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TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG Theorie und Praxis |
Mir liegen zwei Texte vor, die kritisch zu kommentieren ich aufgefordert wurde:
Da sich beide Texte auf das gleiche Konzept beziehen und Malanowski et al. (2003, S. 164) ihre Ausführungen als Konkretisierungen des Konzepts von Bode bezeichnen, darf man die Texte wohl im Zusammenhang behandeln. Der folgende Kommentar ist polemisch und ich habe mich dafür entschieden, die Polemik auch durch die äußerliche Darstellung sichtbar werden zu lassen. Daher erfolgt sie in mehreren Aufzügen.
1. Aufzug: Man wähle mit dem Radikalen Konstruktivismus (Bode 2002) eine Theoriegrundlage, die einem selbst alle Freiheiten belässt und die sich selbst gegen Kritik immunisiert hat, da alle Kritiker ja auch nur Beobachter sein können, die von je ihrem Standpunkt mit je ihren Unterscheidungen operieren. Über die Fülle an philosophischen Schwierigkeiten (Konstitutionsproblematik, Unterscheidungspraxis, Wahrheitstheorie, Ethik), die der Radikale Konstruktivismus aufwirft, äußere man sich nicht (Bode: Diese Diskussion soll hier nicht stattfinden.), man suggeriere aber, dass der Radikale Konstruktivismus mittlerweile auf dem besten Wege sei, ein etabliertes wissenschaftstheoretisches Paradigma zu werden (Bode 2002, S. 36). Dann schlage man vor, die Erkenntnisse (bezeichnenderweise wurde dieses Wort im Text in Anführungszeichen gesetzt!), vor allem aber die Auswirkungen des Radikalen Konstruktivismus auf die Sozialwissenschaften TA zu nutzen, um daraus ein politisches Instrument zu entwickeln (Bode 2002, S. 37). Man leiste sich eine Anspielung auf Luhmanns Bücher und stelle die ITA der Gesellschaft (Bode 2002) damit in eine Reihe mit Die Wirtschaft der Gesellschaft, Das Recht der Gesellschaft usw. Das zeugt von Selbstbewusstsein.
2. Aufzug: Man formuliere eine extrem einseitige Diagnose und sage, Ende der 90er Jahre sei es um die TA in Deutschland schlecht bestellt gewesen. Hierbei stütze man sich auf eine höchst selektive Kritik, die aus einem ökonomischen Kontext heraus formuliert worden ist (Malanowski et al., S. 159). Man erwähne kurz den Streit um diese Diagnose, erzeuge aber den Eindruck, mit dem eigenen Konzept diesen insgesamt misslichen Zustand der deutschen TA beheben zu wollen und zu können. Dies streiche man am Ende noch einmal deutlich heraus: Auf diesem Wege werden einige Kerndefizite von klassischer TA angegangen und können überwunden werden (ebd., S. 164). Was unter klassischer TA zu verstehen ist, hätte der Rezensent gerne gewusst; aber vielleicht ist es aus Sicht der Autoren viabler, dies im Unbestimmten zu belassen. Dies erlaubt und ermöglicht es, ernsthaften Nachfragen jederzeit ausweichen zu können.
3. Aufzug: Anschließend nehme man sich die Freiheit, die maßgebliche Literatur zu Fragen der Technikbewertung sowie die Erfahrungen mit TA an den diversen Institutionen zu ignorieren. Nunmehr braucht man sich von den Arbeiten von Lenk, Ropohl, Grunwald, Renn, Hubig, Kornwachs u. v. a. nicht mehr irritieren oder perturbieren zu lassen. Selbst die Arbeiten von Bechmann scheinen einer Rezeption unbedürftig. Man ersetze konsequent TA-Literatur durch Literatur zum Radikalen Konstruktivismus von Foerster, Luhmann, Hejl, Maturana, Rusch u. a. Bodes Literaturverzeichnis bspw. enthält nur wenige originäre TA-Titel (Bode 2002). (Der Autor von Laws of Forms heißt übrigens George Spencer Brown und nicht Spencer-Brown (Bode 2002, S. 67) und die Quelle Ott (2002) auf S. 50 wird im Literaturverzeichnis korrekt unter Skorupinski, B., Ott, K. (2002) aufgeführt.)
4. Aufzug: Man hebe das eigene Projekt aus der Taufe (ITA) und präsentiere es in einer verkaufsfördernden semantischen Mischung aus Antragslyrik und TA-Jargon: Theorie und Praxis integrierend, Leitlinien der Innovations-, Handlungs- und Zukunftsorientierung, interdisziplinäre Perspektive, Anschlussfähigkeit, vorsorgende Politik. Man erwähne kurz die ethische Perspektive, weil sich dies heute so gehört, vermeide dann konsequent jede weitere Bezugnahme auf normative Fragen der Technikbewertung und spreche stattdessen unspezifisch von aktuellen und erwartbaren (!) gesellschaftlichen Anforderungen (Malanowski et al. 2003, S. 159). Der Leser darf nunmehr vermuten, welche gemeint sein könnten. Eine gewisse Orientierung an wirtschaftlichen Anforderungen lasse man gelegentlich durchschimmern, hüte sich aber davor, zu stark aufzutragen.
