[www.itas.kit.edu]     [TA-Datenbank-Nachrichten]     [Inhalt]
TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 1, 8. Jahrgang - März 1999, S. 151-154

Diskussionsforum


Volkswirtschaftliche Marktforschung versus soziologische Wesensschau

Zu den erstaunlichen Anmerkungen von Fritz Gloede [1]

von Gunther Tichy, Institut für Technikfolgen-Abschätzung, Wien

Fritz Gloede hat Probleme mit Metaphern. Es bereitet ihm keine Probleme, "dem bodenlosen Faß gleichsam die Krone aufzusetzen" (Gloede 1998: 146), doch der "Wind, der TA gegenwärtig ins Gesicht bläst" (Tichy 1998: 122) paßt nicht in seine Welt: Mein simpler "Wind" (Tichy: 122) steigert sich im Zuge seiner Philippika zum "scharfen Nord-Ost" (140) und zum "eisigen Wind" (141), so daß Gloede mit Bob Dylan glauben kann, kein Meteorologe sein zu müssen, um zu erkennen, wo er blase; er vermag allerdings nicht zu erkennen, daß derjenige, dem der Wind ins Gesicht bläst, selten selbst daran schuld ist. Mit anderen Worten - ganz unmetaphorisch: In meinem Diskussionsbeitrag geht es nicht um eine Kritik an der "klassischen" TA, sondern um eine Analyse der Änderungen des Umfelds, in dem sie agiert; es geht um die Frage, wieweit sich TA anpassen muß, wenn sich ihr Umfeld ändert. Als Volkswirt mit langer Erfahrung in Politikberatung versuche ich nicht "Wesensschau" von TA, sondern quasi "Marktforschung", wenn schon nicht empirisch, so doch wenigstens theoretisch: Ich frage nach den geeigneten Ansatzpunkten von TA und nach den entsprechenden "Kunden" für TA unter den geänderten Bedingungen. Dabei gehe ich von der Annahme aus, daß TA zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen kann, da Entscheidungen über Technologien stets erhebliche Externalitäten beinhalten, die von marktzentrierten Ansätzen nicht genügend berücksichtigt werden (können); "Kunde" von TA in diesem Sinn ist die Zivilgesellschaft. Es gilt, die geeigneten Ansatzpunkte zu finden, um deren Bedürfnisse befriedigen zu können.

Geänderte Umweltbedingungen oder Fundamentalkritik an TA?

Unter geänderten Umweltbedingungen hatte ich in meinem Beitrag das gegenwärtige - fast blinde - Vertrauen in Marktprozesse im Gegensatz zu gesellschaftlicher (oder politischer) Steuerung verstanden, die Kapitulation der Politik vor dem Markt, die geänderte Einstellung der Öffentlichkeit zur Wissenschaft, und die - verglichen mit den USA der sechziger Jahre - weniger bedeutende Rolle des Parlaments; die - von der Redaktion fett gedruckte - Einleitung meines Beitrags sollte diesbezüglich keine Zweifel offen gelassen haben. Dennoch bemüht sich Gloede, zunächst meine Argumente als "fundierte Kritik am Leistungsvermögen von TA" (140) mißzuverstehen, um sich dann meiner Meinung offenbar doch anzuschließen:

"... signalisiert seine Darstellung ganz allgemein, ... daß sich der politische Wind vom Neo-Keynesianismus zur 'Modeerscheinung'(!) Neo-Liberalismus gedreht hat (was bekanntlich selbst schon wieder der Kritik unterliegt); kurzum: daß TA aus Gründen je aktueller politischer und gesellschaftlicher Kräfteverhältnisse 'weniger gefragt' (128) sein könnte. Soweit die letzte Kritikdimension angesprochen ist, werden Korrekturen am (klassischen) TA-Programm aus Gründen gegebener Machtverhältnisse vielleicht erzwungen, basieren gleichwohl nicht zwingend auf argumentativ überzeugenden Einwänden." (Gloede: 141).

