TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG
Theorie und Praxis

Schwerpunktthema - Das integrative Nachhaltigkeitskonzept der HGF im Spiegel der Praxis
"Technikfolgenabschätzung", Nr. 3 / 4, 12. Jahrgang - November 2003, S. 48-54

Das Fallbeispiel „Biodiversität“ [1]

von Jürgen Kopfmüller, ITAS

1     Nachhaltige Entwicklung und Globaler Wandel

Seit mittlerweile rund zwanzig Jahren existiert der Begriff des Globalen Wandels, verbunden mit umfangreichen Forschungsanstrengungen auf verschiedenen Ebenen. Ähnlich lange befindet sich der Begriff der nachhaltigen Entwicklung in der politischen und gesellschaftlichen Debatte, wird über seine konzeptionelle und operative Ausgestaltung gearbeitet. Die Tatsache, dass bislang eine - prinzipiell wünschenswerte - Verknüpfung dieser beiden Themenfelder auf der Ebene der Forschungsförderung und der Forschungsprojekte noch nicht in hinreichendem Maße gelungen ist, stellt einen wesentlichen Hintergrund und Anlass für die in diesem Beitrag skizzierte Aktivität dar.

Was die Phänomene des globalen Wandels anbelangt, ist zunächst - korrespondierend mit dem im einleitenden Beitrag zu diesem Schwerpunkt von J. Jörissen beschriebenen Nachhaltigkeitsverständnis des integrativen Konzepts und den dort formulierten Leitlinien - festzustellen, dass hier zwei Typen zu unterscheiden sind:

Beide Typen von Phänomenen müssen in gleicher Weise Gegenstand einer (globalen) Forschung zum Globalen Wandel sein, die den Anspruch hat, ein ganzheitliches integratives Nachhaltigkeitskonzept angemessen einzubeziehen.

2     Herausforderungen für die Forschung

Um den globalen Wandel vor dem Hintergrund des Nachhaltigkeitsleitbilds analysieren und gestalten zu können, kommt der Forschung erhebliche Bedeutung zu. Dabei geht es primär um die Erzeugung dreier Wissenstypen: Zunächst zielt Erklärungswissen auf ein angemessenes Verständnis bezüglich natürlicher und sozialer Systeme sowie der Wechselwirkungen zwischen menschlichem Wirtschaften und der natürlichen Umwelt und ist notwendige Bedingung für nachhaltigkeitsorientiertes Handeln. Handlungswissen ist idealtypisch als umfassendes und vorausschauendes Wissen über Maßnahmen zur Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen, deren Wirkungen und unbeabsichtigte Nebenwirkungen zu verstehen und stellt eine entscheidende Voraussetzung für informierte Entscheidungsfindungen dar. Hierzu gehört auch, die Unsicherheit und Unvollständigkeit des Wissens transparent zu machen und geeignete Wege zum Handeln unter Unsicherheit aufzuzeigen. Schließlich bedarf es des Orientierungswissens, um Kriterien für die Bewertung gesellschaftlicher Zustände und Entwicklungen, globaler Trends und politischer Maßnahmen bereitzustellen, die nachvollziehbare Unterscheidungen zwischen „nachhaltig“ und „nicht bzw. weniger nachhaltig“ erlauben. Hierbei sind beispielsweise auch Aspekte der Chancengleichheit und die Umsetzung von Forderungen im Rahmen der Gender-Thematik zu berücksichtigen.

Politisch nutzbare Wissensbestände bestehen in der Regel aus Kombinationen dieser Wissenstypen. Ihre Generierung stellt für das Wissenschaftssystem eine neuartige Herausforderung dar. Die klassische Struktur und Entwicklung der Wissenschaften hin zu immer größerer Spezialisierung ist für diese Herausforderungen allein nicht zielführend. Sie muss ergänzt werden um eine neue „Kultur“ integrativer Forschung, die Disziplinengrenzen überschreitet, die international angelegt ist, und die den Bogen von der Grundlagenforschung bis hin zu konkreten Anwendungen spannt.

