TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG
Theorie und Praxis

TA-Institutionen und TA-Programme
"Technikfolgenabschätzung", Nr. 3 / 4, 12. Jahrgang - November 2003, S. 55-58

artec: Forschungszentrum Nachhaltigkeit an der Universität Bremen

von Hellmuth Lange, artec - Forschungszentrum Nachhaltigkeit an der Universität Bremen

Seit Frühjahr 2003 bündelt artec als „Forschungszentrum Nachhaltigkeit“ wesentliche an der Universität Bremen vorhandene - vorwiegend sozialwissenschaftliche - Ressourcen und Kompetenzen auf diesem Gebiet. In Forschung, Lehre und Beratung geht es zum einen um die Notwendigkeit der Reproduktion aller für ein nachhaltiges Wirtschaften wesentlichen Voraussetzungen. Zum anderen werden im Rahmen einer stärker systemtheoretischen Zugangsweise Stabilität bzw. Reaktionsfähigkeit sozioökonomischer und natürlicher Systeme untersucht. Integration, Interdisziplinarität und Gestaltungsorientierung bilden dabei die Leitorientierungen. Das Profil des Forschungszentrums umfasst gegenwärtig vier interdisziplinär ausgerichtete Forschungsfelder: Soziale Nachhaltigkeit und Arbeit, Nachhaltigkeitsmanagement und Unternehmensentwicklung, Nachhaltigkeitsorientierte Technikentwicklung und -bewertung und Change-Management und Alltag: Nachhaltigkeit im regionalen und lokalen Kontext.

1     Vom Forschungszentrum Arbeit - Umwelt - Technik zum Forschungszentrum Nachhaltigkeit

Das Forschungszentrum artec ist als Zentrale Wissenschaftliche Einrichtung Arbeit und Technik an der Universität Bremen im Jahr 1989 gegründet worden. Der thematische Fokus des Zentrums lag zunächst auf der Bearbeitung von Problemen der Humanisierung der Arbeit und von Fragen sozialverträglicher Technikgestaltung. Seit Mitte der neunziger Jahre wurde diese Forschungsperspektive einer sozialverträglichen Arbeits- und Technikgestaltung sukzessive um die in mancher Hinsicht quer laufende Perspektive der Umweltverträglichkeit erweitert. 1997 ist, dieser Entwicklung Rechnung tragend, das Zentrum in Arbeit - Umwelt - Technik umbenannt worden.

Während in den neunziger Jahren die übergreifende Thematik „Neue Kooperationsprobleme als fach- und professionsübergreifende Gestaltungsherausforderungen“ die zentrale Klammer der artec-Forschung bildete, haben in den letzten Jahren die Nachhaltigkeitsproblematik und unmittelbar nachhaltigkeitsbezogene Forschungsthemen - z. B. Fragen des gesellschaftlichen Umgangs mit Risiken, Forschungen zum Umweltbewusstsein und zu Gerechtigkeitserwägungen, Untersuchungen lokaler und regionaler Nachhaltigkeitskonflikte - an Bedeutung gewonnen. Diese sukzessive thematische Schwerpunktverlagerung in die Richtung der gesellschaftlich eminent wichtigen Nachhaltigkeitsforschung hat sich im Frühjahr 2003 in einer weitreichenden Neuausrichtung des artec als Forschungszentrum Nachhaltigkeit niedergeschlagen, das seither wesentliche an der Universität Bremen vorhandene Ressourcen und Kompetenzen auf diesem Gebiet in Forschung, Lehre und Beratung bündelt.

Die artec-Forschung wird sich dabei in Zukunft auf zwei besonders kritische Nachhaltigkeitsaspekte konzentrieren:

2     Integration, Interdisziplinarität und Gestaltungsorientierung als Leitorientierungen

Nachhaltigkeitsbezogene Forschung zielt, egal, wie man sie auch kleinarbeitet, immer auf komplexe Sachverhalte von eminenter gesellschaftlicher Bedeutung, denen wissenschaftlich nur im Rahmen einer mittelfristig ausgelegten, integrierten und interdisziplinär orientierten Perspektive nachzukommen ist. Integration, Interdisziplinarität und Gestaltungsorientierung sind dementsprechend die Leitorientierungen, die dem neu konfigurierten Zentrum zugrunde liegen:

Das neue artec kann dazu auf eine langjährige Erfahrung in grundlagen- und gestaltungsorientierter Forschung sowie in interdisziplinär ausgerichteter Projektarbeit zurückgreifen. Das Zentrum ist multidisziplinär zusammengesetzt; seine Mitglieder verfügen über unterschiedliche sozialwissenschaftliche Kernkompetenzen. Der Schwerpunkt liegt im Bereich der Wirtschaftswissenschaften (strategisches Ressourcenmanagement, Entscheidungsprozesse, Effizienz- und Nachhaltigkeitsrationalität), der Arbeitswissenschaften (Organisationslernen, Change-Management und internationale Regulierung), der Umweltsoziologie (Umweltbewusstsein, Alltagshandeln, Lebensstile und Gender, Konfliktbewältigung zwischen Politik, Verwaltung und Zivilgesellschaft) sowie der Innovations- und Technikforschung (Technikgenese, -folgen und -gestaltung). Quer zu diesen disziplinären Verortungen bringen die Mitglieder des Zentrums verschiedene konzeptionelle Zugänge zur Nachhaltigkeitsproblematik ein: Die Genderperspektive fokussiert auf die Geschlechterverhältnisse und ihre Folgen für die Wahrnehmung und Gestaltung von Nachhaltigkeit; die Ressourcenperspektive versteht Nachhaltigkeit nicht allein als Effizienzproblem, sondern auch als qualitative Frage der Einbettung technischer Systeme in Naturkreisläufe (Konsistenz); die Akteursperspektive richtet sich auf die verschiedenen Bedürfnisse, Interessen und Entscheidungsprämissen individueller und institutioneller, lokaler, regionaler, nationaler und international operierender Akteure.

3     Forschungsthemen und -felder

Das neue Profil des artec umfasst unter diesem konzeptionellen Dach gegenwärtig vier interdisziplinär ausgerichtete Forschungsfelder:

  1. Soziale Nachhaltigkeit und Arbeit (AnsprechpartnerInnen: Prof. Eva Senghaas-Knobloch; Dr. Guido Becke)

Die Forschung dieses Schwerpunktes konzentriert sich auf Fragen der menschengerechten Arbeitsgestaltung zwischen Arbeitskulturen, Umweltmanagementsystemen, neuen Techniken und ökonomischen Imperativen sowie auf die Regulierung von Arbeitsbedingungen in globalen Strukturen unter den Leitideen von Nachhaltigkeit, Corporate Citizenship und Generativität. Zwei große Themenfelder stehen im Vordergrund:

  1. Nachhaltigkeitsmanagement und Unternehmensentwicklung (AnsprechpartnerInnen: Prof. Georg Müller-Christ; Dipl. Soz. Brigitte Nagler)

Im Zentrum dieses Schwerpunktes stehen die Forschung zum Verhältnis von Effizienz und Nachhaltigkeit sowie Probleme der strategischen Planung nachhaltiger Unternehmensentwicklung und Kooperationsperspektiven.

Mit Hilfe der Definition von wirtschaftenden Einheiten als ressourcenabhängige Systeme lassen sich neue Anknüpfungspunkte finden, um die Herausforderung Nachhaltigkeit im Wirtschaftsprozess bewältigen zu können. In dieser Forschungsprogrammatik wird davon ausgegangen, dass wirtschaftende Einheiten zum einen tatsächlich die natürlichen und sozialen Ressourcen wesentlich effizienter einsetzen müssen (Effizienzrationalität). Hier stehen technologische und organisatorische Innovationen im Vordergrund der Betrachtung. Zum anderen müssen wirtschaftende Einheiten aber auch in den Nachschub an ökologischen, ökonomischen und sozialen Ressourcen investieren, um ihre materielle und immaterielle Ressourcenbasis zu erhalten (Nachhaltigkeitsrationalität). Dies gelingt intern nur über komplexere Entscheidungsprozesse und extern über Kooperationen entlang der materiellen und immateriellen Ressourcenkette.

