TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG
Theorie und Praxis
Nr. 1, 15. Jahrgang - April 2006, S. 87-89

Rezensionen

Biotechnologie u. Demokratie. Nationale Historien, transatlantische Gemeinsamkeiten

S. Jasanoff: Designs on Nature. Science and Democracy in Europe and the United States. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2005, 344 S., ISBN 0-691-11811-6, EUR 33,50

Rezension von Stephan Albrecht, Universität Hamburg

Sheila Jasanoff hat seit vielen Jahren immer wieder kritisch und anregend Facetten der Verhältnisse und der Koevolution von Wissenschaften und Politik untersucht und beschrieben [1] . Ihr neuestes Buch ist eine komparative Analyse der Biotechnologiepolitiken in Deutschland, Großbritannien und den USA.

In elf Kapiteln zeichnet die Autorin die Stufen der Entwicklung der modernen Biotechnologie von den berühmten Berg / Singer-Experimenten Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des paralegalen Moratoriums der Zulassung transgener Nutzpflanzen in der EU 2004 nach. Dabei unterscheidet sie sinnvollerweise zwischen landwirtschaftsbezogener und menschenbezogener Biotechnologie und widmet sich den weit reichenden Problemkomplexen der Patentierung und der Bioethik ebenso wie den Einflüssen und Ausgestaltungen der EU-Politik.

Für Kenner der Materie bietet das Werk nicht unbedingt zusätzliches Material oder bislang nicht einbezogene Aspekte oder Kontexte [2] . Was aus meiner Sicht das Buch insbesondere lesenswert macht, ist der „Blick von außen“ auf die Abläufe in Deutschland, Großbritannien und der EU. Dabei geht Sheila Jasanoff von der Hypothese aus, dass die Einordnung des Umgangs mit der modernen Biotechnologie in den USA von dem Blickwinkel der wissenschaftlichen Begründetheit, in Großbritannien von dem Blickwinkel seriöser wissenschaftlicher Politikberatung und in Deutschland von dem Verhältnis von Wissenschaft und gesellschaftlicher Kontrolle geprägt worden ist. Diese Charakteristiken verweisen auf unterschiedliche nationale Historien und Narrative, die einerseits von den Prospekten der modernen Biotechnologie erheblich mitgeprägt worden sind, die andererseits aber eingelassen sind in längerfristige Rahmungen, Umgangsformen und institutionelle Arrangements der Relationen von akademischer, außeruniversitärer staatlicher und industrieller Forschung.

Bemerkenswert ist, wie die Autorin es versteht, den Abbruch der Normalisierungsphase in der Etablierung der modernen Biotechnologie Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts nachzuzeichnen. Dieser hatte zu den für die heutigen Kontroversen typischen Argumentationsstrukturen von Proponenten und Opponenten wesentlich beigetragen, in denen neben die Sicherheitsargumente solche der ökonomischen Strukturen der Landwirtschaft und des Umgangs mit menschlicher und tierischer Ernährung getreten sind.

Es wird oftmals etwas pauschal die Verantwortung für die dunklen Seiten der modernen Biotechnologie auf Regierung, Verwaltung, Wissenschaften und Industrie der USA platziert. Sheila Jasanoff zeigt ganz treffend, ohne einen Anflug von Apologetik gegenüber der Rolle des amerikanischen Kapitalismus', dass Deutschland, Großbritannien und auch die EU sehr wenig Grund haben, sich selbstgerecht für weitsichtiger zu halten. Da ist z. B. die nahezu skandalöse Politik der britischen Regierung, die, nachdem von 2002 bis Ende 2003 ein nationaler Dialog zu transgenen Nutzpflanzen durchgeführt worden ist, der in Europa, wenn nicht weltweit an Durchdachtheit und Partizipation der Bevölkerung seinesgleichen sucht, Anfang 2004 vollständig unbeeindruckt von den Debatten und Ergebnissen des Dialogs die Zulassung einer transgenen Maissorte beschlossen hat.

