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TA-Datenbank-Nachrichten, Nr. 2, 8. Jahrgang - Juli 1999, S. 58-60

Cyberscience: Die Zukunft der Wissenschaft im Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnologien

von Michael Nentwich, Institut für Technikfolgenabschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien

In einem breit angelegten Projekt widmet sich das Institut für Technikfolgenabschätzung der Aufarbeitung jener Veränderungen, die sich in den Wissenschaften aufgrund des verstärkten Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien abzeichnen.

Unser Ausgangspunkt ist eine Erfahrung, die praktisch alle wissenschaftlich Tätigen während des letzten Jahrzehnts gemacht haben: Der Computer ist mittlerweile aus dem Arbeitsalltag kaum mehr wegzudenken. Auch wenn zwischen den verschiedenen Disziplinen bemerkenswerte Unterschiede bestehen, so scheint es doch kaum mehr WissenschaftlerInnen zu geben, die nicht in irgendeinem Zusammenhang mit Computern arbeiten. Selbst in den Sekretariaten jener immer kleiner werdenden Schar, die Computer selbst nicht benutzen, stehen heute durchwegs Geräte, die zumindest für Textverarbeitung eingesetzt werden und die Schreibmaschine mittlerweile fast vollständig abgelöst haben. Auf dem anderen Ende eines "Nutzungs"-Kontinuums stünden jene, für die der PC auf dem Schreibtisch die tägliche Arbeit entscheidend bestimmt, die ihn also nicht nur als bequeme Schreibmaschine verwenden, sondern sein großes Potential in vielfacher Hinsicht ausnutzen. Eine entscheidende Rolle spielten vor allem die zunehmende Vernetzung der Computer, die Entwicklung des Internet und das in den letzten Jahren sich explosionsartig entwickelnde World Wide Web (WWW), welches einen beinahe intuitiven Zugang zur "virtuellen" Welt ermöglicht.

Textverarbeitung auf dem PC, elektronische Post (E-mail), elektronisches Publizieren und online-Datenbanken sind dabei nur einige Begriffe, die bereits eingeleitete Veränderungen des Kommunikationsverhaltens in der Wissenschaft bezeichnen. Doch das ist aller Voraussicht nach erst der bescheidene Anfang, denn schon jetzt kündigen sich einige weitere Entwicklungen an: virtuelle Workshops, online-Begutachtung von Texten, "intelligente Suchagenten", global vernetzte Datenbanken, digitale Bibliotheken, "hypertextuelle Zettelkästen" usw. Noch befinden wir uns in einem teilweise experimentellen Stadium, aber es ist bereits abzusehen, daß sich einiges durchsetzen und nicht nur das Verlags- und Bibliothekswesen, sondern den Wissenschaftsbetrieb im allgemeinen und die wissenschaftliche Kommunikation im besonderen nachhaltig beinflussen wird. Nicht nur in den USA wurde für diese Entwicklung die einprägsame Bezeichnung "Post-Gutenberg Galaxis" geprägt und gemutmaßt, daß wir uns vor einer vierten kognitiven Revolution (nach der Erfindung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks) befinden.

Das Projekt setzt es sich zum Ziel, über die schon heute festzustellenden, inkrementellen Änderungen im Wissenschaftsbetrieb hinaus mögliche bzw. wahrscheinliche zukünftige Entwicklungen zu antizipieren und einzuschätzen. Koexistieren doch geradezu messianische, technik-euphorische Plädoyers auf der einen Seite und große Skepsis sowie sogar eine Tendenz zur Computer-Verweigerung bei manchen WissenschaftlerInnen auf der anderen Seite. Angesichts dessen ist eine kritische Evaluierung und vorsichtige Extrapolation bestehender Trends angebracht. Zwei aufeinander bezogene Thesen stehen im Zentrum der Arbeit:

Ein erstes systematisches Screening des Wissenschaftsbetriebs hat bereits deutlich gemacht, daß sowohl sein organisatorischer Rahmen wie auch die Wissensproduktion (Informationsbeschaffung, Datengewinnung, -verwaltung, Informationsverarbeitung, Ergebnisdarstellung) sowie die Formen der wissenschaftlichen Kommunikation (Kooperation, Diskursformen, Veröffentlichungswesen) und schließlich auch die Wissensvermittlung (Lehre) von den hier unter dem Stichwort Cyberscience zusammengefaßten Entwicklungen direkt betroffen sind.