Einzelne Punkte sind zwar nicht ganz verständlich - widerlegt nicht der Klammerausdruck das Rufzeichen hinter "Modeerscheinung", ist "Anpassung an Umweltbedingungen" tatsächlich "Korrektur auf Grund gegebener Machtverhältnisse", und was sind die geforderten "argumentativ überzeugenden Einwände"? - doch alles in allem formuliert Gloede durchaus meine Argumente: es geht um "Korrektur" oder "Anpassung" von TA an die neuen Bedingungen, die allerdings eher durch den Wandel der Ideologien als der Machtverhältnisse geprägt sind; es geht - in diesem Beitrag - nicht um Kritik am Leistungsvermögen klassischer TA. Somit besteht offenbar wenig Differenz zwischen Gloede und Tichy in diesem Punkt. Doch auch im folgenden stimmt Gloede mit mir weitgehend überein, wenn er behauptet:

"Wenn überhaupt besteht wohl weniger Grund zu existentieller Sorge, als eher zu einer gewissen Desillusionierung bezüglich des 'Einflusses' und der

'Folgen', die die erfolgreiche TA-Institutionalisierung auf/für die gesellschaftliche Technikentwicklung gehabt hat" (Gloede: 141).

Es besteht tatsächlich kein Anlaß zu existentieller Sorge, ich bin nicht einmal "desillusioniert", ich suche bloß nach passenden Ansatzpunkten unter den neuen Umweltbedingungen.

Die neuen Umweltbedingungen

Trotz unserer Übereinstimmung, daß die "erfolgreiche TA-Institutionalisierung auf/für die gesellschaftliche Technikentwicklung" größeren Einfluß haben könnte, daß "Korrekturen am (klassischen) TA-Programm aus Gründen gegebener Machtverhältnisse vielleicht erzwungen" werden, und daß man daher nach solchen aktiv suchen sollte, geht Gloede im folgenden

"jene Punkte durch, die sich virtuell dem Kontext seriöser TA-Kritik zuordnen lassen. Zu meinem größten Erstaunen sieht Tichy hier das 'klassische' TA-Programm mit einem illusionären (und überdies unzeitgemäßem?) Steuerungsanspruch verbunden" (141).

Aus meinen Ausführungen, sowohl in der Einleitung als auch in dem darauf folgenden Absatz sollte allerdings klar hervorgehen, daß ich nicht Steuerung durch TA, auch nicht technokratische Steuerung, sondern gesellschaftlich-politische anstelle ausschließlich marktmäßiger Steuerung meine; das zeigt die Betonung der Externalitäten und der Verweis auf ähnliche Tendenzen in der Ökonomie (Keynesianismus versus Neo-Liberalismus), die sonst unverständlich sein müßten. Wird gesellschaftlich-politische Steuerung zugunsten rein marktmäßiger abgelehnt, wie das derzeit vielfach der Fall ist, besteht zwangsläufig weniger Bedarf an TA, und "der Wind bläst ..." - doch lassen wir besser die Metaphern. Auch hier kommt Gloede jedoch, nachdem er mich über die "nicht ganz unbekannte Literatur" belehrt hat, letztlich meiner Analyse sehr nahe:

"Auch hier scheinen es mir eher Akteure aus der gesellschaftlichen Umwelt von TA zu sein, ... die solches (nämlich den Steuerungsanspruch, G.T.) zuweilen im Sinne haben ..." (Gloede: 142);

genau um diese Änderung der gesellschaftlichen Umwelt von TA in Richtung Marktvertrauen ist es mir gegangen! Am Rande sei erwähnt, daß der moderne Steuerungsbegriff keineswegs ausschließlich hierarchisch zu verstehen ist, daß er Verhandlungslösungen und Mechanismen horizontaler Selbstkoordination sehr wohl einschließt.

"Ähnlich verhält es sich mit dem zweiten kritisierten Postulat, dem Anspruch auf wissenschaftliche 'Objektivität'. ... Wiederum ist es meist eher die Seite der (politischen) Adressaten, die die 'Objektivität' selbst dann anmahnt, wenn sie selbst an der Problemformulierung beteiligt war" (Gloede 142).

Abermals erkennt Gloede, daß es um ein gesellschaftliches Problem geht, nicht um Kritik an TA. Allerdings beschäftige ich mich weniger mit dem Anspruch auf Objektivität bzw. prognostische Präzision als vielmehr damit, daß "die Öffentlichkeit" in den sechziger und siebziger Jahren ein eher positives Bild der Wissenschaft hatte und ihr Problemlösungskapazität zubilligte (gut für TA als Wissenschaft), heute hingegen die Wissenschaft eher als Ursache von Problemen ansieht (schlecht für TA als Wissenschaft).

Überrascht stelle ich weiters fest, daß Gloede und ich auch bezüglich der "umfassenden Folgenabschätzung" weitgehend übereinstimmen, trotz meiner Ignoranz: Auch wenn meine "Wahrnehmung von den nur allzu geläufigen Stereotypen nicht frei" (Gloede: 122) ist und ich "wenig vertraut mit der mittlerweile in die Jahre gekommenen TA-Literatur" bin (122); - immerhin:

"Soweit sich Tichy diese Auffassung zu eigen gemacht haben sollte (nämlich die von Gloede, G.T.), verrät sie eigentlich mehr über den Zuschnitt alltäglicher politischer Entscheidungen als über das Dilemma der TA" (Gloede 122).