Am Schluss des Buches finden wir eine spannende Auseinandersetzung mit dem Konzept des „public understanding of sciences“ (PUS), das in allen drei Ländern immer wieder versucht hat, die Nicht-Akzeptanz von Teilen der modernen Biotechnologie als ein Kenntnisproblem zu konzeptualisieren [3] . Ungeachtet der empirischen Erfolgsarmut dieses Konzeptes in Ländern wie Großbritannien, Japan, auch den USA, hatte die deutsche Bundesregierung noch 2002 mit ihrer „PUSH-Initiative [4] “ den gleichen Weg beschritten, wiederum mit einem entsprechenden Ergebnis. Jasanoff's Kritik zeigt, dass das PUS-Konzept die Öffentlichkeit als lediglich rezeptive Instanz sieht, nicht aber als eine auch nur entfernt mitbestimmende, was für Demokratien indessen selbstverständlich sein sollte. Sie schlägt stattdessen eine Konzeption vor, die sie „civic epistemologies“ nennt. „Civic epistemology refers to the institutionalized practices by which members of a given society test and deploy knowledge claims used as a basis for making collective choices.“ (S. 255) Aus ihren Untersuchungen entnimmt die Autorin sechs Dimensionen, die sie als gültig für alle Länder interpretiert:

  • die vorherrschenden Beteiligungsweisen der Wissenschaftspolitik,
  • die Methoden der Feststellung von Verantwortlichkeit und Zuverlässigkeit,
  • die Praktiken öffentlicher Akte der Bekräftigung [5],
  • die bevorzugten Methoden der Zuweisung von Objektivität,
  • die akzeptierten Grundlagen von Expertenwissen und
  • die öffentliche Sichtbarkeit von Expertengremien.

Von diesen Dimensionen aus gelangt Sheila Jasanoff zu diversen Weisen des Umgangs mit technologischen Innovationen, die sie den drei untersuchten Ländern zuordnet: Großbritannien wird als „communitarian“, Deutschland als „consensus-seeking“ und die USA als „contentious“ verstanden und der Ertrag dieser konzeptionellen Ordnung liegt darin, dass „the politics of science and technology [are] firmly [planted] in the social world, where it rightfully belongs.“ (S. 271)

Es ist immer schwierig, so komplexe Entwicklungen wie die Biotechnologiepolitiken von gut 25 Jahren in verschiedenen Ländern begrifflich zu fassen. Im vorliegenden Buch resümiert die Autorin, dass die Rahmung der neuen Möglichkeiten wie auch der Disput um Implikationen für die USA produkt-, für Großbritannien prozess- und für Deutschland programmbezogen erfolgt sei. Auch wenn mir diese Einteilung nicht plausibel erscheint – schließlich war es die Ecological Society of America (ESA), die schon 1989 in ihrer grundlegenden Arbeit die ökologischen Implikationspfade weitsichtig ausgearbeitet hat – so bieten Sheila Jasanoff's Überlegungen am Ende des Buches zum Zusammenhang von Demokratie und Politik gute Anknüpfungspunkte für die Konturen einer anderen Biotechnologiepolitik. Dies wird eigens zwar nicht thematisiert, drängt sich aber als mögliche Konsequenz aus den aufgezeigten Deformationen der abgelaufenen Biotechnologiepolitik nahezu auf.

Repräsentation, Partizipation und Deliberation sind die drei Schlüsselbegriffe, um die die Autorin ihre demokratiepolitische Bilanz gruppiert. Hier macht sich eine Schwäche in der empirischen Analyse bemerkbar, die sich durch die gesamte Arbeit zieht: eine übermäßige Selektivität der in den einzelnen Staaten erfassten Ensembles von Pro- und Opponenten. Für Deutschland kann ich das als teilnehmender Beobachter naheliegenderweise am besten beurteilen: Die weitgehende Konzentration auf die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und die Positionierung der Grünen-Partei verdeckt den Blick auf die weit wirkmächtigere Koalition von Bundesforschungsministerium, Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie (DECHEMA), Deutscher Forschungsgemeinschaft (DFG) und Max Planck-Gesellschaft. Und dass in Großbritannien ökologische Fragen weit intensiver debattiert worden wären als in den USA (S. 282), kommt mir kontrafaktisch vor – nicht nur angesichts der schon erwähnten Rolle der ESA.

