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TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG Theorie und Praxis |
| Nr. 1, 15. Jahrgang - April 2006, S. 97-98 |
Vielfach bedarf es heutzutage, da in den allfälligen Evaluierungen die kleinste publizierbare Einheit gefragt ist, eines besonderen Anlasses, ein Buch herauszugeben. Geburtstage von Institutionen bzw. Persönlichkeiten oder Jubiläen von wichtigen Ereignissen sind solche Gelegenheiten – oder eben, wie im vorliegenden Fall, dass eine Ära zu Ende geht. Die Ära, um die es hier geht, ist die Zeit, in der Prof. Dr. Gunther Tichy die Leitung des Instituts für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften innehatte. Ende 2005 ist Gunther Tichy nach vierzehn Jahren der Institutsleitung in den Ruhestand getreten. Sein Nachfolger, PD Dr. Michael Nentwich, und der stellvertretende Leiter des ITA, Dr. Walter Peissl, haben ihm zu Ehren die Festschrift Technikfolgenabschätzung in der österreichischen Praxis herausgegeben. Autoren sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts. Sie berichten in bislang unveröffentlichten Beiträgen aus neueren und aktuellen Projekten des ITA und reflektieren diese Arbeit vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Erwartungen und eigener Ansprüche.
Herausgekommen ist ein spannendes und vielfältiges Buch, das nicht nur einen ausgezeichneten Eindruck von der Qualität der Arbeit im ITA vermittelt, sondern das darüber hinaus aktuelle Fragen der TA auf hohem Niveau reflektiert. Das Themenspektrum ist – wie bei TA-Institutionen üblich – ausgesprochen breit. Ein Schwerpunkt in dieser Palette, die von der Ethisierung von Technikkonflikten am Beispiel der Biomedizin (Alexander Bogner) über Fragen der Risikokommunikation in der Biotechnologie (Helge Togersen) und Untersuchungen zum Verhältnis von Nachhaltigkeit und Technikentwicklung (Mahshid Sotoudeh) bis hin zur Grünen Bioraffinerie (Susanne Schidler) reicht, lässt sich darüber hinaus unschwer in der Bearbeitung von Technikfolgen der Informations- und Kommunikationstechnologien erkennen. In diesem Feld gehört das ITA unbestritten zu den führenden europäischen TA-Einrichtungen. Im Band sind so Beiträge enthalten zu Überwachung und Sicherheit (Walter Peissl), Privacy angesichts allgegenwärtiger Informationstechnologien (Johann ?as), elektronischen Publikationen (Michael Nentwich), Electronic Government (Georg Aichholzer) und Elektronischer Demokratie (Roman Winkler). Des Weiteren finden sich zwei Beiträge aus dem Gesundheitsbereich: zum Bedarfsassessment in der Krankenversorgung (Claudia Wild) und über prädiktive genetische Diagnostik (Susanna Jonas).
Thematisch ist dieses Spektrum nicht überraschend. Es sind gerade die Themen, die (zumindest) europaweit an der Schnittstelle zwischen Technik und Gesellschaft virulent sind. Spezifisch für die Themenauswahl scheint mir zu sein, dass die im Buch behandelten Themen auch bereits in der Gesellschaft angekommen sind. Themen mit starkem TA-Bezug, die aber an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft / Technik und Gesellschaft (noch) nicht stark präsent sind (wie z. B. die Nanotechnologie), kommen kaum vor. Dies scheint ein Kennzeichen der österreichischen TA-Praxis im ITA zu sein. Nebenbei bemerkt, wohltuend fällt auf, dass das Wort Innovation, das mittlerweile auch in TA-Kreisen gelegentlich überstrapaziert wird, nur sehr dosiert eingesetzt wird.
Die einzelnen Beiträge sind sämtlich sehr gut aufbereitet, sorgfältig strukturiert und argumentativ klar gegliedert. Inhaltlich, vom TA-Bezug her und intellektuell sind sie auf der Höhe der Zeit. Man merkt, dass dieses Buch keine Pflichtübung war, sondern dass es den Autorinnen und Autoren ein Anliegen war, mit dieser Festschrift zu glänzen. Dieses ist klar gelungen. Damit ist bereits impliziert, dass das Buch eine Leserschaft verdient, die weit über den österreichischen Raum hinaus weist. Gemeinsam mit einigen (nicht allzu vielen) anderen TA-Büchern sollte es zum Kanon der europäischen TA-Literatur gehören.
Zwei Aspekte seien gesondert hervorgehoben. Zum einen spricht aus dem Band eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Es wird kein Zweifel daran gelassen, dass das ITA in der österreichischen TA-Szene die Nummer Eins nicht nur zu sein beansprucht, sondern dem eigenen Selbstverständnis nach auch ist. Der Buchtitel Technikfolgenabschätzung in der österreichischen Praxis wird gemäß dieser Selbsteinschätzung im Buchinhalt abgebildet: Alle Beiträge stammen aus dem ITA und auch im einführenden Beitrag der Herausgeber werden der bunten Szene der TA in Österreich nicht mehr als anderthalb Seiten gewidmet. Dies erscheint mir als der einzige Makel: Angesichts des Buchtitels würde mancher Leser sicher gerne etwas mehr über die österreichische TA-Szene jenseits des ITA erfahren.
Zum anderen handelt es sich ganz klar, wie der Buchtitel es formuliert, um die österreichische Praxis der TA. Theoretische Beiträge zur TA sind nicht enthalten, allerdings reflexive Beiträge vor theoretischem Hintergrund. Implizit spricht daraus ein spezifisches Verständnis der TA, nämlich vor allem gute (und damit reflektierte) Praxis zu sein. Dass TA in Österreich nach einer Vermutung von Gunther Tichy durch die Hintertür eingeführt und erfolgreich wurde, mag damit zu tun haben. Die Mühen der Ebene nicht scheuend ist es gelungen, TA in Österreich erfolgreich zu verankern und international sichtbar zu machen. Diesem Buch, das davon Zeugnis ablegt, wünsche ich eine zahlreiche Leserschaft – und dem Kollegen Gunther Tichy viel Freude damit.
Prof. Dr. Armin Grunwald
Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS)
Forschungszentrum Karlsruhe in der Helmholtz-Gemeinschaft
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