Wiederum erkennt Gloede letztlich, daß es um das neue Umfeld von TA geht, nicht um deren "Wesen".

Die "Parlamentsfixiertheit"

"Schließlich zum letzten Punkt der Tichyschen Anamnese: Die Parlamentsorientierung oder gar 'Fixiertheit' der sogenannten klassischen TA als Ausweis mangelnder Paßform" (Gloede: 143).

Ich hatte weder von "Fixiertheit" gesprochen, noch

"aus den Augen verloren, daß die OTA-Gründung als Reaktion auf ein wahrgenommenes kognitiv-wissenschaftliches Übergewicht der Administration erfolgte" (Gloede: 143);

ich hatte bezüglich TA von einer "Konzentration auf die Beratung des Parlaments" gesprochen, die für die USA paßt, "wo ein ausgeprägter Machtkampf zwischen Parlament und Administration dominiert, der durch einen Informationsmangel des Parlaments geprägt ist" (Tichy: 122). Ich hatte gedacht, daß unsere beiden Formulierungen inhaltlich identisch wären, auch wenn meine Formulierung der Soziologenfachsprache entbehrt; andererseits macht mich eine folgende Formulierung Gloedes unsicher:

"Doch mußte nicht erst Monica Lewinsky in Erscheinung treten, um zu erhellen, daß die oft überstilisierte Differenz von Parlament und Administration auch in den USA keineswegs das Maß aller Dinge ist" (144).

Wer von uns beiden hat nun was aus den Augen verloren?

Mir geht es auch in diesem Fall um die Analyse der Umweltbedingungen für TA im Europa der endenden neunziger Jahre; ich glaube, einen gewissen Bedeutungsverlust der Parlamente zu erkennen: Die Initiativen zu Reformen sind in den letzten Jahren eher (d.h. keinesfalls ausschließlich) von den Regierungen und von der Kommission der Europäischen Gemeinschaften als von den nationalen Parlamenten ausgegangen, die Gestaltungskraft einbüßten und zumeist bloß Regierungsvorlagen modifizierten (u.U. auch ablehnten). In vielen Fällen sind die Positionen bei der Behandlung im Parlament ideologisch oder nach Parteizugehörigkeit von vornherein festgelegt, es geht vielfach um Regierung versus Opposition oder um die Priorität der Initiative. Ein "besonderer Ansatzpunkt für TA fehlt vielfach" (Tichy: 122), wenn auch die jeweiligen Gegner der Vorlage für kritisches Material durchaus dankbar sind. Gloede (144) mißversteht mich völlig, wenn er das für ein "Lamento" hält; mir geht es - wie erwähnt - um Marktforschung (für TA), um die Frage, wie TA ihren wissenschaftlichen Input in Politik und öffentliche Diskussion am besten leisten kann, nicht um einen evaluierenden Kommentar zur Entwicklung der "Umwelt". Aber wieder bestätigt mich Gloede - wohl unabsichtlich - wenn er betont, daß die parlamentarische TA

"munter (freilich in bescheidenem Ausmaß) dort ihrem Geschäft nachgehen kann, wo ihr Tichy zufolge recht eigentlich die Funktion fehlt" (Gloede 144),

nämlich in den europäischen Parlamenten: Gloede freut sich, daß TA dort munter ihrem Geschäft nachgehen kann; mir gibt zu bedenken, daß TA das bloß in bescheidenem Ausmaß tun kann! Demgemäß der Versuch meiner "Marktforschung": Können wir nicht vielleicht doch Ansatzpunkte finden, um über das bescheidene Maß hinauszukommen?

Verwaltung und prozeßorientierte TA

"Nimmt man sodann Tichys euphorische Entdeckung der Administration als 'neuen' vielversprechenden Klienten von TA hinzu, reibt man sich doch verdutzt die Augen. ... Es muß fehlender Erfahrung im Umgang mit der 'neuen' Klientel geschuldet sein, ... daß Tichy so frohgemut in die Zukunft blickt" (Gloede: 144).