Als Ertrag aber bleibt, dass im Feld der Repräsentation es immer (kleine) Minderheiten waren, die den faktischen Gang der Dinge bestimmt haben. Was die Teilhabe an Diskurs und Gestalt der Biotechnologiepolitik angeht, so wird ganz nachvollziehbar konstatiert, dass in den USA insbesondere durch Patentregime und gesetzliche Regelungen zur Finanzierung technologischer Innovationen die Prärogativen des Kapitalkalküls zur Geltung gekommen sind, während in Großbritannien und auch Deutschland größere Elemente einer organisierten Teilhabe zu beobachten sind, die in Deutschland aber bspw. durch die Novelle zum Gentechnikgesetz von 1993 schon wieder marginalisiert worden sind. In der Region der Willensbildung und Entscheidungsvorbereitung entdeckt die Autorin: „Across all three countries and in almost all the issue areas surveyed ..., we are struck by the dearth of meaningful debate and the metaphysical aspects of biotechnology: that is, debate about the kinds of entities, and associated forms of life, that the technology has sought to, or should seek to, create. Genetic modification is at its core, a means of bringing novel entities into the world, and an engaged deliberative politics might have been expected to focus in the first instance on the desirability of these new productions.“ (S. 286 f.) Dieser Befund ist überraschend insofern, als Sheila Jasanoff in dem Buch an vielen Stellen die Kontroversen auch zur Wünschbarkeit der schönen neuen Biotechnologie-Welten beschreibt. Wenn hier allerdings gemeint sein sollte, dass die herrschende Politik die Frage der Wünschbarkeit nicht gestellt hat, so ist dies nahezu selbstevident, ist doch - und auch dieser Befund durchzieht das gesamte Buch - die Wünschbarkeit des neu gemachten Lebens eine Generalprämisse der gesamten Wissenschaften und Politiken zur modernen Biotechnologie gewesen und ist dies bis zum heutigen Tag.

Alles in allem ist das Jasanoff'sche Buch ein lesenwertes Werk, das erneut belegt, dass demokratische Politik diesseits und jenseits des Nordatlantiks noch weit davon entfernt ist, angemessen und auf Augenhöhe mit den freigesetzten technologischen Innovationen umgehen zu können. Es demonstriert allerdings auch das Desiderat einer umfassenden Zeitgeschichtsschreibung zur modernen Biotechnologie, indem es zugleich ein Beitrag dazu ist.


Anmerkungen

[1] Vgl. The Fifth Branch. Science Advisers as Policymakers, Cambridge, MA 1990: Harvard University Press; Science at the Bar. Law, Science, and Technology in America, Cambridge, MA 1995: Harvard University Press

[2] Das ist schon gar bei einer mehrere Länder einbeziehenden Studie auch schwierig genug, wie ich selbst mühsam erfahren habe, vgl. St. Albrecht: Freiheit, Kontrolle und Verantwortlichkeit in der Gesellschaft. Das Lehrstück moderne Biotechnologie, Hamburg 2005: Hamburg University Press

[3] In diesem Zusammenhang ist die sog. „Tomatenfrage“ zu einiger Bekanntheit gelangt. Diese ist in Umfragen in Europa wie in den USA gestellt worden und geht dahin nachzufragen, ob sich in allen oder nur in transgenen Tomaten Gene befinden. Ungefähr die Hälfte der Befragten hat für die letztere Alternative gestimmt. Nun ist diese Antwort zwar ganz falsch, aber es geht eben um die Konsequenzen, die in der Sicht der PUS-Vertreter aus diesem Umstand gezogen werden. Insbesondere demokratiepolitisch ist die Tendenz von PUS, diejenigen ohne ernsthafte naturwissenschaftliche Kenntnis aus dem Diskurs um die moderne Biotechnologie auszugrenzen, hoch problematisch, wie Jasanoff zu recht konstatiert und wie ich wiederholt zu zeigen versucht habe, s. Anmerkung 2. Dieses Vorgehen wäre etwa so, als wenn alle PolitikerInnen, die den 1. Hauptsatz der Thermodynamik nicht verstehen, Politik nicht länger betreiben können sollten.

[4] „PUSH“ steht für Public Science and Humanity (Anm. d. Red.).

[5] Dabei geht es z. B. um symbolistische Handlungen wie das öffentliche Verspeisen von Rindfleisch (zu Zeiten von BSE in Großbritannien) oder Hühnerfleisch (zu Zeiten von Vogelgrippe) durch Staatschefs und Landwirtschaftsminister.

Erstellt am: 24.05.2006 - Kommentare an: E-Mail an dieTATuP-Redaktion