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TECHNIKFOLGENABSCHÄTZUNG Theorie und Praxis |
| Nr. 2, 15. Jahrgang - August 2006, S. 106-107 |
Im Auftrag von TA-SWISS haben Sabine Maasen (Universität Basel) und Martina Merz (EMPA St. Gallen) untersucht, mit welchem Blick auf Technologie die TA-Untersuchungspraxis von TA-SWISS hauptsächlich operiert. Sie kommen anhand der Analyse von vier exemplarischen Projekten von TA-SWISS zu dem Ergebnis, dass Technologien dort hauptsächlich als neutrale oder kontextunabhängige Gegenstände thematisiert werden, die naturwissenschaftliche Erkenntnisse nutzbar machen sollen. Aus der Sicht der Autorinnen, welche durch die Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Technikforschung der letzten zehn Jahre geprägt ist, kommen dabei zwei Dinge zu kurz. Zum einen werde der soziale und kulturelle Kontext von Technologien dabei vernachlässigt, der für die politische Relevanz, die gesellschaftliche Wahrnehmung und letztlich ihre mehr oder weniger erfolgreiche Einbettung entscheidend sei. Zum anderen werde der ganze Bereich der so genannten Sozialtechnologien nicht betrachtet. Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autorinnen, für die Arbeit von TA-SWISS in Zukunft den Ausgangspunkt in sozialen Bereichen zu wählen (wie z. B. Arbeitswelt, Alltag oder Innovation) und für sozialtechnologische Arbeiten zunächst konzeptionelle Vorüberlegungen anzustellen. Insgesamt werde sich dadurch eine neue Perspektive auf Technik ergeben: Neben den Folgen von Technologien tauchen neu die sozialen und kulturellen Bedingungen für das Hervorbringen, die Akzeptanz und die Anwendung dieser Technologien im Blickfeld auf.
Dieser Bericht wendet sich konkret an TA-SWISS. Darüber hinaus kann er aber auch durch Diagnosen und Empfehlungen interessant für die TA-Community sein. Es gibt eine eigene Tradition in der TA-Debatte, die Berücksichtigung von neuen Perspektiven einzufordern – z. B. von Perspektiven wissenschaftlicher Disziplinen wie der Ethik oder von Personengruppen wie Betroffenen, Laien oder Vertretern der Wirtschaft. Oft hat dies die TA weitergebracht und zu dem heutigen ausdifferenzierten Bild der TA-Landschaft beigetragen. Andererseits sind Perspektivfragen gelegentlich auch mit Macht- oder Dominanzaspekten verbunden, die erkennbar disziplinäre Hintergründe haben. So wurde in Deutschland in den 1990er Jahren, geradezu in umgekehrter Stoßrichtung, die Vormacht einer vermeintlich zu sehr sozialwissenschaftlich ausgerichteten TA gleich von zwei Seiten kritisiert: von den Ingenieurwissenschaften und aus der Philosophie.
Welche Aspekte des vorliegenden Berichts für die TA-Community generell von Interesse sind, ist dieser selbstverständlich in der Diskussion überlassen. Meine Hypothese wäre, dass dies weniger die Einforderung einer stärkeren Einbindung von sozial- und kulturwissenschaftlichen Perspektiven sein wird. Denn in diesen Bereichen hat sich seit SCOT (Social Construction of Technology) und der Technikgeneseforschung viel getan. Auch die kulturwissenschaftliche Forschung und die Cultural Studies werden in der TA rezipiert. Neu erscheint mir jedoch der Begriff der Sozialtechnologie im Kontext der TA. Bekanntlich ist dieser Begriff nicht unumstritten, und er mag bei manchen in der Community gar Befremden auslösen. Dies wäre jedoch kein schlechter Ausgangspunkt einer TA-Debatte mit neuem Akzent.
Der Bericht TA-SWISS erweitert seinen Blick. Sozial- und kulturwissenschaftlich ausgerichtete Technologiefolgen-Abschätzung. ist als Drucksache DT-36/2006 beim Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung, Bern, erschienen, (98 S., ISBN 3-908174-22-8) und steht im Internet als download unter
http://www.ta-swiss.ch/www-remain/projects_archive/methods/060316_DT_36_2006_SoKuTA_
Bericht_d.pdf zur Verfügung.
(Armin Grunwald, ITAS)
Im März wurde das Forschungsinstitut Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel, die InnoZ GmbH, gegründet, das die Folgen des demografischen und wirtschaftsstrukturellen Wandels in Deutschland für Verkehr und Mobilität untersuchen und neue Konzepte und Lösungen für eine mobile Gesellschaft entwickeln will. Das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), die Deutsche Bahn AG und T-Systems haben gemeinsam dieses Institut gegründet, dem als weiterer Gesellschafter demnächst das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) beitreten wird. In ihm werden Ökonomen, Soziologen, Geographen und Politologen gemeinsam Analysen und Bewertungen für die Gesellschafter und für Dritte erarbeiten, neue Produkte und Dienstleistungen entwickeln und deren Einführung wissenschaftlich begleiten. Das soll auf drei Arbeitsgebieten in den nächsten Jahren umgesetzt werden:
Das erste Projekt des InnoZ ist die Weiterentwicklung der elektronischen Fahrkarte für das Handy. Seit 2005 testen die Bahn, T-Systems und Unternehmen des öffentlichen Personennahverkehrs, wie Fahrgäste von Bus und Bahn ihre Tickets per Handy lösen. Dabei ruft der Fahrgast jeweils zum Start und Ende einer Fahrt eine kostenfreie Rufnummer an. Ein Ortungssystem bestimmt automatisch den jeweiligen Standort des Anrufers. Auf Basis dieser Informationen sowie Netz- und Fahrplandaten berechnet eine Software den Preis für die gefahrene Route. Der Fahrpreis wird dann automatisch vom Konto des Fahrgasts abgebucht. Das neue System soll die Kosten der Unternehmen im Vergleich zu herkömmlichen Papiertickets senken und neue Kunden ansprechen.
Seinen Sitz hat das Forschungsinstitut in der Martin-Luther-Straße 1-1 A, 10777 Berlin, Geschäftsführer ist Prof. Andreas Knie vom WZB (Tel. +49 (0) 30 / 254 91 - 206).
(Redaktion)
Das erste Sonderheft der Science, Technology & Innovation Studies (STI-Studies) steht seit Ende Juli im Netz. Das Sonderheft 1 mit dem Titel What Comes after Constructivism in Science and Technology Studies? veröffentlicht u. a. Beiträge von Wolfgang Krohn (Deliberative Constructivism), Martina Merz (The Topicality of the Difference Thesis: Revisiting Constructivism and the Laboratory") und Peter Wehling (The Situated Materiality of Scientific Practices"). Herausgegeben wurde das Heft von Martin Meister, Ingo Schulz-Schaeffer, Stefan Böschen, Jochen Gläser und Jörg Strübing. Die STI-Studies sind eine Open-Access-Zeitschrift. Die Artikel können unter http://www.sti-studies.de kostenlos abgerufen werden.
(Redaktion)
TATuP-Redaktion