In Forschungsprojekten zur Nachhaltigkeit im Globalen Wandel können Schwerpunkte in unterschiedlicher Weise auf die genannten Wissenstypen verteilt sein. Wichtig ist jedoch die Realisierung einer integrativen Forschung, in der Verbindungen zwischen allen drei Wissenstypen in dem jeweiligen Themenfeld hergestellt werden. Es bietet sich an, diesen neuen Typ von Forschung durch Modellprojekte zu initiieren, aus denen dann auch für zukünftige Projekte und Programme Lernprozesse entstehen können. Diese Modellprojekte sollten folgende Voraussetzungen erfüllen:

3     Das Themenfeld Biodiversität

Gemäß der im Rahmen der Rio-Konferenz 1992 von über 150 Staaten unterzeichneten Biodiversitäts-Konvention wird Biodiversität verstanden als Summe der drei Komponenten: Gesamtheit aller Tier- und Pflanzenarten, genetische Vielfalt innerhalb der Arten sowie Gesamtheit der Ökosysteme. In dieser Konvention wurden - vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsdebatte - die Grundlagen einer Neuorientierung für den Arten- und Naturschutz festgeschrieben. Artikel 1 beschreibt den zentralen Ziele-Dreiklang aus Erhaltung und nachhaltiger Nutzung der Vielfalt sowie der gerechten Verteilung (national und international) der sich daraus ergebenden Vorteile. In der Forschung zur Biodiversität und zu ihrem innerhalb der letzten Jahrzehnte zu beobachtenden kontinuierlichen Rückgang wird neben der naturwissenschaftlichen zunehmend auch die sozialwissenschaftliche Perspektive eingenommen.

Von entscheidender Bedeutung für den politischen wie auch wissenschaftlichen Umgang mit dem Thema ist die weitere Konkretisierung der relativ allgemein formulierten Ziele der Konvention. Anhaltspunkte hierfür kann das HGF-Verbundprojekt „Global zukunftsfähige Entwicklung - Perspektiven für Deutschland“ liefern, in dem das Thema Biodiversität auf verschiedenen Analyseebenen betrachtet wurde.

Ebene der Nachhaltigkeitsregeln

Zentrale Regel in Bezug auf Biodiversität ist diejenige zur nachhaltigen Nutzung erneuerbarer Ressourcen, zu denen allgemein die Biodiversität gezählt wird (vgl. Kopfmüller et al. 2001). Im Sinne eines erweiterten utilitaristischen Verständnisses begründet sich diese Leitlinie aus drei unterschiedlichen nutzungsabhängigen Wertzuschreibungen (vgl. WBGU 2000): Erstens dem direkten Nutzwert für Produktions- und Konsumzwecke in unterschiedlichen Bereichen. Zweitens dem optionalen Wert, der sich auf die nach heutigen Erkenntnissen unbekannten Nutzwerte bekannter Arten sowie mögliche Nutzwerte noch nicht bekannter Arten bezieht. Angesichts der Tatsache, dass bislang nur ein Bruchteil selbst der weltweit bekannten Pflanzenarten hinsichtlich in ihnen enthaltener Wirkstoffe untersucht sind, kommt dem Offenhalten einer zukünftigen Verfügbarkeit biologischer Ressourcen erhebliche Bedeutung zu. Drittens dem indirekten Wert für die Aufrechterhaltung ökosystemarer Prozesse, wie etwa des Wasser- und Kohlenstoffkreislaufs oder der Absorption und Umwandlung von Schadstoffen. Zur Frage, welche Bedeutung die Organismenvielfalt für die Erhaltung der Leistungsfähigkeit der Biosphäre hat, bestehen allerdings nach wie vor erhebliche Kontroversen und Forschungsbedarf. Neben dem sich aus den drei Komponenten zusammensetzenden, nutzungsabhängigen „ökonomischen Gesamtwert“ ist auch ein nutzungsunabhängiger Existenzwert zu berücksichtigen, der sich aus dem bloßen Wissen um die Existenz bestimmter Arten ergibt.

Insgesamt lässt sich aus all dem die Forderung ableiten, eine möglichst umfangreiche Biodiversität auf der gesamten Fläche, d. h. nicht nur auf biodiversitätsreichen bzw. -wertvollen Flächen, für die Zukunft zu erhalten bzw., falls notwendig, zu erhöhen.

Wechselwirkungen dieser ressourcenbezogenen Regel bestehen - in unterschiedlicher Form und Intensität - mit den meisten der anderen Regeln, z. B.:

Mit Hilfe der Nachhaltigkeitsregeln des HGF-Projekts können also Hinweise zur Themenfindung und zu Zielen der Biodiversitätsforschung einerseits sowie zur Konzeption von Forschungsprozessen andererseits gegeben werden (z. B. Einbeziehung von lokalen Stakeholdern, capacity building in Entwicklungsländern usw.). Letzteres ist zum Teil bereits Praxis der vom BMBF geförderten Biodiversitätsforschung.