Verdutzt bin nun tatsächlich ich, und zwar über Gloedes Verständnisprobleme; denn ich hatte bloß behauptet: "Ein entscheidender Ansatzpunkt ist bei der Administration und bei den Regulierungsbehörden zu finden" (123, meine Hervorhebung, G.T.); in unseren Breiten gilt solches nicht als Euphorie, und Frohmut äußert sich zumeist überschwenglicher! Ansatzpunkte mit steigender Bedeutung läßt meine theoretische Marktforschung im Bereich der Verwaltung tatsächlich erkennen: Die Privatisierungen und Deregulierungen haben einen Bedarf an Reregulierung, an "better regulation" mit einem weiten Horizont entstehen lassen, und die Schnittstellenprobleme Technik-Organisation gewinnen zunehmend an Bedeutung; Kooperationsbedarf und -bereitschaft der Verwaltung haben zugenommen, weil die neuen Aufgaben ungleich komplexer sind. Neue Behörden, vor allem im Bereich der Regulierung, sind entstanden, und "outsourcing" ist auch in der Verwaltung üblich geworden. Ich hatte argumentiert, daß damit eine Gewichtsverlagerung von berichtsorientierter zu prozeßorientierter TA verbunden ist: TA, die direkt in die Regulierungskonzepte (im weitesten Sinn) eingebaut wird, als Hilfsmittel bei der Beurteilung von Handlungsoptionen (Tichy: 123). An Beispielen habe ich erläutert, was ich damit meine (Tichy 125ff); ich will das hier nicht wiederholen.

Schließlich kritisiert Gloede unter der Überschrift "Zur Therapie" die Punkte, die ich - vielleicht nicht besonders zweckmäßig - als "Stärken von TA" bezeichnet habe. Es geht dabei um das, was TA seinen Kunden anzubieten hat; nach meiner Einschätzung: Langfristorientierung, Interdisziplinarität und Fähigkeit zur Zusammenschau. Gloede kritisiert, daß ich

"wissenschaftlich ... nicht davor zurück[schrecke], Notwendigkeit und Möglichkeit von Prognosen zu behaupten" (144), und

"weit problematischer ... - Pardon! - die Blauäugigkeit, mit der Tichy auf eine Verwaltung setzt, die es so wahrscheinlich nur in seinen Wunschvorstellungen gibt" (145);

weiters, daß die Interdisziplinarität nicht exklusiv für TA charakteristisch sei, und als

"verblüffendste Stärke die der 'Zusammenschau'" (145).

Das alles seien alte, nicht neue Stärken. Für mich ist das tatsächlich verblüffend - nichts dergleichen hatte ich je behauptet; ich hatte bloß darauf hingewiesen, was TA anzubieten hat. Langfristorientierung impliziert selbstverständlich Prognosen, aber nicht im Sinn von forecast, sondern von foresight (OECD 1996) - leider erlaubt die deutsche Sprache keine diesbezüglich befriedigende Differenzierung. [2] Interdisziplinarität ist natürlich keineswegs auf TA beschränkt, aber keineswegs leicht zu verwirklichen, und deswegen auch viel öfter Desiderat als Realisation. Die Verfügbarkeit eingespielter interdisziplinärer Teams ist deshalb vielleicht das interessanteste Aktivum von TA, die USP (unique selling proposition), die TA anzubieten hat. Und die "verblüffendste" Stärke der Zusammenschau, das ist in den Worten von Gloede (142) die

"Berücksichtigung von gewöhnlich nicht wahrgenommenen Zusammenhängen, von sachlichen, zeitlichen und sozialen Interdependenzen, von interner und externer Systemkomplexität".

sie hat seit mehr als 20 Jahren

"einen pragmatisch vertretbaren Umgang ... gefunden" (Gloede: 143).

Was bleibt von Gloedes "Erstaunten Anmerkungen zu Gunther Tichys Besichtigung der TA-Landschaft"?

Anmerkungen

[1] Gloede 1998.

[2] Am ehesten noch Abschätzung oder Vorschau.

Literatur

Gloede, F., 1998: "You don't have to be a weatherman to know where the wind blows". Erstaunte Anmerkungen zu Gunther Tichys Besichtigung der TA-Landschaft. TA-Datenbank-Nachrichten 7(3/4), 140-147.

OECD, 1996: STI Review 17, Special Issue on Government Technology Foresight Exercises, Paris.

Tichy, G., 1998: Ehrliche Makler gefragt - Neue Aufgaben für die Technikfolgen-Abschätzung, TA-Datenbank-Nachrichten 7(1998)2, S. 121-129.


[www.itas.kit.edu]     [TA-Datenbank-Nachrichten]     [Inhalt]     [Zum Seitenanfang]
Stand: 19.04.1999 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion