine an amerikanischen und deutschen Wahlplakaten ansetzende Analyse, die durch Differenzierung und präzise Sprachlichkeit beeindruckte. Um nur ein Beispiel für solche "politische Ikonographie" zu geben, sei an jene Geste und Haltung erinnert, wie Mitterand mit der linken Hand fest an das Revers greift, aufrecht und entschlossen dastehend, den Blick in die Ferne gerichtet; diese Geste findet sich auf frühen Wahlplakaten ebenso wie auf einem späten Foto vor seinem Tod; und diese Geste war schon auf einem Gemälde von Lenin zu sehen und fand sich vor einem positiv stimmenden rötlich-braunen Hintergrund noch bei Lafontaine.
Am Freitag vormittag gab es neben dem bereits erwähnten praktischen und medien-internen Bericht von Dieter Zimmer zwei eher wissenschaftliche Beiträge, den ersten vom "Jugendforscher" Prof. R. Eckert (Soziologe in Trier) zu Möglichkeiten und Beispielen, wie Jugendliche die politische Agenda beeinflussen können. Dabei griff er als theoretische Rahmenvorstellung auf die "ökonomische Theorie des Wählerverhaltens" von Downs zurück und machte so Zwänge und Unterschiede des Agierens von "Großanbietern" von Politik im Gegensatz zu "Kleinanbietern" deutlich; letztere brauchen z.B. auf sozialen Konsens weniger Rücksicht zu nehmen, können damit bestimmte Themen leichter "theatralisieren" und politisieren.
Noch sehr viel näher am empirischen Detail hielt sich der nachfolgende Vortrag von Dr. Ulli Gleich (Universität Koblenz/Landau) auf, der in einer noch laufenden Untersuchung mit 400 Probanden untersucht, was "parasoziale Bindungen zu Politikern" für Medienrezipienten bedeuten. Zu diesem Zweck erhob er u.a. Einschätzungen zu einem "besten Freund", einem "guten Nachbarn" und "einer TV-Figur" und fand u.a. heraus, daß solche TV-Lieblingspersonen für die befragten Studenten nicht die Funktion haben, Defizite auszugleichen.
Dieter Zimmer, seit 1963 beim ZDF, ist nunmehr, "nach zehn Jahren Aktualität", wie er sagte, in einem Ressort, wo er sich mehr den Hintergründen des Tagesgeschehens widmen kann. Er knüpfte an das Dilemma der öffentlich-rechtlichen Sender an, das sein Intendant einmal so umrissen habe: Entweder glichen sich die öffentlich-rechtlichen Sender an die privaten an und liefen dann Gefahr, von denen nicht mehr unterscheidbar zu sein; oder sie setzen auf ihr qualitätsorientiertes Programm und niemand wolle es sehen. Ganz so unentrinnbar wollte Zimmer das aber nicht verstanden wissen; er setze vielmehr langfristig auf ein Qualitätsbewußtsein der Zuschauer, sehe aber bei ihnen gleichwohl kaum Möglichkeiten, "in diesem Medium" (Fernsehen) politische Hintergründe zu vermitteln.