Kontextuale Ebene

Auf der kontextualen Ebene wurde im HGF-Projekt auf Basis der Anwendung der Nachhaltigkeitsregeln und geeigneter Indikatoren der kontinuierliche Verlust von Biodiversität als eines von fünfzehn zentralen Nachhaltigkeitsproblemen Deutschlands identifiziert (Brandl, Kopfmüller, Sardemann 2003). Diese Einschätzung basiert nicht zuletzt auf dem Befund, dass die bereits 1998 von der damaligen Bundesumweltministerin Merkel geforderte Trendumkehr bei der Anzahl als gefährdet eingestufter Arten bislang nicht erreicht worden ist. Hierbei sind die Verursachungsbeiträge Deutschlands zum Biodiversitätsverlust jenseits der Grenzen Deutschlands (z. B. Gefährdung von Fischpopulationen durch Überfischung) oder in Entwicklungsländern (z. B. durch die Folgen der Rodung von besonders artenreichen Tropenwäldern usw.) noch nicht einbezogen.

Aufgrund des bislang - vor allem in den häufig besonders biodiversitätsreichen Entwicklungsländern - noch sehr begrenzten Wissens über den artenbezogenen Stand der Dinge besteht nach wie vor eine wesentliche Forschungsaufgabe in der Beantwortung der Frage, welche Arten in welchen Regionen in welchem Umfang vorhanden sind, welche Arten in welchem Umfang von wem für welche Zwecke genutzt werden und welche wesentlichen Eigenschaften diese Arten besitzen.

Aktivitätsfelderebene

Die vier im Projekt vertieft analysierten Aktivitätsfelder tragen wesentlich zum Biodiversitätsverlust bei (vgl. Jörissen, Heincke, Meyer 2003): Mobilität und Verkehr insbesondere über weiter steigenden Flächenverbrauch durch Verkehrswegebau, Infrastruktureinrichtungen und die dadurch entstehenden Zerschneidungseffekte; Wohnen und Bauen durch weiter steigenden Flächenverbrauch für Siedlungszwecke mit entsprechenden Folgen; Ernährung und Landwirtschaft in Form von industrieller Intensivlandwirtschaft auf einem großen Teil der Flächen, hohem Pestizid- und Herbizideinsatz und der Tendenz zur Konzentration auf die Nutzung weniger Pflanzen- und Tierarten; Freizeit und Tourismus durch Nutzung von Landschaften und Gegenden mit reicher Biodiversität als touristische Attraktion, die es aber gleichzeitig durch Übernutzung gefährdet (Küsten, Alpenregionen, Kulturlandschaften, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit). Darüber hinaus tragen diese vier Aktivitätsfelder indirekt über hohe Treibhausgasemissionen, Emissionen von Luftschadstoffen oder den Eintrag von Nährstoffen (im Bereich Ernährung und Landwirtschaft) zu weiteren Gefährdungen der Biodiversität bei.

Hinzu kommt das im Projekt nicht bearbeitete Aktivitätsfeld Gesundheit, dessen Relevanz vergleichsweise weniger in seinem Beitrag zum Biodiversitätsverlust als darin besteht, dass hier in zunehmendem Maße biologische Ressourcen als Grundstoffe zur Bekämpfung von Krankheiten genutzt werden (könnten).