Im Laufe des Projekts werden nun eingehend einige Bereiche des Wissenschaftsbetriebs herausgenommen und einer intensiven Untersuchung ausgesetzt, wobei folgende Fragen im Zentrum stehen:

Diesen Leitfragen wird unter anderem in folgenden Untersuchungsfeldern nachgegangen, wobei wir uns eines methodischen Mix aus Aufarbeitung unterschiedlichster Literaturstränge (Wissenschaftssoziologie, Bibliothekswissenschaften, Interökonomie, Kommunikationswissenschaft etc.) und empirischen Erhebungen (Interviewserien, technische Marktanalyse, Expertenworkshop) bedienen:

  1. Die Konsequenzen der Cyberscience-Anwendungen auf die räumliche Verteilung und infrastrukturelle Ausstattung von Wissenschaft. Stichworte in diesem Bereich sind beispielsweise virtuelle Institute und Labors (sog. "collaboratories"), virtuelle Bibliotheken und E-Konferenzen.

  2. Weiters sind nachhaltige Einflüsse auf die zukünftige Rollenverteilung im Wissenschaftsbetrieb zu erwarten. Insbesondere die Rolle der wissenschaftlichen Bibliotheken ist in tiefgreifendem Wandel begriffen (vom "librarian" zum "cybrarian"), ebenso wie die der Verlage, aber auch die Anforderungen an die einzelnen WissenschaftlerInnen verändern sich und könnten eventuell zur Ausdifferenzierung neuer Rollen, wie der des "scientific information broker", führen.

  3. Aufgrund der fortschreitenden Elektronisierung der Textproduktion stellen sich spannende Fragen im Zusammenhang mit der Wissensrepräsentation. Liegt die Zukunft statt auf Papier im elektronischen Raum, statt in linearen Texten in "Hypertexten" und in verteilten Wissensdatenbanken?

  4. Womit bereits das nächste Thema angerissen ist: die Zukunft des wissenschaftlichen Veröffentlichungswesens. Das Internet bietet interessante neue Möglichkeiten, die parallel zu bzw. sogar noch vor den Verlagen auch von nicht-kommerziellen Akteuren entdeckt wurden und es stellt sich die Frage, wie der sich abzeichnende Kampf um die Leserschaft ausgehen und damit, wie sich dieser Eckpfeiler des Wissenschaftsbetriebs weiterentwickeln wird.

  5. Eng damit verknüpft ist die Zukunft der Qualitätskontrollsysteme im Zeitalter der Cyberscience zu diskutieren, da nicht nur traditionelle Formen umgangen werden können (Stichwort: Preprint-Server), sondern auch neue Formen möglich gemacht wurden (Stichwort: offene Begutachtungssysteme).

  6. Der Einzug von Multimedia und Internet scheint weiters das Arbeitsumfeld der WissenschaftlerInnen als Lehrpersonal entscheidend zu verändern. Wir gehen der Frage nach, inwieweit die "virtuelle Universität" auf die Wissenschaft rückwirkt.

Näheres zum Projekt findet sich auf der unten angegebenen Homepage des Instituts sowie in Form eines ausführlichen Arbeitspapiers, das kürzlich als Working Paper des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln mit der Nummer 99/6 unter folgendem URL veröffentlicht wurde:
http://www.mpi-fg-koeln.mpg.de/publikation/working_papers/wp99-6/

Kontakt

Dr. Michael Nentwich
Institut für Technikfolgenabschätzung
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Strohgasse 45, 3. Stock
A-1030 Wien
Tel. + 43-1-515 81 / 6582
Fax. + 43-1-710 98 83
E-mail: mnent@oeaw.ac.at
Internet: http://www.oeaw.ac.at/ita


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Stand: 28.07.1999 - Kommentare und Bemerkungen an: ITAS-WWW-Redaktion