TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG
Theorie und Praxis
Nr. 2, 15. Jahrgang - August 2006, S. 3

Editorial: Zur Globalität von Technikfolgen

Technikfolgenabschätzung (TA) als systematische Erforschung von Chancen und Risiken neuer Technologien, als Analyse und Bewältigung von Technikkonflikten sowie als Untersuchung von Bedingungen gelingender Innovation ist in national oder regional geprägten Kontexten entstanden. Die Adressaten der TA in Technik-, Forschungs- und Innovationspolitik waren in erster Linie Institutionen innerhalb der national oder regional ausgerichteten Entscheidungsstrukturen, genauso wie der Zuschnitt der TA-Themen sich daran orientierte. Im Zuge der technischen, ökonomischen und zusehends auch politischen Globalisierung haben sich jedoch die Randbedingungen für diese Verortung der TA dramatisch verändert.

Dass Technikfolgen vielfach keine territorialen Grenzen kennen, ist seit langem anerkannt. Die Globalisierung betrifft aber auch Technikentstehung, -diffusion und -anwendung. So entsteht Technik heute vielfach in weltweiten Netzwerken. Beispiele hierfür sind die Open Source Software, das Human Genome Project oder die Nano(bio)technologie. Auch Technikverwendung und -diffusion verlaufen zunehmend global. So sind Energieversorgungsnetze längst über die politischen Grenzen der Nationalstaaten hinaus gewachsen, und für Gentests gibt es einen globalen Markt über das WWW. Sowohl in der Förderung als auch in der Regulierung verlagern sich wichtige Entscheidungen auf Ebenen höherer Aggregation, z. B. von der nationalen auf die europäische Ebene. Die Einflüsse regionaler „Kulturen“ auf den Umgang mit Technik werden kleiner.

Ein verantwortlicher Umgang mit technischem Fortschritt – zu dem die TA beitragen will und soll – ist daher vor große Herausforderungen gestellt. TA ist generell mit diesen Entwicklungen konfrontiert und muss Wege finden, konzeptionell und methodisch, aber auch strategisch damit umzugehen. Anderenfalls drohen ihr schleichende Provinzialisierung und Bedeutungsverlust. Dass die zweite Konferenz des Netzwerks TA im Herbst 2006 (NTA2) diesem Thema gewidmet ist, reagiert auf die oben skizzierte Diagnose.

Besonders aktuell ist die genannte Problematik im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien. Sie bilden – vor allem durch Internet und Mobiltechnologien – das technische Rückgrat der globalen Ökonomie. Potenziale technischer Neuerungen in diesen Bereichen, aber auch Risiken werden nicht zunächst regional „erprobt“, sondern betreffen immer gleich weite Teile des Globus und der modernen Gesellschaft.

Das Schwerpunktthema dieses Hefts, das Digitale Rechtemanagement (Digital Rights Management), steht in diesem Kontext. Die neuen technischen Möglichkeiten der Kommunikation, insbesondere des Internet, führen zu neuen und globalen Herausforderungen für Recht, Politik und Technikgestaltung. Das Internet sollte weder Tummelplatz für Piraten und Raubkopierer noch technisch und rechtlich so zugerichtet werden, dass seine Offenheit und die damit verbundenen Vorteile für die Kommunikation der Bürger und die Innovationsfähigkeit der Gesellschaft Schaden nehmen. Die Aufgabe ist also, eine gesellschaftlich akzeptable Balance zu finden. Im Schwerpunkt werden Wege aufgezeigt, wie dies mit rechtlichen, technischen und organisatorischen Mitteln gelingen könnte. Selbstverständlich ist dies, und damit schließt sich der Kreis, angesichts der Globalität des Internet eine Herausforderung für eine Technikfolgenabschätzung mit globalem Zuschnitt.

(Armin Grunwald)

Erstellt am: 17.08.2006 - Letzte Änderung am: 07.09.2011 - Kommentare an: E-Mail an dieTATuP-Redaktion