5. Aufzug: Man spezifiziere den Radikalen Konstruktivismus zur Systemtheorie Luhmanns. Richtig an dieser Vorgehensweise ist, der systemischen Ausdifferenzierung der Gesellschaft Rechnung tragen zu können. Dies ist unproblematisch. Innerhalb der gewählten Theoriegrundlage ist es zulässig, den Begriff der Partizipation so zu definieren, dass politische Kommunikation im Bewusstsein von Individuen, Organisationen (Haben Organisationen ein Bewusstsein? - k. o.) (...) ankoppelt und dadurch übersetzt wird (Malanowski et al. 2003, S. 160). Der Begriff der Partizipation bezieht sich somit definitionsgemäß auf eine Konstellation zwischen Kommunikationssystemen und Bewusstseinen (Bode 2002, S. 37), deren Beschreibung eine Fülle von bewusstseins- und sprachphilosophischen Fragen aufwirft. Man suggeriere, dieser Begriff der Partizipation sei üblich (Bode 2002, S. 36), was als Behauptung nachweislich falsch wäre. Interaktion wird nun zum Kontakt psychischer Systeme. Man spanne den wesentlich kritischeren Begriff des Diskurses ab zum Austausch von Positionen von Vertretern unterschiedlicher Subsysteme, die ihre jeweilige Sichtweise darlegen. Diskurs wird dadurch in der Konsequenz zum Meinungsaustausch zum Zwecke der Perturbation mentaler Zustände. Diese Definitionen erlauben es, weiterhin ungeniert vom partizipativen Diskurs zu sprechen. Damit hat man zentrale Begriffe eingefangen und neu besetzt, was im Radikalen Konstruktivismus zulässig ist, solange es viabel ist. Den Hinweis auf theoretische Alternativen zu dieser Begriffsbildung sucht man (natürlich) vergebens. (Nebenbei: Dass Luhmann selbst in seinen Schriften immer wieder die Frage gestellt hat, ob die Funktionalsysteme erzeugen können, um langfristige ökologische Probleme lösen zu können, kommt in ITA nicht vor.)
6. Aufzug: Man verwende den Begriff der Operationalisierung locker, so dass viele im Grunde selbstverständliche Anforderungen an gute TA, die in der Literatur oftmals genannt wurden, in der im 3. Aufzug bereits erfolgreich eingesetzten Semantik unter diesem Begriff der Operationalisierung aufgelistet werden können: Lernfähigkeit, Themenbezogenheit, aktive Prozessbegleitung, multisystemische Evaluation, adressatenplurale Kommunikation, iterative Befruchtung, intermediäre Anschlussfähigkeit. Diese Auflistung imponiert und klingt viel versprechend. Man füge mit kritischem Unterton die Trivialität hinzu, dass technische Innovationen als sozialer Prozess zu sehen seien (whow!) und sage sich mutig von kausaldeterministischen Vorhersagen los, die seit zwanzig Jahren niemand mehr vertritt. Anschließend umranke man die Auflistung mit Sätzen der folgenden inhaltlichen und grammatischen Qualität: Dies zeigt bereits, Prozesse unterschiedlichster Art müssen mitberücksichtigt werden, wenn sich Politik in der Entscheidungsfindung systematisch durch andere Systeme flankieren lassen will (Malanowski et al., S. 160).
7. Aufzug: Man weise dem politischen System die sympathische Rolle eines Intermediärs zu, der die Funktionalsysteme aus dem Kerker ihrer binären Codes und ihrer geschlossenen Operationen befreit (Bode 2002, 56). Die systemtheoretische Auffassung von politischem Handeln und Entscheiden, deren Kern darin liegt, dass Politik jeglicher Möglichkeit beraubt wird, ihre Entscheidungen direkt umzusetzen (Bode 2002, S. 40) (was sich empirisch wohl nicht aufrecht halten lässt), mildere man ab zu der Aussage, dass Politik vielfach nur eine Moderatorenrolle einnehmen könne (ebd.). Die derzeitigen Debatten über die Möglichkeiten, herkömmliche politische Instrumente wie das Ordnungsrecht mit neuen Regulierungsformen (Stichwort: New Governance) zu vermitteln, ignoriere man.
8. Aufzug: Man entwickle ein plausibles Ablaufphasenmodell, in dem Ausschreibung, Meetings, Gesprächskreise, Workshops, Gutachten, Abschlusskonferenzen aufeinander folgen.
9. Aufzug: Man betone die Erforderlichkeit, die TA-Ergebnisse für lebendig und adressatengerecht aufzubereiten (Malanowski et al. 2003, S. 162). Man übernehme hierzu das in Ethik und Sozialwissenschaften entwickelte Verfahren. Man konkretisiere für BMBF-nahe Zielgruppen sowie Manager und verknüpfe die eigenen mit ähnlichen Aktivitäten anderer. Man ende schließlich mit einigen Pathosfloskeln wie der vom erforderlichen Mut zum Willen, etwas zu bewegen, oder der von den Anregungen, neue Wege zu erkunden.
Dass die Autoren auf dem Markt der Möglichkeiten ein Konzept anbieten, mit dem sie zu reüssieren hoffen, ist nicht zu beanstanden. Der Versuch ist statthaft. So schreibt Bode treffend: Intermediäre sind Attraktoren, die Anreize für die Partizipation von Bewusstseinen bieten: Karriere, Entlohnung, Positionen (Bode 2002, S. 44). Das ist unbenommen. Das Konzept ist offenbar gut im BMBF angekommen. Insofern ist die Überschrift von Malanowski et al. verfehlt, denn die Anschlussfähigkeit von ITA ist offenbar bereits Realität geworden. Derlei geschieht.
Prof. Dr. Konrad Ott
Professur für Umweltethik
Botanisches Institut
Universität Greifswald
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