Maßnahmenebene

Für die Reduzierung bzw. den Stopp des Biodiversitätsrückgangs lassen sich insbesondere vier Ansatzpunkte unterscheiden: zunächst in einer übergeordneten Perspektive die Erarbeitung und Umsetzung einer nationalen Biodiversitätsstrategie mit möglichst quantifizierten Schutz- und Nutzungszielen (bemerkenswerterweise ist Deutschland einer der weniger Staaten, in denen eine solche Strategie bislang noch nicht existiert). Zweitens die angemessene Ausweisung und Vernetzung von Schutzgebietsflächen. Drittens die Reduzierung direkt oder indirekt biodiversitätsgefährdender Aktivitäten, etwa im Bereich der Landnutzung. Im HGF-Projekt wurden insbesondere Maßnahmen zur Reduzierung der Flächeninanspruchnahme und zum Schutz der Biodiversität, vor allem im agrarwirtschaftlichen Bereich, diskutiert. Zur Beschränkung des Flächenverbrauchswachstums werden dabei das bau- und planungsrechtliche Instrumentarium, Instrumente zum regionalen Flächenmanagement und marktwirtschaftliche Instrumente (Steuern, Abgaben, handelbare Flächenausweisungsrechte) betrachtet, in Bezug auf den Schutz der Biodiversität vor allem Maßnahmen zur Förderung biodiversitätsschonender landwirtschaftlicher Produktionsformen. Schließlich ist viertens die bessere finanzielle und personelle Ausstattung von Institutionen bedeutsam, um den Anforderungen an eine angemessene Erfassung, Dokumentation und Bewertung der Biodiversität in bestimmten Regionen hinreichend gerecht werden zu können.

4     Konsequenzen für die Forschungspolitik

Die Analysen im HGF-Projekt bewegen sich auf einer mehr oder weniger hoch aggregierten Ebene. Der dort realisierte Mehrebenenansatz bestehend aus Zielformulierung in Form von normativen Nachhaltigkeitsregeln (globale Ebene), Diagnose von Nachhaltigkeitsproblemen (kontextuale Ebene), Problemverursachung (Aktivitätsfelderebene) und Maßnahmen (strategische Ebene) könnte jedoch als Vorbild für integrative Modellprojekte der Biodiversitätsforschung, z. B. auf lokaler Ebene, dienen. Ein solcher Forschungsansatz kann im Idealfall Wissen aller drei o. g. Wissenstypen produzieren und sinnvoll nur interdisziplinär (Sozial- und Naturwissenschaften) und transdisziplinär (Einbeziehung von Praxis- oder Akteurswissen) realisiert werden.

Für die forschungspolitische Umsetzung empfiehlt sich folgendes Vorgehen:


Anmerkung

[1] Der nachfolgende Text stellt eine gekürzte Fassung dar des Thesenpapiers von Coenen, R.; Grunwald, A.; Kopfmüller, J., 2003: Nachhaltige Entwicklung und Globaler Wandel. Konsequenzen für die Forschung am Beispiel des Themenfelds Biodiversität. Karlsruhe


Literatur

Brandl, V.; Kopfmüller, J.; Sardemann, G., 2003:
Die gegenwärtige Nachhaltigkeitssituation in Deutschland. In: Coenen, R.; Grunwald, A. (Hrsg.): Nachhaltigkeitsprobleme in Deutschland. Analyse und Lösungsstrategien. Berlin: edition sigma, S. 83-130

Grunwald, A., 2001:
Integrative Forschung zum Globalen Wandel - Herausforderungen und Probleme. In: Coenen, R. (Hrsg.): Integrative Forschung zum Globalen Wandel - Herausforderungen und Probleme. Frankfurt a. Main, New York: Campus, S. 23-48

Hennen, L.; Krings, B.-J., 1998:
Forschungs- und Technologiepolitik für eine nachhaltige Entwicklung. Arbeitsbericht Nr. 58 des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Bonn

Jörissen, J.; Heincke, M.; Meyer, B., 2003:
Flächennutzung und Bodenschutz. In: Coenen, R.; Grunwald, A. (Hrsg.): Nachhaltigkeitsprobleme in Deutschland. Analyse und Lösungsstrategien. Berlin: edition sigma, S. 436-462

Kopfmüller, J.; Brandl, V.; Jörissen, J.; Paetau, M.; Banse, G.; Coenen, R.; Grunwald, A., 2001:
Nachhaltige Entwicklung integrativ betrachtet. Konstitutive Elemente, Regeln, Indikatoren. Berlin: edition sigma

WBGU - Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, 2000:
Welt im Wandel. Erhaltung und nachhaltige Nutzung der Biosphäre. Jahresgutachten 1999. Berlin u. a.: Springer


Kontakt

Jürgen Kopfmüller
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Forschungszentrum Karlsruhe GmbH
Postfach 3640
76021 Karlsruhe

Tel.: +49 (0) 7247 / 82 - 4570
Fax: +49 (0) 7247 / 82 - 4806
E-Mail: kopfmueller@itas.fzk.de
Internet: http://www.itas.fzk.de



Stand: 05.12.2003 - Kommentare an:     Ingrid von Berg