von Bernd Wingert, ITAS
Zum 2. Forum Medienrezeption lud der SWR zusammen mit anderen Veranstaltern (so u.a. der Stiftung Lesen oder den Landesmedienanstalten für Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) ein, und zwar kurzfristig nicht nach Baden-Baden, wo schon das 1. Forum stattfand, sondern aufgrund der regen Nachfrage nach Stuttgart, in die Villa Berg. Das Teilnehmerverzeichnis führte immerhin 220 Namen auf, aber nicht alle hatten ihr Namensschildchen abgeholt. Wer nun als Medienforscher von einer Medientagung käme und dann nur ein kurzes Referat über die wichtigsten Erkenntnisse und neuesten Befunde ablieferte, der würde sein Metier nur unzureichend verstehen, gilt es doch, auch die Bedingungen der Diskussion, wenigstens ein Stück weit, zu reflektieren. Eine solche Bedingung lag z.B. darin, daß in Stuttgart alles aufgezeichnet wurde. Dies geschah, um so später den einen oder anderen Vortrag im Telekolleg zu verwerten oder um die am Freitag abend stattfindende Studiodiskussion später zu senden, oder sei es nur deshalb, um im späteren Tagungsband die eine oder andere Diskussionsbemerkung treffender auswerten und wiedergeben zu können.
Die Weitläufigkeit des fensterlosen Raumes, die hohe, für ein Orchester gebaute Bühne, der exzellente Ton der Übertragung während der Veranstaltung - dies alles führt zu einer diffusen medialen Gemengelage, zu einer schwer nach außen absehbaren und abgrenzbaren Öffentlichkeit, was dann offene und verdeckte Wirkungen ausstrahlt. So fühlt man sich eher als Publikum denn als kritischer Mithörer eines Workshops; die Diktion eines Vortrages gerät in den Verdacht, der mediengerechten Selbstinszenierung statt der Verständlichkeit zu dienen; der Einwurf oder die Frage steht im Geruch, zum Fenster hinaus gesprochen denn an den Redner gerichtet zu sein; der im kleineren Rahmen jederzeit mögliche und willkommene, weil Farbe einstreuende Zwischenruf unterbleibt, denn man ist ja, potentiell, auf Sendung und will dem Redner den Effekt nicht verderben.
Nur einige dieser Momente wollte ich ansprechen, um die sachten Verschiebungen zu markieren, die die medialen Bedingungen für die Kommunikationsinhalte haben. Denn andernfalls, ohne die Beachtung solcher subtilen Interaktionen, gälte ja, daß die Inhalte von den Medien unberührt blieben, und das wäre dann theoretisch gesehen "Steinzeit" der Medienforschung. Nur kurze Analyse also, keine Kritik, denn immerhin gilt auch: Man saß bequem, der Ton war exzellent ausgesteuert, die Verpflegung gut, der Nachmittag sonnig, der Ausblick von der Terrasse klar, und kleinere Pausen wurden zumal am ersten Tag reichlich gegönnt (Dank an Walter Klingler, der die Tagung am ersten Tag leitete und das Publikum bis zum Abend gut über die Runden bringen mußte, denn dann sollte ja noch die Studiodiskussion absolviert und erst danach das Buffet freigegeben werden).
Ich schicke diese Hinweise auf einige "Nebensächlichkeiten" aus zwei Gründen voraus, weil erstens eine mediensensible Berichterstattung diese Randbedingungen nicht ausklammern kann, und weil zweitens künftig eine stärkere Trennung in öffentliche und nicht-öffentliche Teile wünschenswert wäre. Sonst entsteht eine merkwürdige Überlagerung diskrepanter Situationen, so als würde ein Workshop in einem Schaufenster abgehalten werden, ohne daß man weiß, ob der Rolladen unten oder oben ist. Daß ein Sender eine solche Veranstaltung auch für eigene Produktionszwecke nutzt und auswertet, ist gewiß legitim; aber die Situationsgrenzen sollten m.E. berechenbarer bleiben. Die Berichterstattung wird nun aus der Zuhörerperspektive gegeben, dies wiederum aus Gründen der medialen Redlichkeit einerseits; andererseits erfüllte sich die Zusage, bestimmte Beiträge wie angekündigt vom Server abrufen zu können, bis dato leider nicht (vgl. http://www.medienrezeption.de/ ).