Die Forschungsthemen beschäftigen sich dementsprechend vor allem mit dem Verhältnis von Effizienz- und Nachhaltigkeitsrationalität in wirtschaftenden Einheiten:

  1. Nachhaltigkeitsorientierte Technikentwicklung und -bewertung (Ansprechpartner: Prof. Arnim von Gleich; Prof. Hans Dieter Hellige; PD Dr. Ulrich Dolata)

In diesem Schwerpunkt bündeln sich die Forschung zu Fragen des Stoffstrommanagements und der Kreislaufwirtschaft, der Leitbildforschung sowie der sozialwissenschaftlichen Untersuchung der Technikgenese und -regulierung in modernen Schlüsseltechnologien (Biotechnologie, Nanotechnologie, Informations- und Kommunikationstechniken, Internet).

Ressourcenmanagement, der Übergang zu regenerativen Stoff- und Energiequellen sowie Abfall- und Emissionsvermeidung werden als Aufgaben auch weiterhin Bedeutung haben. Zentraler Ansatzpunkt der weiterführenden wissenschaftlichen und praktischen Ansätze muss aber der Umgang mit Stoffen und Energien in der Technosphäre sein, also die Gestaltung und Vernetzung von industriellen Systemen, Produktionsanlagen und -prozessen sowie die Gestaltung und Nutzung von Produkten einschließlich ihrer Wiederverwendung und -verwertung. Eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg solcher Ansätze zur Transformation, zur Gestaltung und Einflussnahme ist ein grundlegendes, sowohl theoretisches als auch empirisch fundiertes Verständnis von Technikgenese-, Technikregulierungs- und Innovationsprozessen im Rahmen moderner Schlüsseltechnologien. Sowohl in Fallstudien zur Entwicklung moderner Technologien bzw. zur Gefahrstoffsubstitution in Unternehmen als auch in praxisbezogenen Kooperationen mit den Akteuren in regionalen, nationalen oder sektoralen Innovationssystemen geht es dabei um ein besseres Verständnis der Rahmenbedingungen, Akteurskonstellationen und Einflussmöglichkeiten, die am Ziel der Nachhaltigkeit orientierte Innovationen eher befördern oder eher behindern.

Die Kompetenzen und Schwerpunkte dieses Forschungsfeldes liegen dementsprechend auf den folgenden Gebieten:

  1. Change-Management und Alltag: Nachhaltigkeit im regionalen und lokalen Kontext (AnsprechpartnerInnen: Prof. Hellmuth Lange; Prof. Ines Weller)

Im Zentrum dieses Schwerpunktes schließlich stehen sowohl die Untersuchung von Konflikten zwischen politisch-administrativem System und zivilgesellschaftlichen Akteuren als Herausforderungen eines nachhaltigkeitsorientierten Change-Managements als auch Probleme einer nachhaltigkeitsorientierten Konsumwende im Spannungsfeld von Lebensstilen, Fairness- bzw. Gerechtigkeitserwägungen und Gender.

Veränderungen bisheriger Praktiken, Routinen und Vorlieben in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit fordern die Akteure der Zivilgesellschaft immer auch in ihren Angemessenheits- und Gerechtigkeitsmaßstäben heraus. Dementsprechend müssen staatliche und administrative Akteure trotz aller strukturellen Grenzen ihrer Wirkungsmöglichkeiten wirksame Formen eines entsprechenden Change-Managements entwickeln. Da Veränderungen zugunsten von mehr Nachhaltigkeit stets auch bessere Nutzungsweisen natürlicher Ressourcen erfordern, genügt es allerdings nicht, Strategien zur nachhaltigeren Gestaltung des Konsums allein auf private KonsumentInnen zu fokussieren. Sie müssen gleichzeitig der Frage nachgehen, wie privates Konsumverhalten in Versorgungs- und Produktionsstrukturen eingebunden ist und wie beide ihrerseits von den gesellschaftlichen Akteuren umgestaltet werden können.

Regionale und lokale Strukturen bilden einen wichtigen Zusammenhang, in dem sich diese Teilaspekte zu einer mehr oder minder komplexen Herausforderung der diversen Akteure aufbauen. Deren Analyse ist der gemeinsame Bezugspunkt der Projekte dieses Schwerpunkts. Untersucht werden


Kontakt

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Tel.: +49 (0) 421 / 218 - 24 15
E-Mail: lange@artec.uni-bremen.de

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Tel.: +49 (0) 421 / 218 - 48 34
E-Mail: nagler@artec.uni-bremen.de



Stand: 05.12.2003 - Kommentare an:     Ingrid von Berg