Der erste lange Tag wurde also eingeleitet mit zwei kurzen Begrüßungen, die erste von Dr. Willi Steul, Landessenderdirektor, die zweite durch den schon erwähnten Dr. Walter Klingler, früher Leiter der SWF- (heute SWR) Medienforschung, der bereits das 3. Forum für das Frühjahr 1999 ankündigte (nach dem derzeitigen Stand vom 26. bis 28. März d.J.). Der Bericht von der ersten Tagung 1997, "Medienrezeption seit 1945", liegt übrigens schon vor und konnte in Stuttgart zu einem Vorzugspreis erworben werden.
Den Einführungsvortrag hielt Alfred Grosser, Paris, dem deutschen Publikum u.a. als Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (1975) und als kritischer Kommentator deutscher Entwicklungen bekannt. In dieser Rolle trat er auch hier auf und wies auf kritische, teilweise ganz aktuelle Punkte hin, so etwa jenen, daß der bündnisgrüne Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir aufgrund, wie es Grosser interpretierte, fehlender deutscher Staatsangehörigkeit nicht Ausländerbeauftragter werden konnte, wogegen in Frankreich eine Person diese Funktion erhielt, gerade weil sie Ausländer ist (tatsächlich hat Cem Özdemir seit dem 18. Lebensjahr die deutsche Staatsangehörigkeit). Grosser kritisierte die oft ungenaue Berichterstattung von Journalisten und gab deutsche und französische Beispiele. Er stellte die Frage, wer denn die Informierenden informiere und wies auf die ausgezeichnete Berichterstattung hin, die es in Frankreich über den deutschen Wahlkampf gab, was u.a. auf eine Initiative der Bosch-Stiftung zurückging. Sie hatte eine Gruppe französischer Journalisten eingeladen und eine intensive Vermittlung betrieben. Sehr nachdenklich stimmte Grosser seine Zuhörer mit einer abschließenden Reflexion über die Notwendigkeit, Distanz auch zu den eigenen Bedingtheiten zu halten; so sei es zunächst sicher richtig, daß die sog. Auschwitz-Lüge bei uns unter Strafe stehe; aber seien die Massenmorde in Armenien oder in Ruanda deshalb weniger der Erinnerung wert?
Der thematische Fahrplan für den ersten Tag sah nach dieser Einführung dann zwei Blöcke vor, der erste eher den Grundlagen der Medienrezeption gewidmet, der zweite den konkreten Formen der Mediennutzung (z.B. bei Kindern und Jugendlichen) sowie der Frage nach der Medienverantwortung. Zunächst gab Ernst Pöppel einen Einblick in die "Neurowissenschaftlichen Grundlagen der Sprach- und Lesefähigkeit". Er ist an der Universität München Leiter des Instituts für medizinische Psychologie; Pöppel ist sowohl in Medizin wie in Psychologie promoviert; er war zeitweise (92-95) im Vorstand des Forschungszentrums in Jülich tätig. Pöppel zeigte u.a. eine Aufnahme mit der Verteilung der Aktivationen der Hirnareale bei einem "lauten Lesen", auf der zu erkennen war, daß fünf bzw. sechs Regionen gleichzeitig aktiv waren, was auf die zahlreichen Querverbindungen im neuronalen Netzwerk verweise. Pöppel betonte die Notwendigkeit des Lesenlernens in jungen Jahren und erläuterte die Grundlagen dafür, weshalb das Gehirn den Sinnesinput in einem Intervall von zwei bis drei Sekunden integriert und als Gegenwart interpretiert. Diese 2-3 Sekunden seien eine universelle Gesetzmäßigkeit, was selbst in Sprache und Dichtung gelte. So dauert das Sprechen der folgenden Zeile aus einem Shakespeare-Sonnett relativ genau drei Sekunden: Shall I compare thee to a summer's day ...
Unter dem Diktat der Dreisekundenregel und der schon mehr als vorgesehen verstrichenen Zeit durch seinen Vorredner kam Peter Vorderer, Professor für Medienpsychologie an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, dann doch etwas ins Gedränge. Er hatte seinen Beitrag aber als Mix aus theoretischem Diskurs zu medienpsychologischen Ansätzen und Bericht zu eigenem Medienerleben angelegt und war dann auch bei schnellerem Lesen noch gut verständlich. Er berichtete u.a. aus seiner aktuellen Forschung zu interaktivem Fernsehen (konkret: ein Krimi, über dessen weiteren Ablauf die Probanden an bestimmten Verzweigungspunkten entscheiden konnten und zu denen sie befragt wurden): Er fand klare Hinweise darauf, daß medienerfahrene Probanden mit solchen Angeboten leichter zurechtkommen als medienunerfahrene oder etwa ältere Teilnehmer am Experiment. Der theoretische Punkt, den er anmahnte, bezog sich auf eine stärkere Beachtung der emotionalen Dimension medienbezogener Erlebnisse, wo er insbesondere auf eine Unterscheidung von ego-emotionalen und sozio-emotionalen Bezügen hinwies. Er schloß mit einem wenig einladenden Szenario eines interaktiven Radios der Zukunft, das von seinem Hörer ständig wissen wolle, welche Art von Musik er wünsche, ob die Nachrichten gleich oder doch lieber später eingestreut werden sollen usw. Ob eine solche fortgeschrittene Interaktivierung wohl eine wünschenswerte Zukunft sei?
Unter dem Titel "Familienmitglied Fernsehen" trug Bettina Hurrelmann, Literaturwissenschaftlerin an der Universität zu Köln, einige zentrale Erkenntnisse zum Umgang mit Fernsehen in Familien vor. Die Befunde gehen auf Forschungen Mitte der 90er Jahre zurück und sind unter dem gleichlautenden Titel schon publiziert, worauf die Autorin eingangs fairerweise hinwies, um nicht den Eindruck falscher Aktualität zu erzeugen. Insbesondere Ein-Eltern-Familien und Mehr-Kinder-Familien haben mit der Kontrolle des Fernsehkonsums ihres Kindes bzw. ihrer Kinder Probleme, wobei zuweilen schon eine regelrechte "Erziehungsmüdigkeit" anzutreffen sei. Besonders gravierend werde es, wenn eine "Überfunktionalisierung" vorliege, also das Fernsehen u.a. dazu diene, Konflikte zuzudecken. Die Autorin wies aber auch darauf hin, daß ökonomische Probleme (z.B. jene alleinerziehender Mütter) nicht mit medienpädagogischen Mitteln gelöst werden können.
Helmut Lukesch, Psychologe an der Universität Regensburg, referierte über "Das Forschungsfeld 'Mediensozialisation'", wobei es ihm insbesondere auf die Herausarbeitung von methodischen Implikationen ankam. So seien heute mit fortgeschrittenen statistischen Verfahren auch auf der Grundlage korrelativer Daten Einsichten möglich, die über die traditionelle Gegenüberstellung zwischen kausalen und korrelativen Analysen weit hinausgingen. Er fragte abschließend, woher es käme, daß man im Umwelt- und Technikbereich sehr sensibel auf Risiken reagiere, nicht aber im Medienbereich. Lukesch wies bei seiner Diskussion eines einfachen S-R-Modells der Medienwirkungen und eines konstruktivistischen Modells auf die Metaanalyse von Drinkmann & Groeben hin, die keine eindeutige Bestätigung für eines der beiden Modelle erbracht habe. Lukesch argumentierte infolgedessen auch für einfache Modelle und brachte tatsächlich das alte Hempel-Oppenheim-Schema; zumindest was die Randbedingungen angehe, könne man die Medienwirkungen einfangen.
"Das Ende der Emotionen? Oder Emotionen ohne Ende?" war ein sehr informierter und mit interessanten Details aus der Historie der Medienentwicklung aufwartender Beitrag, dessen These ich zwar wiedergeben kann, dessen Argumentationsstrategie mir aber vom bloßen Zuhören her verschlossen blieb. Dr. Frank Haase (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest) setzte ein mit den Anfeindungen, denen das schriftlose Medium "Film" zumal in der Anfangszeit ausgesetzt war, insbesondere dem Verdacht, bloß Emotionen anzusprechen. Hier witterten die pädagogisch besorgten und mit schriftlicher Kommunikation groß gewordenen Kritiker des Films subversive Tendenzen, wie ein längliches Zitat zur "Kinematographen-Seele" belegte.
Ausführlich ging Haase auf die Versuche Mary Fields ein, mit Hilfe von Infrarotkameras den emotionalen Reaktionen der kindlichen Filmzuschauer auf die Schliche zu kommen, um entsprechende Erkenntnisse dann direkt für die Dramaturgie nachfolgender Produktionen einzusetzen. Erst über diese filmische Rückkopplung, also die technisch ermöglichte Analyse der Emotionen für filmische Zwecke - dies die zentrale Aussage - konnte die weitere Emotionalisierung gefördert werden. Aber dieses Argument blieb nach meinem Eindruck kategorial; über konkrete Erfolge oder Mißerfolge solchen Feedbacks hatte der Referent nichts ausgeführt.
Jo Groebel von der Universität Utrecht referierte einige Ergebnisse einer mehr als zehn Länder umfassenden UNESCO-Studie über "Gewalt in den Medien", wobei er Details der methodischen Anlage und des Vorgehens unerwähnt ließ; aber die Studie habe ihm erlaubt, wie er betonte, selbst einen Blick auf die konkreten Verhältnisse werfen zu können, in denen Kinder leben und teilweise mit Gewalt in unmittelbarer Nachbarschaft leben müssen. Betrachte man diese faktischen Lebensumstände, dann relativiere sich das Thema doch sehr.
Dieses Thema, Mediensozialisation von Kindern, wurde am späten Nachmittag des ersten Tages von Michael Jäckel, Professor für Kommunikations-Soziologie an der Universität Trier, abgerundet mit einigen strukturellen Überlegungen, z.B. zum Rollenwandel der Medien über die Generationen hinweg. Sein Titel war "Zwischen Autonomie und Vereinnahmung: Kindheit, Jugend und die Bedeutung der Medien". Leider konnte ich von diesem Beitrag nur knapp die Hälfte hören; die andere Hälfte fiel meinem frühen Rückreisezeitpunkt an diesem Tag zum Opfer.
Der Samstag brachte am Ende eine Podiumsdiskussion, davor zwei Studien über Jugendliche und Medien und einleitend zwei Beispiele von "Medienprodukten" für Kinder und Jugendliche, eines vom Hanser-Verlag und dem Autor Oskar Pastior (einige Leseproben finden sich auf dem o.g. Server), das zweite ein neues Sendeformat des SWR, das man m.E. aufgrund der vorgenommenen Medienverflechtung beachten sollte und das Helge Haas vorstellte: "Das Ding".
Hier handelt es sich - hardwaremäßig - zunächst einmal um eine Kiste, in der gut verstaut ein Multimedia-PC inklusive Modem und Zubehör Platz finden (natürlich verfügt die Redaktion bzw. das Team, das diese Sendung betreibt, über mehrere solcher Kisten). Dann ist "Das Ding" der Name der Sendung, in die Kinder und Jugendliche aktiv eingebunden werden, nachdem sie zuvor eine ein- oder zweitägige Schulung absolviert haben, wie Gerätschaften und Software denn bedient werden können; drittens geht es um eine neuartige Medienverschaltung, d.h. die Beiträge dieser Sendereihe sind über das Fernsehen (morgens zwischen 6 und 7 über Astra) zu sehen (z.B. einlaufende Faxe werden gezeigt), über den DAB-Pilotversuch per Radio zu hören und natürlich auch per Internet abzurufen. Dies bedeutet, die Hörer werden auch zu Produzenten; das Produktionsteam bleibt nicht in der Sendeanstalt, sondern geht aufs Land (z.B. auf die Schwäbische Alb, um in Erfahrung zu bringen, was die Jugendlichen dort abends so treiben), und die Medien werden untereinander verschaltet. Das ist dann durchaus Medienpädagogik als praktisches Tun. Ein spannendes Experiment, das man im Auge behalten sollte.
Bei den Studien wurde zunächst eine neue Studie zu "Jugend und Multimedia" von Walter Klingler, SWR-Medienforschung, und Bodo Franzmann, Stiftung Lesen, vorgestellt, in gewisser Weise die Fortsetzung der 97er Studie, die ich für die Enquete-Kommission ausgewertet habe (vgl. Bernd Wingert: Zum Stand der privaten Nutzung von Online-Diensten. Forschungszentrum Karlsruhe, Wissenschaftl. Berichte Nr. 6152, August 1998); sodann eine europaweite Studie zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen (zwischen 6 und 16 Jahren), die von Friedrich Krotz vom Hans-Bredow-Institut in Hamburg, der als der deutsche Teilnehmer fungiert, präsentiert wurde. Nach dessen bisherigen Erkenntnissen (die Auswertung ist noch nicht abgeschlossen) gibt es in den europäischen Ländern einen gespalteten Trend, auf der einen Seite sei eine relativ gleichförmige Entwicklung festzustellen, was die groben Trends in der Mediennutzung angehe (so etwa dahin, daß die TV-Nutzungszeit jene für das Buchlesen schon überholt habe). Aber auf der anderen Seite zeigen sich kulturell und national je unterschiedliche inhaltliche Ausgestaltungen der Nutzungsmuster. So stehen zwar Computerspiele in allen Ländern an der Spitze der Nutzung, aber in der Art der Spiele gebe es deutliche Unterschiede, in Frankreich etwa Kartenspiele und in Deutschland Planspiele. Sehr deutlich habe sich auch - wieder übergreifend - die dominante Rolle der 'peer group' und die geringe Bedeutung der Eltern für die Anleitung von Medienerfahrung gezeigt, so daß die Herausbildung einer Kluft zwischen den Generationen durchaus wahrscheinlich sei. Der Autor wies auf das kommende Heft 4 des European Journal of Communication hin, in dem erste Ergebnisse aus den einzelnen Ländern dargestellt werden sollen.
In der gerade genannten Untersuchung wurden 1.253 Kinder und Jugendliche, repräsentativ, in einer "inhouse-Befragung" befragt; an der neuen SWR-Studie nahmen 800 Personen zwischen 12 und 19 Jahren teil; die telefonischen Befragungen liefen im März/April des Jahres 1998, ein Berichtsband sei verfügbar. Franzmann referierte zunächst Ergebnisse zur Mediennutzung, Klingler komplettierte dann mit weiteren zu den AV-Medien. Einer der Trends, der deutlich wurde, bezieht sich auf das Verhältnis "Thema" versus "Medium": Das Themeninteresse (z.B. Computer und Sport bei den Jungen; Pop bei den Mädchen) zieht sich durch die Medien hindurch und bestimmt dann nicht nur, welche Zeitschriften gelesen, sondern auch, welche Internetangebote genutzt werden. Dies könne als ein beruhigendes Ergebnis gewertet werden, wenn man bei der Verfolgung der eigenen Themen auch neue Medientechniken kennenlerne. Aber es wurden auch eine ganze Reihe von Konkurrenzverhältnissen deutlich, etwa wenn die Mediennutzung mit dem nicht vermehrbaren Zeitbudget für die Freizeit konkurriere.
Es gab in der 97er Studie übrigens sehr interessante Motivzuschreibungen zwischen Nutzern und Nicht-Nutzern (z.B. welche Motive vermuten die Nicht-PC-Nutzer, weshalb andere den PC nutzen), die ich mit Hilfe des Tabellenbandes für die Enquete-Kommission auswerten konnte; dieser Befragungsteil ist nun nicht mehr enthalten, aber könnte 1999 wieder aufgenommen werden.
Das Tagungsprogramm schloß mit einer Podiumsdiskussion über "Medien und Gesellschaftswandel. Perspektiven der Medien und Medienforschung", die von Bernd Brosius, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Universität München, geleitet wurde und die sich m.E. zu sehr auf den alten Streit konzentrierte, welche Anforderungen die Praxis an die Wissenschaft / Forschung stelle bzw. welche Antworten diese liefern könne. Axel Zerdick, Professor am Institut für Publizistik und über Fragen der Medienökonomie und des Marketing arbeitend, gab hier den richtigen Hinweis, daß zwischen nachfragbarer Beratung und Forschung einerseits und öffentlich zugänglicher Forschung andererseits zu unterscheiden sei; dieser öffentliche Zugang sei in Deutschland im Vergleich zu den USA noch vergleichsweise gut. Solche praktische, organisationsbezogene Beratung hatte vor allem der Präsident der LfK, Dr. Thomas Hirschle, eingefordert, speziell mit Blick auf aktuelle Entwicklungen bei den Mediendiensten. Daß es zu unmittelbarer Rückkopplung zwischen Medienforschung und Senderproduktion kommen kann, zeigte das Beispiele des Kinderkanals, worüber Karin Richter, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Erfurt, berichtete.
Wie erfrischend und treffend eine polemische Zeitdiagnose sein kann, demonstrierte auf dem Podium Dr. Ingo Hermann, lange Zeit im ZDF auch mit Kindersendungen befaßt. Vom "Verschwinden der Kindheit" (so vor längerer Zeit Neil Postman) könne gar keine Rede sein, es sei nachgerade eine Infantilisierung der Erwachsenenwelt festzustellen, was Hermann u.a. an Entzugserscheinungen festmachte, wenn Handybesitzer nicht ständig die Trivialkoordinaten ihrer Bewegung durch Raum und Zeit durchgeben könnten. Diese Kategorien verändern sich, was so recht erst in der historischen Dimension deutlich werde, worauf Hartmut Eggert, Professor für Germanistik an der FU Berlin, hinwies. Freilich bleiben solche zeitbezogenen wie übergreifenden Diagnosen auf die Forschung zurückverwiesen, womit auch der letzte Teilnehmer auf dem Podium nicht unerwähnt bleiben soll, der schon eingangs genannt wurde, Walter Klingler, der zusammen mit Gunnar Roters (der den zweiten Tag moderierte) und Maria Gerhards die Tagungsorganisation innehatte, die man insgesamt doch als recht gelungen einstufen darf.
Trotzdem lasse ich es mir nicht nehmen, anhand dieses Podiumsgespräches abschließend noch einmal auf mediale Randbedingungen hinzuweisen: Die Abfolge 'Moderatorfrage - Mikro ergreifen - Statement abliefern' führt doch Bedingungen der Kanalisierung und Segmentierung in ein Kommunikationsgeschehen ein, das ohne Technik ganz anders und viel lebendiger verlaufen würde, dessen bin ich mir sicher. Könnte nicht auch dies ein Aspekt von Infantilisierung sein, daß wir meinen, alles speichern zu müssen? Und sollten wir uns nicht wenigstens gelegentlich von solchem Zwang frei machen, auch auf die Gefahr hin, daß dann nur die Dabeigewesenen davon erzählen (oder darüber schreiben) können?
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